Dienstag, 23.08.2016 | 12:51 Uhr

Autor: oliverg

Christian von Aster: „Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse“ [Gastposting von Patrik Knothe]

Der Kurzroman „Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse“ von Christian von Aster handelt auf den ersten Blick von vier völlig unterschiedlichen Menschen, die sich mehr oder weniger am Rand der Gesellschaft befinden. Sie sind Diebe, Schwarzmarkthändler und verlorene Träumer. Alle wollen sie von Dresden nach Berlin und kommen schließlich als ungleiche Gruppe in einer Fahrgemeinschaft zusammen. Am Treffpunkt angekommen erregen sie die Aufmerksamkeit der Firma Stagnatex Ltd., die die ganze Gegend mit Kameras überwacht und die Gruppe für ihr soziales Experiment nutzen will. Die von der Firma kontrollierten Polizeibeamten lotsen die Fahrgemeinschaft schließlich in eine Demonstration der Bürgerbewegung „Pegida“, die ebenfalls aus dem Experiment hervorgegangen ist. Es geht um die „Stimulation von Wutspiegelneuronen“ und „Humanlenkmechanismen“, Gruppendynamik und das Verschwinden von Vernunft bei heftigen Emotionen. Die Protagonisten müssen sich nun gegen den Sog der Demonstration wehren, bei der Journalisten und Andersdenkende lebendig gefressen werden …

Beim Titel „Zombigida“ könnte man meinen, es handle sich hier um eine witzige, satirische, ironische oder auch zynische Auseinandersetzung mit der „Pegida“-Bewegung. Dem ist aber nicht so. Die oben genannte Handlung soll vielmehr nur das Gerüst für eine todernste Abrechnung mit den Demonstranten bilden.
Dass der Leser dabei weder erfährt, warum die Firma dieses Experiment durchführt, noch aus welchem Grund die deutsche Exekutive sich an solch einem diabolischen Unterfangen beteiligt, scheint keine Rolle zu spielen … Es geht ums Diskreditieren und Bloßstellen. Die Demonstranten werden, wie es der Titel schon verspricht, als seelenlose Zombies dargestellt. Doch das scheint dem Autor noch nicht genug zu sein. An einer Stelle wird ausdrücklich auf die Swarovski-App einer Mitmarschierenden hingewiesen. Sie sind also nicht nur Zombies, sondern auch noch dekadent! Weiter wird Sachsen mit seinen Bewohnern als „Tal der Ahnungslosen“ und „Tal der Arbeitslosen“ beschimpft. Wenn der Autor dann noch von einem „direktdemokratischen Moloch“ schreibt, fragt man sich endgültig, was diese Hasstirade eigentlich soll und warum jener sich die Mühe gegeben hat, Figuren und eine Handlung dazu zu erfinden.
Dies hätte vielleicht noch Sinn gemacht, wenn man die Geschichten der einzelnen Personen, in denen viel Potential steckt, weiter ausgebaut hätte; oder auch die Machenschaften der Firma. Die Handlung nämlich nimmt – auch aufgrund der weitgehend klaren und flüssigen Sprache – nach der Vorstellung der Hauptcharaktere viel Fahrt auf. Es wird spannend und man freut sich auf einen guten Unterhaltungsroman mit Augenzwinkern. Doch der Leser wird enttäuscht. Gerade einmal gute 70 Seiten lang ist die Geschichte, bei der dann auch noch ein Großteil für die Diffamierung der „Pegida“-Bewegung draufgeht.
Zu allem Überfluss versucht der Autor dann gegen Ende, alles zu relativieren. Es sei ja klar, dass einige Punkte der Demonstranten nicht völlig an den Haaren herbeigezogen wären. Doch vergäßen sie die Argumente der Gegenseite. Was im Übrigen auch bei Letzterer zuweilen der Fall sei.
Von der genannten Gegenseite fehlt in „Zombigida“ jedoch jede Spur. Ob dies nun Naivität, Heuchelei, oder gar Bösartigkeit ist, mag dahingestellt sein …

Die Geschichte funktioniert weder als reine Unterhaltung, die sich nicht ernst nimmt – denn dazu hat der Autor das sensible Thema mit viel zu wenig Humor behandelt –, noch als seriöse Literatur, da hierfür sowohl Tiefe als auch Unvoreingenommenheit fehlen.
Kurz: Eine gnadenlos einseitige Verurteilung, die sich dabei zugleich den Orden der Objektivität anheftet. Ein zutiefst fragwürdiges Werk …
Christian von Aster: Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse
Tropen Verlag, Juli 2016
74 Seiten, E-Book, 0,99 Euro

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