Mittwoch, 11.01.2012
Autor: Oliver Gassner
Schon erstaunlich, was nachts in einer Buchhandlung so abgeht.
Freitag, 06.01.2012
Autor: Andreas Schröter
Als hätten sich zwei der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart, Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, abgesprochen: In ihren jeweils jüngsten Werken „Freiheit“ (von Franzen) und „Die Liebeshandlung“ (von Eugenides) geht es um eine Dreiecksbeziehung, die im studentischen Milieu ihren Anfang nimmt.
Mit dem Titel seines Buches kokettiert Jeffrey Eugenides, geboren 1960, mit der langen Tradition seines Stoffes: Madeleine befasst sich in ihrem Studium mit der „Liebeshandlung im viktorianischen Roman des 19. Jahrhundert“. Und natürlich hat auch diese Geschichte selbst eine Handlung, die denen der Werke von zum Beispiel Jane Austen sehr ähnlich ist: Der etwas biedere Michtell liebt Madeleine, die ihrerseits aber den draufgängerischen Leonhard begehrt. Was folgt, sind 600 Seiten Irrungen und Wirrungen, bis sich endlich das Paar findet, das eigentlich schon die ganze Zeit füreinander bestimmt schien. Das kann man altmodisch finden – andererseits ist es ein universal und zeitlos gültiger Stoff. Warum also sollte ein Autor von heute eine alte Jane-Austen-Handlung nicht in die Gegenwart übersetzen? Die Gesetzte vom Lieben und nicht geliebt werden sind ja nicht mit dem Ende des 19. Jahrhunderts automatisch außer Kraft gesetzt worden.
Und Eugenides versteht sein Handwerk – das wissen seine Fans spätestens seit seinem Welterfolg „Middlesex“ (2003). Man folgt den drei so unterschiedlichen Hauptfiguren gerne, ihr Handeln ist psychologisch stimmig, so dass auch auf 621 Seiten keine Langeweile aufkommt. Interessante Nebendiskurse befassen sich mit den großen Religionen, der Philosophie, natürlich der Literaturwissenschaft, der Sinnsuche bei einer Indienreise, der Genforschung oder dem Krankheitsbild der manischen Depression, wirken aber nie so dominant, dass sie die eigentliche (Liebes-)Handlung in den Schatten stellen. Insgesamt ein würdiger Nachfolger für „Middlesex“.
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Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung.
Rowohlt, Oktober 2011.
621 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.
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Mittwoch, 04.01.2012
Autor: Immo Sennewald
Schon bei flüchtiger Durchsicht dieses Buches zieht man vor dem Autor respektvoll den Hut: Thomas Schaufuß, geboren 1949 in Leipzig, hat eine eindrucksvolle Arbeitsbiographie Ost, und er hat sich mit fast vierzig nach seiner Ausreise aus der DDR nicht nur als Unternehmer behauptet, er hat auch geforscht, studiert, gesammelt, sich Wissen für seinen zeitgeschichtlich bedeutenden Text angeschafft. Der Titel klingt nach Kunstleder: “Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR – Sozialtourismus im SED-Staat”, von 470 Seiten bestehen gut die Hälfte aus anhängenden Dokumenten und der Bibliographie, aber nicht nur Fachleute kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten: Geschichte und Geschichten des gewerkschaftlich organisierten Urlauberwesens ergeben ein vollständiges und facettenreiches Bild, es wird durch zahlreiche historische Illustrationen noch anschaulicher.
Die Archivalien der DDR–Gewerkschaft – Berge von Papier – stellten den Autor vor Probleme: sie sind zwar seit 1990 zugänglich, aber unsystematisch abgelegt, kaum erschlossen, und Statistiken aus dem SED-Staat sind mit Vorsicht zu genießen: Schlamperei und Schönfärberei gehörten zum Geschäft. Es gelingt ihm trotzdem, den Weg von den Anfängen der Erholungsheime für Arbeiter, vom offiziellen Vorbild in der Sowjetunion über das “heimliche Vorbild” KdF – “Kraft durch Freude” – den organisierten Arbeitnehmertourismus im Dritten Reich – bis zu den wachsenden Dienstleistungen des FDGB in den 80er Jahren nachzuzeichnen.
Schaufuß beleuchtet die Finanzierung, die politisch-ideologische Ausrichtung, das Kulturangebot, das Verteilungssystem mit seinen Kungeleien und Ungerechtigkeiten, Privilegien von SED- und Stasi-Kadern, er beschreibt Kreuzfahrten mit der “Völkerfreundschaft”, mit dem vom ZDF 1985 erworbenen vormaligen “Traumschiff” “Arkona”, er belegt, wie diese Schiffe das System strapazierten. Er berichtet über die Überwachung von Touristen aus dem Ausland in FDGB-Heimen und – pars pro toto – über die letzten zehn Jahre im relativ neuen und gut ausgestatteten FDGB-Heim “Fichtelberg”. Dort, im Erzgebirge, war Schaufuß jahrelang gastronomischer Direktor. Er erlebte, wie die Ansprüche der Gäste an die Qualität von Übernachtungen und Verpflegung wuchsen, die Mangelwirtschaft der DDR dem politisch motivierten Versorgungsauftrag aus dem Politbüro aber immer weniger gerecht wurde. Er kennt Freuden und Leiden des DDR-Urlaubers aus nächster Anschauung, er hat den Spitzelapparat erlebt und schließlich das Scheitern der “Fürsorgediktatur”. Thomas Schaufuß kennt sich aus mit ihren inneren Widersprüchen, mit der relativen Stabilität, den Verklärungsversuchen, den hartnäckig fortexistierenden Seilschaften.
Soll ich anmerken, dass die Sprache des Autors bisweilen seine Jahre in der DDR-Wirtschaft durchscheinen lässt, die Mitarbeit in Facharbeitsgruppen der FDGB-Führung etwa, weil sie hölzern daherkommt, als “Normsprech”, mir selbst noch in unangenehmer Erinnerung? Dies mindert die Qualität des Buches schon deshalb nicht, weil der Autor Qualität durch Genauigkeit erreicht, sich jeglicher Eitelkeit ebenso enthält wie der Versuchung persönlicher Abrechnungen – und genau deshalb sehen ganze Verlagsjahrgänge ostalgischer Verklärungsliteratur neben diesem Buch einfach wie Altpapier aus .
Thomas Schaufuß Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR.Sozialtourismus im SED-Staat. Mit Geleitworten von Vera Lengsfeld / Klaus Schroeder.Tab., Abb.; XXIV, 469 S., Verlag Duncker & Humblot, Berlin 38,80 € oder als E-Book lesbar bei paperc.de
Tags: FDGB, Feriendienst, Ferienheim, Interhotel, KdF, Kreuzfahrt, Ostsee, Sozialismus, Stasi, Tourismus, Traumschiff, Urlaub, Urlauber
Kommentare deaktiviert für Wellness auf RationenSamstag, 31.12.2011
Autor: Andreas Schröter
Die Booker-Preisträgerin von 2007, Anne Enright („Familientreffen“), thematisiert in ihrem neuen Roman „Anatomie einer Affäre“ einen Seitensprung aus Sicht einer Frau, die eine Beziehung mit einem verheirateten Mann beginnt und führt. Das Ehepaar hat eine Tochter, die an Epilepsie leidet.
Weil die 1962 geborene irische Autorin kein Blatt vor den Mund nimmt und die unterschiedlichen Gefühle ihrer Ich-Erzählerin Gina sehr genau beschreibt, wird das, was in dieser Inhaltsangebe womöglich etwas seicht und abgedroschen klingt, zu einem gelungenen Psychogramm. Positiv hervorzuheben ist, dass dieses Werk nicht – wie ein Kitsch-Roman zu einem ähnlichen Thema – damit endet, dass sich die Verliebten in die Arme sinken. Die Veränderung der Beziehung, wenn der erste Liebesrausch vorbei ist, kommt genauso vor wie die Schwierigkeiten Ginas, der pubertierenden Tochter des Geliebten näher zu kommen. Unausgesprochene Fragen wie „Darf man seine Verliebtheit über das Seelenheil eines kranken Kindes stellen?“ oder „Ist es für das Kind vielleicht sogar besser, wenn die Eltern ihre verkorkste Ehe beenden?“, klingen zwischen den Zeilen mit an.
Anne Enright verpackt dieses hochemotionale und komplexe Thema in eine leichte, lockere, humorvolle und oft überraschende Sprache, die dem Leser immer wieder ein Lächeln entlockt. Insgesamt ein sehr gelungener Roman.
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Anne Enright: Anatomie einer Affäre.
DVA, November 2011.
309 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Samstag, 24.12.2011
Autor: Odile
Leichte Unterhaltung bietet Gerd Ruebenstrunks Roman „Arthur und die Vergessenen Bücher“. In einer spannenden, phantastischen Bücher-Story verbindet der Autor die alte Buchwelt, zu der im vorliegenden Fall sehr gefährliche Bücher gehören, mit der neuen, der Internet- und Handy-Welt. Eine zeitgemäße Variante des Typus Büchergeschichte, die in einem deutschen Antiquariat beginnt und die jugendlichen Helden Arthur und Larissa in einer geheimen Mission nach Amsterdam und nach Bologna bringt. Überall treffen die Beiden sowohl auf Unterstützer als auch auf gefährliche Gegner. Ganz nebenbei finden sich alternative Rollenvorbilder, auch wenn die Protagonisten ein wenig holzschnittartig sind, sowie jede Menge Wissen, das per Google und Wikipedia gefunden wird. Das Buch ist keineswegs so dicht wie etwa die „Tintenwelt-Trilogie“, aber dennoch packend, abwechslungsreich und: eben in der heutigen Zeit zu Hause. An diesem Buch können LeserInnen jeden Alters Vergnügen finden, auch wenn – oder vielleicht weil? – es sprachlich eher einfach gehalten ist.
Sprachlich phantastisch hingegen ist Salman Rushdies „Luka und das Lebensfeuer“, eine späte Fortsetzung von „Harun und das Meer der Geschichten“, in dem Luka das Leben seines Vaters, des legendären Geschichtenerzählers Raschid Khalifa, retten will und muss. Wie bei Haruns Abenteuern (es lohnt sich natürlich, auch dieses phantastische Werk noch einmal zu lesen!) verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Kinder und Erwachsene werden das Buch auf sehr verschiedenen Ebenen, aber gleichermaßen begeistert lesen.
Salman Rushdie selbst schreibt, dass dieses Buch viele Themen erforsche, über die er sein Leben lang nachgedacht habe: Leben und Tod, Wirklichkeit und Imagination, die Götzen, die der Mensch sich selbst geschaffen habe. Erwachsene werden ihre Freude daran haben, Kinder lassen sich bestimmt von der Abenteuergeschichte gefangen nehmen. Auch in Salman Rushdies phantastische Welt hat die moderne Zeit Einzug gehalten: Luka muss sich gemeinsam mit Hund dem Bär und Bär dem Hund durch neun Levels kämpfen, eines gefährlicher als das andere, um seinem Vater das Lebensfeuer zu bringen. Nur dies vermag den langsam in den Tod hinüber gleitenden Vater zu retten.
Lukas Abenteuer verzaubern vielleicht nicht ganz so wie diejenigen von Harun und wie das wunderbare Meer der Geschichten. Dennoch ist „Luka und das Lebensfeuer“ ein Buch zum Lesen und Wiederlesen, zum Nachdenken und zum Genießen. Und wie erwähnt: sprachlich ein reines Vergnügen, bis auf die gereimten Passagen, die vermutlich nicht einfach zu übersetzen waren (Übersetzung von Bernhard Robben). Folglich empfiehlt sich wohl zum Wiederlesen (oder auch zum ersten Lesen) das englische Original: „Luka and the Fire of Life“.
Jede Menge Lesestoff also für Weihnachten und die Tage „zwischen den Jahren“, wie man so schön sagt ….
Ruebenstrunk, Gerd (2009). Arthur und die Vergessenen Bücher. München: arsEdition.
Rushdie, Salman (2011). Luka und das Lebensfeuer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Tags: Belletristik: Phantastik, Kinder- und Jugendbuch
Kommentare deaktiviert für Last Minute Lektüre-Geschenk-Tipps für Weihnachten IIFreitag, 23.12.2011
Autor: Odile
Für Harry Potter Fans könnten Rowlings „The Tales of Beedle the Bard“ das richtige Geschenk sein, die angeblich von Dumbledore kommentiert und zum Glück nicht in Runen geschrieben sind. Die Anmerkungen Dumbledores sind durchaus brillant und amüsant, aber etwas dünn gesät. Hier wäre noch mehr zu erwarten gewesen. Dennoch macht es Spaß, als „Muggle“ diese Geschichten zu lesen, die jedes Kind der Zauberwelt angeblich kennt. Es ist ein merkwürdiger Augenblick, durch eine Bibliothek oder Buchhandlung zu schlendern und zufällig auf diese Tales zu stoßen. Den Bruchteil einer Sekunde lang könnte man glauben, in die Buchwelt von Hogwarts geraten zu sein. Die LeserIn merkt schon: Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt auf Büchern, die sowohl für ältere Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene eine vergnügliche Lektüre sein können. A propos Bücherwelten, wer Lust hat ein Buch über Bücher zu verschenken, könnte natürlich auf die in jedem Sinne phantastische „Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers zurückgreifen, einem Buch, das man inzwischen wohl als Klassiker bezeichnen kann, das man aber schreckhaften Kindern eher nicht zumuten sollte. Der unvergessliche Hildegunst von Mythenmetz erlebt in den unterirdischen Labyrinthen der Stadt Buchhaim, eben jener Stadt der träumenden Bücher, haarsträubende Abenteuer, die ihn schließlich bis zum Schattenkönig führen. Eines der Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann, die man atemlos bis zum letzten Buchstaben verschlingt. Aus manchen Labyrinthen entkommt man eben nicht.
Rowling, J.K. (2008). The Tales of Beedle the Bard. London: Children’s High Level Group in association with Bloomsbury Publishing.
Moers, Walter (2004). Die Stadt der träumenden Bücher. München: Piper Verlag.
Mittwoch, 21.12.2011
Autor: Oliver Gassner
Was soll eurer Meinung nach in einem Band 8 passieren?
Ich hoffe ja auf die Rückkehr von Sirius und Dumbledore 😉
Dienstag, 20.12.2011
Autor: hedoniker
Mit Ich erinnere mich erscheint das vielleicht liebenswerteste Buch des Herbstes
Joe Brainard gehörte in den sechziger Jahren zur New Yorker Künstlerszene – der New York School -, seine Werke bewegen sich im Einflusskreis der Pop Art, er zeichnete Comicstrips und fertigte Bühnenbilder. Als Literat erlangte er dann 1970 mit I remember Aufmerksamkeit, zwei weitere Teile folgten in den darauffolgenden Jahren.
Nach mehr als 40 Jahren wird die ungewöhnliche Autobiographie von Joe Brainard dem deutschsprachigen Leser erstmals zugänglich macht.
Auf den ersten Blick wirkt der Text verwirrend.
Ich erinnere mich an rosarote Zuckerwatte und das klebrige Gefühl danach.
Ich erinnere mich, dass ich plötzlich darauf achtete, „wie“ ich meine Zigarette in Homo-Bars hielt.
Ich erinnere mich, dass ich versuchte, ein Pflaster mit einem einzigen Ruck abzureißen.
Die Struktur ist vordergründig einfach. „Ich erinnere mich …“ – Mit diesen Worten beginnt jede der rund 1500 Miniaturen.
„Ich erinnere mich“ entzündet aber schnell ein Feuerwerk der Erinnerungen, das keiner Chronologie oder thematischer Einordnung gehorcht, keine durchgehende Handlungsebene besitzt. Und doch ergeben die einzelnen Erinnerungsstücke ein Bild eines jungen Mannes, das klarer und figürlicher ist, als es manch Autobiographie in klassischer Textform zu zeichnen vermag. Die Entdeckung seiner Homosexualität hat dabei gleichberechtigt neben Erinnerungen an Familie, an Fernsehshows und Filme oder an Gerüche und Geschmäcker Platz. Nichts in seinen Erinnerungen scheint geschönt und doch zieht sich eine Leichtigkeit durch das Buch, das voller Wärme, Komik und Lebensfreude steckt.
Ich erinnere mich an das Schokohäschen-Problem: Wo fängt man an?
Ich erinnere mich, dass ich in Laubhaufen sprang, und an den Staub, oder was immer dabei aufgewirbelt wurde.
Ich erinner mich an ein Mädchen in Dayton, das mir „beibrachte“, was man mit der Zunge macht. Wie sich aber herausstellte, war es definitiv das, was man nicht mit seiner Zunge machen sollte. Es hätte tatsächlich schlimme Folgen haben können (Ersticken).
„Ich erinnere mich …“ sind aber auch die Worte, die den Leser mit seinen eigenen Erinnerungen konfrontieren. Brainards Gedankenkosmos ist nicht nur seine eigene Biographie, es ist die Biographie von uns allen. Jeder wird zahlreiche Momente entdecken, die die eigenen sein könnten. Beim Lesen schweifen die eigenen Gedanken permanent ab, zurück in die eigene Vergangenheit. Dabei ist die geografische Distanz – Brainards Erinnerungen führen zurück nach Tulsa, Boston und New York, meine nach Dessau, Leipzig und Hannover – vollkommen unerheblich.
Ich erinnere mich, dass ich die Eiswürfelbehälter bis obenhin mit Wasser füllte und dann, ohne etwas zu verschütten, zum Kühlschrank zurückzutragen versuchte. Daran erinnere ich mich. Und daran, wie unpraktisch das eigentlich war, weil der Einsatz niedriger als der Eiswürfelbehälter war und deshalb das Eis zu einem Block zusammengefroren war, den man nur schwer auseinanderbrechen konnte. Und ich erinnere mich, dass wir damals einen Kühlschrank mit Holzverkleidung besaßen, und dass …
Paul Auster, der das Vorwort beisteuerte, schreibt über das kleine Meisterwerk: Es ist eines der seltenen Bücher, die einen ein Leben lang bereichern. Es ist eines der Bücher, die niemals ausgelesen sind. Ich erinnere mich kann immer wieder an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen werden, der Leser wird aufs Neue überrascht. Von Joe Brainards Welt und von seiner eigenen.
Joe Brainard – Ich erinnere mich
208 Seiten
12,5 x 18,0 cm
Mit einem Vorwort von Paul Auster
gebunden
Übersetzt von Uta Goridis
ISBN 978-3-03774-040-8
20.00 CHF / 14.95 EUR [D] / 15.40 EUR [A]
Erschienen bei Walde & Graf
Tags: ich erinnere mich, Joe Brainard
Kommentare deaktiviert für Joe Brainard „Ich erinnere mich“Donnerstag, 08.12.2011
Autor: Andreas Schröter
Man fühlt sich an 1001 Nacht erinnert und an den Entwicklungs- und Schelmenroman. Eine lebenslange traurige Liebesgeschichte kommt genauso vor wie die Gräuel der Nazizeit und die Folterungen durch die Rote Armee. Jan Koneffkes „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“ hat viele Facetten.
Der große rumänische Pianist Victor Marcu stellt den Deutschen Felix Kannmacher, ebenfalls Klavierspieler, als Erzieher für seine Tochter ein, um ihn vor den Nazis zu retten. Das Agreement funktioniert so lange, bis sich die Tochter in ihren Lehrer verliebt. Eifersüchtig entlässt Marcu seinen Angestellten, so dass Kannmacher fortan auf sich allein gestellt ist. Schlimm wird es für ihn, als die Nazis Bukarest besetzen, schlimmer, als das Land an die Russen fällt …
Obgleich das Buch durchaus (schwarz-)humorige Züge hat – beispielsweise wenn der Titelheld dem Tod immer wieder oft auf dramatischste Weise von der Schippe springt -, bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. Zu grausam ist das, was Felix Kannmacher und die Seinen durch die verschiedenen Gewalt- und Schreckensherrschaften im 20. Jahrhundert ertragen müssen.
Jan Koneffke, geboren 1960, beweist mit diesem Werk auch sein Talent für die kleine Form. Immer wieder lässt er seinen Helden Geschichten erfinden, um das ihm anvertraute Kind bei Laune zu halten. Diese kurzen, oft traurigen Einsprengsel erweisen sich als höchst lesenswert und unterhaltsam. In einer besonders schönen Geschichte geht es um einen goldenen 1000-jährigen Wal, der die Donau hinaufschwimmt und schließlich verendet, während sich die Menschen schon um seine goldene Haut balgen. Da stört es wenig, dass so etwas vom Hauptplot ablenkt und den Lesefluss bremst.
Kleiner Schwachpunkt ist der Anfang. Die ersten 100 Seiten lesen sich im Vergleich zum starken Rest etwas zäh. Man braucht ein wenig, um in diesen 500-Seiten-Roman hineinzufinden. Doch wer Jan Koneffkes Hang zum Drama und zu großen Gefühlen teilt und wer bereit ist, sich auf eine Lesereise zu begeben, die nicht immer gradlinig, sondern eher wie ein mäandernder Fluss verläuft, der wird dieses Buch mögen.
Übrigens: In einem früheren Roman Jan Koneffkes, „Eine nie vergessene Geschichte“ (2008), taucht ebenfalls eine Figur namens Felix Kannmacher auf. Teils nimmt das aktuelle Buch Bezug auf die Geschehnisse dieses Werks. Gelesen haben muss man den älteren Roman jedoch nicht, um den neueren zu verstehen.
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Jan Koneffke: Die sieben Leben des Felix Kannmacher.
Dumont, August 2011.
507 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Mittwoch, 07.12.2011
Autor: Immo Sennewald
… Gesichter der Ohnmacht” heißt ein Workshop, in dem das untergegangene System und der in Vergessenheit geratene Alltag der DDR zu erleben ist – für alle, die im Westen aus sicherer Entfernung zusahen, für alle die zu jung sind für eigene Erfahrungen mit SED und Stasi, mit Schulen, Arbeitswelt, Karrieren und Konflikten des Ostens.
Die meisten können sich nicht vorstellen, dass Ärzte, dass Krankenschwestern nicht mehr den elementaren Verpflichtungen ihres Berufsstandes folgen und Patienten als hilfsbedürftige Menschen behandeln. Sie können sich nicht vorstellen, dass Ziel einer Behandlung nicht Heilung ist, sondern nur und ausschließlich die Fortsetzung von Verhören, der Erfolg von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit “im Dienste der Arbeiter- und Bauernmacht” gegen vermeintliche Staatsfeinde, deren einziges Vergehen meist darin bestand, dass sie nicht länger DDR-Bürger sein mochten, dass sie der Heilslehre der Kommunisten nicht folgten.
Der Workshop verschafft jedem, der sich darauf einlässt, einen Eindruck davon, wie aus Menschen nummerierte Objekte, wie aus Angestellten Folterknechte, wie aus Therapien Verhörmethoden werden.
Im November ist ein Buch erschienen, das historische Fakten dazu aufarbeitet.
Peter Erler und Tobias Voigt haben die Geschichte des Stasi-Haftkrankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen untersucht. Sie zeigen eindringlich, wie aus Ärzten Hilfskräfte psychischer und physischer Folter werden, wie Mediziner aus Karrieregründen den Hippokratischen Eid brechen, Psychologen helfen, den seelischen Widerstand von Gefangenen zu zerstören, Krankenschwestern mittels kollektivem Druck dazu gebracht werden, jegliche Regung von Mitleid zu blockieren. Sie alle legen die Masken der Macht an, sie treten den Leidenden als anonyme Vollstrecker eines Machtwillens gegenüber, der jeden Widerstand ersticken soll, der den Gedemütigten die medizinische Behandlung als gnadenhalber verabreichte Notration für sozial Geächtete erscheinen lässt.
Die Autoren haben genau recherchiert; sie lassen Menschen zu Wort kommen, die unheilbar verletzt sind an Leib und Seele. Jeder Einzelne hätte verdient, gehört zu werden – stattdessen dröhnen in den Medien, subkutan begleitet durch unterhaltenden Ostalgiekitsch, die Schwadroneure des Sozialismus: als sei nicht das rechte und linke Handwerk der Menschenverachtung in diesen Krankenstationen zwischen Hohenschönhausen, Workuta, Sachsenhausen, Santiago de Chile, ein für alle Male in Beton, Stacheldraht, Überwachungs- und Zersetzungstechnik verewigt.
Die Täter, Täterinnen schweigen – bis auf wenige. Sie wollen gesichtslos bleiben, sie wollen die Masken der Macht nicht abstreifen. Sie dürfen sich leider darauf verlassen, dass ihre Rechte mehr zählen als das Anrecht der Opfer auf Offenbarung, auf Reue, auf einen sozial heilsamen Kniefall. Wer Reue verweigert, ohne Gesicht leben will, den schützt der Rechtsstaat. In den Kulturen Asiens ist Leben mit verlorenem Gesicht eine furchtbare Strafe.
“Medizin hinter Gittern” ist mehr als ein Bericht über den Missbrauch medizinischer Kompetenz durch den SED-Staat. Das Buch fragt eindringlich – nicht nur Ärzte – wohin sich unsere Aufmerksamkeit richtet: auf die Gesichter der Ohnmacht oder auf die Masken der Macht.
Donnerstag, 01.12.2011
Autor: Andreas Schröter
In Thomas Melles Debütroman „Sickster“ begleitet der Leser drei junge Erwachsene. Sie kommen mit der kalten Konsum- und Leistungsgesellschaft, zu der schneller Sex, Energy-Drinks, Alkohol und die Ekstase in Techno-Discos gehören, nicht zurecht. Zwei landen in der Psychiatrie, der dritte wird zum Alkoholiker.
Das Buch, das es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schaffte, zerfällt in drei sehr unterschiedliche Teile. Im ersten versuchen die Figuren, ihren Platz zu behaupten – sie gehen ihren öden Jobs nach und proben gelegentlich so etwas wie das harmonische Miteinander in einer festen Beziehung. Im zweiten – am schwierigsten zu lesenden – Teil verfallen sie dem Wahnsinn. Der 1975 geborene Autor stellt das durch stakkatohaft aneinandergereihte Gedanken-Sequenzen in MTV-Ästhetik dar. Part drei ist ein modernes Märchen aus der Psychiatrie, der nicht recht zum Rest passen will. Insgesamt nur bedingt empfehlenswert.
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Thomas Melle: Sickster.
Rowohlt, September 2011.
336 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Sonntag, 27.11.2011
Autor: Theresa Brehm
„Am allermeisten vermisste ich aber mein allerliebstes Volk, diese Sammlung von Verrückten am äußersten Rand des Weltmeers. Ich sehnte mich nach der Grobheit, dem Fehlen von Förmlichkeiten im Umgang, dem energiegeladenen Draufgängertum der Isländer, nach all dieser Jugendlichkeit, die man in diesem unerzogenen Land lebt, das sich nicht besser zu benehmen weiß als seine Bewohner“.
Ungehobelt, unkonventionell, unberechenbar
Was Hallgrimur Helgason seine Protagonistin gegen Ende des Romans über ihr Land sagen lässt, trifft auch auf die Figur selbst zu: Noch mit 80 Jahren ist Herbjörg María Björnsson ungehobelt, unkonventionell und unberechenbar. Auch wenn sie sich selbst in einer ausgebauten Garage geparkt hat, ihre Einäscherung plant und dabei mit einer Handgranate aus dem II. Weltkrieg kuschelt, schafft sich die im besten Sinne verrückte Alte dennoch einen Zugang zur Welt: Zum einen surft sie durch die Weiten des Internets und belustigt sich dabei an hinterhältigen Rollenspielchen, indem sie etwa einem simbabwischen Klempner als isländische Miss World von 1988 Hoffnungen macht, oder ihre untreue Schwiegertochter als Bischof von Island zu Gottesdienstbesuchen ermahnt.
Island und die Welt
Zum anderen taucht die auf ihre Matratze gefesselte Herbjörg tief in ihre eigenen Erinnerungen ein, die gleichzeitig die Geschichte Islands in ihrem Bezug zur Welt widerspiegeln. Als Tochter einer Bäuerin von einer abgeschiedenen Insel und des Sohns des späteren 1. Präsidenten von Island durchlebt die Protagonistin die Wirren des 20. Jahrhunderts, in dem sie immer wieder die Enge der Insel verlässt – um doch stets wieder zurückzukehren.
Einer kurzen Kindheit auf dem Bauernhof als uneheliches Kind der Mutter folgen die Aufnahme in die privilegierte Gesellschaftsschicht Islands, der Wegzug der Familie nach Deutschland, von wo aus der für Nationalsozialismus glühende Vater in den II. Weltkrieg zieht, die Trennung von den Eltern, die Flucht durch die zertörten deutschen Städte, Kriegsvergewaltigungen, die Rückkehr nach Island, das sich von Dänemark löst und zum eigenen Staat wird, die Auswanderung nach Argentinien, die Heirat mit einem prügelndem isländischen Seemann, die Geburt von drei Kindern…
Kein Mangel an Action
In der Tat ist „Eine Frau bei 1000°“ ein „wilder Ritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts“, wie es der Klappentext verspricht. Über einen Mangel an Action kann sich der Leser sicherlich nicht beschweren. Zusammengehalten wird dabei die Fülle der Ereignisse durch einen Kunstgriff: Der Text ist in kurze Kapitel gegliedert, mit Jahreszahlen überschrieben und ähnelt so der Form nach Blog-Einträgen, was die Geschichte zusammenhält – auch wenn Helgason teilweise einen geschichtlichen Rundumschlag forciert, der anhand des Lebens einer Person nicht unbedingt realistisch wirkt.
Realismus ist jedoch nicht die Kategorie, die man an das Buch herantragen sollte. Schließlich scheint der bekannteste Schriftsteller des kleinen skandinavischen Landes mit seinem neuestem Roman mehr zu intendieren: So hat er eine Person erfunden, die Island selbst repräsentiert. Schließlich kann man allein den Titel „Eine Frau bei 1000°“ mit der Vulkaninsel identifizieren: So wie in Island immer wieder die Erdkruste unter Eruptionen aufbricht, drängen auch die Erinnerungen Herbjörgs an die Oberfläche.
Island als historische Leerstelle
Zudem deckt Helgason auf, wie das kleine Island in seiner Identitätsfindung zwischen zwei Polen schwankt. So beschreibt der Autor seine Heimat einerseits als die abgeschiedene Insel „am Rande des Weltmeers“, deren eigentümliche Bewohner auf eine eigene – zumeist doch leidvolle – geschichtliche Tradition schlichtweg pfeifen. Andererseits charakterisiert er Island als eine historische Leerstelle, die nur durch die Geschichte Europas und der Welt gefüllt werden kann.
Trotz dieser doch sehr anspruchsvollen Konstruktion liest sich das Buch kurzweilig und ist frei jeglichen Pathos’, dessen sich deutsche Schriftsteller bei historischen Stoffen oft nicht entziehen können. Es strotzt nur so von Humor, der, so sei als ein Kritikpunkt eingeworfen, manchmal auch etwas auf die Nerven gehen kann.
Tags: Alter, Buchmesse, Geschichte, Humor, Internet, Island, Lungenkrebs, medien, Politik, Rauchen, Roman, Sarkasmus, Weltkrieg
2 KommentareMontag, 21.11.2011
Autor: Andreas Schröter
Der berühmte Fritzl-Fall ist Grundlage für Emma Donoghues Roman „Raum“. Bekanntlich hat Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre im Keller seines Hauses eingesperrt und mit ihr mehrere Kinder gezeugt. In „Raum“ hält „Old-Nick“ eine Frau, die er zuvor gekidnappt hat, sieben Jahre in einem Gartenhäuschen gefangen. Auch sie hat einen vom Täter gezeugten Sohn. Er heißt Jack und ist fünf Jahre alt, als die Handlung einsetzt. Der komplette Roman schildert die Sicht des Jungen. Jack ist in „Raum“ geboren, hat diesen noch nie verlassen und glaubt, dass diese zwölf Quadratmeter die ganze Welt sind. Alles, was er im Fernsehen sieht, hält er für nicht real. Doch dann erzählt ihm seine Mutter die Wahrheit und die beiden planen ihre Flucht …
Bis zur Hälfte ist „Raum“ enorm spannend. Können sich die beiden gegen ihren Peiniger zur Wehr setzen? Gelingt ihnen vielleicht sogar die Flucht? Fast fühlt man sich als Leser selbst eingesperrt. Der immer gleiche Tagesablauf der Gefangenen wirkt extrem bedrückend, und man traut sich kaum, die Seiten umzublättern – aus schierer Angst, das „Piep Piep“ könnte wieder ertönen. Es zeigt an, dass „Old Nick“ im Anmarsch ist. Er wirkt gefährlich, denn er hat die Macht, Mutter und Kind zu töten – zum Beispiel, indem er den beiden keine Nahrung mehr bringt. Einmal bestraft er sie, indem er den Strom abstellt. Sie frieren und können die Lebensmittel nicht mehr länger frisch halten.
Weil der Leser alles nur aus der Sicht eines Fünfjährigen erfährt, wirkt die Lage von Mutter und Kind noch bedrohlicher: Das unschuldige, herzerweichend naive Kind bildet einen starken Gegensatz zur Brutalität des Täters. Das erzeugt beim Lesen eine enorme Spannung und eine große Sympathie mit den Eingesperrten. Weil Jack immer in den Schrank muss, wenn Old-Nick erscheint, werden die Vergewaltigungsszenen nur indirekt dargestellt. Auch dies ist ein Plus, das sich aus der für den Leser eingeschränkte Sicht durch den Kopf des Kindes ergibt.
Im zweiten Teil ändert das Buch komplett seinen Tenor: Den beiden, soviel sei hier nun doch verraten, gelingt die Flucht nach draußen – wenn auch äußerst knapp. Von nun an geht es nur noch darum, wie sich Mutter und Sohn in der vor allem für den Jungen komplett fremden Welt zurecht finden. Dieser Buchteil hat ebenfalls seinen Reiz, weil er uns unsere Welt aus der Sicht eines Menschen zeigt, der bislang nicht in ihr gelebt hat. Das fördert einige zum Teil auch für Erwachsene interessante Einsichten zutage. Aber weil den letzten 200 Seiten komplett die atemberaubende Spannung des ersten Teils fehlt, hat mir Teil eins eindeutig besser gefallen. Vielleicht hätte die Autorin, die 1969 in Dublin geboren wurde, diesen Part etwas kürzen sollen. Insgesamt dennoch ein ungewöhnliches und interessantes Buch.
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Emma Donoghue: Raum.
Piper, August 2011.
410 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Donnerstag, 10.11.2011
Autor: Andreas Schröter
Mit ihrem neuesten Buch „Meine Zeit der Trauer“ verarbeitet die renommierte US-amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates den Tod ihres Mannes Raymond Smith, mit dem sie 47 Jahre verheiratet war.
„Ray“ Smith, der einen kleinen Verlag leitete und gemeinsam mit seiner Frau die Literaturzeitschrift „Ontario Review“ herausgab, starb 77-jährig im Februar 2008 völlig überraschend an den Folgen einer Lungenentzündung. „Meine Zeit der Trauer“ ist kein Roman, sondern eine Autobiographie, die im wesentlichen die Monate Februar bis Mai 2008 umfasst.
Die 1938 geborene Autorin, die zuletzt die auch in Deutschland gefeierten Romane „Niagara“ und „Geheimnisse“ herausgebracht hat, beschreibt sehr eindringlich, offen und völlig schonungslos gegenüber sich selbst, wie der Tod des geliebten Mannes ihr den Boden unter den Füßen entreißt. Sie kann nicht mehr schlafen, wiegt zwischenzeitlich nur noch 47 Kilogramm und wird beinahe abhängig von Schlafmitteln und Antidepressiva. Schlagen ihr die geringsten Schwierigkeiten entgegen – wie in einer Behörde, in der sie die Fahrzeugpapiere des gemeinsamen Autos auf ihren Namen überschreiben lassen will – erleidet sie fast einen Nervenzusammenbruch und bricht in Tränen aus. Immer wieder trägt sie sich mit Selbstmordgedanken.
Man wundert sich, mit welcher Radikalität und Courage Oates intime, persönliche Details aus dieser Leidenszeit öffentlich macht. Und man ist erstaunt über die Intensität an Liebe, die diese beiden Menschen füreinander empfunden haben müssen.
Die düstere Zeit, die die Autorin über fast 500 Seiten ausbreitet, hat irgendwann ein Ende. Im Buch symbolisch dargestellt durch zwei vermisste Ohrringe, die sie im Müll wiederfindet, schöpft sie neuen Lebensmut. Sie lernt einen neuen Mann kennen, den sie – aber das ist nicht mehr Thema des Buches – bereits im März 2009 heiratet.
Die Lektüre von „Meine Zeit der Trauer“ ist wegen der durchgängigen Düsternis des Stoffes für den unbeteiligten Leser anstrengend, keine Frage – aber für denjenigen, der vielleicht ebenfalls gerade einen Menschen, der ihm nahe stand, verloren hat, könnte dieses Werk zur wichtigen Lebenshilfe werden.
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Joyce Carol Oates: Meine Zeit der Trauer.
S. Fischer, Oktober 2011.
494 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.
Freitag, 04.11.2011
Autor: Andreas Schröter
Eine der sowohl vom Inhalt als auch von der bloßen Seitenzahl her imposantesten Neuerscheinungen des Bücherherbstes 2011 kommt von Antonio Muñoz Molina.
Der 1956 geborene spanische Autor erzählt in seinem 1000-Seiten-Wälzer „Die Nacht der Erinnerungen“ die Geschichte einer großen Liebe vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs-Ausbruchs 1936. Der Madrider Architekturprofessor Ignacio Abel, der unglücklich verheiratet ist und zwei Kinder hat, verliebt sich in die Amerikanerin Judith Biely. Er beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit ihr, und schon bald kreisen Ignacios Gedanken ausschließlich um Judith, mit der er sich bei jeder möglichen Gelegenheit heimlich trifft. Doch seine Frau bekommt Wind von der Affäre und begeht einen Selbstmordversuch. Judith, von Gewissensbissen geplagt, flieht ins ferne New York. Derweil eskaliert der Bürgerkrieg, und Ignacio entkommt nur äußerst knapp einem Erschießungskommando …
Es ist schlicht beeindruckend, wie genau der Autor die Gedankengänge seiner Figuren seziert. Jeder Dialog, jeder Unter- und Zwischenton, jede Stimmungs-Änderung ist psychologisch glaubwürdig bis ins kleinste Detail. Sogar Nebenfiguren wie die Kollegen Ignacios oder die Mitglieder aus der Familie seiner Frau sind geauestens ausgearbeitet und erlangen auf diese Weise scharfe Konturen.
Wollte man an diesem großen und atmosphärisch dichten Roman etwas kritisieren, so wäre das vielleicht ein allzu tiefes Eindringen in die – offenbar hervorragend recherchierten – Wirrnisse um den Bürgerkrieg kurz vor dem Ende des Romans. Wer sich für diesen Teil der spanischen Geschichte weniger interessiert oder kein Vorwissen dazu hat, wird einige Stellen sicherlich etwas ermüdend und langatmig finden. Ein ausführliches Glossar mit den wichtigsten Protagonisten des spanischen Bürgerkriegs im Anhang hilft ein wenig.
Aber wer diese Hürde nimmt, der wird mit einem schier grandiosen Schlusskapitel belohnt, in dem sich die Liebenden in den USA wiedertreffen. Zum Weinen schön!
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Antonio Muñoz Molina: Die Nacht der Erinnerungen.
DVA, August 2011.
1008 Seiten, Gebundene Ausgabe, 29,99 Euro.
Freitag, 28.10.2011
Autor: Andreas Schröter
Gut, eigentlich ist Nick Hornbys neue Geschichten-Sammlung „Small Country“ eine Mogelpackung.
Mittels Buchstabengröße, einem breiten Rand und viel Zeilenabstand pumpt der Verlag vier Kurzgeschichten des 1957 geborenen englischen Kultautors („Fever Pitch“, „High Fidelity“, „About a boy“) zu einem 150 Seiten dünnen Büchlein auf, das man in zwei Stunden durchlesen kann. Eine der Geschichten, „Nipple Jesus“, ist sogar vorher bereits in einer anderen Hornby-Anthologie in Deutschland erschienen: „Speaking with the Angel“ im Jahre 2001.
Andererseits ist „Small Country“ aber eine ungemein unterhaltsame Mogelpackung. Hornby schreibt aus der Perspektive einer Mutter, die erfährt, dass ihr Sohn in einem Porno-Film mitspielt, und aus der Sicht eines vollkommen unsportlichen Jungen, der in dem kleinsten Land der Welt gezwungen wird, in der Fußball-Nationalmannschaft mitzuspielen, weil es im ganzen Land nur elf spielfähige Jungen und Männer gibt.
In der dritten Geschichte erfährt ein 15-Jähriger, dass die Welt in wenigen Wochen untergeht. Fortan setzt er alles daran, in der verbleibenden Zeit wenigstens einmal Sex zu haben. Und besagte Story „Nipple Jesus“ begibt sich in den Kopf eines Wachmanns, der gezwungen wird, in einer Galerie ein obszönes Jesus-Bild zu bewachen.
Immer sind die Figuren, aus deren Innensicht Hornby seine Geschichten schreibt, auf den ersten Blick leicht naiv. Doch bei genauerem Hinsehen agieren sie mit einem weitaus gesunderen Menschenverstand als so mancher, der sich für viel schlauer hält.
Zwei der Geschichten lassen sich als sympathisches Plädoyer für Toleranz lesen. Warum soll der Sohn schließlich nicht in einem Porno-Film mitspielen, wenn er doch damit niemandem schadet?
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Nick Hornby: Small Country.
Kiwi, September 2011.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.
Sonntag, 23.10.2011
Autor: Andreas Schröter
Howard Jacobson, geboren 1942, versucht in seinem Buch „Die Finkler-Frage“ Antworten auf die Frage zu finden, was es heute eigentlich ausmacht, ein Jude zu sein.
Ist es die Religion, die Tradition oder eine besondere Lebenseinstellung? Ist es die Erinnerung an den Holocaust oder die Auseinandersetzungen mit den Palästinensern im Gaza-Streifen? Oder nichts von alledem?
Nicht-Jude Julian Treslove gelingt im Leben nicht allzuviel. Seine Karriere bei der BBC ist gescheitert, sämtliche Frauen haben ihn verlassen, und auch als Vater hat er versagt.
Als er überfallen wird, glaubt er, von dem Angreifer als Jude beschimpft zu werden. Perverserweise ist er darüber glücklich, fühlt er sich doch endlich irgendwo dazugehörig. Fortan versucht er, jüdischer zu werden als die Juden, mit denen er befreundet ist – und muss feststellen, dass die erstens gar nicht so erfreut auf den allzu geflissentlichen Möchtegern-Juden reagieren und ihm zweitens bei jeder Gelegenheit beweisen, dass er ihnen in echtem Judentum eben doch nicht das Wasser reichen kann. Aber auch bei seinen Kindern macht sich Treslove unbeliebt.
Howard Jacobson, der für diesen Roman in England 2010 mit dem begehrten Booker-Preis ausgezeichnet worden ist, gelingt ein zugleich überaus witziges wie tragisches Buch – eine Tragikomödie –, das mit Intelligenz und Lebensweisheit gespickt ist.
Neben dem Judentum geht es um Themen wie lebenslange Liebe zum selben Menschen, Sex, Tod, Männerfreundschaften und die Beziehung zu Kindern und Ex-Frauen, also um vieles, was einfach zum Leben – nicht nur von Juden – gehört.
Stimmig und glaubwürdig gezeichnet ist nicht nur Hauptfigur Julian Treslove, sondern auch die Menschen, mit denen er zu tun hat – wie seine Freunde Sam Finkler, ein angesehener Philosoph mit Hassliebe zu Israel, Libor Sevcik, ein altersweiser 90-Jähriger, oder Julians resolute Freundin.
„Die Finkler-Frage“ ist ein ausgesprochen kluges Buch, an dem jedoch vor allem die Leser ihre Freude haben dürften, die sich für das Judentum interessieren. Wer das nicht tut, wird sicherlich auf Längen stoßen, da dieses Thema letztlich sehr breit ausgewalzt wird.
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Howard Jacobson: Die Finkler-Frage.
DVA, September 2011.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22.99 Euro.
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