Montag, 16.02.2015 | 02:01 Uhr

Autor: rwmoos

Howard Schwartz: Liliths Höhle. Jüdische Erzählungen aus dem Bereich des Übernatürlichen

COVER 02.cdr
Illustrationen von Uri Shulevitz

Liliths Höhle. Jüdische Erzählungen aus dem Bereich des Übernatürlichen

978-3-87680-400-2
Tüchersfeld 2014
€ 39,80

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Rezensent war an der Herausgabe dieses Buches beteiligt und ist damit objektiv befangen. Subjektiv aber sei ihm die Begeisterung gestattet, die in dieser Buchvorstellung einen kleinen Ausdruck findet. Denn es war seine Rezension der englischen Originalausgabe, die schließlich auch zu einer deutschen Edition führte.

Howard Schwartz hat sich im englischsprachigen Raum als Herausgeber und Autor vieler Judaica einen Namen gemacht. The Captive Soul of the Messiah erhielt 1984 den renommierten American Book Award der Before Columbus Foundation. Viel beachtete Sammlungen jüdischer Erzählungen legte er mit Elijah’s Violin und Miriam’s Tambourin vor. Mit Liliths Höhle hält der Leser nun endlich das erste Mal eine seiner wegweisenden Sammlungen auf Deutsch in den Händen.
Bis auf wenigen Experten ist durch die Ermordung des deutsch- und jiddischsprachigen Bevölkerungsteils im deutschsprachigen Raum der Kontext des Judentums verloren gegangen und sogar das Interesse an seinen verschiedenen Ausprägungen oft eher kosmetischer Natur.
Der Glaube an das Übernatürliche, wie er sich in vielen Geschichten von „Liliths Höhle“ darstellt, und wie er zwischen Frömmigkeit und Aberglaube changiert, hat seine Wurzeln bei Weitem nicht nur aber hauptsächlich in der chassidischen Überlieferung.
Man kann derzeit (Stand Anfang 2015) einmal den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu Baal Schem Tow, dem Begründer der neueren chassidischen Bewegung aufschlagen. Dann vergleiche man diesen mit dem englischsprachigen Artikel. Der reine Umfang zeigt eigentlich schon auf, in welchem Verhältnis sich der Kontext einer deutschsprachigen Übersetzung der vorliegenden Geschichten im Vergleich zum Kontext der englischsprachigen Ausgabe bewegt.
Dabei kann man aus der Begeisterung für amerikanische Spielfilme, Fernsehserien und Computerspiele, die diese Themen aufgreifen, verweben bis verwursten, und jedenfalls mit beiden Händen aus der reichhaltigen jüdischen supernaturalistischen Quelle schöpfen, zumindest in der jungen Generation ein sich neu gruselndes Interesse bemerken. Und auch wenn meine Generation, die noch mit leibhaftigen Büchern aufwuchs, auf jene schnelllebigen Produkte ein wenig scheel herabsieht – sie zeigen, wie lebendig doch die Tradition dort ist.
In diesem Werk – das hoffentlich nur einen Anfang darstellt – werden die alten jüdischen Geschichten wieder lebendig, die eine Vorstellung von Lilith, ihrem Partner Asmodeus und deren beider Heerscharen zweifelhafter Provenienz sowie von ihren menschlichen Gegenspielern vermitteln.
Lange genug hat man im deutschsprachigen Raum lediglich von Tertiär- und Quartiärliteratur zehren müssen, die diese alten Elemente den heutigen Denkweisen anzupassen suchen, ohne ihre alte Kraft zu erreichen. Hier endlich hält man die Geschichten in den Händen, die, aus ein paar Bemerkungen der Thora entstanden, in Talmud, Sohar und anderen Schriften weiterentwickelt wurden, um dann in die jüdische Volksfrömmigkeit, insbesondere der chassidischen Tradition einzumünden.
Ein besonderer Gewinn sind die Illustrationen von Uri Shulevitz, die, geheimnisvoll, leidenschaftlich oder auch gelegentlich burlesk an die Hochzeit des Surrealismus gemahnen. Gleichzeitig überdeutlich und doch voller unerlöster Fragen spiegeln sie gleichsam die Thematik der Texte in der von einer Brise zerfahrenen Oberfläche eines stillen Wassers wider.
Dieses Buch ist ein Muss für Judaisten und Theologen. Es ist aber ebenso ein Gewinn für alle, die sich mit den alten Mysterien und ihren neuen Adaptionen in der so genannten Fantasy-Literatur beschäftigen.
Lediglich als Gute-Nacht-Geschichten zum Einschlafen für den eventuell zart besaiteten Nachwuchs wäre „Liliths Höhle“ eher nicht zu empfehlen.

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