Freitag, 13.07.2012
Autor: Andreas Schröter
Ein ambitionierter, anspruchsvoller und vielschichtiger 800-Seiten Wälzer des französischen Schriftstellers Jean-Marie Blas des Roblès aus dem Jahre 2008 ist jetzt auch auf Deutsch erschienen: „Wo Tiger zu Hause sind“. Das Werk strotzt nur so von philosophischen, religiösen, literarischen und naturwissenschaftlichen Querverweisen. Man merkt dem Text an, dass sein 1954 geborener Verfasser einen universitären Hintergrund hat: Jean-Marie Blas des Roblès hat in Paris Philosophie und Geschichte studiert und lehrte später an Universitäten in Brasilien, China und Italien. In seinem Buch, das mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, gibt es nicht nur einen Handlungsstrang, sondern mindestens zwei – aber eigentlich sogar fünf oder mehr.
Zum einen wird der Journalist Eléazard, der in Brasilien lebt, damit beauftragt, die wiederaufgetauchte Biographie des Jesuitenpater Athanasius Kircher – den gab’s wirklich – herauszugeben. Und so beginnt jedes der 32 Kapitel mit einigen Seiten aus dem Leben jenes Wissenschaftlers, der im 17. Jahrhundert lebte und in Diensten der Kirche stand. Dieser Teil der Geschichte, den Blas de Roblès dem Assistenten Kirchers, Pater Casper Schott, zuschreibt, ist zwar für wissenschafts-geschichtlich interessierte Leser hochinteressant, literarisch zuweilen jedoch etwas einseitig, weil besagter Caspar Schott in Bewunderung für seinen Meister geradezu erstarrt: Kircher kann alles, weiß alles, und ihm gelingt alles.
Der zweite Teil des Romans spielt im Jahre 1980 greift in mehreren Erzählsträngen Themen und Lebenssituationen im modernen Brasilien auf. Ein skrupelloser Politiker will den Dschungel für ein Urlaubsparadies abholzen, eine Wissenschaftlerin wird mit ihrem Team von der Drogenmafia bedroht und verirrt sich im Dschungel, wo sie auf Ureinwohner trifft. Der Journalist Eléazard verliebt sich, seine Tochter Moéna geht auf einen drogenreichen Selbsttfindungstripp, während der behinderte Nelson in den Favelas ums Überleben kämpft.
Das alles ist viel, lang und nicht immer ganz einfach, so dass die Lektüre ein hohes Maß an Zeit und Kozentration verlangt. Für die Luftmatratze am Strand ist das sicher nichts. Auch erschließt sich nicht, was eigentlich das Leben des Jesuiten-Paters mit dem modernen Brasilien zu tun hat. Zwar gibt es ganz am Ende einen kleinen Verweis dazu – der ist aber alles andere als überzeugend. Insgesamt nur beingt empfehlenswert.
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Jean-Marie Blas de Roblès: Wo Tiger zu Hause sind.
S. Fischer, Mai 2012.
800 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,99 Euro.
Dienstag, 10.07.2012
Autor: Andreas Schröter
Manuela Reichart rafft in ihrem Büchlein „Zehn Minuten und ein ganzes Leben“ das Leben einer Frau in 70 Kapiteln zusammen, die oft nicht mehr als wenige Zeilen kurze Momentaufnahmen sind. Herausgekommen ist ein 110-Seiten-Büchlein, das man in weniger als einer Stunde lesen kann – auch deshalb, weil ein Großteil der Seiten nur halb bedruckt sind. Insofern erscheint der Kaufpreis von 14,99 Euro ein wenig hoch, auch wenn es sich um eine gebundene Ausgabe mit Lesebändchen handelt.
Die Kapitel bilden einzelne Stationen im Leben der Frau: der Ärger über eine erste Nebenbuhlerin um die Gunst eines Jungen im Kindergarten, eine Fahrt in einem von einem Pferd gezogenen Schlitten und ganz viele Männerbekanntschaften: ein Dozent an der Uni, in den sie sich verguckt, ein Angeber im roten Samtmantel oder die große Liebe, mit der sie alt werden wollte, um nur einige wenige zu nennen.
„Das Leben ist wie eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger pointenlosen Kurzgeschichten“, heißt es an einer Stelle. Fast könnte das das Motto für den gesamten Text sein. Denn zwar liest sich dieses Minibuch kurzweilig und schnell herunter, aber durch die äußerste Verknappung geht doch manches verloren. Wie ist diese Frau, von der diese Geschichte handelt, wirklich? Bevor man einer Antwort näher kommt, ist das Buch schon wieder zu Ende. Andererseits kommt die Flüchtigkeit des Lebens sehr gut zum Ausdruck – und auch die schmerzliche Erkenntnis, dass die Augenblicke des Glücks rar gesät sind. Auch steckt in den kurzen Kapiteln viel Gefühl, und Manuela Reichart, die in Berlin unter anderem als Radiomoderatorin und Filmemacherin arbeitet, beweist in ihnen ihr schriftstellerisches Talent. Und noch eine Textstelle scheint zum Motto für „Zehn Minuten und ein ganzes Leben“ zu taugen: „Es geht immer nur um die Liebe“.
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Manuela Reichart: Zehn Minuten und ein ganzes Leben.
S. Fischer, Mai 2012.
110 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,99 Euro.
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Montag, 09.07.2012
Autor: Immo Sennewald
Dass die DDR aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden sei, kann wahrlich niemand behaupten. Ebensowenig allerdings, dass mit der umfänglichen wissenschaftlichen Dokumentation – seit 1990 um freie, unzensierte Forschung an zahllosen Akten bereichert – auch das Allgemeinwissen über den SED-Staat gewachsen ist. Vor allem in der jungen Generation gibt es – das legen Studien nahe – kaum Vorstellungen vom Alltag im “real existierenden Sozialismus”. Die Wahrnehmung wird sowohl von popanzhafter Überzeichnung der “Stasi-Macht” verstellt wie von Verniedlichungen des Boulevard und der Ostalgie.
Wer es genau wissen will, kann sich inzwischen durch Literaturberge lesen, die sachkundige Zeitzeugen und Wissenschaftler aufgetürmt haben. Wer nur etwas Anschauung von Kindheit, Jugend, Arbeitswelt, Politik, Medien und Kultur vor allem der späten Honecker-Ära gewinnen möchte, sollte sich in die Ausstellungsräume des Berliner DDR-Museums am Spreeufer gegenüber dem Dom begeben. Die zugehörige Publikation, der “DDR-Führer”, ist erfreulich gut lesbar, übersichtlich und mit Engagement gestaltet. Er ist gerade, überarbeitet und erweitert, in 2. Auflage erschienen.
Wie Menschen sich auf sehr deutsche Art in einer Diktatur einrichten, wie sie sich arrangieren, wie sie improvisieren, um dem Mangel abzuhelfen, wie sie kollektivistischen Zielen persönlichen Nutzen, sogar einige Freiräume abgewinnen, wie sie tricksen, kungeln, sich ducken, heimlich Regeln umgehen und Grenzen verschieben – davon bekommt der Leser einen Eindruck. Es ist eine Art Alltags-Diorama, durchaus unterhaltsam und, für alle, die sich darauf einlassen können, ein Schritt ins weitergehende Erkunden historischer deutscher Landschaft.
Die letzten zwanzig Jahre war die DDR für die Mehrheit ihrer Bewohner eine durchaus kommode Diktatur; das wird in der Broschüre spürbar. Lebensfeindlich war sie nur für diejenigen, die nicht bereit waren mitzuschwimmen. Stefan Wolle, Historiker, Wissenschaftlicher Direktor des DDR-Museums und und einer der Autoren, hat das selbst erfahren. Wenn man will, kann man die DDR-typische Anpassungsbereitschaft der Mehrheit, den Glauben an kollektivistische Verheißungen von “Vollbeschäftigung”, sozialer Gleichheit, Versorgung mit Kindergärten und Kinderkrippen als nachwirkende Droge einer als fürsorglich getarnten totalitären Herrschaft erkennen. Die Kehrseite des sozialistischen Staates war, alles Widerständige, Unangepasste, Eigensinnige auszugrenzen, kritische Köpfe als Querulanten und Nestbeschmutzer zu denunzieren, Rechte des Einzelnen gegen die Macht der Institutionen zu eliminieren. Die bequeme Konformität machte es der SED und ihrer Stasi lange Zeit möglich, Konflikte unter dem Teppich zu halten.
Eigentlich ist es gar nicht hoch genug zu schätzen, wenn Diskussionen beim Besuch der Ausstellung und bei Lektüre des “DDR-Führers” auf Karriereopportunismus und Konformismus zu sprechen kommen. “Hätten wir’s uns bei Aussicht auf eine halbwegs sichere ‘Lebensplanung’ nicht womöglich auch in der Planwirtschaft bequem gemacht?” ist eine unbequeme Frage. Es ist nämlich ein in diesen Tagen der Finanzkrisen leicht zu bezweifelndes Missverständnis, dass Freiheit und Demokratie ohne subjektives Bemühen in die Welt kommen.
“DDR-Führer”, erschienen im museumseigenen Verlag, 160 Seiten, 9,90 €
Tags: Anpassung, DDR-Führer, DDR-Museum Berlin, Demokratie, Diktatur, Historiker, Konformismus, SED, Stasi
Kommentare deaktiviert für Diorama statt GruselkabinettSonntag, 08.07.2012
Autor: Ilka Sundermann
Cheffe versenken, der Debütroman von Christiane Güth, handelt von der dreißigjährigen Trixi, die bei ihrer Schwester wohnt. Sie hat ihr Journalistikstudium abgebrochen und seitdem noch nicht einen Tag lang gearbeitet. Das Jobangebot, die Chronik des Reiseführerverlags Bellersen zu schreiben, nimmt sie nur an, weil ihre Eltern in die Mongolei ausgewandert sind und ihr den monatlichen Scheck gekündigt haben. Trotz ihrer Aversion gegen öde Bürojobs, versucht Trixi, ihren Aufgaben bei Bellersen gerecht zu werden und stolpert bei ihrer Recherchearbeit über mysteriöse Todesfälle im Verlag. Der neue Arbeitsplatz entpuppt sich als Ort des Verbrechens. Für Trixi beginnt mit ihrem ersten Arbeitstag eine turbulente Zeit. Sie ist in Lebensgefahr und muss sich darüber hinaus noch mit schrulligen Arbeitskollegen herumplagen, die ihr das Leben schwer machen. Zu allem Überfluss will ihre Schwester sie auch noch vor die Tür setzen. Der einzige Lichtblick im Verlag ist ihr Arbeitskollege Alan, in den sie sich sofort verliebt.
Der Ort der Geschehnisse ist Gütersloh. Einige bekannte Straßen und Plätze dieser Stadt werden in dem Roman zwar erwähnt, aber als Gütersloher hat man nicht das Gefühl, dass man sich beim Lesen wirklich in diesem Ort befindet. Es könnte auch irgendeine andere Stadt sein, von der erzählt wird.
Der Roman von Christiane Güth ist eine nette Lektüre für den Strandurlaub. Der heitere Ton macht diesen Krimi lesenswert. Auf den Leser wirkt die Handlung allerdings etwas künstlich zusammengestrickt.
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Christiane Güth: Cheffe versenken.
Ullstein, Juni 2012.
253 Seiten, Broschur, 8,99 Euro.
Donnerstag, 05.07.2012
Autor: Andreas Schröter
Ein Buch im Buch – das ist Austin Wrights Roman „Tony & Susan“.
Susans Exmann Edward, der immer Schriftsteller werden wollte, schickt ihr 25 Jahre nach der Scheidung sein Roman-Manuskript und bittet sie um ihre Meinung. Etwas widerwillig macht sie sich ans Lesen. Schließlich war sie früher alles andere als überzeugt vom Edwards Talent. Sie stellt jedoch schnell fest, dass sie der Text, „Nachttiere“ heißt er, schnell gefangen nimmt und sie kaum von ihm loskommt. Dem Leser geht’s genauso: „Nachttiere“ ist ein enorm spannender Thriller, in dem Tonys Familie nachts auf der Autobahn von drei Männern in einem anderen Auto abgedrängt wird. Ein Unfall passiert – doch es kommt noch weitaus schlimmer für Vater, Mutter und Tochter …
Dieser düstere Roman im Roman wird zu einer rasanten und emotionalen Achterbahnfahrt, in dem es um Rache, Hass, Trauer und den verzweifelten Wunsch nach einem normalen Leben geht. Auch die Perspektiven von Gut und Böse verschieben sich. Ein Text von ganz enormer Kraft und Sogwirkung.
Parallel dazu erfährt der Leser auf einer zweiten Handlungsebene etwas über Susan, die diesen Roman liest. Sie hat sich damals von Edward scheiden lassen, um mit dem handfesteren Chirurgen Arnold zusammenzuleben. Ihn hat sie später geheiratet und drei Kinder mit ihm bekommen. Doch die Ehe kriselt inzwischen. Arnold betrügt sie mit einer Kollegin. Während des Lesens spürt Susan, wie alte Sympathien für Edward in ihr geweckt werden, und die freut sich auf ein geplantes Wiedersehen. Auch dieser Teil des Buches ist interessant, weil psychologisch glaubwürdig und geistreich, jedoch kein Thriller.
Bleibt die Frage, was die beiden Handlungsstränge miteinander zu tun haben. Laut Verlagsangaben will der fiktive Schriftsteller Edward seiner Exfrau mit dem Manuskript und mit dem Verhalten seiner Hauptfigur Tony eine Botschaft über sie zukommen lassen – nach dem Motto: Das passiert mit Menschen, die sich nicht wehren. Das erscheint jedoch nicht ganz so überzeugend. Aber das ist egal: „Tony & Susan“ bleibt ein tolles Buch.
Autor Austin Wright, 1922 bis 2003, war Englisch-Professor in Cincinnati. Die englische Original-Version von „Tony & Susan“ hat er 1993 geschrieben. Eine erste deutsche Übersetzung ist 1996 bereits bei btb erschienen.
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Austin Wright: Tony & Susan.
Luchterhand, Mai 2012.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Mittwoch, 04.07.2012
Autor: Ilka Sundermann
Michaela Karl hat eine Biografie über Dorothy Parker –Literatur- und Theaterkritikerin, Drehbuchautorin, Kurzgenschichtenschreiberin und Dichterin in den Golden Zwanziger Jahren– geschrieben. Der Titel des Werks Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber ist sehr treffend, deutet er doch an, dass Dorothy Parker, eine New Yorkerin mit Leib und Seele, ein unkonventionelles Leben in Saus und Braus geführt hat.
Mit dem Ende ihrer Schullaufbahn endet Dorothys Kindheit. Sie übernimmt die Aufgaben ihrer verstorbenen Stiefmutter und wird zur Stütze des Vaters. Nach seinem Tod muss Dorothy sich Arbeit suchen, weil er ihr nichts hinterlässt. Fürs Erste heuert sie an der Manhattan School of Dance als Klavierlehrerin und Ersatztänzerin an, später entdeckt sie für sich die Möglichkeit, für ein New Yorker Magazin Gedichte zu veröffentlichen. Der Grundstock für ihre Karriere als die Königin der leichten Verse wird jedoch schon im Elternhaus gelegt. Schon als Zehnjährige feilt sie tagelang an Sätzen, sucht die passenden Worte und entwickelt eine kritische Haltung gegenüber Sprache. Dorothy schickt ihre Gedichte an die Zeitschrift Vanity Fair und bekommt dann nach einigen Wochen tatsächlich einen Posten, zunächst nicht dort, wo sie sich beworben hat, aber bei der Vogue, dem Schwestermagazin von Vanity Fair. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, Bildunterschriften zu verfassen. Später gelingt es ihr, für andere renommierte Zeitungen wie den New Yorker Gedichte und Kurzgeschichten zu publizieren.
Als Leser der Biografie bekommt man zunehmend das Gefühl, mit einer gescheiterten Existenz zu tun zu haben. Dorothy Parker macht zwar Karriere als Literatin und Kritikerin, aber sie hat zeitlebens mit Geldnöten zu kämpfen. In Liebesdingen hat sie kein Glück. Sie ist Alkoholikerin, hat eine Abtreibung hinter sich, erleidet zwei Fehlgeburten und will sich mehrfach das Leben nehmen. Was den Leser wirklich erschaudern lässt, ist vor allem Dorothys Zynismus und ihre Boshaftigkeit. Dorothy ist Mitglied des berühmt berüchtigten „Round Tables“ in New York, ein erlesener Kreis bestehend aus Intellektuellen der Kulturszene, der sich regelmäßig im Hotel Algonquin trifft. Sie macht sich in der Gesellschaft dieses Kreises über ihren trinkenden Mann auf das Übelste lustig und lässt auch sonst kein gutes Haar an Personen, die sie aus irgendeinem Grund nicht mag. Das zeugt nicht von einem edlen Gemüt.-
Wenn man als Leser also etwas sucht, das einen emotional „herunterzieht“, sollte man diese Biografie lesen. Die Geschichten über die Kolumnistin Carry Bradshaw in der amerikanischen Serie „Sex and the City“ haben mir in jedem Fall besser gefallen.
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Michaela Karl: Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber. Dorothy Parker. Eine Biografie.
Residenz Verlag, Oktober 2011.
252 Seiten, Gebundene Ausgabe
Dienstag, 26.06.2012
Autor: Oliver Gassner
… wenn man auch noch nen schönen Aufsatz über das Buch schreiben kann. (Die jetzt noch scannen und online stellen, bitte 😉 )
Siehe:
Reading offers Brazilian prisoners quicker escape – chicagotribune.com.
Mittwoch, 20.06.2012
Autor: Immo Sennewald
Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leicht verrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.
Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal - den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” - immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel – der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern – funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.
Tags: Bühne, Bildung, Brot und Spiele, Duckmäuser, Erziehung, Freiheit, Kabarett, Karriere, Kultur, Massenkultur, medien, Quote, Schauspiel, Theater, Unterhaltung, Untertanen, Volksbelustigung
Kommentare deaktiviert für Ein irrer Duft von frischem Heu – reloadedMittwoch, 20.06.2012
Autor: Andreas Schröter
Sten Nadolnys neuem Roman „Weitlings Sommerfrische“ liegt eine wunderbare Idee zugrunde: Was wäre, wenn wir in der Zeit noch einmal 50 Jahre zurückgehen und uns in den Kopf unseres jüngeren Selbst versetzen könnten? Genau das passiert dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling, als er während eines Unwetters auf dem Chiemsee segelt. Der 68-Jährige findet sich als Geist in dem 18-jährigen Willi wieder, kann sich diesem aber nicht mitteilen.
Fortan wundert sich Wilhelm über vieles, was Willi so tut und lässt – wie ungeschickt er zum Beispiel ein Mädchen anspricht, das ihm gefällt, dass er in der Schule eine Art Totalverweigerung an den Tag legt oder dass er sich nicht stärker gegen politische und gesellschaftliche Meinungen zur Wehr setzt, die den 50er-Jahren noch Konjunktur hatten – wie den immer noch existenten und kaum verhohlenen Antisemitismus oder die Bewunderung für Hitler bei einigen Unverbesserlichen. Zu Weitlings Entsetzen läuft jedoch das Leben des 18-Jährigen nicht genauso ab, wie er es in Erinnerung hat. Wird er jemals seine geliebte Frau Astrid wiedersehen?
„Weitlings Sommerfrische“ ist eine gelungene Mischung aus amüsanter Unterhaltung und tiefer gehenden philosophischen Fragestellungen, wie: Können wir eigentlich unseren eigenen Erinnerungen trauen? Wäre, bei nur geringfügigen Änderungen, auch ein gänzlich anderer Lebenslauf möglich gewesen? Auch die Frage, ob Gott existiert, taucht an vielen Stellen auf. Möglicherweise ist der Roman insgesamt einen winzigen Tick zu betulich. Der ältere Weitling dürfte ruhig ein bisschen verzweifelter wegen seines Geist-Zustands sein. Auch die Gefühlsaufwallungen eines 18-Jährigen fehlen weitgehend. Ohne das plätschert der Roman zwar unterhaltsam, aber etwas unspannend vor sich hin. Dennoch empfehlenswert.
Sten Nadolny, geboren 1942, ist durch seinen zweiten Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (1983) bekannt geworden. Auch „Selim oder die Gabe der Rede“ (1990) fand große Beachtung. In „Weitlings Sommerfrische“ hat er einige Details aus seiner eigenen Biographie verarbeitet: Wie Nadolny hat eine Weitling-Parallelexistenz des Richters Geschichte und Politikwissenschaft studiert, er ist Autor wie sein Pendant im richtigen Leben, und die Eltern beider waren ebenfalls Autoren.
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Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische.
Piper, Mai 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.
Samstag, 16.06.2012
Autor: Andreas Schröter
Ingo Merse ist Anfang 40, geschieden, Hornist und wohl das, was man als „Weichei“ bezeichnen würde. Zeitlebens stand er unter dem Pantoffel verschiedener Frauen – wie seiner Schwester Barbara und seiner Exfrau Dagmar -, die ihn drangsaliert haben und von denen er sich hat drangsalieren lassen.
Wie jeden Sommer sucht er Erholung in der Ferienwohnung seiner Schwester in Wenningstedt auf Sylt. Da tritt die attraktive Annemarie Luner vor seinen Strandkorb … Soweit die Ausgangsposition in Karin Nohrs Debütroman „Herr Merse bricht auf“. Besagter Herr Merse hadert permanent mit sich selbst, führt fiktive Gespräche mit Johannes Brahms oder der Hauptfigur Ulrich in Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“.
Das alles driftet auf einem schmalen Grat: Man fragt sich bei der Lektüre, ob man diesen „Herrn Merse“ nun sympathisch, weil sensibel, belesen und einfühlsam finden soll, oder ob er einem nicht doch auch etwas auf die Nerven geht mit seiner dauerhaften Unsicherheit.
„Herr Merse bricht auf“ ist mehreres zugleich: ein Liebesroman und ein Roman über jemanden, der versucht, die Zwänge abzuschütteln, die seine Charaktereigenarten ihm aufstülpen – Schwäche in Stärke umzuwandeln. Ob er – bei diesem und bei jenem – Erfolg hat, sei an dieser Stelle nicht verraten. Insgesamt zwar nicht überragend gut, aber immerhin doch lesenswert.
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Karin Nohr: Herr Merse bricht auf.
Knaus-Verlag, April 2012.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Donnerstag, 14.06.2012
Autor: JosefBordat
Bilanz und Ausblick – 20 Jahre nach Rio ’92 beleuchtet ein Lagebericht des Worldwatch Institutes Wege in eine nachhaltige Zukunft. Und Irrwege.
Das Worldwatch Institute hat zwanzig Jahre nach der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro eine Analyse mit dem Titel State of the World 2012. Moving Toward Sustainable Porsperity herausgegeben, deren deutsche Fassung von der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch besorgt wurde. Erschienen ist der Sammelband mit 18 Einzelbeiträgen im Münchner Oekom-Verlag. Den Bedarf für eine deutsche Ausgabe des Weltreports begründen Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) und Klaus Milke (Germanwatch) im Vorwort: Deutschland sei „besonders gefragt“, wenn es um die Initiierung zukunftsträchtiger Globalprozesse geht, also um die Ermöglichung ökonomischer und sozialer Teilhabe aller Menschen an den Erträgen der Erde, die Absenkung der Emissionen und des Ressourceneinsatzes und die Entkopplung von Wertschöpfung und Naturverbrauch. Daher ist es wohl grundsätzlich eine gute Entscheidung, die deutschsprachige Leserschaft eigens mit Informationen zu versorgen, die Wege zu diesen Zielen aufzeigen sollen.
Die verbindende Klammer der methodisch sehr unterschiedlichen (makroökonomischen, betriebswirtschaftlichen, ökologischen, soziologischen, entwicklungspolitischen) Annäherungen an die Globalprozesse ist der Begriff der Nachhaltigkeit. Es geht um eine ökonomisch wie ökologisch nachhaltige Zukunft, in der Wohlstand für alle möglich wird – bei Erhalt der Lebensgrundlage für alle, auch für alle, die noch kommen werden.
Vor allem die Beiträge im zweiten Teil des Bandes unterbreiten z.T. sehr konkrete Vorschläge, wie ein nachhaltiger Alltag in Zukunft gelingen könnte. Neben den gangbaren, zumindest diskutablen Wegen (energetisch sinnvolle Gebäudesanierung, Änderung des Konsumverhaltens, Stärkung demokratischer Beteiligungsstrukturen, Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion, Veränderung von Ernährungsgewohnheiten) gilt es, vor überambitionierten Irrwegen zu warnen, etwa davor, die Bevölkerungsentwicklung anders als über die allgemeine Wohlstandsmehrung (die rückgekoppelt ist an den Anstieg des Bildungsniveaus und der politisch-rechtlichen Organisationsform) beeinflussen zu wollen, d.h. auch direkt über Verhütung oder „sichere“[sic!] Abtreibung, wie dies Robert Engelman, Präsident des Worldwatch Institutes, vorschlägt.
Nicht nur, dass diese technische Lösung die Ursache des Bevölkerungswachstums außer Acht lässt (nämlich den Wunsch, Kinder zu haben, auch als Garantie sozialer Sicherheit), nicht nur, dass sie ethisch äußerst bedenklich ist (auch wenn der Einsatz von Verhütungsmitteln und Abtreibungen „freiwillig“ bleiben und nicht – wie jüngst mal wieder in China – erzwungen werden soll), sondern vor allem ist an diesem Ansatz problematisch, dass damit jeder neugeborene Mensch als Teil eines großen Problems namens „Weltbevölkerung“ erscheint. Statt sich über den Nachwuchs freuen zu können, muss eine werdende Mutter künftig damit rechnen, eine gehörige Portion Moralin verabreicht zu bekommen. So wie Victoria Beckham, deren viertes Kind Anlass gab, dem Promi-Paar „Verantwortungslosigkeit“ vorzuwerfen, da sich ihre „carbon emissions“ um 100 Prozent erhöht hätten – schlicht „by having another child“. Es könnte mithin aus der Sorge um „Mutter Erde“ eine Mentalität erwachsen, die Menschen als „Schädlinge“ auffasst und Leben als „Schaden“, menschliches Leben.
Dabei ist längst klar, dass Armut und Umweltschäden in erster Linie eine Frage der Verteilung und des Lebensstils der Menschen sind, nicht aber ihrer Zahl. Wenn ein US-Amerikaner mit seinem Verhalten 20 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr erzeugt und damit fünfmal so viel wie ein Mensch im benachbarten Mexiko, dann sollte sich das Verhalten der US-Amerikaner ändern, nicht die Zahl der Mexikaner. Gleiches gilt für Ressourcen, Nahrungsmittel und Wirtschaftsgüter: Die Erde trägt genug für alle und nur, wer nicht teilen will, spekuliert auf weniger potentielle Teilhaber. Also: Wer weniger Menschen will, vor allem in den Entwicklungsländern, setzt sich dem Verdacht aus, dass es ihm im Grunde darum geht, die Pfründe für die Verbliebenen zu sichern und im Grunde – zumindest für „den Westen“ – gar keine Änderung von Art und Umfang der Natur- und Ressourcennutzung erwägen zu wollen. Mit diesem impliziten „Weiter so – zumindest bei uns!“ koterkariert der Ansatz einer aktiven Steuerung der Fertilität in Entwicklungsländern die ökonomischen und ökologischen Veränderungspläne hin zur echten globalen Gerechtigkeit. Oder eben – Nachhaltigkeit.
Viel Neues bietet der Lagebericht des Worldwatch Institutes nicht – wer sich mit dem Thema schon länger beschäftigt, bekommt bestens bekannte Vorschläge präsentiert, die allenfalls in ihrer Konkretisierung an Profil gewinnen. Wer allerdings einen Überblick erhalten will über die Wege (aber auch die Irrwege) der Nachhaltigkeitsdebatte vor dem Hintergrund von Entwicklungsnotwendigkeit, Ressourcenknappheit und Klimawandel, ist mit dem Sammelband gut bedient.
Bibliographische Daten:
Worldwatch Institute (Hrsg., in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch): Zur Lage der Welt 2012: Nachhaltig zu einem Wohlstand für alle. Rio 2012 und die Architektur einer weltweiten grünen Politik
München: Oekom-Verlag (2012)
289 Seiten, 19,95 EUR
ISBN-13: 978-3-86581-229-02
Josef Bordat
Dienstag, 12.06.2012
Autor: Andreas Schröter
Ein knorriger Ast, der halb im Wasser liegt und teilweise von Eis überzogen ist, ziert das Cover von David Vanns Roman „Die Unermesslichkeit“. Im Hintergrund sind tosende Wellen und die Ausläufer einer Landzunge zu erahnen. Das Bild gibt sehr gut die Atmosphäre wieder, die diesen Roman durchzieht. Es ist eine düstere Atmospähre, die gekennzeichnet ist von der Unerbittlichkeit der Elemente, der Kälte, von Wind und Wetter. Die Menschen, die unter diesen Bedingungen leben müssen, werden von ihnen geprägt.
Wir lernen Irene und Gary kennen, ein Ehepaar in den 50ern, das in einer Ehekrise steckt. Sie leben in Alaska am Meer. Gary, ein in sich gekehrter Mann, träumt davon, auf einer vorgelagerten Insel in einer selbstgebauten Holzhütte zu leben. Irene kommt mit Garys zugeköpftem Wesen und diesen Zukunftsplänen immer schlechter zurecht und fühlt sich durch die Ehe mit ihm um ihr Leben betrogen. Auch Tochter Rhoda hat Sorgen. Sie fühlt sich von ihrem Freund Jim nicht genügend geliebt, der seinerseits tatsächlich zeitweise nur den Sex mit einer jungen und attraktiven Touristin im Kopf hat.
Gary zwingt Irene, ihm trotz miserablen Wetters und völlig unzureichender Vorbereitung beim Bau seiner geliebten Hütte auf Caribou Island zu helfen, und so steuert das Paar einer Katastrophe entgegen, und es erscheint fraglich ob, Rhoda daran etwas ändern kann.
Das Buch des 1966 in Alaska geborenen Autors entwickelt eine eigenartige Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Wie ein eiskalter Sturm über dem Nordmeer wirkt es ungemein kraftvoll und rau. Fast meint man die klammen Finger der Lachsfischer beim Einholen der Netze auf kabbeliger See selbst zu spüren. Unbedingt empfehlenswert.
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David Vann: Die Unermesslichkeit.
Suhrkamp, April 2012.
351 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
Montag, 04.06.2012
Autor: Andreas Schröter
„Sweet about me“ von Dietmar Sous gehört zu jenen Büchern – und davon gibt es viel mehr, als man glaubt -, bei denen Klappentext und tatsächlicher Inhalt nur bedingt zueinander passen. Die heile Welt eines Vaters zerbreche, als seine Tochter einmal zu oft seinen wunden Punkt treffe, so erfahren wir auf der Buchrückseite. Das jedoch ist allenfalls eine lose Rahmenhandlung für ein buntes Sammelsurium aus allerlei Begebenheiten im Leben besagten Vaters, eines freien Musikjpournalisten. Und „heile“ war dessen Welt eigentlich nie.
In einem für das Thema nicht recht passenden, seltsam unernst anmutendem Tonfall beschreibt der 1954 geborene Autor die Schwierigkeiten der Hauptfgur mit seinem Stiefvater, mit seinen Proleten-Nachbarn, als Mitpieler in einer Fußballmannschaft, mit Musikern, die er interviewen muss, oder seine Zuneigung zu einer alten Frau, die offenbar den Lieblingsmusiker des Journalisten, Chet Baker, gekannt hat. Oft ist all das amüsant zu lesen – aber mehr wie eine Sammlung kleinerer Geschichten als als in sich geschlossener Roman. Erst ganz am Ende bekommt das, was der Klappentext ankündigt, wirklich Inhalt – dann aber mit einem überzogen wirkenden Paukenschlag, der ebenfalls nicht recht zum Vorherigen passen will. Insgesamt ein Buch mit vielen netten Stellen, die jedoch kein schlüssiges Ganzes ergeben.
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Dietmar Sous: Sweet about me.
Knaus, Februar 2012.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.
Mittwoch, 30.05.2012
Autor: Andreas Schröter
Bücher, die einem vor Begeisterung sinnbildlich die Schuhe ausziehen, sind selten. Glen Duncans „Der letzte Werwolf“ ist eine solche Stecknadel im Heuhaufen.
Der 1965 geborenen Engländer vermischt in diesem Werk die Zutaten des guten alten englischen Schauerromans mit einer gehörigen Portion Philosophie, einer Prise Humor und ganz viel Intelligenz. Nebenher ist das Ganze auch noch wild, erotisch und ungemein spannend – Jake ist über 200 Jahre alt und der letzte lebende Werwolf auf Erden. Ihn kann nichts mehr überraschen, und er ist es Leid, von einem Vollmond zum nächsten dahinzuvegetieren. Ihn reuen die vielen Opfer, die seine Daseinsform über die Jahrhunderte hinweg gefordert hat. Besonders über den Tod eines ganz bestimmten Menschen, der ihm sehr nahe stand, kommt er nicht hinweg, obwohl der Vorfall bereits über 160 Jahre zurück liegt.
Und so beschließt er, sich bei der nächsten Verwandlung von den Werwolf-Jägern, die sich unter dem Namen Wokop organisiert haben, töten zu lassen. Natürlich kommt alles ganz anders – auch weil es plötzlich einen sehr guten Grund gibt, doch noch ein wenig weiterzuleben …
Obwohl die Titelfigur eine Bestie von Ausmaßen ist, wie sie sonst in der Thriller-Literatur vielleicht nur noch Dr. Hannibal Lecter erreicht, schlägt sich der Leser sofort auf seine Seite und hofft, dass Jake seinen Häschern entkommt, auch wenn das mit der unvermeidlichen Tatsache einhergeht, dass er eben Monat für Monat „fressen“ muss.
Im Horrorliteratur-Genre, das derzeit von den oft unsäglichen Werken des neuen Subgenres „Romantasy“ überschwemmt wird – Büchern also, die den traditionellen Liebes-Kitschroman mit der Fantasy vermengen – sind Romane wie „Der letzte Werwolf“ eine äußerst wohltuende Ausnahme. Weil sie eher aus der Tradition von Klassikern wie „Dracula“ und „Frankenstein“ entstammen. Und wer die mag, wird auch von „Der letzte Werwolf“ begeistert sein.
Übrigens: Glen Duncan hat unter dem Titel „Talulla Rising“ bereits eine Fortsetzung geschrieben. Die englische Originalversion erscheint im Juni – hoffentlich bald auch auf Deutsch.
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Glen Duncan: Der letzte Werwolf.
S. Fischer, März 2012.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Samstag, 26.05.2012
Autor: Andreas Schröter
Wer ein Buch des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard liest, braucht einen langen Atem. Über hunderte von Seiten wechseln Alltagsbegebenheiten mit Selbstreflexionen, Erinnerungen und philosophischen Überlegungen ab. Handlung: weitgehend Fehlanzeige.
So auch in seinem neuesten in Deutschland erschienenen Werk „Lieben“, das den zweiten Teil seines monumentalen auf sechs Bände angelegten Autobiographieprojektes „Min Kamp“ bildet. Die deutsche Übersetzung „Mein Kampf'“ wird aus naheliegenden Gründen meist verschwiegen.
Knausgard, geboren 1968, stellt den Alltag mit seiner Frau und seinen drei Kindern in den Mittelpunkt dieses Bandes. Oft wundert man sich, mit welcher unglaublichen Langatmigkeit der Autor einfachste Begebenheiten wie etwa die Begrüßung von Gästen beschreibt. Ihm scheint komplett die Kunst des Weglassens zu fehlen, was aber einen wichtigen Teil des Wesens von Literatur ausmacht. Insofern hat dieses Buch keinen hohen literarischen Wert, wirkt in der vorliegenden Form eher wie eine ohne Konzept mal eben hingeschriebene Textfassung, die danach nie wieder überarbeitet wurde.
Auch eine irgendwie geartete Struktur oder die Unterteilung des knapp 800 Seiten langen Werks in Kapitel fehlt völlig. Viele Seiten kommen gänzlich ohne Absatz aus.
Dabei gibt es auch gute Ansätze: In den vielen kleinen Nervereien die der Ich-Erzähler im Alltag als Familienvater erdulden muss, werden sich sicherlich viele männliche Leser wiederfinden. Und obwohl Knausgard jegliche Selbstironie fehlt, entwickelt er in diesen Passagen oft – vielleicht nicht einmal bewusst – Humor.
Leserinnen dagegen könnten sich fragen, warum eigentlich nur Männer die „Babyrhythmik“ mit dem gemeinsamen Absingen von Kinderliedern als unter ihrer Würde ansehen. Insgesamt ist „Lieben“ eine einzige gigantische Selbstbespiegelung. Letztlich nicht empfehlenswert.
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Karl Ove Knausgard: Lieben.
Luchterhand, März 2012.
768 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro .
Freitag, 25.05.2012
Autor: Ilka Sundermann
In Annika Reichs Roman“Durch den Wind“ geht es um vier Freundinnen aus Berlin, die mit sich und ihrem Leben hadern. Alle vier sind Mitte dreißig und leiden unter der Last, die Verantwortung für das eigene Glück selbst zu tragen. Yoko, eine erfolgreiche Architektin, ist unglücklich, weil sie keinen Kontakt mehr zu ihrer japanischen Herkunftsfamilie hat. Friederike, Ladenbesitzerin und Bücherliebhaberin, kommt nicht damit zurecht, dass für den Mann, den sie liebt, die persönliche Freiheit an erster Stelle steht. Alison, die mit ihrer Arbeit als Illustratorin nicht zufrieden ist, verliert fast den Verstand, weil ihr Freund, mit dem sie eine lockere Beziehung führt, plötzlich verschwindet. Und Siri, die unter Depressionen leidet, weil sie aus Pflichtgefühl ihrem kleinen Sohn gegenüber nicht in der Lage ist, sich von ihrem Mann, den sie sogar zeitweise verachtet, zu trennen. Die vier parallel erzählten Geschichten über die vier Frauen enden nicht wie im Märchen, sondern eher so wie im „wahren“ Leben. Für jede der Romanheldinnen ändert sich im Verlauf der Handlung etwas, jede von ihnen zieht für sich eine Art Bilanz bzw. gewinnt eine Erkenntnis, aber ob die vier am Ende doch noch ihr Glück finden, bleibt offen.
Im Vergleich zu Sarah Kuttners Roman „Wachstumsschmerz“, der auch die Krise einer Mittdreißigerin thematisiert und aufgrund seines spritzigen Humors und seiner originellen Sprache den Leser in den Bann zieht, wirkt das Werk von Annika Reich etwas blass. Beide Romane bringen die zentralen Fragen der Ü-30 Generation auf den Punkt, aber bei Annika Reichs Roman fehlt das Individuelle, das Persönliche, das gewisse Etwas. Vielleicht spürt der Leser bei Kuttners Roman einfach, dass persönliche Erfahrungen, Gedanken und Gefühle der Autorin in den Roman eingeflossen sein müssen.-
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Annika Reich: Durch den Wind.
Fischer Taschenbuch Verlag, Januar 2012.
330 Seiten, 9,99 Euro
Dienstag, 22.05.2012
Autor: Andreas Schröter
Auf einhellige Begeisterung in deutschen Feuilletons stößt derzeit Jennifer Egans Musiker-Roman und Pulitzer-Preis-Träger von 2011 „Der größere Teil der Welt“.
Und in der Tat finden sich vor allem im ersten Teil des 390-Seiten-Werks viele Stellen, die psychologisch überaus stimmig sind – zum Beispiel wenn es um die Beschreibung von Sashas Sucht – sie ist Kleptomanin -, oder die Impotenzsorgen des Musikproduzenten Bennie geht. Das ist amüsante, kurzweilige und intelligente Unterhaltung. Auf den ersten 50 bis 100 Seiten glaubt man wirklich, einen grandiosen Roman in den Händen zu halten.
Doch der Eindruck verwässert sich mit zunehmender Seitenzahl. Immer mehr Figuren tauchen auf, jedes Kapitel ist aus einer anderen Sicht geschrieben, der Roman springt wild durch die Jahrzehnte, so dass der Leser kaum eine Chance hat, den Überblick zu behalten, geschweige denn auch nur zu wissen, in wessen Kopf er sich gerade befindet. Die einzelnen Kapitel, die mal in der dritten, mal in der ersten Person geschrieben sind, haben kaum Zusammenhalt. Fast könnte man davon sprechen, dass „Der größere Teil der Welt“ eher eine Sammlung von Erzählungen als ein Roman ist. Und so ist es auch gar nicht so einfach zu sagen, worum es überhaupt geht. Neben der Kleptomanin und dem Produzenten treffen wir einen abgehalfterten Rockmusiker, der mit seiner letzten Tournee seinen Selbstmord plant, einen Journalisten, der versucht, seine Interviewpartnerin zu vergewaltigen, oder einen alternden Musiker, der sich von seiner um 20 Jahre jüngeren Freundin bei einem Konzert in aller Öffentlichkeit oral befriedigen lässt.
Das alles könnte man noch unter „ganz originell“ verbuchen, doch dann geht die 1962 geborene amerikanische Autorin dazu über, ein ganzes Kapitel in der 2. Person zu erzählen („Deine Freunde bilden sich ein …“) oder eine 70-seitige (!) Power-Point-Präsentation über die besten Pausen in Popsongs einzuschieben. Das kann man dann als moderne Form des epischen Erzählens bewundern, wie es ein Rezensent der „Tageszeitung“ tut, man kann es aber auch schlicht prätentiös oder überambitioniert nennen. Insgesamt nur bedingt empfehlenswert.
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Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt.
Schöffling, Februar 2012.
392 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
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