Sonntag, 10.02.2013 | 21:28 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Stephan Thome: Fliehkräfte

Stephan Thome: »fliehkräfte«Stephan Thomes für den Deutschen Buchpreis nominierter Debütroman “Grenzgang” wurde 2009 von der Kritik hoch gelobt. “Ein Meister der seelischen Zwischentöne”, “souverän”, “großes Gespür für Dialoge” war damals zu lesen. Und genau dies lässt sich auch über seinen drei Jahre später erscheinenden zweiten Roman “Fliehkräfte” sagen. Wie in “Grenzgang” gerät ein gut situierter Mann, der eigentlich mit seinem Leben zufrieden sein könnte, ins Straucheln. Diesmal ist es der Philosophie-Professor Hartmut Hainbach, Ende 50, verheiratet, eine erwachsene Tochter, der sein Leben plötzlich in Trümmern sieht. Der Beruf an der Uni Bonn macht ihm nach den universitären Umstrukturierungen keinen Spaß mehr, und er erträgt es nicht, mit seiner Frau eine Wochenendbeziehung führen zu müssen, weil sie lieber in Berlin leben und arbeiten will.

Als seine seelische Not am größten wird, entschließt er sich, eine halbherzige Affäre mit seiner Sekretärin zu beginnen und seine Ex-Freundin in Paris zu besuchen. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine längere Reise, die ihn nach Südfrankreich zu einem ausgestiegenen Ex-Kollegen, über Spanien zu seiner Tochter bis hin nach Portugal führt, wo seine Schwiegereltern leben. Thome, geboren 1972, versieht seine Geschichte mit zahlreichen Rückblenden aus dem Leben Hainbachs. Der Leser erfährt auf diese Weise, welche Freundinnen er vor der Ehe hatte, bei welchem US-Professor er seinen Doktor gemacht hat und wie er seine Frau kennen gelernt hat. Diese Rückblenden machen das Lesen etwas kompliziert. Man muss sich konzentrieren, um immer genau zu wissen, an welchem Zeitpunkt in Hainbachs Leben man sich gerade befindet.

Dieser Kritikpunkt wird jedoch durch psychologische Genauigkeit und von einem ganz feinen Gespür für Stimmungen mehr als ausgeglichen. Stefan Thome muss mit “Fliehkräfte” nicht den Vergleich mit den ganz großen amerikanischen Gegenwarts-Autoren wie etwa John Updike (“Rabbit in Ruhe”) fürchten. Ganz dicke Leseempfehlung!

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Stephan Thome: Fliehkräfte.
Suhrkamp, September 2012.
474 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

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2 Kommentare

  1. Hester Y. Nieves Says:

    »Bestimmt gibt es auch eine Zeit für das Privatleben. Frau. Kind. Später. Ich war erst 31. Zwischen dreißig und vierzig muss man brennen.« Ein junger Banker, auf dem Sprung zur großen Karriere. Eine Literaturübersetzerin, auf der Flucht vor dem schön eingerichteten Leben mit Weinklimaschrank und Salzmühle mit Peugeotmahlwerk. Ein international gefeierter Schriftsteller mit Schreibblockade und Altersangst. Drei Menschen, die sich unversehens in abenteuerlicher Abhängigkeit befinden. Wie konnte es dazu kommen? Eine Bank, ein Leben ist schnell ruiniert. Das ist das Erschreckende, aber auch das Komische an diesem Roman, der mit großer Leichtigkeit von unheimlichen Zeiten erzählt.

  2. Beatrix Alfs Says:

    Ja, man muss sich als Leser schon etwas konzentrieren und aufpassen, wenn man der Handlung folgen will. Auch ich gebe eine dicke Leseempfehlung!

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