Mittwoch, 15.11.2017
Autor: Andreas Schröter
Joachim Meyerhoff hat ein ganz besonderes Problem: Er muss aufpassen, dass seine drei Freundinnen niemals voneinander erfahren.
Eifrige Dortmunder Theatergänger der früheren 90er-Jahre dürften Joachim Meyerhoff kennen. Er gehörte damals zum Ensemble des Dortmunder Schauspiels. Und von genau dieser Zeit handelt sein neuer Roman „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“. Der Ich-Erzähler in diesem Buch, der genauso heißt wie der Autor selbst, liebt die intellektuelle, aber anstrengende Hanna in Bielefeld. Als er jedoch von dort weggeht und einen Vertrag in Dortmund unterschreibt, verliebt
er sich genauso schnell in die rassige Tänzerin Franka. Sie ist das genaue Gegenteil von Hanna: Franka sieht atemberaubend gut aus, will Sex und die Nächte durchfeiern.
Und dann gibt es noch die mollige Bäckersfrau Iris, die den ob des Stresses immer dürrer werdenden Joachim liebevoll an ihren riesigen Busen drückt.
Man könnte nach dieser Kurzbeschreibung denken, „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ sei ein klamaukiges und oberflächliches Beziehungskistenbuch. Ist es aber nicht. Die Dialoge sind stimmig, die Charaktere psychologisch genau ausgearbeitet und glaubhaft.
Außerdem geht es nicht nur um Meyerhoffs Probleme mit den Frauen. Man erfährt auch einiges aus dem Innenleben des Theaterbetriebs, liest von unfähigen Regisseuren, Fehlbesetzungen und langweiligen Stücken. Der Ich-Erzähler möchte nicht zum tausendsten Mal Schillers Räuber spielen, sondern lieber bei einem radikaleren Theater mitmachen. Allerdings hat er Schwierigkeiten, seine Mitschauspieler davon zu überzeugen. Dazu gibt‘s einige Rückblicke aus dem frühreren Leben des Erzählers.
Ärgerlich, aber verschmerzbar sind ein paar kleine Fehler. Mit dem Dortmunder Stadtteil „Hörne“ dürfte Hörde gemeint sein, und „Dortmund-Herdecke“ gibt es schlicht nicht. Insgesamt trotzdem ein gutes Buch.
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Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Kiwi, November 2017
352 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro
Montag, 13.11.2017
Autor: rwmoos
Rimini
Vermehrung als Ersatz für Lebenssinn
Ein Hörbuch ist etwas völlig anderes als ein Buch. Die Rezension hat bei Ersterem deutlich umfangreicher auszufallen. Hat man beim Buch sich nur um den Inhalt zu kümmern, sind hier auch Vortrag und Technik zu beachten. Um der Eigenart eines Hörbuches gerecht zu werden, kehre ich die sonst übliche Vorgehensweise um, und repliziere zunächst auf die Technik, dann auf den Vortrag und erst zuguterletzt auf den Inhalt.
Bei diesem Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen, Maren Kroymann, Heike Makatsch und Lars Eidingen (in gegenläufig alphabetischer Reihenfolge) gab es zunächst nämlich ein technisches Problem: Der Player meines Wagens weigerte sich, die MP3-Version zu erkennen. Freundlicherweise bot mir meine Frau ihren Wagen an, aber auch bei ihrer Version spuckte das Autoradio die Scheibe bei vier von fünf Versuchen wieder aus. Auf meinem Rechner schließlich lief das Produkt problemlos, allerdings nur im Ubuntu-Modus. Spaßeshalber probierte ich es auch mal mit dem Windows-Betriebssystem (#8). Ohne Einsatz von Entschlüsselungssoftware: Fehlanzeige. Natürlich verstehe ich das Anliegen der Medienindustrie, die eigenen Produkte vor Raubkopierern zu schützten, aber erstens gibt es schon wenige Tage nach Marktreife einer neuen Verschlüsselungssoftware die entsprechende Gegenversion (wahrscheinlich von selben Entwickler auf den Schwarzmarkt gebracht) und zweitens machen das ältere Geräte eben einfach nicht mehr mit.
Interessant: Bei der zweiten Scheibe des Hörbuchs, streckte auch mein CD-Laufwerk in der Ubuntu-Version die Waffen und erst der Einsatz eines hochwertigen externen Samsung-Laufwerks konnte „Rimini“ CD2 dann auch lesen. Da ich eine längere Osteuropa-Tour vor mir hatte, probierte ich es dann noch mit der Autoradio-Version des völlig ungepflegten VW Passats meines Kompagnons. Baujahr 2002. Das war damals, als VW noch saubere Diesel bauen konnte. Der Kompagnon hatte ein neues Gerät eingebaut und das fraß die Scheibe auch. Eine Empfehlung an den Hersteller: Liefern Sie doch künftig mit den CDs gleich das passende Auto dazu!
Oder lasst den Blödsinn mit der Verschlüsselung ganz. Dinge, die mir gefallen, kaufe ich ohnehin im Original, auch wenn ich sie in einer kopierten Version kennen gelernt habe. Das hat was mit Loyalität gegenüber dem Künstler und mit Sammelleidenschaft zu tun und weniger mit den völlig lächerlichen Raubkopier-Hinweisen, aber dazu müssten die Produkt-Verschleuderer wissen, wie Menschen ticken – und da fehlt es offenbar an Empathie, die über die Testgröße 1, nämlich den eigenen verdorbenen Charakter, hinausgeht.
So, das musste mal raus.
Die zweite Replik sei der Vortragstechnik gewidmet: Es hat eine gewisse Originalität, eine nicht dramatisierte Erzählung von verschiedenen Stimmen vorlesen zu lassen. Diese Grundidee gefällt. Der Regisseur versucht dabei, die eingesetzte Erzählerstimme möglichst dann wechseln zu lassen, wenn auch die Handlungsperspektive mit dem Protagonisten wechselt.
Da es in erster Linie um eine Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn geht, und die Partner der Letzteren eine fast ausschließlich passive Rolle spielen, empfahl sich bei dieser Herangehensweise der Einsatz von vier Erzählern. Nun gibt es aber zahlreiche Dialogstellen mit wörtlicher Rede. Da aber werden alle Sprecher vom jeweiligen Abschnitts-Erzähler gelesen und das birgt als Ganzes gewisse Schwierigkeiten und Brüche, die ein wenig stören. Andererseits bieten sich gerade dadurch auch Chancen: Die besten Vorlese-Stellen nämlich finden sich genau da, wo Heike Makatsch (eigentlich den Part der „Mascha“ sprechend) die wörtliche Rede des Vaters Alexander intoniert. Da habe ich wirklich einfach nur gern zugehört: Die Person des Vaters gewinnt in Makatschs Auslegung an Farbe und man fängt an, den alten Muffel richtig lieb zu gewinnen.
Leider merkt man dem Werk an, dass die Erzählstimmen einzeln eingelesen wurden – das Fehlen der Interaktion der eigentlich geübten Schauspieler macht sich negativ bemerkbar. Normalerweise geht beim Vorleser-Wechsel der neu Einsetzende automatisch in Stimmlage und Sound auf seinen Vorredner ein, egal ob sympathisch oder antagonistisch. Man kann das sogar bei Talkshows und völlig gegenpoligen Gästen beobachten. Erst im Laufe einer längeren Tonpassage „rutscht“ der Sprecher in seinen angestammten Sound. Genau das passiert hier aber häufig nicht.
Organisatorisch ist das bei viel beschäftigten Schauspielern sicher verständlich. Künstlerisch aber nicht zu entschuldigen.
Nun zum von Sonja Heiss verfassten Inhalt des Ganzen.
Eigentlich höre ich Hörbücher bei meinen langen Autofahrten recht gern. Hier scheidet sich die Spreu vom Weizen. Und auch, wenn ich aufgrund einer guten Kinderstube die Spreu nicht einfach durchs Autofenster entsorge, so verbröselt sie sich doch bald zwischen Keksschachteln und Kaffeebechern im Fußbodenraum besagten VW Passats, dem „Sumpf“ wie Motor- und Generatorspezialisten diese Regionen zu nennen pflegen.
Wenn ich jedoch die Verpflichtung übernehme, eine Rezension abzufassen, so quäle ich mich auch durch die Werke, die ein Kreuzzugsgelübde gegen das anspruchsvolle Gemüt abgelegt haben, und so blieb „Rimini“ vom Ableben im Sumpf verschont.
Das hat sich zugegebenermaßen im Nachhinein gelohnt, denn erst als ich zwei Drittel dieses unsäglichen Albtraums vom uninteressanten Innenleben beziehungsgestörter Deutscher, die wahlweise hipp oder bodenständig zu sein vorgeben, hinter mich gebracht hatte, bemerkte ich, dass die Autorin eigentlich in nahezu avantgardistischer Manier gerade die neuesten Forschungsergebnisse über Depressionen in Literatur verarbeitet hat.
Den Schlüssel nämlich zu dieser Auto-Audiotüre lieferte mir die im gleichen Zeitraum stattfindende Klo-Lektüre der zweiten Auflage des Glanzmagazin # 2/2015 von „Gehirn&Geist“. Demnach ist die Definition von Depression sowohl nach ICD-10 als auch nach DSM-5 vom Ansatz her ungenügend, weil sie nicht genderspezifisch ausdifferenziert. Anders gesagt: Männer und Frauen prägen die Krankheit unterschiedlich aus. Während sie bei Männern zu Gewaltausbrüchen führen kann (Typ Soprano), sind es eher Frauen, die das bislang gängige Verständnis von Depression prägten, dass man als Normalbürger so auf dem Schirm hat. Insofern wundert es nicht, dass die Thematik im Buch selbst aufscheint, als Tochter Mascha in den Telefonaten mit ihrem Vater dessen Frau wegen deren wochenlangen Schlafattacken eine zu behandelnde Depression bescheinigt. Ohne allerdings zu erkennen, dass sie, Mascha, selbst unter einer solchen leidet, was angesichts eines depressiven und selbstmordgefährdeten Vaters, der sich nach dem Ende seiner beruflichen Laufbahn Selbstmitleid als neuem Hobby verschrieben hat, und besagter Mutter ja auch wirklich kein Wunder ist.
Weitere depressive Varianten werden durch den Sohn, der sich typischerweise in seine Therapeutin verliebt, die außer der „Spiegeltechnik“ wohl auch nichts aus ihrer Studienzeit gelernt hat, und dessen maroden Umfeld vorgestellt.
Welche Lösung die Mascha aus ihren wie Perlen aneinandergereihten Lebenskrisen findet, entnehme der geneigte Leser aus meinem Untertitel.
Fachspezifisch also durchaus eine Illustration zu einigen interessanten Thesen.
Unterhaltungstechnisch so gähnens- wie vergessenswert.
Außer natürlich für Leute, die genau so ticken wie die Protagonisten und ihren kleinen Horizont für so etwas wie das Universum halten. Denen wird „Rimini“ gefallen.
Tüchersfeld, den 28.10.2017
Reinhard W. Moosdorf
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Montag, 13.11.2017
Autor: rwmoos
Todesstunde
Ob man wirklich noch als Vaterfigur durchgeht, wenn man in der Regel erst spätnachts vom Dienst kommt und teilweise schon vor Sonnenaufgang zu selbigen aufbricht? Und das noch in einem Urlaub, der so eigentlich nicht mal ansatzweise diesen Namen verdient?
Detektiv Bennet, der Hauptfigur in Pattersons Roman, bleibt aber leider nichts anderes übrig, denn neben seiner Familien-Keimzelle ist er in seiner Funktion auch für einen größeren Teil der Gesellschaft verantwortlich. Schließlich wird New York gerade von einem irren Serienkiller in Atem gehalten, der keinem der bisher üblichen Schemen entspricht.
Während also die zehn Kinder des Detektivs, die er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau zusammengesammelt hat, eigentlich nur noch von seinem durchgeknallten Großvater sowie dem gleichermaßen tüchtigen wie gut aussehenden Kindermädchen betreut werden, und sich diese bunte Schar so hauptsächlich selbst zusammenhält, kommt der Detektiv kaum zu Atem, zudem ihm derselbe noch von einer ebenfalls berückenden FBI-Kollegin verknappt wird.
Eine herrlich vertrackte, spannende und auch ein bisschen humorvolle Geschichte, die ihrem Autor fast alle Ehre einträgt, die ich als Rezensent zu vergeben habe. Nur ein wenig mehr Tiefgang hätte nicht wirklich geschadet – aber man sollte ja nun wirklich nicht alles haben wollen.
Emanuel Zimmermann und Markus Klauk lesen wundervoll. Die Abstimmung der einzelnen Passagen könnte noch etwas harmonischer sein, sowohl was die Lautstärke als auch was die „Ballübergabe“ betrifft.
Und derjenige, der sich die völlig willkürliche Setzung der Tracks ausgedacht hat, sollte aus dem Team in hohen Bogen rausgeworfen werden und erst mal zwei Wochen CDs putzen, eher er wieder ans Mischpult gelassen wird.
Pottenstein, den 27.10.2017
Reinhard W. Moosdorf
Tags: Nerw York
Kommentare deaktiviert für James Patterson: Todesstunde. HörbuchMontag, 13.11.2017
Autor: rwmoos
Die Augen des Strafrechts: "Wir sollten nicht danach streben unsere Vernunft zu vervollkommnen, sondern mit unserer Vernunft eine vollkommenere Welt zu schaffen." Jun-Hyung Park
Denkanstoß vs. Angestoßenes Denken
Dass sich ein koreanischer Polizeibeamter Gedanken zum Strafrecht macht, klingt erst einmal interessant. Rechtsphilosophische Betrachtungen, die die Hintergründe unterschiedlicher Denksysteme aufnehmen? Ich mache mich auf eine schwere, aber interessante Lektüre gefasst.
Das Ergebnis: Zunächst etwas enttäuschend. In einer unklar verschwurbelten Sprache, die natürlich auch einer schwierigen Übersetzung geschuldet sein mag, legt der Autor seinen Grundgedanken (ja – es ist genau ein einziger) im Stil eines Erweckungspredigers dar: Die Sätze werden, gelegentlich leicht abgeändert, einfach so oft wiederholt, bis der Gehirnmuskel kapituliert, und das Gesagte, wenngleich bar höheren Inhalts, gläubig wiederkäut.
Nach dreißig Blättern hat der Autor dann auch das letzte Pulver verschossen. Die restlichen Seiten, immerhin noch reichlich hundertzehn, sind einfach mit dem deutschen StGB bepflastert. Zu Letzterem eine Rezension zu verfassen, fühle ich mich nicht berufen.
Dabei ist jener einzige Gedanke Parks durchaus von einiger Brisanz: Er registriert, dass zumindest im abendländischen Strafrecht nach der Ablöse des göttlichen Prinzips als Quelle allen Rechts im Zuge der Aufklärung die Vernunft diesen Platz eingenommen hat. Genau darin liegt nunmehr das Problem: Die Vernunft wird als quasi auf göttlichem Platz stehend gehändelt. Damit wird verwischt, dass in Wahrheit Menschen über Menschen urteilen. Einschlägigen Fachzeitschriften entnehme ich, dass z.B. Richter, die Hunger haben, strenger urteilen. Oder sich vom geforderten Strafmaß der Staatsanwaltschaft beeinflussen lassen.
Damit das Strafrecht seiner Sache gerechter werde, müsste solchen Tatsachen mehr Augenmerk geschenkt werden.
Ein Gedanke, den sich zumindest jeder Richter hin und wieder zu Herzen nehmen sollte.
Wie das denn nun aber gehen soll – dafür bleibt Park die Antwort schuldig. Seine „Fallbeispiele“ sind tollpatschig, oder zumindest tollpatschig formuliert. Mit der Ausflucht, eine „menschliche“ Beurteilung würde weniger die Strafbarkeit der Tat an sich als das Strafmaß betreffen, zieht er sich dann auch bald schon wieder halb vom eingangs groß angelegten Kampfplatz zurück.
Eines dieser „Fallbeispiele“ betrifft den Rechtsbegriff des Vorsatzes. Weil kein Mensch in einen anderen hineinsehen kann, wäre der Begriff „Vorsatz“ bei einem „menschlichen“ Strafrecht überflüssig. Nur ein Strafrecht, dass sich quasi mit göttlichen Augen anmaßt, in den Täter hineinsehen zu können, könne über den Vorsatz befinden.
Das ist natürlich richtig. Entlastet aber keinen Richter von seiner Verantwortung, genau das dennoch zu prüfen. Das Vorliegen eines Vorsatzes kann sicher nie hundertprozentig beurteilt werden, macht aber nicht nur bei der Zumessung des Strafmaßes, sondern schon bei der Frage nach der Gewichtung der inkriminierten Tat als solcher gelegentlich den entscheidenden Unterschied aus. Die Rechtsprechung strotzt von Beispielen, so dass hier keines lediglich aus Spaß an der Rechtswissenschaft (wie der Autor den Juristen bei Rechtsfragen-Erörterungen unterstellt) konstruiert zu werden braucht.
Um dem Anliegen von Park gerecht zu werden – und den Impuls dazu kann man tatsächlich aus dem Büchlein mitnehmen – wären Untersuchungen der soziologischen Evolution, speziell auch der juristischen Komponenten, notwendig. Mit dem Anspruch, ein universell gültiges Strafrecht zu umreißen, hätten diese Untersuchungen ein interessantes Ziel und auch einen einschränkenden Rahmen. Das wäre aber eine Kärrnerarbeit für ein engagiertes Team erfahrener Wissenschaftler aus unterschiedlichen Richtungen und nicht mit ein paar monotonen Predigten zu erledigen.
Für die Anregung dazu jedoch schuldet man dem Autor Dank.
Tüchersfeld, den 25.10.2017
Reinhard W. Moosdorf
Tags: Belletristik, Jura, Strafrecht
Kommentare deaktiviert für Jun-Hyung Park: Die Augen des Strafrechts. Denkanstöße für unser RechtssystemMontag, 13.11.2017
Autor: rwmoos
Albtraum Jakobsweg: Mord auf der Via Podiensis
Pilgerfahrt mit Baguette
Jakobsweg: Klappe, die zweite.
Um es kurz zusammenzufassen: Wieder ist dem Autor ein zügig zu lesendes und auch recht spannendes Buch gelungen. Es lebt von seinen nahezu großzügigen Grundideen, feiert seine Gipfel in der Ortskenntnis und geografischer Detailarbeit, schwächelt aber an den noch unterentwickelten, auch in sich unstimmigen Persönlichkeiten.
Da fühlt sich eine der Hauptpersonen mal ständig fremdbestimmt, bellt aber andererseits Anweisungen die weder von einer Autorität der Person noch von einer solchen des Amtes gedeckt wären, stets freizügig heraus. Solche Sachen halt.
Dass Kirchenfürsten einschüchternd brüllen, wenn sie etwas erreichen wollen, kommt auch eher selten vor. Dort herrscht in solchen Fällen ein ganz anderer Ton: Jener der betont sachbezogenen Freundlichkeit, getrieben von der Sorge um das Wohl des Gegenübers. Wer in den Ämtern so hoch gespült wird, beherrscht diese Schlangenbisse aus dem Effeff, ist aber proletarisch lautem Geheule völlig abgeneigt. Nicht dass er diese Sprache nicht sprechen wolle – er kann sie einfach nicht, weil er die grundlegenden Vokabeln, geschweige denn die Antigrammatik gar nicht beherrscht.
Genauso wenig ermorden bösartige Nonnen (die es ja durchaus wirklich gibt) ihre Untergebenen. Die brauchen sie ja, um ihrem Wesen gerecht werden zu können, lebend. Da begegnet man der Omega-Nonne auf dem Flur viel lieber mit kryptischen Floskeln wie: „Gelt Walpurga: Die Rache ist mein!, spricht der Herr! Denk‘ immer dran und behalte die Heilige Jungfrau im Herzen!“, statt zu Hildegard’schen Tinkturen zu greifen.
Egal: Bei einem Krimi darf es auch atypisch bunt zugehen, was die Wahl der Mittel angeht. Gleichwohl stimmen stimmige Stimmen, Handlungsstränge und Charaktere den Leser milder.
Spielt doch die Glaubwürdigkeit der Handlung bei den meisten Krimis die Rolle des ersten Opfers und ist auch hier nicht wirklich zu bemängeln, solange die Spannung aufrecht erhalten wird. Und da macht sich der zweite Teil von „Albtraum Jakobsweg“ recht gut. Auch der Erzählstil gewinnt an Fahrt und so ab der zweiten Hälfte dieses zweiten Bandes bemerkt man sogar eine flüssige Schreibweise, die deutlich an Harmonie und Fahrt gewinnt.
Leider holpert auch der zweite Teil immer mal noch über die Tücken der Sprache. Welcher Lektor übersieht denn auf den ersten drei Seiten gleich zweimal, dass „was“ als Relativpronomen selten taugt, sondern von Haus aus ein Fragepartikel ist?
Auch dürfte die Entscheidung, dass man indirekte Rede in Anführungszeichen setzen möchte, während man bei direkter gelegentlich darauf verzichtet, mit unkonventioneller Methodik nur unzureichend begründet sein.
Aber der Grund, weshalb ich bekenne, das Buch recht gern gelesen zu haben, ist weder vom Inhalt noch vom Stil her begründet, sondern hat eine Meta-Ursache: Man merkt beim Lesen, dass dem Autor seine Arbeit Spaß macht und ist deshalb gern gewillt, über die hier angeschnittenen Mängel hinwegzusehen. Hier schreibt keiner, der mit seinen Texten hofft, das große Geld zu verdienen, sondern jemand, der sich eine Story ausgedacht hat, und seine Figuren einfach mal auf den Weg schickt.
Insofern ist das Buch selbst ein Jakobsweg. Hoffen wir, dass zumindest der harte Kern irgendwann auch gut ankommt. Wenn nicht in Santiago, dann halt anderswo.
Tüchersfeld, den 25.10.2017
Tags: Belletristik, Belletristik: Krimi, Jakobsweg
Kommentare deaktiviert für Herbert Noack: Albtraum Jakobsweg. Mord auf der Via PodiensisDienstag, 07.11.2017
Autor: Andreas Schröter
Der in Frankreich lebende Autor Thomas Reverdy widmet sich in seinem Roman „Es war einmal eine Stadt“ dem sterbenden Detroit – und verknüpft dabei mehrere Genres miteinander. Eugène, Mitarbeiter einer Autofirma, wird in die ehemalige Autostadt schlechthin versetzt: Detroit. Doch der Lack ist allerspätestens seit der großen Finanzkrise im Jahre 2008 ab. Die ehemals als „Motown“ bezeichnete Stadt ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die arbeitslosen Menschen ziehen weg und ganze Fabrikhallen stehen leer. Das einzige, was hier noch floriert, ist die steigende Kriminalitätsrate.
Reverdy, der für diesen Roman den begehrten Buchhandelspreis in Frankreich erhalten hat, erzählt seine Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven verschiedener Bewohner der Stadt. Neben Eugène, der ein Auge auf die hübsche Kellnerin Candice geworfen hat, sind das noch der Schüler Charlie, der in die Fänge einer kriminellen Jugendbande gerät, oder der Polizist Lieutenant Brown, der mit seiner mangelhaften Ausrüstung und ganz allgemein gegen den Frust in seiner Stadt zu kämpfen hat.
„Es war einmal eine Stadt“ kommt etwas schwer in die Gänge, und es fällt zunächst schwer, sich in die Figuren hineinzuversetzen. Das Geschehen wirkt seltsam distanziert. Doch der Roman – und das ist selten – steigert sich deutlich – auch weil Thomas Reverdy ein immer stärker werdendes Thriller-Element in seine Handlung einbaut, sodass der Text zum Ende hin nicht nur deutlich spannender wird, sondern auch gleich mehrere Genres miteinander verknüpft: sozialkritisches Drama und Thriller.
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Thomas Reverdy: Es war einmal eine Stadt.
Berlin Verlag, Otkober 2017.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Mittwoch, 01.11.2017
Autor: Christiane Geldmacher
Es ist ein interessanter Ansatz: Question Thinking (QT) soll dazu führen, dass man das eigene Denken beobachtet und infrage stellt. Nicht reflexhaft reagieren, sondern nachdenken. Das, so Marilee Adams, führe zu „klügeren Entscheidungen und produktiveren Ergebnissen“. Und ja: Würden wir uns das nicht auf so vielen Ebenen wünschen? „Question thinking“ lehre auch, die besseren Fragen zu stellen. Das möchte man so vielen Fernsehjournalisten ins Gästebuch schreiben, die groteske Statements von Politikern unhinterfragt lassen, nur weil sie sich auf das Ablesen der nächsten Frage anstatt aufs Zuhören konzentrieren.
Der Ansatz ist also erstmal erfrischend und man liest gespannt ins Buch hinein. Es wird jedoch rasch etwas zäh, weil das Buch dann doch vielleicht etwas zu amerikanisch für das deutsche Publikum ist. Denn die Autorin erzählt in Anekdoten, wie sich im Berufsleben die Einstellung ändern kann. Da ist sehr viel von „Ben war nicht glücklich mit …“, „Joseph zufolge …“, „Grace hakte nach …“, „Charles schüttelte den Kopf …“ und „sagte ich zögernd“ die Rede. „Sagte ich zögernd“ beschreibt den langsamen Erkenntnisprozess des zählerischen Ichs, und kommt deswegen ziemlich oft vor.
Im Grunde läuft dann alles auf die „12 Tools des Question Thinking“ heraus, zu denen unter anderem „Den inneren Beobachter stärken“, „Die Kraft der Fragen stärken“ und „Von Umschaltfragen profitieren“ zählen. Das liest sich wie eine Art Arbeitspsychologie für Anfänger. Alles ist richtig, alles ist gut. Für diejenigen, die es noch nicht wissen, bringt das Buch etwas. Auch wenn man sich fragt, wie weit unten die Messlatte liegen kann, damit diese Art von Ratschlägen einen Erkenntnis- und Handlungsmehrwert besitzen. Und dennoch: Wenn man sich zum Beispiel die Unternehmens-, aber auch die Weltpoltik so anschaut – in der Tat liegt die Messlatte in sehr vielen Fällen noch so erschreckend weit unten.
Also alle von „Antworten“ auf „Fragen“ umschalten. Den anderen aufmerksamer begegnen. Sich selbst von außen wahrnehmen. Gedanken und Gefühle loslösen. Übungen dazu gibt’s auch. Wie das Telefon mal bewusst nicht abheben. Wie gesagt, die Messlatte liegt nicht besonders hoch.
Marilee Adams, Question Thinking: Die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Lemke.
dtv premium. Mai 2017, 224 Seiten.
EUR 15,90 € [DE], EUR 16,40 € [A]
ISBN 978-3-423-26154-8
Tags: Marilee Adams, Question Thinking
Kommentare deaktiviert für Marilee Adams: Question ThinkingMontag, 30.10.2017
Autor: oliverg
Sonntag, 29.10.2017
Autor: Immo Sennewald
Wir sind immer gern am Bodensee – wir mögen Landschaft und Leute. Bei unseren Besuchen hat uns der Konstanzer Südverlag mehrfach mit interessanten Büchern zum Entdecken angeregt.
Kürzlich erschien dort als Katalog zu einer Ausstellung ein Bildband, der das Lesen und Anschauen besonders lohnt. Ausgerechnet ein Sachse und ein Preuße kommen darin mehrfach zu Wort, um Besonderheiten der Schweizer in Appenzell zu beschreiben. Sie lebten Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich die Region um den Alpstein, in den Appenzeller Halbkantonen Innerroden und Außerroden und im Toggenburg wirtschaftlich und politisch wandelte. Die Textilproduktion wuchs auf, Bauern kamen durch Viehhandel und Milchprodukte zu Wohlstand, über ihren Stalltüren brachten sie „Sennenstreifen“ an. Es sind Tafelbilder, die stolz und zahlengenau den Viehbestand darstellten.
„Die Kuh im Appenzellerland“, vermerkt dazu der preußische Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel, „genießt mehr der Achtung und befindet sich glücklicher als Millionen Menschen Europas.“ Und in tiefem Respekt für den Freiheitssinn der Appenzeller, den er in der bis heute gepflegten demokratischen Landsgemeinde verkörpert sah, fügte er hinzu, das ganze Benehmen der Appenzeller drücke Selbstgefühl und innere Kraft aus. Den zugewanderten Sachsen Heinrich Tschokke wunderte, wie vertraut Amtspersonen und Volk miteinander umgingen: Der Landamman, höchste Magistratsperson, müsse sich gefallen lassen, wenn er vom geringsten Bauern dieselbe Behandlung empfängt, die er diesem widerfahren lässt.
Appenzeller Markenzeichen sind zweifellos bis heute das demokratische Grundverhältnis zur Politik, die Naturverbundenheit und der Geschäftssinn. Wie sie sich in der „Heimat Alpstein“ über Jahrhunderte herausbildeten, ist in dem von Tobias Engelsing liebevoll und mit sachkundiger Hilfe vieler Unterstützer gestalteten Buch nachzulesen. Historische Urkunden, Karten, Gemälde, Stiche, Fotos illustrieren geschichtliche Wendungen mit allen Härten von Krieg, Pest, Brand und gemeinschaftlicher Kraftanstrengung, sie zu überwinden. Naturschönheit kontrastiert mit mühsamer Arbeit, originäres Brauchtum mit aufkommendem Tourismuskitsch. Dem stehen naive, bisweilen fast ikonenhaft abstrakte Bilder gegenüber, gemalt nur selten von Bauern, oft von Handwerkern, Textilarbeitern, Knechten, Hausierern oder Taglöhnern. Aus der Hand begabter Dilettanten entstanden Auftragsarbeiten für Wohlhabende, sie idealisieren Besitz und Feste. Alltagsnöte, Schicksalsschläge finden sich in diesen aufgeräumt wirkenden Bildern nicht – aber vielleicht ziehen sie Betrachter genau deshalb an.
Hans Büchler hat zur Entwicklung der Bauernmalerei einen klugen Essay verfasst, eine Auswahl von Bildern nebst Kurzbiographien der Künstler folgt, ein amüsantes „Appenzeller ABC“, Anmerkungen und reichlich Literaturhinweise. Die vergnügliche und anregende Lektüre weckt sofort die Lust auf eine Reise zum Säntis, in die Städte und Dörfer ringsum – vielleicht zum nächsten „Öberefahre“, – also zum Almauf- oder Abtrieb. Abhalten könnte einen einzig der Hinweis des Sachsen Zschokke, der schon 1836 feststellte, Appenzell sei ein wahrer Liebling aller in- und ausländischen Reisenden geworden. Wer Touristenandrang meiden will, kann das vielleicht in der Sonderausstellung „Heimat Alpstein“ im Konstanzer Rosgartenmuseum, zu der das Buch als Katalog dient. Sie ist noch bis 30. Dezember 2017 zu sehen.
„Heimat Alpstein – Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei“ Südverlag Konstanz 2017, 208 Seiten, ISBN 978-3-87800-106-5, 19,90 €
Tags: Appenzell, Bildband, Bodensee, Heimatgeschichte, Konstanz, Malerei, St. Gallen, Toggenburg, Volkskunst
Kommentare deaktiviert für Heimat Alpstein – Appenzeller und Toggenburger BauernmalereiSamstag, 28.10.2017
Autor: oliverg
Mittwoch, 25.10.2017
Autor: Andreas Schröter
Geoff Dyer, ein 1958 geborener Autor und Journalist, legt mit „White Sands“ eine Sammlung von zehn Reise-Erinnerungen vor, die er halb erfunden, halb wirklich so erlebt hat, wie er im Vorwort erklärt. Am stärksten ist dabei gleich die erste Geschichte, die von einem Peking-Aufenthalt handelt, bei dem sich der Ich-Erzähler ausgerechnet am letzten Tag in eine verkappte Reiseleiterin verliebt. Diese Geschichte ist rasant und sprüht vor Lebenslust und Überraschungen.
Danach geht‘s leider bergab. Etwas zu oft lässt der Autor seine Bildung heraushängen. Das wirkt nicht nur latent unsympathisch, sondern hemmt auch noch den Lesefluss. Es gibt Stellen, da hat man Mitleid mit den Menschen, denen Geoff Dyer/der Ich-Erzähler auf seinen Reisen begegnet – zum Beispiel wenn sich eine Stewardess seine Nörgeleien über die fehlende Beinfreiheit im Flugzeug anhören muss oder wenn er sich bei einem Ausflug mit Schlittenhunden unkooperativ gegenüber den jungen Hundeführerinnen zeigt.
In den Geschichten geht es etwa um einen Trip nach Französisch-Polynesien auf den Spuren Gauguins oder eine völlig missratene Nordlicht-Suche im Winter in Spitzbergen.
Die letzte Story handelt von einem Schlaganfall des Ich-Erzählers und passt inhaltlich nicht recht zum Rest des Buches. Gegenüber „Sex in Venedig/Tod in Varanasi“ (2012) fällt dieses Werk deutlich ab.
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Geoff Dyer: White Sands: Erlebnisse aus der Außenwelt.
DuMont Buchverlag, September 2017.
254 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.
Montag, 23.10.2017
Autor: oliverg
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Sonntag, 22.10.2017
Autor: Immo Sennewald
Der studierwilligen Jugend sei dieses Buch ans Herz gelegt – und allen die hierzulande Hochschulpolitik machen. Rainer Jork und Günter Knoblauch haben einen enormen Schatz an Erfahrung von Zeitzeugen aus dem Alltag der sozialistischen Diktatur zusammengetragen, der zweierlei offenlegt: Neugier und Freude an selbständiger Arbeit sind mit bevormundenden und doktrinären Bildungssystemen kaum vereinbar – und andererseits lassen sich solche Systeme nur mit lebensfeindlichen, die Freiheit von Wissenschaft und Kunst erstickenden Maßnahmen aufrechterhalten, daran scheitern sie schließlich.
Um das zu zeigen, bedarf es keiner Polemik. Die Selbstauskünfte von Forschern, Ingenieuren, Lehrern, Künstlern aus vier Jahrzehnten des “Arbeiter- und Bauern-Staates“ beweisen es; sie lesen sich obendrein spannender als jeder Krimi. Fast alle Erzähler wehrten sich einfallsreich – mit Intelligenz, Improvisation, Hilfsbereitschaft, mit bisweilen an den “braven Soldaten Schwejk” erinnerndem Witz – dagegen, sich von der SED, ihrer Stasi und ihren “Massenorganisationen” vereinnahmen zu lassen, immer von Exmatrikulation, gar Haft bedroht. Andere lernten nur, unauffällig durchzurutschen: Das Bild der Verhaltensmuster enthält zahllose Schattierungen von Grau – und einige Glanzlichter.
Vor allem die Älteren mit Studienbeginn in den 50er und 60er Jahren an der Dresdner TH/TU blicken auf Biographien zurück, die kurz angerissen, doch eindrucksvoll sind. Nach politischer Verfolgung verließen manche die DDR, einige erduldeten zuvor Stasi-Knast, alle haben den Wert von Meinungsfreiheit, freier Lehre, Forschung und Kunst durch spätere berufliche Leistungen bestätigt. Wer blieb, lebte mit Konflikten, wurde benachteiligt, tat sein Bestes in Familie und Beruf, engagierte sich in der Zeit des Umbruchs und der deutschen Vereinigung. Die Rückschau ist ohne Wehleidigkeit und Zorn. Ich habe das mit Respekt gelesen, erinnerte mich vergnügt meines eigenen Physikstudiums, der (gern geschwänzten) Vorlesungen und Seminare in „Gesellschaftswissenschaften“, kurz „GeWi“, also marxistisch-leninistischer Selbstbeweihräucherung. Sich zur Wehr zu setzen war abenteuerlich, voller tragischer und komischer Wendungen – so entstand mein Roman „Babels Berg“. „Zwischen Humor und Repression“ taugte als Stoffsammlung für etliche weitere.
Künstlerische, pädagogische Fächer und andere Hochschulorte (Leipzig, Weimar, Halle, Erfurt, Berlin, Karl-Marx-Stadt) kommen mit den Matrikeln der 70er und 80er Jahre zusätzlich in den Blick, nach den Einschnitten des Mauerbaus und des niedergeschlagenen Prager Frühlings verschärfte sich die wirtschaftliche Lage der DDR, die Stasi dehnte Überwachung und Repression aus. Das Studentenleben erzeugte trotzdem widerständige Unterströmungen. Es entstanden “Soziotope des Ungehorsams”. Die Ausweisung Wolf Biermanns 1976 polarisierte zusätzlich, der Staat reagierte paranoid mit noch mehr ideologischem Druck, noch mehr Verpflichtungen auf Wehrdienst und möglichst 100% Zustimmung bei Wahlen; die Stasi setzte noch mehr „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM), subtilere Methoden bei Verhören und zersetzende Maßnahmen gegen „feindlich-negative Subjekte“ ein, infiltrierte das Leben bis in letzte, private Winkel. Wer „Leitungsfunktionen“ hatte, konnte nur mit persönlichem Risiko manchen Schüler oder Studenten vor Relegation bewahren. Dass es Lehrer und Vorgesetzte gab, die es wagten, gehört zu den positiven Erinnerungen damaliger Studenten ebenso, wie deren fachliche Qualifikation. Die Berichte sind akribisch mit Anmerkungen, Kommentaren zur Zeitgeschichte, Originaldokumenten, didaktischen Hinweisen und Angaben zur Entstehungsgeschichte ergänzt: Der Anhang bietet noch einmal interessanten, bis in die Aktualität führenden Lesestoff.
Keine Demokratie ist gegen totalitäre Strebungen immun – das liegt in ihrem Wesen. Zum Kern gehören Meinungs- und Informationsfreiheit. Die Herausgeber ermutigen zu fragen: Dürfen Schüler und Studenten sich kritisch äußern, ohne mit Gruppendruck, moralischer Erpressung, Verleumdung und Denunziation rechnen zu müssen? Werden konflikthaltige Fragen übergangen, gar erstickt? Konfliktkultur ist, darüber belehrt der Blick in die klassischen wie die “sozialen” Medien täglich, hierzulande weithin terra incognita. Noch jede Partei, Regierung, Korporation ist in Versuchung, ihr genehme Ansichten mit allem verfügbaren Druck in der Gesellschaft zu verbreiten – sei es fürsorglich bis zur Bevormundung der Wähler oder womöglich unter Bruch des Grundgesetzes gegen oppositionell Eingestellte. Wissenschaft, Kunst, Forschung und Lehre sind dem Grundgesetz desto enger verpflichtet: Es schützt die Rechte des Einzelnen, nicht die von Körperschaften und Ideologien. Menschen mit letzten Wahrheiten zu indoktrinieren – gleich ob Religion oder sonstige Heilslehre – widerspricht diesem Auftrag. Umso erfreulicher und wichtiger ist das Erscheinen dieses Buches.
„Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR“, 548 Seiten, Mitteldeutscher Verlag Halle 2017, 19,95 €
Montag, 16.10.2017
Autor: Andreas Schröter
Ein spannender Abenteuerroman vor historisch ernstem Hintergrund ist Peter Keglevic unter dem Titel „Ich war Hitlers Trauzeuge“ gelungen. Harry Freudenthal, ein junger Jude aus Berchtesgaden hat 1945 nur eine Chance, dem nationalsozialistischen Rassenwahn zu entgehen: Er muss an der Veranstaltung „Laufen für den Führer“ teilnehmen, bei der die Teilnehmer in mehreren Etappen 1000 Kilometer von Berchtesgaden nach Berlin laufen: Der Sieger darf dem Führer am 20. April persönlich zum Geburtstag gratulieren. Freudenthal, der sich zu Tarnzwecken Paul Renner nennt, trifft auf gleich mehrere Persönlichkeiten, die damals eine Rolle spielten – zum Beispiel die bekannte Filmregisseurin Leni Riefenstahl, Winifred Wagner in Bayreuth, Eva Braun und natürlich ganz am Ende – Adolf Hitler selbst.
Als Leser begleitet man diesen Läufer atemlos durch ein langsam untergehendes, teilweise bereits von den Alliierten besetztes Deutsches Reich. Renner muss sich nicht nur den Hardlinern in den Reihen der anderen Läufer erwehren, sondern auch übereifrigen Hitlerjungen, die ihn an den nächsten Baum hängen wollen, oder der Deutschen Wehrmacht, die wenig Sinn für eine solche Veranstaltung in schweren Zeiten hat und sich die Teilnehmer am liebsten sofort einverleiben will.
Immer wieder streut Keglevic Rückblenden ein, die zeigen, unter welch absurden Verfolgungen sein Held bereits in den Vorjahren zu leiden hatte.
Obwohl die Figur des Paul Renner und auch die gesamte Laufveranstaltung fiktiv sind, hat Peter Keglevic, der 1950 geboren wurde, 20 Jahre lang für diesen 570-Seiten-Wälzer recherchiert, damit die Szenerie, durch die sich seine Hauptfigur bewegt, stimmig ist. Sehr empfehlenswert!
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Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge.
Knaus, September 2017.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.
Freitag, 13.10.2017
Autor: Andreas Schröter
Sven Regener ist ein künstlerisches Multitalent. Er ist bekanntlich nicht nur Sänger und Gitarrist der Band „Element of Crime“, sondern hat mit „Herr Lehmann“ im Jahre 2001 auch einen der wichtigsten Kultromane dieser Zeit verfasst.
Nun legt er mit „Wiener Straße“ erneut einen Roman vor, in dem Frank Lehmann und neben ihm auch andere Figuren aus Regeners Büchern vorkommen, aber nicht im Mittelpunkt stehen.
Leider jedoch fällt „Wiener Straße“ gegenüber dem sympathischen „Herr Lehmann“ und auch gegenüber Regener-Werken wie „Neue Vahr Süd“ (2004) deutlich ab. Die Gag-Dichte ist so hoch, dass das Ganze mitunter in Klamauk abdriftet. Während in „Herr Lehmann“ die Figuren zwar skurril, aber immer noch glaubhaft waren, sind sie es nun nicht mehr.
Der Roman spielt Anfang der 80er-Jahre in Berlin und handelt von einer Kneipe und von einer Künstler- und Hausbesetzer-Gruppe, die schließlich eine Ausstellung organisiert, sowie von all den ungewöhnlichen Typen, die diese Szenerie bevölkern.
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Sven Regener: Wiener Straße.
Galiani-Berlin, September 2017.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Donnerstag, 12.10.2017
Autor: Immo Sennewald
Am meisten verblüfft hat mich an diesem Buch seine Aktualität. Sie entspringt nicht einer Absicht des Autors, historisches mit gegenwärtigem Geschehen zu vergleichen, sondern seiner Fähigkeit, in der gewaltigen Menge überlieferten Materials die Handlungsmuster der Beteiligten – also der damals Mächtigen und ihrer Gefolgschaft – zu erkennen und herauszuarbeiten. Peter H. Wilson behält dabei das gesamte europäische Panorama im Blick, führt konfessionelle Konflikte mit als das, was sie sind: Nicht Ursachen, sondern ideologische Stimuli und Rechtfertigungen, wenn Herrscher oder auch nur militärische und zivile Profiteure um die Macht kämpfen – zu Lande und zur See.
Seine Sachkenntnis ist umfassend. Ökonomische, politische, militärtechnische, strategische und geografische Gegebenheiten und Verläufe stellt Wilson plastisch und mit bisweilen erstaunlichen Zahlen dar. Er illustriert mit Hilfe zeitgenössischer Malerei, Grafik und Karten; zu handelnden Personen skizziert er Biographien, sie werden in ihren familiären, konfessionellen und individuellen Koordinaten für den Leser anschaulich. Protagonisten wie Wallenstein und der Schwedenkönig Gustav Adolf sind kontrastreich gezeichnet – viele andere schildert der Autor so pointiert, dass sie als starke Figuren im Gedächtnis bleiben. Mich fesselte die Dynamik der „europäischen Tragödie“ zwischen diplomatischen Bemühungen um den Frieden und immer wieder mit wachsender Grausamkeit ausgetragenen Schlachten, bisweilen mochte ich an der „Torheit der Regierenden“ verzweifeln (wie beim Lesen des gleichnamigen Buches von Barbara Tuchman), fühlte mich an gegenwärtige Konfliktverläufe und die damit einhergehende Ohnmacht erinnert.
Insbesondere das Geschehen nach dem Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen ähnelt heutigen Leiden ganzer Völker in Afrika, im Nahen und Fernen Osten: Der Krieg ist in zahllose Parteien und Schauplätze fragmentiert, Bündnisse wechseln ständig, Flucht und Vertreibung werden alltäglich. Für eine wachsende Zahl junger Männer und für den Tross tauglicher Frauen und Kinder wird Krieg zur Lebensform, es sind genug Waffen da, immer neue Heere unterschiedlicher Größe werden – meist auf Pump – in Dienst gestellt. Sie plündern Landwirtschaft und Handwerk doppelt aus: Anführer holen sich von ihnen das Geld für den Schuldendienst, marodierende Soldaten versorgen sich auf ihren Zügen quer durchs Land. Ihrer Existenz beraubte Bauern werden zu Gesetzlosen, die ihrerseits Söldner überfallen.
Die Serien der Feldzüge und Schlachten ermüdeten mich – es fiel bisweilen schwer, den Überblick über Personal, Herrschaftswechsel, Finanztransaktionen zu behalten, aber ich habe bei der Lektüre viel über die Verfasstheit des Deutschen Kaiserreiches und seiner Nachbarn erfahren, über dynastische Beziehungen, auch über kulturgeschichtliche Leistungen jener Zeit, etwa die von Hugo Grotius für ein späteres Völkerrecht. Waffensysteme, militärische Ordnung, juristische Reformversuche wurden mir ebenso verständlich wie die konfessionellen Friktionen innerhalb der Reihen vermeintlich unversöhnlicher Katholiken, Lutheraner und Calvinisten. Koalitionen wechselten, häufig liefen Offiziere und Söldner über, einfach um zu überleben. Die politischen Ziele einzelner Protagonisten in Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Polen, Dänemark, Schweden wirkten auf die der Reichsfürsten, der Reichs- und Hansestädte ein. Wir sehen gekrönte Häupter, Karrieristen, ideologische Einpeitscher die Zukunft ganzer Regionen einem kurzfristigen Gewinn opfern – bisweilen nur, weil sie sich für die Kriegsführung bis zum Bankrott verschuldet haben. Die Habsburger Rudolf II., Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III. trugen die Krone, lavierten indessen öfter getrieben als entschlossen zwischen dynastischen, konfessionellen und Reichsinteressen.
Wilson folgt auch den Informationskanälen jeder Zeit: den Gerüchten, Botschaften und Briefen. Falschnachricht und Greuelpropaganda sind politische Mittel. Seine kluge Dramaturgie hält den Wechsel zwischen Detailschärfe und Gesamtschau über lange Strecken durch. Er kommentiert andere Sichtweisen aus der älteren und neueren Geschichtsschreibung – und es wird besonders interessant, wenn der Krieg am Verschleiß seiner eigenen Ressourcen dahinsiecht, wenn Gemetzel, Hunger und Seuchen die Bevölkerung dezimiert haben, die Energie der Militärs aufgebraucht ist. Selbst dann, schreibt er “richtete Krieg Chaos und Verwüstung an, aber er blieb zugleich streng kontrolliert und zielgerichtet. Militärische Operationen waren weiterhin darauf ausgerichtet, politische Ziele zu unterstützen, da die Herrscher ihre Verhandlungs-positionen zu verbessern suchten. Womöglich wurde die Wechselbeziehung zwischen Kriegführung und Diplomatie sogar enger, da offensichtlich wurde, dass niemand seine Ziele ausschließlich mit militärischen Mitteln erreichen konnte.”
Der sterbende Krieg schleppte sich halbwegs geordnet in den Westfälischen Frieden. Wie Wilson ihn im Dritten Teil des Buches analysiert, gehört zu dessen Stärken. „Die Bedeutung des Westfälischen Friedens liegt nicht in der Anzahl der Konflikte, die er zu lösen beabsichtigte, sondern in den Methoden und Idealen, die er dabei anwendete.“ schreibt er. So schuf der Vertrag von Münster und Osnabrück auch Anfangs- und Randbedingungen für die nächsten Kriege – und beeinflusste viele Friedensschlüsse kommender Jahrhunderte.
In den beiden Schlusskapiteln blickt Wilson auf die Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Demographie, Kultur während und nach dem Krieg zurück, beleuchtet zugleich bisherige Darstellungen. Sein Wissen ist enzyklopädisch, die Zahlen und Daten sind eindrucksvoll – das belegen auch die ausführlichen Anmerkungen. Mir gefiel indessen besonders, wie er mit seinen Quellen, wie er mit dem Begriff der Erfahrung umgeht. „Der Krieg als Medienereignis“ kam damals in die Welt. Der Zeitungsmarkt boomte. Heute wie damals verkaufen sich Nachrichten über Blutbäder und das Scheitern der Politiker am besten, und das heutige Publikum sieht gebannt und ohnmächtig zu, wie Menschen zu Schlächtern werden, verblendet von Feindbildern, Habgier und Herrschsucht: Gewalt – Macht – Lust.
Wilson hat das Geschehen in seiner Komplexität erfasst, in einer sachlichen, Vorurteile, vorschnelle Verallgemeinerungen und jedes Moralisieren vermeidenden Sprache. Sein historisches Panorama ist ein großes Werk. Es veranschaulicht anthropologische Konstanten: Der Mensch ist hin- und hergeworfen zwischen individueller Freiheit und Verantwortung und den Zwängen sozialer Bindung, die in der Subalternität bis zur Selbstzerstörung verstärkt werden. Ich wünschte dem Buch weiteste Verbreitung über das wissenschaftliche Interesse hinaus – vor allem unter Regierenden. Und ohne mir ein fachliches Urteil anmaßen zu wollen: Tomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt haben es vortrefflich aus dem Englischen übersetzt.
Geben wir dem Autor das letzte Wort: „Obwohl sie mittlerweile verstummt sind, sprechen die Stimmen aus dem 17. Jahrhundert immer noch zu uns aus unzähligen Texten und Bildern, die wir glücklicherweise besitzen. Sie warnen uns auch weiterhin vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind.“
„Der Dreißigjährige Krieg – eine europäische Tragödie“ Theiss Verlag, 1160 Seiten, 49,90 €
Mittwoch, 11.10.2017
Autor: Andreas Schröter
Oskar Roehler gehört zu den renommiertesten deutschen Filmregisseuren („Agnes und seine Brüder“, „Elementarteilchen“, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“). Dass er auch schreiben kann, beweist er jetzt erneut in seinem dritten Buch „Selbstverfickung“. Darin beschreibt er das Leben Gregor Samsas, eines Filmregisseurs, der viel mit dem Autor gemeinsam hat. Es dürfte somit nicht allzu weit hergeholt sein, diese Romanfigur als Alter Ego Roehlers zu betrachten.
Samsa hat eine extrem negative, menschenscheue, oft hasserfüllte und depressive Sicht auf Umwelt und Mitmenschen. Er hat permanent mit allerlei Phobien sowie Schlaflosigkeit zu kämpfen. Beides bekämpft er mit Tabletten und Alkohol. Halt geben ihm lediglich seine Tochter und die häufigen Besuche im Bordell.
Wer Roehlers Buch liest, darf nicht zart besaitet sein. Es geht derbe zur Sache – besonders in den Szenen, in denen er detailliert Samsas Bordellbesuche schreibt. Das Ausmaß an negativem Gedankengut, das hier über dem Leser ausgekippt wird, kann gelegentlich zu viel werden. Aber dann gibt es auch die richtig starken Momente, in denen Roehler sich über die Medien- und Kunstszene verbreitet – mit ihren Filmproduzenten, die keinerlei Ahnung von der Materie haben, sondern nur darauf achten, wieviel Geld ein Film abwirft.
Der Autor geißelt die gnadenlose Selbstbezogenheit und die aufgeblasenen Typen dieser Branche, die mit allerlei englisch-sprachigen Mode-Schöpfungen um sich werfen. Das alles hat enormes Unterhaltungspotenzial.
Doch wer eine schöne Geschichte mit Einleitung, Hauptteil, Schluss und Happy End sucht, sollte die Finger von dem Buch lassen. Allen anderen sei es hiermit wärmstens empfohlen.
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Oskar Roehler: Selbstverfickung.
Ullstein, September 2017.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.
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