Mittwoch, 15.01.2014 | 00:04 Uhr

Autor: Annette

Rafael Chirbes: Am Ufer

Rafael Chirbes: Am Ufer

Spanien in der Wirtschaftskrise. Estaban, Mitinhaber einer kleinen Familienschreinerei in Südspanien, steht mit 70 Jahren vor einem einzigen Scherbenhaufen. Er hat den gesamten Besitz seines Vaters und sein Erspartes einem Bauunternehmer anvertraut, der pleite gegangen und abgetaucht ist.

Der erhoffte Gewinn sollte ein finaler Befreiungsschlag werden, raus aus der Enge der Werkstatt und dem Abhängigkeitsverhältnis zum Vater. Stattdessen wirft ihn der Verlust mit voller Härte zurück. Esteban muss seine Angestellten und die kolumbianische Pflegerin seines Vaters entlassen, er darf die Werkstatt nicht mehr betreten und wegen diverser Urkundenfälschungen droht ihm eine Gefängnisstrafe.

Das ist die Ausgangssituation, in der Rafael Chirbes ihn Resümee ziehen lässt. Es fällt bitter aus. Akribisch kehrt Estaban zu den Stationen seines Lebens zurück, die sein Scheitern vorgezeichnet oder begünstigt haben: die unglückliche Liebe zu Leonor, die seinem besten Freund den Vorzug gab, die erdrückende Präsenz seiner Eltern und die Prägung durch seinen Vater, ein Sozialist, der eigentlich Bildhauer werden wollte und sich nach dem Bürgerkrieg in die Verhältnisse gefügt hat.

“Durch meinen Kopf ziehen Erinnerungen, die mir gehören, weil ich sie selbst gesammelt habe, andere habe ich geerbt, aber sie sind nicht weniger lebendig”, resümiert Estaban.

Träume und Lügen. Jede Figur in Chirbes neuem Roman wird damit konfrontiert. Da ist die Kolumbianerin Liliana, die als Drogenkurier nach Europa kam und von einem besseren Leben geträumt hat, nun einen arbeitslosen Mann und ihre Kinder mit Gelegenheitsjobs durchbringen muss. Oder Estebans Jugendfreund Francisco, dessen glatter Start ins Leben mit den Verbrechen seines Vaters als Mitglied der Falange gepflastert ist.

Einzige Zuflucht bleibt die Landschaft. Sie ist kein unberührtes Stück Natur, aber eine geduldige Begleiterin, eine Zufluchtsstätte, nicht zuletzt für Esteban.

Rafael Chirbes’ Spanienbild ist keine Momentaufnahme. Ausgehend von der gegenwärtigen Krise sucht er nach den Wurzeln. Aus der Perspektive ganz unterschiedlicher Figuren entsteht ein atmosphärisch dichter, schonungsloser und trotzdem mitfühlender Roman. Nicht zum ersten Mal widmet sich der 1949 in in Tabernes de Valldigna bei Valencia geborene Schriftsteller der Wirtschaftskrise. Sie ist bereits in seinem 2008 auf Deutsch erschienenen Roman “Krematorium” Thema.

“Am Ufer” ist ein Buch, dass die Menschen in der Krise in den Mittelpunkt stellt. Wer sich für die spanische Gesellschaft interessiert, Gefallen an psychologisch ausgefeilten Charakteranalysen und nicht vor klaren, mitunter derben Worten zurückschreckt, der sollte den neuen Roman von Rafael Chirbes unbedingt lesen.

 

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