Mittwoch, 02.07.2014 | 10:39 Uhr

Autor: Frank Berno Timm

Kein wirklicher Krimi, aber toll zu lesen

farnese72 Eine Nonne kommt in Rom einem Mann zur Hilfe, der blutend und schwer verletzt am Straßenrand liegt. Sie renigt sein Gesicht, sie spricht ihm Trostworte zu, dann bringt sie ihn um. Mit dieser äußerst blutigen Szene beginnt Barbara Wenz‘ „Farnese-Komplott“.
Schauplatz ist – grob gesagt – der Vatikan. Eine deutsche Journalistin will sich ihren Lebenstraum erfüllen und den neuen Job als Korrespondentin antreten. Sie findet die Wohnung des Vorgängers aufgebrochen vor und entgeht nur knapp einem Anschlag.
Es geht um viel: das Volto Santo, ein Schleiertuch, das das Gesicht von Jesus Christus zeigen soll. Terrorismus, korrupte Polizei, das Innenleben des Vatikans. Barbara Wenz entfaltet eine Erzählwelt, der man sich als Leser gern anvertraut. Ihre Bilder sind zugleich kräftig und fein gezeichnet, die Chraktere deutlich, die Story weithin einleuchtend – obwohl auch sie der Versuchung nicht entgeht, immer noch mehr hineinzupacken.
Das gilt auch für den Kniff, mehr als eine Erzählebene einzuführen: Barbara Wenz verfolgt die Geschichte des Schweißtuchs bis zu seinen Anfängen zurück; seinen Weg aus Jerusalem bis nach Rom. Hier stecken gleichsam weitere, historische Romane, das könnte Lust auf mehr machen.

Der eigentliche Krimiplot kulminiert in der Idee, dass ein weiteres Mitglied der Farnese-Familie sich als Gegenspieler des ermittelnden Monsignore – ein früherer, in Nahkampf ausgebildeter Elitesoldat, nun ja – entpuppt. Mit infamen, sehr hinterhältigen Methoden sollen Staat und Vatikan destabilisiert werden. Das klingt ein bisschen nach Weltverschwörung, schlicht nach Wahnsinn. Gewiss: Die Welt ist genau so schlecht, und seit den Eskapaden des Bunga-Bunga-Cavaliere ist man ohnehin geneigt, den demokratischen Verhältnissen bei unseren Nachbarn nicht allzu viel Substanz zu zu messen. Aber so? Mit einem Terrornetzwerk, das linke Anschläge vortäuscht, in Wirklichkeit aber ganz anders drauf ist?

Ein bisschen übertrieben kommt einem auch die Machart vor, mit der Barbara Wenz ihre Dialoge der zentralen Geschichte gestaltet:  Da liest man ein bisschen häufig „Per carità!“, „Essato!“ – italienisierende Farbtöne. Vielleicht findet sich der Lesende ja auch ohne diese sprachlichen Spielereien in Italien wieder?

Wer den Blog der Kollegin liest, kennt Barbara Wenz ohnehin als sehr sprachkräftige, zuweilen scharfe, manchmal poetische Schreiberin. Vor Jahren bestritt sie das Nachtbrevier mit einer früheren Fassung des Farnese-Komplotts, die blendend erzählt war. Das Buch ist eine andere, äußerst lesenswerte Geschichte geworden – vielleicht kein „klassischer“ Krimi, aber das macht nichts.

(Frank Berno Timm)

Barbara Wenz, Das Farnese-Komplott, Emons-Verlag, 9,90 €

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