Freitag, 21.10.2011
Autor: Immo Sennewald
“Ruinen schaffen ohne Waffen” war die sarkastische Verballhornung einer seit 1978 von der Friedensbewegung in Ost und West gebrauchten Losung. Sie stellte die heuchlerische Friedenspose des SED-Staats ebenso bloß wie dessen Wohnungsbauprogramm, das Regale aus Beton in gesichtslose Vororte klotzte, während historische Innenstädte verrotteten – eines der Indizien für den unabwendbaren wirtschaftlichen und politischen Bankrott des realen Sozialismus.
Eine schöne Ironie liegt darin, dass ausgerechnet in den abrissreifen Buden von Jena, Leipzig, Halle, Berlin und Rostock die Keime des Neuen heranreiften: Zu selbständigem Handeln entschlossene Leute unterschiedlicher Herkunft und Altersstufen sagten dem System der organisierten Verantwortungslosigkeit den Kampf an und zogen ein in den “Leerstand”, “schwarz”, also ohne die vorgeschriebene Zuweisung durchs Wohnungsamt. Anders als bei den fast gleichzeitig im Westen stattfindenden Hausbesetzungen verbanden sie damit nur ausnahmsweise politische Absichten, nicht selten genügte aber derart ungeplantes, eigenmächtiges Vorgehen, die “Organe”, einschließlich Polizei und Stasi auf den Plan zu rufen, es wurde spätestens dann politisch, wenn unangepasste Kunstaktionen, Punkertreffen oder Zusammenkünfte von Umwelt- und Friedensgruppen in den jenseits der Planwirtschaft ausgebauten Unterkünften stattfanden.
Eine Ironie ist das insofern, als Marx meinte “neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.” Nun entwickelte sich unter den “Schwarzwohnern” im Schoß des vermeintlich dem Bürgertum überlegenen Sozialismus nicht mehr und nicht weniger als eine Bürgergesellschaft. Freilich überlebten die meisten dieser Selbsthilfe-Unternehmen den Zustrom westlicher Immobilienverwerter nach dem Untergang der DDR nicht – dafür überleben Altstädte und Baudenkmäler, während die Plattenbauten verschwinden.
Udo Grashoff hat schon mit seinem Buch “In einem Anfall von Depression…“ über Selbsttötungen in der DDR eine lesenswerte, kenntnisreiche Arbeit zum Verständnis sowohl des Alltags wie der politischen Entwicklungen daselbst vorgelegt. “Schwarzwohnen” setzt diese ganz eigene Form der Dokumentation fort. Sie ist weniger auf Daten und Statistik aus – eine solche Untersuchung wäre mangels verlässlicher Unterlagen wohl auch kaum möglich – als auf die Befragung von Zeitzeugen, auf das Zusammentragen von Fotos und Protokollen. Er vergleicht nebenher Ähnlichkeiten und Unterschiede zu westlichen Hausbesetzern seit den 70er bis zu den 90er Jahren. Es kommen erstaunliche Ideen und Schicksale ans Licht, es ist vieles zu erfahren, was in offiziellen Darstellungen der DDR-Geschichte fehlt. Ich habe mich mit Vergnügen dieser Exkursion in die einstürzenden Altbauten meiner Jugend angeschlossen.
Das Buch gehört zur Schriftenreihe des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Paperback, 200 Seiten, 19,90 €
Tags: Abriss, Altbauten, DDR, Gentrifizierung, Hausbesetzung, Opposition, Punk, SED, Stasi, Wohnungspolitik, Wohnungsverwaltung
Kommentare deaktiviert für Wohnen von untenFreitag, 21.10.2011
Autor: Andreas Schröter
Von der DDR und ihrem langsam verblassenden Sozialismus erzählt ein Roman mit einem wunderschönen Titel: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ – der frisch gekürte Träger des Deutschen Buchpreises 2011.
Autor Eugen Ruge, geboren 1954, nutzt die Erfahrungen seiner eigenen Familie, um ostdeutsche Geschichte, die hier von den 50er Jahren bis zum Jahre 2001 reicht, greifbar zu machen.
So sind die ältesten Familienmitglieder Wilhelm und Charlotte Umnitzer noch stramme Kommunisten. Einige Jahre nach dem Krieg siedeln sie aus dem mexikanischen Asyl, in das sie vor den Nazis geflohen sind, eigens in die noch junge DDR, um sich am Aufbau des Landes zu beteiligen. Sohn Kurt plagen bereits erste Zweifel, Enkel Alexander, das Alter Ego des Autors, flieht kurz vor der Wende in den Westen, und Urenkel Markus, der die DDR nur noch als Kind erlebt, denkt überhaupt nicht mehr über die unterschiedlichen Staats-Systeme nach.
Eugen Ruge gelingt das Kunststück, Politik in leichter, unterhaltsamer und an keiner Stelle langweiligen Weise zu vermitteln. Auch der Humor kommt nicht zu kurz.
Ungewöhnlich ist der Aufbau des Buches: Die Kapitel springen – nicht linear – durch die Zeiten und sind aus der Sicht unterschiedlicher Familienmitglieder geschrieben. Das sorgt für Abwechslung und viele verschiedene Sichtweisen – auch wenn es beim Lesen ein wenig Konzentration erfordert, um immer gleich zu erfassen, in welcher Situation und in welchem Kopf man sich gerade befindet. Es ist erstaunlich, wie genau und mit welchem Einfühlungsvermögen sich Ruge in die handelnden Figuren hineinversetzen kann. Manche Ereignisse – zum Beispiel der 90. Geburtstag von Wilhelm Umnitzer – werden auf diese Weise gleich mehrfach erzählt.
Eugen Ruge und sein Roman sind würdige Preisträger. Gut möglich, dass dieses Buch schon bald zum Kanon der wichtigsten fiktionalen Werke gehört, wenn es um die DDR geht.
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Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts.
Rowohlt, September 2011.
426 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
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Donnerstag, 20.10.2011
Autor: Anja Rauch
Der SF- und Fantasy-Blog SF Signal präsentiert die Top 100 Titel des NPR (National Public Radio) aus Science Fiction und Fantasy einmal ganz anders.
Und äußerst hilfreich, wie ich finde! Da ich mich für künstliche Intelligenz interessiere, sollte ich vielleicht doch einmal „Schöne neue Welt“ von Huxley lesen….
Dann viel Spaß beim Zusammenstellen Eurer persönlichen Leseliste! 😉
Tags: Fantasy, npr, Science Fiction, SF, SF Signal, Top 100
6 KommentareSonntag, 16.10.2011
Autor: Immo Sennewald
Joachim Gauck besaß die Unverfrorenheit – oder den Mut, je nach Wahrnehmung –, Demonstrationen gegen die Finanzwirtschaft in Deutschland “albern” zu nennen. Wer sich vor einer eigenen Parteinahme sachkundig machen möchte, dem sei an dieser Stelle ein Buch des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti aus dem Jahr 1960 ans Herz gelegt. Es ist aktueller denn je.

Warum sollte ausgerechnet DAS nicht fortwirken: Menschen fühlen sich durch anhaltendes Fähnchenschwenken und das Tragen von Transparenten oder Parteiabzeichen überlegen, stark, anderen gegenüber im Recht, nachgerade ermächtigt, Forderungen zu erheben und sie – nötigenfalls mit Gewalt – durchzusetzen?
Es wirken ja alle anderen Formen menschlichen Verhaltens auch fort: die Neigung zu patriarchalischer Vorherrschaft, die Polygamie, feudaler Pomp, alle irgend denk- und vorstellbaren Formen der Grausamkeit, Aberglaube, Balzrituale, religiöse Verfolgungen … Gott sei Dank auch Hilfsbereitschaft, Fairness, Kooperation.
Ein wunderbar erhellendes, vollkommen subjektives, dennoch mit wissenschaftlicher Akribie verfasstes Buch über solche Fragen hat Elias Canetti geschrieben: “Masse und Macht”, es erschien 1960.
Der Einzelne sehnt sich danach, in der Masse (der Herde, der Horde, der Meute, dem Mob …) geborgen zu sein, die eigene Schwäche durch vermittelte, gebündelte Schubkräfte der Gemeinsamkeit zu überwinden. Diese Sehnsucht hat eine lange evolutionsgeschichtliche Berechtigung. Allerdings konkurriert sie mit einem mir (noch stehe ich damit nicht gänzlich allein) persönlich sehr wichtigen Impuls: Dem individueller Freiheit und Verantwortlichkeit fürs eigene Handeln. Die Konkurrenz der Impulse löste lebenslanges Nachdenken und fortwährende Prüfungen meines Sozialverhaltens aus; ich darf sagen, dass sie nicht ganz unfruchtbar waren.
“Canetti, der Ideologien verabscheut, teilt seine Weltanschauung nicht offen mit. Erkenntnis muss der mündige Leser selbst gewinnen” vermerkt der Artikel in der Wikipedia, und diese Haltung gefällt mir. Wir brauchen mündige Leser und am subjektiven Erleben geschulte Welteinfühlung statt ideologisch ausgerichteter Weltanschauung. Wir brauchen selbstbestimmtes Handeln in Konflikten ohne den Schutz von Fahnen und Parteiabzeichen. “Mehr Demokratie wagen” müsste jeder genau da, wo er verantwortlich ist für sein Leben und das seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Kollegen. Leute, die für Menschenrechte in fernen Weltgegenden hierzulande gefahrlos Plakate hochhalten, im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz aber den Mitmenschen als Störfaktor oder Stimmvieh behandeln, sind einfach unglaubwürdig. Wer als “Linker”, “Liberaler”, “Christdemokrat” oder neuerdings “Pirat” die Medien beflaggt, die Menschheit nach Flagge in passende Schubladen sortiert, auf handliche Feindbilder zurechtstutzt, zum Abschuss freigibt, meint alles mögliche, wenn er von Demokratie redet, aber bestimmt nicht die Freiheit und Pluralität von Meinungen.
Demokratie verlangt dem Einzelnen sehr viel ab – womöglich sogar den Verzicht aufs wohlige Gefühl, in der Masse geborgen zu sein. Wenn die Fähnchen und Abzeichen Konjunktur haben, schrillen bei mir jedenfalls die Alarmglocken.
Elias Canetti “Masse und Macht”, Fischer Taschenbuch Verlag,
592 Seiten, Broschur, 14,95 €
Tags: CDU, CSU, Demokratie, Demonstration, die Grünen, FDP, Grüne, Linke, Neoliberal, NPD, Parlament, Partei, Piraten, Rechte, Volksentscheid
Kommentare deaktiviert für Elias Canetti, Joachim Gauck und die 99%Sonntag, 16.10.2011
Autor: Andreas Schröter
In seinem satte 927 Seiten dicken Debütroman „Gegen die Welt“ erschafft Jan Brandt, geboren 1974, mit dem fiktiven ostfriesischen Ort Jericho einen ganz eigenen Mikrokosmos. Der Leser kennt sich nach einer Weile dort so gut aus, dass er ganz genau weiß, wo die Menschen einkaufen gehen, welchen Arzt sie aufsuchen und wer mit wem ein heimliches Verhältnis hat. Man meint, das Dorf und seine Bewohner schon jahrelang aus eigener Anschauung zu kennen.
Im Mittelpunkt steht der Junge Daniel Kuper, der deutlich intelligenter und aufgeweckter ist als seine meist dumpfen Mitmenschen. Doch bringt ihm dieser Unterschied nichts als Ärger ein: beim Konfirmanden-Unterricht, bei seinen Mitschülern und Lehrern, bei seinen Eltern, die eine Drogerie betreiben, und schließlich im gesamten Dorf, als er den Bürgermeister-Kandidaten als heimlichen Nazi entlarvt, aber selbst bezichtigt wird, Nazi-Symbole an die Hauswände zu schmieren. Am Ende ist Daniels Ruf derart ruiniert, dass er kaum noch einen Schritt tun kann, ohne sich wenig später auf der Polizeiwache wiederzufinden.
Ein 927-Seiten-Buch hat meist Längen. Und das gilt auch für „Gegen die Welt“. Jan Brandt verliert sich gelegentlich in seitenlangen Aufzählungen (zum Beispiel was es in der Drogerie alles zu kaufen gibt). Auch wird der Sinn einiger Nebenhandlungsstränge, die zunächst über hunderte von Seiten ausgebreitet werden, dann jedoch keine Rolle mehr spielen, nicht klar. Beispiel dafür ist die Geschichte eines Lokführers, der psychisch an den Menschen zugrunde geht, die sich vor seinen Zug werfen und Selbstmord begehen. Graphisch interessant wird diese Nebengeschichte zwischen den Seiten 214 und 369 unterhalb einer horizontalen Linie erzählt, die sie von der eigentlichen Handlung, die oberhalb dieser Linie weitererzählt wird, abtrennt. Es gibt noch ein paar andere solcher Spielereien in diesem Buch: verblassende Schrift, wenn jemand das Bewusstsein verliert, zwei Briefe mit handschriftlichen Ergänzungen und Einschüben oder andere graphische Elemente wie dem Ankündigungsplakat für ein Rockkonzert. Das Buch endet auf Seite 921 mitten im Satz. Es folgen noch sieben komplett leere Seiten. Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob solche Gags zur Qualitätssteigerung eines Buches beitragen.
In einem weiteren Nebenhandlungsstrang führt der Autor den Leser ein wenig an der Nase herum, was durchaus spaßig und gelungen ist: So glaubt einer von Daniels Freunden, das ganze Dorf sei von Außerirdischen besetzt worden, die Besitz vom Körper der Menschen ergreifen. Auch Daniel habe einmal in einem Maisfeld, in dem sich ein Kornkreis findet, Kontakt zu diesen Außerirdischen, den Plutoniern, gehabt. Das würde jeder Leser sicherlich als typische Spinnerei eines Jugendlichen abtun, wenn es da nicht jenes Kapitel gäbe, das die Landung eines dieser Außerirdischen aus dessen Sicht in Jericho beschreibt …
Trotz einiger Kritikpunkte bietet „Gegen die Welt“, das auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011 steht, ein lohnendes Lesevergnügen.
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Jan Brandt: Gegen die Welt.
Dumont, August 2011.
927 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Samstag, 15.10.2011
Autor: Theresa Brehm
Am dritten Tag macht sich schon Müdigkeit breit. Das Hin- und Hergehopse. Das Reden und Blödeln. Am Ende des Tages fahren die Entscheider, bevor morgen die Massen heranstürmen und sich Wikingern gleich in den Kampf um Leseexemplare stürzen. Oder ein mediatives Massensummen im Island-Forum anstimmen?
Das Summen eines Bienenstockes dringt vom Ende der Halle 5 über die weiten Flure. Es kündet vom Highlight des Tages: Der Rockstar ist da! Umberto Eco ist da! Da steht dann die riesige Traube an Menschen mit ihren Smartphones und knipst den aus der Distanz winzigen runden Herrn auf dem Blauen Sofa. Der doch so gewaltig ist. Fälschungen des Auges, Fälschungen der Historie, wer weiß das schon.
Der betagte Josef Joffe führt dann ein ebenso von der literarischen Meute umdrängtes Interview mit Charlotte Roche, die den Markenaufbau à la Roche schon fast wie der gleichnamige Pharmariese vorantreibt (der Diagnostik des Körpers widmen sich ja beide).
Wer aber schafft das sonst, außer diese Mädchenfrau, so scheinbar unschuldig den Interviewer zu entmachten und zugleich wunderbar frivol das Gespräch zu steuern: „Wenn ich von Afterwürmern spreche hört sich das gut an, wenn Sie von Afterwürmern sprechen hört sich das für mich ganz unerhört an. Dann denke ich: Was sagt der denn zu mir?“ Und schließlich die philosophische Erkenntnis: „Wenn das Loch für die Fäkalien und das Loch für den Sex so eng zusammenliegen, kann es keinen Gott geben.“ Da musste dann auch Herr Joffe zugeben: „Das ist doch ein bedeutender Beitrag zum abendändischen Philosophiediskurs.“
Worüber sonst noch auf der Messe geschnattert wird? Na klar, um die Umbrüche in der Verlagswelt, die diesen konservativen Wirtschaftsbereich ja immer erzittern lassen: Print on Demand, Digitalisierung, Ebooks, Social Media, die Aufweichung des Leistungsschutzrechtes (Marina Weisband von der Piratenpartei war da!) und natürlich Self-Publishing mit dem neu ausgelobten Buchpreis. Und diese Leute haben gewonnen:
http://www.epubli.de/specials/schreibwettbewerb/2011/gewinner
Ob die Gewinner freilich mehr verkaufen werden, als der Traumfänger-Verlag mit seiner Indianerliteratur ist die andere Frage. Einmalig bleibt bei diesem die Vermarktung: Eine über und über mit Federn und Perlen behängte Frau führt unermüdlich und stundenlang vor dem kleinen Stand eine Art Kosakentanz auf. Kurioserweise sind die Traumfänger gleich neben dem großen Hanserverlag beheimatet. Die Indianerin hat Weltensammler Trojanow, der da sein Lager aufgeschlagen hat, aber bis jetzt noch nicht verwirren können.
Und während bekuttete Mönche mit ihren Biographien unterm Arm vorbeilaufen und taiwanesische Verleger auf indische Frauen in Saris treffen, denke ich: so ist sie die Buchmesse, so war sie für mich. Toll! Und ich fahre jetzt nach Hause.
Samstag, 15.10.2011
Autor: Theresa Brehm
Der zweite Tag ging nahtlos in den dritten über. Dazu aber mehr am Ende (es lohnt sich, bleiben Sie dran!)…
Am Morgen schaue ich bei der Lesung im ARD Forum vorbei: Nina Pauer „Wir haben keine Angst“. Es geht wieder einmal um die Generationenanalyse. „Was soll denn Generation Facebook oder Generation Bionade bitte heißen?“, fragt die souveräne und gleichzeit bodenständig-nette Jungautorin aus dem Hause Fischer. Wir – sprich die um die 30-Jährigen – sind die Angstgeneration. Etikettenverweigerer und Nichtfestleger. Statt die Welt politisch zu verändern – wo soll man denn da ansetzen? – optimieren wir uns selbst. Im Buch gibt es deshalb die Show „Germany ’s next Selbstverwirklicher“. Klingt plakativ und schwer nach Nabelschau mit großem Gestus, dem Charakteristikum der Generationenanalyse. Ich muss jedoch feststellen: Nina Pauer wirkt ohne Plattitüden und Pauken authentisch im Gespräch. Und will auch gar nicht für alle sprechen: Die Kinder der 68er Generation sind‘ s, denen die Angst die Hemmmschuhe anzieht oder zu Marathonläufen im Curriculum Vitae-Wettbewerb antreibt. Dabei drischt sie nicht auf die Hippie-Pädagogik ein, wie so viele neokonservative Abrechnungen der letzten Jahren. Sie sieht beide Seiten. Das ist mal was anderes. Also lesen!
Alle sagen andächtig „schön…“
Selbstbestimmtheit statt Selbstverwirklichung ist das Thema bei Halgrímur Helgasons „Eine Frau bei 1000°“: „Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen“, verlangt die Romanhelding Herbjörg beim Bestatter und meint damit ihre eigene. Sonst surft die 80-jährige in ihrer Garage durchs Internet. Ihr Erschaffer, Autor und Künstler Helgason, liegt nach dem Gespräch im Island-Forum ganz im entspannt in einem Sessel, schwärmt von Deutschland („so vibrant!“) und bekennt lakonisch: „Of course, people always ask the same. I have a sheet with 15 answers and use every day 5 of them in my interviews“.
Überhaupt ist der Bereich Island auf der Buchmesse sehr erholsam gestaltet. Durch die dunklen Räume läuft man an riesigen Leinwänden vorbei, die mit Natur- und Stadtaufnahmen bespielt werden. Alle stehen da und staunen und sagen andächtig „schön…..!“ zu den Geysiren und Vulkanen und Kraftwärmekopplungsanlagen. Elektronische Kommunikation ist da verpönt, wie ich merke. Denn als mein Handy surrt, werden mir ganz viele böse Blicke zugeworfen. „SAGAmal!“ hätte da wohl ein bayerischer Isländer ausgerufen.
Geschnattere ums Web 2.0
Geschnattert wird dann bei der Veranstaltung „Social Media – Vom Marketingtool zur Erlösquelle?“ am sogenannten „Hot Spot Digital Relations“, der seltsamerweise in die hinterste Ecke der Halle 6.1 gequetscht ist (die Angst vor dem Neuen!). Über die Geheimnisse erfolgreicher Kommunikation im Web 2.0 wollen aufklären: Martin Meyer-Gossner von „The Strategy Web“, Online-Marketing-Leiter Marko Jung vom C.H.Beck-Verlag und zwei Kollegen aus mir völlig unbekannten Agrar-Verlagen. Was Neues kommt dabei nicht raus. Alle betonen nachdrücklichst wie wichtig das Eingehen auf die Zielgruppe sei und dass man Fehler nicht scheuen darf, sondern immer mal loslegen solle. Okay. Fragen gibt es dann erstmal keine.
„Ich sehe wie eine Sofa aus“
Ganz entspannt wirken dagegen die Frauen. Zumindest wenn sie Elke Heidenreich und Mary Bauermeister heißen und mit überschlagenen Beinen lässig auf dem Pult der Elke Heidenreich-Edition sitzen. Die an Worten reiche Heide spricht mit der Fluxus-Künstlerin Bauermeister über ihren Roman mit dem wunderbaren Titel „Ich hänge im Triolengitter“. Das beschreibt den Kern der Sache: Die Kunst- und Lebensabschnittspartnerschaft von Mary Bauermeister mit dem Komponisten Karl-Heinz Stockhausen, in der sie das literarische Muster der menage à trois in Wirklichkeit lebten und litten. Bevor sich alle Zuhörerinnen auf die Freiexemplare stürzen (die wenigen Männer bleiben eingeschüchtert in der letzten Reihe sitzen), sagt die Autorin noch: „Ich kann Ihnen sagen meine Damen, es gibt keine monogamen Beziehungen. Zumindest habe ich sie nicht erlebt.“ So. Als ich zu Elke Heidenreich bei der Signierung bemerke, sie hätte ihren Überwurf farblich auf das dunkelpinke Buchcover abgestimmt, entgegenet sie: „Ja, ich sehe aus wie ein Sofaüberwurf.“ Das sind die coolen Frauen.
Eckstein bleibt ein Rästel
Und dann machen wir uns schon auf zur Fischerparty und plaudern im Innenhof des Verlagshauses an der Hedderichstraße wie wild drauf los. Ich komme ins Gespräch mit einem trockenhumorigen Tatort-Autoren und mit dem ZEIT-Rätselguru Eckstein. Er ist gar nicht rätselhaft, sondern sehr nett und direkt. Wir sprechen über Kindererziehung. Und Astrid Lindgren. Leider kann ich euch aber nicht das Rätsel um seine wahre Identität enthüllen. Denn ich kriege vom Kellner ein volles Tablett mit Weißwein und Wasser über den Rücken gekippt. Woraus sich ein wunderbar lustiges Gespräch mit Hendrik aus der Personalabteilung der FAZ entwickelt. Wir rätseln nun wiederum gemeinsam, ob wir Roger Willemsen am liebsten „den Rotscher“ oder doch korrekt „Roger“ nennen und einigen uns dann auf „Rocker“. Schließlich springt Herr Willemsen die ganze Zeit wie wild in der Menge herum.
Roger rockt die Menge
Nun wollen wir Froschaugenkönig RDP aber nicht noch einmal im Zirkellauf durch die Menge begegnen und machen uns auf zum ohlala exklusiven Empfang von Joachim Unseld in der Villa in der Lilienthalstraße. Ganz große Versprechungen schwirren da in der Luft, empfangen werden wir erstmal herzlich vom Gastgeber: „Ach ihr wollt euch eh nur gratis besaufen. Na, kommt rein.“ Es folgt ein Schlagabtausch mit Bodo Mrozek auf der Terasse. Bodolos. Ijoma Mangold springt noch munter und in feinstem Zwirn herum und Herr Dr. Unseld baut nun in jedem Satz, den er von seinem Leben erzählt das F-Wort ein. Als guter Gastgeber erklärt er uns noch seine Kunstsammlung. Da dominiert auch die Erotik. Es folgen Schoßgebete. Morgen.
Mittwoch, 12.10.2011
Autor: Theresa Brehm
Es wuselt und wuselt gar nicht so. Eigentlich ist bis jetzt alles ganz entspannt auf der Buchmesse 2011. Vielleicht wirkt sich die skandinavische Gelassenheit des Gastlands Islands beruhigend auf die Verlagsgeister aus? Kristof Magnusson, Autor der „Gebrauchsanweisung für Island“, zeigt auf der Bühne der FAZ bei der Frankfurter Buchmesse jedenfalls wirklich sein gemütliches Apfelgesicht (Den passenden Ausdruck fand Alex Rühle in dem sehr lustigen Interview der letzten „SZ am Wochenende“).
Magnusson ist der Sohn eines Isländers und einer Deutschen, wurde in Hamburg geboren, machte mal eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete mal in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik und lebt heute in Berlin. Beim Reisen und Erobern von neuen Welten muss bei ihm wohl das Wikingerblut durchgeschlagen haben. Der Kriegsgeist dagegen nicht.
Ganz gelassen reagierte er auf der Buchmesse auf die Frage von Sandra Kegel (FAZ) , ob es ihn nicht nerve, ständig auf die mittelalterlichen isländischen Sagas angesprochen zu werden (was in den letzten Wochen sein Dauerprogramm gewesen sein dürfte): „Das ist eben der Kulturkanon in Island. Die Wartburg haben wir nicht, aber wir hatten halt viele Bauernhöfe, wo sich die Leute diese Geschichten erzählt haben.“
Weil das alles so gut gelaunt und durch und durch nett ist, bin ich schon wieder gespannt auf abgründigere Sachen. Bei den Schweden spricht man ja zuerst auch von deren sagenhafter Nettigkeit, dann sieht man die Krimis im Fernsehen…
Abgründigkeit habe ich dann sehr unvermutet an einem anderen Ort gefunden: beim Kinder- und Jugendbuchverlag cbj. Dort waren alle Lektorinnen in schwarz gekleidet und eine Besucherin im Grufitlook saß neben mir auf der Bank. Als Buch empfahl mir eine sehr hübsche Lektorin „Die dritte Generation“ von Lauren De Stefano. Die Autorin, erst Anfang 20, hat mit ihrem Erstling eine regelrechte Dystopie geschaffen: In der Zukunft ist eine neue Generation von Kindern gezüchtet worden. Die folgende Generation trägt jedoch einen Virus in sich, ein früher Tod ist vorprogrammiert. Deswegen werden die Mädchen an ältere Herren vermittelt um ganz schnell Kinder mit diesen zu zeugen. Damit fängt die Geschichte an: 3 junge Frauen leben im Haus des reichen „Hauswalters“ Linden, eine Art Haremsgeschichte entwickelt sich…Nachdem mir das die Lektorin erzählt hatte, war dann doch wieder dem Abgründigen genüge getan.
So schaute ich noch beim 3-sat Gespräch mit Vera von Lehndorff über ihr Buch VERUSCHKA vorbei. Wirklich ernsthafte Fragen wurden da gestellt, über den frühen Tod ihres Vaters im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Aber auch über die erstaunliche Weltkarriere des Kunstwesens „VERUSCHKA“. Ich vermute jedenfalls, dass Frau Lehndorff mit ihrer Kopfbedeckung dem isländischen Ehrengast wohl die Ehre erwiesen wollte. Sie sah mit einer Art schwarzer, transparenter Fantasykappe tatsächlich wie eine Wikingerin aus.
Und nun bin ich gespannt auf Morgen und auf die nächste isländische Impression, dann von the one and only Hallgrímur Helgason, brrr, dieser Name!
Montag, 10.10.2011
Autor: Andreas Schröter
In seinem Abenteuerroman „Alles Land“ zeichnet Jo Lendle, geboren 1968, das Leben des Polarforschers Alfred Wegener nach. Der starb 1930 beim Versuch, auf dem grönländischen Inlandeis zu überwintern. Lendle betont, dass es sich um einen Roman handelt, also nicht um eine Biographie. Der Text weiche in vielen Details vom wirklichen Leben Alfred Wegeners ab. Zweifel, ob ein solches Vorgehen statthaft ist, sind wohl angebracht – dennoch: Als Ergebnis bleibt ein Wissenschaftsroman, der besonders in den Abschnitten, die die verschiedenen Expeditionen Wegeners schildern, enorm spannend ist. Man meint, den Wind, die Kälte, den Schnee und die grenzenlose Einsamkeit im ewigen Eis zu spüren.
Jo Lendle, der in Köln lebt, macht nicht den Fehler, Wegener ausnahmslos als strahlenden Helden darzustellen. So wird klar, dass der Abenteurer mit der Alltagswelt, in der seine Frau Else und die drei gemeinsamen Töchter leben, seine Schwierigkeiten hat und sogar in Depressionen verfällt, als er endlich die lange angestrebte ordentliche Professorenstelle in Graz bekleidet. Anderen Menschen begegnet er in der Regel mit einer gewissen Kälte und Schweigsamkeit. Wohl fühlt er sich nur in Grenzsituationen. Diese Aspekte verleihen der Figur Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Etwas eigentümlich ist die teilweise geschraubte, altertümlich wirkende Sprache des Autors. Man fragt sich, ob das Marotte ist oder gemeint als Reminiszenz an die Zeit, in der Wegener lebte, wenn Lendle beispielsweise schreibt: „Über all dem Nähen hatte sie ihr Augenlicht immer weiter vergossen“ – um auszudrücken, dass Elses Augen beim Nähen schlechter geworden sind. Dennoch ein lesenswerter Roman – zumindest für Leser, die an Naturwissenschaften im Allgemeinen und Polarforschung im Besonderen interessiert sind.
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Jo Lendle: Alles Land.
DVA, September 2011.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Samstag, 08.10.2011
Autor: JosefBordat
Hans-Peter Dürr wirbt für eine Welt im Wandel – zurück zum Leben
Dass es so nicht weitergeht, diese Erkenntnis lässt sich leicht jedem zweiten Stammtischgespräch entnehmen. Dafür allein braucht es keine Buchpublikation. Was der ehemalige Heisenberg-Assistent und Träger des Alternativen Nobelpreises, der Physiker Hans-Peter Dürr in seinem neusten Buch mit dem vielversprechenden Titel Das Leben lebendiger werden lassen. Wie uns neues Denken aus der Krise führt vorträgt, geht denn auch weit darüber hinaus. Denn es versucht die Frage zu beantworten, wie es denn stattdessen weitergehen könnte. Die tiefschürfende Antwort beschreibt einen Weg zurück zu einem sinnvollen Verhältnis von Mensch, Natur und Technik, der abkehrt von technokratischer Hybris, totaler Ökonomisierung und zynischer Selbstüberschätzung.
Der Umwelt- und Friedensaktivist Dürr, bisher als Autor vor allem durch das breite Spektrum der in seinen Schriften verhandelten Themen aufgefallen, bündelt dazu die krisenhaften Zustände der Globalgesellschaft (Klima, Krieg und Kapital) zu einer Gesamtschau, die verdeutlicht, wie die naturphilosophische Prämisse des Materialismus zu Fehlentwicklungen in allen Bereichen führte. Diese gelte es zu überwinden, durch „neues Denken“.
Das neue Denken, durch das unser Leben wieder lebendiger wird, ist laut Dürr quantenphysikalisches Denken, das zu der Einsicht führt, eine rein materialistische Beschreibung der Welt reiche nicht hin, da sich im Innersten dieser Welt weniger das Stoffliche als vielmehr das Geistige finden lasse, das die Beziehung zum Prinzip des Zusammenhalts mache. Dies könne zu einer neuen Beziehungskultur anregen, sowohl im Umgang des Menschen mit der Natur und der Technik, als auch der Menschen untereinander.
Die Welt ist also kein streng kausal-deterministisch erfassbares Materiesystem, sondern ein offener Möglichkeitsraum, der Kreativität und Lebendigkeit in sich trägt. Dabei sind in dieser lebendigen Welt die Prinzipien eines „lebendigeren Lebens“ ebenfalls bereits eingetragen Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit. Sie müssen nach ihrer Erkenntnis in der Welt nur auf die unterschiedlichen Lebensbereiche der Gesellschaft angewandt werden.
Dazu präsentiert Dürr im Hauptteil des Buches ein „Wörterbuch des Wandels“, das sich zum einen wichtigen Lebensbereichen wie der Arbeit, der Wirtschaft und der Wissenschaft widmet, zum anderen Kernkonzepte des neuen Denkens (Nachhaltigkeit, Transzendenz, Verantwortung) erläutert, die sich auf den Konfliktfeldern bewähren müssen. Vor allem die Nachhaltigkeit sei entscheidend im Kontext der „Zukunftsfähigkeit“ des „ganzen Menschen“ mit „all seinen physischen, geistigen und emotionalen Potenzialen“. Das Problem: Die „gewisse Schwammigkeit“ des Begriffs. Diese konzeptionelle Schwierigkeit kann auch Dürr nicht ganz ausräumen, bestimmt er Nachhaltigkeit doch als Resultat einer „offenen, aufmerksamen, umsichtigen, flexiblen, kreativen, einfühlenden und liebenden Lebenseinstellung“, die nicht verordnet werden könne, sondern getragen sein müsse von „verantwortungsbewussten Menschen“, realisiert im Rahmen „zivilgesellschaftlichen Engagements“. Das ist nicht weniger schwammig.
Doch schlägt man nun bei „V“ wie „Verantwortung“ und „Z“ wie „Zivilgesellschaft“ nach, erfährt man etwas genauer, was der Autor damit meint. Er plädiert in Sachen Verantwortung für einen weiten Wissensbegriff, der auch religiöse und kulturelle Erfahrungen aufnimmt und Emotionen nicht ausblendet. Damit die Zivilgesellschaft funktioniert, also ihre Rolle bei der Rettung von Mensch und Welt spielen kann, regt er „eine weitgehende Dezentralisierung“ an, wobei die kleinen Gruppen untereinander in Solidarität vernetzt sein sollten. So kann es schließlich gelingen, die Zukunft sinnvoll zu gestalten.
Die Zukunft – darum geht es. Die Quantenmechanik, so Dürr, lege nahe, dass sie, die Zukunft, offen, also gestaltbar ist. In der modernen Physik gebe es „keine zeitlich durchgängig existierende, objektivierbare Welt“ und die Naturgesetze, die man stets als ebenso feste wie bestimmende Größen begriff, lägen auf dem Niveau von Wahrscheinlichkeitsaussagen. Daher sei es unmöglich, „das zukünftige Geschehen eindeutig vorherzusagen“. Dürrs Schlussfolgerung: Wir können und sollen so handeln, „als ob noch alles möglich wäre“.
Hans-Peter Dürr argumentiert stringent und überzeugend gegen die selbstgenerierte Enge des positivistischen Weltbilds, gegen einen deterministischen Materialismus und damit für eine Zukunft, die offen ist und in der es uns möglich sein kann, zum Einklang mit der Natur und mit uns selbst zurückzufinden. Was „einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit“ zu den Krisen der Welt und ihrer Überwindung zu sagen bzw. zu schreiben hat, ist lesenswert, vor allem, weil es nicht bei theoretischen Spekulationen eines „Grenzgängers“ zwischen Physik und Philosophie bleibt, sondern die philosophischen Gedanken zum einen durch ihre naturwissenschaftliche Grundierung gefestigt, zum anderen durch ihren Bezug zur Lebenswelt konkretisiert werden. Das Lebende lebendiger werden lassen – ein Buch, das dazu das nötige Rüstzeug bereitstellt und zum Anfangen ermutigt. Mehr kann man nicht erwarten. Ein Tipp, nicht nur als Futter für die nächste Stammtischdiskussion darüber, dass es so nicht weitergeht. Bestimmt nicht.
Bibliographische Daten
Hans-Peter Dürr: Das Lebende lebendiger werden lassen. Wie uns neues Denken aus der Krise führt
München: Oekom (2011)
€ 17,95, 165 Seiten
ISBN: 978386581269
Josef Bordat
Freitag, 07.10.2011
Autor: Odile
Der Literaturnobelpreis ging dieses Jahr an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer, der als Meister der Verknappung gilt. Fast einhellige Zustimmung, auch wenn es Autoren gibt, die das nicht so gut finden, wie es scheint. Was man von Lars Gustafssons Aussage, Tranströmer sei „ein großer Handwerker und Präzisionslyriker“ halten soll, ist nicht so ganz klar.
Wer sich eine eigene Meinung bilden will und grade kein Buch von Tranströmer im Haus hat, kann auf die Schnelle nur im Web suchen. Einige Gedichtzeilen aus „Der halbfertige Himmel“ (1962) sind in einem Artikel auf der Deutschen Welle zu lesen, englischsprachige Übersetzungen auf poets.org: After a Death und Outskirts.
Es sind Gedichte von kristalliner Schönheit und Klarheit. Eine feine Wahrnehmung der Welt findet sich in diesen Gedichten, berührende Bilder. Es erstaunt nicht, dass dieser Dichter wunderschöne Haiku schreibt, von denen sich etwa englischsprachige Übersetzungen im Netz finden.
Die wenigen Ausschnitte aus Tranströmers Werk laden dazu ein, loszulaufen und einen Blick in den neuesten Band „Das Große Rätsel“ zu werfen, der fünf Gedichte und eine Hand voll Haiku enthält. Oder ihn lieber gleichim Internet zu bestellen. Denn Lyrik ist in den Buchhandelsregalen eher selten zu finden. Und wer weiß, vielleicht finden wir wirklich, wenn wir seine Gedichte gelesen haben, „einen neuen Zugang zur Realität„.
Tags: Literaturnobelpreis, Lyrik
Kommentare deaktiviert für Literaturnobelpreis für den Lyriker Tomas TranströmerFreitag, 07.10.2011
Autor: Anja Rauch
Sie kennen sich also richtig gut aus mit der jüngeren Geschichte unserer digitalen Welt, so seit den 80ern und dem C64? Wirklich?
Wenn Sie nun aber ganz ehrlich mit sich sind und sich insgeheim eingestehen, dass Sie davon nicht viel mehr wissen als die gängigen Klischees, die einem so täglich um die Ohren flattern, dann müssen Sie dieses Buch lesen. Und selbst wenn Sie sich gut auskennen, müssen Sie dieses Buch auch lesen. Weil es Spaß macht, denn es ist einfach gut geschrieben, stellt Zusammenhänge ausgezeichnet dar, und es lässt Erinnerungen wach werden.
So ging es jedenfalls den beiden „alten digitalen Hasen“ Nico Lumma und Olaf Kohlbrück.
Ich bin nur 2 Jahre jünger als Christian Stöcker, aber im Unterschied zu ihm bin ich in einem absolut computerlosen Haushalt aufgewachsen. Meine Eltern und meine beiden älteren Geschwister hatten und haben kein wirkliches Interesse für dieses Gebiet, und auch ansonsten gab es in meinem Freundeskreis irgendwie keine Nerds. Im Gymnasium habe ich dann aus Interesse eine AG belegt, in der ich dann lernte mit Computern umzugehen, was in MS DOS zu schreiben und so weiter. Die Basics halt, und ein klein wenig Turbo Pascal war auch dabei. Zu Hause gab es aber immer noch keinen Computer, und die Anschaffung stand auch außer Frage, generell und finanziell. Meine Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz schrieb ich noch schön an der (immerhin!) elektronischen Schreibmaschine. Und zugegebenermaßen, im Jahr 1994 sah das immer noch besser aus als mancher Ausdruck vom Computer. Ich sage nur Nadeldrucker und Endlospapier. Die Bewerbung um meinen jetzigen Arbeitsplatz habe ich dahin gegen komplett digital verschickt, nur 13 Jahre später also. Eine lange Zeit mit lauter spannenden Entwicklungen hinsichtlich IT und Internet, wie ich dank Christian Stöcker nun endlich einmal bewusst nachlesen durfte!
Für mich war Nerd Attack eine spannende Reise durch all das, was ich in meiner Kindheit und Jugend computertechnisch so verpasst habe. Nicht dass ich heute ein leidenschaftlicher Fan von Computerspielen wäre oder so, aber fasziniert bin ich doch von all den digitalen Möglichkeiten, die uns heute so selbstverständlich zur Verfügung stehen, und die uns im Alltag helfen. Dass dies jedoch alles ganz anders hätte kommen können, wenn es beispielsweise nicht die engagierte Hackerszene weltweit und in Deutschland gegeben hätte, war mir natürlich nicht bewusst. Hacker waren ja schließlich immer die Bösen, so wurde (und wird!) dies ja meist dargestellt.
Nerd Attack ist aus deutscher Sicht geschrieben, vergleicht dabei aber auch die Gründe für die unterschiedliche Entwicklung von Computertechnologien in den USA und Deutschland. Ein sehr wichtiges Thema, das uns damals wie heute in Atem hält. Man denke an daraus resultierende Diskussionen wie um Google Streetview, das gute alte Thema Datenschutz und die oftmals geforderte scharfe Kontrolle des Internet. Wer sich jemals gefragt hat (wie ich) warum wir überhaupt solche Diskussionen haben, und scheinbar auf diesem Niveau nur in Deutschland, der sollte ebenfalls unbedingt Nerd Attack lesen um Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen.
Schade eigentlich, dass der Musikdienst Spotify noch nicht in Deutschland launchen durfte. Dies wäre eine ideale Ergänzung im Kapitel über File- und Musiksharing gewesen. Auf der anderen Seite, wer Nerd Attack liest versteht auch, warum der Launch des bereits in den USA und Großbritannien so erfolgreich gestarteten schwedischen Dienstes in Deutschland noch eine ganze Weile auf sich warten lassen wird.
Was mich abschließend noch interessiert, ist wie der Titel des Buches zustande kam. Je weiter ich las, desto weniger machte der ‚Nerd Attack‘ Sinn. Auch wenn wir den sogenannten Nerds die Entwicklung und den heutigen Stand unserer digitalen Welt zu verdanken haben, so bietet dieses Buch doch so viel mehr. Und als Attacke wurden (und werden) Nerds doch eigentlich nur von den Gegnern aller Neuerungen wahrgenommen. Allerdings fällt mir jetzt spontan nix besseres ein, und zumindest weckt der Titel Interesse, was ja der Sinn des ganzen ist. Dass ich mit diesem Gedanken nicht allein war, zeigt der Beitrag von Thomas Knüwer, auch wenn er diesen Punkt vielleicht ein wenig provokant formuliert hat.
Fazit: Unbedingt lesen! Und an alle verschenken, die mehr über diese Zusammenhänge wissen sollten, es aber nicht tun. Eltern, Lehrer und Politiker also beispielsweise, ohne da jetzt pauschalisieren zu wollen. Aber das sind so die Zielgruppen, bei denen ich persönlich immer wieder einen gewissen Wissensergänzungsbedarf sehe. Wir alle lernen nicht aus, das ist ganz klar!
Mehr über Christian Stöcker und Nerd Attack gibt es auf Spiegel Online Netzwelt.
Nerd Attack!
ISBN: 978-3-421-04509-6
Preis: € 14,99
Tags: C64, Christian Stöcker, DVA, Nerd, Nerd Attack, Sachbuch
Ein KommentarDienstag, 04.10.2011
Autor: Andreas Schröter
Was als Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich mehr und mehr zu einem düsteren Stasi-Thriller. Antje Rávic Stubels „Sturz der Tage in der Nacht“ ist ein Roman mit vielen Facetten.
Der junge Erik verliebt sich auf einer skandinavischen Vogelschutzinsel in die 16 Jahre ältere Forscherin Inez. Doch die Liaison der beiden bleibt alles andere als ein luftiger Sommerflirt.
Autorin Antje Rávic Strubel, geboren 1974, enthüllt in Rückblenden nach und nach, dass Erik und Inez etwas verbindet, das weit in eine Zeit hineinreicht, in der die DDR mit den menschenverachtenden Intrigen ihrer Staatssicherheit noch in voller Blüte stand.
Der Autorin gelingt dabei gleich Mehreres: Sie fängt die Atmosphäre auf der sturm-umtosten Insel hervorragend ein, sie vermag es, dem Leser die Faszination der Vogelkunde anhand der tief tauchenden Lummen und Alken zu vermitteln, und sie hat die Arbeit der Stasi und das dumpfe Klima, das in der DDR noch in den 80er-Jahren herrschte, genau recherchiert.
Ihre Figuren dagegen, zu denen auch ein heutiger CDU-Bundestags-Kandidat und früherer Stasimann sowie sein Gehilfe gehören, wirken an einigen Stellen einen Tick zu holzschnittartig und zu wenig lebendig.
Dennoch bleibt „Sturz der Tage in die Nacht“ ein lesenswertes Buch, das von einer großen Liebe und dem Einfluss der alten Stasi-Aktivitäten auf unsere Gegenwart erzählt.
Sogar ein handfester Tabubruch kommt vor. Den an dieser Stelle zu verraten, hieße jedoch, dem Buch schon vorab eine seiner wichtigsten Pointen zu entreißen.
Antje Rávic Strubel, die in Potsdam und New York Literaturwissenschaften, Psychologie und Amerikanistik studierte, hat für frühere Romane bereits mehrere Literaturpreise erhalten – unter anderem den Marburger Literaturpreis und den Hermann-Hesse-Preis.
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Antje Rávic Strubel: Sturz der Tage in die Nacht.
S. Fischer, August 2011.
437 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Montag, 03.10.2011
Autor: JosefBordat
Eine Broschüre des „Go for Climate e.V.“ zeigt uns einen üppigen „Klimaschatz“
Dass Klimawandel eines der großen Themen des 21. Jahrhunderts ist, braucht wohl keiner näheren Erläuterung. Dass Klimaschutz eine globale Aufgabe unserer Tage ist, auch nicht. Etwas erklärungsbedürftig ist dann aber doch, dass Klimaschutz gar nicht so schwer und kostspielig sein muss, wie immer gesagt oder geschrieben. Mehr noch: Dass wir bereits jetzt über einen großen „Klimaschatz“ verfügen. Mit dem gleichnamigen Buch (besser: der Broschüre) hält man – so dessen Autoren Marilyn Heib, Tom-Robin Teschner und Anne Gröger die Schatzkarte in Händen.
Die Herausgeber/innen und Autor/inn/en des „Go for Climate e.V.“ präsentieren 50 Ideen zur Reduktion des Kohlenstoffdioxidausstoßes, bewerten deren Effekt, stellen ihn graphisch dar und regen in kurzen Kommentaren zu weiteren Schritten in den betreffenden Aktionsfeldern in den Gesellschaftsbereichen „Staat“, „Industrie“ und „Haushalte“ an. Wenn private und öffentliche Hände in die Truhe greifen und sich bedienen, dann steht dem effizienten Klimaschutz nichts mehr im Weg. Am Ende steht für Heib, Teschner und Gröger die Aussicht auf eine bessere Welt, in der ungefähr ein Drittel der Energie und des Kohlenstoffdioxids eingespart wird.
Sicher – in der Kürze liegt zwar die Würze und die Übersichtlichkeit ist gerade im Metier „Klimaschutz“, das durch eine Fülle von Neuerscheinungen immer unübersichtlicher wird, ein nicht zu unterschätzender Bonus, doch wird die Hochglanzbroschüre die Klimaskeptiker kaum überzeugen können. Auch wer tiefschürfende Diskussionen zu den kontroversen Thesen des Klimawandels (etwa zu dessen Anthropogenität oder zu der Auffassung, Adaption sei sinnvoller als Mitigation) sucht, wird nicht fündig werden und enttäuscht sein. Doch dafür ist der „Klimaschatz“ auch gar nicht gehoben worden, sondern für die, die ja prinzipiell gerne wollten, wenn sie nur zu können glaubten und wüssten, wo konkret anzusetzen wäre. Diese Zielgruppe der ebenso besorgten wie trägen Normalbürger erhält wertvolle Hinweise. Nicht jede und jeder kann alles gleich umsetzen, doch die Autoren geben umsetzbare Anregungen. Aus jedem Bereich sei dafür ein Beispiel genannt.
In Staat, Verwaltung und anderen öffentlichen Einrichtungen lassen sich vor allem bei Baumaßnahmen Energieeinsparungen erreichen. Doch die Bäume wachsen hier im Einzelfall nicht in den Himmel, wie der – aus energetischer Sicht – etwas ernüchternde Fall einer Kirchensanierung zeigt, bei der 140.000 Euro für Energiesparmaßnahmen ausgelegt wurden, um dann jährlich 6.300 Euro zu sparen. Amortisationszeit: über 22 Jahre. Das scheint lang und für die Motivation eher abträglich. Hier kommt es auf die Gesamtsicht an, um die Investition für gelungen zu befinden.
Der größte Batzen an Energie kann von der Industrie durch Prozessoptimierung und Bedarfsanpassung eingespart werden. Beispiel: Kühlanlagen. Hier können Investitionen von 383.000 Euro zu jährlichen Einsparungen i.H.v. 152.000 Euro führen. Nach nur zweieinhalb Jahren hat man die Mehrkosten wieder drin. Das lohnt sich!
Überraschend das Beispiel „Computer“, ein Handlungsfeld, das hier im Bereich „Privathaushalte“ angeführt wird, aber sicherlich auch die beruflichen Nutzer aus den Verwaltungsbüros von Politik und Wirtschaft angeht. Motto: Netbook statt Notebook. Nicht nur, dass man damit Energie spart (7 Euro pro Jahr), Netbooks sind auch günstiger in der Anschaffung. Dass sie – nach Meinung der „Go for Climate“-Autor/inn/en – auch ein schickeres Design haben, ist sicher Geschmackssache.
Auch, wenn nicht alle Blütenträume reifen werden und die über 50 Mrd. Euro an jährlichen Einsparungen, die das Autorenkollektiv uns prophezeit, wenn nur die vorgeschlagenen Maßnahmen ergriffen werden, einer wirklich belastbaren Datenbasis mangeln und „paradoxe Effekte“ (etwa bei der Beleuchtung, vgl. dazu Die Ethik des Lichts) ausgespart werden, so kann man zurecht von einem „Schatz“ sprechen. Es kommt nun darauf an, ihn zu bergen und die Beute fair und mit Augenmaß und Sachverstand zu verteilen. Denn sonst kann es schnell zur „Meuterei auf der Deutschland“ kommen, wenn Industriekapitäne geschont und einfache Matrosen mit Einschränkungen überbelastet werden.
Bibliographische Daten
Marilyn Heib, Tom-Robin Teschner, Anne Gröger (Hrsg.): Der Klimaschatz – 50 Praxis-Beispiele, wie wir mit Energieeffizienz Kosten senken, Arbeitsplätze schaffen und das Klima schützen können
München: Oekom (2011)
144 Seiten, € 19,95
ISBN-13: 978-3-86581-272-8
Josef Bordat
Sonntag, 02.10.2011
Autor: JosefBordat
Die Spielpädagogin Gabriele Meisner präsentiert eine umfangreiche Sammlung von Spielideen.
Schach, Murmeln, Verstecken, Fangen. Das Spiel begeistert seit Jahrtausenden die Menschen und bildet in der Unterschiedlichkeit seiner konkreten Ausprägungsformen einen eigenen kulturellen Habitus, der sich einerseits durch Zweckfreiheit und Mangel an Ernsthaftigkeit („Es ist ja nur ein Spiel!“), andererseits durch große symbolische Bedeutung auszeichnet. Einige Spielformen – man denke an das Fußballspiel – haben mittlerweile auch einen Eigenwert, der jedoch das Spielerische gerade in Frage stellt. Geht es um Geld, ist schnell die Unschuld des Spiels in Gefahr. Das zeigen professionell betriebene Sportspiele ebenso wie Wett- und Glücksspiele, die Menschen in Sucht und letztlich in den Ruin führen.
Das ganze Leben lässt sich als „Spiel“ begreifen, doch das zeitlich und räumlich begrenzte Spiel im engeren Sinne verdichtet menschliche Erfahrungsqualitäten. Siegen, verlieren, Glück, Pech, Kooperation und Konkurrenz – all das sind Modi des Miteinanders, die beim Spiel ebenso vorkommen wie im „echten Leben“, im Spiel jedoch lokal und temporal pointiert. Daher ist das Spiel eine Art Simulation komplexer lebensweltlicher Zusammenhänge, die wie im Zeitraffer Schicksalswendungen abbildet und dabei nicht zuletzt den Charakter des Spielenden offenbart. Das bedeutet: Wer einen Menschen kennenlernen will, sollte mit ihm spielen. Planspiele bilden denn auch seit geraumer Zeit den Rahmen für Personalauswahl und Leistungsnachweis.
Im Spiel kann man sich insoweit bewähren, aber auch viel lernen. Deshalb ist das Spiel ein Kernelement jeder Pädagogik. Spielformen können erwünschte moralische Verhaltensmodi fördern oder hemmen. Spielend lernen, spielerisch zu neuen Erkenntnissen kommen, das ist für Kinder, aber auch für Erwachsene ein sicherer und angenehmer Bildungsweg.
Um aber für unterschiedliche Situationen geeignete Spielideen parat zu haben, braucht man einen Fundus an unterschiedlichen Spielvarianten, muss die Spielregeln kennen und auch die daraus zu entwickelnden Optionen für den Spielverlauf. Es gilt nämlich einzuschätzen, ob für eine bestimmte Gruppe – man spielt am Besten in Gesellschaft – ein Spiel geeignet ist oder nicht. Das ist eine Frage der Gruppengröße, des Alters, aber auch der Vorerfahrung, des sozialen und kulturellen Kontextes und sicher auch des Anlasses. Handbücher geben hier einen Überblick und liefern wertvolle Hinweise.
Ein solches Handbuch liegt mir nun zur Besprechung vor: Das große Spielebuch von Gabriele Meisner, Spielpädagogin aus Berlin. Die Autorin hat fast 200 Spiele gesammelt und beschreibt deren Ideen und Regeln, stellt übersichtlich die wichtigsten Kennzahlen zur Verfügung (Gruppengröße, Alter, Vorbereitung) und macht zudem nützliche Bemerkungen zum pädagogisch sinnvollen Einsatzes des Spiels, sei dieses nun ein Spiel für drinnen oder draußen. (Warum es allerdings statt „drinnen“ und „draußen“ unbedingt „indoor“ und „outdoor“ heißen muss, bleibt das Geheimnis der Autorin.)
Noch während ich diese Rezension schreibe, habe ich Gelegenheit, den Gebrauchswert des Buches ganz konkret in Erfahrung zu bringen. Ich sitze im ICE, eine gelangweilte Familie mit zwei Grundschulkindern hinter und eine Mutter mit ihrer etwa 8jährigen Tochter vor mir. Ebenfalls gelangweilt, nachdem das mitgeführte Bildersachbuch zweimal durchgeackert war. Was nun? Ich greife zu dem Buch, das ich bespreche. Mal sehen, was Frau Meisner empfiehlt! Gesucht: Spiele für 2 bis 4 Personen, für Kinder ab 8, die ohne großen Aufwand zu organisieren sind. Tatsächlich: Ich werde fündig. Die Auswahl an Ideen für Spontan-Spiele im kleinen Kreis ist allerdings nicht besonders groß. „Wer reagiert schneller“ , ein Geschicklichkeitsspiel, das sich mit etwas Phantasie auf ICE-Gegebenheiten anpassen lässt, dazu zwei simple Schreibspiele, die auch in Kleingruppen gespielt werden können – „Ein Kreuz mit den Worten“ (ab 2 Personen) und „Wortspielereien“ (für mindestens 3 Personen). Man muss allerdings Papier und Stifte zur Hand haben. Dann vielleicht doch eher „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“?
Ohne Zweifel: Die Spiele in Das große Spielebuch sind eher für größere Gruppen ab 8 Personen gedacht, eignen sich also gut für Kindergeburtstage, Schulklassen und Kitas. Für Kleingruppen und Familien gibt es nur wenige Vorschläge, hier dürfte es auch schwer sein, mit Brettspielklassikern wie „Mühle“ oder „Mensch, ärgere dich nicht“ zu konkurrieren. Zumeist sind aber auch diese Familienspiele ab 4 Personen, so dass da in vielen Fällen schon die Nachbarn zu Besuch kommen müssen, um die Runde zu komplettieren.
Einige der Meisner-Spiele sind „Klassiker“. Ich kenne sie noch aus meiner eigenen Kindheit, wenn auch nicht unter den phantasievollen Namen, deren kreativer Zug den Nachteil birgt, dass die Bezeichnung oft nicht selbsterklärend ist. Dass hinter „Immer an der Wand lang“ der beliebte „Münzzielwurf“ versteckt ist, der uns damals die Schulpausen verkürzte, erschließt sich nur, nachdem man die Spielbeschreibung gelesen hat. So ist das Register im Anhang, in dem die Spiele dem Namen nach alphabetisch sortiert sind, auch nur demjenigen von Nutzen, der sich unter den Namen der Spiele etwas zu deren Inhalt vorstellen kann, d.h. dem, der die Spiele schon gut kennt. Besser wäre es wohl gewesen, einen nach den wichtigsten Kennzahlen geordneten Index zu erstellen, in dem die Spiele beispielsweise nach der Gruppengröße aufgelistet werden, um sich ausgehend von den Gegebenheiten vor Ort schnell und bequem einen Zugriff auf geeignete Spielideen zu verschaffen.
Einiges ist aber nicht nur dem Namen nach neu. Gabriele Meisner sorgt mit wirklich verblüffenden Spielideen, deren Witz oft im Detail steckt, für Abwechslung auf dem Spielplan. Interessant sind vor allem die Geschmacks- und Schätzspiele und die Spiele, die mit religionspädagogischer Absicht angeboten werden, die sich also mit kirchlichen Festen und christlichen Themen in Verbindungen bringen lassen. Hier bieten sich für die Gruppenstunden im Erstkommunion- oder Firmvorbereitungskurs gute Möglichkeiten, den „Lernstoff“ spielerisch zu erarbeiten: Das „Kirchenfeste-Quartett“ beispielsweise oder auch das „Bibelquiz“ sind echte Alternativen zum Frontalunterricht in Christenlehre.
Fazit: Das in Haptik und Optik sehr freundlich gestaltete Buch sei allen empfohlen, die nach den besten alten und guten neuen Spielideen für die (sozial)pädagogische Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen suchen, vor allem (aber nicht nur) im Raum der Kirche.
Bibliographische Daten:
Gabriele Meisner: Das große Spielebuch. Für Familien und Gruppe, drinnen und draußen, Feste und Jahreskreis, daheim und unterwegs
Leipzig: St. Benno (2011)
120 Seiten, EUR 14,50
ISBN-13: 978-3746230610
Josef Bordat
Dienstag, 27.09.2011
Autor: Andreas Schröter
Chan Koonchungs Roman „Die fetten Jahre“ spielt zwei Jahre in der Zukunft: Im Jahre 2013 hat China die Wirtschaftskrise bestens überstanden und steht in der Weltwirtschaft blendend dar. Die meisten Chinesen sind überaus fröhlich und haben sich mit der Einparteien-Diktatur ausgesöhnt.
Nur einigen wenigen Menschen kommt diese kritiklose Fröhlichkeit seltsam vor. Auch erinnert sich einer von ihnen an einen „verschwundenen Monat“ zwischen dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise und dem danach folgenden Goldenen Zeitalter in China. Alle anderen Menschen scheinen diesen Monat komplett vergessen zu haben. Und so macht sich eine kleine Schar von Gleichgesinnten auf, dem Rätsel auf die Spur zu kommen.
„Die fetten Jahre“ hat Anklänge von einem Social-Fiction-Roman, also jenem Subgenre der Science-Fiction, das ohne Aliens und Sternenschiffe auskommt. Isaac Asimov und Philip K. Dick sind wichtige Vertreter dieses Subgenres. Der 1952 geborene Autor Chan Koonchung kritisiert auf diese Weise die Diktatur in China, in der die Partei nach seiner Meinung nach wie vor nicht zu wichtigen Themen der chinesischen Geschichte wie dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 oder der Niederschlagung der Falun-Gong-Bewegung 1999 Stellung bezieht und das Volk weiterhin möglichst unwissend hält.
Obwohl auch eine zarte Liebsgeschichte vorkommt, ist „Die fetten Jahre“ vor allem für diejenigen Leser interessant, die sich für die Politik Chinas interessieren. Gegen Ende mutiert das Buch komplett zum etwas spröden wirtschaftspolitischen Essay und verliert beinahe alle romanhaften Züge. Da bricht womöglich die Karriere des Autors als Journalist sowie als Medien-Manager durch. Fazit: ein Roman eher für den Kopf, weniger jedoch für den Bauch, fürs Gefühl.
Chan Koonchung: Die fetten Jahre.
Eichborn, August 2011.
299 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.
Dienstag, 20.09.2011
Autor: Theresa Brehm
Wer spontan ist und heute Abend in Berlin noch nichts vorhat, dem sei die Veranstaltung mit Steven Uhly um 20 Uhr in der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz empfohlen. Der junge Autor liest aus seinem Roman „Adams Fuge“ – eine fantastische und abgründige Antwort auf migrantische Debatten und Doppelidentitäten.
Vor kurzem feierte die Autorenbuchhandlung ihr 35. Jubiläum. In den 70er und 80er Jahren lasen von Hubert Fichte über Allen Ginsberg bis Susan Sontag die Crème de la Crème der Popliteraten und interessantesten Kritiker in der Berliner Institution. Fazit: Sexy und subversiv.
Popliterarisch wurde auch der Geburtstag am 1. September inszeniert: Thomas Meinecke, Autor, DJ und Musiker las aus seinem neuen Roman „Lookalikes“, legte Grace Jones auf und pflegte mit allen Autogramm-Anstehern einen ausgiebigen Plausch, während Christiane Rösinger schon zum Aufbruch drängelte.
Hatte die Autorenbuchhandlung zwischenzeitlich an Relevanz eingebüßt, gelingt es den neuen Besitzern Fürst & Iven seit 2008 wieder spannende Veranstaltungen mit zum Teil interdisziplinären Fokus anzubieten. Das verspricht besonders die Lesung mit dem drogenerprobten Musiker und Autoren Tony O‘ Neill am 22. September. Ich freue mich drauf!
Charlottenburg rocks. Wer hätte es gedacht?
Am Abend ist es hier schön düster, am Tag strahlend hell. Dann fällt das Licht durch die hohen Bogenfenster unter den S-Bahnbögen. Juli 2011 ist die Autorenbuchhandlung an den Charlottenburger Savignyplatz gezogen.
Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos