Dienstag, 05.06.2007 | 19:59 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Bastienne Voss: Drei Irre unterm Flachdach

Bastinne Voss: »Drei Irre unterm Flachdach« Einen guten Einblick in den DDR-Alltag der 70er und 80 Jahre bietet Bastienne Voss’ Debütroman „Drei Irre unterm Flachdach“.
Die 39-Jährige, die bereits als Fernsehschauspielerin („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Verbotene Liebe“) und am Berliner Kabarett „Distel“ gearbeitet hat, schildert darin ihre Kindheit und Jugendzeit, die sie mit ihren schrulligen Großeltern in einem Flachdach-Bungalow in der DDR verbringt. Besonders Opa Gustav, der als Kommunist unter den Nazis drei Jahre im KZ gelebt hatte, legt dabei zahlreiche Marotten an den Tag, die sich zuweilen zu Bösartigkeiten oder jähzornigen Anfällen auswachsen. So zertrampelt er einmal im Wahn seinen Tuschekasten, nur weil die Enkelin ihn verbotenerweise benutzt hat. Auch leidet er an einem geradezu krankhaften Geiz. Manchmal erinnert er beinahe an eine Fernseh-Kultfigur aus den 70ern: Ekel Alfred. Klein Bastienne – und das ist für den Leser nicht immer nachvollziehbar – hält trotzdem zu ihm. Mehr noch: Sie liebt ihn abgöttisch. Als er sterbenskrank ist, nimmt sie sich, gerade zwölf Jahre alt, ein halbes Jahr in der Schule frei, um ihn zu pflegen.
„Drei Irre unterm Flachdach“ ist in viele kleine Episoden unterteilt, die wie Kurzgeschichten auch für sich stehen könnten. Als Ganzes bilden sie einen flockig geschriebenen 237-Seiten-Text, der zwar sicherlich nicht das Zeug hat, in die deutsche Literaturgeschichte einzugehen, dessen Lektüre aber andererseits kaum jemand bereuen dürfte. Sein großes Plus: Er kommt nicht moralisierend rüber, schildert ganz wertfrei einfach nur, wie das damals war mit diesen drei Irren in der DDR-Provinz. Für den Leser ist das meistens witzig und unterhaltsam.
Erst gegen Ende, als Bastienne bereits eine junge Frau ist, wird das Buch schwächer. Man hat den Eindruck, die Autorin würde jetzt durch ihren Text hasten, um ihn möglichst rasch zu Ende zu bringen. Dennoch: ein empfehlenswertes Buch.
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Bastienne Voss: Drei Irre unterm Flachdach.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, März 2007.
256 Seiten, Hardcover.

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2 Kommentare

  1. Ich Says:

    Erst drei Kapitel von dem Buch „Drei Irre …“
    gelesen. Gelungen. Weil neue Literatursprache gefunden. (Nicht das Übliche einer Frauenstimme in der Literatur, die sonst für gewöhnlich ihrem Ex nachweint. „Jens oder Uwe hat mich verlassen. O weh! …“)
    Scheinbar schlechte Ausdrücke von der Autorin selbst sind, finde ich, sehr zum Lachen, selbst da, wo man denken müsste: O Gott! Wie „dumme Gans“, etc.
    Schon über diesen Erstlingsroman könnten Germanisten Doktorarbeiten schreiben.

  2. ernst missbach Says:

    bin ohnehin berlinkrank auch als dresdner

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