Montag, 05.03.2012
Autor: Andreas Schröter
In Spanien zum Bestseller wurde 2009 ein Debütroman, der jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt: „Ende“ von David Monteagudo.
Der 1962 geborene Autor, der vor seinem Dasein als Schriftsteller lange in einer Papierfabrik gearbeitet hat, schickt neun Mittvierziger auf ein Wiedersehenswochenende in eine abgelegene Hütte in den Bergen. 25 Jahre waren sie in einer Jugendclique vereint. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass diese neun Menschen sich heute nicht mehr nur freundschaftlich zugetan sind. Mühsam zugeschüttete Konflikte brechen auf, jeder versucht, von sich sich selbst ein besseres Bild zu vermitteln als es der Wahrheit entspricht. Einer der Ausflügler engagiert sogar ein Prostituierte, die er als seine Freundin ausgibt, nur um zu vertuschen, dass er homosexuell ist.
Dann fällt mitten in der Nacht der Strom aus, kein Handy funktioniert, kein Auto springt an. Als auch noch einer der Freunde spurlos verschwindet, beschließt die Gruppe, sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Zivilisation zu machen. Doch wie bei den „zehn kleinen Negerlein“ verschwinden im Laufe des Romans immer mehr Freunde und nirgends findet sich eine Spur menschlichen Lebens. Streunende Hunde und noch größere Tiere, die aus einem Zirkus ausgebrochen sind, bedrohen die Gruppe. Die Zurückgebliebenen verfallen immer mehr in Panik, die gesamte Situation wird immer unwirklicher.
„Ende“ ist ein apokalyptischer Roman, der in seiner beängstigenden Grundthematik an Cormack McCarthys „Die Straße“ (2007) erinnert. Das Buch lebt von der Spannung. Protagonisten wie Leser haben keine Ahnung, warum die Menschen so plötzlich verschwunden sind, beziehungsweise im Fall der Gruppe nach und nach verschwinden. Ist es das Ende der Welt oder nur eine lokal begrenzte Anormalität? Etwas nervig dagegen wirken auf Dauer die permanenten Auseinandersetzungen untereinander. „Habt Ihr in dieser Situation nichts Besseres zu tun, als Euch über Belanglosigkeiten zu streiten?“, möchte man ihnen zurufen. Insgesamt dennoch ein interessantes, ungewöhnliches und empfehlenswertes Buch.
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David Monteagudo: Ende.
Rowohlt, Januar 2012.
353 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Samstag, 03.03.2012
Autor: Immo Sennewald
“Manche Leut’”, sagt der Schwabe, “schütteln über die Suppe so lange den Kopf, bis sie ein Haar drin finden.” Mit diesem Buch erging es mir seltsam: Ich hätte daran wahrlich nichts auszusetzen, denn die Autorin ist eine lebenskluge und überaus belesene Frau, die als Theologin und Germanistin sowohl mit kultureller Überlieferung wie mit Sprache umgehen kann, sie äußert sich so engagiert wie verständig zu ihrem Thema Leidenschaft, erzählt eigene Geschichten einschließlich der Irrtümer und Niederlagen unverschnörkelt, flicht Gespräche über gelingende Partnerschaften anderer als Belege dafür ein, dass Erotik, Spontaneität, Intuition, Phantasie, Risikobereitschaft zum Zusammenleben geradeso beitragen wie gegenseitiger Respekt, Solidarität, Verlässlichkeit.
Ihre Literaturliste ist umfänglich; ich hatte viel Freude, Hausgeistern wie Edward Albee, Boccaccio, Brecht, Anais Nin, Philip Roth, dem Marquis des Sade, Artur Schnitzler, Mario Vargas Llosa zu begegnen; zwischen den Zeilen blinzelten die Herren Shakespeare, Tschechow, Kleist mich an, als Zeugen waren renommierte Wissenschaftler aufgeführt. Mit gefiel vor allem, dass Frau Vieregge die wunderbaren Stimulanzien der Rollenspiele gebührend preist, überzeugend die Stickluft bigotter Rituale, das Elend geschäftsmäßiger Partnerwahl, des Totquatschens und Totregulierens in den Geschlechterbeziehungen perhorresziert (schönes Wort, gell, ich hab’s von E.T.A. Hoffmann, dessen Leidenschaft Peter Härtling wunderbar verewigt hat – nächstens mehr!) – ich kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus.
Je länger ich las, desto klarer wurde mir, dass meine eigenen Bibliotheken mir all die klugen Einsichten dieses Buches längst vermittelt hatten, was seinen Wert nicht schmälert. Guten Gewissens kann ich es allen empfehlen, die sich um eine erfüllte, dauerhafte Partnerschaft bemühen. Dass die “Liebe auf den ersten Blick” oder eine ähnlich tief gehende erotische Bindung dafür den Grund legt, klingt nach Binse, ist es aber nicht, wenn man um die Komplexität des Entstehens und Vergehens tiefer erotischer Bindungen weiß. Davon handelt Weltliteratur. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich genau deshalb die Lektüre beinahe aller von Frau Vieregge angeführten Autoren – ausgenommen Sachbuchautoren und angesagte Medienphilosophen – mehr empfehle als die dieses Kompendiums.
Damit bin ich wieder bei der Suppe: nicht dass sie mir wegen der beim zustimmenden Nicken ausgefallenen Haare nicht geschmeckt hätte. Auch nicht, weil sie – um im Bild zu bleiben – so etwas wie Eintopf ist. Eintöpfe können brillant sein. Das hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Zutaten der Koch verwendet, nicht von seiner Technik, nicht von Gewürzen. Es ist letztlich ein Geheimnis, dessen Lösung im Munde des Essers liegt. Ich fand diese Speise allzu sättigend. Ich mag aber Sachen, die Appetit auf mehr machen.
C. Juliane Vieregge “Die Perle in der Auster”, Pabst Science Publishers, Lengerich, Bremen, Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb, 272 Seiten, 25 €
Tags: Ehe, Erotik, frauen, Geschlechter, Leidenschaft, Liebe, Männer, Partnerschaft, Sex
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Samstag, 25.02.2012
Autor: bonaventura
Handelt es sich bei dieser mehr als 180 Seiten langen Ansammlung unzusammenhängender Fragen tatsächlich um einen Roman? Ist ein Roman nicht ein Werk der erzählenden Literatur? Wäre es nicht besser gewesen, die Übersetzung des Originaltitels »The Interrogative Mood. A Novel?« zu benutzen? Ist ein Konzept, das auf zehn, vielleicht auch auf zwanzig Seiten witzig ist, auf mehr als 180 Seiten nicht nur noch eine Frage der Ausdauer oder eine Manie? Warum mit 180 Seiten aufhören? Sind dem Autor die Fragen ausgegangen, oder hat ein Controller des Verlages das Buch auf die am Markt am besten zu platzierenden Länge zusammen gekürzt?
Glauben Autor, Übersetzer und Verlag tatsächlich, dass das witzig ist? Schätzen Sie den Humor von Harry Rowohlt? Glauben Sie nicht auch, dass sich seine Wortspielchen beliebig reproduzieren lassen und seine Gedankenströme eher seichter Natur sind? Ist seine Selbst-Identifikation mit Winnie-the-Pooh nicht vielleicht nur ironisch gemeint? Könnte es sein, dass gerade Sie deshalb dieses Buch schätzen würden, während ich es nach zwanzig Seiten gähnend langweilig fand? Braucht man tatsächlich irgend wofür ein »kindliches Gemüt«? Und besitzt man eines, wenn man es ständig vor sich her trägt? Sollte man als Leser seine wenige und wertvolle Lesezeit nicht besser auf etwas weniger Beliebiges verwenden?
Heißt der Autor des Buches Padgett Powell? Lautet sein deutscher Titel »Roman in Fragen«? Wurde es von Harry Rowohlt aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt? Ist es im Jahr 2012 in Berlin im Berlin Verlag erschienen? Handelt es sich um einen Pappband mit Lesebändchen und 191 Seiten? Kostet es 17,90 €?
Freitag, 24.02.2012
Autor: Andreas Schröter
In ihrem Debütroman „Ruhepol“ vermischt die 1981 geborene britische Autorin Amy Sackville verschiedene Themen miteinander: die Nordpol-Erfahrungen des fiktiven Forschers Edward Mackley zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Leben und Leid seiner zu Hause auf ihn wartenden Frau Emily und die Eheprobleme seiner Urgroßnichte Julia, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist. Sie lebt 100 Jahre später im selben Haus wie ihre Vorfahren und hat es sich zur Aufgabe gemacht, inmitten all der Hinterlassenschaften aus den verschiedenen Generationen eine Art Familienchronik zu erstellen.
Die Vermischung misslingt. Weil sich keine Verbindungen der unterschidlichen Themen erkennen lassen, zerfällt das Buch in mehrere Teile und hat keinen irgendwie greifbaren Kern. Bei weitem am interessantesten sind die Abschnitte, die von dem Polarforscher und seinen – letztlich vergeblichen – Schwierigkeiten erzählen, mit seinem Team den Nordpol zu erreichen. Wie schon zu Anfang klar wird, scheitert der Forscher an Kälte, Hunger und Packeis und stirbt im ewigen Eis, so dass seine Frau 60 Jahre lang vergeblich auf ihn wartet, bevor sein mumifizierter Leichnam gefunden wird.
Banal dagegen wirken die allzu durchschnittlichen Eheproblemchen von Julia und ihrem Mann Simon. Er ist ein spießiger Pedant und betrügt seine Frau, sie eine etwas versponnene Träumerin. Die beiden passen weder besonders gut zusammen, noch haben sie irgendwelche Eigenschaften, die sie dem Leser interessant machen könnten. Leider jedoch nehmen die Kapitel darüber den – gefühlt – größten Teil des Romans ein.
Stilistisch wandelt „Ruhepol“ auf einem schmalen Grad zwischen „poetisch“ und kitschig. Letztlich nur bedingt empfehlenswert.
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Amy Sackville: Ruhepol.
Luchterhand, Januar 2012.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Sonntag, 19.02.2012
Autor: Andreas Schröter
Aus Finnland kommt ein Roman mit einem langen Titel: „Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle“. Autor Arto Passilinna, geboren 1942, ist einer der populärsten Schriftsteller seiner Heimat. Viele seiner bislang 35 Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt, unter anderem „Das Jahr des Hasen“ (1993).
Warum Paasilinna auch als „Meister des skurrilen Humors“ bezeichnet wird, lässt sich auch anhand seines neuesten Werkes beantworten. So kommen die beiden Helden Lauri und Kalle immer wieder in höchst aberwitzige Situationen. Weil er aus einem Boot gefallen ist, muss Lauri zum Beispiel gleich zu Beginn des Romans längere Zeit mitten im Meer wie eine Boje halb im Wasser auf einem unterirdischen Felsen stehend auf seine Rettung warten – die beiden Freunde treffen einen vermeintlichen Schneemenschen, landen im chinesischen Knast, löschen einen Walbrand in Tibet und schließen Freundschaft mit dem Dalai Lama, um nur einiges zu nennen. Und das alles auf nur gut 200 Seiten.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Paasilinna reiht seine skurrilen Einfälle geradezu stakkatohaft aneinander, ohne sich groß für die stilistische Ausführung zu interessieren. Weil er auch auf die Charaktere der handelnden Figuren nicht weiter eingeht, ist das Ergebnis ein erschreckend oberflächlicher und gänzlich unspannender Text. Immer gelingt es den Freunden, sich anscheinend vollkommen mühelos aus allen Schwierigkeiten zu befreien. Beim Leser kommt da schnell Langeweile auf. Letztlich nicht empfehlenswert.
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Arto Paasilinna: Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle.
Bastei-Lübbe, Januar 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Montag, 13.02.2012
Autor: Andreas Schröter
Man fühlt sich an die albtraumhaften Welten eines Franz Kafka und Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) erinnert: In dem Roman „Die Untersuchung“ des französischen Schriftstellers Philippe Claudel, geboren 1962, erhält ein namenloser Ermittler in einer namenlosen Stadt den Auftrag, eine Selbstmordserie in einer namenlosen Firma zu untersuchen.
Doch von Anfang an wendet sich alles gegen ihn: Er verirrt sich im Schneeregen, brütet eine schwere Erkältung aus und wird von einer Hotel-Mitarbeiterin, der „Riesin“, drangsaliert. Das Zimmer erweist sich als nahezu unbewohnbar, im Frühstückssaal erhält er so gut wie nichts zu essen, er gerät an einen offenkundigen Psychopathen, der sich für „den Polizisten“ hält, und auch in der Firma selbst stößt er ausnahmslos auf Ablehnung und kommt keinen Schritt weiter.
Die Intention ist schnell klar: Das Buch ist eine Kritik – und auch darin gleicht es Kafka, Huxley oder auch Orwell – an einer immer unmenschlicher werdenen Gesellschaft, in der die rundum überwachten Menschen nicht mehr als Individuen, sondern allenfalls noch nach ihren Funktionen oder Nummern wahrgenommen werden – in der nicht mehr zu durchschauende molochartige Organisationen herrschen und aberwitzige Regeln ohne Sinn eingehalten werden müssen.
So nachvollziehbar und wichtig diese – allerdings nicht mehr ganz neue – Gesellschaftskritik auch ist: Wegen der durchgängigen Düsternis und Hoffnungslosigkeit bietet „Die Untersuchung“ keine ganz leichte Lektüre. Man muss ich etwas durchbeißen, zumal die Handlung mit fortschreitender Seitenzahl immer unwirklicher wird und in der Grundaussage keine neuen Aspekte hinzukommen. Positiv hervorzuheben ist Claudels gradliniger, klarer Schreibstil. Insgesamt jedoch bietet dieses Buch eher Lesefutter für den Kopf, weniger fürs Herz.
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Philippe Claudel: Die Untersuchung.
Kindler, Januar 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.
Freitag, 10.02.2012
Autor: hedoniker
Von Zeit zu Zeit stößt man auf einen Roman, der den Leser noch zu überraschen vermag. Überraschen durch ungewöhnliche Abhandlung der klassischen Themen der Literatur – Liebe, Rausch, Isolation, Selbstfindung.
Überrascht war auch Markus Hablizel, als er vor einigen Jahren zufällig auf Justin Courters Romandebüt „Skunk – A love story“ stieß. Und begeistert; derart begeistert, dass er kurzerhand einen eigenen Verlag gründete, um „Skunk“ in Deutschland zu veröffentlichen. Im letzten Herbst ist der Roman – bisher eher unbeachtet – in der sehr lebendigen Übersetzung von Stephan Glietsch erschienen.
„Skunk“ ist ein schwarzhumoriger, liebevoll misanthropischer, freakiger Suchtroman, ein Aufeinandertreffen durchgeknallter Charaktere, eine selbst gewählte Robinsonade.
Es gibt Vorlieben, die das Leben in der Gesellschaft schwer machen. Die Vorliebe für Stinktiersekret gehört zweifelsohne dazu, wenn man in einem Vorort an der Ostküste wohnt.
Das Alleinsein stört Damien Youngquist, Werbetexter in seinen Dreißigern, nicht, ist er doch sowieso ein Einzelgänger, dem Kollegen, neugierige Nachbarn und andere Nervensägen ein Graus sind. Er möchte seine Ruhe, den Kontakt zur Außenwelt auf das Nötigste beschränken und sich ganz seiner Familie widmen. Diese besteht aus Homer, Louisa und ihren Kindern, allesamt Skunks. Denn eines Tages hatte Damien beschlossen, sich einen eigenen Skunk anzuschaffen. Jahrelang hatte ihn der Skunkgeruch zaghaft umworben, es schien an der Zeit, seinem Verlangen nach dem Analdrüsensekret, dem – wie Damien es nennt – Moschus, nachzugeben. Er lernt, seine Stinktiere zu melken und die Flüssigkeit in Gläsern zu konservieren. Mit seinem Arbeitgeber vereinbart Damien, von zu Hause aus zu arbeiten, Homer und Louisa fühlen sich wohl bei ihm, das Leben könnte für einen Stinktierfetischisten kaum angenehmer sein. Dann lernt er noch Pearl kennen, Einzelgängerin wie er, Meeresbiologin mit einer Vorliebe für Fisch und dessen Geruch. Es entspannt sich eine zarte Liebe mit robustem Geschlechtsverkehr.
Dann gerät sein Leben aus den Fugen. Homer und Louisa werden getötet und Pearl verschwindet. Damien lässt sein altes Leben hinter sich und kauft sich eine Farm mit Blockhütte tief im Mittleren Westen. In der Abgeschiedenheit versucht er, mit ökologischem Landbau als Selbstversorger über die Runden zu kommen, ungestört von seinen Mitmenschen. Er hält sich eine erkleckliche Anzahl Stinktiere, und nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint es mal wieder, als würde Damien seinen Frieden finden. Dem ist natürlich nicht so. Lokale Hinterwäldler – eine derart präzise Zeichnung der Figur des Redneck war zuletzt in Joey Goebels „Heartland“ zu lesen -, Junkienachbarn, Tierschützer und die Staatsgewalt dringen ein, Pearl taucht schwanger wieder auf und Damien bekommt die Nebenwirkungen seiner Sucht zu spüren, er erblindet langsam.
Justin Courter hat mit Damien eine Figur entworfen, die sich den gängigen Charakteristiken entzieht. Mit mehr Sympathie für einen Protagonisten hat man das langsame Abgleiten in den Wahnsinn, den Kontrollverlust durch exzessiven Drogenkonsum – Skunkmoschus entpuppt sich als neue Superdroge – selten verfolgen können. Damien ist ein Getriebener, der unweigerlich dem Abgrund entgegensteuert. Als Gegenpol fungiert Pearl, Außenseiterin auch sie, im Gegensatz zu Damien aber mit beiden Beinen auf dem Boden stehend. Die beiden geben ein wundervolles Paar ab, auch wenn Damien ständig das Für und das Wider einer Beziehung gegeneinander abwägt. Der Leser fühlt sich an Gerald und Martha aus James Hamilton-Patersons „Kochen mit Fernet-Branca“ erinnert.
„Skunk“ steht in einer erzählerischen Tradition, in der sich Realismus und Absurdität auf gleicher Höhe begegnen. Wenn im Klappentext vom kauzigen Cousin John Irvings zu lesen ist, dann ist dies nicht zu hoch gegriffen. Wie Irving auch vermag es Courter, das Groteske einzuflechten, ohne die Imagination des Glaubhaften zu verlassen.
Bei allen Reminiszenzen findet „Skunk“ jedoch seinen ganz eigenen Weg, der es mehr als verständlich macht, dass dafür eigens ein Verlag gegründet wurde. Viele Leser sind ihm zu wünschen.
SKUNK
Justin Courter
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stephan Glietsch
Broschur
416 Seiten
18,90 Euro (D)
ISBN 978-3-941978-09-6
Erschienen bei Hablizel.
Tags: Justin Courter, Literatur, Roman, Skunk
2 KommentareSonntag, 05.02.2012
Autor: Andreas Schröter
Wer auf erotische Literatur steht, der sollte es einmal mit Nicholson Baker probieren. Im neuesten Roman des 1957 geborenen US-Amerikaners, „Haus der Löcher“, geht es ausschließlich um Sex – und das auf eine fantasievolle Weise. Da werden Menschen durch verschiedene Löcher, zum Beispiel durch einen Strohhalm, ein Loch auf dem Golfplatz, oder auch einen Waschsalon-Trockner in eine Art Lust-Paradies befördert, in dem sie ihre sexuellen Sehnsüchte ausleben können.
An diesem Ort namens „Haus der Löcher“, der von der großbusigen Lila geleitet wird, geht es surreal zu. So gibt es nicht nur Peniswaschanlagen oder einen Pornodekaeder, sondern auch die Möglichkeit, Körperteile mit anderen zu tauschen. Wer zum Beispiel nicht genug Geld für die Freuden des Etablissements hat, kann sich ersatzweise einer freiwilligen und vorübergehenden Kopfabtrennung unterziehen. Auch einen Arm kann man zeitweise abgeben.
So ungewöhnlich, fantasievoll und stellenweise durchaus erotisch das Ganze ist – nach knapp 320 Seiten wünscht man sich zur Abwechlung mal jemanden, der nicht gleich beim ersten Treffen die Hosen runterlässt. Das weitgehende Fehlen einer irgendwie gearteten Handlung wirkt sich letztlich störend aus. Es reicht eben nicht, – und das in einer stilistisch durchaus schlichten Art und Weise – eine erotische Begegenheit an die andere zu reihen, um ein gutes Buch zu verfassen.
Nicholson Baker selbst sieht sein Buch übrigens als „Comic-Sex-Roman“. Und tatsächlich: Vielleicht wäre „Haus der Löcher“ als Comic denkbar, als Roman jedoch funktioniert es nur bedingt.
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Nicholson Baker: Haus der Löcher.
Rowohlt, Januar 2012.
320 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Mittwoch, 01.02.2012
Autor: Andreas Schröter
Immer zum Jahreswechsel erscheint die deutsche Übersetzung des neuesten Thrillers um Special-Agent Aloysius Pendergast vom amerikanischen Autorenduo Douglas Preston und Lincoln Child. „Revenge – eiskalte Rache“ heißt die aktuelle Ausgabe.
Dabei handelt es sich um den nach „Fever“ zweiten Band einer Trilogie, die sich mit den dunklen Familiengeheimnissen des exzentrischen und stinkreichen FBI-Agenten befasst. Alles beginnt mit einem Jagdausflug im schottischen Hochmoor. Dort richtet Pendergasts Schwager Judson Esterhazy das Gewehr plötzlich nicht mehr gegen das Rotwild, sondern gegen Pendergast selbst. Als der FBI-Mann angeschossen und anscheinend unrettbar im Moor versinkt, vertraut Esterhazy ihm an, dass Pendergasts vor zwölf Jahren ermordete Frau Helen gar nicht tot ist …
Es lässt sich denken, dass der Agent überlebt und fortan alles daran setzt, Näheres über seine geliebte Frau herauszufinden. Was folgt, sind über 400 Seiten Action mit einem sadistischen Killer und dem bereits erwähnten bösen Schwager auf der einen und Pendergasts Freunden auf der anderen Seite. Dazu gehören die den Fans der Reihe schon bekannten Vincent d’Agosta, ein Polizist, das Gothic-Girl Corrie Swanson und Pendergasts „Mündel“ Constance – sie behauptet, obwohl von jugendlichem Erscheinungsbild, bereits 140 Jahre alt zu sein. Auch einen Ausflug in übersinnliche Gefilde erlaubt sich das Autorenduo regelmäßig. Diesmal nimmt Pendergast Kontakt zu dem Geist seines toten Bruders auf. Welche Funktion ein Nebenhandlungsstrang um einen wie wild recherchierenden Lokalreporter hat – außer den, das Buch auf eine angemessene Seitenzahl zu bringen – erschließt sich nicht.
Fans des Genres und der nicht immer sympathischen, weil allzu perfekten, kühlen und unnahbaren Hauptfigur werden mit „Revenge“ gut leben können. Da gibt es deutlich schlechtere Thriller und auch schlechtere Pendergast-Romane. Man muss allerdings gewillt sein, sowohl die verrücktesten Zufälle als auch die wildesten Handlungs-Kapriolen zu akzeptieren. Für Pendergast-Einsteiger jedoch ist dieser Band wegen seines Fortsetzungs-Charakters nicht geeignet.
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Douglas Preston/Lincoln Child: Revenge – Eiskalte Täuschung.
Droemer, Dezember 2011.
480 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Montag, 30.01.2012
Autor: Oliver Gassner
Teil 1:
Teil 2:
Samstag, 28.01.2012
Autor: Andreas Schröter
„About Schmidt“ heißt ein wunderschöner Film mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Er basiert auf dem Roman „Schmidt“ (1997) von Louis Begley. Mittlerweile liegt bereits der dritte Schmidt-Roman aus der Feder des 1933 geborenen US-Amerikaners vor. „Schmidts Einsicht“ heißt er. Zu Beginn und am Ende ist Hauptfigur Albert Schmidt 78 Jahre alt. Der verwitwete und pensionierte Rechtsanwalt versucht, die geliebte Alice davon zu überzeugen, mit ihm den Rest des Lebens zu verbringen. Der Großteil des 414-Seiten-Buches handelt jedoch von den 13 Jahren zuvor. Und die haben es in sich. Schmidtie, wie ihn seine Freunde nennen, muss sich mit der habgierigen Familie des Mannes seiner Tochter herumschlagen, er weiß nicht, ob das Baby seiner ehemaligen Geliebten Carrie von ihm ist, und er taumelt durch verschiedene nicht immer erfolgreiche Liebes- und Sexaffären – auch und vor allem mit der erwähnten Alice.
Gerade die Fehlbarkeit, die Fettnäpfchen und die Missgeschicke, die ihm – oft auch völlig schuldlos – widerfahren, sind es, die diesen Helden so sympathisch machen. Obwohl mit Reichtum, Gesundheit und einer Reihe von guten Freunden gesegnet, ist Schmidt nur selten rundum zufrieden. Er ist ständig auf der Suche nach Liebe und kämpft gegen die Einsamkeit. Und gerade das macht sein Tun und Lassen für den Leser so nachvollziehbar. Man kann sich so leicht mit ihm identifizieren.
Und doch weist „Schmidts Einsicht“ auch Längen auf. Einen Tick zu oft treffen sich die handelnden Figuren zu irgendeinem Mittag- oder Abendessen (es wird auffallend viel gegessen und getrunken in diesem Buch) und reden (zu) viel. Weil die drei Schmidt-Romane sehr aufeinander aufbauen, empfiehlt es sich für Schmidt-Einsteiger, die Bücher „Schmidt“, „Schmidts Bewährung“ und „Schmidts Einsicht“ in dieser Reihenfolge zu lesen. Das Vorhandensein des wunderschönen Films hat übrigens auch Nachteile. Man stellt sich Albert Schmidt beim Lesen unweigerlich mit Nicholsons markantem Gesicht vor.
Louis Begley, der erst im Alter von 56 Jahren seinen ersten Roman veröffentlicht hat, hat – wie sein Held – jahrzehntelang als Anwalt in New York gearbeitet.
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Louis Begley: Schmidts Einsicht.
Suhrkamp, November 2011.
414 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.
Mittwoch, 25.01.2012
Autor: Andreas Schröter
Kann man seinen eigenen Erinnerungen trauen oder biegt man sich die Wahrheit im Nachhinein nach seinem Gusto zurecht? Mit dieser Frage befasst sich der englische Autor Julian Barnes in seinem Buch „Vom Ende einer Geschichte“. 2011 erhielt er dafür den renommierten Booker-Prize.
Der Ich-Erzähler Tony Webster verlebt eine langweilige bis durchschnittliche Jugend in den 60er Jahren. Er trifft sich mit seinen Freunden Alex und Colin. Die drei reden über Sex und haben wenig Lust auf die Schule. Bald kommt Adrian neu hinzu. Er ist gebildet und eloquent, so dass Tony permanent das Gefühl hat, ihm unterlegen zu sein. Auch mit Tonys erster Liebe Veronica läuft nicht alles rund: Sie ist launisch, der körperlichen Liebe wenig zugetan und behandelt ihn von oben herab. Als besonders schlimm und demütigend hat er später einige Tage im Hause von Veronicas Eltern in Erinnerung.
Doch dann – Tony ist längst im Rentenalter -,fällt ihm etwas in die Hände, das seine in Jahrzehnten verfestigten Meinungen zu den Protagonisten seiner Jugend radikal auf den Kopf stellt, so dass er weitere Nachforschungen anstellt. Sie fördern Überraschendes zutage.
Julian Barnes, geboren 1946, lässt seiner Hauptfigur viel Raum für Reflexionen und andere philosophische Betrachtungen, so dass nicht eine irgendwie geartete Handlung im Zentrum dieses Romans steht, sondern das Innenleben dieser Figur. Das wirkt zuweilen eine Spur zu langatmig und bremst etwas den Drive des Romans. Anderes dagegen, wie Tonys Beziehung zu Veronica, die viel Potenzial geboten hätte, wirkt an einigen Stellen unfertig – fast wie der nur hinskizzierte Entwurf für eine viel längere Geschichte. Auch bleiben am Ende der Lektüre (zu) viele Fragen offen. Insgesamt aber dennoch vor allem wegen der beinahe philosophischen Grundfragestellung ein interessantes Buch.
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Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte.
Kiepenheuer & Witsch, Dezember 2011.
182 Seiten, gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Dienstag, 24.01.2012
Autor: Anja Rauch
Der junge Richard Henry Dana kann seine Studien der Rechtswissenschaften in Harvard aufgrund seiner Erkrankung nicht fortsetzen. In der Hoffnung, seine körperliche Konstitution zu stärken, schifft er als junger Matrose ein auf dem kleinen Handelsschiff Pilgrim, die ihn von Boston und Kap Horn nach Kalifornien bringen wird.
Unter der gesamten Reise von 1834 bis 1836 führt er Tagebuch, was er 1840 als Buch heraus gibt. Zum ersten Mal wird das Leben auf See (und das in Kalifornien an Land) authentisch aus der Sicht des gemeinen Matrosen beschrieben, und nicht nur aus den Logbüchern der Kapitäne. Damals war dieses Buch von unendlichem Wert für Menschen, die mit dem Gedanken spielten nach Kalifornien zu ziehen. Sie erfuhren bereits viel über das Land und seine Leute durch Danas Buch. Erst 1840 zogen die Menschen in Scharen und in der Hoffnung Gold bzw. anderweitig Glück und ein neues Leben zu finden, nach Kalifornien, Danas Reisebeschreibung kam also zum rechten Zeitpunkt und wurde, wie er später beschrieb, auch in Kalifornien von allen des Lesens kundigen Einwohnern verschlungen.
1836 war Kalifornien noch in der Hand der mexikanisch-spanischen Bevölkerung, und es gab so gut wie keinen anglo-amerikanischen Einfluß. Außer riesigen Viehherden, mit deren Häuten die Eigentümer von Danas Schiffen handelten, gab es kein richtiges Einkommen in der Region. Dana erkennt sofort, dass sowohl Klima als auch Fruchtbarkeit des Landes ideal für den Anbau von Wein wären. Die spanischsprechende Bevölkerung hätte allerdings weder Wissen noch Ambitionen, Weinanbau zu betreiben, wie er meint.
Im Kalifornien dieser Zeit ist beispielsweise Zaumzeug und Sattel mehr Wert als das eigentliche Pferd – es gibt einfach genug dieser Tiere, die irgendwie auch allen gehören zu scheinen. Das Pueblo de Los Angeles ist ein recht kleiner, nicht sehr attraktiver Ort, wenn auch bereits damals wichtig für den Handel, genauso wie San Francisco.
Dana umrundet Kap Horn zwei Mal unter schweren Bedingungen, und wiederholt dies 1859 noch einmal. Dann jedoch als etablierter Rechtsanwalt und Passagier eines modernen Dampfschiffes. Für ihn ist es faszinierend zu sehen, wie sich das Kalifornien von damals in so kurzer Zeit verändert hat. Das Pueblo de los Angeles ist nun die größte Stadt, und Alcatraz in der Einfahrt zu San Francisco ist nicht mehr die kleine Insel, auf der Feuerholz geschlagen wurde, und auf der es von Klapperschlangen wimmelte, sondern lediglich ein kahler Felsen dem eine Festung eine neue Bedeutung gibt.
Der Handel mit Tierhäuten hat nahezu komplett an Bedeutung verloren. Nun sind es tatsächlich Weinanbau, die Jagd auf Gold sowie große Farmen, die die größte wirtschaftliche Rolle spielen. Dana trifft in Kalifornien auf alte Weggefährten, die ihm durch ihre eigenen Erzählungen helfen, den Wandel in so kurzer Zeit zu begreifen.
Genauso spannend, wie es damals für Dana war, diesen Wandel zu erleben, genauso spannend ist es bis auf den heutigen Tag, seine Erfahrungen nachzulesen. Die Inseln von Hawaii waren damals noch die „Sandwich-Islands“ deren Bewohner sich selber die „Kanaka“ nannten. Ein Begriff aus dem wohl unser heutiges Schimpfwort resultiert. Die Bewohner der Sandwich-Inseln waren bereits damals sehr gute Seefahrer und oft Bestandteil der Besatzungen von in Kalifornien tätigen Handelsschiffen. Zumindest temporär, denn das Klima in der Nähe von Kap Horn, so beschreibt es Dana, sei zu hart für die ansonsten tüchtigen Seeleute. Aus diesem Grund blieben die meisten von ihnen im Pazifik, statt beispielsweise den Bostoner Crews an den Atlantik zu folgen.
Wenn man nun Danas Beschreibung mit dem Kalifornien wie wir es heute kennen vergleicht, dann ist dies schon ein extremer und auch ein extrem faszinierender Wandel. Der Bau des Panama Kanals wurde übrigens erst zwei Jahre vor Danas Tod (1880) begonnen und 1914 fertig gestellt. In den Genuss kam er also leider nicht mehr für eine dritte Reise.
„Two Years before the Mast“ ist in mehreren Ausgaben sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch verfügbar. Auf Englisch als Reprint bei Amazon oder als Ebook bei Forgottenbooks.org. Eine deutsche Ausgabe kann man antiquarisch über das ZVAB beziehen. Ich selber habe übrigens die englische Ausgabe als Reprint gelesen. Nicht so schwer zu verstehen, außer ein paar alt-amerikanischen Ausdrücken.
Faszinierend, dass auch so alte Bücher immer noch die gleiche Faszination ausüben wie zur Zeit ihrer Erstausgabe! Dieses sei deshalb wärmstens empfohlen.
Tags: Forgottenbooks, Kalifornien, Pueblo de Los Angeles, Richard Henry Dana, San Diego, San Francisco, Two Years before the Mast, ZVAB, Zwei Jahre orm Mast
Kommentare deaktiviert für Vergessene Bücher – „Zwei Jahre vorm Mast“Donnerstag, 19.01.2012
Autor: JosefBordat
Andrea Durry und Thomas Schiffer zeigen die facettenreiche Kulturgeschichte des Kakaos
Es gibt sie in fester und flüssiger Form. In den Supermärkten füllen sie ganze Regale. Es gibt kaum jemanden, der sie nicht mag. Die Rede ist von Kakaoprodukten. Der Schokoriegel für zwischendurch, die Pralinenschachtel als Verlegenheitsgeschenk, heißer Kakao zur Sachertorte: Unser Umgang mit ihnen ist selbstverständlich, dass wir ihn haben jedoch keineswegs. Darüber klären die Soziologin und Ethnologin Andrea Durry und der Historiker Thomas Schiffer auf, beide eng verbunden mit dem Schokoladenmuseum Köln. Ihr Buch „Kakao. Speise der Götter“ erscheint in der Reihe „Stoffgeschichten“, die sie der historischen und kulturellen Dimension von Alltagsdingen verschrieben hat. Und wie schon geschrieben: Kakaoprodukte gehören heute zum Alltag der Menschen in Europa.
Geschichte des Kakaos
Das war nicht immer so: Noch viele Jahre nach der Kolonialisierung Afrikas und Amerikas war Schokolade ein Luxusgut, das der höheren Gesellschaft vorbehalten blieb, ein exklusives Getränk des Adels, zugleich eine Szene-Speise der Intellektuellen, die sich in „Schokoladenstuben“ dem Genuss aus der Ferne hingaben, als Ausdruck einer fröhlich-dekadenten Lebensart. Viele Künstler und Schriftsteller gelten als Schokoladenliebhaber, allen voran Goethe und Schiller. Die Schokolade wurde zu ihrer Zeit traditionell hergestellt, ehe im 20. Jahrhundert die Industrieproduktion von Kakaoprodukten und ihre Vermarktung breite Käuferschichten erschloss.
Die industrialisierte Förderung und Verarbeitung der Kakaobohne hat aber auch Schattenseiten: Die Produzenten werden seit Jahrzehnten durch eben jenen Kakao gezogen, den sie auf den Weltmarkt bringen, die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind hart, oft sind es Kinder, die für die „zarten Versuchungen“ ihrer Altersgenossen in unserer Hemisphäre schuften müssen. Doch das Problembewusstsein des Konsumenten steigt, Fair Trade-Organisationen gewinnen an Boden und können Marktanteile hinzugewinnen – langsam, aber sicher.
Viel Wissenswertes
Das Buch bietet allerhand Wissenswertes über den Ursprung des Kakaoanbaus in Mittelamerika, über den Werdegang des Kakaos vom Sakralgegenstand und Herrschaftssignum in den präkolumbianischen Kulturen zum Agrarprodukt für den interkontinentalen Handel, der mit der Kolonialisierung einsetzt, und über die Schokoladenherstellung, die das Luxusgut zur Massenware machte. Es verweist auf den langen, beschwerlichen Weg der Edel-Bohne von den ehemaligen Kolonien in Amerika und Westafrika (zwei Drittel des weltweit konsumierten Kakaos stammt von dort) in die Regionen, in denen die Kakaoprodukte hauptsächlich getrunken und gegessen werden: Nordamerika und Europa.
Die Autoren bemühen sich bei aller Emotionalität, die mit dem „süßen Trunk der Götter“ verbunden ist, um Klarheit und Sachlichkeit (ein praktischer Anhang mit Übersichten und Karten erleichtert den Zugang zum Thema), sie nennen die Fakten und verschweigen dabei die Schattenseiten nicht. So vereinen sie unterhaltsam und kenntnisreich Pflanzenkunde, Ökonomiegeschichte und aktuelle sozio-kulturelle Belange des Kakaos zu einer umfangreichen Darstellung, die den Schokoladenliebhaber in die unterschiedlichsten Aspekte seiner Leidenschaft einführt. Und das beste daran: Lesen ist kalorienfrei.
Bibliographische Daten:
Andrea Durry und Thomas Schiffer: Kakao. Speise der Götter
Oekom Verlag, München 2012.
349 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783865811370
Josef Bordat
Mittwoch, 18.01.2012
Autor: Immo Sennewald
Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:
“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.
Tags: alte Baumwollspinnerei Leipzig, Diskussion, Event, Galerie, Kontroverse, Lesung, Literatur, Philosophie, Streitgespräch
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Autor: Andreas Schröter
Irène Némirovsky, eine russischstämmige Jüdin, die 1942 in Auschwitz ums Leben kam, wurde 2004 wiederentdeckt. Damals gaben ihre Töchter den fragmentarischen Roman „Suite française“ frei, der prompt zum Welterfolg wurde. In Deutschland kümmert sich der Knaus-Verlag seither liebevoll um die Werke der 1903 geborenen Autorin, die vor ihrer Verschleppung durch die Nazis in Paris lebte.
Neueste Veröffentlichung in dieser Reihe ist ein Band namens „Meistererzählungen“, in dem neun längere Geschichten Irène Némirovskys versammelt sind. Sie alle spielen in den unsicheren Zeiten zwischen und während der beiden großen Weltkriege. Der Hunger, der Tod und die Kälte sind allgegenwärtig, oft verlieren die Menschen ihr Hab und Gut. Hauptfiguren sind nicht selten Soldaten, aber auch hochgestellte Persönlichkeiten, die nicht glauben können, wie schnell sie dem Abgrund entgegentreiben. Das Buch eröffnet mit der Erzählung „Rausch“, die schon zu Lebzeiten der Autorin von den Kritikern hochgelobt wurde. Im finnischen Bürgerkrieg 1918 verstecken sich die Offiziere der einen Partei monatelang bei ihren Angehörigen, nur um dann in einer einzigen rauschhaften und weinseligen Nacht alle Vorsicht zu vergessen und sich noch einmal ins Leben – und nur wenige Stunden später – in den sicheren Tod zu stürzen.
Ein anderes großes Thema der Autorin sind heimliche Liebesaffären und ungestillte Sehnsüchte von nach außen hin in sich ruhenden Menschen. In der Geschichte „Sonntag“ beispielsweise ist es eine Frau, die genau weiß, dass ihr Gatte sie betrügt. Sie redet sich ein, mit der Ruhe und dem beschaulichen Leben, dass sie führt vollauf zufieden zu sein. Doch zwischen den Zeilen schimmert durch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. In der starken Geschichte „Ein ehrbarer Mann“ zeigt die Autorin, wie aus einem gutmütigen Mann im Laufe seines Lebens durch Sturheit ein verbitterter und hasserfüllter Greis wird. Insgesamt sind die nie langweiligen und immer von starken Gefühlen durchzogenen Geschichten Irène Némirovskys auch – im Schnitt – 80 Jahre nach ihrer Entstehung höchst lesenswert.
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Irène Némirovsky: Meistererzählungen.
Knaus-Verlag, November 2011.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
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