Dienstag, 09.10.2012
Autor: Ilka Sundermann
Die amerikanische Autorin Mary Kay Andrews schreibt in ihrem Roman Die Sommerfrauen über drei Freundinnen, die sich schon seit ihrer Schulzeit kennen und einen vierwöchigen Urlaub miteinander verbringen. Sie wohnen in einem Ferienhaus, das sich in dem Ort Nag’s Head befindet und direkt am Meer liegt. Alle drei Frauen machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Dorie ist schwanger von ihrem Eheman, der sie aber wegen eine Mannes verlassen hat. Ellis wurde von der Bank, bei der sie jahrelang tätig war, entlassen und Julia hat Angst davor, ihrem Lebensgefährten, der sie gerne heiraten würde, zu erzählen, dass sie vielleicht keine Kinder bekommen kann. Im Verlauf der Handlung taucht noch eine weitere Frauenfigur namens Madison auf, die auf der Flucht vor ihrem Ehemann, dem Investmentbanker Donald Shackleford, ist, der bei verschiedenen Mandanten Gelder unterschlagen hat. Neben der Geschichte über das Leben der geheimnisvollen Madison, die sich in dem Ferienhaus der drei Freundinnen vor ihrem Ehemann versteckt, entwickelt sich noch eine Liebesgeschichte zwischen Ellis und Ty Bazemore, dem Besitzer des Ferienhauses, der in existenziellen Schwierigkeiten steckt und befürchtet, sein Haus zu verlieren. Am Ende folgt aber „die Rettung des Hauses in letzter Minute“.
Dieser Roman ist leider nicht besonders spektakulär. Er ist weder ein interessantes Exemplar über Frauenfreundschaften, noch ein gelungener Liebesroman oder gar Krimi. Die Geschichten über die vier Frauen plätschern auf den 526 Seiten nur vor sich hin.-
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Mary Kay Andrews: Die Sommerfrauen.
S. Fischer, August 2012.
526 Seiten, Broschur, 9,99 Euro.
Montag, 08.10.2012
Autor: Immo Sennewald
Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative
Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein nächstes Zeitwort auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.
Tags: Agnes Bernauer, Aschenputtel, Bayern, Carl Orff, immo sennewald, Oper, Pretty Woman, Straubing, SWR 2, Zeitwort
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Samstag, 29.09.2012
Autor: Andreas Schröter
Eine Liebesgeschichte, ein alternativer Reiseführer und eine schrecklich-schöne Liebeserklärung an Russland – all das ist zugleich ist A. D. Millers Roman „Die eiskalte Jahreszeit der Liebe“, der im englischen Original 2011 für den Booker-Price und den Golden Dagger Award nominiert und ein Bestseller in Großbritannien war.
In Ich-Form erzählt der Held dieser Geschichte, der aus London stammende Anwalt Nick, einer nicht näher beschriebenen Lebensgefährtin von seiner Zeit in Moskau, die einige Jahre zurückzuliegen scheint. Als Nick dort die hübsche Russin Masha kennen lernt, beginnt für ihn ein Abenteuer, in dessen Verlauf er sowohl privat als auch im Beruf mit allerlei Ganoven zu tun bekommt, die ihm skrupellos das Geld aus der Tasche ziehen wollen.
Dicke Babuschkas kommen vor, ein strenger Winter bei -25 Grad und Öl-Millionäre, die mit Polizei-Blaulicht auf ihren Hummers von einem zwielichtigen Nachtklub zum nächsten fahren. Es gibt viele viel zu leicht gekleidete und zu dick geschminkte Mädchen, jede Menge Wodka und natürlich die allgegenwärtige Korruption.
Man merkt dem Roman an, dass der Autor, für den dieses Buch das literarische Debüt darstellt, sich mit dem Gegenstand, über den er schreibt, genauestens auskennt – kein Wunder: Er arbeitete bis 2007 als Auslandskorrespondent für „The Economist“ in Moskau.
Für alle, die speziell an Russland interessiert sind, ist „Die eiskalte Zeit der Liebe“ Pflichtlektüre, für alle anderen mindestens empfehlenswert.
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A. D. Miller: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe.
S. Fischer, August 2012.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Donnerstag, 27.09.2012
Autor: Oliver Gassner
Oliver: Hallo Chris, würdest du dich bitte den Bloglesern kurz vorstellen?
Chris: Hmmm, was sag ich da, über sich selbst reden ist immer das schwerste. Bin freie Autorin, lebe in Konstanz und im Juli ist mein zweiter Roman „Ring der Narren“ erschienen.
Oliver: Wir reden ja heute über den ersten, den zweiten hab ich hier im Blog schon rezensiert. aber vorweg: Hast du einen Zwillingsbruder und wenn ja, wie geht es ihm?
Chris: Nein, bin Einzelkind, wollte aber als Kind immer einen Zwilling haben … aber während des Schreibens von „Unter Wasser“ war Thomas Frederick Bennett tatsächlich mein Zwillingsbruder … im Geiste.
Oliver: Beide Romane haben ja starke Geschwister-Komponenten und sind Familiengeschichten. Und: In beiden deiner Romane spielen Männer die Hauptrolle, im neueren wechselt die Perspektive gelegentlich aber in „Unter Wasser“ ist die männliche Perspektive beibehalten. Warum die? Warum nicht die weibliche?
Chris: „Unter Wasser“ ist eine Art Bewusstseinskrimi, der Protagonist Thomas muss sich über seine desolate Situation in der Welt klar werden und die Gründe dafür suchen, und der Leser folgt ihm dabei. Eine zweite Perspektive wäre in diesem Fall überflüssig.
Oliver: In den 80ern wurde ja intensiv über männliches und weibliches Schreiben und deren unterschiedliche Weltsicht diskutiert. Wie siehst du das: Wirst du imaginärer Mann in den Texten oder gibt du den Männern in deinen Texten sozusagen ein weibliches Hirn?
Chris: Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Unterschiede gibt zwischen dem Schreiben von Männern und Frauen. Autoren sollten sich in die verschiedensten Lebenssituationen und Charaktere hineinversetzen und sie dabei wahrhaftig wirken lassen können. Mein Protagonist hat aber tatsächlich etwas Androgynes, da er die verlorene Schwester in sich trägt. Er ist außerdem ein Fan von “The Cure”.
Oliver: Ich erzähle mal kurz den Inhalt: Beim Schwimmen im See verliebt sich Thomas in Sekunden in Nora, die ihn, nachdem er buchstäblich von einem Blitz im Wasser getroffen wird, rettet. Sie treffen sich und verlieben sich. Als ein Nebenbuhler zusammen mit Thomas im Wasser landet, ertrinkt der Nebenbuhler und Thomas ist sich nicht sicher, ob er ein Mörder oder Totschläger oder unschuldig ist. Die Polizei lässt ihn laufen, er entfremdet sich von Nora, sammelt, als er versucht, sich zu ertränken, zwei Landstreicher auf und schläft mit der Landstreicherin. Irgendwann wird deutlich, dass er für noch eine Wasserleiche verantwortlich ist und dass sie Ähnlichkeiten mit Nora hat und dass das Unterdrücken dieses Unfalls eventuell für seinen Hang zum Lügen verantwortlich ist. Statt eines Happy Ends geht Thomas als Lehrer für eine Weile nach St. Petersburg. Wars das so etwa, um nicht zu viel zu verraten?
Chris: Das mit der Wasserleiche hast Du schön gesagt!
Oliver: Du hast ja fast mehr Wasserleichen im Text als am Schluss Tote auf der Hamletbühne liegen. Ist Wasser eine Todeszone und die Idylle des Bodensees eine riesige Falle?
Chris: Kommt immer drauf an, was man aus der Idylle des Bodensees macht. Für Thomas ist die Gegend mit düsteren Erinnerungen versetzt, aber selbst als er sie verlässt, kommt er nicht vom Wasser los. Statt nach St. Petersburg hätte er sich ja auch in die Wüste von Nevada absetzen können, aber das macht er eben nicht …
Oliver: Du selbst schwimmst auch bei Minusgraden im See. Ist das nicht gefährlich? Mur sind ja schon 16 Grad zu kalt
Chris: Man sollte beim Ufer bleiben, es bisschen trainieren und vorher genau drauf achten, wie man sich fühlt, dann ist es auch nicht gefährlicher als im Sommer. Man kriegt großen Respekt vor dem Wasser, erlebt am eigenen Körper, wie schnell man auskühlt, wie wenig Zeit einem im Ernstfall bliebe.
Oliver: Gab es schon mal ne Situation, wo du sagtest: Das war knapp?
Chris: Nein, aber letztes Jahr im Februar, als es so kalt war, Du erinnerst Dich, Eisrand am See, Nordwind, das ganze Programm, da bin ich auch rein, und das Wasser hatte zwei Grad Plus. In diesem Moment kam es mir richtig warm vor. Das Schlimmste war tatsächlich, bei dem pfeifenden Wind wieder an Land zu gehen.
Oliver: Wir sollten vielleicht noch anmerken, dass, während im zweiten Roman der Bodensee oder Konstanz eher Staffagen sind, der erste massiv lokal verortet ist: Untersee, die Imperia und der Gondelhafen, Friedrichshafen, Meersburg oder Überlingen – ich bin mir grade unsicher. Walser hat wohl mal gesagt, alle große Weltliteratur sei Heimatliteratur. Was bedeutet dir dein Umfeld? Wo nimmst du die Motive in den Texten her. (Eine Fangfrage, teilweise, weil ich schon einiges dazu von Dir gehört habe )
Chris: Mein Umfeld ist mir sehr wichtig als Inspiration, und von extremeren selbst durchlebten Situationen profitiere ich natürlich beim Schreiben. Ich durfte beispielsweise als Kind mal bei einem kleinen Familienzirkus mitreisen, das hat mir gute Bilder gebracht für „Ring der Narren“. Und derzeit schreibe ich an einem Roman über eine Frau, die gern im Winter schwimmen geht …. Zufall?
Oliver: Wohl kaum. Gibt es von deiner Seite noch was, was du gerne zu dem Roman los werden willst? – Aber an sich steht ja alles zu Sagende im Buch, oder?
Chris: Lasst Euch nicht von der Schrulligkeit meines Protagonisten abschrecken! Solche Leute trifft man in der Realität nicht gern, dafür sind sie in Büchern umso interessanter.
Oliver: Danke für das Interview Gehst du heute Schwimmen?
Chris: Jaaaaa … aber bei 17 Grad Wassertemperatur treffe ich sicher noch ein paar Gleichgesinnte
Oliver: Viel Spaß.
Chris: Danke schön!
Autoren-Page von Chris Inken Soppa bei Facebook
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Buchvorstellung: „Ring der Narren – Kostüm und Offenbarung“
Die Autorin Chris Inken Soppa stellt ihren neuen Roman vor.
Gewölbekeller im Kulturzentrum am Münster, Wessenbergstraße 43 in 78462 Konstanz
Kartenreservierung beim Kulturbüro Konstanz: 07531 – 900 900
Eintritt: 6/5 Euro
Mehr Info unter: http://www.facebook.com/events/356210274467430/
Samstag, 22.09.2012
Autor: Andreas Schröter
Einen grandiosen Debütroman legt der US-amerikanischen Schriftsteller Chad Harbach, geboren 1975, vor. Sein 600-Seiten-Schmöker „Die Kunst des Feldspiels“ befasst sich mit den Problemen, Nöten und Erfolgen einer Handvoll Menschen am fiktiven Westish-College in den USA. Da ist zum Beispiel Henry, ein aufstrebendes Baseball-Talent mit plötzlichen Selbstzweifeln, Präsident Affenlight, der in Liebe zu einem 40 Jahre jüngeren Schüler entbrennt, oder Mike Schwartz, ein verbissener Baseballspieler mit Knie- und Liebesproblemen – um nur einige zu nennen.
Chad Harbach gelingt es, diesen Figuren derart gekonnt Leben einzuhauchen, dass man nach kurzer Zeit meint, sie persönlich zu kennen und mit ihnen durch dick und dünn zu gehen. Das Ende in Form eines Baseball-Matches ist spannend wie ein Thriller, danach wird’s so gefühlvoll, dass man fast weinen möchte – vor allem deshalb natürlich, weil dieses wunderbare Buch schon zu Ende ist.
Auch wenn die in Deutschland weniger beliebte Sportart Baseball immer wieder vorkommt, sollte sich niemand, der sich dafür weniger interessiert, vom Kauf dieses Buches abschrecken lassen. „Die Kunst des Lebens“ wäre ohnehin ein passenderer Titel.
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Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels.
Dumont, August 2012.
608 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Samstag, 15.09.2012
Autor: Andreas Schröter
Vorwiegend auf die leisen Töne setzt der deutsche Autor Norbert Zähringer, geboren 1967, in seinem neuen Roman „Bis zum Ende der Welt“.
Die ukrainische Studentin Anna muss vor ihrem Vater fliehen, der sie zur Prostitution zwingen will. Sie wendet sich an eine Partnerschafts-Agentur, die sie an den älteren Deutschen, Anton Laska vermittelt. Der hat nur noch wenige Monate zu leben und bittet Anna mit ihm für 20000 Euro bis zum Ende seiner Tage in einem Ferienhaus in Portugal zu verbringen. Mangels Alternativen willigt Anna ein, doch nach und nach entwickelt sich eine Art Beziehung zwischen den beiden, die nicht auf Sex basiert. Und sie haben ein gemeinsames Hobby: die Liebe zu den Sternen. Dieser Teil der Geschichte ist eine durchaus lesenswerte, gefühlvolle Liebesgeschichte.
Doch Norbert Zähringer garniert diese Basis-Geschichte immer wieder mit Nebenhandlungssträngen, die nicht recht zum Kern passen wollen. Viel Raum nimmt beispielsweise ein portugiesischer Polizist mit deutschen Wurzeln ein, der aus der Ich-Perspektive aus seinem Leben erzählt, aber erst ganz am Ende Teil der Basisgeschichte wird, oder auch Annas Großvater, der Gefängniswärter in Spandau war. Mit etwas Wohlwollen lässt sich sagen, dass alle Figuren auf irgendeine Weise entwurzelt sind, dass das große Überthema des Buches also Entwurzelung ist. Hundertprozentig überzeugend ist das jedoch nicht.
Gänzlich unmotiviert wirken eine eingestreute Entführung sowie das actiongeladene Ende der Geschichte. Fast scheint es so, als habe der Autor der Kraft besagter leisen Zwischentöne plötzlich misstraut und mit aller Gewalt versucht, etwas mehr Pep in die Geschichte zu bringen. Ein Eigentor, denn so wirkt der gesamte Handlungsaufbau leicht unglaubwürdig, konstruiert und an den Haaren herbeigezogen. Insgesamt bestenfalls Durchschnitt.
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Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt.
Rowohlt, Juli 2012.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Donnerstag, 13.09.2012
Autor: Andreas Schröter
Wer auf dunkle Geheimnisse, Intrigen, tragische Liebesgeschichten und zerknüllte Papiertaschentücher steht, der sollte „Die Geister schweigen“ von Care Santos lesen. In dem 540-Seiten-Wälzer der 1970 geborenen spanischen Autorin soll die Kunsthistorikerin Violeta das Familienerbe, eine Prachtvilla in Barcelona, in ein Museum zu Ehren ihres Großvaters Amadeo Lax umbauen, der ein berühmter Maler war. Bei den Renovierungen machen die Arbeiter in einem zugemauerten Raum eine grausige Entdeckung. Sie führt dazu, dass Violeta immer mehr Zweifel am integren Charakter ihres Großvaters hat. Auf eine interessante Spur aus dem Leben des Malers mit zweifelhaftem Moralverständnis führt sie auch ein mysteriöser Brief aus Italien.
Was hier in der Zusammenfassung die Tendenz zu einer typischen Groschenheft-Handlung hat, ist stilistisch nicht schlecht gemacht. Care Santos wechselt zwischen Kapiteln, die das Leben der Familie Lax in jener Prachtvilla am Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen, und solchen, in denen es um Violeta im Jahre 2010 geht. Letztere bestehen oft aus E-Mails der Kunsthistorikerin an ihre Mutter.
„Die Geister schweigen“ ist zugleich ein großer Barcelona-Roman. Er greift Geschehnisse aus der Geschichte der katalanischen Metropole auf wie etwa den Großbrand des Warenhauses El Siglo an Weihnachten 1932 oder den Spanischen Bürgerkrieg in den 30er-Jahren. Wer an Barcelona und Literatur denkt, dem fällt sofort Carlos Ruiz Zafon ein („Der Schatten des Windes“) – und in der Tat gibt’s Ähnlichkeiten zwischen dem hier besprochenen Buch und den Werken Zafons. Von beiden geht eine ähnlich geheimnisvolle, leicht melancholische, aber zugleich auch leidenschaftliche Atmosphäre aus, wie sie in der Musik vielleicht der Tango ausstrahlt.
Care Santos: Die Geister schweigen.
Krüger, Juli 2012.
544 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.
Montag, 10.09.2012
Autor: Oliver Gassner
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Mittwoch, 29.08.2012
Autor: Immo Sennewald
Das Buch erscheint am 29.9.12; mir wurde es vom Verlag freundlicherweise vorab zur Verfügung gestellt.
Dem Titel konnte ich nicht widerstehen, und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Wolfgang Korn, Journalistenkollege aus Hannover mit bevorzugtem Arbeitsgebiet Geschichte, hat seine 11 Beispiele geschickt gewählt. Mit Thomas Müntzer und Wallenstein beginnt ’s, mit Franz-Joseph Strauß, Ulrike Meinhof und Rudolf Bahro endet ’s: eine lesenswerte Reihe von Feuilletons übers Berühmtwerden durch Kanten, Unberechenbarkeit, Intuition, Widerborstigkeit.
Sucht einer nach Gemeinsamkeiten der Frauen und Männer in dieser Galerie, stößt er unvermeidlich darauf, dass sie sogar innerhalb der politischen Lager oder Strömungen, denen sie sich selbst zuordneten, umstritten blieben. Allesamt vermochten sie zu begeistern mit Ideen oder Erfindungen, Anhänger zu sammeln; sie hatten überlebensgroße Fähigkeiten, Menschen für riskante Pläne zu begeistern, sogar für Bewegungen mit fragwürdigem Ziel zu mobilisieren. Sie sind zugleich Projektionen durchaus verbreiteter Wünsche nach Überlebensgröße von Vorbildern ohne Vorbild.
Korn ist den besonderen Qualitäten seiner Figuren nachgegangen und ihren Defiziten, beschreibt sie handelnd in den Krisen und Konflikten ihrer Zeit – meist gegen Mehrheitsmeinungen oder gesellschaftliche Rituale. Er hat gefragt, ob und inwieweit sie die Rolle gespielt haben, in der Historiker sie zeigen, Geschichtenerzähler, routinierte Meinungsbilder. Das habe ich gern gelesen, weil ich zum Dialog, auch zum Widerspruch ermuntert wurde, weil mir die – so und so weit bekannten – Größen in unbekannten Zusammenhängen erschienen und sich Möglichkeiten neuer Bewertung ergaben. Das gelingt freilich im Falle Thomas Müntzer angesichts nur weniger Quellen nicht so intensiv wie bei den gut dokumentierten Figuren der jüngsten Vergangenheit, aber es bleibt ein deutlicher Gewinn gegenüber rein lexikalischen Auskünften, von den meisten journalistischen zu schweigen.
Wer mag, kann Korns Querverweisen folgen und die empfohlenen ausführlichen Biographien lesen; er selbst hat sich reichlich mit Hintergrundwissen gerüstet, ohne gelehrsam zu erscheinen. Die Auswahl vom Bauernführer über die Frauenrechtlerinnen des 19. Jahrhunderts zu Kaiser Wilhelm II. und zum Chemiker Fritz Haber ist zudem so abwechslungsreich wie die politischen Lager kontrovers. Ich habe mich gut unterhalten, denn die Konfliktfelder der Eigensinnigen von einst sehen denen der Eigensinnigen von morgen ziemlich ähnlich.
Wolfgang Korn “Von der Lust am Eigensinn”; Theiss Verlag 2012, 19,95 €
Tags: Bahro, Eigensinn, F.J. Strauß, Müntzer, Meinhof, Sachbuch, Wallenstein
Kommentare deaktiviert für Wolfgang Korn “Von der Lust am Eigensinn”Montag, 27.08.2012
Autor: Ilka Sundermann
In Angelika Schwarzhubers Roman Liebesschmarrn und Erdbeerblues ist die Protagonistin Lene Koller auf der Suche nach der weiß-blauen Liebe. Lenes Freund Michi macht ihr auf Bayerisch ein Liebesgeständnis, woraufhin sie sofort die Flucht ergreift. Sie sucht eine Erklärung für ihr plötzliches Unbehagen Michi gegenüber und findet eine Erklärung: Es gibt in Bayern keinen einheitlichen Ausdruck für >Ich liebe Dich<. Obwohl sich Lene diesmal so sicher war, den Richtigen gefunden zu haben, flüchtet sie aus Michis Büro, nachdem er ihr seine Liebe mit den Worten >I hob mi fei sakrisch in die valiabt< gestanden hat. Lenes Freundin, die Journalistin Claudia, erfährt von dieser Geschichte und veröffentlicht auf eigene Faust einen Zeitungsbericht mit der Schlagzeile: >Lene auf der Suche nach der weiß-blauen Liebe<. Die Resonanz ist überwältigend, so dass Lene einen Ratgeber für bayerische Liebesangelegenheiten schreiben soll. Plötzlich treten eine Reihe von Männer in ihr Leben: Der charismatische Verleger Matthias, der spanische Geschäftsmann Ernesto und der Sprachforscher Karl. Die Suche nach der wahren Liebe gestaltet sich für Lene alles andere als einfach. Besonders der Sprachforscher Karl macht ihr das Leben schwer.-
Der Roman von Angelika Schwarzhuber ist in jedem Fall unterhaltsam. Es gibt nur ein Kapitel, dass etwas seltsam anmutet. Lenes Buchveröffentlichung soll auf einem Schiff stattfinden. Sie befindet sich bereits an Bord, als einer ihrer Verehrer sie plötzlich vom Schiff herunter lockt und entführt.- Obwohl der Grund der >Entführung< eigentlich ein schöner ist, wäre ich dennoch an Lenes Stelle ziemlich verärgert über das Timing gewesen, schließlich hat sie ihre eigene Buchpräsentation auf dem Schiff verpasst und muss sich darüber hinaus noch mit der Polizei auseinandersetzen und sich bei allen ihr vertrauten Personen rechtfertigen, warum sie so plötzlich verschwunden war. Jeder andere hätte sich über so eine Aktion maßlos geärgert.- Die >richtige< Liebeserklärung hätte man also besser inszenieren können.-
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Angelika Schwarzhuber: Liebesschmarrn und Erdbeerblues.
Blanvalet Verlag, August 2012.
346 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.
Donnerstag, 23.08.2012
Autor: Andreas Schröter
Amüsant und zugleich tiefsinnig ist ein Roman mit einem ganz langen Titel: „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“. Autor Kevin Wilson stellt darin das Ehepaar Caleb und Camille Fang vor, das sein Leben der Happening-Kunst verschrieben hat. Die hat vor allem das Ziel, in der Öffentlichkeit Chaos in jedweder Form anzurichten. Zu leiden haben darunter die Kinder Annie und Buster – von den Eltern nur „Kind A“ und „Kind B“ genannt -, denn kein Restaurantbesuch, kein Einkauf im Supermarkt geht bei den Fangs ohne einen riesigen Aufruhr ab.
Sogar im Erwachsenenalter kommen Annie und Buster, sie ist inzwischen Schauspielerin, er Schriftsteller, nicht von ihren Eltern und ihrer Profession los. Die Lage spitzt sich zu, als Caleb und Camille spurlos verschwinden und ihre Kinder nicht wissen, ob ihnen etwas zugestoßen ist oder es sich wieder um eine gigantische Performance handelt.
Der Roman, der aus der Perspektive der Kinder geschrieben ist, spielt mal im Erwachsenenalter von Buster und Annie, mal in ihrer Kinderzeit. Als Leser bestaunt man die aberwitzigen Performance-Ideen der Eltern und ist zugleich bestürzt, mit welcher Radikalität sie restlos alles, sogar ihre Gesundheit, der Kunst unterordnen. Einmal verlassen sie beispielsweise ein brennendes Haus scheinbar seelenruhig Hand in Hand, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon Verbrennungen erlitten haben. Heikel wird es immer dann, wenn sie auch das seelische Wohl ihrer Kinder aufs Spiel setzen. Fragen wie „Wie weit darf Kunst gehen?“, „Wie radikal darf sie sein“ werden hier angerissen. „Die gesammelten Peinlichkeiten …“ ist eine kurzweilige Mischung aus Unterhaltung und einer tiefergehenden – aber nicht zu tiefen – Betrachtung über Kunst. Absolut lesenswert.
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Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung.
Luchterhand, Juli 2012.
382 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.
Dienstag, 21.08.2012
Autor: Andreas Schröter
Eine Western-Parodie ist Patrick deWitts Roman „Die Sisters Brothers“.
Die beiden Killer Eli und Charly Sisters reiten Mitte des 19. Jahrhunderts von Oregon nach Kalifornien, um dort einen Mann zu töten, der angeblich etwas gestohlen hat. Unterwegs müssen sie eine Reihe von kleineren Abenteuern bestehen. Was sich nach dieser Kurzzusammenfassung auf einen kurzweiligen und spannenden Unterhaltungsroman hoffen lässt, ist leider nur mäßig gelungen. Die Pointen sind nicht lustig genug, die Gefahren nie so groß, dass wirklich Spannung aufkommen könnte, die ganze Handlung zu unzusammenhängend, um wirklich unhaltsam zu sein.
Der 1975 in Kanada geborene Autor reiht etwas lieblos eine Begebenheit an die nächste, ohne später wieder auf die Ereignisse zurückzukommen. Manches wirkt wie mal eben auf ein paar Zeilen hinskizziert, so als sei es ein kurzes Exposé für einen Film, nicht aber ein sorgfältig erzählter Roman. So entstehen viele lose Handlungsfäden, die nie wieder aufgegriffen werden. Einmal verflucht eine vermeintliche Hexe den Eingang zu einem Haus, in dem sich unsere Helden befinden, sodass sie aus dem Fenster fliehen müssen – ein anderes Mal treffen sie einen kleinen Jungen, der verzweifelt ist, weil er seine Eltern verloren hat. Sie schicken ihn weg, und weder die Hexe oder der Junge haben irgendeine Bedeutung für den weiteren Fortgang der Handlung – um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen.
Während Charly Sisters brutal und skrupellos ist, ist sein dicklicher Bruder Eli, aus dessen Sicht die Geschichte geschrieben ist, weich und mitfühlend. Er verschenkt beinahe sein gesamtes Geld und scheint für den Killerberuf nicht geschaffen zu sein. Zur Identifikationsfigur für den Leser taugt er trotzdem nicht, weil er dafür – und das ist ein weiteres „zu wenig“ in diesem Roman – eben nicht sympathisch genug ist.
Gänzlich unbefriedigend ist das Ende. Es zerrinnt einem beim Lesen zwischen den Buchseiten, ohne dass es einen Höhepunkt, einen Aha-Effekt oder sonst wie Erhellendes geben würde. Kein gutes Buch.
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Patrick deWitt: Die Sisters Brothers.
Manhattan, Juni 2012.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,99 Euro.
Montag, 20.08.2012
Autor: Oliver Gassner
Sonntag, 19.08.2012
Autor: Oliver Gassner
So ganz entscheiden wollen sich die Brüder Grimm in ihrem epochemachenden deutschen Wörterbuch nicht, ob das Wort „Narr“ aus dem Germanischen oder Lateinischen kommt. So würde es im ersten Falle ‚Naserümpfer/Spötter‘ bedeuten und im zweiten ‚(lächerlicher) Krüppel‘ – und beide Bedeutungsvaranten, das willentliche Spotten, im Residuum der alemannischen Fasnacht, und das unwillentliche Lächerlichsein haben sich bis heute erhalten.
Chris Inken Soppa, sie stammt aus Friedrichshafen und lebt in Konstanz, spannt dann auch die Handlung Ihres Romas zwischen zwei Rosenmontagen im närrischen Konstanz auf und entfaltet um den ungeschickten Antihelden mit dem disparaten Namen Milton Meier ein „Short-Cuts“-Mix aus Figuren:
Miltons Schwester Mime fällt als stamme Atheistin einem illegitimen Nachkommen Napoleons ins die Hände, der zum Islam konvertiert ist.
Die aus dem Zirkus davongelaufene Renée leckt noch ihre Wunden aus einer Mißbrauchsbeziehung und entfremdet sich von ihrem nur noch computerspielenden Sohn Quinn, der wie sie das absolute Gehör besitzt, zu Drogenbesorgungen erpresst wird, deswegen Schul- und Erpresserstress bekommt und erstmal untertaucht, bis Milton ihn auftreibt. Der zwangsneurotische Augenoptiker – ein Freund Miltons-, dem seine Psychologin Silke verfallen ist, die sich aber dann doch lieber an Milton halten würde. Und Clara, die Tochter aus guten, gar: bestem, Hause, die für Quinn nicht der richtige Umgang ist und im selben Ökoladen jobbt, in dem Milton als Eintüter seine Vollkornbrötchen verdient.
Dieses Kaleidoskop aus ganz normalen Nerotikern verwebt Soppa kunstvoll so ineinander, dass relativ am Anfang eine Leiche aufgrund eines Zusammenstoßes beim Rosenmontag steht und nicht ganz gegen Ende ein veritabler Krimineller hopsgenommen wird, der aber mit der Leiche, die sich als Unfall herausstellt, nichts zu tun hat. Zu viel verraten will man als Rezensent ja auch nicht.
Was an dem Buch fasziniert, ist, dass man immer den Eindruck hat, man könnte diese verschrobenen Typen alle kennen oder ihnen beim nächsten Gang zum Supermarkt begegnen. Das Spannungsfeld von Alltag und Unerhörtem lotet Soppa kunstvoll aus. Absurde Situationen – Milton zwängt sich als Museumswächter in eine NS-Feuerwehruniform, die Nähte platzen und er wird erwischt – , einmalige Erfahrungen – Sommerferien als Gast-Zirkuskind – und historische Tatsachen – wie dass Napoleon III. seinen illegitimen Kindern zur Identifikation tatsächlich Bronzeringe übergab – puzzelt sie in ein geistreiches Tableau aus komplexen Beziehungsgeflechten, das sich dennoch liest wie Butter.
Trotz der Folie der alemannischen Fasnacht, zwischen dem sich das Geschehen aufspannt, ist das Buch nicht wie Chris Inken Soppas erstes („Unter Wasser „) ein Bodensee- oder Konstanzroman, wenn auch das Kopfkino mir jedenfalls immer wieder Second-Hand-Läden in der Niederburg oder Optikergeschäfte in den Hauptstraßen an die innere Leinwand geworfen hat.
Wenn auch das Buch mit einer neu geschmiedeten Beziehung (oder zwei? oder gar drei?) endet: dem Lesenden bleibt das Gefühl, dass die Idylle nicht zwingend tragfähig bleiben muss.
Fazit: Amüsant, originell, geistreich, lesenswert.
Sonntag, 19.08.2012
Autor: Andreas Schröter
In „Die Heilige Stadt“ von Patrick McCabe erinnert sich der Ich-Erzähler Chris McCool als 67-Jähriger an sein Leben. Er ist das Ergebnis des Fehltritts einer reichen irischen Protestantin mit einem katholischen Bauernlümmel. Als Bastard darf er nicht im herrschaftlichen Haus seiner Mutter aufwachsen, sondern wird in einer Hütte von einer Pflegemutter aufgezogen. Zeitlebens sehnt er sich nach Anerkennung durch seine Mutter und seinen Stiefvater, die ihm aber verwehrt bleibt.
Chris erinnert sich an glückliche Tage in den 60er-Jahren, als er als Kleinbauer arbeitete, in den Clubs der Stadt seinem Namen alle Ehre machte und mit dem schönsten Mädchen liiert war. Doch das positive Bild, das der Leser zu Anfang von diesem Mann erhält, bekommt nach und nach Risse. Es gab offenbar Zwischenfälle mit einem Schwarzen, der im selben Ort lebt, oder einer Freundin seiner Mutter, bei denen McCool alles andere als nobel aufgetreten ist. Auch hat er wohl einige Zeit in der Irrenanstalt verbracht.
Das alles muss der Leser sich aus Andeutungen und Halbsätzen zusammenreimen, so dass das Lesen hier zum Puzzlespiel mutiert. Phantasie und Realität vermischen sich immer mehr, so dass man am Ende kaum weiß, wie nun wirklich das Leben der Hauptfigur verlaufen ist. Auch zum gegenwärtigen Verhältnis mit seiner jüngeren Freundin Vesna, die er augenscheinlich unterdrückt oder sogar misshandelt, bleiben Fragen. Da der gesamte Roman nur aus Erinnerungen, Rückblicken und Phantasien besteht, gibt es so gut wie keine Handlung. Das und das bereits erwähnte ständige Rätselraten machen die Lektüre trotz allen gesellschaftskritischen Anspielungen auf Themen wie Intoleranz, Kleinstadtmief, religiöse Verbohrtheit oder Standesdünkel im Irland der 60er-Jahre etwas zäh.
Patrick McCabe wurde 1955 in Irland geboren und schon mehrfach für den Booker-Preis nominiert. Seine Romane „Breakfast on Puto“ und „Der Schlächterbursche“ wurden verfilmt.
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Patrick McCabe: Die Heilige Stadt.
Berlin-Verlag, Mai 2012.
237 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.
Freitag, 17.08.2012
Autor: Ilka Sundermann
Der Roman Die Shakespeare Schwestern von Eleanor Brown handelt von drei eigenwilligen Schwestern, die sich eines Sommers in ihrem Elternhaus, das sich in einer kleinen Universitätsstadt im Mittleren Westen Amerikas befindet, wiedersehen. Die drei Schwestern- von ihrem Vater nach Shakespeare-Figuren benannt- sind sehr unterschiedlich. Was sie jedoch verbindet, ist die Liebe zum Lesen und das Gefühl, in ihrem Leben etwas ändern zu müssen. Rose, die älteste, wohnt noch bei ihren Eltern und traut sich nicht, ihrem Verlobten nach London zu folgen. Bean ist in New York in eine finanzielle Misere geraten und verlässt daraufhin die Stadt, in der sie ihr Glück nicht wieerhofft gefunden hat. Und Cordy, die jüngste unter den Schwestern, kehrt nach Hause zurück, nachdem sie jahrelang ziellos durch Amerika getingelt ist und ein one night stand nicht ohne Folgen bleibt.- Die gut gehüteten Probleme der jungen Frauen kommen nur allmählich ans Tageslicht, denn sie geben zunächst vor, nur wegen ihrer kranken Mutter da zu sein. Kindheitserinnerungen der drei Schwestern werden wach und alle drei stellen im Laufe der Zeit fest, dass sie sich in ihrem Elternhaus sehr wohl fühlen und ihnen die familiäre Geborgenheit gut tut. Rose, die Vernünftige, Bean, die Glamouröse und Cordy, das nicht erwachsen werden wollende Nesthäkchen lieben sich, auch wenn sie sich manchmal nicht besonders mögen. Eleanor Brown erzählt in ihrem Roman von lebenslangen Schwesterbanden, die doch allen Stürmen des Lebens standhalten.
Auffällig an diesem Roman ist die geschickt gewählte Erzählweise. Eleanor Brown lässt die drei Schwestern jeweils aus der Ich-Perspektive erzählen, aber stellenweise sprechen auch immer zwei Schwestern aus der Wir-Perspektive über die jeweils dritte. Zeitweise berichten auch alle drei Schwestern, ebenfalls aus der Wir-Perspektive, über ihre gemeinsam verbrachte Kindheit. Ein geschickter Schachzug, denn dem Leser wird auf diese Weise eindringlich vermittelt, wie gut sich Schwestern insgeheim gegenseitig kennen und wie kompliziert die Schwesternliebe dadurch ist.
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Eleanor Brown: Die Shakespeare-Schwestern
Insel Verlag 2012.
372 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.
Sonntag, 29.07.2012
Autor: Andreas Schröter
Golden Richards hat vier Ehefrauen und 28 Kinder. Er lebt in einer Mormomen-Gemeinde, in der die Mehrehe praktiziert wird. Glücklich ist er dabei nicht. Immer wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, zögert er das Betreten seines Hauses so lange wie möglich hinaus, weil er weiß, dass ihn drinnen nur Chaos erwartet. Ein Chaos, das von Kindergeschrei dominert wird und von Ehefrauen, die oft ein unüberwindliches Bollwerk gegen ihn bilden. Auch ist die Anzahl der Toiletten – zwei – viel zu gering für die Menschenmassen auf diesem engen Raum, so dass unser Held oft nur in einem alten Putzeimer in der Besenkammer Erleichterung findet. Zu allem Überfluss verliebt er sich in die Frau seines cholerischen und bewaffneten Arbeitgebers …
Unglücklich sind auch andere Mitglieder der Familie. Ehefrau Nummer 4, Trish, fühlt sich einsam, sexuell unbefriedigt und von ihrem Ehemann missachtet, und Rusty, eines der Kinder, kommt weder mit seinen Geschwistern, noch mit Ehefrau Nummer 1 zurecht, die ihn allesamt drangsalieren.
Der US-Amerikaner Brady Udall, selbst in einer Mormomen-Familie mit vielen Kindern aufgewachsene, hat mit „Der einsame Polygamist“ einen wunderbaren 730-Seiten-Schmöker geschrieben, der spielerisch leicht die Balance zwischen Drama, Liebes- und Gesellschaftsroman hält. Sogar Thriller-Elemente kommen vor. Einige Szenen sind so lustig wie eine Slapstick-Nummer von Charly Chaplin, andere so traurig, dass man beim Lesen fast weinen muss. Manchmal möchte man Teil einer solch starken Gemeinschaft wie dieser Riesen-Familie sein, manchmal ist man froh, sich – gottseidank – weit weg und in gänzlich anderen Lebensumständen zu befinden. Immer jedoch fühlt man mit den Figuren dieses Romans und versteht ihr Handeln voll und ganz. „Der einsame Polygamist“ ist eines der seltenen Romane, bei denen man beim Lesen die immer geringer werdende Seitenzahl mit großer Sorge betrachtet, weil das bedeutet, dass man sich bald von den vielen liebgewonnenen Charakteren verabschieden muss. Ein tolles Buch!
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Brady Udall: Der einsame Polygamist.
Goldmann, Mai 2012.
736 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.
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