Montag, 14.03.2011

Autor: Immo Sennewald

Im Traum vollkommen

Unsentimentale Trauerarbeit

Träume sind unentbehrlich fürs Leben – im Wachen und im Schlaf. Auch Alpträume haben ihren Sinn, andererseits erweist sich manchmal als Alptraum, was zunächst Wunschtraum war: Wer fragt schon nach den möglichen schlimmen Folgen eines Lottogewinns, errungener Siege, unerschütterlicher Gesundheit? Unsere Phantasie wünscht dem Glück Dauer zu verleihen; Vergänglichkeit und Tod sind nur im unstillbaren Schmerz, in höchster Verzweiflung wünschenswert. Der Tod eines geliebten Menschen ist ein Alptraum.

Deshalb hat es eine Weile gedauert, ehe ich mich auf die Novelle einlassen mochte – sie beginnt mit einem “Herzriss” beim Sport, ein Mann in der Blüte des Lebens stirbt, stürzt seine Frau, seine beiden Söhne in eine nie erwogene, kaum auszuhaltende Abfolge von Schock, Schmerz, Wut, Trauer, von verzweifeltem Mühen um Bewältigung des Alltags, in dem er allgegenwärtig fehlt.

Obwohl Marion Tauschwitz den Personen keine Namen gibt, sie gleichsam auf ihre Stellung der Witwe gegenüber funktionalisiert – “die Kinder”, “der ältere”, “der jüngere Sohn”, “der Schwiegervater”, “die Freundin” … – war ich von den sprachlich knappen Mitteilungen über die Leiden der “jungen Frau” im Mittelpunkt des Dramas ergriffen. Sie will keine Witwe sein. Sie regelt ihr Leben, das der Söhne nach bestem Vermögen, sträubt sich gegen von Verwandten erwartete Rituale und betet – gegen jede Vernunft – um die Wiederkehr ihres Mannes. Das ist gut zu verstehen, denn Marion Tauschwitz zeichnet eine Wunschehe, sie ist ihrer Hauptfigur darin von Herzen nahe.

Träume des Tages und der Nacht, poetische Wunderzeichen bereiten auf den mythischen Moment vor, die “Auferstehung von den Toten”. Natürlich wird sie angesichts einer im Alltag längst eingewachsenen Abwesenheit des Mannes zum Alptraum. Nur eine Wahnsinnige kann Auferstehung erleben, für den Rest der Welt gilt eine andere Zeitrechnung.

Der von den Toten Auferstandene erweist sich zugleich als dunkler Wiedergänger des Verstorbenen: Wo jener aufmerksam und liebevoll war, ist dieser ignorant, egozentrisch, gefühllos. Als sei gewissermaßen nur die düstere Seite des Mannes zurückgekehrt, als könne er nur noch Defizite verkörpern, erschüttert er die Anhänglichkeit der Witwe, treibt sie von sich fort. Das Erwachen aus dem Alptraum wird zur psychotherapeutischen Pointe.

Vielleicht hat Marion Tauschwitz das so nicht beabsichtigt – der Hinweis, in einer noch so glücklichen Beziehung die Nachtseiten des Partners besser nicht zu beschönigen und zu verdrängen ist jedenfalls so angebracht wie unbefolgt; dasselbe gilt für allerlei Sprüche aus dem Munde der Großmutter, die von der Autorin – bisweilen ironisch – in den Text gestreut werden. Liebe macht blind, Trauer wohl auch. Und wie nun Schlafen, Wachen, Wähnen, Wünschen und Träumen zu unserem Glück am besten zu verbinden wären, darüber rätselte der große Shakespeare, ich habe gerne gelesen, was Marion Tauschwitz seinem berühmten Satz: “Wir sind vom Stoff aus dem die Träume sind, und dieses kleine Leben umfasst ein Schlaf” abgewonnen hat.

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Donnerstag, 10.03.2011

Autor: Andreas Schröter

Tobias Wolff: Unsere Geschichte beginnt

Tobias Wolff: »Unsere Geschichte beginnt«Tobias Wolff ist ein hervorragender Kurzgeschichten-Autor. In all seinen Storys, die im Buch „Unsere Geschichte beginnt“ versammelt sind, schimmert bei genauerem Hinsehen zwischen den Zeilen so viel mehr an Menschlichkeit und Emotionen durch, als es der oft lakonisch erzählte Text auf den ersten Blick glauben macht.

Da gibt es die Professorin, die zu einem Vorstellungsgespräch nur eingeladen wird, um der Frauenquote gerecht zu werden. Dabei steht schon längst fest, dass ein Mann die Stelle bekommt. Dass dies eine viel stärkere Demütigung darstellt, als wenn der Mann die Stelle ohne Frauenquote bekommen hätte, fällt der Freundin, die das demütigende Theater anzettelt, gar nicht auf. Da gibt es – welch ein Seelen-Drama! – einen Mann, der sich 30 Jahre lang jeden Tag ein Alternativ-Leben an der Seite einer früheren Freundin vorstellt, oder einen Vater, der seinen Sohn in einem strengen Internat abgibt, um ihn auf den rechten Weg zu bringen, dann aber nicht mit dieser Entscheidung fertig wird. Immer sind es Getriebene, Menschen, mit einem schwerwiegenden seelischen Problem, die der 65-jährige amerikanische Autor zu Hauptfiguren seiner Geschichten macht.

Und doch: Bei allem Lob ist die Lektüre dieser 14 Storys nicht immer das reine Vergnügen, und das liegt nicht an dem so wenig heiteren Inhalt. Oft brechen die Texte abrupt ab, und der Leser wird das unbefriediegende Gefühl nicht los, hier um das Ende betrogen zu werden. Nicht eine stringent erzählte Handlung mit einer irgendwie gearteten Entwicklung ist dem Autor wichtig, sondern allein die Beschreibung des Innenlebens seiner Figuren – das jedoch nur zwischen den Zeilen hervortritt. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache und man muss sich darauf einlassen wollen, um aus diesem Buch einen Lesegenuss zu ziehen.
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Tobias Wolff: Unsere Geschichte beginnt.
Berlin-Verlag, Februar 2011.
224 Seiten, Hardcover, 22 Euro.

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Montag, 07.03.2011

Autor: Andreas Schröter

Douglas Preston/Lincoln Child: Fever – Schatten der Vergangenheit

Douglas Preston/Lincoln Child: »Fever - Schatten der Vergangenheit«Einmal im Jahr veröffentlicht das amerikanische Autorenduo Douglas Preston und Lincoln Child einen neuer Pendergast-Thriller. In der 2011er-Ausgabe „Fever“ geht‘s um die Vergangenheit des aristokratischen und meist unnahbaren FBI-Agenten.

Aloysius Pendergast findet heraus, dass der Tod seiner Frau Helen vor zwölf Jahren kein Unfall, sondern Mord war. Mit seinem Polizisten-Freund Vincent d‘Agosta macht er sich daran, den oder die Mörder zu finden.

Das ist der Ausgangspunkt für eine zum Teil abstruse Handlung, in der das verschollene Bild eines Malers aus dem 19. Jahrhundert, die Vogelgrippe, eine ausgestorbene Papageienart, eine verrückt gewordene Familie und ein Forschungslabor vorkommen. Oft dienen diese Details – wie die Jagd nach besagtem Bild – lediglich einem spannenden Handlungsstrang, der sich aber im Gesamtgefüge des Romans als gar nicht so wichtig herausstellt. Aber das ist typisch für Bücher von Douglas Preston und Lincoln Child. Ihre Romane, die stets auf der Grenze von Wissenschaft und Übersinnlichem balancieren, leben von der Atmosphäre, faszinierenden Themen, einem fürs Thriller-Genre hervorragenden Stil und viel Spannung. Wer würde angesichts solcher Pluspunkte noch nach der inneren Logik des Handlungsaufbaus fragen?

„Fever“ ist zugleich der Beginn einer Trilogie um weitere Geheimnisse der Familie Pendergast. Das macht sich in einigen Themen bemerkbar, die in diesem Band nur angedeutet werden, aber in späteren Romanen noch aufgegriffen werden dürften. Dazu gehört die Behauptung von Pendergasts Mündel Constance Greene, sie sei vor über 130 Jahren geboren worden.

„Fever“ kommt vielleicht nicht ganz an die Qualität von Pendergast-Spitzentiteln wie „Darkness“ (2009) heran, übertrifft aber bei weitem den Vorgänger-Roman „Cult“, der 2010 den bisherigen Tiefpunkt der Serie bildete.
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Douglas Preston/Lincoln Child: Fever – Schatten der Vergangenheit.
Droemer, Januar 2011.
508 Seiten, Hardcover, 19,99 Euro.

Samstag, 05.03.2011

Autor: Immo Sennewald

Literatur als Lebensrettung – Eberhard Haufe zum 80sten

Emblem auf dem Titel
Eine „Not- und Erstlingsarbeit“ nennt Eberhard Haufe seine Anthologie deutscher Mariendichtung aus dem Jahr 1960. Er tut das 1993 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Weimar-Preises, einer Auszeichnung, die er längst verdient hatte. Aber als er jene Anthologie herausgab, hatten ihn marxistisch-leninistische „Säuberer“ aus der Universität Leipzig entfernt, er war stellungslos, hätte wohl wie mancher Geschurigelte den Weg nach Westen wählen können. Er ging nicht, er suchte sich sein Arbeits- und Überlebensfeld in der Literatur und fand so einen eigenen Weg – sich von den ideologischen Versatzstücken des Ostens ebenso fernhaltend wie von westlichen Modeströmungen. Der „Not- und Erstlingsarbeit“ folgten reihenweise lesenswerte Essays zur deutschen Literatur; der Wallstein Verlag Göttingen hat eine Auswahl in dem vorliegenden Buch zum achtzigsten Geburtstag des Autors zusammengeführt, es besticht schon durch seine editorische Sorgfalt.
Mir gefiel der Essay zur Geschichte der Mariendichtung, da er mich auf unvertrautes Terrain führte. Mir gefielen Haufes Texte zu den Dichtern des 17. Jahrhunderts um so mehr, als ich meine Bekanntschaft mit ihnen Arno Schmidt verdanke. Haufe nahm mich nun wieder zu einer überaus anregenden, mit sprachlichem Detailreichtum begleiteten Exkursion in die literarische Landschaft während und nach dem grausamen 30jährigen Krieg mit. Die Lektüre ist anspruchsvoll, aber niemals akademisch überfrachtet, sie weckt den Wunsch, Texte von Fleming, Brockes, Paul Gerhardt – um nur drei von vielen zu nennen – aufs Neue mit dem von Haufe geschärften Blick zu lesen.
Das gelingt ihm, weil er die Klassiker im Weimarer Schillerarchiv, wo er zehn Jahre lang beschäftigt war, als „zwar vergangenes, doch unvergängliches Leben“ begriff, „die Schreiber waren nahe. lebendige Menschen“. Der „Sachse im Weimarer Exil“ ist sich bewusst: „So geschätzt diese Arbeit mit ihrem übergreifenden inneren Gewinn war, so nahe lag gleichwohl die Gefahr des Elfenbeinturms im Schatten oder im Lichte der Heroen und Ortsheiligen“, und er hat sich dieser Gefahr ebenso eindrucksvoll entzogen wie der politisch linientreuen „Erbepflege“ der DDR-offiziellen Literaturwissenschaft.
Haufes Schriften zur deutschen Literatur werde ich künftig gerne zu Rate ziehen, wenn ich Entdeckungsreisen in die Dichtung aus vier Jahrhunderten unternehmen und mich dabei so verständig wie unterhaltsam führen lassen möchte; ich empfehle literarischen Neulingen das Buch ebenso wie Fachleuten.
Wenn bei der Lektüre Zweifel an mir nagen, ob meine eigene Literaturproduktion Gnade vor den Augen des Gelehrten fände, versichere ich mich einfach des von ihm vorgelebten Prinzips: Literatur ist ein lebensrettender Raum, dort zählen Applaus und theoretische Erwägungen jedenfalls weniger als die Arbeit an dem Buch, das wir sind – und in ihm sind die gelesenen Texte aufgehoben.

Eberhard Haufe „Schriften zur deutschen Literatur“
Wallstein Verlag Göttingen 2011; 542 Seiten, 34,90 €

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Samstag, 26.02.2011

Autor: Andreas Schröter

Harald Martenstein: Gefühlte Nähe

Harald Martenstein: »Gefühlte Nähe«Harald Martensteins neuem Roman „Gefühlte Nähe“ liegt eine interessante Versuchsanordnung zugrunde: 23 nur lose miteinander verbundene Kapitel beschreiben die 23 Beziehungen einer Frau, die nur als N. bezeichnet wird. Der 57-jährige Autor, der unter anderem durch seine Kolumne im ZEITmagazin bekannt ist, gibt in einem dieser Kapitel selbst die Deutung dafür: Durch ihren fehlenden Namen soll N. eine Art Allgemeingültigkeit erhalten und generell für das weibliche Beziehungs-Verhalten in modernen Gesellschaften stehen. Die Kehrseite der Medaille: Wer allgemeingültig ist, kann nicht besonders hervorstechen. So kommt es, dass die vielen Männer in diesem Buch, die übrigens alle einen Namen haben, als Nebenfiguren viel mehr Tiefenschärfe erlangen als die weibliche Hauptfigur selbst, die eher blass bleibt.

Dieses kurzweilige Buch, das mehr Kurzgeschichtensammlung als Roman ist, liest sich wunderbar leicht und zeigt auf oft amüsante Weise, wie die Männerwelt unter den Launen eines solchen Vollblutweibs mit all seinen Allüren, Zickigkeiten, unverhofften Meinungsänderungen, Unpünktlichkeiten und dem Hang zum Fremdgehen zu leiden hat. Und doch sind es gerade solche Frauen, die begehrt sind. Zugegeben, einige Männer in „Gefühlte Nähe“ sind auch nicht viel besser – aber im Großen und Ganzen neigt N. dazu, den Herren auf der Nase herumzutrampeln.

Wegen der vielen neuen Männerfiguren und des Anthologie-Charakters bietet „Gefühlte Nähe“ eine etwas zerfahrene Lektüre – ein interessantes Buch für zwischendurch ist es aber allemal.
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Harald Martenstein: Gefühlte Nähe.
Bertelsmann, August 2010.
224 Seiten, Hardcover, 19,99 Euro.

Mittwoch, 23.02.2011

Autor: Stefan Blanz

Evagrios Pontikos: Die große Widerrede / Antirrhetikos

Immer häufiger werden traditionelle Quellen der Spiritualität neu übersetzt, veröffentlicht und in Reihen herausgegeben. Einen solchen Weg beschreitet jetzt auch der Vier Türme Verlag der Abtei Münsterschwarzach, die sich seit Jahrzehnten im Verbund mit anderen Benediktinerklöstern um den Erhalt und die Forsetzung monastischer Lehren und Lebensweisen bemüht. Die neue Reihe Quellen der Spiritualität mit dem Antirrhetikos zu eröffnen, verrät bereits etwas vom Konzept. In Zeiten pluralistischer Orientierungslosigkeit und dem Hunger nach praktischer, geistlicher Lebenshilfe sind auch (die Schriften von) Eremiten gefragt, schließlich erhofft man sich von solchen Persönlichkeiten die ersehnte Führung durch die Höhen und vor allem die Tiefen des Lebens. Die Mönchsväter der nahöstlichen Wüsten des 4. Jahrhundert waren die ersten christlichen Mönche überhaupt und suchten durch die größtmögliche Distanz zur Welt eine größtmögliche Nähe zu Gott. Kraft ihrer Rolle in der Gemeinschaft waren sie aber keine zurückgezogenen Schrate, sondern Beter zu Gott und Berater für Menschen. Nicht nur in der Überlieferung ihrer Zeugnisse, sondern auch in der Lebensform sind es die Anachoreten genannten bis heute. Einer dieser Wüstenväter ist Evagrius Pontikus, der als der Begründer des philosophisch-christlichen Schreibens gilt. Viele seiner Werke sind zwar nicht im Original, aber in syrischen Abschriften und altgriechischen Übertragungen erhalten und hinterlassen uns in Theorie und Praxis Anleitungen zum christlichen Leben. Er entwickelte die Acht-Laster-Lehre (der schlechten Gedanken, Leidenschaften oder Dämonen), die uns Allzumenschliche im Kampf gegen das Böse und für die Entwicklung des Guten des Evangeliums stärken soll. Die jetzt ertmals in vollständiger deutscher Übersetzung neu vorgelegte große Widerrede bildet dabei eine Art Selbstverteidigungskurs gegen negatives Denken in unseren Seelenströmungen (während der bekanntere Praktikos die Theorie der acht Laster Völlerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Trägheit, Ruhmsucht und Stolz entfaltet). Das Werk versucht dabei, den Leidenschaften in uns Worte der Bibel entgegenzustellen. Zum Beispiel wird der Gedanke, „der zur Zeit der Ernte uns die Begierde nach neuen Speisen einflößt“ abgewehrt mit: „Jeder Wettkämpfer übt Enthaltsamkeit, um einen vergänglichen Kranz zu erlangen; wir aber laufen, um einen unvergänglichen Kranz zu erlangen.“ (1 Kor 9,25). Dieser unvergängliche, geistliche Kranz der Seele ist nach Evagrios neben der für Christen konstitutiven Glaube an das ewige Leben die Erlangung der Apatheia, der leidenschaftslosen Gelassenheit. Dieses Buch ist offensichtlich nichts für Konsumisten, Sentimentale, Esoteriker oder Bigotte, sondern es gibt dem Leser eine Ahnung von der Strenge frühchristlicher Lebensformen. Auch wenn die traditionelle Verwendung von Begriffen wie Leidenschaft oder Unlust einen heute häufig diametral entgegengesetzten Wortgebrauch darstellt, bietet die kurzprosaische Form der großen Widerrede einen sprachlich einfachen Einstieg in die Spiritualität des monastischen Christentums und in die Bibel selbst, die durch diese alltagstaugliche Ausdeutung eine praktische Nähe bekommt. Vorsichtshalber sei aber auch darauf hingewiesen, dass Nachahmer aufgefordert sind, keine übermütigen und übermäßigen Alleingänge zu wagen.

Evagrius Ponticus: Die große Widerrede. Antirrhetikos, übers. von Leo Trunk OSB, Münsterschwarzach 2010, (Quellen der Spiritualität Bd. 1), 176 S., geb., 19,90 €. ISBN 978-3896807014 VG Wort Zählmarke

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Dienstag, 08.02.2011

Autor: Immo Sennewald

Gestorben wird ärmer

Cover des Taschenbuches

Cover des Taschenbuches


In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder Berichte aus Alten- und Pflegeheimen: Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge die letzten Lebenstage nicht in einer solchen Anstalt verdämmern zu müssen.
Hans Zengeler legt mit “In einer erdfernen Welt” den Beweis vor, dass es in Wirklichkeit nicht so schlimm ist. Es ist schlimmer. Die Heime sind, wie wir sie uns eingerichtet haben. Zengeler führt diesen Beweis anhand eines 69jährigen Schauspielers, der sich, vom Schlaganfall getroffen, an den Rollstuhl gefesselt in einem solchen Heim wiederfindet. Er hat als Held eines Stadttheaters wenig unternommen, menschliche Bindungen zu pflegen; zu spät sieht er ein, dass er damit einem Verhaltensmuster seiner Mutter folgte, die von Menschen unabhängig sein wollte, am Ende vereinsamt starb. Ihm widerfährt nun dasselbe. Er ist abgemeldet. Kein Kollege, kein Freund kommt zu Besuch. Die Ämter haben ihn in Verwahrung genommen. Schreibend, die Verhältnisse um sich herum beschreibend, ringt der halbseitig gelähmte um sein psychisches Überleben.

Natürlich ist Zengelers Heim auch eine Metapher. Natürlich sind die in der Demenz bisweilen erleuchtet erscheinenden Moribunden keine armen Opfer. Zengeler fühlt mit den in die Erdferne Gesperrten, aber er ergeht sich nicht in Mitleidsritualen. Er sitzt mittendrin, und er führt den Leser hinein, dass er sehe, was das Personal so wenig sehen kann, wie die bisweilen auftauchenden, bestürzt, befremdet, peinlich berührt – jedenfalls hilflos – reagierenden Besucher: dass sie bald schon selbst da sitzen und einen gelben Fleck an der Wand anstarren könnten, verloren gegangen einer Welt, in der sich alle bemühen, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein, statt sich von den Dingen ab- und dem Menschen zuzuwenden. Sie können es sich nicht vorstellen, die Angestellten vom Pflegedienst, die Besucher der “erdfernen Welt”, dass sie selbst als nächste auf der Warteliste für einen Platz darinnen stehen, weil sie ihr menschliches Umfeld mit ihren Gebrechen überfordern könnten. Sie kehren den Wirren den Rücken, schaffen Distanz und beten des Abends zu St. Florian.

Zengeler wäre nicht er selbst, wäre da nicht ein Funken Hoffnung, wären da nicht Lichtblicke menschlicher Nähe, wäre da nicht Bitternis und sarkastische Pointe. Das Buch ist eine ausgezeichnete Altersvorsorge, genauer gesagt: es hält dazu an, fürs eigene Alter vorzusorgen – so lange man sich noch von den Sachen ab- und den Menschen zuwenden kann.

„In einer erdfernen Welt“ 164 Seiten, 14 €
Verlag: Shaker Media
ISBN-10: 3868584420
ISBN-13: 978-3868584424

Sonntag, 06.02.2011

Autor: Andreas Schröter

Ian McEwan: Solar

Ian McEwan: »Solar«Bei Ian McEwan kann man eigentlich nichts falsch machen. Ich würde so weit gehen, ihn als einen der geistreichsten und schlicht besten Autoren der Gegenwart zu bezeichnen. Dennoch war ich vor der Lektüre seines neuesten Werkes „Solar“ skeptisch. Ein Buch über den Klimawandel? Das kann schnell dröge werden.

Wurde es aber nicht. „Solar“ knüpft nahtlos an frühere Werke wie etwa „Saturday“ an und hat mich rundum begeistert. Im Mittelpunkt steht der unsympathische Nobelpreisträger Michael Beard. Der betrügt seine Frauen nach Strich und Faden, sorgt dafür, dass ein ungeliebter Nebenbuhler im Knast verschwindet, und lebt wissenschaftlich lediglich von einer einzigen guten Idee, die er vor 40 Jahren hatte. Neues Gedankengut, das er als seines ausgibt, stammt in Wirklichkeit von einem viel jüngeren Wissenschaftler, der jedoch tödlich verunglückt ist.

Das Schöne an diesem Roman ist neben dem geschliffenen Stil die Vielschichtigkeit. Wir lernen nicht nur diesen Menschen in seiner ganzen Kaltblütigkeit kennen, was ein psychologisch äußerst stimmiges Portrait ergibt, sondern erfahren auch über den Wissenschaftszirkus – zum Beispiel wie man in diesen Kreisen etwas wird und dass es nahezu ausschließlich darum geht, Fördergelder abzuschöpfen. Dass man nebenbei auch noch etwas über moderne Verfahren zur Energiegewinnung lernt, kann man vernachlässigen. Würde mich das interessieren, würde ich ein Sachbuch lesen – aber gut recherchiert wirken auch diese Textstellen allemal. Auch Humor kommt gottseidank vor: zum Beispiel, wenn der tolpatschige Michael Beard versucht, in der Aktis bei minus 30 Grad zu urinieren.

Insgesamt ein tolles Buch, das ich hiermit uneingeschränkt weiterempfehle.
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Ian McEwan: Solar.
Diogenes, September 2010.
405 Seiten, Hardcover, 21,90 Euro.

Mittwoch, 02.02.2011

Autor: Odile

Jan Wagner: Friedrich-Hölderlin-Preis 2011

Jan Wagner hat den Friedrich-Hölderlin-Preis 2011 bekommen, berichtet die Lyrikzeitung. Wagner ist ein meister des Atmosphärischen. Im Poetenladen ist Einiges zu lesen, etwa der botanische garten oder der westen. oder die wunderbaren champignons. Jedes Gedicht scheint eine kleine Geschichte zu erzählen, eine oder mehrere Szenen, Wagner fängt Augenblicke ein – fast wie die Haiku – wir sehen Bilder, die aus seinen Gedichten entstehen – und doch bleibt auch immer etwas Schwebendes, etwas das weitergeht, hinaus über das Gedicht, das irgendwer weiterschreiben wird, oder ein Bild, das anfängt, sich zu bewegen …

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Freitag, 21.01.2011

Autor: JosefBordat

Das Klima wandelt sich. Gut so!

Gerd Ganteför präsentiert uns seine etwas andere Sicht auf die Folgen der Erderwärmung

Der Klimawandel gilt als eine der großen existenziellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Horrorszenarien dominieren die Rezeption des Phänomens. Die Delegierten des Kopenhagener Klimagipfels im Dezember 2009 wurden mit einem Schock-Video eingeschworen: Ein kleines Mädchen aus der Zukunft läuft hilflos in einer ausgetrockneten Gegend umher und bittet die Konferenzteilnehmer um Hilfe. Gebracht hat es nichts, doch die Zuschreibung von passierenden und möglicherweise kommenden Naturkatastrophen zum Klimawandel motiviert globale Aktivitäten – nicht immer so, dass es alle für ausreichend halten, doch das Handeln (oder zumindest das Verhandeln) zeigt: Ganz kalt lässt die Erderwärmung Niemanden, der in diesen Tagen politisch und/oder wirtschaftlich Verantwortung trägt. Zu groß ist die Gefahr für die kommenden Generationen.

Gerd Ganteför sieht die Sache anders. Der Phyiker von der Universität Konstanz will nichts davon wissen, dass wir mit dem Schicksal unserer Enkel va banque spielen. Er hält die Schreckensvisionen für verfehlt und zeichnet ein rosiges Bild von den Folgen der Erderwärmung (die er als anthropogenes Phänomen selbst nicht in Frage stellt). In seinem Buch mit dem schlichten Titel „Klima“ argumentiert er für Sachlichkeit und zeigt eine interessante Perspektive auf einzelne Fragen im Kontext der Thematik (etwa die Energieversorgung resp. -politik), mit der ein anderes Urteil über den Klimawandel möglich wird – vom Problem zur Chance. Klimawandel ist für Ganteför ein Wandel zum Guten. Seine Häme gegenüber dem allseitigen hysterischen Pessimismus kommt im Untertitel des Buches zum Ausdruck: „Der Weltuntergang findet nicht statt“.

Das macht neugierig. Gespannt folgt man der Argumentation, mit der Ganteför seine Kernthese („Die Folgen der Klimaerwärmung sind nicht katastrophal und bringen sogar einige Vorteile.“) untermauert. Er beschreibt die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen und denkt dabei in geologischen Zeitmaßstäben. Ziemlich bald, also noch in diesem Jahrhundert, verschwindet das Nordpol- und Gletscher-Eis „weitestgehend“, aber es wird auch weniger Stürme geben, da die Temperaturunterschiede zwischen den Klimazonen gering werden. In 100 Jahren wird es feuchter und wärmer sein als heute „und das wird weltweit zu besseren Ernten führen“. Mehr noch: „Die Sahara könnte wieder grün werden“. In 1000 Jahren wird dann auch Grönland grün. Trotz der Prognose, dass dann der Meeresspiegel „um rund 10 Meter“ höher liegen wird, mit der Folge, dass „einige tiefliegende Regionen“ voll laufen, ist der Physiker optimistisch: „Insgesamt wird der Lebensraum der Menschen sich [..] vergrößern“.

Ganteför ist kein Klima-Leugner. Zur Tatsache Erderwärmung und deren Ursache stellt er unmissverständlich fest: „Es ist in den letzten 100 Jahren um 0,7 [Grad Celsius] wärmer geworden. Die Winter sind milder geworden, die Gletscher tauen ab und der Meeresspiegel ist um 20 cm gestiegen. Die Erwärmung ist eine Folge des (zusätzlichen) Treibhauseffekts, den das Kohlendioxid verursacht, das der Mensch bei der Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle freisetzt. Dadurch erhöht sich der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre und der natürliche Treibhauseffekt wird verstärkt.“

Gleichwohl hält er Kohlendioxid-Vermeidungsstrategien für vergebens: „Es gibt kein Mittel gegen die Klimaerwärmung. Die Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle wird nicht aufhören, wahrscheinlich nicht einmal abnehmen. Der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre wird daher weiter steigen und die Temperatur um mehr als 2 [Grad Celsius] zunehmen.“

2 Grad – das ist der Grenzwert des Weltklimarats (IPCC). Ganteför zeigt sich nicht nur skeptisch gegenüber dessen „offiziellen“ Szenarien zu den Klimawandelfolgen, sondern auch hinsichtlich dessen Arbeitsweise; er wirft dem IPCC indirekt selektive Wahrnehmung vor. Ferner kritisiert Ganteför die dramatisierende Darstellungsweise von Forschungsergebnissen, die dann – von den Medien aufgenommen – jene Untergangsstimmung hervorriefen, für die es keinen Anlass gebe.

Wenn es ohnehin keinen Sinn hat (ja: vor dem Hintergrund der genannten Vorteile gar nicht gut wäre!), gegen den Klimawandel anzusparen, wie sieht dann eine sinnvolle Energiepolitik aus? Ganteför benennt konkret acht Punkte, die vorsichtig gesprochen als „ökologisch unorthodox“ bezeichnet werden dürfen. So spricht er sich nicht gegen Kohlekraftwerke aus, soweit sie „emissionsarm“ seien, fordert moderne (also: neue) AKWs und hält nichts von Solarenergie („Luxusspielzeug“). Er ist skeptisch gegenüber Biotreibstoffen und Holzpellets und findet deren fiskalische Förderung kontraindikativ. Er fordert stattdessen Anstrengungen, um die Kernfusion als Lösung des Energieproblems verfügbar zu machen. Das Argument ist dabei die jeweilige Energiebilanz, die der Naturwissenschaftler vorrechnet. Man müsste wohl, um die Validität und Reliabilität der Daten und Zahlen zu prüfen, alternative Darstellungen zum Vergleich heranziehen. Denn: Dass in der Politik oft Emotionen den Sachverstand überlagern, ist nichts Neues, warum sollte es in der Energiepolitik anders sein? Doch: Dass Fachkollegen aus dem Bereich der Klimaforschung bisher zu ganz anderen Schlüssen kommen, macht das Ganteförsche Klima-Kalkül fragwürdig. Grobe Fehler habe ich nicht entdecken können und seine Argumentation klingt durchaus plausibel. Aber Zweifel bleiben.

„Klima. Der Weltuntergang findet nicht statt“ ist kein Lehrbuch für „ökorrektes“ Denken. Es rüttelt mit seinen steilen Thesen auf und besticht durch eine stringente Argumentation, die im Einzelnen zu verifizieren die Aufgabe des Fachdiskurses ist. Bleibt zu hoffen, dass es Ganteförs kontroverse Thesen genau dorthinein schaffen.

Bibliographische Daten

Gerd Ganteför: Klima. Der Weltuntergang findet nicht statt
Weinheim: Wiley-VCH (2010)
289 Seiten, EUR 24,90
ISBN-13: 978-3-527-32671-6

Josef Bordat

Donnerstag, 20.01.2011

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Coe: Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim

Jonathan Coe: »Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim«„Ein amüsanter Schelmenroman über unsere Zeit“ soll das neue Buch von Jonathan Coe laut Klappentext sein. Ist es aber nicht.

„Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“ ist die düstere, aber höchst lesenswerte Beschreibung des langsamen Scheiterns eines Mannes, der den vielen Widernissen des Lebens nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Titelheld Maxwell Sim (48) hat Depressionen, weil Frau und Tochter ihn verlassen haben und auch sein Vater nichts von ihm wissen will. Echte Freunde hat er schon lange nicht mehr. Da bekommt er das Job-Angebot, auf die Shetlandinseln zu fahren, um dort PR-Arbeit für eine Zahnbürstenfirma zu machen. Wie jedoch bereits auf der ersten Seite klar wird, kommt er dort nie an. Maxwell driftet immer mehr in den Wahnsinn ab. Das gipfelt darin, dass er sich in die weibliche Stimme seines Navigators verliebt. Der Trip, den er immer wieder zu Abstechern etwa zu einer verlassenen Wohnung seines Vaters erweitert, wird zu einer Reise in seine eigene Vergangenheit, bei der unser Held immer mehr zum Teil schockierende Details über seinen Vater, seine Frau und eine Ex-Freundin herausfindet.

Sebastian Coe streut vier separate Geschichten in den Roman ein, die er nach den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft benennt. Fiktive Verfasser sind die Nebenfiguren des Romans, die damit ebenfalls Licht in das Dunkel der Vergangenheit bringen. Ein gelungener literarischer Kniff, der für Abwechslung sorgt.

„Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“ bietet ein Menge Indentifikationspotenzial für Männer ab Mitte 40. Und bei aller Düsternis sind manche Stellen so witzig, dass man laut loslachen muss.

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Jonathan Coe: Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim.
DVA, November 2010.
416 Seiten, Hardcover, 22,99 Euro.

Donnerstag, 20.01.2011

Autor: JosefBordat

Lockeres Aufwärmen

Ronny Galczynski hat alles Wissenswerte über den deutschen Frauenfußball in einem unterhaltsamen Lexikon zusammengestellt

Es soll immer noch Menschen geben, die im Herren-Fußball jede Regionalligamannschaft in- und auswendig kennen, aber nicht wissen, wer bei den Damen der aktuelle Deutsche Meister ist. Ihnen hilft – auch in Vorbereitung auf die Frauen-WM 2011 in Deutschland – das Lexikon „Frauenfußball von A-Z“ weiter, das jetzt im Humboldt-Verlag erschienen ist. Der Sportjournalist Ronny Galczynski hat Daten und Fakten über die besten Spielerinnen und die erfolgreichsten Clubs, die spektakulärsten Rekorde und anderes Wissenswerte zum Frauenfußball gesammelt. Die vielleicht beste, sicherlich aber bekannteste deutsche Spielerin aller Zeiten, Birgit Prinz, adelt die Neuerscheinung mit einem Vorwort.

Der Frauenfußball hat mittlerweile einen hohen Stellenwert. Er ist seit 1996 olympisch, unterhält in vielen Ländern einen professionellen Spielbetrieb und trägt alle vier Jahre eine Weltmeisterschaft aus. Die nächste findet, wie erwähnt, in Deutschland statt, beim Titelträger der letzten beiden Turniere (2003 und 2007). Deutschland ist (neben den USA und den skandinavischen Ländern) ohnehin ein gutes Pflaster für Frauenfußball. Über 1 Million Mädchen und Frauen kicken hierzulande im Verein, Tendenz steigend. Das ist Grund genug für ein deutschsprachiges Lexikon. Dennoch ist es schade, dass es im Wesentlichen auf den deutschen Frauenfußball beschränkt bleibt. Ebenso hätte die historische Einführung umfassender sein können als die zwei Seiten mit den wichtigsten Informationen.

Zum Thema Frauenfußball in Deutschland bleiben unterdessen keine wichtigen Fragen offen. Alle 175 Nationalspielerinnen der (kurzen) Geschichte des deutschen Frauenfußballs (noch bis 1970 war Frauenfußball in den Vereinen der Bundesrepublik verboten!) werden vorgestellt, alle wichtigen Vereine ebenso. Auf diese Weise ist ein detailreiches Nachschlagewerk entstanden, das solide Einstiegsinformationen liefert, die – bei größerem Interesse – als Ausgangspunkt für weitere Recherchen genutzt werden können. Zudem verfügt das 400 Seiten starke Werk über einen farbig abgesetzten Statistik-Anhang, mit Listen bedeutender Spielerinnen- und Trainer(innen), mit Tabellen und Ehrentafeln. Das Übliche.

Unüblich jedoch der Plauderton, den Galczynski anschlägt. Die Texte sind damit keine Lexikon-Artikel im strengen Sinne, denn sie sind nicht im typisch lexikalischen Stil geschrieben, sondern ähneln in ihrer Diktion eher informativen Zeitungsartikeln. Galczynski beschränkt sich nicht auf Fakten zu Sachen und Personen, sondern lässt behutsam Wertungen einfließen. Auch „echter“ Fußballer-Jargon ist zu finden (aus „Gelbe Karte“ wird beispielsweise kurz „die Gelbe“). Das lockert das Lexikon einerseits auf, andererseits geht die kompakte Ästhetik verloren, die Enzyklopädien in ihrem Bemühen um knappe, strikte Objektivität sonst eignet. Im Grunde nähert sich das Frauenfußball-Lexikon mit dieser „Wikipedisierung“ stilistisch wieder dem Ur-Nachschlagewerk europäischer Kultur: die „Encyclopédie“ von d’Alembert und Diderot ist gleichfalls eine lockere Zusammenstellung alltagssprachlich verfasster Artikel, in denen es vor kritischen bis polemischen Nebenbemerkungen wimmelt. Davon ist Galczynski zwar weit entfernt, doch ebenso vom klassischen Stil eines „Brockhaus“.

Bleibt die Frage zu klären, wer der amtierende Meister im Frauenfußball ist. Ein Blick in den umfangreichen, aber dennoch übersichtlichen Statistikteil verrät: 1. FFC Turbine Potsdam. Für alles weitere rund um den Frauenfußball sei den Fans und denen, die es werden wollen, Ronny Galczynskis Lexikon empfohlen – als Aufwärmtraining für die anstehende WM.

Bibliographische Daten

Ronny Galczynski: Frauenfußball von A-Z. Das Lexikon für den deutschen Frauenfußball. Spielerinnen, Vereine und Rekorde. Viele Hintergrundgeschichten
Hannover: Humboldt (2010)
392 Seiten, EUR 9,95
ISBN-13: 978-3869101699

Josef Bordat

Dienstag, 18.01.2011

Autor: Zauberland

„Tausend strahlende Sonnen“ Khaled Hosseini

Über dieses Buch zu schreiben fällt schwer ohne direkt in einen Reigen der Superlative zu verfallen.

Khaled Hosseini ist einer der Schriftsteller, der mich in den letzten Jahren am tiefsten beeindruckt und mit seinen Werken berührt hat. Seine einfühlsame Art zu schreiben und seine Fähigkeit dem Leser seine Figuren so unglaublich nahe zu bringen, ist einzigartig.

„Tausend strahlende Sonnen“ spielt im schwer von innen- und außenpolitischen Konflikten gebeutelten Afghanistan der letzten 30 Jahre. Die jüngste Geschichte des Landes und der grenzenlos destruktive Einfluß der Taliban auf die Kultur und die Lebensqualität der Menschen werden auf so berührende Art vermittelt, dass sich mein eigener Bezug und meine Verständnis für die Konflikte in Afghanistan grundlegend verändert hat.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Frauen. Die unehelich geborene und gesellschaftlich nie wirklich (an-)erkannte Mariam und die aus gut situiertem und sehr liberalem Hause stammende 20 Jahre jüngere Leila. Miriam wurde als 15jährige mit dem 30 Jahre älteren reichen in Kabul lebenden Witwer Rashid zwangsverheiratet , Leila ereilt dasselbe Schicksal als ihre Familie durch einen Bombenangriff nahezu vollständig ausgelöscht wird und ihre große Liebe Tarik im Krieg fällt. Leila wird Rashids Zweitfrau.

Die sich anfänglich mit großer Zurückhaltung begegnenden Frauen wachsen aufgrund ihrer sehr schwierigen Lebensumstände immer mehr zusammen und erkennen, dass sie nur gemeinsam und mit vereinten Kräften agierend in ihrem eigenen Land und ihrem eigenen Haus eine Chance haben zu überleben. Sie erleben Hungersnöte, ertragen nahezu beinahe tägliche körperliche Gewalt durch den Ehemann und den Krieg.

Die beschriebenen Lebensumstände sind in ihrer Rohheit kaum vorstellbar. Die Unterdrückung der Frauen bis hin zum nahezu nicht gesellschaftsfähigen Dasein einer Frau aufgrund ihres Geschlechts mündet unter anderem darin, dass es Frauen untersagt ist sich medizinisch behandeln zu lassen und Ärztinnen die Möglichkeit entzogen wird zu praktizieren, in Ausnahmefällen dürfen Ärztinnen Patienten/-innen behandeln, jedoch nur wenn sie selbst im OP die Burka tragen. Unter unmenschlichen Bedingungen entbinden Frauen ihre Kinder durch Kaiserschnitt – ohne Betäubung. Diese Beschreibungen im Buch gehören zu den bewegensten und berührendsten Momenten.

„Tausend strahlende Sonnen“ ist ein mehrfach ausgezeichneter Megaseller. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem lege ich es sehr ans Herz. Übrigens nicht minder ans Herz wie schon „Drachenläufer“, das wohl bekannteste Werk von Kahled Hosseini. Ein Buch das unter den Top 60 der meist verkauften Bücher aller Zeiten zu Recht rangiert.

Sonntag, 16.01.2011

Autor: Andreas Schröter

Adam Thirlwell: Flüchtig

Adam Thirlwell: »Flüchtig«Ein alternder Playboy weilt in einem Kurhotel in den Alpen, weil er dort eine Erbschafts-Angelegenheit zu klären hat. Er hat Affären mit zwei Frauen, die 30 beziehungsweise 50 Jahre jünger sind als er. Immer wieder erinnert er sich an frühere Begebenheiten aus seinem Leben. Kriegserlebnisse kommen vor, das Leben an der Seite seiner Frau und seine Rolle als britischer Jude.

Das wirkt zwar bereits in dieser Aufzählung leicht überladen, könnte aber dennoch interessant sein, wenn Autor Adam Thirlwell (32) das Ganze nicht in einer dünkelhaften, pseudo-intellektuellen Sprache präsentieren würde, die stellenweise wie gewollt, aber nicht gekonnt wirkt und gelegentlich sogar in schlichtes Geschwafel abfällt. Sinn des geschraubten Stils mit viel indirekter Rede ist wohl, dem Roman die erhabene Patina eines in den Jahre gekommenen Luxushotels zu geben. Aber was zu Anfang noch verzaubern mag, nervt mit zunehmender Seitenzahl nur noch. Gleiches gilt für die ständigen Rückblenden, die hier geradezu inflationär oft eingesetzt werden, den Plot im Hotel nur noch zu einer unwichtigen Rahmenhandlung degradieren und den Leser quasi auf jeder Seite aus dem Lesefluss reißen.

Man gewinnt den Eindruck, dass hier ein übermäßig egozentrischer Autor keine Geschichte erzählen, sondern ausschließlich damit prahlen wollte, wie gewählt er sich ausdrücken und welche großen Themen des 20. Jahrhunderts er so gekonnt miteinander vermischen kann. Das Ergebnis ist ein total verquastes Buch. Und damit sich das Ganze auch gut verkauft, hat er eben eine gehörige Prise Sex auf die ganze Sauce gestreut. So einfach ist es dann aber eben doch nicht immer.
————————
Adam Thirlwell: Flüchtig.
S. Fischer-Verlag, September 2010.
383 Seiten, Hardcover

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Samstag, 15.01.2011

Autor: Frank Berno Timm

Buch als Kunst, nicht als Massenware

Was für ein phantastischer Kontrapunkt! Was für eine andere Welt – abseits des Massengeschmacks und der Palettenware in den großen Buchsupermärkten! Ich bin zum ersten Mal hier in Hamburg auf der Norddeutschen Handpressenmesse, die sich für zwei Tage im Museum der Arbeit (der S-/U-Bahnhof Barmbek ist ein paar Schritte entfernt) niedergelassen hat. Es ist eine Verkaufsmesse: 50 Handpressen, Ateliergemeinschaften und Buchkunst-Verlage, die HAW Hamburg, der Büchergilde-Artclub sind da – es gibt diverse Vorführungen und Demonstrationen.

Auf zwei Etagen eines alten Fabrikgebäudes reiht sich ein Stand an den nächsten.  Hinter dem Kasseneingang gibt es noch ein paar mehr Aussteller – da hat, so scheint es, der Platz nicht gereicht.

Aufmerksam geworden war ich durch die brasilianische Künstlerin Tita do Rêgo Silva, die seit vielen Jahren in Hamburg lebt. Beim Thema Bücher, sagt sie, sei die Handpressen-Messe (sie findet zum siebten Mal statt) ihre wichtigste Messe, auf der sie die meisten Leute treffe. Schon die Eröffnung (am gestrigen Freitag) sei sehr gut besucht gewesen, am Sonntag werde es noch einmal sehr voll werden.

Die Künstlerin blättert vorsichtig durch ihr neuestes Werk. Das großformatige Buch ist handgemacht – Arthur Schütts „Liebesgeschichte“ hat sie nicht nur gesetzt, sondern auch mit Holzschnitten illustriert.  Jeden einzelnen Punkt auf dem Papier, sagt do Rêgo Silva, habe sie selbst gemacht. Der Grund ist einfach: Für das Format dieses Buches, das sie auf Bestellung produziert, besitzt sie keine Maschine.  Ihre Holzschnitte folgen der so genannten verlorenen Form – alle Farben verdankt sie einer Platte.

Die Namen der verschiedensten, kleinen „Buchfabriken“ haben es schon mal in sich.   Die Umtriebpresse hat nur wenige Schritte weiter ihren Infotisch. „Melancholiker aller Länder vereinigt euch!“ – allein schon diese, nicht nur augenzwinkernde Marxengels-Umdeutung lohnt den Besuch – sie geht, erzählt der hinter dem Tisch sitzende Ulrich Horstmann, auf die Künstlerin Johanna Schwarz zurück.

„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“ Susanne Semajic nimmt ein Buch in die Hand. Diesmal geht es nicht um Seiten oder Einband: Hinter, besser: unter  dem Goldschnitt verbirgt sich eine Illustration. Das Buch war in einer speziellen Zwinge, erst danach hat ein Buchbinder es mit dem Goldschnitt versehen. Diese ganz besondere „Moby Dick“-Ausgabe von Artemis & Winkler, ein Unikat, ist eine vierstellige Euro-Summe wert.

Also: Tolle Bücher, Einbände, Illustrationen, Schriftgestaltung – all das kann man hier betrachten. Hin und wieder gibt es ja auch in den Programmen großer Verlage durchaus Bücher, die einem buchkünstlerischen Anspruch gerecht werden – die kleinen Handpressen, Verlage, die Buchverrückten hier in dem Museum erinnern auf eine sympatische Art und Weise daran, dass Bücher eigentlich keine Massenware sein sollen.

– Museum der Arbeit, Stiftung Historische Museen Hamburg, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg

Freitag, 14.01.2011

Autor: Zauberland

Zu „Das Spiel des Engels“ – Carlos Ruiz Zafon

So wie auch schon in „Der Schatten des Windes“, nimmt uns Carlos Ruiz Zafon mit auf eine mystische und aufregende Reise durch dunkle Gassen und geheimnisvolle einst herrschaftliche Häuser des Barcelona der 30er Jahre.

David Martin fristet sein Leben als erfolgloser Schriftsteller, krank, perspektivlos und leidet seelisch schwer unter dem Verlust seiner großen Liebe.

Schwer vom Leben enttäuscht begegnet er dem reichen Geschäftsmann Corelli. Corelli beauftragt ihn ein Buch zu schreiben und bietet ihm eine Menge Geld. David Martin ahnt zunächst nicht, dass er nicht nur seine Arbeit,  sondern auch dabei ist seine Seele zu verkaufen.

Mit den Worten

„Reizt es sie nicht, eine Geschichte zu schreiben, für die Menschen leben und sterben würden, für die sie töten und den eigenen Tod in Kauf nehmen würden, für die sie opfern und verdammen und ihre Seele aushauchen würden?“

bringt er ihn zum Nachdenken und endlich zur Einwilligung.

Beseelt vom Gedanken sich endlich als Autor selbst ein Denkmal zu setzen und zu unsterblichem Ruhm zu gelangen, macht sich David Martin ans Werk und ahnt nicht im Entferntesten worauf und auf wen er sich wirklich eingelassen hat.

Wieder gelingt es Zafon uns mit seinem  Schreibstil in seinen Bann zu ziehen. Wir erleben das Buch als phantasievolle und spannende Reise durch emotionale Täler und euphorische Liebeshöhen, wir tauchen ein ins triste Leben des Protagonisten im Umfeld des von Kämpfen und Unruhen geprägten Spanien kurz vor dem Bürgerkrieg, und  wir statten dem Friedhof der vergessenen Bücher erneut einen Besuch ab.

Es gelang mir allerdings während des gesamten Buches nicht für den Protagonisten David Martin tiefe Sympathie zu entwickeln. Auch fehlte die atemberaubende Tiefe der Magie und die Mystik, die mich im ersten Buch von Beginn an faszinierte, meinen Atem stocken ließ und mich mehrmals tief bewegte und so manches Mal zu Tränen rührte.

Schade.

„Das Spiel des Engels“ übertraf in Spanien den schon überwältigenden Erfolg von „Der Schatten des Windes“, meiner Meinung nach eines der bemerkenswertesten Romane der letzten Jahre und eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

In der Liste der meist verkauften Bücher aller Zeiten, konnte „Das Spiel des Engels“ nicht an den Erfolg von „Der Schatten des Windes“ anknüpfen. Meiner Meinung nach zu recht.

Während im ersten Werk die Kraft des Erzählstils den Leser mit voller Wucht uneingeschränkt trifft und am Ende das Gefühl da ist: „Davon will ich mehr!“, bleiben am Ende von „Das Spiel des Engels“ viele Fragen offen. Ob die gewisse Oberflächlichkeit in Teilen der Handlung gewollt ist und den Leser zu deren Interpretation bewegen soll? Oder vielleicht stand der Autor ein wenig unter Zeitdruck?

Bemerkenswert finde ich, dass die spanischen Leser das offensichtlich anders sehen. Liegt es vielleicht an der Übersetzung?

Leider ist das oft der Fall. In Übersetzungen ist es sehr schwierig, nahezu unmöglich allein durch Worte den Geist und die Kultur einer Sprache zu übertragen.

Meine Erwartung an das Buch wurde nicht ganz erfüllt, sie war aber auch zugegebener Maßen sehr hoch – sehr wahrscheinlich zu hoch.

Donnerstag, 13.01.2011

Autor: Frank Berno Timm

Christa Wolf, persönlich gelesen

„Es gibt mehrere Gedächtnisstränge. Das Gefühlsgedächtnis ist das dauerhafteste und zuverlässigste. Warum ist das so? Wird es besonders dringlich gebraucht zum Überleben?“ Solche Sätze sind besonders. Sie markieren, wo Christa Wolfs großes  Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ hingeht.

Äußerlich, anders kann man es nicht sagen, beschreibt Christa Wolf ihren Aufenthalt als Stipendiatin des Getty-Centers in Los Angeles in den neunziger Jahren – und zwar genau zu der Zeit, als der Schriftstellerin  in einer überaus heftigen, gewiss grob unsachlichen Diskussion ihre IM-Akte öffentlich vorgeworfen wurde. Was sich im bundesdeutschen Blätterwald abspielt, erreicht sie mit Verzögerung – gnadenlos setzt sie sich der Frage aus, wie es möglich war, dass ausgerechnet sie, die sich in ihrem ganzen Schreiben so intensiv mit sich selbst auseinander gesetzt hat, diesen Schritt vergessen konnte. Eigentlich reist sie nach Los Angeles, um mehr über die Verfasserin eines Briefwechsels herauszufinden – es wundert einen beim Lesen nicht wirklich, dass auch die Menschen ihrer amerikanischen Umgebung mit diesem, zweiten Thema verbunden sind.

Wer Christa Wolfs Werk kennt, weiß, dass Fiktion, Handlung und Figuren nur angedeutet – und im Kern auch nicht wichtig – sind. Die Autorin der „Kassandra“, der „Kindheitsmuster“, der „Medea“ hat sich im Kern von Schubladen freigemacht: Erzählenswertes muss keinen Plot, keine eigentliche Handlung, haben. Es sind Begegnungen, Gespräche, mit anderen Menschen, Reisen. Selten liest man Bücher, in denen so viele Gespräche mit so viel Genauigkeit, ja Akribie aufgeschrieben sind, ohne wirklich langweilig zu werden. Und dennoch sind diese 414 Seiten keinesfalls zufällig, sondern virtuos geplant: Erst nach gut 120 Seiten taucht die „Titelfigur“ Dr. Freud auf. Und immer wieder solche Sätze: „Die Suche nach dem Paradies hat überall zur Installation der Hölle geführt“. Es geht, auch, um das ständig im Kopf mitlaufende Tonband. Und dann: „Falsche Empfindungen kann man bedauern, vielleicht sogar verfluchen, aber nicht zensieren oder ändern“. Was das bedeutet? Wer möchte, kann in Christa Wolfs Buch durchaus Antworten auf das eigene Leben finden. Dazu ist es notwendig, sich im Lesen ganz auf dieses Geflecht an Gedanken, Beobachtungen, auch Krisen, einzulassen. Das kann durchaus tröstlich sein: Krisen dauerten eben, so lange sie dauerten, und es bedürfe keiner Gründe dafür.

Die Virtuosität dieses Textes liegt auch darin, dass immer und immer wieder Erinnerungen, Rückblicke eingestreut werden. Geht es in die Vergangenheit, spricht sie von „Du“ und „ihr“, nur in der Gegenwart von „ich“. Zahllos weitere Assoziationen: Lieder, Gedichte, Autoren (Thomas Mann, um nur einen zu nennen), wunderbar gezeichnet die anderen, nur scheinbar fiktiven Figuren dieses Buches, denen sie in Amerika begegnet. Apropos: Es gibt durchaus eine unwirkliche Dimension: Christa Wolf erkennt, dass ein Engel sie begleitet: Angelina.

Einmal mehr hat Christa Wolf es geschafft, so etwas wie das Geflecht des Lebens, der Wirklichkeit, in einem Text aufzuschreiben. Es ist keine einfache Lektüre, gewiss nicht – aber sie ist einleuchtend. Und noch mehr: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ möchte ein zweites Mal gelesen werden, wenn nicht gar häufiger. Christa Wolf bekam für ihr Buch den Uwe-Johnson- und den Thomas-Mann-Preis, nicht zu Unrecht.

Frank Berno Timm

Christa Wolf, Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud

414 Seiten, Suhrkamp, 24,90 Euro

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