Mittwoch, 12.04.2006 | 11:59 Uhr

Autor: andreaffm

Lesen hilft. Fast immer.

Ich scheine hier ja mittlerweile zur Weidermann-Apologetin zu avancieren. Dabei hab ich das Buch nicht einmal gelesen, ja noch nicht einmal in der Hand gehabt. Ich habe lediglich die Debatte kommentiert und den seltsamen Gegensatz zwischen Winkelscher Aufgeregtheit und seiner gleichzeitigen Abneigung gegen jegliche Aufregungen konstatiert.

Ja, jetzt bin ich also drin in der Pop-Event-Verflachungsfalle. Mitgefangen, mitgehangen.

Die Betriebskantine, eine Art Blog, das als Alleinstellungsmerkmal einen innovativen Umgang mit Interpunktionen aufzuweisen hat, konfrontiert mich mit Leseproben aus Weidermanns Buch und fragt frech, ob ich mich durch die aktuelle buchrezensionierung gar ueberfordert fühlte. Ich warnte den Verfasser vor derlei Kurzschlüssen, und er darauf: „unsere frage. ob sie die aktuelle buchrezensionierung ueberfordern wuerde. zielte nicht auf den grad ihrer vernunftbegabtheit (die koennen und wollen wir nicht einschaetzen). sondern auf das mass. das angeblich voll sei. endlich eine andere. einfachere und zugaenglichere rezensionierung von buechern zu erhalten. weil das a. nicht zu verhindern sei und b. weil a. oder auch sowieso besser. weil wir alle genug haben von der herkoemmlichen fracht im feuilleton.“

Ach, das Maß ist voll? Ich kann mich nicht erinnern, das geschrieben zu haben. Was Leute so vor sich hinprojizieren, wenn der Tag lang ist, ist erstaunlich. Ich wehre mich nur gegen das Vorurteil, kompliziert geschriebene, analytische Literaturkritik sei per se grundsätzlich besser. Das ist sie eben nicht, man kann mit beiden Methoden gegen den Baum fahren.

In die gleiche Kerbe haut auch ein Blog mit dem schicken Namen Kulturnation.de, da weiß man gleich, wo der Hammer hängt. Alleinstellungsmerkmal ist hier formale Spielerei mit Doppelpunkten mitten im Wort. Wenn ich Weidermanns Unternehmen sympathisch finde, dann wird von ihr eine antiintellektuelle Haltung an den Tag gelegt, die seit längerem common sense sein dürfte (wobei „sense“ in diesem Falle vermutlich das falsche Wort ist). Außerdem „denunziere“ ich Winkels Schwurbel (das hat nix mit Denunziation zu tun, Schwurbel kann man ruhig auch mal Schwurbel nennen), und „Verführung“ (das Wort stammt übrigens vom Greiner, der ist auf Eurer Seite, wollt ich nur mal festgehalten haben) ist auch böse: Wir wollen doch alle verführt werden. Feuilleton als „Boulevardkultur“, wie Winkels es nennt. Hauptsache, wir Lesen! Irgendwas. Das Aufzeigen, Nachverfolgen, Sichtbarmachen von Zusammenhängen oder Traditionslinien stört da eher. Beim Verführtwerden. Beim „Einfach-mal-gut-finden“. Du. Dann doch lieber noch schnell bei der Lesung fragen, ob der Autor auch so gern Kaffee Latte trinkt wie sein Held.

Toll ist auch das Spaßverbot: Wer meint, einfach mal unbeschwert abloben zu dürfen, ist bei der Kulturnation ganz falsch, denn Spaß und Lob spielen sich grundsätzlich nur in niederen Niveauregionen ab. Und das zieht natürlich gleich alle runter, davon sind auch die affektiert, die mit Niveau keinen Spaß haben. Daß negative Kritiken deutlich leichter zu schreiben sind als positive, daß Verrisse leichter fallen als Hymnen, das hat dort vermutlich noch niemand bemerkt.

Soweit also die Kritiker in ihren anti-antiintellektuellen Reflexen. Völlig unterschlagen wird hier vor allem, daß ich nirgendwo, wirklich nirgendwo gefordert habe, alle Literaturkritik habe sich einem solchen Nie:wo anzupassen. Ganz im Gegenteil meinte ich, daß man das nur machen kann, „wenn man dabei im Blick behält, daß das natürlich nicht der Weisheit letzter Schluß und der Epoche tiefstmögliche Erforschung ist. Wenn man also weiß, das es dabei nicht bleiben kann.“

Daraus wird dann: Flachsinn, leicht konsumierbar, jede vermeintliche Anstrengung vermeidend, damit der Dümmste uns noch versteht und das hat mit literaturvermittlung. wie wir sie noch minimal einfordern wuerden. nichts mehr zu tun.

Ich meine: seht ihr den Unterschied? Ich erlaube, ihr verbietet. Dann schreit ihr rum, daß ich Euch Euer Niveau verbieten würde, was ich ja gar nicht tue, ich erlaube nur Weidermann zu tun, was er meint, tun zu müssen. Und Euch natürlich auch. Soll doch jeder auf seinem Niveau glücklich werden.

So, und nun zu Weidermann und seiner Leseprobe. Wenn ich mir das so anklicke, und wenn das wirklich die ganze Zeit so weitergeht, dann ist das kein Buch, das ich lesen möchte. Nicht, weil mir der Inhalt zu flach ist und die Methodik zu unwissenschaftlich, sondern aus einem völlig anderen Grund: Dieser Stil ist ja miserabel! Ja, ist das den ganzen Winkels und Greiners und Hartwigs – ja, auch den Krauses – eigentlich nicht aufgefallen? Was lesen die denn den ganzen Tag, wenn die einen derart miesen Stil nicht als solchen erkennen und bemängeln?

Ein solches Buch hat es danach nicht wieder gegeben. Ein solches Buch wird es nie mehr geben. Es ist ein Finale. Ein Schlusspunkt. Das wusste auch Thomas Mann. Er hatte lange gezögert, den Faustus zu beginnen. Fast ein Leben lang hatte er ihn geplant. Und ein Leben lang wusste er: Das würde sein letztes Buch sein. Sein Parsifal. Es hätte ihn fast umgebracht.

Das schreibt Weidermann über Thomas Mann und seinen Dr. Faustus – und das hätte auch Kai Diekmann nicht besser in Stakkatosätze gießen können. Das Aufzeigen von Zusammenhängen und Traditionslinien, wie kulturnation.de fordert, wird dabei sicherlich geleistet, dieser Vorwurf geht meines Erachtens an der Sache vorbei. (Natürlich wird es nicht auf akademischen Level geleistet, aber das ist bei solchen populären Werken ja nie der Fall.) Was aber nicht geleistet wird, das ist, diese Traditionslinien und Biographien in eine lesbare Sprache zu bringen, die zumindest ansatzweise die postulierte Leidenschaft ahnen läßt.

Ist denn der Vorsatz, eine gut lesbare Literaturgeschichte in Geschichten zu schrieben, so verwerflich? Muß man da wirklich aufstehen und „Eventkultur! Bäh!“ brüllen?

Nö, muß man nicht. Man muß aber aufstehen und sagen: „Lieber Herr Weidermann, ihr Vorsatz in allen Ehren, aber ich denke, es ist der hiesigen Nation zuzumuten, auch mal den ein oder anderen Nebensatz zu konsumieren. Zumal Sie sie ja dazu bringen wollen, ziemlich nebensatzlastige Bücher zu lesen. Besser, sie bereiten ihre Schäfchen gleich mal darauf vor. Ach ja, nochwas: Was glauben sie, warum die „Sendung mit der Maus“ auch so viele Erwachsene gern gucken? Weil sie liebevoll gemacht ist, einen unverwechselbaren Erzählstil hat und man immer was dabei lernt. Diese Sendung ist ein großartiges Beispiel dafür, daß man den Dummen abholen kann, ohne den Schlauen zu langweilen. Nächstes Mal, wenn Sie wieder ein Buch schreiben, gucken die vorher die Maus, anstatt die BILD zu lesen, das verdirbt Ihnen nur die Schreibe und man wird nicht klüger davon.“

O je, jetzt hab ich wieder was gesagt.

Demnächst in den einschlägigen Blogs: „Diener fordert Sendung mit der Maus für Literatur“. Oder: Mal gespannt, wie sehr die Literaturversteher mich noch mißverstehen können.

Trackback: https://blog.literaturwelt.de/archiv/lesen-hilft-fast-immer/trackback/

9 Kommentare

  1. juyooh Says:

    Au ja! Au ja! Au ja!
    Die Sendung mit der Maus als Pflichtprogamm für die selbstgekürte In-Group des Lit-Bizz fände ich gut. Ich fände sie sogar nötig.

  2. kulturnation.de » Blog Archive » Ping ohne Pong-Garantie Says:

    […] Nur soviel zu Andrea Dieners ausführlichem Beitrag, der hiermit allen und keiner zur Lektüre ans Herz gelegt sei: (…) daß Verrisse leichter fallen als Hymnen, das hat dort [vulgo: hier] vermutlich noch niemand bemerkt. […]

  3. Georg Says:

    Verrisse fallen leichter als Hymnen? Doch nur dem schlechten Rezensenten. Wer gut schreiben kann, kann alles gut schreiben.

  4. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Und wer gut lesen kann wird Verrisse (von gewissen Bücher durch bestimmte bezahlte Meinungsschieber) als Lese-Empfehlung, und Hymnen (über gewisse Bücher von bestimmten bezahlten Meinungsschiebern) als Warnung vor dem Schwachsinn zu lesen verstehen.

  5. Oliver Gassner Says:

    En passant und aus ner anderen Ecke: es gibt ‚didaktische Reduktion‘ ohne deswegen ‚unakademisch‘ zu sein. (Bzw sein zu müssen.)

    En passant: Ich halte den Titel ‚Kulturnation‘ für ironisch und die BKantine (schöööner Titel 😉 ) und die ‚KNation‘ kommen ja von (z.T. identischen Leuten 😉 )

    Und: ‚Serner‘ hat nur ein männliches Pseudonym. Ich bin mit ihr zusammen sogar in nem Radioprojekt vertreten. (Und Walter Serner sei jederzeit zur Lektüre empfohlen 😉 ).

    Und zuletzt: Mir gefällt das: Kloppt euch, dazu sind Blogs da 😉

  6. Paul Panther Says:

    Wenn man Volker Weidermanns Buch liest, dann schüttelt es einen regelrecht. Das Problem ist sicher nicht die Auswahl, es ist seine Sprache. Sowas Grottenschlechtes kenne ich sonst nur aus der Bild-Zeitung. Wie kann jemand, der selber Einwortsätze bevorzugt, sich anmaßen über Literatur zu urteilen? Und wenn Elke Heidenreich das auch noch gut findet, dann wohl nur aus dem selben Grund, aus dem sie auch das reaktionäre Buch von Schirrmacher anpreist: Heidenreich wird von Frank Schirrmacher bezahlt – seit ihrer E-Mail-Glosse steht sie auf der Honorarliste der FAZ. Und findet plötzlich Bücher von FAZ-Redakteuren toll, obwohl sie stilistisch und inhaltlich das nackte Grauen sind. Komisch, oder?

  7. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Auch wenn’s einen schwächeln macht, daß Weidermanns »Lichtjahre« in »Bild«-Fequenzen strahlen, sollte man nicht übersehen, daß nicht Weidermanns ›Natur-Sound‹ ist. Kann mich erinnern, daß Weidermann z.B. in seiner »FAZaS«-Meldung zu »Endstufe« Kommas anwendete. — Schade, daß nun Herr Hage rügend auf gerade diesen erfreulich unhysterischen Weidermanntext zeigt. Nächste Runde oder konventionelles Nachmeiern von Hage?

  8. Erika Wübbena Says:

    Freue mich auf die Diskussion hier gestoßen zu sein. Habe selber im Rahmen eines Projektes (http://www.100dichterinnen.de) aktuell Bezug auf Weidermann genommen. Besonders aufmerksam hat mich ein Artikel von Tilmann Krause in der Welt vom 8. April gemacht. Er belegt den Stil Weidermanns mit dem Stichwort ‚geselliger Diskurs‘, etwas, was nicht nur T. Krause schon seit langem in den Debatten vermisst.

    Ein Freund von mir, der gerade frustiert aus dem wissenschaftlichen Literaturbetrieb ausgestiegen ist, fasste neulich seine Erfahrungen mit den Worten zusammen: „Auf gar keinen Fall darf es Spaß machen“.

    HG aus Hamburg

  9. Erika Wübbena Says:

    URL forgotten 😉

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