Dienstag, 15.05.2018
Autor: Andreas Schröter
Mit „Nach dem Winter“ stellt der Blessing-Verlag dem deutschen Lesepublikum erstmals die Übersetzung eines Romans der in Mexiko bereits sehr erfolgreichen Schriftstellerin Guadalupe Nettel vor.
Die 1973 geborene Autorin erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Sicht zweier sehr unterschiedlicher Protagonisten. Da ist zunächst der egoistische Machtmensch Claudio, der in New York sein Leben nach strengen Ritualen lebt. Er hat eine 15 Jahre ältere Geliebte – Ruth –, mit der er sich ausschließlich aus sexuellen Gründen trifft.
Und da ist Cecilia, eine zurückgezogene und labile Studentin in Paris. Sie verliebt sich in ihren kränklichen und ebenso zurückgezogenen Nachbarn Tom, weil sich beide für Friedhöfe interessieren. Irgendwann bei einem Abstecher Claudios nach Paris treffen sich die beiden Hauptfiguren und haben eine kurze Affäre miteinander.
Der Roman besteht aus vielen einfühlsamen und gut nachvollziehbaren Sequenzen, hat aber zwei Grundprobleme: Erstens ist die männliche Hauptfigur extrem unsympathisch, und man fragt sich unwillkürlich, warum sich Cecilia zwischenzeitlich auf ihn einlässt und warum man als Leser mit einem solchen Menschen seine Zeit verbringen soll.
Zweitens stehen zum Ende hin die Themen Sterben, Tod und Trauer sehr lange im Mittelpunkt, was dem Buch insgesamt eine recht düstere Note verpasst. Letztlich bleibt man nach der Lektüre etwas ratlos zurück – frei nach dem Motto: „Was wollte uns die Autorin damit sagen?“
Guadalupe Nettel: Nach dem Winter.
Blessing Verlag, März 2018.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Sonntag, 13.05.2018
Autor: Andreas Schröter
Andrew Sean Greers neuer Roman „Mister Weniger“ spielt im (männlichen) Homosexuellen-Milieu. Der Titelheld, Arthur Weniger, geht auf eine Reise durch mehrere Länder auf der ganzen Welt, um der Hochzeit eines ehemaligen Liebhabers im heimischen San Francisco zu entgehen, die immer noch zu schmerzhaft für ihn ist.
Und auch wenn man als Leser nicht viel mit der Schwulenszene zu tun hat, macht es Spaß, diesen Roman zu lesen. Andrew Sean Greer, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, hat ihn in einem locker-amüsanten und charmanten Plauderton verfasst, der das gesamte Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen, immer auch ironisch aufs Korn nimmt.
So fühlt sich der Titelheld nur in einem taubenblauen, extravaganten und auffälligen Anzug so richtig wohl, und als der kaputtgeht, ist das für Weniger ein solches Drama, dass er sich gleich seiner gesamten Persönlichkeit beraubt sieht.
Arthur Weniger ist ein Autor, der zu alt ist, um frisch und jung zu wirken und zu jung, um wiederentdeckt zu werden. Er hat zwar einige schriftstellerische Erfolge zu verzeichnen, an die sich Literaturinteressierte erinnern, bringt aber in der Gegenwart nichts Nennenswertes mehr zustande. Und so findet er sich – verkleidet mit Astronautenhelm – als Moderator einer Lesung mit einem darmkranken Science-Fiction-Autor wieder oder auch als Lesender mitten in der Nacht in einer Berliner Keller-Disco, in der der Schweiß der Besucher von der Decke tropft.
Das „Weniger“ im Titel ist durchaus Programm, denn unserem Helden gelingt – auch durch eigene Schusseligkeit – nicht allzu viel, auch wenn er in allen Ländern, die er besucht, auf andere schwule Männer trifft, die einem Abenteuer mit unserem Helden nicht abgeneigt scheinen.
Insgesamt ein literarischer Spaß mit einem sympathischen Helden und einem höchst überraschenden Ende.
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Andrew Sean Greer: Mister Weniger.
Fischer, März 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
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Donnerstag, 10.05.2018
Autor: Andreas Schröter
Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson, geboren 1963, blickt in ihrem dünnen Roman „Ein anderes Brooklyn“ auf die Jugend einer Mädchenclique in den 70er-Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn zurück.
In eindringlicher Sprache gelingt es der Autorin dabei, sowohl die Unbeschwertheit, den jugendlichen Lebenshunger und das Glück jener Jahre rüberzubringen, als auch das ganz private Leid, das die Mädchen zu verarbeiten haben.
August, der Ich-Erzählerin, fehlt die Mutter, die sich umgebracht hat, und Sylvia muss sich mit ihren überstrengen Helikoptereltern – so würde man es heute ausdrücken – herumschlagen. Armut, Kindesmissbrauch, Alkohol und Drogen, zu frühe Schwangerschaften oder eine überzogene Religiosität sind weitere ständige Begleiter in dem vorwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel, in dem die Mädchen aufwachsen. Hinzu kommen die ganz normalen Probleme, mit denen jeder Jugendliche auf der ganzen Welt zu kämpfen hat: beginnende Sexualität und Abnabelung vom Elternhaus zum Beispiel.
Gerade durch die Knappheit der Sätze und Kapitel gelingt es Jacqueline Woodson, eine große Dichte und literarische Kraft zu erzeugen, der man sich als Leser kaum entziehen kann.
Jacqueline Woodson ist eine der bedeutendsten Jugendbuchautorinnen der USA. Sie hat zahlreiche Preise für ihre Bücher bekommen – 2014 den renommierten National Book Award für ihr Buch „Brown Girl Dreaming“.
Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn.
Piper, März 2018.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.
Samstag, 05.05.2018
Autor: Andreas Schröter
In seinem nach „Union Atlantic“ (2009) zweiten Roman widmet sich der US-amerikanische Schriftsteller Adam Haslett dem Thema Depression. „Stellt euch vor, ich bin fort“ heißt das Werk. Haslett begleitet eine Familie über viele Jahre, die damit klarkommen muss, dass sich Vater John wegen seiner psychischen Erkrankung das Leben genommen hat.
Reizvoll an diesem Buch ist, dass es abwechselnd und sehr glaubwürdig die unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder einnimmt. Da ist Sohn Michael, der ebenfalls mit starken Angststörungen leben muss. Er hat Schwierigkeiten, eine Frau und einen Job zu finden. Seinen beiden einzigen Interessen gelten der Funk-Musik und dem Schicksal der Schwarzen in den Zeiten der Sklaverei. Er ist sehr kreativ und fantasievoll, was sich immer dann im Roman widerspiegelt, wenn aus seiner Sicht berichtet wird.
Da ist Alec, der jüngere, homosexuelle Bruder Michaels, dessen Rolle sich im Laufe des Romans wandelt. In der Kindheit wird er von seinem älteren Bruder gemobbt, später ist er es, der versucht, Michael wieder auf Kurs zu bringen. Dafür riskiert er sogar die noch frische Beziehung zu seinem Freund Seth.
Und da sind natürlich die beiden Frauen der Familie – Mutter Margaret, die früher vor allem Streit mit ihrem Mann hatte, und die sportbegeisterte Tochter Celia. Ihre Parts nehmen jedoch nicht so viel Raum ein wie die von Michael und Alec.
Der Roman zeigt tiefgehende und genaue Innensichten auf die Krankheit Depression. Für alle, die selbst damit leben müssen oder Betroffene in ihrem Umfeld haben, dürfte er somit hochinteressant sein.
Für alle anderen Leser hat der Roman allerdings auch Längen, denn eine 460-seitige Beschäftigung mit der Depression ist naturgemäß größtenteils freudlos – auch wenn diverse Liebesgeschichten von Michael und Alec für willkommene Brüche sorgen.
Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort.
Rowohlt, Januar 2018.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
Freitag, 04.05.2018
Autor: oliverg
Sonntag, 29.04.2018
Autor: Andreas Schröter
Der britische Schriftsteller David Szalay geht in seinem Buch „Was ein Mann ist“ der Frage nach, was eigentlich die typischen Wesensmerkmale und Charaktereigenschaften von Männern sind. Dazu reiht er neun kürzere Erzählungen aneinander, in denen ganz unterschiedliche Männer im Alter zwischen 17 und 73 Jahren im Mittelpunkt stehen. Manche sind arm, manche reich, einige haben einen höheren, andere einen niedrigen Bildungsgrad.
Oft – und wie sollte es anders sein – stehen in diesen Geschichten die Beziehungen zu Frauen im Fokus. Aber während der 17-Jährige Simon Tag und Nacht an seine Angebetete denkt, obwohl er noch nie mit ihr gesprochen hat, geht es später um Streit in Beziehungen oder sogar gescheiterte Ehen.
Aber es dreht sich nicht alles um das andere Geschlecht: Simon reist mit einem Freund durch Südeuropa und findet sich immer wieder in Situationen wieder, die er nicht mag und in die er aus eigenem Antrieb niemals gekommen wäre – Bérnard, ein Mann Anfang 20, kommt beruflich nicht auf die Füße, Kristian, ein dänischer Journalist geht für eine gute Geschichte über Leichen, und Aleksandr, ein Mann in den 60ern, besitzt einige Millionen Dollar, eine Luxusyacht und einiges mehr, denkt aber über seinen Selbstmord nach. Und Tony, 73 Jahre alt, muss feststellen, dass er manchen Herausforderungen des Alltags schlicht nicht mehr gewachsen ist.
Wie im richtigen Leben haben diese Geschichten nicht unbedingt ein Happy-End, nicht immer bekommt der Mann seine Traumfrau.
Erstaunlich ist, wie glaubhaft sich Szalay in so unterschiedliche Figuren einfühlen kann. Mehrmals im Text hat man als (männlicher) Leser das Gefühl, eine beschriebene Situation so oder so ähnlich bereits erlebt zu haben. Das englischsprachige Original („All that man is“) stand 2016 auf der Shortlist für den Man Booker Preis.
Insgesamt ein lesenswertes Buch – besonders, wenn man selbst ein Mann ist.
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David Szalay: Was ein Mann ist.
Hanser, Februar 2018.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.
Mittwoch, 25.04.2018
Autor: Immo Sennewald
Atemlos habe ich über 500 Seiten aufgesogen, wie im Rausch. Darf ein Rezensent das? Vielleicht bin ich gar keiner. Nicht, wenn für das Besprechen eines Buches eine „Objektivität“ verlangt wird, die akademische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Noch weniger, wenn politische, moralische, religiöse Neutralität – wie auch immer sie definiert sei – beim Lesen gefordert wäre. Dem Autor und seinen Texten gegenüber bin ich voreingenommen. Ich habe „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ebenso verschlungen wie „Für ein Lied und hundert Lieder“ , und „Die Wiedergeburt der Ameisen“; 2011 entstand mein Radiofeature „Für China aus dem Exil“, als Liao Yiwu seiner feindseligen Heimat China entkam. Aus der öffentlich-rechtlichen Mediathek ist es verschwunden, die Redakteurin fand seinerzeit schon Liaos Texte narzisstisch und unappetitlich, war dann vom Live-Gesang, von der Intensität des Gedichts „Massaker“ über den 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen, vom Alltag der Folter im chinesischen Gefängnis so perhorresziert, dass sie mich gewähren ließ.
Was mir im Interview mit Liao Yiwu auffiel: Der Kontrast zwischen seinem zurückhaltenden und bescheidenen Auftreten und der ungeheuren Anmaßung seines Schreibens: Er fordert die Politbürokratie Chinas heraus, die nicht nur über ein Milliardenvolk gebietet, sondern auch das Netzwerk globaler Diplomatie fast nach Belieben steuern kann. Die Ameise auf dem Rücken des Elefanten fällt mir ein, und das Heer der Ameisen, die „Würg ihn! Würg ihn!“ rufen. Das Heer sind wir: Autoren aus aller Herren Länder, ältesten und modernsten, technisch hochgerüsteten Despoten ausgeliefert, ein Heer, das Namen aus Jahrtausenden versammelt. Sie haben fast alle Schlachten verloren, noch die bedeutendsten, mutigsten mussten bisweilen zu Kreuze kriechen. Das Bild der zähen Insekten – in der Masse kaum unterscheidbar, reproduzieren sie sich in verborgenen Labyrinthen, kommen aber überall hin – dieses Bild erscheint bei Liao Yiwu öfter. Seine Ameisen haben Gesichter.
Sein neuestes Buch nimmt den Leser mit in die Labyrinthe, auf eine atemlos mäandernde Reise zwischen Peking und Chinas südwestlichen Provinzen Sichuan und Yunnan unter beständigem Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden. Liao Yiwu schweift dabei immer wieder in die Tiefen der chinesischen klassischen Literatur- und Religionsgeschichte ab, sucht nach Vergleichen zu Fluchtschicksalen von Philosophen – etwa des großen Kong Fuzi – trifft auf Gefährten des Widerstandes. Mit manchen hat er den Folterknast geteilt. Manche haben sich den Zwängen und Verlockungen der Politbürokraten und ihrer „sozialistischen Marktwirtschaft“ ergeben, in der alles, auch Religionen und kulturelle Traditionen von Minderheiten, käuflich und verkäuflich ist. Die meisten überleben in Not und unter abenteuerlichen Umständen, sie saufen, fressen, spielen Versteck mit Spitzeln und Polizei – um den Preis des Lebens. Es ist eine lange Reihe von Namen, prägnanten Charakteren, erschütternden Schicksalen. Auch das von Lao Yiwus Familie gehört dazu. Seine Mutter hilft, obwohl sie die Repressionen mit erdulden muss, dem Sorgenkind immer wieder ins Gewissen redet. Es helfen schließlich viele aus dem Ausland, die seine Bücher schätzen und sie weltweit verbreiten wollen. Zwischen Hoffen und Verzweifeln erleben wir den Weg des Autors in die Freiheit, er balanciert zwischen Abgründen, und obwohl der gute Ausgang bekannt ist, bleibt das spannend bis zum letzten, erlösenden Augenblick im Sommer 2011.
Ja: Auch in dieser Fluchtgeschichte wird es oft unappetitlich, und der Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung dürfte von jenen ertönen, die harmonisches Dazugehören vorziehen, radikal agierende Schmutzaufwirbler gern am Rand des Pathologischen verorten. Davon wird sich Liao Yiwu kaum beeindrucken lassen, und das ist eine Hoffnung für die Ameisen im Untergrund der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie die KP Chinas verkündet. Der Schriftsteller ruht sich in Deutschland ebensowenig aus wie andere Exilanten. 2014 kam seine jüngste Tochter hier zur Welt, und es sieht danach aus, dass sie sein Lesen und Schreiben für die Freiheit weiter anspornt.
Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann haben bewundernswert übersetzt, sie erarbeiteten schon die deutsche Fassung von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ihnen sei ebenso Respekt gezollt, wie dem langjährigen Lektor Peter Sillem – seit 2017 ist er Galerist – und dem S. Fischer Verlag, der Liao Yiwu jederzeit den Rücken frei hielt.
Liao Yiwu „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass – Meine lange Flucht aus China“
S. Fischer Verlag 2018, 528 Seiten, 26,80€
Tags: China, Dissidenten, Exil, Flucht, Folter, KPCh, Liao Yiwu, Untergrund
Kommentare deaktiviert für Lesen, Schreiben: Elixiere der FreiheitDienstag, 17.04.2018
Autor: Christiane Geldmacher
Die Mornington Peninsula, südlich von Melbourne. Grace, eine professionelle Einbrecherin, spioniert die Häuser der Reichen und Schönen aus und und holt die wertvollen Sachen erst geraume Zeit später raus. Zu gleicher Zeit werden die gleichen Häuser von Sprayern heimgesucht, die launige Graffitis und Sprüche auf den riesigen Torauffahrten hinterlassen wie z.B. „Geschmack lässt sich nicht kaufen“. Schließlich macht ein mysteriöser Vergewaltiger in Polizeiuniform die Gegend unsicher.
Inspector Challis und Detective Constable Pam Murphy haben reichlich zu tun. „Leiser Tod“ von Garry Disher erzählt von organisierten Einbruchsdelikten, von Rassismus, von Sexismus und von Polizeigewalt.
Garry Dishers Sicht auf Australien ist unaufgeregt und realistisch. Die Metropole Melbourne ist bei ihm weder Stoff für einen Cosy Crime noch für einen Noir. Die Stadt und ihre weitere Umgebung ist kein Moloch, man wird hier nicht wie in anderen Teilen der Welt auf offener Straße erschossen. Disher schreibt wie immer eine gut recherchierte, ausgezeichnete Kriminalliteratur, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzt. Dabei pflegt er einen atmosphärisch dichten Stil und verortet seine Figuren und seinen Plot präzise. Multiperspektivisch erzählt, gibt es bei ihm keine einfachen Antworten, kein Schwarz und Weiß. „Leiser Tod“ hat den „Leisen Ton“ Garry Dishers. Hal Challis und Pam Murphy sind weder Zyniker noch Weltverbesserer, sondern normale Leute mit normalem Verstand, die versuchen, ihr Schiff einigermaßen um die Klippen zu kriegen. Nicht mehr und nicht weniger.
Im Tonfall erinnert er mich immer an den bereits verstorbenen Tony Hillerman aus den USA und seine Navajokrimis, der ähnlich von dem alltäglichen Leben erzählt – mit Distanz, mit „insight“ und mit leisem Humor.
Garry Disher, Leiser Tod, Gebunden, 352 Seiten, Unionsverlag 2018, € 22.00, ISBN 978-3-293-00528-0
Tags: Garry Disher
Kommentare deaktiviert für Garry Disher: Leiser TodSonntag, 15.04.2018
Autor: oliverg
Freitag, 13.04.2018
Autor: oliverg
Montag, 19.03.2018
Autor: Immo Sennewald
Kaum dass ich lesen konnte, geriet ich vor über sechs Jahrzehnten an ein dickes Buch in grauem Leineneinband, das mich weit übers Schulische hinaus immer wieder fesselte: “Knaurs Lexikon” war in fetten Blockbuchstaben eingeprägt. Vom A beginnend grub ich mich hindurch – und reiste aus der engen Thüringischen Kleinstadt hinaus in alle Welt. Wie viel Futter für die Phantasie hinter diesen Buchstaben, Worten und Artikeln steckte! Damals gab es nur wenige Bilder, Landkarten erschlossen sich dank der Erzählungen meiner Großmutter von den Seereisen des Großvaters nach Afrika, China, Indien, bis in die Kriegsgefangenschaft nach Australien. Dann kam ich an den Buchstaben N, dort fehlten viele Seiten, fast alle mit Wörtern, die mit “Nat” begannen. Die Oma erklärte alsbald, weshalb sie fehlten, das Knäblein stürzte sich mit umso heftigerer Neugier auf ein unversehrtes Exemplar des “Knaur”, das sich im Bücherschrank des Onkels fand. Der Nationalsozialismus erschien ihm dort groß, voller lockender Ziele, Orden, Auszeichnungen, Uniformen – und flößte zugleich Furcht ein.
Diese Geschichte erzähle ich, weil mein Leben voller kostbarer Bücher war, weil dieses von Peter Graf herausgegebene eine wahre Schatztruhe der deutschen Sprache und ein unerschöpflicher Quell der Neugier und Phantasie ist, und weil es – wie alle Enzyklopädien, Lexika, Wörterbücher – zum Verständnis von Geschichte und Literatur viel Wundersames und etliche tiefere Einsichten bereithält als einschlägige Fernsehserien, Radiodokus, Zeitschriften, Vorträge. Freilich bekommt der Leser hier keine fixfertigen und wohlverdaulichen “Narrative” verabreicht, nur zahllose Anregungen. Er darf selbst der Vielfalt, den Wandlungen, dem Gebrauch – insbesondere dem literarischen – von Wörtern nachspüren. Deshalb erwarten Sie bitte von mir auch keine “Buchkritik”. Mein Artikel hinkt sowieso vielfachem Lob hinterher; der “VERLAG DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS” ist in kurzer Zeit durch sein ambitioniertes Programm und die originelle Buchgestaltung zu einem Liebling der Fachleute geworden, und Grafs Arbeit insbesondere verdient die mediale Aufmerksamkeit. Schon wegen der Leistung, aus fast 35 Tausend Seiten des „Deutschen Wörterbuchs“ mit seiner langen Entstehungsgeschichte 352 auszuwählen. Im Vorwort erzählt er, wie er „nach Lust und Laune“ zu seiner Blütenlese kam, und was wir dem riesenhaften Unterfangen der Brüder Grimm verdanken.
Nach derlei wurde er in Interviews gefragt, nach „Lieblingswörtern“, auch nach Beiträgen im DWB aus der neueren Zeit, denn zu einem vorläufigen Ende kamen die Nachfolger der Brüder Grimm erst 1961. Peter Graf schlug vor, während des Nationalsozialismus Hinzugefügtes nicht zu tilgen, obwohl es ihm verständlicherweise missfiel, sondern es zu kommentieren. Und damit schließt sich der Kreis: Durch Weglassen oder „Ausmerzen“ kann niemand etwas lernen. Um so mehr ist zu bedauern, dass eine Neubearbeitung, in den 1950er Jahren begonnen, seit 2016 nicht mehr weiterverfolgt wird. Gar zu gern hätte ich eine Wortschöpfung von Bertolt Brecht dort wiedergefunden: Das „Kaderwelsch“. Sie steht in den Buckower Elegien [11]. Kaderwelsch nennt Brecht „Die neue Mundart“ der Politbürokraten:
Peter Graf „Eine Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmischen Wörterbuch“, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis 2017, 352 Seiten, 25 €
Freitag, 09.03.2018
Autor: Andreas Schröter
Dem Flüchtlingsthema widmet sich der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein in seinem Roman „Die kommenden Jahre“. Doch es geht in diesem Buch um mehr. Natascha, eine wortgewandte und den Menschen zugetane Autorin, lässt eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem Sommerhaus wohnen, das sie und ihr Mann Richard an einem abgelegenen See besitzen. Doch während sie – schon auf fast verbissene Weise – alles dafür tut, es den Neuankömmlingen so einfach wie möglich zu machen, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben, kapselt sich Richard immer mehr ab. Er ist ein Gletscher-Forscher und träumt davon, mit seinem Freund Tim in Kanada seinen eiskalten Forschungen nachzugehen.
Die Anwesenheit der syrischen Familie macht etwas deutlich, das vielleicht schon viel länger unter der Oberfläche schwelt: Natascha und Richard passen nicht zusammen. Sie unternimmt immer mehr mit dem Vater der syrischen Familie, er ist wieder mehr an einer alten Freundin interessiert, die ebenfalls als Gletscher-Forscherin arbeitet.
Man fragt sich beim Lesen von „Die kommenden Jahre“ mit fortschreitender Seitenzahl immer mehr, worauf dieser Roman eigentlich hinauswill. Und der Text beantwortet diese Frage auch bis zum Ende hin nicht ausreichend. Geht es darum zu zeigen, dass zwei Menschen mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften und unterschiedlichen Interessen eben doch nicht so gut zusammenpassen? Das wäre banal.
Will der Autor sagen, dass sich Menschen aus fremden Ländern nicht so leicht in der österreichischen Einöde integrieren lassen, wie manche Gutmenschen glauben? Das wäre politisch fragwürdig und nahe an einem gefährlichen rechtspopulistischen Gedankengut.
An unserem See kommt es zu Schwierigkeiten. Die Nachbarn reagieren reserviert auf die Neuankömmlinge, und eine Gruppe von Jugendlichen kommt dem Haus immer wieder bedrohlich nahe. Auch eine Lesung, die Natascha gemeinsam mit dem Flüchtlingsvater abhält, geht schief.
Letztlich bleibt die Aussage dieses Romans genauso diffus wie seine Figuren. Nicht zu empfehlen.
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Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre.
Hanser, Februar 2018.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Sonntag, 04.03.2018
Autor: rwmoos
Mord am Walberla: Kriminalroman
Narrativ Nagendes
An Walpurgas Felsen nagt der Zahn. Das hat zur Folge, dass sich an ihren Rändern Abgründe auftun, die lebensgefährlich enden können.
Keine Ahnung, woher mir das Buch reingesegelt ist. Ich werde es wohl bestellt haben. Dabei hatte ich mir doch fest vorgenommen, keine Rezensionen mehr zu schreiben.
Zuviele schlechte Bücher, zuwenig Lesevergnügen. Obwohl ja gerade manchmal die schlechten Sachen, Anregungen bieten und den Rezensenten fordern. Andererseits bekommt er dann das Gemaule und Gejammer zu hören. Andere Rezensenten würden, wenn ihnen das Buch nicht gefällt, selbiges diskret zurückgeben, statt sich daran abzuarbeiten.
Der Erfolg solchen Vorgehens: Schlechtes wird nicht mehr schlecht genannt. Es gibt keinen Anreiz, gut zu schreiben und alles versinkt in jenem Einheitsbrei des Durchschnitts, der dieses Land kaputtmacht und menschliche Intelligenzen hervorbringt, die dann merkwürdige Parteien wählen.
Ganz anders bei Johannes Wilkes. Seinen Franken-Krimi über Friedrich Rückert habe ich gern gelesen und rezensiert. Es hat mir damals gut getan, jemandem durch solche Rückkopplung Antrieb zu geben, der es einfach verdient hat.
Wer die Latte hoch legt, muss natürlich sich auch selbst daran messen lassen. Und, um es kurz zu machen: „Mord am Walberla“ kommt nicht an die Rückert-Folge ran. Das liegt nicht am Plot – der ist freilich etwas bemüht und die Lösung kommt dann auch ein wenig fischig daher. Aber das war bei Rückert ja auch so. Dem Werk fehlt vielmehr jener große Wurf, jener Generationen von Schriftstellern übergreifende General-Gedanke, der den Vorgänger so virtuos über die fränkischen Hubbel fliegen ließ.
Trotzdem ist auch „Mord am Walberla“ lesenswert, weil es nett unterhält. Ich habe das Büchlein nicht aus der Hand gelegt, bis es ausgelesen war. Das heißt, dass es zumindest nicht langweilig wurde.
Auch der Situations-Witz ist geblieben und das rettet eine Lektüre ohnehin über den Abend. Aber dass dem Protagonisten ein Mord nur allzu feil wäre, weil ihn nur ein Mordfall aus dem Trübsinn des Kommissaren-Daseins herauszukitzeln vermag, stößt merkwürdig auf. Und dass die Lösung keinen wirklich harmonischen Schlussakkord zulässt, tut ein Übriges.
Kurzum: „Rückert“ war fränkische Literatur. „Walberla“ ist ein netter Frankenkrimi.
Möge die Heilige Walpurga zurückschlagen und dem Dichter die Feder für den nächsten Band wieder ein wenig spitzer nagen.
Tüchersfeld, den 24.02.2018
Reinhard W. Moosdorf
Tags: Belletristik: Krimi, Franken
Kommentare deaktiviert für Johannes Wilkes: Mord am WalberlaSamstag, 03.03.2018
Autor: Andreas Schröter
Ein Mann muss eine Leber zu einer Patientin transportieren. Doch dann gerät er wegen eines Erdrutsches in einen Megastau, und das Organ wird von Minute zu Minute unbrauchbarer. Eine liebesbedürftige Frau gerät an einen Fanatiker, der alle wild lebenden Katzen töten möchte. Ein einsamer Mann kauft sich eine Schlange, kommt aber nicht damit zurecht, dass er ihr Ratten zum Fraß vorwerfen muss, die ihm so sehr ans Herz gewachsen sind.
Die Geschichten in T.C. Boyles Story-Sammlung „Good Home“ haben es allesamt in sich und sind deshalb so atemberaubend spannend und lesenswert, dass man sich zuweilen fast nicht traut, auf die nächste Seite zu blättern, es dann aber natürlich doch tut, weil man wissen muss, wie es weitergeht.
Dass man sich alle 30 bis 40 Seiten an neues Personal und ganz neue Situationen gewöhnen muss, ist gar nicht schlimm – im Gegenteil: Es macht den Reiz dieses Buches aus. Und jede Geschichte strahlt das immense Können des 1948 geborenen amerikanischen Autors aus. Immer ist der Leser hautnah dran an den Hauptfiguren, fühlt, leidet und freut sich mit ihnen.
Seine Abwechslung ist wohl das größte Plus dieses Buches. Es ist erstaunlich, wie intensiv und glaubhaft sich Boyle in so unterschiedliche Figuren hineindenken kann wie ein Mädchen, das zu einer Falschaussage vor Gericht zugunsten des Vaters gedrängt wird, eines Jungen, der keinen Schmerz empfindet, oder eines Mannes, der sich plötzlich in einer skurrilen Elternversammlung von religiösen Fanatikern wiederfindet, die auf dem Biologiebuch für die Klasse ihrer Kinder den Aufkleber „Die in diesem Buch vorgestellte Evolutionstheorie ist lediglich eine Theorie und sollte nicht als Tatsache aufgefasst werden“ anbringen will.
Weniger geeignet ist dieses Buch für Leser, die bei solchen Geschichten ein Happy End erwarten. T.C. Boyles Stories gehen so aus wie es auch im richtigen Leben üblich ist: unterschiedlich.
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T.C. Boyle: Good Home.
Hanser, Januar 2018.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.
Dienstag, 13.02.2018
Autor: Andreas Schröter
Der 1971 geborene israelische Autor Eshkol Nevo hat die Bewohner eines dreistöckigen Hauses unter die Lupe genommen und ihre Eigenarten, Sorgen und Probleme in drei Kapiteln niedergeschrieben. Diese Idee ist zwar nicht ganz neu – unter anderem José Saramago für „Claraboia“ hatte sie schon –, aber interessant ist sie trotzdem.
In der ersten Etage des porträtierten Hauses ist es ein Vater, der der fixen Idee verfällt, sein an beginnender Demenz leidender Nachbar hätte seine Tochter missbraucht. Er steigert sich immer mehr in diesen Wahn hinein. Eine Etage darüber leidet Chani unter der ständigen Abwesenheit ihres Mannes. Auch dass er sich so wenig für seine Kinder interessiert, setzt ihr zu. Dann kommt der Bruder des Ehemanns, der ein gesuchter Immobilienhai ist und seinen Kunden Unsummen an Geld schuldet. Aber er tut genau das, was sein Bruder nie tut: Er hört Chani zu und kümmert sich um die Kinder. Das führt zu einer schwierigen Zwickmühle für Chani. Soll sie aus Solidarität zu ihrem Mann den Bruder vor die Tür setzen, oder soll sie einfach ihren Gefühlen folgen. Seelennöte gibt‘s auch in Etage drei, wo die ehemalige Richterin Dvorah darunter leidet, dass ihr Sohn nach einem schweren Zerwürfnis mit dem Vater seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu den Eltern hat. Doch der Vater ist nun tot.
„Über uns“ – so heißt dieser Roman – zeigt, welchen inneren Qualen und Nöten die Bewohner in nur einem einzigen Haus ausgesetzt sind. Als Leser stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie mag es da in einem ganzen Straßenzug oder in einer ganzen Stadt aussehen?
Eshkol Nevo erzählt diese Geschichte, indem er seine drei Hauptfiguren Briefe an Freunde schreiben lässt oder – im Falle der Richterin – auf einen Anrufbeantworter sprechen lässt. Das ist zwar ein origineller Kniff, kann aber auf Dauer auch ermüdend wirken. Trotzdem insgesamt ein lesenswerter Roman.
Eshkol Nevo: Über uns.
dtv, Januar 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Freitag, 09.02.2018
Autor: Andreas Schröter
In den 30er-Jahren geschrieben, in den 80ern erstmals veröffentlicht, jetzt von Alex Capus hervorragend und mit viel Liebe zum Detail neu ins Deutsche übersetzt – das ist John Fantes erster Roman „Der Weg nach Los Angeles“, den immerhin der große Charles Bukowski zum Besten gerechnet hat, was die amerikanische Literatur je hervorgebracht hat.
John Fante (1909-1983) beschreibt das Leben seines Alter Egos, Arturo Bandini, bei dem Eigenwahrnehmung und Realität etwas auseinanderdriften, um es einmal vorsichtig auszudrücken: Bandini hält sich selbst für einen großen Denker und für den größten Schriftsteller aller Zeiten, arbeitet dem zum Trotz aber in einer Fischfabrik und kommt jeden Abend stinkend zu Mutter und Schwester nach Hause. Vor allem die Schwester verachtet ihn und es gibt täglich Streit. In der Fischfabrik wird er zum Einstand verprügelt und würgt sich wegen des Gestanks, der dort herrscht, die Seele aus dem Leib.
Die einzige wirkliche Freude im Leben bereiten ihm die Frauenbilder, die er aus Illustrierten ausgeschnitten hat und die er sich im Kleiderschrank seiner Schwester anguckt.
In den 30er-Jahren fand sich für eine solche Art von Literatur kein Verlag, der sie gedruckt hat: zu roh, zu direkt. Doch gerade das macht sie für heutige Leser aus. „Der Weg nach Los Angeles“ bietet eine vollkommen ungeschönte, ursprüngliche Innensicht auf jemanden, den man gemeinhin als Loser oder schlimmen Angeber bezeichnen würde.
Das ist stellenweise schreiend komisch, hat aber genauso gut leisere Momente, in denen zwischen den Zeilen durchscheint, wie sensibel besagter Bandini ist, wie sehr er sich nach Zuneigung und Anerkennung sehnt und wie schüchtern er im Grunde ist, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Frau anzusprechen. Da bleibt er lieber dabei, sie stundenlang zu verfolgen. Lesenswert!
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John Fante: Der Weg nach Los Angeles (1936).
Blumenbar, Dezember 2017.
268 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.
Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos