Mittwoch, 30.01.2008 | 18:43 Uhr

Autor: molosovsky

Die Sau zeigt nicht genug Ehrfurcht vor den Göttern!

2007 ist es auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt worden, das feine, lockere und erhellende Bilderbuch für alle, die ihren Kindern eine gesunde Prise Skepsis gegenüber den fundamentalistischen Seiten der traditionellen Monotheismen auf den Weg mitgeben wollen: »Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel« von Michael Schmidt-Salomon (Text) und Helge Nyncke (Illustration), erschienen im Alibri Verlag.

Die Freude war groß, und der Erfolg blieb nicht aus, denn das Buch erfüllt die Ansprüche einer Öffentlichkeit die sich — im Gegensatz zum vermeindlichen Mythos einer ›Rückkehr der Religionen‹ — kritisch aber auch unterhaltsam und über die Generationen hinweg mit den Schattenseiten der Denkbeschränktheiten der institutionalisierten Spiritualitätsverwalter auseinandersetzen wollen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sieht das aber völlig anders und will das Werk verbieten lassen! Der Humanistische Pressedienst berichtete unter der Überschrift »Großer Ärger um kleines Ferkel«, und hat als PDF-Anhang den Indizierungsantrag der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zugänglich gemacht.
Hanebüchender geht’s bald nimmer, wie man sich überzeugen kann, wenn man Bilderbuch und Verbotsantrag nebeneinander hält. Immerhin kann man dieses Pa-Hö aber auch so deuten: Das kleine Ferkel macht seine Sache hervorragend. Denn das Bilderbuch soll ja zeigen, wie Religionen mit krassen Phantastereien die wildesten Dinge mythos-bastamäßig behaupten. Wem nutzen solche religiösen Irrationalismen wohl mehr: Den Schäfchen, oder den Hirten?

Atheisten, Freigeister aller Art und auch die vernünftigen, in der Moderne abgekommenen Religiösen sollten sich eine derartig unverschämte Interessenspolitik im Gewande von Jugendschutz nicht bieten lassen.

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6 Kommentare

  1. Verbot für ein ‘Kinderbuch’ « SecondLitArt Says:

    […] nicht verdient. Schweigen wäre in diesem Fall weiser gewesen. mehr finden Sie bei weltonline / blogLiteraturwelt Posted in Nicht kategorisiert. Tags: Atheismus, Buch, Christentum, Index, Islam, […]

  2. Unorthodoxe Gedankensplitter | Ramadan und Opferfest mit Kandil.de Says:

    […] um ein Kinderbuch, das sich kritisch mit Religionen auseinandersetzt: Die Sau zeigt nicht genug Ehrfurcht vor den Göttern! und Großer Ärger um ein kleines Ferkel #| Ines Balcik am 31.01.08 |0 Comments (0) 0 Trackback | […]

  3. Textsyndikat. Das Blog. » Blog Archiv » Braucht unsere Gesellschaft solche Kinderbücher? Says:

    […] Während die einen unverhohlen hochjubeln (bzw. Zensur schreien, was in solchen Fällen nahtlos ineinander überzugehen… […]

  4. molosovsky Says:

    Im Folgenden trage ich auch hier weitere Gedanken von mir nach, die ich ursprünglich im »Film und Buch«-Blog, dann auch in meiner Molochronik platziert habe. Ich habe den Text hier für LIteraturwelt leicht überarbeitet, sprich erweitert.

    Nochmal zum gottlosen Ferkelbuch: Ich geb’ zu, wenn man das Ferkelbuch nur als Kinderbuch sieht, überkommt auch mich ein leichtes Unbehagen. Ich stimme vollkommen zu, dass predigender Atheismus genauso doof ist wie entsprechend religiöse oder sonstig ideologische ›Indoktrination‹. Zu Gunsten des Ferkelbuches muss ich aber verteidigend einräumen, dass das Buch zwar herzhaft spottet (auch wenn’s in seiner ›reim dich oder ick fress dir‹-Manier etwas arg albern ist), aber das Ferkelbuch verdammt seine Gegner nicht mit Furor in Grund und Boden. Ferkel und Igel lassen am Ende ›den Herrgott einen lieben Mann sein‹. Selbst wenden sie sich zwar ab von der religiösen Nebelschwaden-Phantastik, aber sie gestehen den Gläubigen ihr Recht auf ›Spinnerei‹, also ›glücklich werden nach eigener Facon‹ zu.

    Im Zentrum steht also die Botschaft, dass es keinen Gottglauben und keine Religion braucht für ein glückliches Leben oder zum ganze Person-Sein. Ist das bereits so respektlos, dass man das Werk hinter Schloss und Riegel sperren muss? Und sollte man die Konkurrenz, das ›meine Religion ist die einzig Wahre, Reine und Seligmachende‹-Gekabbel von institutionalisierten Religionen etwa nur in Ab-12, Ab-16 oder gar Ab-18-Medien darstellen dürfen?

    Weshalb ich dem Ferkelbuch zur Seit springe: man muß nur mal die Kinder- / Bilderbuchabteilung eines beliebigen Buchladens oder von Büchereien durchforsten, um zu erschrecken über die Massen an religiösen Werken. Natürlich kann man sich anders behelfen, wenn irrationale Schöpfer-, Schmerzensmann- und Jenseitsmythen von Kindern fernhalten möchte, z.B. mit Büchern, die wissenschaftliche oder philosophisch-ethische Inhalte gesitteter & sachlich-kindgerecht darbieten.

    Aber ich finde ich es anhand der flottierenden Massen an religiösen Fantasy-Werken für Kids nur recht und billig, wenn auch atheistisch bunt und frech ein spöttisches Gegengift angeboten wird.

    Was die Illustrationen angeht bin ich rundum begeistert vom Ferkelbuch (und kann eben nur den Kopf über die Assoziationen derer schütteln, die sich empören über die vermeindlich antisemitische Darstellung eines vom Zorn Gottes faselnden Rabbies); zu den Reimen ist mein Urteil schon ›gemischter‹. Dennoch: allein der Impuls, das Buch verbieten zu wollen gewährt einen erschreckenden Einblick auf die beengteren Betrachtungsrahmen zur Problematik über die sogeannte offene Gesellschaft und die Deutungshoheits-Privilegien (immerhin liegt der Verdacht nicht Lichtjahre in der Ferne, dass der Indizierungsantrag der in dieser Sache leider nicht im überparteilichen Sinne, sondern einer eben hier sehr parteilich, sprich: christlich agierenden Ministerin, von der Leyen, zupass kommt; zudem finden sich im Entscheidergremium der Bundesprüfstelle wieder mal krichliche Vertreter!).

    Also: bei aller berechtigten Kritik am teilweisen Ungeschick des Ferkelbuches scheint mir das Werk ein willkommener Schritt zu sein, wenn es um den Tabubruch geht, sekular albern über (institutionalisierten) Aberglauben herzuziehen. Deutschland sieht sich ja gerne als aufgeklärtes Land, und als solches müssen wir das Ungemach gelassen aushalten (oder es zumindest lernen), welches das Ferkelbuch den inbrünstigen und programmatischen Religiösen bereitet.

    Statt gleich mit einer Verbotskeule zu kommen, hätte man doch zurückspotten können. Alex Rühles Beitrag in der Süddeutschen macht schon mal ansatzweise ganz gut vor, wie das aussehen könnte.

    Die merkwürdige Pointe an dem Buch ist nämlich, dass es in seinem unterkomplexen Schwarz-Weiß selbst am ehesten an Schriften erinnert, die einem Menschen in den Fußgängerzonen aus Jutebeuteln zu reichen pflegen.

    Die Schlussseite, auf der das Ferkel und der Igel auf einer herrlich grünen Wiese ganz ohne Gott sitzen, über ihnen steht eine Sonne mit linealgeraden Strahlen, um sie herum fliegen Tauben, könnte eine evangelikale Paradieserzählung oder eine Wachtturmausgabe illustrieren.

    Zum Schluß möchte ich noch klären, dass ich eben als Erwachsener das Buch werte, und nicht als Vater (bin ja keiner) oder Kind (bin ich nur noch teilweise im Gemüt).

  5. missxyz Says:

    Das ist ja echt nicht zu fassen!!! Wie kann man denn ein Kinderbuch gleich zensieren, nur weil es sich kritisch mit den Religionen auseinandersetzt. Ich finde, Eltern sollten selbst entscheiden können, ob dieses Buch das Richtige für ihre Kinder ist oder nicht.

    Gruß,
    missxyz

  6. Adrian Says:

    Ich weiß nicht, aber ich finde es irgendwie sehr passend,dass die Frage nach Gott von einem Schwein gestellt wird!

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