Mittwoch, 22.06.2011
Autor: JosefBordat
Andreas Lienkamp stellt eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive vor.
Wenn wir davon ausgehen – und das müssen wir wohl leider, nach allem was wir wissen –, dass der Klimawandel auch anthropogen ist, dass also der Mensch mit seinem Verhalten eine Rolle dabei spielt, dass und wie stark sich das Klima ändert, dann können wir die Vorstellungen davon, wie sich der Mensch verhalten soll, also das, was klassischer Weise Gegenstand der normativen Ethik ist, als Teil der Lösungsstrategie zur Vermeidung bzw. Abschwächung des Klimawandels ansehen. Der Klimawandel, der intensiv von natur- und geowissenschaftlicher Seite erforscht wird, ist damit auch ein Thema für die Disziplinen, die sich um Konzeptionen normativer Ethik kümmern und Moraltheorien entwickeln: die praktische Philosophie und die Moraltheologie. Menschen sind verantwortlich, der Klimawandel ist ungerecht. Für dieses Problem braucht es Lösungen.
Mit „Klimawandel und Gerechtigkeit“ hat der katholische Theologe Andreas Lienkamp 2009 eine einschlägige Abhandlung vorgelegt, mit der er dazu eine „Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive“ zu begründen versucht. Ihm gelingt dies in überzeugender Manier. Lienkamp wurde für seine Arbeit der „Habilitationspreis“ der Universität Bamberg (2008) und der „Philosophische Buchpreis“ des Forschungsinstituts für Philosophie, Hannover (2010) verliehen.
Auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes zu Ursachen, Ontologie und Phänomenologie des Klimawandels entwickelt Lienkamp sehr ausführlich Konzepte und Kriterien einer darauf orientierten christlichen Ethik, die bis in konkrete technische, politische und individuelle Mitigations- und Adaptionsmaßnahmen hinein entfaltet wird.
Lienkamp denkt von den Opfern her. Diejenigen, die unter dem Klimawandel am meisten leiden und künftig leiden werden, müssen im Rahmen eines moraltheologisch fundierten Klimaschutzes im Fokus der normativen Schritte stehen, die auch und gerade diejenigen gehen müssen, die nicht so stark betroffen sind. Diese Maßnahmen, die ja Geld kosten und Lebensqualität mindern, müssen als Pflichten gegen die Gerechtigkeit in ihrer globalen, intergenerationalen und ökologischen Dimension angesehen werden, nicht als Almosen angesichts eines schicksalhaften und insoweit unabwendbaren Unglücks.
Weil es auch um Einschnitte in (liebgewonnene) Lebensgewohnheiten geht, braucht es aber eine Rechtfertigung, also eine Verortung der Maßnahmen in den Rahmen einer rational nachvollziehbaren Ethik. Diese konzipiert Lienkamp aus christlicher Sicht, jedoch über individualistische Verantwortungsansätze einer Tugendmoral hinausgehend, zugleich jedoch verdeutlichend, dass normatives Institutionenhandeln auf höchster Ebene und von oberster Stelle (im Fall des Klimawandels muss dies die in den Vereinten Nationen organisierte Weltgemeinschaft sein) nicht von Mensch und Moral losgelöst sein darf.
Lienkamp sorgt mit seiner transdisziplinären Arbeit, die von der theologischen Anthropologie ausgehend über moraltheoretische Begründungsmodelle und die Rekonstruktion des fachlichen Klimawandeldiskurses bis zur Darstellung und Analyse der politischen und rechtlichen Strategien läuft, in sehr eindrucksvoller Weise dafür, dass die Wurzeln christlicher Moralität – das schöpfungstheologisch begründete Menschenbild und das damit verbundene Mensch-Natur-Verhältnis – nicht verloren gehen, sondern in kluger Ausdeutung an die Erfordernisse des Klimawandels angepasst werden.
Andreas Lienkamp macht deutlich: Eine Ethik der Nachhaltigkeit – dazu gibt es keine vernünftige Alternative. Ein wichtiger Beitrag, lesenswert für alle, die sich für eine Fortschreibung christlicher Moralvorstellungen und/oder für den Klimawandel als moraltheoretisches Problem interessieren.
Andreas Lienkamp: Klimawandel und Gerechtigkeit: Eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive
Schöningh, Paderborn 2009
536 Seiten, 58 Euro
978-3506766755
Josef Bordat
Samstag, 18.06.2011
Autor: Andreas Schröter
Rau, intensiv und spannend – das ist der Roman des 64-jährigen australischen Autors Peter Temple mit dem Titel „Wahrheit“.
Weil Hauptfigur Stephen Villani Kriminalinspektor ist und es um die Aufklärung mehrerer Mordfälle geht, muss man dieses Buch wohl in das Genre Krimi einordnen. Tatsächlich aber ist „Wahrheit“ viel mehr: das punktgenaue Psychogramm eines Mannes in seinen mittleren Jahren, der an den vielen Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellen, zu zerbrechen droht. Da sind die Vorgesetzten Villanis, die – auch unter dem Druck der Presse – Erfolge verlangen. Da ist seine Ehe, die vor dem Ende steht, und da ist die 15-jährige drogenabhängige Tochter, die nichts mehr von ihrem Vater wissen will. Und sogar das Schönste, was Stephen Villani besitzt, ein Wald aus Eichen, den er als Jugendlicher gemeinsam mit seinem Vater gepflanzt hat, droht durch einen unkontrollierbaren Waldbrand vernichtet zu werden.
Peter Temple zieht den Leser derart tief in seine Geschichte, dass man beim Umblättern der Seiten meint, die Hitze des Waldbrandes zu spüren, den Gestank an einem Tatort zu riechen und die Niedergeschlagenheit der Polizisten beim Erledigen ihres Jobs selbst zu erleben. Stilistisch ist dieses Buch geradezu herausragend. Die Dialoge in einer sehr direkten, oft nahezu brutal wirkenden Sprache scheinen 1:1 aus dem Büro einer Polizeidienststelle übernommen zu sein. Gerade vor dem Hintergrund der vielen Erzeugnisse stilistisch schlimmster Machart, die ansonsten im Krimi-/Thriller-Genre auf den Markt geworfen werden, ist dieses Buch gar nicht hoch genug zu bewerten.
Kleiner Kritikpunkt: Die reine Handlung um die aufzuklärenden Mordfälle ist arg kompliziert und erfordert vom Leser ein hohes Maß an Konzentration. Zudem kommt eine Vielzahl von verschiedenen Figuren vor, die man sich nur schwer alle merken kann. Dennoch insgesamt unbedingt zu empfehlen.
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Peter Temple: Wahrheit.
Bertelsmann, März 2011.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,99 Euro.
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Mittwoch, 15.06.2011
Autor: Immo Sennewald
Michael Jackson ist für ihn “Modellfigur”: Rainer Funk entwickelt in seinem Buch “Der entgrenzte Mensch” so etwas wie die Psychopathologie der in digitalen Räumen beheimateten, weitgehend an Quantifizierung von Leistung, Mediengebrauch und Vermarktung ihrer selbst angepassten Persönlichkeit. Das ist nichts anderes als ein Teil unseres “Ich” – er qualifiziert uns für moderne Arbeits- und Lebenswelten. Rainer Funks Methode, dabei den universellen Begriff von der Grenze als allem natürlichen, allem biologischen insbesondere eigene Begrenztheit zu betrachten, das Überschreiten von Grenzen dialektisch als Naturprinzip zu sehen, sich dann aber den besonderen, dem Menschen durch geeignete Werkzeuge mögliche “Entgrenzungen” zu widmen, führt zu hochinteressanten Überlegungen. Dass der Mensch die biologischen Grenzen seiner Körperlichkeit im Industriezeitalter buchstäblich niedergerissen hat – das Auto, das Fluggerät, der Raumgleiter, die Sattelitennavigation markieren solche Entgrenzungen – hat ihn nämlich zugleich in wachsende Abhängigkeit vom eigenen Instrumentarium gebracht. So weit, so allgemein dank Vulkanausbrüchen und Stromausfällen beglaubigt.
Was mir an Funks Gedanken gefiel: Wie er nach Folgen einer von allen Realitätsbindungen sich lösenden, mit fortwährend wachsender Genauigkeit Realität simulierenden Technik für die Persönlichkeitsentwicklung fragt. Was geschieht mit Menschen, die in virtuellen Räumen handeln, sich dabei als Helden und Schmiede ihres Glücks erleben können, denen die Macht gegeben ist, ihr persönliches Umfeld zu gestalten, noch dazu in Teams mit anderen vernetzt, also sozial ermächtigt? Welche Rückwirkungen haben die ganz realen Serotoninschübe in der irrealen “World of Warcraft” für den unvermeidlichen Umgang mit einer Realität, in der aus selbst inszenierten Helden wieder Schüler, Studis, Angestellte mit sehr begrenzten Handlungsfeldern und wenig verlässlichen Verbündeten werden?
Beinahe noch frappanter: Selbstdarstellung ist in den virtuellen Räumen des Internets und aller anderen Formen digitalen Personalmanagements schier unvermeidlich. Wie kritisch kann jemand, der sein Selbstbild auf die Wünsche der Dienstleister hin perfekt optimiert, noch mit den eigenen Grenzen umgehen?
Die Psychologie weiß, wie sich durch ständig wiederholte Verhaltensroutinen gewissermaßen “Trampelpfade” in den Vernetzungen des Gedächtnisses bilden. Verhalten wird automatisiert, Sozialverhalten ritualisiert. Dieses “Einspuren” findet beim Handeln in der Realität ebenso wie in der Simulation statt. Für manchen wird es unmöglich, den in der Simulation angelegten Trampelpfad der Wahrnehmung, der antrainieren Handlungsmuster zu verlassen. In virtuellen Räumen hat er sich entgrenzt, mir den Grenzen des Alltags kommt er nicht mehr zurecht.
Michael Jackson hatte in der Welt des Showbiz ein der Realität sehr fernes, schwerelos erscheinendes, ekstatisches Leben; die Medien vergrößerten ihn über alle, dem “Normalo” zugänglichen Dimensionen hinaus, und er erwarb ein Vermögen, mit dem er sich in “Neverland” und dank der plastischen Chirurgie ein ewiges Kinderreich erschaffen wollte – entgrenzt von der Körperlichkeit des alternden Menschen. Natürlich war “Jacko” eine singuläre Erscheinung. Die jungen Männer aber, denen im Virtuellen ein Siegerverhalten anwächst, dessen Anspruch im Alltag scheitert, deren konstruiertes, durch Simulation aber tief verfestigtes Selbstbild ihnen keinen Ausweg mehr aus den Niederlagen der Schule oder der Arbeitswelt zeigt – sie werden aus unauffälligen Naturen zu überdimensionalen Killern, so wie Robert Steinhäuser vor fast zehn Jahren in Erfurt und andere nach ihm.
Dabei, das versteht man spätestens, wenn man Funks Buch liest, sind “Ballerspiele” nicht die Ursache. Sie verhelfen nur zu nachhaltigen Erfahrungen der Entgrenzung. Wer aber im Alltag alleingelassen, im Virtuellen getragen von “communities” erfolgreich trainiert, alle Grenzen niederzureißen, wer der realen Medienverstärkung ins Überdimensionale sicher sein kann, wenn er alle Grenzen in der Realität zerstört, der fragt nicht mehr nach Kollateralschäden.
Rainer Funks Buch ist indessen allen zu empfehlen, die den Umgang mit eigenen Grenzen intensivieren wollen.
“Der entgrenzte Mensch” im Gütersloher Verlagshaus 2011, 240 Seiten, 19,99 €
Tags: Computerspiele, Freiheit, Konflikte, Kritik, medien, Michael Jackson, Personalmanagement, Politik, Psychologie, Rezension, Technik
Kommentare deaktiviert für Alle Grenzen sprengen – in die totale AbhängigkeitSamstag, 11.06.2011
Autor: Andreas Schröter
Der Spanier Carlos Ruiz Zafón wurde mit seinem in Deutschland 2003 veröffentlichten Roman „Der Schatten des Windes“ weltberühmt. Fünf Jahre später folgte „Das Spiel des Engels“. Nun hat sich der S. Fischer-Verlag an ein Werk erinnert, das Zafón im Original bereits 1999 verfasst hat, also lange vor seinen großen Erfolgen: „Marina“ heißt es. Ohne den Erfolg der beiden anderen Bücher wäre dieser Roman mutmaßlich nie in Deutschland erschienen.
Er liest sich wie eine Light-Version, wie ein Vorläufer von „Der Schatten des Windes“ – so als habe Zafón damit für den späteren ganz großen Wurf geübt. Beide Romane weisen dieselben (Grusel-)Zutaten auf: Verfallende Gemäuer, dunkle Friedhöfe, tragische Liebesgeschichten, die schon mehrere Jahrzehnte vor der eigentlichen Handlung liegen, und düstere Figuren, die ihr Gesicht hinter einer Maske verstecken müssen, weil es von einem Feuer oder von Säure entstellt ist. Das alles mag beim ersten Mal originell, gruselig und faszinierend wirken. Aber wenn man es zum zweiten Mal vom selben Autor liest, hat es eine weitaus geringere Wirkung. Zur Handlung: Der Student Oscar lernt in einer alten Villa in Barcelona ein Mädchen kennen, mit dem er nach und nach ein schauriges Geheimnis entdeckt, dessen Ursprung mehr als 30 Jahre zurückliegt.
Untote, die halb aus menschlichen Leichen und halb aus Ersatzteilen bestehen, spielen dabei eine Rolle. „Marina“ ist atmosphärisch dicht, kann aber letztlich nicht die Wirkung von „Der Schatten des Windes“ entfalten.
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Carlos Ruiz Zafón: Marina.
S. Fischer, April 2011.
352 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.
Montag, 06.06.2011
Autor: Andreas Schröter
Es ist schon erstaunlich, was im Thriller-Genre alles den Weg zwischen zwei Buchdeckel schafft. Beispiel „Strindbergs Stern“ von einem schwedischen Autor namens Jan Wallentin: Dieses Machwerk lässt so ziemlich alles vermissen, was ein gutes Buch ausmacht. Es besteht aus blassen Charakteren, deren Vorgehen in kaum einer Szene nachzuvollziehen ist, und einer Handlung für die der Ausdruck „an den Haaren herbeigezogen“ noch eine Untertreibung darstellt.
Der 1970 geborene Autor hat alle Zutaten genommen, die er finden konnte, und einmal kräftig umgerührt: die Nazis, den französischen Schriftsteller Baudelaire, die Bergwerke zu Falun, Strindbergs Nordpolexpedition, die nordische Mythologie und und und …
Wenn ich es recht verstehe, geht es um ein Instrument, mit dem man eine Art Höllenschlund entweder finden oder auftun kann. Das Instrument besteht aus zwei Teilen, die sich jedoch zu Beginn der Geschichte an zwei verschiedenen Orten befinden. Eines in den inzwischen gefluteten Bergwerken zu Falun, das andere in dem Grab eines im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten in Belgien. An diesem Instrument haben mehrere Parteien ein Interesse, und die Jagd beginnt.
Zugegeben, es gibt ein paar schöne Stellen und Ideen in diesem Buch. Die Schilderung einer Polarreise von August Strindbergs Sohn Nils ist leidlich spannend, und die Idee, in einem als Güterwaggon getarnten Nobelsalon-Eisenbahnwagen durch Europa zu reisen, hat ihren Reiz. Und doch ergeben die einzelnen Kapitel kein geschlossenes Ganzes, sondern sind zusammen genommen derart abstrus, dass man beim Lesen ständig den Kopf schüttelt. Immer wieder werden neue potenziell interessante Figuren eingeführt – wie ein abgewrackter Höhlentaucher, ein Zeitungspraktikant oder eine in einem U-Bahnhof hausende Computerfachfrau (die stark an Lisbeth Salander aus den Krimis von Stieg Larsson erinnert), nur um dann ein paar Seiten später keine Rolle mehr zu spielen.
Insgesamt ein ganz schlechtes Buch.
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Jan Wallentin: Strindbergs Stern.
S. Fischer, März 2011.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Montag, 30.05.2011
Autor: Andreas Schröter
„Skippy stirbt“ von Paul Murray, ist bereits von seiner äußeren Aufmachung her ungewöhnlich. Der 780-Seiten Roman besteht aus drei einzelnen Taschenbüchern, die mit den Untertiteln „Hopeland“, Heartland“ und Ghostland“ versehen sind. Das Ganze steckt in einem Schuber, und ein schickes Lesezeichen gibt’s auch noch dazu. Lob an den Verlag Antje Kunstmann für soviel bibliophiles Engagement in einer Zeit, in der Bücher (vielleicht bald) von E-Books verdrängt werden. Die Kehrseite der Medaille: „Skippy stirbt“ kostet satte 26 Euro.
Inhaltlich geht’s um die Zustände in einem irischen Jungen-Internat vor und nach dem Tod eines Schülers namens Daniel „Skippy“ Juster. Der 14-Jährige wird nicht mit der Krebserkrankung seiner Mutter fertig, verliebt sich unglücklich und hat es auch noch mit zwei pädophilen Lehrern und einem wenig sensiblen Schulleiter zu tun. Zuviel für ihn. Dass er wirklich stirbt, wird zwar schon auf den ersten Seiten klar, doch beinhalten die ersten beiden Bände die Ereignisse vor seinem Tod. Aber die bloße Handlung ist nicht das Wichtigste an diesem überaus lesenswerten Buch. Es ist die rundum glaubhafte Internats-Atmosphäre, die von diesem Roman ausgeht – mit den sexbesessenen Pubertierenden, jenem dicklichen, aber hochintelligenten Außenseiter, der nur an ferne Dimensionen denkt, Jugendlichen, die mit ersten Drogengeschäften auf die schiefe Bahn geraten, und dem Treiben im benachbarten Mädchen-Internat. Der irische Autor Paul Murray, geboren 1975, trifft sie Jugendsprache stets sehr genau.
Vieles erinnert bis hierhin an den Klassiker der Sparte „Romane über das Erwachsenwerden“, Salingers „Der Fänger im Roggen“. Doch „Skippy stirbt“ geht darüber hinaus, weil es auch die Erwachsenenwelt beinhaltet. Wir lernen unter anderem den Geschichtslehrer Howard kennen, der sich in seiner Ehe langweilt, sich in eine Aushilfslehrerin verliebt und von wildem Sex mit ihr träumt. Damit unterscheidet er sich kaum von seinen Schülern und ihren Phantasien. Auch hier trifft der Autor die Atmosphäre im Lehrerzimmer mit ihren kleinen Intrigen, Feindschaften und Lustlosigkeiten sehr genau.
Am Ende mündet alles in ein finale furioso, bei dem das ganze Internat und auch die handelnden Figuren noch einmal in ihren Grundfesten erschüttert werden. Ob es dieses gewaltigen Schlussakkords bedurft hätte, sei dahingestellt. Auch ohne dies ist „Skippy stirbt“ ein richtig gutes Buch.
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Paul Murray: Skippy stirbt.
Verlag Antje Kunstmann, Januar 2011.
780 Seiten, drei Taschenbücher im Schuber, 26 Euro.
Freitag, 20.05.2011
Autor: Andreas Schröter
Julie Orringers Debütroman „Die unsichtbare Brücke“ – nach ihrem Erzählband „Unter Wasser atmen“ – behandelt das grausame Schicksal der ungarischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt des 820-Seiten-Wälzers steht der junge Andras, der 1937 nach Paris reist, um dort Architektur zu studieren. Er verliebt sich in die schöne Tanzlehrerin Claire und zieht mit ihr nach Budapest, als Juden in Paris nicht mehr erwünscht sind. Doch in Ungarn wird alles – und das weiß man aus der Geschichte – noch viel schlimmer.
Der Roman der 1973 geborenen US-Amerikanerin ist atmosphärisch ausgesprochen stark, wenn es darum geht, das Paris der Vorkriegszeit, im späteren Verlauf das Budapest der Kriegsjahre oder die unmenschlichen Bedingungen für die jüdischen Männer in den Arbeitslagern abzubilden. Immer meint man als Leser, ganz dicht am Geschehen zu sein. Durch die Dramatik der Ereignisse während des Krieges gewinnt „Die unsichtbare Brücke“ besonders in der zweiten Hälfte enorm an Spannung. Alle Details wirken ausgesprochen gut und sorgfältig recherchiert.
Etwas weniger überzeugend sind dagegen die Passagen, in denen es um die Liebesbeziehung von Andras und Claire sowie von Andras Bruder Tibor und Ilana sowie deren Beziehungen untereinander geht. Vieles daran wirkt so überbordend rein und gut, dass es zuweilen ganz nah in Richtung Kitsch abdriftet. Ein paar dunkle Seiten der Hauptprotagonisten hätten authentischer gewirkt und der Geschichte den Zuckerguss genommen, der sie an einigen Stellen allzu dick überzieht. Möglicherweise hat sich Julie Orringer aber genau damit schwer getan, weil die Vorbilder für Andras und Claire ihre eigenen Großeltern sind, wie sie in einer Danksagung am Ende des Buches erklärt. Trotz dieser leichten Abstriche ein lesenswertes Buch!
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Julie Orringer: Die unsichtbare Brücke.
Kiwi, Februar 2011.
820 Seiten, Hardcover, 24,95 Euro.
Freitag, 06.05.2011
Autor: JosefBordat
Markus Reiter singt ein flottes Loblied auf das Mittelmaß – gegen die Exzellenz-Hymnen unserer Tage
Wer in einem beliebigen Medium eine beliebige Debatte zu einem beliebigen Thema aus Wirtschaft, Politik, Sport, Kunst, Bildung oder Wissenschaft verfolgt, wird irgendwann auf die These stoßen, dass die Spitzen der jeweiligen Gesellschaftsbereiche zu fördern seien, um der Masse eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Der Publizist Markus Reiter stellt diese These auf den Kopf und erinnert daran, dass jede Spitze eine Stütze braucht, eine breite Basis, ein Fundament: „Wer sich das Mittelmaß wegdenkt, wird die Spitze einbrechen sehen.“. Somit sei es sinnvoller, die Masse zu fördern als sich auf die Top-Performer zu konzentrieren.
Reuter depotenziert schillernde Phänomene wie „Hochbegabung“ oder „Elite“ auf das, was sie gesellschaftlich betrachtet sind: überschätze Randerscheinungen. Statt dessen lenkt er den Blick auf das, was eigentlich nicht zu übersehen ist, aber oft keine Beachtung erfährt: das Mittelmaß. Reiter denkt bei „Mittelmaß“ an die Tugend der Mäßigung, an den Mittelweg zwischen den Extremen, an den stabilisierenden Mittelbau in Organisationen, an eine gesellschaftliche Balance, einen Ausgleich und an Anerkennung für all diejenigen, die tun, was sie können, aber eben nichts Besonderes zu tun vermögen. Davon grenzt er die „Mittelmäßigkeit“ als Ergebnis mangelnden Muts und fehlender Leistungsbereitschaft ab. Denn Leistung muss auch der Mensch im Mittelmaß bringen: „Mittelmaß heißt nicht Stillstand, heißt nicht, sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengung und eines gewissen Eifers.“
Um seine Vorstellung vom Wert der Mitte zu belegen, bedient sich Reuter der Mittelmaß-Diskurse (die oft verkappte Elite-Diskurse waren oder sind) in Geschichte und Gegenwart. Er kommt so zu einer interessanten Analyse ideenhistorischer und aktueller Beiträge zum Mittelmaß. Platons elitärem Ständedenken und der romantisiert-verklärten Antikenrezeption des 19. Jahrhunderts stellt der Autor das Lob des „richtigen Maßes“ entgegen, das in so unterschiedlichen Tradition wie der Stoa, der christlichen Philosophie des Mittelalters und der Aufklärung vorzufinden ist. Kant etwa ist der Ansicht, das Mittelmaß sei „das Grundmaß und die Basis aller Schönheit“.
Dem interessanten Ausflug in die Ideengeschichte hätte ein Abstecher zur fernöstlichen Philosophie gut getan, bei der die „goldene Mitte“ als Sinnbild für Ausgleich und Harmonie in einer bipolar gedachten Welt eine Schlüsselrolle spielt. So bleibt die philosophische Perspektive auf Europa begrenzt; die nachfolgende Diskussion der (bildungs-)politischen Bedeutung des Mittelmaß erfolgt im Wesentlichen mit Blick auf Deutschland.
Gerade dabei wird deutlich: Während totalitäre Regime wie Faschismus und Kommunismus an Platon anknüpften (Reuter: „Nationalbewegung, Kaiserreich, Nationalsozialismus, kommunistische Diktatur . Sie alle lehnten das Mittelmaß ab“) bereitet das maßvolle Denken der Demokratie den Boden. Es wird zum Erfolgsgaranten der Bonner Republik: An der Geschichte der „Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“ lasse sich, so Reuter, erkennen, „dass Mittelmaß und Mäßigung nicht ein Hindernis, sondern sogar ein Grund für Erfolg in der Welt sein können.“ Ein Denkzettel für alle, die Deutschlands Zukunft in der globalisierten Welt von Eliten und Exzellenzen abhängig machen.
Die gut begründeten und stringent ausgeführten Schlussfolgerungen des Autors haben wieder Relevanz für alle Gesellschaften. Auch und gerade die Hochleistungssysteme Ostasiens und die aufstrebenden Regionen Südasiens und Südamerikas sollen sich, bei aller Aufstiegs- und Leistungsorientierung ihrer Bewohner, der Bedeutung des Mittelmaßes bewusst sein. Markus Reiter hält das Mittelmaß jedenfalls für „das menschengerechteste Maß“. Tatsächlich: Immer oben sein, immer siegen wollen – diese Exzellenz-Mentalität (Reiter spricht von „Tyrannei“) hat für viele Menschen den Zustand andauernder Überforderung zur Folge. Insoweit ist sein „Lob des Mittelmaßes“ richtig und wichtig. Nicht zuletzt scheint das Maßhalten Teil einer Strategie zur Volksgesundheit zu sein, denn viele der modernen Seuchen wie Depressionen oder Schlafstörungen sind durch Stress bedingt, durch den Stress des allgegenwärtigen „Schneller, höher, weiter“.
Das Lob der Mitte sollte jedoch nicht dazu führen, das Mittelmaß als idealen Lebensentwurf für alle Menschen zu betrachten, gewissermaßen als „Maß aller Dinge“. Es braucht auch die Genies, die Einsteins, van Goghs und Messis, die ihrerseits – das macht Reiter deutlich – ohne die tragende Mitte nichts schaffen könnten, denn die Leistungspyramide, die sie erklommen haben, braucht eine breite, stabile Basis. Zudem bietet das Gewöhnliche den Hintergrund, vor dem erst sich das Besondere erkennbar abhebt. Das Mittelmaß wird zum Kontrastmittel, ohne das die Spitze gar nicht als solche identifiziert werden könnte. Zugleich bedeutet die von Reiter geforderte Wertschätzung für diese grundlegende Rolle der Mitte keine Verabsolutierung ihres „mäßigen“ Wesens, im Gegenteil: auch im Hinblick auf das Mittelmaß muss eine Fußballmannschaft, eine Organisation und eine Gesellschaft das richtige Maß finden. Nur noch Mittelmaß, das geht nicht. Auch hier gilt: Maß halten!
Markus Reiter: Lob des Mittelmaßes. Warum wir nicht alle Elite sein müssen
oekom verlag, München 2011
96 Seiten, 12,95 EUR
ISBN-13: 978-3-86581-239-1
Josef Bordat
Montag, 02.05.2011
Autor: Andreas Schröter
„Fischnapping“ schließt sich unmittelbar an „Cliffhanger“ an, das 2008 erschien. Beide Bücher des 1947 geborenen Tim Binding gehören zur Kategorie „absurder humorvoller Roman“, wobei die Sache mit dem Humor bekanntlich etwas heikel ist: Was der eine zum Schenkelklopfen lustig findet, ist für den anderen unerträglicher Klamauk. Bei Fischnapping schlägt das Pendel leider etwas zu sehr zu Letzterem aus. Die Protagonisten spielen Scrabble, entführen einen Koikarpfen, haben Sex, mampfen riesige Tobleronestangen und stoßen sich mit Leidenschaft irgendwelche Klippen hinunter. Diese Details sind nur sehr vage miteinander verbunden. Alles wirkt stark an den Haaren herbeigezogen.
Weil Tim Binding Engländer ist, ist die Buchkritik schnell geneigt, ihm schwarzen englischen Humor zu unterstellen. Die beste Stelle ist noch, als besagter Koikarpfen, den sein Besitzer für die Wiedergeburt von Mutter Teresa hält, nur deshalb nicht an die Oberfläche eines Teiches schwimmt, weil oben eine nackte Stein-Nymphe thront. Erst als ihr ein T-Shirt übergezogen wird, ist der prüde Fisch bereit sich zu zeigen. Das kann man lustig finden. Muss man aber nicht. „Schwarzer englischer Humor“ jedoch sieht eindeutig anders aus.
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Tim Binding: Fischnapping.
Mare, Februar 2011.
336 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.
Dienstag, 26.04.2011
Autor: Immo Sennewald
Es hat eine Weile gedauert, ehe ich mich traute, zu diesem Buch etwas zu schreiben.
Als mir Hans Zengeler seinen “Traumtänzer” in die Hand drückte, hatten wir ziemlich viel miteinander geredet und geraucht, wir hatten uns über Vorlieben ausgetauscht und Aversionen, wir wussten beide, dass wir die Texte des anderen schätzen. Wir gehören derselben Generation an, wir haben beide einige Erfahrung in der Rolle des Taugenichts; der eine sein ganzes Leben im Westen Deutschlands, der andere fast zwei Drittel im Osten. Den “Traumtänzer” habe ich gleich im Zug von Ludwigsburg nach Baden-Baden angefangen; es war eine kurzweilige Reise, danach habe ich ihn nicht aus der Hand gelegt, ehe ich Hans Zengeler per facebook mitteilen konnte, wie sehr mir das Buch gefallen, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, wir beide haben über all die Jahre von 1968 bis heute aufeinander zu geschrieben. Aus so einer Stimmung heraus kann man keine Kritik schreiben, jedenfalls keine “objektive”.
Daran denke ich auch gar nicht. “Objektivität” ist mir verdächtig. Aber mit dem Abstand von ein paar Monaten habe ich mir das Buch aus dem Jahr 1993 nochmal vorgenommen, das Vergnügen war ungeschmälert, deshalb führe ich hier einfach auf, was mir so sehr gefällt:
Witz und die Selbstironie, mit denen da einer über doppelte und dreifache Böden von Erfundenem und Erlebtem hopst, und wenn die Böden unter ihm bersten – das passiert andauernd –, dann wird das Räderwerk des “geordneten Lebens” sichtbar, ächzt und knarrt. Mich muss keiner dazu agitieren, diesem Räderwerk weiträumig auszuweichen, aber es ist schon was Besonderes, haarklein bestätigt zu bekommen, dass sich Hebel, Zähne, Muttern und Schrauben der Mechanik in Ost und West nur wenig unterscheiden.
Was mir aus der DäDäÄrr-Ferne schon ziemlich eingeleuchtet hatte, seit geglückter Ausbürgerung aus dem “Arbeiter-und-Bauern-Staat” immer deutlicher vor die Linse kam, kriegt in Zengelers Nahaufnahme eine überaus komische, gerade in diesen Tagen brandaktuelle Schärfe: die Revoluzzer von heute sind die Despoten von morgen (naja, das ist jetzt mit all den Erfahrungen von Revolutionen nicht überraschend, wirkt aber in Bezug aufs 68er Personal unwiderstehlich auf die Lachmuskeln).
Fernsehen ist dumm, macht dumm und strebt darin weiter zum Punkt höchster Vollendung.
Wenn einer schon histrionisch begabt ist, sollte er nicht erwarten, in sicheren Fahrwässern schwimmen zu können. Er braucht Strudel, Turbulenzen und Geschichten mit offenem Ausgang – immer neue jedenfalls, mit immer neuen Rollen fürs Ego. Wenn er Glück hat, ist er am Ende. Dann aber zufrieden.
Dahlemer Verlagsanstalt
Tags: autor, Das Wortreich, Geschichte, Humor, Leben, Literatur, medien, Rezension, Roman, Sprache
Kommentare deaktiviert für Die Erfindung des eigenen VerderbensMittwoch, 20.04.2011
Autor: Oliver Gassner
Auf ein Ei geschrieben
von Eduard Mörike
Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren.
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen
Wohl die Henne? Wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward das Ei erdacht:
Doch, weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat der Hase es gebracht.
Samstag, 16.04.2011
Autor: JosefBordat
Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff und die Politikwissenschaftlerin Christiane Florin verfassen eine lesens- und bedenkenswerte Gebrauchsanweisung für den Kern der menschlichen Person.
Das Gewissen ist für besondere Momente reserviert. Der „innere Gerichtshof“ (Paulus; danach: Kant) tagt nur selten. Der Begriff ist groß, sehr groß. Er eignet sich für Konfessionsstifter, die vor dem Kaiser stehen, für Präsidenten, die über Krieg und Frieden entscheiden, für Fragen von Leben und Tod. Unsere Verfassung nennt explizit nur einen Sachverhalt, bei dem sich der Bürger auf sein Gewissen berufen darf: die Wehrpflicht. Alle weiteren Gewissensvorbehalte werden unter anderen Konzepten – vor allem der Glaubens- und Religionsfreiheit subsumiert.
Der moralischen Größe des Gewissenskonzepts korrespondiert in eigentümlicher Weise dessen ethische Universalität und dessen praktische Allgegenwart. Jeder Mensch, der ein Ich-Bewusstsein hat, hat auch ein Gewissen. Und: Die Rede vom Gewissen im Alltag trägt inflationäre Züge. In einer Zeit, in der objektive Wertmaßstäbe und moralische Kanons mit normativer Bindung rar sind, ist das Gewissen zudem nicht nur die einzig verbindliche, sondern auch die einzig verbindende moraltheoretische Figur, die über alle Diskurs- und Praxisgräben hinweg Anerkennung erfährt und wirksam ist.
Dennoch – die Zweifel werden lauter: Ist die Berufung des Individuums auf das Gewissen noch zeitgemäß, wo doch der demokratische Prozess der Rechtsbildung das Gewissen qua Parlamentarismus, Expertentum und Lobbyarbeit internalisiert hat und dem Bürger die Delegation des Gewissens an den Rechtsstaat nahelegt? Was ist, wenn Rechte Dritter betroffen sind, etwa im Zusammenhang mit medizinischen Dienstleistungen, auf die ein Rechtsanspruch besteht? Und: Ist der Gewissensvorbehalt nicht ohnehin nur eine hübsche Schutzbehauptung derer, die sich als Nonkonformisten interessant machen wollen? Sind es Gewissensgründe oder „gewisse Gründe“, die katholische Ärzte dazu bringen, die Mitwirkung an Abtreibungen zu verweigern oder Muslime sich weigern lassen, Bierflaschen einzuräumen? Reichen unsere Verfahren zur Prüfung der Ernsthaftigkeit einer Entscheidung aus Gewissensgründen? Wenn nein, konterkarierte man mit einer Verschärfung der Konsequenzen nicht das Recht des Menschen, seinem Gewissen zu folgen? Wie ernst ist es uns mit dem Gewissen? Welche Fragen legen wir ihm vor und wie informieren wir es, damit die Antworten nicht nur von emotionalen Reflexen, sondern von rationaler Reflexion geformt werden?
Eberhard Schockenhoff, katholischer Moraltheologe an der Universität Freiburg und Mitglied im Gewissen der Nation, dem Deutschen Ethikrat, und die Politikwissenschaftlerin Christiane Florin, die Leiterin des Kulturressorts beim Rheinischen Merkur war, ehe dieser sein Erscheinen im November vergangenen Jahres einstellte, nehmen sich des „gewissen Etwas“ an und zeigen, wo es überall eine Rolle spielt bzw. sinnvollerweise spielen sollte. Kurz gesagt: Überall. In der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien, in der Medizin, in der Partnerschaft, im Berufsleben und in der Erziehung, bei den großen Fragen des Menschheitsgeschicks, bei den kleinen Themen des Alltags. Überall. Obgleich eine sachliche Eingrenzung schwer fällt, zeigen die Autoren, worauf es beim Gewissensgebrauch grundsätzlich ankommt. Die ausufernde Verwendung des Gewissensbegriffs ist, das wird dabei deutlich, weniger ein Problem des Themenfeldes, sondern des Einsatzmodus – Gewissen sollte nicht beliebig verfügbarer Platzhalter bei moralischer Ratlosigkeit sein, schon gar nicht zum Zweck eitler Exkulpation, sondern personaler Maßstab verantworteten Handelns.
Freiheit und Verantwortung
Einleitend skizzieren Schockenhoff/Florin in launiger Manier und mit dem obligatorischen Schuss Kulturpessimismus und Medienschelte – gerade so, wie es in keinem zeitdiagnostischen Buch fehlen darf – das Umfeld der Orientierungssuche: die moralisch fragmentierte Welt, die den Menschen mit ihren zahllosen Sinnangeboten hin- und herreißt und durch die Überbetonung der Entscheidungsfreiheit paradoxerweise belastend und einengend wirkt, weil die Zahl der Optionen ins schier Absurde geschossen ist. Die „freie Auswahl“, die sämtlichen Lebensvollzüge eignet, lähmt. Längst bestimmt die „Qual der Wahl“ den Alltag vieler Menschen. Das Gefühl der Überforderung stellt sich ein. Es braucht eine Instanz, die Ordnung schafft: das Gewissen.
Das Buch ist zudem erkennbar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund von Stammzelldebatte und Finanzkrise geschrieben worden. Aktuelle politische Ereignisse spielen eine Rolle, wie die aus Gewissensgründen (oder: „gewissen Gründen“?) verhinderte hessische Ministerpräsidentin Ypsilanti (eine im geteilten Berlin aufgewachsene SPD-Abgeordnete weigerte sich, der Duldung einer Minderheitsregierung unter Ypsilanti durch die LINKEN zuzustimmen und gab Gewissensvorbehalte als Grund an), aber auch „zeitlose“ Themen, die das Alltagsgewissen belasten können: Steuerehrlichkeit, Lebenslügen, Fragen der Gesundheit, insbesondere die Frage, welchen Preis man für die eigene biologische Existenz zu zahlen bereit ist, und das Thema Nr. 1 – Sex. Hier scheint der Zeitgeist nur noch die eigene Lust als Maßstab anzuerkennen, doch Schockenhoff/Florin zeigen die Relevanz des Gewissens auch in Fragen von Partnerschaft und Sexualität. Der mit dem Moralbegriff Gewissen in direkter Linie verwandte Handlungsbegriff Verantwortung erstreckt sich bis unter die Bettdecke.
Kirche und Sex
Die Autoren versuchen, die Linie der katholischen Kirche nachzuziehen, ohne dabei primär auf eine Verbots- und Strafrhetorik zu setzen, die ohnehin vorzugsweise in der Phantasie von Kirchengegnern existiert, nicht aber in der katholischen Sexualmoral. Ihr geht es im Kern darum, so heben Schockenhoff/Florin hervor, dass der Sex nicht verabsolutiert wird, sondern als „Körpersprache der Liebe“ an die Personalität des Menschen gebunden bleibt, die sich in Verantwortung für den Partner zeigt, für seinen Geist, seine Seele und seinen Körper. Denn, auch wenn es antiquiert klingt: Sex verbindet, weil „das Verbindendste überhaupt – ein Kind – daraus hervorgehen kann“. Und gerade hier liegt die Krux der Empfängnisverhütung und zugleich der Grund, weshalb die katholische Kirche als einzige Instanz Vorbehalte dagegen geltend macht: in der Wegnahme der Verbindlichkeit. Fehlende Verbindlichkeit tut dem Menschen nicht gut. Sagt die Kirche. Sagt einem aber auch, irgendwann, vielleicht zu spät – das Gewissen.
Diesem eine größere Bedeutung beizumessen, fordern die Autoren von der Kirche, wenn sie anregen, den „Spielraum für eigenverantwortliche Gewissensentscheidungen, die ein Paar entsprechend seiner jeweiligen Lebensumstände trifft“ in der Morallehre dadurch zu erweitern, dass eine positive Diktion („Ja zur Freude, Ja zur Lust, Ja zum Leben“) in den Vordergrund der Verkündigung rückt und die dann immer noch nötigen Grenzziehungen „nicht zu früh“ vornimmt. Papst Benedikt sei dazu auf dem richtigen Weg.
Die Autoren kritisieren die Kirche aber auch für ihre Kommunikationsprobleme, die Grenzziehungen betreffend: „Der katholischen Kirche ist es nicht gelungen, den Sinn ihrer rigiden Moral verständlich zu machen. Sie hat zu lange auf Gehorsam vertraut und war zu wenig bemüht, zu überzeugen.“ Tragisch, aber wahr. Dabei hat sie nichts zu verstecken: „Tatsächlich ist der christliche Glaube mitnichten körperfeindlich. Sexualität hat aus kirchlicher Sicht eine dreifache Bedeutung: die Erfahrung von Lust, die Bestätigung der Beziehung und die Offenheit für neues Leben.“ Diese drei Bedeutungen gehören untrennbar zusammen. Konsequenz: „Wer diese Trias auseinanderreißt, degradiert Sex zur unwürdigen Verrichtung.“ Hört sich – auch und gerade für Vernunft und Gewissen – weit tragfähiger an als „Papst verbietet Pille!“. Doch die eigentlichen Anliegen der Kirche werden in der „medialen Erregung“ selten sachlich dargestellt. Das verweist auf ein Thema, welches die Autoren ebenfalls unter der Fragestellung nach dem Gebrauch des Gewissens behandeln: Wahrheit und Medien.
Wahrheit und Medien
Die Verbindung von Information, Service und Unterhaltung kennzeichnet heute die Massenmedien, die vom „Dienst an der Öffentlichkeit“ längst zur „Dienstleistung an Teilöffentlichkeiten“ übergegangen sind. Ebenso kennzeichnet das scharfe Urteil den zeitgenössischen Journalismus: Wer differenziert, „steht auch in seriösen Medien oft als Meinungsschwächling da“. Die Autoren fällen selbst ein hartes Urteil: „Weder Wissen noch Gewissen steuern Auswahl und Umsetzung der Themen, sondern Marktdaten und Publikumsanalysen.“
Die Wahrheit braucht unter diesen Bedingungen „einen Mutigen, der sie ausspricht“, denn es gilt, die „Übermacht der Lüge“ zu brechen. Zugleich geht es darum, die eigene Wahrheit an der des Anderen zu spiegeln. Die Autoren, die das Gewissen als „Stimme des anderen“ in uns auffassen, raten mit Habermas zur Rücksicht, etwa, wenn Religionsgemeinschaften Gegenstand der medialen Darstellung sind. Takt sei etwas anderes als Lüge und es brauche in den Medien mehr „Fingerspitzengefühl“, um dem Schreckgespenst „Zensur“ elegant zuvorzukommen.
Auch das Internet mit seinen besonderen Bedingungen (Anonymität, mangelnde Regulierbarkeit) bekommt sein Fett weg, denn es „erweckt aufgrund seiner anarchisch-demokratischen Struktur den Eindruck, jeder habe einen Anspruch auf alles“. Auch hier mahnen Schockenhoff/Florin „Sensibilität“ an. Der user, der in Foren und auf Blogs klatscht und tratscht, muss „zwischen intim und privat sowie privat und öffentlich unterscheiden können“. Und wohl auch wollen – eine Leistung des Gewissens. Doch: „Das Internet macht es leicht, die Stimme des Gewissens stummzuschalten“, weil der Andere nicht da ist, nur der PC. Deswegen muss man sich gezielt darum bemühen, auch in virtuellen Räumen das Gewissen wach zu halten, denn: „Auf die innere Stimme zu hören, bevor die äußere ins Netz trompetet, dient der Rücksicht auf andere wie dem Selbstschutz.“
Leben und Tod
Um das eigene Leben und das der Anderen geht es im engeren Sinne bei den medizinischen Gewissensfragen, die die Autoren im Schlusskapitel behandeln. Abtreibung, Pränatal- bzw. -implantationsdiagnostik, künstliche Befruchtung, embryonale Stammzellforschung, Sterbehilfe – ein paar Reizwörter des bioethischen Diskurses, in dem Ethikrat-Mitglied Schockenhoff einige Erfahrung vorzuweisen hat. Deswegen und wegen der dramatischen Gewissenskonflikte, in die der medizinische Fortschritt uns alle – ohne Ausnahme – schickt, ist dieser Abschnitt der stärkste des Buchs.
In ruhiger, sachlicher Art erläutern die Autoren an Fallbeispielen das hohe Potenzial an schier unauflöslichen moralischen Dilemmata in der neuen Welt der unbegrenzten therapeutischen Möglichkeiten. Sie stellen Hoffnungen und Befürchtungen gegeneinander, weisen auf Alternativen zu den ethisch bedenklichen Ansätzen hin und zeigen damit vor allem, dass es eines nicht gibt: einfache Lösungen. Das Gewissen muss hier ganze Arbeit leisten. Und der Mensch muss bereit sein, es aus verschiedenen Richtungen mit Bedenkenswertem zu speisen, damit es als informiertes Gewissen zu einer tragfähigen, verantwortlichen Entscheidung verhelfen kann.
Fazit
Eberhard Schockenhoff und Christiane Florin legen einen verständlich und unterhaltsam geschriebenen, in seiner Sprache sehr deutlichen, manchmal gar deftigen, in jedem Fall lebensnahen und daher praktischen Text vor, der das Thema Gewissen alltagsrelevant aufarbeitet: ein Ratgeber, der es wert ist, gelesen zu werden, weil er nicht nur sauber diagnostiziert, woran es mangelt, sondern auch Therapievorschläge macht, deren Maxim lautet: „Habe Mut, dich deines Gewissens zu bedienen.“ Es lohnt sich.
Bibliographische Daten:
Eberhard Schockenhoff / Christiane Florin: Gewissen. Eine Gebrauchsanweisung.
Freiburg i. Br.: Herder-Verlag (2009)
ISBN-13: 978-3-451-30118-6
197 Seiten, EUR 16,95
Josef Bordat
Donnerstag, 14.04.2011
Autor: Andreas Schröter
Für ZEIT-Autor Max Küng ist Mordecai Richlers „Solomon Gursky war hier“ das beste Buch, das er je gelesen hat. Der 640-Seiten-Klotz, der im Original bereits 1989 erschien und nun – wieder – auf Deutsch vorliegt, bietet jedoch vor allem eine anstrengende Lektüre, denn es kommt eine schier unübersehbare Zahl an Figuren vor. Als Leser behält man da nur den Durchblick, wenn man sich einen Wer-ist-wer-Spickzettel macht. Wer diese Hürde nimmt, der erfährt einiges Interessante zum Beispiel über die Bedingungen bei der Arktis-Expedition von John Franklin oder zur Zeit der Prohibition im Amerika der 30er-Jahre.
Grundhandlung: Der versoffene Schriftsteller Moses versucht in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts etwas über den Juden Solomon Gursky herauszubekommen, von dem er besessen ist und über den er ein Buch schreiben möchte. Immer mehr Details über die Gurskys kommen heraus. Dabei geht’s nicht nur um besagten Solomon Gursky, sondern auch um dessen exzentrischen Großvater Ephraim, seine Brüder Bernard und Morrie, die beiden weiteren Generationen sowie eine Vielzahl von Freunden, Bekannten, Verwandten Geschäftspartnern, Frauen, Geliebten und Feinden. Die Geschichte umspannt einen Zeitraum von über 100 Jahren und zeigt, wie die Gurskys aus dem Nichts ein milliardenschweres Imperium schufen. Immer gehören jüdische Kultur und Tradition zum Subtext.
„Solomon Gursky war hier“ ist kein Roman, bei dem es um eine stringente, lineare Handlung geht, sondern vielmehr um eine Vielzahl von kleinen Geschichten – ein stark mänandernder Roman, der dem Leser einiges an Disziplin und Konzentration abverlangt. Weniger wäre hier möglicherweise mehr gewesen.
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Mordecai Richler: Solomon Gursky war hier (1989).
Liebeskind, Februar 2011.
644 Seiten, Hardcover, 24,80 Euro.
Montag, 11.04.2011
Autor: Immo Sennewald

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben
Zwischen Dreißigjährigem Krieg, Zuwanderung deutschstämmiger „Donauschwaben“ im 18. Jahrhundert und den Massakern, Vertreibungen, ethnischen Säuberungen des XX. Jahrhunderts spielt der Roman von Catalin Dorian Florescu.
Der Autor ist selbst gebürtiger Rumäne aus Temeschwar (Timisoara), floh mit seinen Eltern vor 30 Jahren in die Schweiz. Die Verbundenheit zu seiner alten Heimat, dem Banat, mit seiner erzwungenermaßen multikulturellen Geschichte ist der Kontrapunkt seines Erzählens. Von November 2010 bis April 2011 war Florescu Stipendiat der Stadt Baden-Baden. „Jacob beschließt zu lieben“ ist sein neuester Roman.
Für die Sendung SWR 2 „Forum Buch“ habe ich ihn gelesen und ein Interview mit dem Autor geführt. Sie steht als mp3-Datei und Manuskript im Internet zum Herunterladen bereit.
„Jacob beschließt zu lieben“ ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 19,95 €
Tags: Das Wortreich, Donauschwaben, Interview, Kritik, Literatur, medien, Rezension, Roman, Rumänien, Sprache
Kommentare deaktiviert für Europäische Familiengeschichte im BanatSonntag, 10.04.2011
Autor: Andreas Schröter
Hubertus Meyer-Burckhardt, Jahrgang ’56, ist Fernsehzuschauern als Moderationspartner von Barbara Schöneberger in der NDR-Talkshow bekannt. Nun hat er unter dem Titel „Die Kündigung“ seinen ersten Roman veröffentlicht. Darin geht es um den Manager Simon Kanstatt, der bisher nur für seinen Beruf gelebt hat. Als ihm unvermittelt gekündigt wird, verliert er den Boden unter den Füßen. Er beschließt, sein weiteres Dasein auf dem Flughafen Zürich zu fristen – schließlich ist die Business-Class in einem Flugzeug der Ort, an dem er sich am wohlsten fühlt. Die Flugreisen, die er fortan unternimmt, finden jedoch nur noch in seinem Kopf statt.
Soweit die Ausgangsposition, die auf ein interessantes Psychogramm von Menschen hoffen lässt, die ihren Job verloren haben. Die Hoffenung erfüllt sich nur bedingt. Das Buch verliert sich zu oft in den kafkaesken Träumereien Kanstatts, in denen er mit neuer Identität mal in einem Plattenladen für Musik aus den 70ern arbeitet, mal eine Kunstinstallation auf dem Flughafen plant, die das Managerleben thematisieren soll – alternative Leben, die denkbar gewesen wären. Aber das alles wirkt etwas unausgegoren und lässt den Leser ein wenig ratlos zurück. Die Schlüsselsätze ganz am Ende des nur 155 Seiten dünnen Büchleins wirken nicht wirlich neu: „Du beißt die Zähne zusammen, gehst jeden Tag durch dieselbe Geisterbahn, die dein Leben ist. Du hast die Verantwortung für dein Leben an andere abgegeben. Also beklag dich nicht.“ Insgesamt nur bedingt empfehlenswert.
Hubertus Meyer-Burckhardt: Die Kündigung.
Ullstein, März 2011.
155 Seiten, Hardcover, 18 Euro.
Mittwoch, 30.03.2011
Autor: Andreas Schröter
Die Figuren in David Truebas Roman „Die Kunst der Verlierens“ sind weder Helden noch Sonderlinge. Es sind ganz normale Menschen mit einigen Stärken, aber auch ganz vielen Schwächen. Die Handlung konzentriert sich nicht auf einen Mord, der am Rande ebenfalls vorkommt, sondern auf den Alltag der drei wichtigsten Protagonisten. Und die vermag der Autor so lebensecht zu zeichnen, dass ein 520-Seiten Buch dabei herausgekommen ist, das auf keiner einzigen Seite an Spannung verliert. Wie in allen guten Büchern ist es das Leben selbst, das hier im Mittelpunkt steht.
Leandro ist ein Mann in seinen 70ern, der sich nach dem Hüftbruch seiner Frau zu einer schwarzen Prostituierten hingezogen fühlt und bei ihr fast sein gesamtes Vermögen verliert. Sein Sohn Lorenzo versucht – nachdem seine Frau ihn verlassen hat – mit allen Mitteln eine sehr religiöse Einwanderin aus Ecuador für sich zu gewinnen. Und Tochter Sylvia erlebt eine heiße Liebesaffäre mit dem argentinischen Fußballstar Ariel, weiß aber während der gesamten Dauer dieser Affäre bereits, dass sie keine Zukunft hat.
Nach einer Weile schließt man als Leser diese drei Protagonisten derart ins Herz, dass das Ende des Buches ständig wie etwas Drohendes am Horizont erscheint. Dabei ist „Die Kunst des Verlierens“ weit mehr als nur das gelungene Psychogramm dreier Menschen. Es ist ein Buch über den Unterschied der Generationen – wobei die Jugendliche weit vernünftiger erscheint als der Senior. Es ist ein Buch über das Leben in der spanischen Hauptstadt Madrid, und es ist ein Roman über die unterschiedlichen Einwanderer, die an diesem Ort zusammenkommen.
Von den Nebenfiguren kommt dem Fußballstar Ariel eine Sonderrolle zu, weil er einen viel breiteren Raum einnimmt als etwa Lorenzos Geliebte Dani oder Leandros Protituierte Osembe. Beinahe ist er die vierte Hauptfigur. Insofern vermittelt „Die Kunst des Verlierens“ auch einen Eindruck davon, wie einsam sich ein Fußballspieler fühlen mag, der für viel Geld aus einem fernen Land geholt worden ist, und unter welchem Erfolgsdruck er steht.
Alle Figuren verlieren in diesem Buch etwas: die Liebe, die Zugehörigkeit zu einer Fußballmannschaft, die langjährige Ehefrau, die Ehre – und doch zeichnet sich für alle am Ende eine Zukunft auf, ein Lichtblick, der ihnen das Weitermachen ermöglicht. Sie alle leben ein Leben – und das dürften sie mit den Lesern des Buches gemein haben – das aus Erfolgen und Rückschlägen besteht.
David Trueba, geboren 1969, lebt in Madrid und ist bislang vor allem als Drehbuchautor in Erscheinung getreten – für zwei Filme seines Bruders Fernando. Im spanischen Original unter dem Titel „Saber perder“ hielt sich sein Roman 2008 wochenlang in der spanischen Bestsellerliste. Außerdem wurde das Buch mit dem renommierten Preis der spanischen Literaturkritik ausgezeichnet.
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David Trueba: Die Kunst des Verlierens.
Kiepenheuer & Witsch, März 2011.
520 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
Sonntag, 20.03.2011
Autor: Andreas Schröter
Der kanadische Autor David Gilmour, geboren 1949, ist Anfang 2009 mit seinem herzerwärmenden und voller Lebensweisheiten steckenden Roman „Unser allerbestes Jahr“ in Deutschland bekannt geworden. Nun liegt der Nachfolger, „Die perfekte Ordnung der Dinge“, vor – und hält leider überhaupt nicht, was der Vorgänger verspricht. Das Buch zerfällt in willkürlich anmutende Betrachtungen über die Beatles, die Trauer des Ich-Erzählers über den Verlust verschiedener Frauen, Tolstois „Krieg und Frieden“, Drogen und immer wieder Frauen. Das alles ergibt kein geschlossenes Ganzes und ist meilenweit von der Weisheit, Leichtigkeit und Intelligenz des Vorgängers enfernt. Für manche Passagen scheint sogar der Begriff „Geschwafel“ treffend.
Der Grundgedanke des Buches: Der Ich-Erzähler reist zurück zu den Orten, an denen er den größten Seelenschmerz empfunden hat und erinnert sich auf dieses Weise an die dazugehörigen Episoden. Gute Idee, langweilige Umsetzung.
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David Gilmour: Die perfekte Ordnung der Dinge.
S. Fischer, Februar 2011.
252 Seiten, Hardcover, 18,95 Euro.
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