Mittwoch, 30.05.2007 | 15:23 Uhr

Autor: molosovsky

Büchergilde Gutenberg präsentiert die »Die Bibliothek von Babel« von Jorge Luis Borges

Hurrah, es tut sich etwas in Sachen Phantastik! Nein, ich meine nicht die Schwemme an Genre-(Jugend-)Phantastik, diesen (leider meistens) läppischen Franchisevehikeln, die mit Zauberlehrlingen und Drachenreitern als McHelden Konsumententreue an sich binden wollen. Ganz im Gegenteil: Ich bin sehr zufrieden, wie die Büchergilde Gutenberg mit ihrer Neuauflage der von Jorge Luis Borges zusammengestellten Anthologie-Reihe »Die Bibliothek von Babel« vorführt, daß man auch auf lobliche Weise auf den gegenwärtigen Phantastik-Hype aufspringen kann.[01]

Traut Euch ruhig, liebe Leser, und folgt mir auf meinem ersten Streifzug durch das Borges’sche ›Fantasyland‹, lest:

(In meinem Blog gibts es noch eine Abteilung, mit weiteren Lektüretips zu Borges-ähnlicher Edel-Phantastik.

1—NATÜRLICH, EINE ALTE HANDSCHRIFT
(naja, ein Roman aus den frühen Achtzigern)
Den Lyriker, Essayisten und Erzähler Jorge Luis Borges (1899-1986) habe ich als Teen mittels der Lektüre von Umberto Ecos (*1932) Roman »Der Name der Rose« (1980 / dt. 1982) entdeckt.

Eco hatte sich bereits in den 60ger- und 70ger-Jahren einen guten Ruf als gründlicher, streitbarer und gewitzter Intellektueller erschrieben. Einerseits trat er mit (nicht gerade immer leicht lesbaren, aber ungemein lehr- & aufschlussreichen) Fachbüchern zu Semiotik hervor (z.B. »Lector in fabula« und »Das Offene Kunstwerk«), andererseits brillierte er durch gewitzt-muntere und jedermensch zugängliche Essays und Kolumnen (z.B. »Sämtliche Glossen und Parodien«). Nicht zuletzt sorgten dann die politischen Wirren der Siebzigerjahre dafür, daß Eco 1978 den Wunsch entwickelte einen Mönch zu vergiften, und »Der Name der Rose« ist die Frucht dieser Mordlust.

Nun ist, wie ich zweifelsohne annehme, Eco ein großer Fan von Borges. Beide darf man als Edelfedern bezeichnen, doch beide pflegen (bzw. pflegten) auch eine Schwäche für Triviales, für Krimis und keck Phantastisches; beide also (für mich) meisterhafte Grenzüberschreiter, die es vorzüglich verstehen (bzw. verstanden) kurzweiliges Fabulieren köstlich mit inspirierender Gelehrsamkeit und philosophischen Kalorien zu vereinen.

Bei ›uns‹ begeisterten Genrelesern ist es nicht selten der Fall, daß sie die Bösewichter reizvoller finden als die Guten. So sind die liebenden Helden von Wilkie Collins »Die Frau in Weiß« fade Pappfiguren verglichen mit dem schillernden Count Fosco[02]. Die Möchtegernweltherrscher — ob Le Chiffre, Goldfinger oder Bloomfeld — der James Bond-Geschichten stellen, was Glamour und Faszinationskraft angeht, den Agentenhelden zumeist locker in den Schatten. Zumindest für einen Genrefreak wie mich ist es da keineswegs verwunderlich oder ungebührlich, wenn Eco seine Verehrung für Borges dadurch zum Ausdruck brachte, daß er Jorge Luis zum ›Vorbild‹ für den Strippenzieher der tödlichen Machenschaften seines mittelalterlichen Kriminal-Schauer-Schlüsselromans erwählte. Zwar sind mir keine Stellungnahmen von Borges zu Ecos »Der Name der Rose« bekannt, aber ich stelle mir gerne vor, daß der alte Borges seine stille Freude daran hatte, wie Eco ihn in der Figur des Jorge von Burgos liebevoll ›negativ portraitierte‹.

Umberto Eco: »Der Name der Rose«; Ausgabe der Büchergilde Gutenberg; Umschlagszier von Klaus BöttgerImmerhin: Wer möchte nicht gern der Dungeon-Master und alleinige Geheimnishüter eines mit Fallen gespickten Bibliotheksirrgartens sein, der stimmungsmäßig vielleicht noch am ehesten an die Kerkerphantasien von Piranesi erinnert (die ja tatsächlich dem genialen Filmarchitekten Dante Ferretti als Vorbild für die Bernd Eichinger-Produktion dienten)?

Und dieser (wie Borges selbst auch) blinde Fanatikergreis Jorge von Burgos ist ein zum Niederknien beeindruckend-schröcklicher Bösewicht. Bester Philosophen-Horror, wenn Jorge im Disput mit William von Baskerville das Lachen als teuflisch verdammt. Wunderbar die Volte, wenn Jorge störrisch auf die Deutungshoheit des kirchlichen Machtapperates beharrt[03]:

»Wer zweifelt, wende sich an eine Autorität, befrage die Schriften eines heiligen Vaters oder Gelehrten, und schon endet jeder Zweifel.«

›Volte‹, weil Borges selbst eher (wenn schon denn schon) den fröhlicheren Strömungen eines anarchistischeren Katholizismus etwas abgewinnen konnte[04]:

»{I}ch {hänge} keinem philosophischem System {an}, außer, und hier könnte ich mit Chesterton übereinstimmen, dem System der Ratlosigkeit.«

Schon vor zwanzig Jahren als Jugendlicher, war ich (wie heut noch) hin- und hergerissen zwischen Größenwahn und eben genau dieser Ratlosigkeit, und dank der Hinweise des Buches »Das Geheimnis der Rose entschlüsselt« (Klaus Ickert & Ursula Schick, Heyne 1986) als Kompass, fand ich damals eben bald schon zu meinen ersten Borges-Büchern. Und da ich mich sonst gern und heftig in die Pose des kritischen Lesers/Rezensenten werfe, der bei trostspendenden Literarturen verächtlich abwinkt, freu ich mich ausgleichend gestehen zu können, daß die ›Relevante Phantastik‹ eines Borges zu den wenigen Narrationen gehört, deren tröstende Töne ich gerne vernehme. Vergänglichkeit als Chance sehen, das ist der ganze Trick, so unheimlich er auch anmutet.

2—DIE GROSSE TRADITION DES DISREPEKTIERLICHEN
Allzugerne erinnere ich immer wieder an den manchen wohl so gar nicht schmeckenden Umstand, daß Phantastik nicht weniger bezeichnet, denn alles Reden in Metaphern, Allegorien, Symbolen, Sprachbildern, Anwend- und Übertragbarkeiten, eben alles ›sehen machendes‹ und (vor dem inneren Auge) ›erscheinen lassendes‹ Schildern und Erzählen.

Aber Phantastik kann man auf viele verschiedene Arten betreiben. Das fängt im Kleinen und Alltäglichen mit solchen Metaphern wie »Schmetterlinge im Bauch« (fürs Solar Plexus-& Magenkribbeln beim Verliebtsein) oder »Das Glas ist halb voll / halb leer« (für optimistische / pessimistische Realitätstunnelperspektiven) an und geht im Großen und Weltbewegenden weiter, wenn politisch vom »vollen Boot« oder dem »Haus Europas« gebabbbelt wird, oder die Wissenschaft und mit neuen Fabeltier-Allegorien wie Schrödingers Katze, Pawolows Hund oder Hilberts Hotel die Kompliziertheit des Universums zu erklären trachten. (Und ja: ich mag die Vorstellung, ein Hotel als Fabeltier zu nehmen.)

Das einfache Alltags-Metaphernregister, mit dem wir der Innenwelt unserer Gedanken und Empfindungen Ausdruck verleihen, oder mit denen wir uns die schwer zu fassenden und beobachtbaren Vorgänge gegenseitig erklären, hat sich schon vor langer Zeit hochverfeindert zu kleinen Erzählungsformen, die sich zuhauf bereits in den Versepen der Altvorderen, heiligen Texten und Märchen finden lassen. Wie groß ist allein schon das Phantastik-Repertoir der Fabeln, mit ihren königlichen Löwen, kriegerischen Hunde, eitlen Pfauen, diebischen Raben, verschlagenen Füchse, faulen Musikergrillen und fleissigen Arbeitsameisen. Alles menschliche Eigenschaften, die wir auf die Tiere übertragen, um auf unterhaltsame Weise z.B. moralische Lektionen weiterzugeben. Kaum Einwände vernehme ich, wenn respektable Erzphilosophen sich mit Phantastik behelfen, um ihre welterklärenden Gedanken auszubreiten, wie es der Initiator des ›Ideenkrieges um das Sein‹ Platon mit seinem berühmten Höhlengleichnis und dem nicht ganz so berühmten Sonnengleichnis tat.

Also immer gern her damit, wenn sich nun die Büchergilde Gutenberg mit Jorge Luis Borges einem der großen Phantasten des 20. Jahrhunderts annimmt, indem man von April 2007 bis April 2008 in 5 Staffeln die von Borges ausgewählten 30 Bände der »Bibliothek von Babel« endlich wieder für deutsche Leser zugänglich macht[05]. Ich konnte nicht umhin, den »Die Welt«-Autoren Henrik Werner mit meinem Literturwelt-Eintrag »Die vermeindliche Wirklichkeitsflucht« zu rügen, wenn er dieses mutige Unterfangen der Büchergilde gedankenschwach in einen Topf wirft mit dem oben angesprochenen McFantasy-Hype. Mit großer Freude aber las ich Thomas Klingenmaiers löblich verständnisvolle Jubelmeldung »Der Tod und weitere unseriöse Bekanntschaften« in der Stuttgarter Zeitung. Fast möcht ich meinen, daß Klingenmaier die beiden Schlußabsätze seines Artikels aus meinem Knochenmark abschrieb, so treffend, knapp und überzeugend klärt er die verzwickte Lage der Phantastik wenn es bei ihm heißt (Hervorhebungen von Molo):

Dass Fantasy und Horror nicht nur bei jungen Lesern Lektürefieber entzünden, geht in die Klagen über den Verfall der Lesekultur nicht ein. Die Reputation moderner Fantastik beim literarischen Establishment ist verheerend. Mit Nachsicht kann einzig ausgewiesene Kinder- und Jugendliteratur wie »Harry Potter« rechnen. Ihr wird das Potenzial gutgeschrieben, zur Literatur im Allgemeinen hinzuführen. Liest der Interessierte dann aber Tad Williams statt Martin Walser, gilt die Leseförderung wieder als gescheitert. Gegen solche Arroganz kann »Die Bibliothek von Babel« helfen, auch wenn sie moderne Fantastik nicht umfasst. Das wenig Respektierliche hat eine große Tradition.

Genrefreunde können in Jorge Luis Borges‘ Sammlung Texte in anderen Farben als den gewohnten entdecken. Und mancher Rationalist, der angesichts von Elfen, Zwergen und Drachen in der modernen Fantasy erst einmal reflexhaft in Verteidigungsstellung zum Schutz der Vernunft geht, kann sich hier entspannt daran erinnern, das Literatur nicht unbedingt das verdoppeln muss, was wir jeden Tag vor Augen haben, dass es ihr auch erlaubt ist, mit dem zu spielen, was jede Nacht durch unsere Träume geistert.

Phantastik kann eben schnell langweilig und schal werden, wenn das Metaphernregister zu Formelhaftigkeit verkomt, sich aufdröseln läßt wie ein Zuordnungsspiel oder ein »Malen nach Zahlen«-Bild. Spannend, aber eben auch schwerer einzuordnen, ist aber Phantastik, bei der die Unmöglichkeiten sowohl für sich stehen, als auch einen Bezug zur tatsächlichen Wirklichkeit anklingen lassen.

»Die Bibliothek von Babel«, Band 5: »25. August 1983« von Jorge Luis Borges; Edition Büchergilde Gutenberg. Umschlagszier von Bernhard Jäger3—»25. AUGUST 1983«
Zu Meister Borges selbst, von dem fünf Erzählungen im fünften Band (erste Staffel, April 2007) der »Bibliothek von Babel«-Anthoreihe geboten werden, nebst einem Vorwort von Martin Gregor-Dellin[06], einem Borges-Interview mit Maria Ester Vásquez und einer bio/bibliographischen Zeittafel.

Glücklich macht mich allein schon, daß die 30 Babelbände Lesern (mit Ausnahme einiger Novellen wie z.B Beckfords »Vathek«) ein abwechslungsreiches Kurzgeschichten-Potpourrie aufspielt. Völlig zurecht jammert man ja kläglich darüber, daß es in den Mainstream-Printmedien fast gar keine Plattform mehr für Kurzprosa gibt, und daß sich diese Textform auch als Buch bei uns schwer tut.
Da kann ich mich nur verdutzt fragen: Warum eigentlich?
Immerhin eignen sich Kurzgeschichten wie kaum etwas als Unterwegs-, Zu-Bett-geh- und Zwischendurchlektüre, bieten stilistische, strukturellen und perspektivischen Abwechslungsreichtum und anders als Romane, konzentrieren sie sich zumeist auf das zündende Aufblühen EINER Idee. Wer hat schon allerweil Lust auf ganze Torten, wenn doch das Naschen verschiedener Pralinee- & Konfektstückchen ebenfalls höchste Genüße bereitet?

Gleich mit der ersten Geschichte der Auswahl (von der die Antho-Reihe auch ihren Titel entliehen hat) »Die Bibliothek von Babel«[07] wird mit den eröffnenden Worten

Das Universum, das andere die Bibliothek nennen {…}

eine riesige Phantastikbühne aufgefahren, ein Gedankenspiel, das so ähnlich allen bibliomanen lesenden Weltenwanderen vertraut sein dürfte. Ein namenloser Einwohner schildert uns das Leben in dieser Bibliothekswelt. Wie er als junger Mensch den Katalog aller Kataloge gesucht hat; daß es

in der ungeheuer weiträumigen Bibliothek nicht zwei identische Bücher {gibt}

und er erzählt von den verschiedenen, z.T. im Streit miteinander lebenden Fraktionen der Bibliothekare: den Mystikern, den Inquisitoren, den Lästerern, den Pietätslosen. Grob trau ich mich zusammenfassen, daß diese Geschichte eine stoisch anmutende Meditation ist, die unerschrocken über Phänomene wie Unendlichkeit, Variationsvielfalt, Raum und Zeit spricht. — Literarisch reizvoll ist diese Geschichte auch, weil Borges sich hierbei sozusagen als Fanfiction-Schreiber zeigt, oder wie er selbst in einem Interview erklärt[08]:

»Diese Story habe ich geschrieben, als ich besonders versessen darauf war, Kafka nachzuäffen«

Der alte Borges. Die zweite Geschichte, »25. August 1983« [09], zeigt nun, wozu sich Phantastik vorzüglich eignet: Borges fabuliert hier über sich selbst als Protagonisten, mit Spengseln eines feinen zart-bitterem Humors aber durchaus ernst, über die sehr dunkle menschliche Erfahrung des Selbstmorders, bzw. des Selbstmordgedankenspiels. Ich will die Depression nicht verherrlichen, bin aber der Meinung, daß es zu den fundamentalen Aspekten des Lebens gehört, mit dem Gedanken zu flirten der eigenen Existenz ein Ende zu setzten. Immerhin sind wir alle der Sterblichkeit ausgeliefert, und gerade in der Zeit des Übergangs vom Jugendlichen zum Erwachsenen können erschreckende Vor- & Hinter-den-Kulissen-Erfahrungen mit der Schlechthinigkeit der (Menschen-)Welt dazu führen, daß man auf die Idee kommt, der Misrere des Ausgeliefertseins zum Leben mit eigener Gestaltungsmacht entgegenzuwirken. Borges inszeniert sich hier als Doppelgänger. Ein junger Borges begegnet in einem Hotel einem alten Borges, der sich selbst vergiftet hat, nun sterbed im Bett liegt und mit seinem jüngeren Ich plaudert. Ich finde es zum schmunzeln (aber auch unheimlich), wie die beiden sich gegenseitig ausloten, um herauszubekommen, wer sich da in wessen Traum verlohren hat, oder ob gar beide träumen. Auch wird offen über die Erfahrung des Ekels vor sich selbst gesprochen, wenn der junge Borges zum alten sagt:

»Ich hasse dein Gesicht, das meine Karikatur ist, ich hasse deine Stimme, die mich nachäfft, ich hasse deinen geschwollenen Satzbau, der der meine ist.«

Tja, mit sich selbst kann man langfristig wohl nur dann im Reinen bleiben, solange mensch sich als alte Person erträglich vorzustellen vermag.

Die kürzeste Erzählung der Auswahl, »Die Rose des Paracelsus«[10], führt nun den Renaissancegelehrten als Magier vor. Der hätte gerne einen Schüler, und es folgt eine seltsam-komisch schiefgelaufende Initiationsprüfung. Harry Potter-Fans aufgepasst: es geht um den Stein den Weisen, den der Schüler finden möchte, und von dem Paracelsus meint, daß der Weg zum Stein der Weisen bereits der Stein selbst ist. Außerdem kann man lernen, was man von einem Wunderwirker niemals verlangen darf.

»Blaue Tiger«[11] bietet eine passende Gelegenheit, meiner heftigen Begeisterung für die wunderschönen Titelaquarelle von Bernhard Jäger Platz eimnzuräumen, sowie darüber, daß die Büchergilde diesen exzellenten Illustrator über die Herausforderung sprechen läßt, dreißig Bände Phantastik mit Umschlagszier zu versorgen. Und gerade dieser Band 5 mit den Borges-Erzählungen ist für Illustratoren keine leichte Sache, denn wie Jäger schön erklärt:

Borges {…} ist hoch-intellektuell, schwer zu illustrieren. Man muss sich eine Erzählung herausnehmen, ein Schlagwort oder ein Kürzel, und darüber arbeiten. Der Schlaf und der Traum spielen eine große Rolle. Es sind Geschichten, von denen man nicht weiß, sind sie Traum oder Realität. Das realistisch darzustellen, ist unmöglich. Von allen, die ich bisher gelesen habe, ist Borges der intellektuellste, einer, der auch mit dem Genre spielt. Das ist schon toll, das ist große Literatur.

Auch hätte mich bei der gegebenen Auwahl für »Blaue Tiger« entschieden, denn hier legt Borges noch am ehesten sowas wie eine ›normale‹ Mystery-Abenteuergeschichte vor, wenn er Alexander Craigie, Prof. für abend- und morgenländische Logik in Lahor, berichten läßt von seiner Queste nach dem Blauen Tiger im Ganghes-Delta. Klassischer Abenteuer- & Phantastik-›Trash‹ geht noch ab, wenn der Europäer auf einen Dschungelstamm abrgläubisch raunender Geheimnisträger trifft; der Borges’sche Sonderpowerboost aber zündet, wenn Craigie statt des gewünschten Tigers rätselhafte blaue Kieselsteine findet, die sich gänzlich unerhört verhalten, auf eine Weise, die vor allem mathematisch angehauchten Gemüthern richtiggehend Lovecraft’sche Kosmische Schrecken einjagen dürfte. Der Protag aber entpuppt sich als echter Jedivorläufer, da er einen ungewöhnlichen gewaltfreien Weg findet, sich vom Wahnsinn der Steine zu befreien. Da schimmern dann doch die sozialistisch-kommunistischen Wallungen durch, die den jungen Borges durchwallt haben mögen, und von denen er sich einst befreit zu haben glaubte, als er zwei entsprechende Frühwerke vernichtete, ehe er von einem längeren Europaaufenthalt nach Südamerika zurückkehrte.

Die letzte Geschichte ist die beunruhigende, aber (wie immer bei Borges) mit scheinbar müheloser Elegenaz ausgebreitete Traumdystopie »Utopie eines müden Mannes«[12]. In dieser Geschichte tritt Eudoro Acevedo auf, ein mittlerweile steinalter Prof. für englische und amerikanische Literatur, der selbst Phantastik schreibt, und sich (ohne daß dies große erklärt wird) in einer öden fernen Zukunft der Erde wiederfindet, und sich mit einem der dortigen Bewohner unterhält. Da gibts freche Rempeleien gegen religiöse Scholastenphantastik …

»Ich entsinne mich«, antwortete er {zu Zukunftsmensch}, »zwei phantastische Erzählungen ohne Mißfallen gelesen zu haben. Die ›Reisen des Käptäns Lemuel Guilliver‹, die viele für wahr halten, und die ›Summa Theologica‹.«

…und vermittels einer Platzierung des Namens Adolf Hitler kurz vor Schluß, dämmert wohl auch dem letzten Leser, was für eine düstere Gesellschaftskritik das Geplauder der Erzählung birgt.

Einen munteren und interessanten Blick auf Borges gewährt das abschließenden Interview des Autoren mit Maria Esther Vasquez (das leider keine Jahres & Quellenangabe hat). Borges erzählt über seine frühen Jahre, seine Jugendzeit in Europa, seinen Blick aufs eigene Werk, seine immer wiederkehrenden Themen (Labyrinth, Spiegel, Vielfalt des Ichs, wiederkehrende Zyklen, Tiger, Messer- und Mut-Sekte, Buenos Aires, Säbel), Politik, Ehrungen & Vorlieben, nordische Sprachen, Leben, eigene Fehler & Tugenden sowie Musik, Malerei & Tod. – Da vergnüg ich mich freilich, wenn Borges und ich ein wenig Geschmack gemein haben, und er freimütig über das Gekleckse eines El Greco lästert, oder Johannes Brahms als einen ihn berührenden Komponisten lobt.

Kurz: ich bin mehr als glücklich über die Großunternehmung der Büchergilde Gutenberg, uns diesen Schatz der ›literarischen Phanatstik‹ neuauflegt wieder zugänglich zu machen (kann man auch als Nicht-Büchergildenmitflied in der Edition Büchergilde erstehen; einzeln oder auch mit ermäßgten Staffelpreisen). Ich gebe zu: man braucht für die ganzen 30 Bände schon einen bessertrainierten Geldbörsenmuskel. Aber für was gibts Feiertags- und Geburtstagsschenkerei! Diese 30 Bände sind eine Anschaffung fürs Leben.

Ich geh weiter mit dem Major Grubert-Hut auf Exkursion in Babelgefilde, verabschiede mich schon mal für jetzt, und danke allen, die so ausdauernd meiner Schreibe zu folgen Freude bereitet hat, und hoffe, daß mein Geschmack vielleicht als willkommene Orietierung in Sachen ›Qualitäts-Phantastik‹ dienen konnte.
Bis zur nächsten (zweiten) Folge meiner Babel-Reihe, etwa Mitte Juno
Euer Molosovsky / Alex

•••••
ANMERKUNGEN:
[01] Nebenbei: Mein Plan ist, jeden Monat einen Band der »Bibliothek von Babel«-Reihe vorzustellen. Dieses Unterfangen ist mein Versuch, zu zeigen, wie man sich als Blogger aus Begeisterung und Spaß an der Freud einer ›Mission‹ widmet. Ich Danke der Büchergilde für ihre Unterstützung und den Mut, sich auf einen unprofessionellen Daherschreiber wie mich einzulassen. ••• Zurück

[02] Oder wie es der gute Arno Schmidt knackig umschreibt in einerm seiner unvergleichlichen Radiodialoge. Aus »Der Titel Aller Titel ! Betrachtungen zu Wilkie Collins & seiner ‹Frau in Weiß›« (1966), Haffmans 1991, Werkgruppe II, Band 3, S. 271.

Sprecher A {Berichterstatter}: {…} damals mußte ein Autor halt, hell-angestrahlt in Bühnen=Mitte, 2 Menschen=Attrappen hinstellen, die süß=unbeholfen Hand‘ & Füß‘ umeinander legen: als Alibi ! Das wirklich=Wichtige aber spielt sich in, beziehungsweise dicht vor der Culisse ab. Sind dort doch angeblich nur Statisten-Comparsen am Werk; zum Teil ausdrücklich als Bösewichtier & =Wichterinnen deklarriert; Denen man ergo einiges — recht Vieles — : viellecht sogar Alles ! ? — verzeihen kann; ohne sich ob der Sympathie mit, der Freude an, ihnen moralisch belastet vorkommen zu müssen.
Sprecher B {Fragen & Einwände} (begreifend): Achso ! — Durch das chemisch gereinigte Haupt-Paar in Vordergrunds Mitten, wird das ‹Über=Ich› des Lesers auf’s respektabelste beruhigt; so daß dann im breiten Rahmen=Rankenwerk allerlei Schalkisches vor sich gehen darf : ‹da Wir ja doch nur träumen, kommt’s darauf auch nicht an›.
Sprecher A (bestätigend): Ergibt sich der Satz : ‹Im Viktorianischen Roman sind die Neben=Figuren immer die Haupt=Figuren›.

Arno bringt hier etwas auf den Punkt, daß nicht nur für den Viktorianischen Roman, sondern (da diese Epoche den heutigen Publikumsroman bis heute stark prägt) auch für viele viele Mainstream-Narrationen immer noch gilt. Jüngstes mir genehmes Blockbusterbeispiel gibt da die »Piraten der Karibik«-Trio ab. Keira Kneightly und Orlando Bloom geben die sich anhimmelnden Lämmerlein treffend, und bleiben doch für mich nebensächliche flache Figuren, da die eigentlich interessanten Helden die zwielichtigen, irren und monstösen Figuren sind wie Jack Sparrow, Davy Jones, Barbosa & Co. ••• Zurück

[03] »Der Name der Rose«, Hanser, S. 170. ••• Zurück

[04] »25. August 1983«, Büchergilde Gutenberg, S. 98. ••• Zurück

[05] Ursprünglich 1975 beim italienischen Verlag Ricci erschienen. Es dauerte bis 1981 bis der Wagenbach-Verlag eine deutsche Ausgabe veröffentlichte, die aber bald vergriffen war. Nun endlich also, nach 16 langen Jahren kann eine neue Generation diese prächtige Antho-Reihe für sich entdecken. ••• Zurück

[06] Martin Gregor-Dellin (1926-1988): Schriftsteller, Lektor und Herausgeber. Mir zum Beispiel positiv aufgefallen durch seine Antholgien klassischer (Schauer-)Phantastik »Die Gespenstertruhe« (1964) und »Das Wachsfigurenkabinett« (1974). ••• Zurück

[07] Aus der Sammlung »Fiktionen« (1942-1944). ••• Zurück

[08] Quelle: Anmerkung zur Geschichte in »Fiktionen«, Hrsg. von Gisbert Haefs & Fritz Arnold, Fischer Taschenbuch 1992, S. 179. ••• Zurück

[09] Aus der Sammlung »Shakespeares Gedächtnis« (1980/83). ••• Zurück

[10] Aus der Sammlung »Shakespeares Gedächtnis« (1980/83). ••• Zurück

[11] Aus der Sammlung »Shakespeares Gedächtnis« (1980/83). ••• Zurück

[12] Aus der Sammlung »Das Sandbuch« (1975). ••• Zurück

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11 Kommentare

  1. Boris Says:

    Ich bin seinerzeit einmal über Stanislaw Lem zu J.L. Borges gekommen und fasziniert hängen geblieben. Schließlich dann zu J. Cortazar gelangt und noch faszinierter gewesen, weil dessen literarische Fantastik leichter und irgendwie lebensnäher von der schreibenden Hand zu fließen scheint.

    Mir scheint aber in dieser geplanten Sammlung James Graham Ballard zu fehlen.

    Trotzdem ist eine solche Edition wohl ein feines Unterfangen, obwohl ich nicht glaube, dass man damit die aktuelle Generation der Leser verpotterter Fantastik-Kaspereien für das Lesen anspruchsvoller fantastischer Literatur gewinnen kann.

  2. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Freut mich Boris, daß Du Dich traust als »Edel-Phantastik«-Leser zu kommentieren. Ich persönlich hab ja per se nichts gegen Genre-Trash und bin nicht nur unter der Bettdecke im Stillen durchaus auch von dem ein oder anderen Serien-Vehikeln begeistert (z.B. »Resident Evil« oder den dreckigen Games Workshop-Fantasyromanen von Jack Yeovil.) — Obwohl mir das ganze Tamtam um Harry Potter freilich auch unheimlich ist, ist der Töpferjunge eine der wenigen großen Mainstream-Hype-Spitzen, die ich bereitwillig mitnehme. Immerhin: die Bücher lassen sich flott weglesen, wenn man sich nicht an den z.B. deutlich laxen Lektorat stört.

    Die »Bibliothek von Babel« der Büchergilde ist eine gute Gelegenheit sich entweder neugierig aus den 30 Bänden den ein oder anderen Band herauszupicken, oder eben gleich die ganze Anthoreihe anzuschaffen, als sichere LektüreBank (und nebenbei: schönen Regalschmuck 🙂 in Sachen Phantastik-Klassiker. Nebenbei ist diese Anthoreihe ja eine gute Sammlung an Phantastik der sich entwickelnden literarischen Moderne.

    Lem, Borges, Cortazar, Ballard … ach ja, es GIBT durchaus viele respektwürdige Phantastikautoren, die mal mehr, mal weniger markant dem sogenannten Genre-Feld angehören.

    Nebenbei: ich stöbere schon seit einigen Jahren nach Lust und Laune in den gesammelten Erzählungen von Cortazar, und auch anhand seines »Rayuela« trau ich mich sage, daß der gute auch schon mal den »wilden Spinner« raushängen läßt.

    Ballard ist ja so ein englischer Qualitätsautor, der bei uns inzwischen ganz sträflich vernächlässigt wird. Schade eigentlich, denn er ist einer der gesellschafts-kritischeren Edelautoren der zeitgenössischen Phantastik. Bei uns kennt man ihn wohl noch am ehesten als Autoren von »Im Reich der Sonne«, II. Weltkriegs-Kindheitstrauma-Verarbeitung von Ballard, die mit Christian Bale von Spielberg verfilmt wurde.

  3. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    James G. Ballerd: Grad hab ich die Meldung reinbekommen, daß bei Phantastik-News eine Rezi online ist, zum ersten Sammelband der kompletten Ballard-Kurzgeschichten bei Heyne: »Die Stimmen der Zeit«
    Hab ich also wiedermal zu früh losgejammert. Grad die Kurzgeschichen von Ballard sind köstlich. Also: Danke Heyne!

  4. Serendipity Says:

    Die Büchergilde Sammlung hört sich sehr lesenwert an. Sowohl Borges, als auch Eco und Ballard, häufeln sich auch in meinen Regalen seit Jahren.

    Übrigens: ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass Borges JG Ballard nicht in seine Bibliothek aufgenommen hat, weil er ihn nie gelesen hat. Als Borges seine Bibliothek zusammenstellte, hat Ballard immer noch in Sci-Fi Magazinen veröffentlicht. Seine Anthologien haben erst Mitte der 80iger Jahre den ‚mainstream’ betreten.

    Ich möchte noch eine kleine Einschränkung zu Deinem Kommentar anbringen:

    Was Eco und Borges betrifft. Nun, ich bin mir sicher Eco ist ein großer Borges Fan (wer ist das nicht?), und sicherlich kann man in der Name der Rose eine Homage von Eco an Borges erkennen (der übrigens kurz nach der Veröffentlichung von Der Name der Rose starb: 1980 in Italien, 1982 deutsch, 1983 englisch; Borges starb 1986).

    Allerdings glaube ich nicht, dass man Borges, Eco und Ballard so einfach in einen Topf der Phantastik werfen kann.
    Die Fiktionen von Borges (damit meine ich nicht ‚Fiktiones’ sondern sein Werk an sich), rühren aus einer surrealistischen Tradition heraus. Als junger Mann in Madrid gehörte er zu einem surrealistischen Literturzirkel der sich ‚Ultraistas’ nannte.
    Eco ist in erster Linie Autor mittelalterlich-historisch-phantasievoller Romane, die meiner Ansicht nach nicht einer bestimmten kulturellen Bewegung oder Philosophie folgen.
    Ballard mag schon eher Surrealist sein, aber sein Weg führte über den Science Fiction und auch wenn einige seiner Geschichten kulturkritische Elemente enthalten, so würde ich ihn eher mit Asimov oder Radbury ins Nest setzen als mit Borges oder Eco.

    Der Punkt ist, wie du selbst sagst, Phantastik ist NICHT gleich Phantastik. Und obendrein hat sich die Literaturtheorie wohl noch nicht entschieden, was das wirklich heißt, denn im Grunde ist jegliche ‚Fiktion’ ein Kind der Phantasie des Autors. Allerdings wage ich zu behaupten, dass Borges Geschichten – so wundersam sie klingen – nicht wirklich in das Genre der Phantastik gequetscht werden sollten. Genausowenig wie Kafka. Oder Vargas Llosa.

  5. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Holla Serendipidi,
    ich hoffe ich bekomme es hin, in anständiger Kürze mit Würze auf Deine Einwände anzumerken.

    Ich selber neige dazu, jeden Autor als Unikum zu nehmen. Schulen, Traditionen, milieu- und peergroup-bedingte Hintergründe finde ich auch wichtig und aufschlußreich, und da kann man nur unverschämterweise so in einen Topf werfen, wie ich das tat.

    »Phantastik« (in all ihren Spielarten) steht auf dem Trikot meiner Literturmanschaft. Da halte ich es für schlicht fatal, wenn man Namen wie Kafka, Borges, Eco, Cortazar (und McCarthy jüngst mit seiner »Straße«) usw aus dem Feld der Phantastik ausklammert, denn es bedeutet, am eigenen Ast zu sägen. Soll denn der Spruch gelten, daß nicht Phantastik sein kann, was zu gut ist? Wohl nicht. Auch halte ich es für nötig, es nicht den Marketingghoulen zu überlassen, uns mittels ihrer fertig abgepackten Franchise-Phantastik-Nuggets vorzudefinieren, was (›Genre‹-)Phantastik wohl sei.

    Also weise ich lieber gerne darauf hin, daß es zwischen Phantastik & Realismus eine innige Wechselbeziehung gibt: keine Phantastik kommt ohne Erdung in der geteilten Wirklichkeit aus (es ließen sich sonst gar keine verstehbaren Geschichten erzählen); andererseits bietet guter Realismus immer ergreifenden, intimen, fesselnden, augenöffnenden, anteilstiftenden usw. Einblick in andere Lebenswelten. — Für einen wie mich, stellt sich also weniger die Frage, wie sich Phantastik & Realismus voneinder unterscheiden lassen, sondern vielmehr, ob es zwei Arten von Realismus (realistischen Realismus & phantastischen Realismus) gibt, oder zwei Arten von Phantastik (phantastische Phantastik & realistische Phantastik).

    Dann aber meine aufmüpfigere Denke, die so geht: Wenn es einen Topf gibt, der so gut wie alles in sich bergen kann, dann die Phantastik. Zumindest, wenn man wie ich gerne die ›maximale Phantastikbrille‹ auf hat. Statt also nach seltsamen Formeln zu suchen, mit der man dem Phantastik-Genre die Zügel anlegt, behaupte ich, daß in allen Köpfen, auf allen Zungen seit Anbeginn des Miteinanderredens die Phantastik mal wild, mal kultiviert gallopiert. Ich lass mich gerne ein auf einen Diput, was Logos (Wort) und was Mythos (Wort) ist, aber diese sehr neumodische, für mich ängstlich erscheinende Abtrennerei und Kleinmacherei von Phantastik halte ich für unnötig.

    Phantastik ist ein Hypemarkt, und das zeugt immer blöde Effekte (z.B. Trittbrettfahrerei). Phantastik ist auch ein sehr mächtges und damit heikles Instrument in jedem Stimmungswetterhaushalt, bzw. Informationskonflikt. Phantastik ist nun mal eine kräftige Sache, die sich auf sehr viele Arten gebrauchen läßt, und über die wir Menschen dennoch weniger Kontrolle haben, als uns lieb wär (der Weg zur Hölle ist gepflastert mit Steinen die aus guten Absichten gemeißelt wurden, und gesäumt von den Säulen der Konflikte um die wahre Bedeutung von heiligen Schriften). Kurz: Weltbilder entscheiden über den Lauf von Epochen.

    Also verbreite ich mich gerne über die Phantastik als DIE Mukkibude für den Möglichkeissinn, und rufe mir meine dafür zuträglich dünkenden Damen und Herren herbei, wie ich kleiner Phantastik-Jubelzwerg es halt für richtig halt.

    Borges und der Surrealismus. Also wenn der Surrealismus keine großartige Strömung der Phantastik ist, dann weiß ich aber auch nicht mehr weiter. Bin hier etwas ratlos wegen Deinem Einwand. Genau das macht mich ja manchmal als Genre-Fan so Majestix-müde: denn in der Fantasy gibts nun mal diese romantischen Generalthemen eines Feudalismus light, eines naiven Heldenmonomythos, und in meinen grummeligen Stimmungen schiebe ich da ganz heftige Abscheugedanken gegen den Geschmack »des Volkes«, daß eben defitig-liebevolle Soaps mit Pferden, Bogenschießen und edlen Wilden sehen will. — Aber solche bitteren Gedanken weiten sich dann schnell aus, nicht nur die McFäntäsy-Modewellenkundschaft anklagend, sondern eben auch die Elfenbein-Literarii. Auf ihre Art liefern eben auch (für mich) Autoren wie Martin Walser oder Peter Handke oder Ulla Hahn lediglich eine auf ihre Peergroup abgestimmtes Gebräu aus sentimenaler Soap, sinnlich phantastischen Gedanken- und Impressionsspiel vor, von dem ich mich eben genauso verdutzt frage, was da groß die Qualität sein soll. McFäntäsy und genannte Elfenbeinsoap … für mich nur auf der Oberfläche unterschiedlich.

    Zu Eco: in allerallererster Linie ist er Semiotikprof, dann als Zeitgenosse Journalist und Essayist seit Jahrzehnten, dann erst wurde er auch Romanautor, mit einem Bestseller gesegnet und das läßt ihn heute unter diesen »Namen der Rose«-Vorzeichen erscheinen (mea culpa, denn die Schiene fahr ich oben ja auch ein wenig, wie mir jetzt nach Deinem Kommentar auffällt). — Von seinen 5 Romanen haben nur 2 das Mittelalter als Setting, jedoch 2 andere das 20. Jhd. und einer die Barockepoche. Eco ist Spezialist fürs Mittelalter, wohl wahr, und dafrü ist er auch hinlänglich bekannt. Aber ich also Eco-Fan bin gar nicht so sicher, ob Eco nicht eh für EINE Schublade zu groß ist. Zum Beispiel dürfte er eben auch als frecher, bisweilen kritischer Gesellschafts- und Politik-Kolumnist bei uns seinen eigenen Ruf weghaben. Ich vermute, daß er viele Leser bei uns hat, die seine kurzweiligen Streichholzbriefchen und Kultur-Essays lesbarerer finden, und weniger auf seine immer etwas vertrackten Romane stehen.

    Wegen Genres: postuliert eine Gruppe von Werken, die sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen lassen, eigentlich ein eigenen Genre? Und wie nennt man das? War »Moderne« bzw. »Postmoderne« nicht mal in Arbeit für dieses Ettikett? Viele der »Phantastik«-Autoren, die ich sehr schätze, weil sie z.B. das beste aus vielen Literaturen miteinander verknüpfen, rechne ich zur von mir sogenannten »Metaphantastik«.

    »Metaphantastik« sei, was erzählend über Phantastik nachdenkt, bzw. vom Wesen und Lauf des Phantastischen erzählt. Und schwuppdich, komme ich zu lustigen Grüppchen in meiner Hirnakademie. Da finden sich dann T.C. Boyle und Kehlmann, Krausser und Matt Ruff, Neal Stephenson und Eco, Haefs und Borges und viele andere in ›meinem Orchideenläubchen‹ der Phantastik wieder.

  6. RC Says:

    Serendipity sagt ein paar interessante Sachen, denen ich leider nicht ganz zustimmen kann.

    Borges und der Surrealismus. Ja, als junger Mann war er dem Ultraismus zugetan, hat sich aber ziemlich schnell davon losgesagt, soweit ich mich an die Bio erinnere.
    Vor einigen Jahren war ich bei einer Borges-Veranstaltung, in der u.a. auch Borges‘ letzte Ehefrau zugegen war, auf der zu meiner Freude das gesagt wurde, was ich schon immer dachte (und nie laut zu äußern wagte), nämlich dass Borges NICHT zum sogenannten „Magischen Realismus“ gehört, was aber sein angebliches Gehören zum Surrealismus meinem Verständnis nach bedeuten würde.

    Zu Eco: Eco hat sich immer wieder extrem an Borges orientiert. Auch im Foucaultschen Pendel, z. B. Zudem denke ich dass Ecos Postmodernismus (und wenn man zumindest ans Pendel denkt, vielleicht auch Konstruktivismus) durchaus als Philosophie zu betrachten ist; und diese ebenfalls auf Borges rückführbar ist (nicht Borges als Erfinder der Postmoderne, sondern als einer der frühen Literaten, die dieses Denken bewusst oder unbewusst in ihrem Werk (und / oder Leben) hatten, so wie auch Pessoa, Papini u.a.).

    Und auch würde ich Ballard niemals in Richtung Bradbury und Asimov stellen. Ich besitze die unpopuläre Meinung, dass diese beiden Autoren weit überschätzt sind (wobei ich von Asimov nicht allzu viel gelesen habe). Bradbury hat ein paar wirklich schöne Geschichten geschrieben, die ich nicht missen möchte, aber über „nett“ kommen sie nicht hinaus, weil ihm das Intellektuelle fehlt. Und DA ist der Unterschied zu Ballard. Bradbury ist gefühlte Literatur, Ballard ist gedachte. Und in dieser Hinsicht ist Ballard Borges sehr viel näher.
    Ballard ist Literaturexperiment, Borges ebenfalls. Bradbury und Asimov sind konventionelle Literatur.
    Wenn es einen SF-Autoren gibt, den man mit Ballard vergleichen kann, dann vielleicht den P. K. Dick von Ubik und VALIS.

  7. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Ich dank für den meinungsfreudigen Kommentar, RC.

    Phantastik ist eben ein sehr quecksilberiges Feld, daß sich ums Verrecken nicht zu nem ordentlichen Barockgarten umgestalten läßt. Einen englischen Landschaftsgarten kann man schon eher dem Phantastikdschungel abtrotzen. — So in etwa seh ich die Sache mit den Genre-Schubladen wie »Magischer Realismus« oder auch »High Fantasy« und überhaupt »Fantasy«, wenns doch das Wort »Phantastik« gibt.

    Eco ›bedient‹ sich so gern bei Borges, wie er sich auch bei Doyle, Flemming, Micky Maus, Melville oder Thomas von Aquin und vielen vielen anderen bedient. Und Eco hat darüberhinaus mit Lust und Freude am Schraubenweiterdrehen einige Borges’sche Kleinigkeiten und Themen aufgegriffen. — Was Postmoderne betrifft: der Begriff funktioniert ja schnell mal auch als Vorwurf. Ach ja, diese »Anything Goes«-Larifaris. Ich mag ja den Seitenhieb, daß der Postmoderne schon im 17. Jhd z.B. von Laurence Sterne erfunden wurde. Ich treib da gern RCs Hinweise weiter und sag: wer sucht wird finden, daß vieles was angeblich jüngstes postmodernes Literaturgebahren ist, bei den ›durchgekanllen‹ (sprich: meistens Phantasten des einen oder anderen Schlages) der länger zurückliegenden Generation schon auftauchte (halt nicht in Masse, aber durchaus bis heute in unterhaltsamer 1-A-Klasse). Um irgendein ulkiges Beispiel zu nennen: »Tutti Frutti« von Pückler ist eben nicht mehr bekannt, aber dennoch eine literaturhistorische Marke (ich meine nicht das Eis). Das ist wie mit Comics: Dores »Russischer Feldzug« ist auch so ein fixe Einteilungsregeln auf den Kopf stellendes, chronologisch weit voran gerittenes Avantgardewerk.

    Ich geb zu: ich beweg mich größtenteils auf den verschlungen Fußpfaden durch die Phantastik und hab mehr ein Auge für die Details, die Einzeltaten. Noch bin ich bei weitem nicht weise genug, um einen vogelperspektivischen Überblick zu wagen.

    Was die kritische Meinung zu Bradbury betrifft, so könnte ich ihr lapsig zustimmen, denn sein »Fahrenheit« machte auf mich einen etwas ›den Leser behütenden‹ Eindruck (aber das Buch breitet einige grandiose Ideen & Stimung aus, und das Bild der lebenden Bibliothek ist beste Phantastik). Da aber dies meine einzige Bradburylektüre bisher war, nehm ich diesen Anwurf ›offiziell‹ beiseit.

  8. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Zu einer kleinen Reaktion auf die Vorschau von Frank Weinreichs neuem Buch über Fantasy in meinem Blog.

  9. Serendipity Says:

    Hallo Alex & RC,

    Vorletztes Wochenende verabschiedete sich mein altersschwacher ‘Inspiron’ in einer mehrtägigen Tragödie vergeblicher Sicherungsversuche in den Nichtzustand kaltgestellter Elektronik. Seither bestelle ich meinen Lebensunterhalt und jegliche Kommunikation mit der Aussenwelt in bescheidener Weise von diesem Universitätsmachinchen. Für meine verzögerte Antwort muss ich mich daher entschuldigen.

    Die gute Nachricht ist, dass ich vor meiner Antwort an Euch, Zeit hatte eine interessante Lesung von Edwin Williamson über seine Biographie zu Borges zu besuchen (http://www.complete-review.com/reviews/borgesjl/williame.htm).
    Ich habe Williamson unsere Diskussion zu Borges und der Phantastik angetragen und wir kamen ins Gespräch. Williamson ordnet Borges eher als Expressionist, denn Surrealist ein und ich habe mich überzeugen lassen. Es geht ihm um die Verdeutlichung des Innerlichen, mehr als die Darstellung des Traumhaften. Laut Williamson war Borges grosser Fan von Kafka und anderen deutschen Expressionisten (Brecht et al), die er durchaus im Original gelesen hat.
    Uebrigens: ich würde surrealistisch und ‚magischen realismus’ nicht unbedingt in einen Topf werfen. Garcia Marquez, der wohl bekannteste Vertreter des ‚magischen realismus’ hat sich offen zu Kafka als ‚Muse’ für seinen Schreibstil bekannt.

    Was Ballard, Azimov und Bradbury angeht: Den Unterschied zwischen gedachter und gefühlter Literatur finde ich äusserst interessant. Allerdings würde ich Azimov in jedem Fall zur gedachten zählen. ‚Foundation’ ist durchaus ein expressionistisch sozial-kritischer Versuch. Bei Bradbury mag ich Dir/Euch mit dem gefühlten eher recht geben. Ich hab nicht allzuviel von ihm gelesen. ‚Dandeloin Wine’ (kein SF) ist sicherlich gefühlte Literatur, – schon weil es sich um autobiographische Erinnerungen handelt. Allerdings glaube ich durchaus, dass er sich bei ‚Fahrenheit 451’ etwas gedacht hat…

    So, nun muss ich ‚Paradiso’ von Jose Lezama Lima zu Ende lesen (übrigens auch ein bekennender Borges Fan und ein Buch, dass ‚magischem Realismus’/Expressionismus/Phantastik und Literatur ein wahres Freudenfest bereitet!).

  10. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Das Innereliche verdeutlichen oder das Traumhafte … für mich Haarspalterei. Immerhin: sein eigenes Ding drehen und entsprechend mit eigenem Namen versehen, ist nun mal vielen Künstlern wichtig. Mir persönlich ist es herzlich gleich, ob Phantastik hunderte oder tausende von Jahren alt ist und Mythos oder Religion geschimpft wird, oder eben heute von sogenannten Genreautoren geschrieben wird … und dazwischen gibts halt ein weites Feld.

    (Nebebei: der große amerikanische Phantast Gene Wolfe hat den lustigebn Spruch geprägt: »Magischer Realismus ist Fantasy die auf Spanisch geschrieben wurde.«)

  11. RC Says:

    Hallo Serendipity.

    Um die Williamson-Lesunf beneide ich Dich. Ich habe die Bio schon seit Erscheinen hier herumliegen, aber leider bisher nur sporadisch reinschauen können.
    Dabei ist die auch schon wieder 3 Jahre alt. Seufz.

    Deine Abgrenzung von Surrealismus und „Magischer Realismus“ ist natürlich berechtigt. Ich habe da leider keine Theoriebasis. Ich gehe da eher emotional ran, sozusagen.
    Surrealismus wären für mich die „Maulwürfe“ von Günter Eich. Aber müsste ich jetzt sagen, warum die nicht „Magischer Realismus“ sind, wäre ich aufgeschmissen. 😉

    Die Sache mit dem Expressionismus finde ich interessant. Es hieß ja immer, dass er mit Heine (keine Expressionist, 😉 ) und Meyrink deutsch gelernt hat, wenn ich mich recht erinnere.
    Er hat ja sogar gesagt, einige seiner Geschichten seien nur entstanden, indem er versuchte, Kafka zu plagiieren.

    Zu Bradbury etc.
    „Gefühlte Literatur“ meint nun nicht, dass der Autor nicht darüber nachdenkt, was er da schreibt.
    Auch Ballard hat „gefühlte Passagen“, zum Beispiel, wenn er versucht, Unbewusstes darzustellen. Aber Borges und Ballard haben zum Beispiel eine Symbolsprache. Was bei Borges Treppen, gelbe Rhomben oder … äh … Türme sind, das sind bei Ballard z. B. Sand, Wasser, Stein, leere Swimmingpools etc.
    Symbole, die immer wieder auftauchen und etwas bedeuten (gelbe Rhomben => Zerfall / Tod), Wasser (vergagenheit / Unbewusstes) etc.

    Bradburys „Dandelion Wine“ ist meiner Meinung nach sein bestes Buch. Aber eben gerade durch die „Vintage Fiction“ wie das manche wohl nennen, diese Jugenderinnerungen, wie sie auch Stephen King vorzüglich beherrscht oder Lewis Carroll oder ganz, ganz toll David Mitchell in seinem „Black Swann Green“ (erscheint deutsch im September).

    Sicher hat sich Bradbury bei FAHRENHEIT 451 etwas gedacht, aber legen wir zum Beispiel Burgess‘ CLOCKWORK ORANGE daneben. Burgess hat eine neue Sprache entwickelt (literarische Spielereien sind bei Bradbury wohl kaum zu finden, bei Ballard en masse (ganz toll die „Geschichte“ namens „Index“). Bradbury hat im Grunde einen Abenteuerroman geschrieben in einem dystopischen Setting. Bitte nicht falsch verstehen: Ich MAG Bradbury. Aber er ist für mich kein literarisches Genie, er ist ein sehr guter konventioneller Autor mit einem hanf zur Naivität.
    Huh, das klang schon wieder negativ. Sorry.

    Oh MANN!PARADISO! Ich beneide Dich. Weder bei dem noch bei Inferno noch bei den Erzählungen, die ich von Lezama Lima hier herumstehen habe, bin ich weitgekommen.
    Selbst das Bild, das ich mal hatte, auf dem er neben Cortázar eine Straße entlang geht, ist nur noch zur Hälfte vorhanden – so dass Cortázar zwar an meiner Wand hängt, Lezama Lima aber nicht. Ich muss ihm irgendwann noch einmal eine Chance geben.

    Zu Molosovsky:
    Ja, Haarspalterei. Aber irgendwie dennoch wichtig. Wenn ein García Marquez-Leser sich einen Borges zur Hand nimmt, weil der auch angeblich MR ist, dann könnte das zu extremer Enttäuschung führen. Denn die beiden haben so ziemlich nichts gemein, abgesehen von Lateinamerika als Herkunft, Spanisch als Hauptsprache – und dass García Marquez ein Borges-Verehrer war.
    Genauso wie ich Cortázar, für mich der literarische Gott schlechthin, nicht zum MR zählen würde – und ich weiß ehrlich nicht einmal, warum. Aber MR verbinde ich nun mal mit García Marquez, gegen den ich nichts habe, aber der für mich in eine ganz andere Richtung geht … (UNd ich wünschte, es erschiene endlich mal der 2. Band seiner Biographie!)

    Gene Wolfe, den ich auch mal sehr mochte, hat irgendwo damit recht – aber wie immer: es liegt alles im Auge des Betrachters.

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