Dienstag, 29.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers

Andréa del Fuego: »Geschwister des Wassers«Ist man der Autorin Andréa del Fuego wohlgesonnen, so kann man ihren Stil „lakonisch“ nennen. Ist man es nicht, dann ist er karg und sogar etwas öde.

In ihrem Debütroman „Geschwister des Wassers“ verzichtet die 1975 geborene Brasilianerin auf jegliche Ausschmückungen. Das führt dazu, dass der Leser kaum eine Chance hat, die Figuren, deren Innenleben nie preisgegeben wird, kennenzulernen, geschweige denn Sympathie oder Antipathie für sie aufzubauen. Die – sonderbare – Handlung rauscht dahin, ohne dass der Leser groß Anteil daran nimmt.

Drei Geschwister verlieren bei einem Gewitter die Eltern und werden getrennt. Später versuchen sie, wieder zusammenzukommen. Geister und ein künstlicher Stausee, der dann aber unter ominösen Umständen wieder verschwindet, spielen ebenfalls eine Rolle. Merkwürdig.

————————————————————-

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers.
Hanser, Juli 2013.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,90 Euro.

Kommentare deaktiviert für Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers

Dienstag, 29.10.2013

Autor: JosefBordat

Franziskus. Wie er ist und was von ihm erwartet wird

Zwei Neuerscheinungen aus dem Styria-Verlag geben Auskunft über Papst Franziskus – und darüber, was er bewirken kann. Und soll.

Über Papst Franziskus meint fast jeder, der sprechen kann, auch etwas sagen zu können. Oft nur Gutes, oft in Abgrenzung zum Vorgänger: Franziskus ist bescheiden, charismatisch und führt die Kirche in die Zukunft, Benedikt war spröde und unnahbar, kunsthistorisch im Barock, theologisch im Mittelalter. So lassen sich viele Stellungnahmen der letzten Monate zusammenfassen, die von dem besonderen Reiz zehren, dass Benedikt seinem Nachfolger das Amt zur Verfügung stellte und Franziskus damit in einer ganz eigentümlichen Spannung zum emeritierten Papst aus Bayern steht. Dies wird – wie gesagt – oft und gerne ausgeschlachtet.

Es spiegelt sich zum Beispiel in der Erwartungshaltung wider, die seitens katholischer und nicht-katholischer Publizisten an den „Neuen“ herangetragen wurden und werden. Sie alle enthalten implizit den Vorwurf gegenüber Benedikt, eben jene Wünsche nicht erfüllt und es insgesamt versäumt zu haben, an den ihrer Ansicht nach entscheidenden Stellen nicht „weiter“ gekommen zu sein. Dass Franziskus theologisch und ekklesiologisch mindestens so nah bei Benedikt ist wie räumlich, wird ebenso oft und ebenso gerne übersehen.

Nun versammelt der Band Du bist Petrus. Anforderungen und Erwartungen an den neuen Papst 15 Theologinnen und Theologen aus dem deutschsprachigen Raum, die ihr Stellenprofil für den Stuhl Petri formulieren. Es sind nicht nur katholische Gelehrte, die hier zu Wort kommen, sondern auch protestantische, orthodoxe, jüdische und muslimische Stimmen werden aufgezeichnet. Sie wollen als Chor das Lied „Was bringt mir Kirche“ singen, zugleich aber „keine Handlungsanleitung für den Heiligen Geist“ bieten, sondern „Mosaiksteine zur Reflexion“ verlegen. Gegenstand des kritischen Nachdenkens ist die Kirche, das Papsttum, die Moderne, die Ökumene und der Glaube.

Die Erträge des Bandes sind durchaus beachtlich und tatsächlich weniger ein Regierungsprogramm, das man als Paket dem neuen Pontifex aufschnürt, sondern eher mehr oder minder helle Visionen einer Kirche in Entwicklung, die an den Herausforderungen der Zeit wächst. Ganz konkret in Richtung Franziskus geht die Forderung nach Kollegialität statt Autorität in der Kurie (Clemens Sedmak), die Vorstellung, der Papst gebe dem Amt die „menschliche Dimension“ wieder „zurück“ (Arnold Mettnitzer), denn schließlich sei er „kein Gott auf Erden“ (Roman Siebenrock), und dann freilich der Wunsch, Franziskus möge idealerweise „auch uns Frauen zuhören“ (Beatrix Mayrhofer).

Spannender sind da schon die inhaltlichen Fragen, die Auseinandersetzung mit einer „rasant sich verändernden Welt der Gegenwart“: Die Kirche muss nach Auffassung Matthias Becks „mit den Naturwissenschaften und Humanwissenschaften ins Gespräch kommen und offen auf andere Konfessionen, Religionen, aber auch auf Agnostiker und Atheisten zugehen“, schon deshalb, weil Außenstehende helfen, das aufzudecken, was aus Gründen der Betriebsblindheit unerkannt zu bleiben droht (Jan-Heiner Tück). Die Kirche muss zudem eine kultursensitive Weltkirche in „kontinentaler Vielfalt“ sein (Paul Michael Zulehner), was die Chance zur „Verlebendigung der einen Kirche“ eröffne (Andrea Lehner-Hartmann). Vielfalt ist ohnehin eines der zentralen Stichwörter, das vor allem im Zusammenhang mit der Ökumene immer wieder genannt wird.

Der Bogen ist hart gespannt, die To do-Liste ellenlang (wenn man schon mal fordern und wünschen darf!) und der Teufel steckt – auch in der Katholischen Kirche – im Detail. Die Autorinnen und Autoren sind sich dessen aber durchaus bewusst. Das unterscheidet sie wohltuend von manchen zumindest emotional ganz weit außen stehenden Kommentatoren, die Kirche, Papst und Kurie mit kurzen Ideen in ebensolcher Frist revolutioniert sehen wollen.

Dass Franziskus der „andere“ Papst ist (eben anders als Benedikt XVI. und auch als Johannes Paul II.) machen Mathilde Schwabeneder und Esther-Marie Merz in ihrem Porträt Franziskus. Vom Einwandererkind zum Papst deutlich. Akribisch verfolgen sie die Spur zurück nach Argentinien, bis weit hinein in die Jahre der Kindheit und Jugend Jorge Mario Bergoglios. Er führte, so die Autorinnen, von Anfang an ein „erfülltes und bescheidenes Leben“, trat in den bildungsbeflissenen Jesuitenorden ein, wird Dozent („aber kein Professor“) und mit gerade mal 36 Jahren Provinzial der Gesellschaft Jesu in Argentinien. Das ist noch einige Jahre vor der Militärdiktatur – eine dunkle Zeit für Franziskus, die von den ORF-Journalistinnen ausführlich thematisiert wird.

Die Grundausrichtung des Geistlichen, der 1992 zum Weihbischof und 1998 zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt und 2001 zum Kardinal erhoben wird, steht im Mittelpunkt der Darstellung: der Kampf gegen die Ungerechtigkeit, die Option für die Armen und Marginalisierten und die Bemühung, den interreligiösen Dialog zu führen, dies sind die zentralen Anliegen seines pastoralen Wirkens, die nun auch das Pontifikat prägen werden, so die Autorinnen. Dass er in seinem neuen Amt den einfachen Lebensstil beibehält und den Blick unverändert auf die Ränder der Gesellschaft richtet, beglaubigt zum einen im Nachhinein sein langjähriges Engagement, zum anderen gibt es der Kirche insgesamt die Richtung vor, keine neue theologische Richtung zwar, doch gleichwohl eine, die der um Orientierung ringenden Kirche die Zukunft weist.

Die aspektenreiche Biographie, die Mathilde Schwabeneder und Esther-Marie Merz zusammenstellen, wird durch einen Lebenslauf sowie nützliche Quellenverzeichnisse ergänzt und von Bischof Erwin Kräutler eingeleitet, der in seinem Vorwort an Franziskus‘ Auftreten beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro im Juli diesen Jahres erinnert. Die sehr persönlich gehaltenen Kapitel des Buchs stellen Papst Franziskus in lebendiger und zugänglicher Sprache vor, wie er ist – und nicht, wie wir ihn gerne hätten, obgleich vieles von dem, was sich die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes Du bist Petrus vom Papst erhoffen, in dem, was Schwabeneder / Merz über sein bisheriges Leben und Wirken sagen können, eine vielversprechende Basis findet. Wenn Franziskus in Rom da weitermacht, wo Bergoglio in Buenos Aires aufgehört hat, ist die Chance, dass einige der Theologen-Wünsche in Erfüllung gehen, gar nicht mal so gering.

Bibliographische Daten:

Gerda Schaffelhofer (Hg.): Du bist Petrus. Anforderungen und Erwartungen an den neuen Papst.
Wien: Styria (2013).
208 Seiten, € 19,99.
ISBN 978-3-222-13409-8.

Mathilde Schwabeneder / Esther-Marie Merz: Franziskus. Vom Einwandererkind zum Papst.
Wien: Styria (2013).
256 Seiten, € 24,99.
ISBN 978-3-222-13415-9.

Josef Bordat

Tags:

Kommentare deaktiviert für Franziskus. Wie er ist und was von ihm erwartet wird

Sponsoring

Werbung ermöglicht es unseren Autoren, live von Events zu bloggen und unsere Kosten zu decken. Für Ihr Unternehmen und Produkt bieten wir diverse Möglichkeiten sich darzustellen. Effektiv und Preiswert.

Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns!

Montag, 28.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Uwe Timm: Vogelweide

Uwe Timm: »Vogelweide«Ein einfühlsamer und vielschichtiger Roman ist Uwe Timm mit seinem neuen Werk „Vogelweide“ gelungen. Es handelt von zwei Paaren, bei denen sich einer der Männer, Eschenbach, in die Partnerin des anderen verliebt. Eine heimliche und leidenschaftliche Affäre beginnt. Dass die nicht von Dauer ist, weiß der Leser bereits zu Beginn, weil sich die Handlung fast ausschließlich in Rückblenden erschließt.

In der erzählten Gegenwart ist Eschenbach der einzige Mensch auf einer Insel in der Nordsee, wo er von März bis Oktober als Vogelwart angestellt ist. Diese Flucht aus seiner früheren Lebenssituation, in der er Inhaber einer Software-Firma war, deutet bereits früh auf eine Katastrophe hin, die sich in seinem Leben ereignet haben muss.

Dennoch bleibt „Vogelweide“ jederzeit interessant. Das liegt auch an der genauen Zeichnung der vier Hauptfiguren, die, bestückt mit individuellen Charaktereigenschaften, allesamt lebensecht und glaubhaft wirken. Der Roman spielt in einem gebildeten kunstinteressierten Milieu, wo man den Rotwein erst „atmen“ lässt, bevor man ihn trinkt, und wo man schon mal ein Schmuckstück oder ein Bild für ein paar tausend Euro kauft. Vielleicht kann man Uwe Timm, geboren 1940, vorwerfen, dass er dieses intellektuelle Gehabe zu wenig bricht.

——————————————–

Uwe Timm: Vogelweide.
Kiwi, August 2013.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Kommentare deaktiviert für Uwe Timm: Vogelweide

Samstag, 26.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Ernest Hemingway: Fiesta

Ernest Hemingway: »Fiesta«Die Werke Ernest Hemingways (1899-1961) galten bisher als nicht optimal ins Deutsche übersetzt. Daran trägt der berühmte amerikanische Schriftsteller eine Mitschuld. Schon zu seinen Lebzeiten fragte der Rowohlt-Verlag an, ob er einer Neuübersetzung seiner Werke zustimmen wolle. Dafür sah der jedoch keinen Grund. Seine Bücher verkauften sich in Deutschland hervorragend so blieb Annemarie Horschitz-Horst über lange Zeit die einzige autorisierte Hemingway-Übersetzerin ins Deutsche.

Das hat sich geändert. Einige Bücher des Autors hat Werner Schmitz inzwischen komplett neu übersetzt. Dazu zählt nun auch das allererste Hemingway-Buch „Fiesta“, geschrieben im Jahre 1926. Und Schmitz gelingt es in ganz hervorragender Weise zu zeigen, wie aktuell dieser knapp 90 Jahre alte Text heute noch ist. Das gilt gleichermaßen für Sprache wie Inhalt – und das ist letztlich Merkmal für einen Klassiker. Das Buch handelt von einer Horde Männer, die eine attraktive Frau – Lady Brett Ashley – erst in Paris, dann beim Stierkampf in Pamplona wie die Motten umschwirren. Doch die Dame schenkt mal diesem, mal jenem ihre Gunst und macht auf diese Weise am Ende alle unglücklich. Der Alkohol fließt in Strömen, und so richtig nüchtern ist während des gesamten Buches niemand – man geht von einer Kneipe in die nächste und gibt das Geld mit vollen Händen aus. Würde man einige wenige zeitspezifische Details ändern (man mietet heute keine Wagen mehr mit Chauffeur), könnte Fiesta ein hervorragendes Porträt der heutigen so genannten „Spaßgesellschaft“ sein.

Aber der Roman geht – natürlich – tiefer: Ich-Erzähler Jack Barnes, den Hemingway mit einigen autobiografischen Details ausgestattet hat (beide arbeiten als Journalisten in Paris), ist nach einer Verletzung, die er im Ersten Weltkrieg erlitten hat, impotent. Und so lassen sich die Begeisterung zumindest dieser Figur für den Alkohol und den brutalen, aber emotionalen Stierkampf als schale Ersatzbefriedigungen für das eine lesen, das er nie erreichen kann: die körperliche Liebe zu einer Frau. Folgerichtig betrinkt er sich immer dann am heftigsten, wenn Brett in seiner Nähe und ihm zugetan ist. Hemingway selbst hat den Roman als „verdammt traurige Geschichte“ gesehen.

Für all diejenigen, die sich nun erstmals mit dem Werk eines der berühmtesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts beschäftigen möchten, bietet dieses Buch einen optimalen Einstieg.
————————————————

Ernest Hemingway: Fiesta (1926).
Rowohlt, Juli 2013.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Kommentare deaktiviert für Ernest Hemingway: Fiesta

Mittwoch, 23.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Marie-Renée Lavoie: Ich & Monsieur Roger

Marie-Renée Lavoie: »Ich & Monsieur Roger«An den Film „Die wunderbare Welt der Amelie“ erinnert eine Neuerscheinung aus Frankreich: „Ich & Monsieur Roger“ von Marie-Renée Lavoie – ein Wohlfühlbuch, das aber als Kehrseite der Medaille etwas spannungsarm daherkommt.

Die erst achtjährige Hélène tut alles, um ihre Mitmenschen glücklich zu machen. Von dem Geld, das sie als nächtliche Zeitungsausträgerin verdient, steckt sie das meiste in die stets leere Haushalts-Kasse der Mutter, einer ihrer drei Schwestern besorgt sie die heiß ersehnten Stöckelschuhe und ihren Vater deckt sie, als der sich nicht mehr an seine Taten im Alkoholrausch erinnern kann – und das alles, obwohl sie durchaus auch eigene Probleme hat. So möchte sie viel lieber ein Junge sein und Joe genannt werden.

Oft flüchtet sie in die Traumwelt einer Comic-Fernsehsendung, die sie regelmäßig sieht. Ihr Held dort heißt Oscar und ist ebenfalls eine Frau in Männerkleidern. Hélène möchte so sein wie Oscar, doch es gibt etwas, was sie daran hindert: der fehlende Wind in ihrer Stadt, denn Oscar wehen die Haare immer so romantisch im Wind …

Den Bezug zum Titel bildet der 80-jährige lebensmüde Roger, mit dem Hélène schließlich eine etwas raue Art von Freundschaft verbindet. Allerdings nimmt Roger keine so zentrale Rolle im Buch ein, wie es der Titel glauben machen will.

Man liest diesen Roman und fragt sich, ob man ihn schrecklich finden soll, weil er so meilenweit entfernt von jeder Realität ist, oder ob man ihn mag, weil er doch so zuckersüß märchenhaft ist und einen für die Zeit der Lektüre in eine rosarote Wattewelt hüllt.

Letztlich muss jeder Leser diese Frage selbst beantworten, aber eine gewisse Armut an Spannung und auch die wirklich arg große Nähe zum Amelie-Film und vielleicht auch zum Roman „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery kann man „Ich & Monsieur Roger“ schon vorwerfen.

————————————————————–

Marie-Renée Lavoie: Ich & Monsieur Roger.
Hanser Berlin, Juli 2013.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,90 Euro.

Kommentare deaktiviert für Marie-Renée Lavoie: Ich & Monsieur Roger

Sonntag, 20.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Peter Henning: Ein deutscher Sommer

Peter Henning: »Ein deutscher Sommer«Der Banküberfall von zwei wenig intelligenten Kleinkriminellen eskalierte 1988 zum so genannten „Gladbecker Geiseldrama“. Und weil das genau 25 Jahre her ist, stand wohl zu befürchten, dass die in vielerlei Hinsicht unschöne Geschichte in diesem Jahr auf die eine oder andere Weise aufgewärmt wird.

Unschön deshalb, weil zwei Menschen starben, die Polizei haarsträubende Fehler beging und die Medien ihre schwärzesten Stunden erlebten. Der Autor Peter Henning beteiligt sich mit seinem 600-Seiten-Wälzer „Ein deutscher Sommer“ an dem gruseligen Jubiläum. Zur Erinnerung: Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski überfallen am 16. August 1988 eine Bank in Gladbeck. Sie nehmen mehrere Geiseln und fliehen mit ihnen quer durch die Republik. Erst zwei Tage später stellt die Polizei die Täter auf der A3. Bei einem abschließenden Feuergefecht stirbt die 18-jährige Geisel Silke Bischoff.

Während der Flucht hat Degowski zuvor den 15-jährigen Italiener Emanuele De Giorgi in einem entführten Linienbus erschossen. Was den Fall so besonders macht, ist die permanente Anwesenheit der Journalisten. Sie fahren im Fluchtauto mit und führen Interviews mit den Gangstern, während die die Geiseln mit der Waffe bedrohen. Das führte anschließend zu einer Ethik-

Wie kann man über diesen Fall 600 Seiten schreiben, könnte man fragen. Peter Henning tut das, indem er einige Figuren erfindet, die im weitesten Sinne etwas mit dem Fall zu tun hatten: eine labile Taxi-Fahrerin, auf deren Wagen einer der Gangster schießt, den Fahrer des entführten Busses, einen Polizisten, der sich über die Unfähigkeit seiner Kollegen ärgert, zwei Sensations-Journalisten und noch einige mehr.

Das Konzept geht nicht auf: Henning verheddert sich in unwichtigen Details, kommt vom Kleinen ins Kleinste und immer Kleinere und produziert damit vor allem eins: Langeweile. Die Figuren wirken wie am Reißbrett entworfen, aber nicht lebensecht. Alles wirkt flach und banal, so etwas wie Tiefgang kommt nicht auf, auch wenn sich Henning nach Kräften darum bemüht. Die vielen puzzleartig aneinandergereihten Leben bilden am Ende kein geschlossenes Ganzes. Ihr Bezug zum Gladbecker Geiseldrama ist oft mehr als nur dürftig.
Stilistisch ist „Ein deutscher Sommer“ eine mittlere Katastrophe: Hölzern wirkende Bandwurmsätze mit vielen Beamtendeutsch-Ausdrücken reihen sich aneinander. Kein gutes Buch.

————————————-
Peter Henning: Ein deutscher Sommer.
Aufbau, Juli 2013.
608 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 11.10.2013

Autor: Andreas Schröter

Franz Hohler: Gleis 4

Franz Hohler: »Gleis 4«Auf dem Weg in den Italien-Urlaub lässt sich Isabelle an einem Bahnhof von einem Mann helfen. Er trägt ihr den Koffer auf den Bahnsteig – und bricht danach tot zusammen.

Isabelle vergisst ihren Urlaub und setzt fortan alles daran, etwas über die Vergangenheit des Mannes herauszufinden, denn die scheint geheimnisvoll zu sein. Tochter Sarah und die Ehefrau des Toten, Véronique helfen ihr.

Und an dieser Stelle taucht bereits die größte Crux des Buches auf. Bis zum Ende bleibt es nicht nachvollziehbar, warum sich Isabelle überhaupt für das Leben eines ihr wildfremden Mannes interessiert.

Der Roman plätschert flüssig dahin, ohne dass man sich besonders ärgern müsste – aber leider auch weitgehend ohne Spannung. Die Frauen finden diese und jene familiäre Verzwickungen heraus und erfahren etwas über die düstere Jugend des Toten. Auch ein Voodoo-Zauber und ein böser alter Mann, der eine der Frauen in seiner Wohnung bedroht, kommen vor. Doch vieles bleibt an der Oberfläche, manches erscheint banal, und an einigen Stellen wirkt der Text ein wenig altbacken. Muss man nicht unbedingt gelesen haben.

Der 1940 geborene Schweizer Autor Franz Hohler ist auch als Kabarettist und Liedermacher bekannt.

——————————————–
Franz Hohler: Gleis 4.
Luchterhand, Juli 2013.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,99 Euro.

Mittwoch, 09.10.2013

Autor: JosefBordat

Mehr als Essgeschwindigkeitsbegrenzung

Der Genussführer 2014 dokumentiert übersichtlich die besten Slow Food-Restaurants in Deutschland

Slow Food – das Gegenkonzept zum populären Fast Food – ist das Bemühen, die Ganzheitlichkeit der Ernährung zu achten und daher bei Speisen und Getränken nachvollziehen zu wollen, woher die Rohstoffe stammen, wie sie verarbeitet wurden und was wirklich in dem steckt, was am Ende auf dem Teller landet – an Nährwert, aber auch an Arbeit und Kosten. Die Leitgedanken dieser Ernährungsphilosophie sind Nähe, Frische und Ruhe: Regionale Lebensmittel sollen direkt aus dem Beet und vom Feld kommend zubereitet und dann mit viel Muße genossen werden.

Mittlerweile sind die Slow Food-Anhänger organisiert und geben einen Restaurantführer heraus, in den 300 Gaststätten Eingang fanden – ausgewählt von 400 Mitgliedern der deutschen Slow Food-Bewegung, die in regionale Gruppen („Convivien“) nach passenden Angeboten in der Umgebung gesucht und dabei eben jene Restaurant gefunden haben, die nun – nach Bundesländern unterteilt – vorgestellt werden, im Genussführer 2014.

Jedes der Häuser wird auf einer Seite beschrieben. Im oberen Teil stehen die wichtigsten Daten – Adresse, Website, Öffnungszeiten, Preisniveau, Größe des Lokals sowie Angaben zu Zahlungsmodalitäten und zur Barrierefreiheit (ja oder nein) – neben einer Karte des jeweiligen Bundeslandes, auf der mit einem roten Punkt der Standort des Restaurants markiert ist. Im mittleren und unteren Abschnitt der Seite wird in einem kurzen durchgängigen Fließtext die Geschichte und das Angebot des Lokals vorgestellt, garniert mit Bezügen zu architektonischen Besonderheiten des Hauses, Bemerkungen zur Atmosphäre und zum Zusammenhang zwischen der Speisekarte des Lokals und der regionalen (Agro-)Kultur. Zusätzlich gibt es bei einigen Restaurants Hinweise zu besonderen Aktionen oder zu Slow Food-konformen Einkaufsmöglichkeiten in der Nachbarschaft.

Freilich liefert der Genussführer 2014 – wie jeder andere Gastro-Führer auch – neben harten Fakten und grundsoliden Informationen viele subjektive Einschätzungen, die der Leser als künftiger Gast erst noch verifizieren muss. Aber dafür hat er ja dann genügend Zeit.

Bibliographische Daten:

Slow Food Deutschland (Hg.): Slow Food Genussführer 2014.
München: Oekom (2013)
336 Seiten, € 19,95
ISBN 978-3-86581-439-5

Josef Bordat

Tags:

Kommentare deaktiviert für Mehr als Essgeschwindigkeitsbegrenzung

Freitag, 04.10.2013

Autor: oliverg

▶ #literaturwelt Buchverlosung „Unnützes Wien-Wissen“ – YouTube

#literaturwelt Buchverlosung – Video bei Youtube kommentieren, Kanal abonnieren, Verlosung läuft bis
a) mindestens 14.10.2013
b) oder bis 10 Kommentare/Abos da sind

▶ #literaturwelt Buchverlosung "Unnützes Wien-Wissen" – YouTube.

Kommentare deaktiviert für ▶ #literaturwelt Buchverlosung „Unnützes Wien-Wissen“ – YouTube

Donnerstag, 03.10.2013

Autor: Odile

CulturBooks – elektrische Bücher

Zoe Beck, Jan Karsten, Kirsten Reimers und Thomas Wörtche haben einen neuen literarischen eBook-Verlag gegründet: „CulturBooks – elektrische Bücher“ – das scheint im Grunde konsequent, wenn man die neuesten Entwicklungen auf dem Veröffentlichungsmarkt betrachtet. Anfang Oktober hat der Verlag sein erstes Programm herausgebracht: „20 literarische Titel etablierter Autorinnen und Autoren“, „Texte jenseits des Mainstream“, wie die HerausgeberInnen selbst schreiben. In den Kategorien Album, Longplayer, Maxi und Single finden sich Storys, Erzählungen, Romane, Essays. Wie ungewöhnlich diese Texte tatsächlich sind, lässt sich auf die Schnelle nicht identifizieren. Denn wenn der ansonsten sehr schönen Website des Verlags etwas fehlt, dann sind es Textproben. Das würde sich eigentlich anbieten.
Auf den ersten Blick scheint dieser eBook Verlag eine frische Alternative zum herkömmlichen Buchmarkt. Aber erst einmal müssten wir einige der eBooks lesen, um mehr zum Programm sagen zu können. Es gibt ja keine Textproben. Und wenn man sichs recht überlegt, ist das vielleicht eine kluge Strategie, um die eBooks zu verkaufen ….

Mittwoch, 02.10.2013

Autor: Annette

Gabriel Rolón: Auf der Couch

43375389Rolon_Couch_SU.indd“Auf der Couch” – der Bestseller aus Argentinien liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor. Ich habe dieses Buch an einem Tag durchgelesen. Das liegt zum einen an Gabriel Rolóns Stil. Als Psychoanalytiker sollte er vor allem ein guter Zuhörer sein, er ist aber auch ein wunderbarer Erzähler. Zum anderen an den Protagonisten: Rolón stellt acht seiner Patienten vor, berichtet von ihren Ängsten und Konflikten, die – so unterschieldich sie im Konkreten auch sind – von der Suche nach Glück erzählen.

Anfangs war ich überrascht, wie sehr die Probleme gebildeter Großstädter in Buenos Aires denen in München oder Madrid ähneln. Es sind Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen, erfolgreich und priveligiert wirken und dennoch oder gerade deswegen den Weg zum Analytiker suchen.

Und das hat für mich auch den Reiz des Buches ausgemacht. Im Mittelpunkt der einzelnen Kapitel stehen die Sitzungen, die Suche nach der Wahrheit, dem Kern, der Wunde, die die Schmerzen jedes Einzelnen letztlich verursacht. Mit Instinkt und Intellekt entwirrt Rolón die Lebensgeschichten und man versteht schnell, warum er ein gefragter Analytiker und Autor ist.

Doch was wären die besten Analytiker ohne uns? Wir leben in Zeiten der Sinnsuche. Konflikte, die Generationen vor uns einfach hingenommen haben, nehmen wir zum Anlass uns zu überdenken. Sicher ein weiterer Grund, warum “Auf der Couch” so viele Leser findet.

Kommentare deaktiviert für Gabriel Rolón: Auf der Couch

Mittwoch, 25.09.2013

Autor: Andreas Schröter

Benjamin Percy: Wölfe der Nacht

Benjamin Percy: »Wölfe der Nacht«Ein Buch über Themen wie Waffen, das Jagen und den Kampf mit einem Grizzly-Bären – das ist Benjamin Percys „Wölfe der Nacht“, ein Stoff für Männer.

Bevor aus einem Stück Wildnis in Oregon ein Golfplatz wird, wollen der weichliche Justin, sein kränklicher Sohn Graham und sein dominanter Vater Paul dort noch schnell ein gemeinsames Wochenende verbringen. Paul ist fest entschlossen, aus seinem Enkel einen ganzen Mann zu machen. Dass das für dieses ungleiche Gespann in einer so gnadenlos rauen Natur mit Komplikationen verbunden ist, lässt sich früh ahnen.

Aber auch für Justins zu Hause gebliebene Frau Karen läuft nicht alles rund: Sie wird nicht nur von einem hartnäckigen Verehrer bedrängt – ihr droht auch noch Gefahr von dem ehemaligen Soldaten Brian, der den Irak-Krieg körperlich und seelisch nicht unbeschadet überstanden hat, und ihr nachstellt.

Problem an Percys Abenteuerroman ist (mindestens) zweierlei: Erstens ist die Handlung früh vorhersehbar, zweitens geht einem das Männergetue nach einiger Zeit auf die Nerven. Es ist zu wenig gebrochen, wird zu wenig hinterfragt. Das Buch wirkt insgesamt etwas eindimensional – wie ein B-Movie auf RTL2. Obwohl dem 1979 geborenen amerikanischen Autor dann zwischendurch doch ein paar spannende Stellen gelingen (zum Beispiel ein herrlich gruselige Geistergeschichte, die Paul am Lagerfeuer erzählt), ist „Wölfe der Nacht“ insgesamt enttäuschend, ja fast ein bisschen langweilig. Komplett unbefriedigend und lasch fällt das Ende aus. Das gilt ganz besonders für den Handlungsstrang um den Ex-Soldaten und die Frau.

Eine Kuriosität am Rande: Benjamin Percy scheint in eine seiner Ideen so verliebt gewesen zu sein, dass er sie fast wortgleich an zwei völlig unabhängigen Stellen im Roman eingebaut hat: Menschen, die vor einem offenen Kamin in ihrer Wohnung sitzen, werden durch eine Eule erschreckt, die von oben in die Flammen fällt. Dann fliegt das entsetzte Tier „mit schwelenden Flügeln“ durch die Wohnung.

Abgesehen davon, dass der ganze Roman für Tierschützer kaum Erbauliches bietet, hätte ein guter Lektor diese Szene an einer der beiden Stellen eliminieren müssen.

—————————————————-
Benjamin Percy: Wölfe der Nacht.
Luchterhand, Juni 2013.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Kommentare deaktiviert für Benjamin Percy: Wölfe der Nacht

Sonntag, 22.09.2013

Autor: Immo Sennewald

Kunst als Überlebensvorteil

Buchtitel zu "Die Evolution der Phantasie"“Was aber  ist Kunst? Wann ist sie entstanden, wie funktioniert sie und welcher Zweck wird mit ihr verfolgt?”

Diese Fragen stellt Thomas Junker an den Anfang seines Buches und geht ihnen aus der Sicht der Evolutionsbiologie nach. Er lehrt ihre Geschichte an der Uni Tübingen, hat etliche Bücher und Artikel zum Thema veröffentlicht, setzt sich mit “Die Evolution der Phantasie – wie der Mensch zum Künstler wurde” eine umfassende Schau seiner Ansichten und Erkenntnisse zum Ziel. Von ihm zitierte Vertreter einer evolutionären Kunsttheorie versprechen sich von diesem Ansatz nicht weniger als eine “geistige Revolution”.

Erfreulicherweise belässt es Junker bei einer verständigen Argumentation, die den finalen Charakter der Kommunikationsprozesse des Menschen zum Kern hat: Kommunikation – egal ob nonverbal oder verbal – ist eine unverzichtbare Strategie des Lebens, und Kunst ist eine besonders ausgeprägte Form. Sie nutzt alle Mittel und Materialien, die Natur und Kultur bereitstellen; der Künstler gewinnt z.B. an Ansehen im sozialen Umfeld, nicht zuletzt an sexueller Attraktivität. Junker erklärt, wie Kunst Schönheit und Wirkung erheischt – auch durch den Bruch ins Hässliche – und wie sie sich dem Luxus verbindet.

Ebenso erfreulich, dass der Autor kunsthistorische und theoriegeschichtlichen Debatten aufscheinen lässt. Der Leser erfährt, welche Widerstände es zu überwinden galt, ehe dem “Geist der Kunst” sein Körper zurückgegeben werden konnte. Neuere Arbeiten aus der Hirnforschung haben dazu beigetragen, die Annäherung von Natur- und Geisteswissenschaften, Einsichten in das Funktionieren der Kunstmärkte. Wer ein Künstler ist, was für Kunst gehalten wird – darüber entscheiden soziale Interaktionen. Parallelen zum Balzspiel sind im Verhältnis zwischen Künstler und Publikum ebenso häufig, wie an Hassliebe, unterwürfige Verehrung, Eifersucht, Abwendung aus enttäuschter Erwartung gebundenes Verhalten: Kunst handelt von und mit Gefühlen, Wünschen, vorgestellten Zielen. Sie ist zugleich Werkzeug und Tätigkeitsfeld, unberechenbar und unvorhersehbar in ihrem Reichtum an Inhalten, Mitteln und Formen.

Thomas Junker erzählt all das kenntnisreich und mit zahlreichen Beispielen, der Leser kann die eigene Kunsterfahrung prüfen und erneuern, wünschte bisweilen, sich mit dem Autor zu streiten – vor allem da, wo weitergehende philosophische Fragen auftauchen. Bis dahin hat er an den Texten schon viel Vergnügen gehabt, denn das Buch ist bei aller wissenschaftlichen Kenntnis durchaus unterhaltsam.

Es ist im S. Hirzel Verlag in Stuttgart erschienen und kostet 24,90 €

Tags: , , , , , ,

Kommentare deaktiviert für Kunst als Überlebensvorteil

Donnerstag, 19.09.2013

Autor: oliverg

Buchhandel 2013 (und 2020?) #zukuko13

Wie kommt das Buch zum Kunden? Teil 1 von 2 #zukuko13 – YouTube.

Was denkt ihr, was gibt es 2020 (neu/noch)?

Mittwoch, 11.09.2013

Autor: Andreas Schröter

Frank Spilker: Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen

Frank Spilker: »Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen«Thomas Troppelmann leitet ein Grafikbüro, das keine Aufträge mehr bekommt. Und weil er vergessen hat, den Mietvertrag zu verlängern, will ihn der Vermieter loswerden. Ihm wird das zu viel und er setzt sich in einen Zug, der ihn zu seinen Eltern bringt und schließlich zu einem Kinderferienheim im Schwarzwald, an das er schlimme Erinnerungen hat – wie auch zuvor im Text schon durch zahlreiche Einschübe angedeutet wird. Diese Einschübe hemmen besonders am Anfang den Textfluss und wirken störend.

Das alles ist nur wenig überzeugend. Die Handlung erscheint beliebig und austauschbar, das ganze Buchkonstrukt gekünstelt. Autor Frank Spilker gelingt es nicht, seinen Helden dem Leser näherzubringen. Man fragt sich, warum man sich eigentlich für jemanden interessieren soll, der einerseits nichts dafür tut, aus seiner Misere zu kommen, dem es aber andererseits immer noch gut genug geht – auch finanziell offenbar -, dass er eine Zugreise durch Deutschland unternehmen kann. Das ist alles nicht Fisch, nicht Fleisch. Man liest das Buch seltsam distanziert, wird nicht wirklich in die Geschehnisse hineingezogen. Auch bleibt letztlich unklar, was denn eigentlich so schlimm an besagtem Kinderferienheim war und was das genau mit dem späteren Thomas Troppelmann zu tun hat. Der Roman wirkt nicht wie ein geschlossenes Ganzes, sondern zerfällt in seine Einzelteile, von denen einige wie lockere – und belanglose – Fäden hingeworfen, aber nie aufgelöst werden.

Frank Spilker: Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen.
Hoffmann und Campe, März 2013.
158 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,99 Euro.

Dienstag, 10.09.2013

Autor: Christiane Geldmacher

Colin Bateman: Vollnarkose

Vollnarkose von Colin Bateman

Lies ein Buch, und wenn es gut ist, wird es dich überraschen. Dazu braucht es immer neue Variationen. Hier ist eine davon: Ein Buch, das so la la anfängt, nach einigen Seiten aber besser wird und nach ein paar Kapiteln richtig gut. Also sollte man es nicht zu früh aus der Hand legen!

Der Besitzer des Krimibuchladens „Kein Alibi“ in Belfast hat es nicht leicht. Da sind zum einen die Kunden, die seinen Laden nur betreten, wenns draußen regnet, sie Wechselgeld oder eine Toilette brauchen. Alle ignorant. Zum anderen die, die sich zwar vom Buchhändler kundig beraten lassen, dann aber beim Billigbuchladen oder im Internet einkaufen. Oder kostenlos downloaden. Die können alle in der Hölle schmoren.

Und da ist seine Freundin, die von ihm schwanger ist, und sein Assistent Jeff, nicht dumm. Die Mutter, semiwahnsinnig mit luziden Momenten, sitzt im Altersheim. Und diese Menschen haben alle eins gemeinsam: Sie erweisen unserem kleinen, sympathischen Krimibuchhändler nicht genug Respekt.

Colin Bateman hat eine starke Autorenstimme, starke Figuren, starke Dialoge und einen nachvollziehbaren Plot. Das ist die Voraussetzung für einen guten Krimi. Bateman schreibt auf Höhe der Zeit und erlebt, was wir auch erleben. Mehr oder weniger jedenfalls. Wer wie ich Gilbert Adair schmerzlich vermisst, kann sich mit Colin Bateman gut trösten.

Colin Bateman, Vollnarkose, Broschur, 400 Seiten, Heyne Verlag, München 2013, 8,99 Euro.

 

Tags: , ,

Kommentare deaktiviert für Colin Bateman: Vollnarkose

Sonntag, 08.09.2013

Autor: Andreas Schröter

Sam Byers: Idiopathie

Sam Byers: »Idiopathie«Drei Menschen stehen im Mittelpunkt von Sam Byers‘ gutem Debütroman „Idiopathie“. Und sie alle haben Schwierigkeiten – vor allem mit sich selbst.

Da ist die dauerzynische Katherine. Sie hat sich von ihrem Freund Daniel getrennt, denkt aber ständig an ihn. Erschwerend für sie kommt hinzu, dass sie schwanger von einem der größten Frauenhelden der Stadt ist.

Daniel versucht sein Glück in einer neuen Beziehung, die vor allem darin besteht, dass die beiden Partner sich ständig sagen, wie sehr sie sich lieben. Das ist öde, und so gerät Katherine doch wieder in Daniels Blickfeld. Doch die beiden scheinen kaum miteinander zu können. Katherine giftet gegen Daniel, wo sie kann, und es gelingt ihr nicht, den Zynismus abzulegen und ihre innersten Gefühle für ihn zu zeigen.

Und dann ist da noch Nathan. Er hat sich vor einem Jahr in einer Krisensituation selbst schlimme Verletzungen zugefügt, von denen jetzt immer noch – seelisch und körperlich – die Narben zu sehen sind. Zu allem Überfluss versucht seine Mutter, Nathans Geschichte in einem Buch zu vermarkten. Nathan organisiert nun ein Treffen zu dritt mit seinen alten Freunden Daniel und Katherine – die Katastrophe scheint damit programmiert zu sein …

„Idiopathie“ ist lesenswert wegen seines bitterbösen Humors und wegen eines schier unglaublichen psychologischen Einfühlungsvermögens, das Sam Byers für seine Figuren an den Tag legt. Die Kehrseite: An manchen Stellen wirkt der Roman etwas zäh. Auch gibt es so gut wie keine Handlung, weil sich das Geschehen größtenteils um das Innenleben der Figuren dreht. Vieles wirkt überzogen, aber das macht vielleicht auch einen Teil des Reizes aus.
Idiopathie ist übrigens eine Krankheit mit unklaren Ursachen – wie etwa der Rinderwahnsinn, der am Rande vorkommt. Das passt zu den Befindlichkeiten der drei Hauptfiguren.

————————————————–

Sam Byers: Idiopathie.
Tropen bei Klett-Cotta, Mai 2013.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,95 Euro.

Kommentare deaktiviert für Sam Byers: Idiopathie
bLogin
Second-Hand Grabbelkiste zugunsten des ligatur e.V. bei facebook.
Literaturwelt. Die Page. | Promote Your Page Too

Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos

Kostenlos aktuelle Artikel per E-Mail:

Tagcloud
Empfehlungen
Unsere Projekte
Letzte Kommentare
Kategorien
Links / Blog'n'Roll


Statistik

literaturwelt.de & carpe.com | über blog.literaturwelt | Autoren | Archiv | Impressum | RSS | Werbung