Samstag, 28.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Rachel Joyce ist 2012 mit ihrem ersten Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ ein Weltbestseller gelungen. Nur ein Jahr später legt die 1962 geborene britische Autorin den nächsten Schmöker vor: „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“. Und auch dieses Buch hat das Zeug dazu, wieder mächtig für Furore zu sorgen.
Es geht um einen kleineren Verkehrsunfall im Nebel – jene titelgebenden zwei Sekunden Unaufmerksamkeit –, der das Leben einer ganzen Familie zerstört oder komplett verändert, obwohl gar nicht viel passiert. Diana, die selbst aus zweifelhaften Familienverhältnissen stammt, ist mit ihrer Rolle als Oberschichtenmutter – mit Luxushaus und Luxuswagen – komplett überfordert. Sie muss Antidepressiva nehmen, um den Anforderungen ihres Mannes und der anderen Mütter, mit denen sie zu tun hat, gerecht zu werden. Als sie in einer Unterschichten-Straße ein Mädchen anfährt, bricht ihre mühsam aufrechterhaltene Contenance wie ein Kartenhaus zusammen.
Rachel Joyce verwebt diese Ereignisse, die im Sommer 1972 spielen, geschickt mit dem Leben eines psychisch kranken Mannes in der Gegenwart. Früh ahnt man, dass es sich bei diesem Mann entweder um Dianas Sohn Byron oder dessen Schulfreund James handeln muss, die beide 40 Jahre zuvor nicht ganz unschuldig an dem Unfall waren. Einer von beiden ist mit dieser Schuld offenbar nicht fertig geworden – und erst gegen Ende des Romans wird aufgeklärt, wer von beiden das ist.
„Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ hat vieles, was einen richtig guten Roman ausmacht und deswegen ohne Einschränkung empfehlenswert ist: Es ist vielschichtig, spannend, emotional berührend, geschickt aufgebaut und überrascht mit unerwarteten Wendungen.
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Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte.
Krüger, November 2013.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Mittwoch, 25.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Von dem 1953 geborenen niederländischen Autor Herman Koch sind in Deutschland bisher zwei Romane erschienen: „Angerichtet“ und „Sommerhaus mit Swimmingpool“. Nun hat der Kiepenheuer-&-Witsch-Verlag ein drittes Werk Kochs übersetzen lassen, das im Original bereits 2003 erschienen ist, also vor den beiden erstgenannten – „Odessa Star“.
Es handelt von einem 47-jährigen Mann namens Fred, der mitten in seiner Midlife-Crisis einen alten Schulfreund wiedertrifft und sich fortan magisch von ihm angezogen fühlt. Doch die Coolness, die den Wiedergefundenen umgibt, hat ihren Preis …
„Odessa Star“ ist zu einem winzigen Teil witzig, doch zu einem viel größeren Teil ist es unsympathisch, menschenverachtend und zynisch – genau wie seine Hauptfigur Fred, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist. Diffamierende Gedanken gegen Senioren, Behinderte und Ausländer sind nur ein Teil dessen, was man da als Leser so ertragen muss. Hinzu kommt die ausgiebige Beschreibung allerlei Ekelhaftigkeiten, von denen „grüne Rotzblasen“ noch das wenigste sind. Und irgendwann stellt sich einem unweigerlich die Frage, warum man mit so was eigentlich seine Lesezeit füllt.
Ist es der Drang, immer mehr Tabus zu brechen und bloß nicht politisch langweilig korrekt zu wirken, der einen Autor dazu treibt, einen solchen Bullshit zu fabrizieren? „Odessa Star“ ist bestenfalls etwas für pubertierende 14-Jährige, die mal gegen ihre dröge Schullektüre rebellieren möchten. Alle anderen sollten die Finger von diesem Machwerk lassen.
Herman Koch: Odessa Star.
Kiwi, November 2013.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
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Sonntag, 22.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Louis Begleys neuer Roman spielt – wie schon seine bekannten Schmidt-Romane – in der New Yorker Upper Class. Man trinkt Unmengen teuren Wein, geht ständig in Restaurants oder auf Partys und weiß nicht, wie man bloß den Schnee aus der Einfahrt kriegen soll, wenn die Bediensteten frei haben.
Echte Sorgen hat man in diesen Kreisen nur, wenn man aus Versehen die falsche Frau geheiratet hat – so wie Thomas, dessen zänkische und alles in allem unerträgliche Frau Lucy ihm das Leben zur Hölle macht. Erst als sie ihn mit einem Schweizer Sadisten betrügt, wird es ihm denn doch zu bunt und er verlässt sie.
In der erzählten Gegenwart liegt das alles aber schon Jahre zurück. Der Schriftsteller Philip, Ich-Erzähler und sicher eine Art Alter Ego des Autors, recherchiert nach und nach die Vorkommnisse in der Ehe zwischen Lucy und Thomas, wobei er nicht nur mit Lucy selbst spricht, sondern auch mit einer Vielzahl von Figuren, die ebenfalls etwas darüber sagen können. Ehemann Thomas ist schon vor Jahren gestorben.
Im Grunde ist „Erinnerungen an eine Ehe“ nicht mehr als ein besserer Klatschroman aus den oberen Kreisen. Knackpunkte sind die Vielzahl von Figuren, deren Namen sich beim besten Willen niemand merken kann, sodass man oft nicht weiß, in welcher Beziehung diese und jene Figur denn nochmal zu den Hauptfiguren steht, wenn sie einen ihrer Kurzauftritte hat. Außerdem scheint Autor Louis Begley, geboren 1933 und früher lange als Anwalt in New York tätig, selbst so sehr Teil dieser Upper Class zu sein, dass er nicht in der Lage ist, das in diesen Kreisen übliche Gehabe zu hinterfragen und zu brechen.
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Louis Begley: Erinnerungen an eine Ehe.
Suhrkamp, September 2013.
222 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95.
Donnerstag, 19.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Ian McEwan wirft dermaßen viel schriftstellerisches Können in die Waagschale, dass er gar nicht in der Lage ist, einen wirklich schlechten Roman zu fabrizieren. Und doch packt er in sein neuestes Werk „Honig“ ein paar Zutaten, die zumindest dazu führen, dass dieses Werk nicht ganz an Vorgänger wie etwa „Saturday“ oder „Solar“ heranreicht: Das Thema „Kalter Krieg“, Spionage und die obskuren Machenschaften irgendwelcher Geheimdienste in den 70er-Jahren eignet sich vielleicht noch für verregnete und nostalgische Samstagabende, an denen die x-te Wiederholung irgendeines James-Bond-Klassikers mit Roger Moore läuft, aber für einen brandneuen Roman aus dem Jahre 2013 scheint das Thema denn doch etwas angestaubt. Außerdem wirkt die Handlung einen Tick zu lang gezogen und die Hauptfigur, eine junge Geheimdienstmitarbeiterin, möglicherweise nicht ganz so glaubwürdig wie frühere (männliche) McEwan-Helden. Kann sich der männliche Autor letztlich doch besser in einen Mann hineinversetzen als in eine Frau? Wäre möglich und nur verständlich.
Trotzdem ist die Lektüre von „Honig“ keine verlorene Lebenszeit. Das Buch ist stilistisch – natürlich – perfekt, es glänzt mit überraschenden Wendungen, Intelligenz, Humor und ist bis zum Ende geschickt konstruiert.
Zur Handlung: Der britische Geheimdienst rekrutiert die junge und hübsche Serena für ein Projekt, das systemkonforme Schriftsteller fördert. Dummerweise verliebt sie sich unsterblich in ihren ersten Autoren. Soll sie ihm ihr Geheimnis anvertrauen?
Da Serena sich aber generell schnell verliebt und dem Sex sehr zugetan ist, ist „Honig“ voll von Erotik und allerlei sonstigem Liebesleben. Ein weiterer Pluspunkt.
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Ian McEwan: Honig.
Diogenes, September 2013.
460 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.
Donnerstag, 12.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Als äußerst harte und erschütternde Lebensbeichte entpuppt sich Robert Goolricks autobiografisches Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“.
Bei den ersten Zeilen denkt man noch, es gehe „nur“ um Alkoholismus, doch dann stellt sich heraus, dass das eigentliche Thema des Buches ein ganz anderes ist: Kindesmissbrauch. Der Autor ist im Alter von vier Jahren von seinem betrunkenen Vater vergewaltigt worden, während seine ebenfalls betrunkene Mutter zugesehen hat. Seine Großmutter, der der blutende Junge am nächsten Tag von dem Vorfall erzählt, reagiert nicht weiter. Sie sagt nur, dass er es niemandem erzählen dürfe, weil sonst etwas Schlimmes geschehe.
Doch weil es eine in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge erzählte Autobiografie ist – der Ich-Erzähler wird mit fortschreitender Seitenzahl immer jünger – erfährt der Leser das erst ziemlich spät.
Zuerst liest man von den Folgen, die das traumatische Erlebnis ausgelöst hat: von der Unfähigkeit Goolricks, Liebesbeziehungen zu anderen Menschen aufzubauen – und er versucht es mit Männern und Frauen –, von seinem selbstzerstörerischen Drang, sich selbst schmerzhafte Verletzungen zuzufügen, von seinen Aufenthalten in der Psychiatrie, von seiner Alkoholsucht und von dem Niedergang seiner Eltern von umschwärmten Partygängern zu gefühllosen Wracks. Offenbar hat auch ihnen das lang zurückliegende Ereignis noch Jahrzehnte später zugesetzt.
Es macht das Buch eindringlicher, dass es durchweg in einer zurückgenommenen, lakonischen, ja fast nüchternen Sprache geschrieben ist. Jedes Pathos oder gar Selbstmitleid wäre hier zu viel. Die Geschichte spricht derart stark für sich selbst, da braucht es keinerlei sprachliche Ausschmückung. Interessanterweise findet der Autor sogar einen Weg, besonders zu Anfang dem (schwarzen) Humor Raum zu geben.
An den Text ist ein Interview des Autors mit einem nicht genannten Gesprächspartner gehängt. Darin erklärt Goolrick, er habe das Buch nicht nur verfasst, um sich selbst etwas von der Seele zu schreiben, sondern um dem Schweigen ein Ende zu bereiten, das nach wie vor um das Thema Kindesmissbrauch existiert. Ein beeindruckendes Buch!
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Robert Goolrick: Das Ende der Welt, wie wir sie kennen.
btb, September 2013.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Dienstag, 10.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Unterhaltsam, amüsant, dabei manchmal etwas rau, aber immer voller Herzenswärme, das ist „Spinnen füttern“ – ein Buch des 1964 geborenen libanesisch-kanadischen Autors Rawi Hage.
Fly ist Taxifahrer. Nachts streift er auf der Suche nach Fahrgästen durch die Straßen und trifft dabei auf Prostituierte, Drogendealer, Bettler oder jemanden, der gerade aus dem Irrenhaus entlassen worden ist.
Wie ein moderner Robin Hood hilft Fly allen Bedürftigen, tut sich dabei allerdings schwer, auch für sich selbst ein wenig Glück zu finden: Seine Nachbarin Zainab, die er heiß und innig verehrt, weist seine Annäherungsversuche hartnäckig ab.
„Spinnen füttern“ ist ein Buch, das von seinen vielen kleinen Geschichtchen lebt, die der Autor immer wieder in 1001-Nacht-Manier einstreut.
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Rawi Hage: Spinnen füttern.
Piper, Oktober 2013.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Donnerstag, 05.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Mit einer Autobiographie hat es der Schweizer Urs Widmer in diesem Jahr immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. In „Reise an den Rand des Universums“ beschreibt der 1938 geborene Autor seine ersten 30 Lebensjahre bis 1968.
Dazu gehören Kindheitserinnerungen mit Familienurlauben in den Bergen oder die Angst davor, dass auch die Schweiz von den Deutschen überfallen und in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wird – eine Angst, die der Autor schon als Kind mitbekommt.
Später kommen die ersten Liebschaften hinzu sowie Erfahrungen im Studium in Basel, Montpellier und Paris.
Das alles ist zwar nicht übermäßig spektakulär, bietet aber dennoch eine kurzweilige Lektüre. Das liegt auch daran, dass der Autor nicht versucht, sich selbst in ein möglichst helles Licht zu stellen. Wenn er Fehler gemacht hat, dann gibt er sie unumwunden zu. Auf diese Weise wirkt der Text ehrlich. Auch nimmt Urs Widmer kein Blatt vor den Mund. Er beschreibt seine erotischen Erfahrungen genauso unverblümt wie Angstvorstellungen, die ihn manchmal in der Nacht plagen.
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Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums.
Diogenes, August 2013.
346 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90.
Dienstag, 03.12.2013
Autor: Andreas Schröter
Bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013 hat es der zweite Roman eines Mannes geschafft, der bisher vor allem als deutsch-polnischer Übersetzer bekannt ist und als solcher 2005 sogar mit einem einschlägigen Preis ausgezeichnet worden ist: Olaf Kühl.
„Der wahre Sohn“ heißt sein neues Buch. Es handelt von einem Mann namens Konrad, der sich in den 90er-Jahren für eine deutsche Versicherung in Kiew auf die Suche nach einem gestohlenen Mercedes 500 SE macht. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass der Halter des Wagens kürzlich gestorben ist. Konrad hält sich bei seinen weiteren Nachforschungen an die weit über 80-jährige Witwe und lernt auch schnell ihren Sohn Arkadij kennen, der in einer psychiatrischen Anstalt lebt. Immer mehr verbeißt sich Konrad in die Familiengeschichte der beiden und fördert dabei ein Detail nach dem anderen zu Tage. Der geklaute Mercedes wird mehr und mehr zur Nebensache.
Man fragt sich beim Lesen ein wenig, warum genau sich Konrad eigentlich so sehr für die Vergangenheit der Seniorin und ihrer Familie interessiert. Es gelingt dem 1955 geborenen Autor nur begrenzt, die Beweggründe seines Helden dafür glaubhaft zu machen. Auch bleibt „Der wahre Sohn“ eine seltsame Mischung aus Krimi und Familiendrama, so als könne sich Kühl nicht recht entscheiden, wohin sein Text denn nun tendieren soll: für einen Krimi einen Tick zu lahm, für ein Familiendrama ein bisschen zu oberflächlich.
Der Rowohlt-Verlag teilt mit, dass Olaf Kühl, der Slawistik und Osteuropäische Geschichte studiert hat, sich monatelang in einer Plattenbausiedlung in Kiew einquartiert hat, um für diesen Roman zu recherchieren und die Atmosphäre einzufangen. Von dieser Vorarbeit merkt man aber im Buch nur recht wenig: „Der wahre Sohn“ könnte überall spielen, ein besonderes ukrainisches Flair ist kaum zu erkennen. Letztlich nicht hundertprozentig überzeugend.
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Olaf Kühl: Der wahre Sohn.
Rowohlt, August 2013.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.
Montag, 25.11.2013
Autor: JosefBordat
Die Christenverfolgung ist eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit. Wie viele Christen tagtäglich unter Schikanen, Repressionen und Behördenwillkür zu leiden haben, wissen wir nicht, die Schätzungen gehen von 100 bis 250 Millionen Menschen weltweit. Auch die Zahl der Todesopfer, also der Menschen, die ermordet werden, ausschließlich, weil sie Christen sind, ist unbekannt. Es könnten über 100.000 jährlich sein, vielleicht auch weniger, vielleicht auch mehr. Jenseits der absoluten Zahlen steht fest, dass Christen diejenigen sind, die am häufigsten Diskriminierung aus religiösen Gründen zu erdulden haben – in vier von fünf Fällen trifft es Christen. Zugleich wird in den Medien relativ wenig darüber berichtet, und wenn, dann zumeist in beschwichtigender Absicht – Tenor: „Alles halb so schlimm!“ Der Schlaglichtjournalismus zeigt ferner nur die Konsequenzen der Christenverfolgung (Zerstörung von Kirchen, Hinrichtungen, Vertreibung), oft herausgelöst aus dem ideologischen Kontext der Verfolgung aus religiösen Gründen. So wird vieles, was Christen im Nahen und Mittleren Osten zu erleiden haben, politischen und ökonomischen Konflikten zugeschrieben, die unter Umständen noch durch ethnische Spannungen aufgeladen sind, deren religiösen Dimension jedoch soweit depotenziert wurde, dass Christenverfolgung als eigener Tatbestand ausfällt, selbst wenn, wie in den letzten Jahren in Nigeria, Christen ganz gezielt als Christen zu Opfern des islamistischen Terrors werden, weil und soweit laufende oder gerade beendete Gottesdienste attackiert werden.
Den Verdacht, dass es nicht völlig abwegig ist, hierbei von Christenverfolgung zu sprechen, erhärtet Christa Chorherr in ihrer Studie zur Christenverfolgung in islamischen Ländern. Unter dem Titel Im Schatten des Halbmonds versammelt sie historische und aktuelle Aspekte des Umstands, dass Christen in bestimmten Regionen, dort nämlich, wo der Islam kulturell, rechtlich und politisch prägend ist, gezielt benachteiligt, verfolgt und oft genug auch getötet werden. Die Autorin geht zurück zu den Anfängen und beschreibt die Geschichte des Islam als eine gewaltsame Expansionsentwicklung. Dabei wurde die Religion phasenweise systematisch missbraucht, zum Zweck der Ausweitung politischer Machtsphären und der Herrschaftskonsolidierung in besetzten Gebieten, oft indem sie dazu eingesetzt wurde, nationalistische Interessen zu überhöhen. Das Prinzip ist dabei stets ähnlich, auch wenn sich die Zeitumstände ändern. Dass dies so ist, liegt wiederum an der zeitlosen Verfügbarkeit sozialer und kultureller Vorstellungen, gewonnen auf der Basis einer starren Koranauslegung, die zu der immer wieder gleichen Begründung für die eigene Überlegenheit bzw. die Unterlegenheit des Anderen führt. Und der Andere war und ist in erster Linie Angehöriger des Christentums – so in Ägypten, so in Syrien, so im Irak, so im Sudan, so in Nigeria, so aber auch in der Türkei bzw. im Osmanischen Reich.
Christa Chorherr fasst in zahlreichen Fallstudien zu den betreffenden Regionen den Stand der Christenverfolgung gut zusammen, bleibt bei den Fakten, spricht jedoch unbequeme Wahrheiten, die sich aus diesen Fakten ergeben, offen und ohne falsche Scheu aus. Beispiel: Türkei. Sie nennt die „freiwillige Aussiedlung“ von Griechen aus der Türkei im Jahre 1914 „Deportation der Griechisch-Orthodoxen“, bezeichnet das Schicksal der Armenier als „Todesmarsch“ und spricht von „bis zu 1,4 Millionen“ griechischen und „bis zu 2 Millionen armenischen“ Opfern der Vertreibung; hinzu kommen „500.000“ getötete assyrische Christen. Das alles in nur acht Jahren (zwischen 1914 und 1922). Das Wort „Völkermord“ nimmt sie in diesem Zusammenhang jedoch nicht in den Mund. Aber auch so wird deutlich, dass die nationale Konstitution der „laizistischen“ Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 4 Millionen Menschen das Leben kostete – die meisten von ihnen Christen. Auch wenn sich gerade hier die ethnische und die religiöse Identität der Opfer untrennbar vermischt haben und nicht klar herausgearbeitet werden kann, was denn nun an den Vertriebenen und Ermordeten mehr gestört hat, das Nicht-Türkisch-Sein oder das Christlich-Sein, ist das Christentum infolge der „kriegsbedingten Sicherungsmaßnahmen“ (so der offizielle Sprachgebrauch der Türkei für die Vorgänge) aus Kleinasien, der Heimat des Völkerapostels Paulus, praktisch verschwunden. Kirchen wurden zerstört oder zu Moscheen umgestaltet. Bis heute haben es christliche Gemeinden schwer in der Türkei, immer wieder gibt es Übergriffe auf Personen oder Gebäude. Die Römisch-Katholische Kirche ist nur unter strengen Auflagen geduldet.
Nachdem Christa Chorherr gezeigt hat, wie es heute in den einzelnen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, Nordafrikas und Südostasiens für Christen aussieht, also überall dort, wo Muslime in der Mehrheit sind, wagt die Autorin einen Blick in die Zukunft. Für Christen ist diese ungewiss, wahrscheinlich dürfte die Fortschreibung der düsteren Gegenwart sein, die sich länderübergreifend wie folgt darstellt: Obwohl sie als Minderheit unauffällig und angepasst leben, müssen Christen oft als „Sündenböcke“ herhalten, weil sie mit dem „Westen“ identifiziert werden und dieser wiederum für die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Land verantwortlich gemacht wird. Dass sich dieser Westen genauso oft ziert, wenn es darum geht, das Leid der Christen überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, ist die besonders tragische Pointe des Phänomens Christenverfolgung, das die Autorin sachlich und kenntnisreich aufarbeitet. Sie weist schließlich darauf hin, dass es nicht darum gehen kann, nun im „Westen“ den Islam zu diskriminieren, als Retourkutsche gewissermaßen. Stattdessen fragt sie: „Wäre es nicht denkbar, im Westen lebende Muslime aufzufordern, gemeinsam mit den Menschen hier, ob sie nun christlich oder säkular sind, für die Religionsfreiheit in islamischen Ländern einzutreten?“ Auch wenn dies ohne Zweifel denkbar ist, setzt es doch einiges an Verständigung voraus, etwa über den Begriff „Religionsfreiheit“. Die für alle Menschen guten Willens akzeptable Basis sollte es jedoch sein, dass Christen und Muslime „ihre Gottesdienste überall auf der Welt in einem würdigen Rahmen abhalten können“. Christa Chorherrs Wunsch ist damit nicht weniger als der Prüfstein im interreligiösen Dialog, der im Moment leider noch recht einseitig geführt wird.
Bibliographische Daten:
Christa Chorherr: Im Schatten des Halbmonds. Christenverfolgung in islamischen Ländern.
Wien: Styria (2013).
287 Seiten, € 24,99.
ISBN 978-3-222-13393-0.
Josef Bordat
Tags: Christenverfolgung
Kommentare deaktiviert für Christenverfolgung in islamischen LändernSonntag, 24.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Obwohl der amerikanische Schriftsteller James Salter, geboren 1925, von einigen Literaturkritikern auf einer Stufe mit Größen wie Philip Roth, John Updike oder Norman Mailer gesehen wird, ist er in Deutschland weniger bekannt – und das zu Unrecht, wie viele Passagen in seinem neuen Roman „Alles, was ist“ beweisen.
Das Buch beschreibt das Leben eines Mannes, Philip Bowman, vom Ende des Zweiten Weltkriegs, wo er bei der Navy im Pazifik diente, bis hin in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. In diesen 40 Jahren findet er eine Stelle als Lektor bei einem großen Verlag, heiratet, wird verlassen, verliebt sich neu, wird böse hintergangen, zieht hierhin und dorthin und erlebt weitere Liebschaften.
„Alles, was ist“ ist am stärksten, wenn es um die Frauenbekanntschaften Bowmans geht. Dann ist das Buch leidenschaftlich, emotional, zärtlich und zuweilen erotisch. Dieser Philip Bowman wächst dem Leser mit fortschreitender Seitenzahl mehr und mehr ans Herz. Er wirkt menschlich und man kann sich gut mit ihm identifizieren. Man leidet mit ihm bei Niederlagen und freut sich über Erfolge. Die Kombination des Titels „Alles, was ist“ mit dem Schwerpunkt auf Bowmans Frauenbekanntschaften birgt beinahe ein philosophische Aussage – nach dem Motto: Am Ende des Lebens ist es dann doch vor allem die Liebe, die zählt.
Schattenseiten hat der Roman, wenn Salter zu sehr von seiner Hauptperson wegdriftet, um sich dem Leben der Nebenfiguren zu widmen. Das ist alles ein wenig zu episch angelegt. Oft hat man als Leser Schwierigkeiten, sich im Dschungel der vielen, vielen Namen zurechtzufinden und immer gleich zu wissen, wer wer ist. Ein Namensregister könnte helfen.
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James Salter: Alles, was ist.
Berlin-Verlag, September 2013.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Freitag, 22.11.2013
Autor: bonaventura
Dieses in der „Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten“ des Alcorde Verlags erscheinende Buch dokumentiert die Reaktion des Baseler Theologen Sebastian Castellio auf die Verurteilung und nachfolgenden Hinrichtung des spanischen Theologen Michael Servet als Ketzer, die 1553 auf Initiative Calvins in Genf stattfand. Dieser Ketzerprozess stellt so etwas wie den Sündenfall des protestantischen Glaubens dar, da sich in ihm Calvin als einer der führenden Köpfe der Reformation der Formen und Argumente der verhassten römischen Kirche und ihrer Inquisition bediente, um sich einen persönlich verhassten theologischen Konkurrenten vom Hals zu schaffen.
Den Kern des Buches bildet Castellios „De haeriticis“, eine Sammlung, die zahlreiche Texte von Augustinus bis Luther zum Problem der Ketzer und der Auseinandersetzung mit ihnen enthält. Ergänzt wird diese Hauptschrift durch kleinere Schriften Castellios aus dem Umfeld der Auseinandersetzung mit Calvin anlässlich des Falls Servet sowie eine biographischen Studie Stefan Zweigs zu Castellio – wie üblich bei Zweig mit mehr rhetorischem als sachlichem Aufwand – und die die Toleranzdebatte betreffenden Kapitel aus der Castellio-Biographie von Hans R. Guggisberg. Zusammen mit der Einführung des Herausgebers Wolfgang F. Stammlers dürfte dies eine so umfassende wie Darstellung der Reaktion Castellios darstellen, wie sie sich wünschen lässt.
Das Anhängen dieser innerchristlichen Toleranzdebatte an die derzeit weitgehend hysterisch geführte Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen ist ebenso wie der Titel des Buches eine notwendige Werbestrategie, um dem wesentlich religionshistorischen Material eine breitere Aufmerksamkeit zu sichern. Tatsächlich einschlägig ist Castellios Streit mit Calvin nur in einem so abstrakten Sinne – eben unter dem sehr allgemeinen Schlagwort der Toleranz –, dass es an Banalität nicht nur grenzt. Wer sich für die Verwerfungen des christlichen Schismas des 16. Jahrhunderts interessiert, findet einen exzellent gemachten Quellenband. Wer Stoff zum rezenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen sucht, wird sich wahrscheinlich enttäuscht sehen.
Das Manifest der Toleranz. Sebastian Castellio: Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll. Aus dem Lateinischen von Werner Stingl. Hg. v. Wolfgang F. Stammler. Essen: Alcorde, 2013. Leinen, Lesebändchen, 440 Seiten. 34,– €.
Mittwoch, 20.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Eines der wichtigsten Bücher des Jahres 2013 kommt vermutlich von Daniel Kehlmann, der bereits 2005 mit „Die Vermessung der Welt“ für Furore gesorgt hat. Einfach nur „F“ heißt sein neuestes Werk.
Dieses F kann für „Fälschung“, aber auch für „Fatum“, dem lateinischen Wort für Schicksal, stehen. Denn das sind die Fragen, mit denen sich der 1975 geborene Autor befasst: Gibt es so etwas wie ein vorherbestimmtes Schicksal und welche Rolle spielt dabei der Zufall? Wie viel Fälschung steckt in uns?
„F“, das auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 steht, ist im Wesentlichen das Porträt dreier Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Martin ist ein Pfarrer, der nicht an Gott glaubt. Eigentlich interessiert er sich nur dafür, wie er seinen Rubikwürfel schnellstmöglich in die richtige Ordnung bringen kann. Vernunft steht für ihn an erster Stelle. Eric ist ein von Albträumen und schrecklichen Visionen geplagter Finanzmensch, der mit einem Bein im Gefängnis steht, weil er das Vermögen eines seiner Klienten durchgebracht hat. Und Iwan ist ein nur mäßig talentierter Maler und Kunsthändler, der schließlich doch noch einen Weg findet, reich zu werden. Er gibt seine Werke als die eines mittlerweile gestorbenen Freundes aus, für dessen Berühmtheit er selbst mit ständigen Fachartikeln sorgt.
So haben die Brüder doch etwas gemeinsam: Alle drei sind nicht das, was sie vorgeben zu sein. Sie sind Hochstapler, ihr Leben, zumindest aber ihr beruflicher Erfolg, beruht auf Fälschungen. Klar, dass Kehlmann mit diesen Figuren eine Menge Gesellschaftskritik verbindet. Gibt es heute mehr Schein als Sein?
Trotz der Bedeutungsschwere, die in diesem Buch steckt, liest es sich locker und leicht. Alle Figuren sind mit vielen interessanten Details lebensnah gezeichnet. Dazu gehört auch der Vater der drei Brüder, Arthur. Er hat in einer Hypnoseshow – und davon – erzählt anschaulich das Eingangskapitel – sein Erweckungserlebnis. Auch der Humor kommt nicht zu kurz.
„F“ wird lange auf den Bestsellerlisten bleiben, so möchte man prophezeien, und auch noch in einigen Jahren werden sich die Schüler von Deutsch-Leistungskursen darüber die Köpfe zerbrechen.
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Daniel Kehlmann: F.
Rowohlt, August 2013.
384 Seiten, gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
Samstag, 16.11.2013
Autor: JosefBordat
Georg Dietlein und Matthias Beck präsentieren zwei ganz unterschiedliche Annäherungen an den christlichen Glauben. Beide Texte sind auf ihre Art lesenswert.
Bücher über den christlichen Glauben gibt es reichlich: Theologen und Kirchenvertreter versuchen sich an allgemeinen Abhandlungen, Prominente erklären, warum, woran und wie genau sie glauben, Religionskritiker kritisieren beides. Zwei ganz unterschiedliche Arbeiten, die beide auf ihre Weise die Grundlagen des christlichen Glaubens darzulegen versuchen, sind unlängst im MM Verlag (Aachen) und im Styria Verlag (Wien) erschienen: Georg Dietleins „Glaubensbekenntnis eines jungen Christen“, das er unter den Titel Freut Euch! stellt, sowie Matthias Becks „Wege zur Fülle des Lebens“, die im Glauben zu erreichen sind, doch: Glauben – Wie geht das?
In beiden Texten geht es um das, was den christlichen Glauben ausmacht: die biblisch-theologischen Grundlagen, das Gottesbild, die sakramentalen Vollzüge religiöser Praxis und ihre Bedeutung, die ethische und soziale Dimension des Christseins. Doch die Autoren nähern sich diesen Einzelfragen unterschiedlich: Beck eher analytisch und um eine systematische Betrachtung bemüht, Dietlein in der Absicht, der allgemeinen innerkirchlichen Lethargie und der von außen auf sie einprasselnden Häme ein lebendiges, engagiertes Zeugnis aktiven Glaubens entgegenzusetzen.
So verschieden die Autoren sind – Beck ist ein arrivierter Moraltheologe und Professor an der Universität Wien, Dietlein steht erst am Anfang seiner akademischen Laufbahn, die sich gleichwohl vielversprechend anlässt! –, so verbindet sie doch ihr klares christliches Bekenntnis katholischer Prägung, mit dem sie beide den Anspruch erheben, in ihrem Gedankengang „nah bei den Menschen“ zu sein und deren ganz normale Fragen zu Gott, Glaube, Kirche und Religion in den Blick zu nehmen – ernsthaft, aber nicht steif, einfach, aber nicht banal. Dass dies gelingt, liegt an der Fähigkeit und Bereitschaft, die wissenschaftliche Expertise auf ein allgemeinverständliches Niveau herunterzubrechen (Beck) bzw. die jugendliche Begeisterung durch eine klug und kenntnisreich geführte Argumentation zu unterfüttern und dadurch nachvollziehbar zu machen (Dietlein). Damit werden die Texte nicht nur als Bestätigung für glaubensstarke Katholiken lesbar, sondern bieten auch wohlwollenden Kritikern und offenen Skeptikern die Chance zur Urteilsrevision.
Matthias Beck geht gedanklich von außen nach innen: Zunächst behandelt er allgemeine religionsphilosophische Fragen, um darauf die christlichen Antworten zu geben und zu zeigen, wie sich diese in Gestalt der Kirche sakramental manifestierten und welche Auswirkungen sie für den Einzelnen und die Gesellschaft haben. Schließlich führt er aus, wie sich das Christentum zur säkularen Welt verhält, also zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, hier insbesondere zu den Naturwissenschaften und der Medizin. Diese Diskussion zählt zu den besonderen Stärken des Autors, der in Theologie und Medizin promoviert wurde, und das entsprechende Kapitel zu den Höhepunkten des Buchs. Becks erfolgreich vertretenes Anliegen ist dabei, Glauben und Wissen nicht als sich gegenseitig ausschließende alternative Zugänge zur Welt anzusehen, sondern den jeweiligen Handlungsbereich von Religion und Wissenschaft zu identifizieren und ihre je eigene Orientierungsleistung anzuerkennen: Die eine Welt wird „mit völlig unterschiedlichen Methoden interpretiert“ – und das ist gut so, jedenfalls dann, wenn man wie Beck auf eine wissenschaftstheoretische Basis rekurriert, die den Geisteswissenschaften noch eigene Methoden zubilligt und ihnen damit zutraut, zu wertvollen Ergebnissen zu gelangen, zu der aber ebenso die Erkenntnis gehört, dass die neuzeitliche Emanzipation der Naturwissenschaften von der Theologie ein wichtiger, der Wahrheitssuche dienlicher Schritt war. Matthias Becks tiefschürfende Darstellung hebt sich durch die Vielfalt an detailliert beschriebenen Aspekten des Glaubens – theologischer, ritueller, funktionalistischer Art – und den zahlreichen inter- und transdisziplinären Bezügen wohltuend ab von anderen niedrigschwelligen Einführungen in das Christentum, die oft zugunsten der Stringenz Glaubenszweifel von innen und Anfragen von außen nicht wirklich ernst nehmen und vom Einfachen ins Banale fallen. Nicht so Beck: Bei ihm wird um der Klarheit willen nichts unzulässig vereinfacht. Es wird jedoch verständlich gemacht – ein großes Verdienst des Buchs.
Auch Georg Dietlein bohrt dicke Bretter, schreckt nicht vor schwierigen Glaubensfragen zurück, deutet Begriffe auch nicht einfach um oder depotenziert sie zu fassbaren (aber inhaltsleeren) Konzepten, sondern versucht, ihre Bedeutung kleinschrittig herauszuarbeiten. So gelingen kurze Abhandlungen über Kernelemente des Christentums, die sich auch isoliert lesen lassen, etwa das Kapitel über die Eucharistie, das auch unbequeme Wahrheiten enthält (Stichwort: Mahlgemeinschaft). Dietleins Buch ist weniger umfangreich, aber dennoch wird das Wesentliche behandelt, orientiert am Gottesbild des Christentums und den Sakramenten der Kirche. Dort, wo es in die religionsphilosophische Tiefe geht, etwa bei der Theodizeefrage, wäre der Text sicher noch ausbaufähig, doch kommt es auf historisch-systematische Lückenlosigkeit nicht an, solange klar wird, dass ein Problemaufriss nicht aus Gründen der Verlegenheit abgekürzt wird. Und diesen Vorwurf kann man Dietlein sicher nicht machen. Auch nicht den, dass er manchmal in seiner tiefen Glaubensüberzeugung, vereint mit seiner kraftvollen Art zu schreiben, forsch wirkt. Es könnte schlicht daran liegen, dass wir Kühnheit im Einsatz für die Kirche nicht mehr gewohnt sind. Georg Dietlein hat Mut, so muss man das wohl sehen. Vor allem macht er Mut – zu einem Glauben, dem konkrete Taten folgen, einem Glauben, den man selbstbewusst bekennt und lebt, ohne überheblich zu werden. Das ist das große Verdienst dieses Buchs, das dazu anregt, den apostolischen Auftrag der Kirche wieder auf sich selbst zu beziehen, um im Glauben „klarer, provokanter, anstößiger – liebevoller, demütiger, einfühlsamer – eifriger, standhafter, wahrhaftiger“ zu werden.
Beide Texte stehen dem theologischen Essay näher als der spirituellen Ratgeberliteratur – und geben doch sehr konkrete, aber unaufdringliche Hilfestellungen, wie man zur Freude des Glaubens (Dietlein) bzw. zur Fülle des Lebens (Beck) gelangen kann.
Bibliographische Daten:
Georg Dietlein: Freut Euch! Glaubensbekenntnis eines jungen Christen.
Aachen: MM (2013).
232 Seiten, € 14,80.
ISBN 978-3-942-69815-3.
Matthias Beck: Glauben – Wie geht das? Wege zur Fülle des Lebens.
Wien: Styria (2013).
264 Seiten, € 19,99.
ISBN 978-3-222-13428-9.
Josef Bordat
Freitag, 08.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Der Schreibstil T.C. Boyles hat sich verändert. Waren die ersten Romane des 1948 geborenen amerikanischen Autors wie „Wassermusik“ oder „Grün ist die Hoffnung“ Anfang der 80er-Jahre noch geprägt von skurrilen Figuren sowie unglaublich witzigen Einfällen und Formulierungen, erzählt er seine Geschichten heute eher auf eine ernstere, seriösere Weise – wie in seinem neuesten Roman „San Miguel“.
Gegen diesen Wandel ist im Grunde nichts einzuwenden, und doch geht man als alter Boyle-Fan möglicherweise mit einer falschen Erwartungshaltung an seine Bücher von heute heran. Eines ist jedoch geblieben: Boyle verwendet für seine Romane oft historische Vorbilder. In „San Miguel“ sind es drei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf der ansonsten unbewohnten kalifornischen Insel San Miguel gelebt haben: Den Anfang macht die schwindsüchtige Marantha, die 1888 mit ihrem herrschsüchtigen Mann Will, der dort von der Wolle von 4000 Schafen leben will, auf die Insel kommt. Die gute Luft, so glaubt er, werde sie heilen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Marantha geht es immer schlechter, und sie erträgt die raue Situation auf der Insel nur äußerst schlecht.
Der zweite Teil widmet sich der Adoptivtochter des Paares, Edith. Weil sie noch nicht volljährig ist, zwingt Will sie nach Maranthas Tod, ebenfalls mit ihm auf der Insel zu leben. Doch sie setzt sich mit allen Mitteln zur Wehr und plant die Flucht. Erst Elise, die viele Jahre später mit ihrem Mann auf die immer noch unwirtliche Insel zieht, scheint dort ihr Glück zu finden …
Das Buch leidet ein wenig darunter, dass bereits im Klappentext sehr viel von der Handlung vorweggenommen wird. Zwar bleibt es so immer noch lesenswert für historisch oder an besonderen Frauenschicksalen interessierte Leser, allerdings fehlt die Spannung weitgehend. „San Miguel“ ist ein stilsicher geschriebener Roman, dessen Erzählstrom stetig und ruhig dahinfließt, ohne die ganz großen Höhepunkte zu bieten. Man ist niemals versucht, ihn beiseitezulegen, aber manchmal wünscht man sich denn doch die alte Boylesche Fabulierlust zurück.
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T.C. Boyle: San Miguel.
Hanser, August 2013.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.
Donnerstag, 07.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Clemens Meyers in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Rotlichtroman „Im Stein“ bietet Licht und Schatten.
Zum einen kann man dem Klappentext getrost zustimmen: Der 1977 geborene Autor entwickelt eine fast zärtliche Nähe zu seinen Figuren, die sich auf den Leser überträgt. Das Buch ist intensiv, schonungslos und berstend vor Kraft. Es wirkt so, als wisse Meyer ganz genau, worüber er schreibt.
Andererseits bedient er sich der literarischen Technik „stream of consciousness“ – das heißt, er lässt die Figuren das denken, was ihnen gerade so einfällt. Umgangssprachlich ausgedrückt: Sie kommen von „Höcksken auf Stöcksken“. Und das ist auf Dauer anstrengend für den Leser. Man weiß oft nicht, in welchem Jahr man sich gerade befindet, denn der Roman springt wild durch Zeiten und Ereignisse. Manche Kapitel sind so verwirrend aufgebaut, dass man oft nicht weiß, um wen es eigentlich gerade geht. Und dann können 558 eng bedruckte Seiten auch schnell zu einem schweren Klotz auf dem Nachttisch werden, den man nur ungern wieder aufnimmt.
Eine Handlung gibt es kaum. Meyer lässt stattdessen verschiedene Figuren aus der Branche zu Wort kommen oder beschreibt Begegnungen zwischen ihnen. Natürlich finden sich unter ihnen viele Prostituierte, die offen darüber berichten, was sie mit ihren Freiern veranstalten, aber auch, welche Träume sie haben. Weitere Figuren sind, um nur einige zu nennen, ein Zuhälter, der stilecht im Corvette durch die Gegend fährt, oder auch Geschäftsleute, die Wohnungen auf der Basis von Tagesmieten an Prostituierte vermieten und ganz nebenbei problemlos Goethe zitieren können. Sogar ein Mord plus ermittelndem Kommissar kommt vor. Doch der spielt lediglich eine untergeordnete Rolle.
Am Ende der Lektüre möchte man vor diesem Clemens Meyer, der bereits mit seinem Erstling „Als wir träumten“ 2006 für Furore sorgte, den Hut ziehen, aber man ist ehrlich gesagt auch ganz froh, dass es zu Ende ist und man sich wieder leichteren Werken zuwenden kann.
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Clemens Meyer: Im Stein.
S. Fischer, August 2013.
560 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Montag, 04.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Brasilien war im Oktober Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deshalb erscheinen in Deutschland in diesem Jahr einige Bücher von Autoren aus dem südamerikanischen Land.
Michel Laub, geboren 1973, ist einer von ihnen – und er gehört sogar zu den wichtigsten seines Landes. In seinem kurzen Roman „Tagebuch eines Sturzes“ greift er Themen wie Schuld und Vergeben sowie die eigene Schuldfähigkeit auf.
Der jüdische Großvater des Erzählers ist Auschwitz-Überlebender, der Exil in Brasilien gefunden hat. Über die Details seiner Leidenszeit in Deutschland sowie die genauen Hintergründe seiner Auswanderung hat er sich stets ausgeschwiegen. Und doch verbringt er die letzten Jahre seines Lebens ausschließlich in seinem Arbeitszimmer, um dort eine Art Tagebuch zu schreiben. Doch auch dort verschweigt er Auschwitz und den Tod seiner gesamten Verwandtschaft. Sein „Tagebuch“ besteht stattdessen nur aus positiven, idealisierten Eindrücken nach dem Motto „So schön könnte die Welt sein“.
Kann man die Schrullen des alten Mannes, der am Ende wie viele KZ-Überlebende Selbstmord verübt, ausschließlich auf Auschwitz schieben? Oder trägt er auch eine eigene Verantwortung für sein Handeln, unter dem die Familie leidet?
Schuld hat auch der Ich-Erzähler selbst auf sich geladen. Als Schüler in einer jüdischen Schule war er daran beteiligt, dass ein nicht jüdischer Mitschüler an seinem Geburtstag beim Hochleben lassen von den Mitschüler nicht wieder aufgefangen wurde. Er prallte auf den Boden, wobei er schwer verletzt wurde. Lassen sich die spätere Bindungsunfähigkeit des Erzählers und sein Alkoholismus auf dieses traumatische Erlebnis zurückführen, unter dem er lange gelitten hat?
„Tagebuch eines Sturzes“ ist weniger ein Roman, der eine bestimmte Handlung erzählt. Vielmehr ist Laub an den oben genannten philosophischen Fragestellungen interessiert. Das trägt sich über 176 Seiten, allerdings dürfte das Buch auch nicht viel dicker sein.
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Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes.
Klett-Cotta, August 2013.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Freitag, 01.11.2013
Autor: Andreas Schröter
Über das Leben seiner schwerreichen jüdischen Familie vom Ende des 19. Jahrhunderts in Wien bis in die Gegenwart im australischen Exil erzählt Tim Bonyhady in seinem Buch „Wohllebengasse“.
Die Familie Gallia, die mit der Herstellung von Glühstrümpfen – das sind gasbetriebene Lampen – reich geworden ist, lebt zur Zeit der Jahrhundertwende mit vielen Bediensteten in einer 700 Quadratmeter großen Wohnung in der Wohllebengasse in Wien. Moriz und Hermine Gallia, die Urgroßeltern des Autors, lieben es, sich mit Kunst und Kultur zu umgeben. Sie gehen regelmäßig ins Theater und in die Oper, kaufen teure Bilder und lassen sich die Möbel und Einrichtungsgegenstände für ihre Wohnung von dem bekannten Fin-de-Siécle-Architekten Josef Hoffmann maßschneidern.
Besonders dieser erste Teil, in dem der Autor die bisweilen herrschsüchtige Familienmatrone Hermine in den Vordergrund stellt, ist für kunsthistorisch interessierte Leser ein Genuss, kommen die Gallias doch regelmäßig mit auch heute noch bekannten Kulturgrößen aus dieser Zeit wie Gustav Mahler, Carl Moll, Egon Schiele oder Gustav Klimt zusammen, der Hermine porträtiert. Dieses Bild hängt heute in der National Gallery in London. Auch die berüchtigte Alma Mahler, die allen Männern ihrer Zeit den Kopf verdreht hat, geht bei den Gallias ein und aus. Die Familie fördert die Wiener Werkstätte, einer Produktionsgemeinschaft bildender Künstler, und die Künstlervereinigung Wiener Secession.
Der zweite und dritte Teil des Buches, in denen Hermines Tochter Gretl und ihre Enkelin Annelore im Vordergrund stehen, erzählen die Flucht mitsamt riesigem Kunstschatz vor den Nazis nach Australien und den Umgang der Nachkommen, zu denen auch Hermines Urenkel, Autor Tim Bonyhady selbst zählt, mit dem Erbe und den Erinnerungen an das Vorkriegs-Wien.
Der Leser erfährt etwas über den Charakter der Familienmitglieder und ihre Beziehungen zueinander sowie über das Leben jüdischer Emigranten im Exil, und doch hat „Wohllebengasse“ ein großes Manko: Es ist bei Weitem zu detailliert. Der Autor verfällt immer wieder in abschnittlange Aufzählungen über Speisenfolgen, Theaterspielpläne oder die Kunstgegenstände, die sich in den verschiedenen Wohnungen befinden. Für Bonyhady und seine Familie mag das als Erinnerungsarbeit ja wichtig sein, den unbeteiligten Leser langweilt und nervt es sogar auf die Dauer.
Und doch bleibt „Wohllebengasse“, das auch mit zahlreichen Familienfotos bestückt ist, lesenswert. Um ein Drittel gekürzt wäre es perfekt.
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Tim Bonyhady: Wohllebengasse: Die Geschichte meiner Wiener Familie.
Zsolnay, August 2013.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,90 Euro.
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