Dienstag, 24.01.2012 | 15:22 Uhr

Autor: Anja Rauch

Vergessene Bücher – „Zwei Jahre vorm Mast“

Der junge Richard Henry Dana kann seine Studien der Rechtswissenschaften in Harvard aufgrund seiner Erkrankung nicht fortsetzen. In der Hoffnung, seine körperliche Konstitution zu stärken, schifft er als junger Matrose ein auf dem kleinen Handelsschiff Pilgrim, die ihn von Boston und Kap Horn nach Kalifornien bringen wird.

Unter der gesamten Reise von 1834 bis 1836 führt er Tagebuch, was er 1840 als Buch heraus gibt. Zum ersten Mal wird das Leben auf See (und das in Kalifornien an Land) authentisch aus der Sicht des gemeinen Matrosen beschrieben, und nicht nur aus den Logbüchern der Kapitäne. Damals war dieses Buch von unendlichem Wert für Menschen, die mit dem Gedanken spielten nach Kalifornien zu ziehen. Sie erfuhren bereits viel über das Land und seine Leute durch Danas Buch. Erst 1840 zogen die Menschen in Scharen und in der Hoffnung Gold bzw. anderweitig Glück und ein neues Leben zu finden, nach Kalifornien, Danas Reisebeschreibung kam also zum rechten Zeitpunkt und wurde, wie er später beschrieb, auch in Kalifornien von allen des Lesens kundigen Einwohnern verschlungen.

1836 war Kalifornien noch in der Hand der mexikanisch-spanischen Bevölkerung, und es gab so gut wie keinen anglo-amerikanischen Einfluß. Außer riesigen Viehherden, mit deren Häuten die Eigentümer von Danas Schiffen handelten, gab es kein richtiges Einkommen in der Region. Dana erkennt sofort, dass sowohl Klima als auch Fruchtbarkeit des Landes ideal für den Anbau von Wein wären. Die spanischsprechende Bevölkerung hätte allerdings weder Wissen noch Ambitionen, Weinanbau zu betreiben, wie er meint.

Im Kalifornien dieser Zeit ist beispielsweise Zaumzeug und Sattel mehr Wert als das eigentliche Pferd – es gibt einfach genug dieser Tiere, die irgendwie auch allen gehören zu scheinen. Das Pueblo de Los Angeles ist ein recht kleiner, nicht sehr attraktiver Ort, wenn auch bereits damals wichtig für den Handel, genauso wie San Francisco.

Dana umrundet Kap Horn zwei Mal unter schweren Bedingungen, und wiederholt dies 1859 noch einmal. Dann jedoch als etablierter Rechtsanwalt und Passagier eines modernen Dampfschiffes. Für ihn ist es faszinierend zu sehen, wie sich das Kalifornien von damals in so kurzer Zeit verändert hat.  Das Pueblo de los Angeles ist nun die größte Stadt, und Alcatraz in der Einfahrt zu San Francisco ist nicht mehr die kleine Insel, auf der Feuerholz geschlagen wurde, und auf der es von Klapperschlangen wimmelte, sondern lediglich ein kahler Felsen dem eine Festung eine neue Bedeutung gibt.

Der Handel mit Tierhäuten hat nahezu komplett an Bedeutung verloren. Nun sind es tatsächlich Weinanbau, die Jagd auf Gold sowie große Farmen, die die größte wirtschaftliche Rolle spielen. Dana trifft in Kalifornien auf alte Weggefährten, die ihm durch ihre eigenen Erzählungen helfen, den Wandel in so kurzer Zeit zu begreifen.

Genauso spannend, wie es damals für Dana war, diesen Wandel zu erleben, genauso spannend ist es bis auf den heutigen Tag, seine Erfahrungen nachzulesen. Die Inseln von Hawaii waren damals noch die „Sandwich-Islands“ deren Bewohner sich selber die „Kanaka“ nannten. Ein Begriff aus dem wohl unser heutiges Schimpfwort resultiert. Die Bewohner der Sandwich-Inseln waren bereits damals sehr gute Seefahrer und oft Bestandteil der Besatzungen von in Kalifornien tätigen Handelsschiffen. Zumindest temporär, denn das Klima in der Nähe von Kap Horn, so beschreibt es Dana, sei zu hart für die ansonsten tüchtigen Seeleute. Aus diesem Grund blieben die meisten von ihnen im Pazifik, statt beispielsweise den Bostoner Crews an den Atlantik zu folgen.

Wenn man nun Danas Beschreibung mit dem Kalifornien wie wir es heute kennen vergleicht, dann ist dies schon ein extremer und auch ein extrem faszinierender Wandel. Der Bau des Panama Kanals wurde übrigens erst zwei Jahre vor Danas Tod (1880) begonnen und 1914 fertig gestellt. In den Genuss kam er also leider nicht mehr für eine dritte Reise.

„Two Years before the Mast“ ist in mehreren Ausgaben sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch verfügbar. Auf Englisch als Reprint bei Amazon oder als Ebook bei Forgottenbooks.org. Eine deutsche Ausgabe kann man antiquarisch über das ZVAB beziehen. Ich selber habe übrigens die englische Ausgabe als Reprint gelesen. Nicht so schwer zu verstehen, außer ein paar alt-amerikanischen Ausdrücken.

Faszinierend, dass auch so alte Bücher immer noch die gleiche Faszination ausüben wie zur Zeit ihrer Erstausgabe! Dieses sei deshalb wärmstens empfohlen.

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