Dienstag, 22.09.2015
Autor: Andreas Schröter
Ein äußerst beeindruckender Roman kommt vom australischen Autor Richard Flanagan: „Der schmale Pfad durchs Hinterland.“ Hat man ihn gelesen, versteht man sofort, warum das englischsprachige Original 2014 mit dem renommierten britischen Booker-Prize ausgezeichnet worden ist.
Im Mittelpunkt stehen die menschenunwürdigen Zustände australischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg, die für die Japaner eine Eisenbahnlinie von Siam nach Burma bauen mussten – und dabei wie die Fliegen starben. Noch heute wird die Linie auch „Todeseisenbahn“ genannt. Die unmenschliche Behandlung der Gefangenen durch die Japaner wurde später als Kriegsverbrechen eingestuft. Dem Autor gelingt dabei eine große Nähe zu den handelnden Figuren, vor allem zur Hauptfigur Dorrigo Evans, einem Arzt. Man meint fast selbst im Dschungel zu leiden.
Flanagan stellt diesen Ereignissen eine große Liebe gegenüber und schafft damit eine nicht mehr zu überbietenden Kontrast: Das Schönste und das Schlimmste, was ein Mensch erleben kann, sind in diesem Buch vereint. Lediglich ganz am Ende gerät der Autor in Sachen Liebesgeschichte gefährlich nahe an die Grenze zum Kitsch. Dennoch insgesamt ganz große Literatur!
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Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland.
Piper, September 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24 Euro.
Sonntag, 20.09.2015
Autor: Andreas Schröter
Der jüdische Autor Aharon Appelfeld greift in seinem neuen Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ dasselbe Thema auf wie in seinem vorigen Werk „Auf der Lichtung“ (2014): Menschen verstecken sich gegen Ende des Krieges vor den Nazis im Wald.
Appelfeld, mittlerweile 83 Jahre alt, hat selbst etwas Deratiges erlebt: Er versteckte sich im Krieg als Junge zeitweise in den ukrainischen Wäldern, nachdem seine Mutter getötet und er vom Vater getrennt worden war.
In seinem neuen nur 128 Seiten dünnen Büchlein werden zwei Jungs von ihren Müttern in die Wälder geschickt. Im Ghetto, wo sie zuvor untergebracht waren, erschien es ihnen nicht mehr sicher genug. Die Mütter versprechen, abends wiederzukommen, um die Jungs abzuholen. Aber als sie nicht auftauchen, sind die beiden Kinder auf sich allein gestellt.
Der Autor zeigt, wie die beiden Jungs sich nicht nur gegenseitig helfen, obwohl sie sich vorher nicht besonders mochten, wie ihnen das Überleben im Wald mit viel Geschick gelingt und wie sie ihre Hilfe sogar immer wieder auch anderen anbieten.
Insgesamt wirkt das gesamte Buch wenig realistisch. Es ist eher eine idealisierte – fast märchenhafte – Version eines solchen in der Realität für die Beteiligten sicher deutlich schlimmeren Abenteuers. Die Jungs im Buch streiten sich nie, geben andauernd schlaue Lebensweisheiten von sich, wie man sie sonst nur von Erwachsenen hört, und wissen auch in technischer Hinsicht stets, was zu tun ist. So können sie sich aus dem Handgelenk ein „Nest“ in einer Baumkrone bauen. Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Mädchen, das die Jungs unterstützt und dem auch sie am Ende helfen.
Wie schon in „Auf der Lichtung“ neigt Appelfeld dazu, seinem Werk einen allzu dicken Schuss Mystik und Religiosität beizumischen. Der ständige, oft etwas schicksalergebene Hinweis auf Gott wirkt auf Dauer etwas zu dick aufgetragen.
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Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt.
Rowohlt, August 2015.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18 Euro.
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Dienstag, 15.09.2015
Autor: Andreas Schröter
Der britische Autor Tim Glencross nimmt in seinem überzeugenden Debütroman „Barbaren“ die englische Oberschicht am Ende der Blair-Ära aufs Korn. Die Vertreter aus Politik, Kunstwelt und Wirtschaft kommen darin allesamt schlecht weg. Sie lügen und lavieren sich durchs Leben, sie gehen über Leichen, um ihre beruflichen Ziele zu erreichen.
Die einzig sympathische Figur in dem 400-Seiten-Schmöker ist die haltlose Dichterin Buzzy, die verzweifelt versucht, Anschluss an die Welt der Großen zu erhalten, von diesen aber in der Regel nur als Randfigur wahrgenommen wird. Eingeführt wird sie humorvoll auf einer Party, wo sie von heftigem Durst gepeinigt eine Bierflasche leertrinkt, die aber leider ein bedeutendes Kunstwerk von Damien Hirst war. Das trägt ihr das Hausverbot des Gastgebers ein.
Mit dieser Szene macht der Autor bereits die kritische Grundhaltung des gesamten Romans zur Welt des schönen Scheins deutlich, mit der die Mächtigen sich umgeben. Er weitet diese Haltung auf Politik und Finanzwelt aus, wo Menschen Statements zu Dingen abgeben, von denen sie gar keine Ahnung haben. Als deutscher Leser kommt einem dabei der Verdacht, dass viele Aussagen dieses Romans auch über England hinaus ihre Gültigkeit haben.
Man kann dieses Buch allerdings nicht mal eben zwischendurch lesen. Auch wegen des zum Teil komplizierten Satzbaus ist volle Konzentration nötig.
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Tim Glencross: Barbaren.
Berlin-Verlag, August 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22 Euro.
Donnerstag, 10.09.2015
Autor: rwmoos
Mutige Mütter & Törichte Töchter
Als Mutter, die, wie man unten sehen wird, hervorragende Erziehungsarbeit geleistet hat, ist es Mary Kubica gelungen, auch die Gefühlswelten der unbefriedigten respektive unbefriedigenden Mutterfigur ihres Romans „The Good Girl“ in einer vollkommenen Widersprüchlichkeit abzubilden.
Doch die ersten Pluspunkte gibt es zweifellos für die originelle Herangehensweise. Die jeweiligen Kapitel in ein „vorher“ und „nachher“ zu gliedern und gleichzeitig so zu untertiteln, wobei eine gefühlte Ewigkeit unklar bleibt, was denn das eigentliche, den Bezugspunkt fixierende, Ereignis sei, ist ein bislang ungesehener Stil. Dasselbe dann noch damit zu mixen, dass die Hauptüberschrift der jeweiligen Kapitel den Namen des jeweils subjektiv erzählenden Protagonisten trägt, wird als weitere Originalität goutiert.
So entsteht ein vielschichtiger Roman, der aus den wechselnden Sichtweisen sowie der nicht unwichtige Amnesie einer der tragenden Figuren seine Spannung bezieht. Besagte Amnesie resultiert aus einer Posttraumatischen Belastungsstörung (posttraumatic stress disorder – PTSD). Warum dieser allseits bekannte Fachbegriff in der deutschen Übersetzung mit „Akute Belastungsreaktion“ wiedergegeben wird, befremdet allerdings ein wenig.
Von der klugen Gesamtanlage beeindruckt, erwartet der Leser nun eine angemessen vielschichtige Charaktermischung. Leider vergebens: In der romanischen Realität bleiben die Figuren blass und vorhersagbar. Der andernorts gelobte psychologische Tiefgang ähnelt eher dem eines aufgeblasenen Schlauchboots. So ist denn auch der erste Satz dieser Rezension zu lesen.
Hätte meine Frau mich nicht mit dem Hinweis auf ein unerwartetes Ende bei der Stange gehalten, hätte ich mir die langatmigen Passagen über die Flachheiten amerikanischer Wohlstandsfamilie, antagonistisch ergänzt mit den ebenso eben angelegten Underdog-Biografien, wirklich nicht angetan. Zwei zeitig eingestreute Hinweise ließen neben dem Originaltitel zudem auch das allerorts als überraschend angepriesene Ende erahnen. Leider lässt sich wiederum mit diesem endlich erreichtem „Ende“ zu viel aus dem vorher Geschriebenen nicht schlüssig erklären, so dass statt des erhellenden Aha-Effekts im Nachgang diverse Ungereimtheiten einer nun nicht mehr erfolgenden Lösung harren. Um nur eine davon zu nennen: Der hier hergestellte Zusammenhang zwischen Erpressung durch belastende Dokumente und Lösegeldforderungen stellt die Logik auf eine allzu harte Probe.
Was bleibt nach einem durchlesenen Nachmittag auf der Haben-Seite?
a) Das gute Wetter am Badesee, an dessen Ufern ich den Großteil des Buches geschafft habe,
b) das Gefühl, sämtliche Gedankenstränge einmal so richtig auf „anspruchslos“ heruntergefahren und damit den Ansprüchen an einen geratenen Urlaubstag Genüge getan zu haben und
c) ein Buch, das man ohne Gewissen weiter verschenken kann.
In der Danksagung erwähnt die Autorin ihre eigenen Kinder, die der „Mommy“ offenbar nicht zugetraut hatten, einen richtigen Roman schreiben zu können. Das veranlasst schließlich zu der bereits eingangs angezeigten Gratulation: Mommy Kubica gebührt zweifelsohne der Ruhm, bei der Erziehung ihrer Kinder diese mit sicheren Instinkten ausgestattet zu haben.
Gesamturteil: Kann man schon mal weglesen.
Reinhard W. Moosdorf
Donnerstag, 10.09.2015
Autor: Andreas Schröter
Nordkorea gilt als das Land auf der Erde, in dem die Menschenrechte am wenigsten gelten. Wer beim Tod des „geliebten Führers“ nicht genügend trauert, kommt in ernsthafte Schwierigkeiten. Für kleine Vergehen werden die Menschen gefoltert oder sogar öffentlich hingerichtet.
All das beschreibt die gebürtige Nordkoreanerin Hyeonseo Lee mit Hilfe des Autors David John anschaulich in ihrem Buch „Schwarze Magnolie“. Es wird klar, wie Kinder bereits im Kindergartenalter auf Regierungskurs getrimmt werden. Kein Fach später in der Schule wird ohne politische Propaganda gelehrt. Und weil sie es nicht anders kennen, wehren die Menschen sich nicht. Es gibt keine Opposition.
Als ebenfalls regierungstreue, aber neugierige Jugendliche wagt Hyeonsee Lee im Alter von 17 Jahren dennoch über einen zugefrorenen Fluss einen Ausflug nach China. Sie geht nicht wieder zurück, sondern gelangt auf abenteuerlichen Wegen gelangt nach Südkorea. Doch sie sehnt sich nach ihrer Mutter und ihrem Bruder und schmiedet Pläne für sie …
Obwohl „Schwarze Magnolie“ eine Autobiografie ist, liest es sich manchmal so spannend wie ein Thriller. Die Autorin macht dabei nicht den Fehler, sich selbst ausschließlich als Heldin darzustellen. Auch sie macht Fehler, die sie offen zugibt.
Am Ende des Buches wird klar, dass nicht für alle Nordkoreaner, denen die Flucht gelingt, das Leben in einer modernen Industrienation das reine Paradies ist. Viele kommen mit der neu gewonnenen Freiheit nicht klar oder haben wegen ihrer mangelnden Bildung Schwierigkeiten sich durchzubeißen. Es gibt sogar Flüchtlinge, die sich nach dem unterdrückten, aber geregelten Leben in der alten Heimat sehnen.
Unbedingt empfehlenswert!
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Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie.
Heyne, Juli 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Donnerstag, 03.09.2015
Autor: Andreas Schröter
Einen äußerst beeindruckenden Roman über das Leben der kleinen Leute im ländlichen China legt der 1976 geborene chinesischstämmige Autor Ma Jian vor.
Weil die Bäuerin Meili zum zweiten Mal schwanger ist, muss sie mit ihrem Mann Kongzi und Tochter Nannan aus ihrem Dorf vor den Behörden fliehen, die die chinesische Ein-Kind-Politik durchsetzen. Die Regierungs-Angestellten tun das mit äußerst brutalen Mitteln. So schrecken sie auch vor Zwangsabtreibungen nicht zurück. Ma Jian, der seit 1999 in England lebt, schont sein Lesepublikum nicht – auch solche Szenen beschreibt er mit aller Deutlichkeit. Das macht seinen Roman intensiv und transparent. Da wird nichts verschleiert oder verharmlost.
Zartbesaiteten Gemütern könnte dieser Roman allerdings an die Nieren gehen.
Die kleine Familie bezieht ein Hausboot auf dem Jangtse und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Extreme Umweltverschmutzung an diesem Fluss und anderswo, Korruption, Behördenwillkür sowie die weitgehende Rechtelosigkeit der ländlichen Bevölkerung sind immer wiederkehrende Themen in diesem episch angelegten Roman, der auch einige dezente Fantasyelemente beinhaltet. Die jedoch gefährden nie den Authentizitätsanspruch dieses Buches.
Die bemitleidenswerte Meili hat nicht nur Stress mit den Behörden, sondern auch mit ihrem eigenen Mann, der auf Teufel komm raus so lange weitere Kinder zeugen will, bis er den ersehnten männlichen Nachkommen hat. Schließlich stammt er in direkter Linie von dem chinesischen Gelehrten Konfuzius ab und will dieses Erbe unbedingt weitergeben.
Weil sie gehört hat, dass man in einem extrem vergifteten Ort namens Himmelsstadt nicht schwanger werden kann, überredet Meili ihren Mann, dorthin zu ziehen. Doch ihr Leben mitten im Elektroschrott, der aus Europa importiert wird, bleibt schwierig. Ein tolles Buch!
Ma Jian: Die dunkle Straße.
Rowohlt, Juli 2015.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.
Freitag, 21.08.2015
Autor: Andreas Schröter
Lisa O‘Donnells Roman „Die Geheimnisse der Welt“ ist komplett aus der Sicht eines Elfjährigen geschrieben, obwohl es kein Kinderbuch ist. Dieser literarische Trick hat Vorteile: Man sieht die Ereignisse durch die unverstellte, gradlinige, frische und manchmal etwas naive Sicht eines Kindes. Und Nachteile: Ähnlich wie Eltern, die den ganzen Tag nur mit Kindern zu tun hatten, sich abends nach einem Gespräch unter Erwachsenen sehnen, wünscht sich der Leser mit wachsender Seitenzahl, doch bitte endlich wieder in den Kopf einer älteren Figur eintauchen zu dürfen.
Inhaltlich geht‘s um eine Vergewaltigung, die zunächst eine Familie und später ein ganzes irisches Dorf an den Rand des Abgrunds bringt. In beiden Fällen sind das Schweigen und die Geheimniskrämerei Hauptgrund allen Übels. Man könnte den Roman also als Plädoyer für die Kommunikation auffassen.
Zweites – oft amüsantes – Thema sind die Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden mit ersten Küssen und Enttäuschungen.
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Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt.
Dumont, Juli 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.
Dienstag, 18.08.2015
Autor: oliverg
[ein backup aus „buecherbrett.org“, das schließt, mehr davon?]
6. Juli 2009 Oliver Gassner
ich stehe auf der erhöhten plattform des doppeldeckerzuges, nein ich sitze auf meinem koffer den ich keine lust habe bei dieser hitze nach oben oder nach unten zu schleppen. neben der tü sitze ich und halte mich an der stange fest, denn der zug wackelt immer mal.
genau in einer sicht sitzt eine junge frau, vielleicht 25. ich bemerke sie eigentlich erst, als sie beginnt ihr blondes haar über ihre rechts schulter zu legen und es mit mit ihren händen teilt während sie erst nach draußen blickt.
dachte ich. dabei nutzt sie wohl im dunkelwerden nur die glasscheibe als spiegel.
ihr haut ist blass und feucht. so feucht dass sie aussieht als sei sie aus samt. im zug ist es kühl, draußen immer noch heiß.
unter einem gelben halb durchsichtig wirkenden top aus dünnem stoff trägt sie etwas, das dunkelrot ist. ist das nur ein bh oder mehr? das top ist so durchsichtig doch nicht.
sie ist unzufrieden mit der ersten aufteilung und beginnt von neuem.
mir kommt die Goethe/Schiller anekdote in den sinn: “”Er saß auf ihres Bettes Rand und spielte mit den Flechten // Das tat er mit der linken Hand, was tat er mit der Rechten?”
gerade fällt es mir schwer mir etwas vorzustellen, das erotischer wirken könnte als diese junge frau, die sich das haar flicht.
jetzt bloß nicht so wirken als starre ich sie an, was ich ja tue. sie dreht ihren kopf in meine richtung. gucke ich jetzt auch ordnentlich schnell und unauffällig in die ferne?
haare flechten ist ja an sich eine vorhersagbare sache. teilen, flechten.. der zopf hängt über ihre rechte schulter. aber sie hat ihn offen gelassen. sie hat entweder nichts dabei ihn zu schließen oder es ist ihr egal oder er muss ohnehin nur so lange halten, bis ihr nicht mehr so warm ist.
ich hatte auch mal lange haare und trug dann irgendwann nur noch pferdeschwanz. vor allem im sommer. vielleicht ist ihr nur heiß. sie blickt ernst, nicht verkrampft, auf eine madonnenhafte art entspannt, wirkt intelligent. rechts von ihr steht ein recht großer rucksack. kein reiserucksack eher ein mittelgroßer wanderrucksack. aber wandern war sie wohl nicht. aber es ist kein designteil.
mein zug hält. ich steige aus. sie auch. ich bin vor ihr. gehe. würde mich nie umdrehen.
Freitag, 07.08.2015
Autor: Odile
In Neuenkirchens neuem Tokyo-Krimi, erschienen beim Conbook Verlag, ermittelt Inspectorin Yuka Sato gegen den Serienkiller Roppongi Ripper. Wie schon im ersten Band, dem Frühlingskrimi „Yoyogi Park“, sind die Morde inszeniert, wenn nicht gar ritualisiert – und dies auf grausamste Art und Weise. Während Sato gemeinsam mit Shun Nakashima versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, ereignen sich weitere Morde unter sehr unschönen Umständen. Milde formuliert. Der Autor hat in diesem zweiten Band noch eins draufgelegt. Das bringt jedoch Yuka Sato nicht aus der Ruhe. Sie arbeitet sich systematisch voran, taucht in die Vergangenheit der Opfer ein und deckt so nach und nach die Identität des Serienmörders auf. Yuka Sato und ihr Kollege Nakashima müssen sich im Laufe ihrer Ermittlungen nicht nur mit grauenhaften Tatorten auseinandersetzen. Nakashima, der in diesem Band vom Assistenten zum Inspektor aufsteigt, wird mit seiner eigenen Vergangenheit und Yuka Sato mit neuen Persönlichkeitsfacetten Nakashimas konfrontiert. Zudem schlägt sie sich mit den harten Jungs der Neonazi-Gruppe White Power Yamato herum. Ohne mit der Wimper zu zucken. War Yuka Sato im letzten Band auch schon so cool? So heldenhaft? Sie scheint zwischen dem ersten und dem zweiten Band eine gewisse Persönlichkeitsveränderung durchgemacht zu haben. Das kann zu Irritationen bei den LeserInnen führen, auch wenn diese Entwicklung durch den Schluss des ersten Bandes schon angelegt war.
Neuenkirchen schafft es, abgesehen von einigen Längen, eine spannende Handlung zu konstruieren und filmreife Szenen zu entwickeln. Wie die Insepktorin die knallharten White Power-Typen vorführt, erstaunt und erfreut, nicht zuletzt wegen der geradezu satirischen Elemente. Yuka Satos atemberaubende Motorradfahrt auf der letzten Jagd nach dem Killer ist eine Klasse für sich. Filmreif ist auch der dramatische Showdown, dessen Dramatik allerdings durch den Hang zur Satire und befremdlich wirkende Denk- und Dialogpassagen der Figuren beeinträchtigt wird. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor an dieser Stelle bewusst das klassische Showdown-Szenenmuster milde karikieren wollte oder ob hier etwas anderes intendiert war. Die LeserIn muss sich selbst ein Bild machen.
Es wird Neuenkirchen vermutlich gelingen, die Spannung über alle Bände hinweg zu halten, soviel wird jetzt schon ersichtlich. Das liegt einerseits am auftretenden Personal. Allen voran Yuka Sato und Nakashima, die sich als entwicklungsfähiges Ermittlerduo zeigen. Alte Bekannte wie Matsuyama, Yuka Satos Freundin Sam, der unverbesserliche Ken oder der im ersten Band von Yuka Sato aus dem Verkehr gezogene Yakuza-Chef Shiraishi tauchen wieder auf, Matsuyama eher am Rande, Sam in etwas unglaubwürdiger, Ken in überraschender, Shiraishi in sehr beängstigender Weise. Vor allem diese undurchschaubare Figur ist es, die bedrohliche Spannung suggeriert. Eine andere Art von spannender Erwartung weckt Yuka Satos koreanischer Polizei-Kollege Pak, der Shiraishi in Punkto Undurchsichtigkeit in nichts nachsteht. Der Autor legt kundig seine Fährten, lässt aber zugleich noch offen, wohin sie führen. Vielleicht wäre der Auftritt der Wahrsagerin Madame Midori am Ende gar nicht nötig gewesen. Neuenkirchen neigt mitunter zum Über-Expliziten.
An der Krimistory ist – außer an den vielleicht zu sehr auf die Spitze getriebenen Mord- und Opferzustands-Schilderungen und am effektheischerischen Prolog – nicht viel auszusetzen. Schwächen zeigt der Roman aber in der psychologischen Zeichnung der Figuren sowie in der sprachlichen Gestaltung. Zwar gelingt es Neuenkirchen, die psychologischen Untiefen des Täters auf eine sehr spannende und nicht zuletzt überraschende Weise zu zeichnen. Problematischer steht es um das Verhältnis von Yuka Sato und Nakashima. Was sich Nakashima in diesem Roman leistet – was, sei hier nicht verraten, um künftigen LeserInnen den Lesespaß nicht zu verderben – scheint eher unwahrscheinlich, polizeilich-unprofessionell. Noch unwahrscheinlicher ist Yuka Satos Reaktion darauf. Wie ist es möglich, dass eine Inspektorin, die in ihrem Beruf so unerschrocken agiert, die sich bisweilen knallhart gibt, ihrem Kollegen in Nullkommanichts und ohne weitere Probleme alles nachsieht und barmherzig verzeiht? Wie kann es möglich sein, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kollegen keinen Schaden nimmt? Gerade bei einem Autor, der in seinen Romanen mit journalistischer Akribie ein Abbild der Realität zu liefern scheint, der alles tut, um Wahrscheinlichkeit zu inszenieren, befremdet dies.
Zugleich ist diese Realitätsverpflichtung auch ein Problem in Neuenkirchens Romanen. Nach wie vor irritieren die überpräzisen Schilderungen von lokalen und zeitlichen Gegebenheiten. Man könnte fast sagen: zu prosaisch für literarische Prosa. Trockenene Beschreibungen ergeben noch keine Atmosphäre. Stilistisch ist das Werk nicht immer ein Vergnügen. Wenn wir Wünsche äußern dürften, würden wir uns für den nächsten Band wünschen, dass von der japanischen Kommunikationskultur noch mehr in die sprachliche Gestaltung einfließt und dass der nächste Band nicht mit einer weiteren Steigerung von grauenhaften Mordinszenierungen aufwartet. Andererseits erwarten viele LeserInnen womöglich genau das. Oder lieber doch etwas feiner gezeichnete Atmosphäre?
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist das Werk eine sehr vergnügliche Lektüre. Wir erfahren viel über den Tokyoter Alltag – und diesmal auch über das im Schatten von Tokyo stehende Saitama. Yuka Sato und Nakashima sind vielschichtige Figuren, die noch Einiges an Entwicklungspotential haben. Dem Autor ist ein spannungsreicher Kriminalroman mit Tokyoter Lokalkolorit gelungen, der die LeserInnen in Atem hält und neugierig auf die künftigen Bände macht. Wenn die LeserInnen den ausgelegten Lockmitteln folgen, werden sie zu FährtenleserInnen. Besonders nachdem sie das geheime Bonuskapitel gelesen haben, das Neuenkirchen online zur Verfügung stellt. Während der Wartezeit auf den Herbstroman lässt sich trefflich darüber spekulieren, was der angeblich geläuterte Yakuzaboss Shiraishi im Schilde führt, worin der koreanische Inspector Pak vestrickt ist und womit der weiße Dämon Yuka Sato ängstigen wird. Vermutlich erfahren wir das erst im Tokyo-Winter. Aber erst warten wir mal gespannt auf den Herbst. Der sich schon ankündigt in den sich verfärbenden Blättern der Bäume im Imperial Garden.
Tags: Japan, Länderkrimi
Kommentare deaktiviert für Japankrimi: Roppongi Ripper von Andreas NeuenkirchenDienstag, 21.07.2015
Autor: Andreas Schröter
Einer der berühmtesten Stummfilme, die heute als verschollen gelten, heißt „Um Mitternacht“ aus dem Jahr 1927. Regisseur war Tod Browning.
Der 1971 geborene mexikanische Autor Augusto Cruz nimmt diesen filmgeschichtlichen Fakt als Ausgangspunkt für einen Roman, in dem er einen Privatdetektiv auf die Suche nach dem verschollenen Streifen schickt.
Immer wieder vermischt der Autor dabei Fakten und Fiktionen, lässt real existierende Personen etwas erleben, das sie im wahren Leben nicht erlebt haben. Darf man das eigentlich? Es ist zumindest bedenklich.
So ist der Auftraggeber des Detektiven der hochbetagte Science-Fiction- und Horrorfan Forrest Ackerman – den gab‘s wirklich. Auch kommt eine Szene mit der längst tot geglaubten Schauspielerin Eleanor Tichenor vor – die spielte wirklich in dem Film mit, und zuletzt landet der Detektiv in dem surrealistischen Märchenschloss Las Pozas im mexikanischen Dschungel. Auch das gibt‘s.
Für Filmfans ist die Schnitzeljagd nach dem verschollenen Streifen reizvoll, allerdings ist sie im Buch nur eine Art Rahmenhandlung. Immer wieder driftet Cruz ab und wendet sich ganz anderen Themen zu, die nichts mit dem gesuchten Film zu tun haben. Seitenlang geht es um die letzten Tage des berühmt-berüchtigten FBI-Chefs Edgar J. Hoover. Auch der mutmaßliche Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald hat seinen Auftritt. Alles hochfaszinierende Stoffe. Nur was haben sie miteinander zu tun? Weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen.
Manchmal bemüht sich der Autor ein wenig zu intensiv um eine gruselige Atmosphäre. Das bewegt sich dann auf einem schmalen Grat zum Lächerlichen und hemmt den Lesefluss.
Augusto Cruz verzichtet bei wörtlicher Rede auf jegliche Interpunktion. Eine ärgerliche Marotte.
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Augusto Cruz: Um Mitternacht.
Suhrkamp, Juli 2015.
392 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.
Samstag, 18.07.2015
Autor: rwmoos
Wer die alte Postroute der Dampfer entlang der norwegischen Küste nicht kennt, sollte spätestens jetzt mal bei Wikipedia den Begriff „Hurtigruten“ nachschlagen. Für all die aber, die auf dieser Route hin und wieder Zeit verbringen möchten, um die schier unendlichen Weiten des Nordens sich touristisch zu erschließen, ist das Buch von Rainer Doh die ideale Kabinenlektüre.
Ein Dorfpolizist aus Skjervøy – der geneigte Leser wird bereits auf S. 42 gelehrt, den Ortsnamen „Scherwoi“ auszusprechen – muss einige Stationen auf dem von ältlichen Touristen gebuchten Liner mitfahren, um einen offensichtlichen Selbstmord möglichst diskret und ohne Beeinträchtigung der touristischen Routine zu untersuchen. Dass der arme Kerl regelmäßig seekrank wird, nimmt er billigend in Kauf, weil er sich von diesem Auftrag einen dringend benötigten Karrieresprung erhofft.
Natürlich ist dann bald alles doch viel komplizierter. Die Selbstmordtheorie gerät ins Wanken und schon ist man – doch halt, das soll der Leser selbst mit herausfinden. Die Handlungsstränge jedenfalls sind über weite Strecken schön und spannend angelegt. Bald spielen die Großen aller Zünfte mit und nur das BKA fällt ein wenig aus der Rolle. Das häufigste Wort in Zusammenhang mit deren Agenten lautet im Roman: „Pappnasen“. Lediglich aus alter Stasi-Zeit glimmt noch ein wenig Reststrahlung deutscher Geheimdienstarbeit herüber. Letztlich versagen aber auch Experten anderer mehr oder minder dunkler Mächte und nur unser Held, der Dorfpolizist, steht seinen Mann – wenn er nicht gerade wieder seekrank ist.
Mit wenigen Strichen und doch liebevoll wird die fast stets ins Dunkel gehüllte Landschaft gezeichnet, in der die Verbrechersuche und -jagd stattfinden. Für die beteiligte Charaktere wäre es sicher von Vorteil gewesen, wenn sie ein wenig von diesem klaren Pinselstrich abbekommen hätten. So aber bleiben sie alle recht grob geschnitzt. Und wenn sich der Autor schon mal Mühe mit der Vorstellung eines neuen Charakters gibt, dann wird diese Perle selten so auf der Schnur des Erzählfadens aufgefädelt, dass ein Wiedererkennen Freude brächte.
Für einen Debütroman, der „Mordkap“ nun mal ist, geht das in Ordnung. In Zukunft sollte an dieser Stelle mehr zu erwarten sein.
Eine relative Eigenart des Erzählstils ist es, den Leser immer ein wenig Informationsvorsprung vor dem Protagonisten, unserem Dorfpolizisten, zu lassen. Eine Art handlungsinternes Spoilern, das wirkliche Überraschungen eher selten ermöglicht. Dafür ist aber dann der Showdown recht dick aufgetragen.
Schließlich, nach allen durchgestandenen Abenteuern, möchte der Dorfpolizisten-Held nur noch zwei Dinge tun: Zu seiner neu gewonnenen Freundin ziehen und Russisch lernen. Da kann er ja dann mit der richtigen Aussprache von „Спасибо“ schon mal anfangen …
Freitag, 10.07.2015
Autor: rwmoos
Die Vermessung der Welt
Da es mir relativ gut gelingt, mich durch TV-Verweigerung und Abstinenz von der Boulevard-Presse dem zu entziehen, was so für gewöhnlich als Mainstream durch die Dörfer gejagt wird, ist es mir auch entgangen, dass Daniel Kehlmann als Erfolgsautor gilt. So hatte ich meine erste Berührung mit diesem Namen, als ich eine moderne Ausgabe von Darwins Reisetagebuch, die „Fahrt der Beagle“, las, und im Vorwort des für mich unbekannten Autors über völligen Schwachsinn stolperte. Alexander v. Humboldt habe sich negativ zu der Abstammungstheorie des Menschen vom Affen geäußert, war dort Schwarz auf Weiß zu lesen. Zeitlich passte das ja nun hinten und vorn nicht. Und solches findet sich dann in der Einleitung zu einem ernsten wissenschaftshistorischem Buch! Die „Fahrt der Beagle“ lag dann ein paar Tage im kleinsten Zimmer unserer Wohnung herum – da wo ich gelegentlich gern ein wenig schmökere – und geriet so auch in die Hand meines damals dreiviertelwüchsigen Sohnes. Der äußerte sich so ziemlich das erste Mal achtungsvoll über meinen Lesestoff mit der eigenartigen Begründung, dass das Vorwort sogar von Daniel Kehlmann geschrieben sei. Ja, ob ich den denn gar nicht kenne. Von ihm stamme eines der wenigen wissenschaftlichen Bücher, das er selbst gern und zügig durchgelesen habe: „Die Vermessung der Welt“.
Nun, einige Jahre später, habe ich das nun seinerseits herumliegende Buch von Herrn Kehlmann durchgelesen. Hier das Fazit:
Heutzutage gibt es ja für alles Mögliche eine Lächerlichkeits-Version, oder wie es meine Kids nennen „Verarsche“. Und der meiste so strapazierte Stoff hat es ja auch verdient. Ob darunter auch die Wissenschaftler-Biografie gehört, mag dahingestellt sein. Jedenfalls ist die Form, die Daniel Kehlmann da gewählt hat, nicht unintelligent. Zugegeben, dass es sich um eine Verarsche handelt, bemerkt man, wenn man unvoreingenommen ließt, nicht gleich. Und wenn man dann über diverse Paradoxa stolpert, möchte man zunächst ärgerlich werden und das Ganze zur Seite legen. Erst wenn man dann den Duktus des Autors als solchen erkennt, wird es wieder schön.
Und wenn dann schließlich einer der beiden Protagonisten über Romane herzieht, die „sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“ … ja spätestens dann sollte auch der letzte Leser die Intention erkannt haben.
Seltsam, dass sich trotzdem namhafte Kritiker, die sich für oder gegen das Buch aussprechen, dasselbe für ernste biografische Literatur halten. Und es mag noch nachdenklicher stimmen, wenn man vermutet, dass der riesige Erfolg des Buches vielleicht gerade auf diesem Missverständnis beruht, es würde komplizierte Gedanken begnadeter Intellektueller in biografischer Form aufbereiten, so dass einem diese Gelehrten menschlich recht nahe kämen.
Man muss also nicht zu berichtigen suchen, was an Unsinn in diesem Werk zusammengefasst ist. Die beiden Protagonisten J.C.F. Gauß und A. v. Humboldt haben außer dem Namen und die eine oder andere wissenschaftliche oder biografische Notiz nichts und schon gar nichts Charakterliches mit den tatsächlichen Vorbildern gemein.
Wer sich aber dazu durchringen kann, das Buch als Reminiszenz an das Altern, die Vergänglichkeit, die historische und persönliche Bedingtheit oder als Kampf zwischen Freiheit und Mechanismus im Chardin’schen Sinn zu goutieren, dem wird zwar keine philosophische Sternstunde, aber doch eine gelegentlich heitere Begleitung des eigenen inneren Diskurses geschenkt.
Und wenn dann am Schluss einer der Zwerge des Handlungsstrangs, der bis dato lediglich als idiotisches Gesicht für den Hintergrund diente, zum Handlungsträger wird, indes die eigentlichen Protagonisten in selbst verantworteter oder doch zumindest selbst geduldeter Unbeweglichkeit verenden, dann surft da auf der Verarsche-Welle ein literarischer Gedanken-Sportler, von dem man noch einiges erwarten kann.
Dem bleibt dann nur noch die schmunzelnde Erkenntnis hinzuzufügen, dass das eingangs erwähnte Humboldt-Zitat im Vorwort der „Fahrt der Beagle“ natürlich kein Zitat des echten A.v.H. ist, wohl aber eine echtes Zitat des literarischen Figur aus der „Vermessung der Erde“. Das dort unzensiert unterzubringen, hat schon Klasse!
Die Vermessung der Welt
Dienstag, 30.06.2015
Autor: Andreas Schröter
Einen eindringlichen Roman über das Ende des Zweiten Weltkriegs aus Soldatensicht hat Ralf Rothmann geschrieben. Der 1953 geborene Autor schildert, wie kurz vor Kriegsende noch 17-jährige Jungs für die Waffen-SS eingezogen werden, um dann in Ungarn nahe der Front einen vollkommen aussichtslosen Dienst in Dreck und Kälte zu tun. Der unmittelbar bevorstehende Sieg der Alliierten liegt für jeden sichtbar längst auf der Hand.
Dennoch kommt es dort auch noch im April 1945 zu Gräueltaten an der Zivilbevölkerung oder zu Hinrichtungen an Deserteuren. Vor allem letzteres traumatisiert den Melker Walter, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist, so schwer, dass er sein ganzes Leben nicht darüber hinwegkommt.
Auch wenn das Thema „Grausamkeit im Krieg“ natürlich nicht neu ist, ist dem Autor ein intensiver Roman gelungen, dessen Lektüre lohnt. Der Text vermittelt eine große Nähe vor allem zur Hauptfigur Walter und zeichnet ein realistisches Bild einer unmenschlichen Zeit.
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Ralf Rothmann: Im Frühling sterben.
Suhrkamp, Juni 2015.
234 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Donnerstag, 25.06.2015
Autor: oliverg
Sorry, zwischendurch ist die Qualität des Sounds etwas wackelig, wir fassen aber das Unverständliche zusammen und gegen Ende wird der Ton dann noch besser.
Ulrikes Autorenseite auf amazon
Der Sammelband mit der Story: „Die Seuche“:
Mittwoch, 24.06.2015
Autor: Chris Inken Soppa
Ulrike Blatters Kurzgeschichte „Die Seuche“ liegt in H.L. Weens Kurzgeschichtenband „Horrortrips“ ganz weit vorn.
„Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit„, sagt Albert Camus. Ob Ulrike Blatter das auch so sieht? Jedenfalls ist sie vom Fach. Als Ärztin weiß sie, worüber sie schreibt. Zwei Influenzastämme vermählen sich. In Asien bricht ein Killervirus aus, während die schwangere Manu mit ihrem kleinen Sohn auf der heimischen Scholle sitzt und auf den Ehemann wartet, der in Paris arbeitet. Auf einmal steht auch sein Hotel unter Quarantäne. Und plötzlich spielt die ganze Welt verrückt.
Das Söhnchen fiebert. Im Garten liegen tote Vögel. Eine Freundin schreibt E-Mails vom Ende der Welt. In den Fernsehnachrichten in weiße Tücher eingewickelte Leichen, Menschen mit Mundschutz und eine Sprecherin, die moderiert, bis sie hustend aus dem Bild läuft und nie wieder kommt.
Diese Kurzgeschichte ist keine Horrorstory, nicht im eigentlichen Sinn. Ulrike Blatters Monster kommen keineswegs brüllend und blutrünstig daher. Vielmehr sind sie unsichtbar und überall; mit Macht brechen sie sich Bahn, direkt in Manus kleine heile Familie hinein. Ihrem Sog kann sich weder der Leser noch die Protagonistin entziehen. Ulrike Blatters anschließendes Essay verdeutlicht das noch mal. Solche Schreckensszenarien sind möglich. Auch bei uns. Auch heute. Das sollten wir lesen. Und ehrlich darüber nachdenken.
Mittwoch, 17.06.2015
Autor: Andreas Schröter
Organspende und -transplantation sind die Themen in Maylis de Kerangals Roman „Die Lebenden reparieren“. Das französische Original hat bereits mehrere Preise erhalten.
Als der 19-jährige Simon nach einem Unfall für hirntot erklärt wird, stellt sich bei aller Trauer schnell die Frage, ob seine Eltern ihn als Organspender freigeben wollen.
Die 1967 geborene französische Autoren begleitet in diesem sehr intensiven Roman die Menschen, die mit dieser Situation zu tun haben, über 24 Stunden hinweg. Sie schlüpft abwechselnd in die Köpfe des Opfers, der Eltern, der Ärzte, der Pfleger und zuletzt auch derjenigen, die die Organe des Toten empfangen sollen und damit Hoffnung auf ein neues Leben verbinden.
Der Roman ist nicht nur spannend und in einer wunderschön poetischen Sprache verfasst, er ist bei aller Düsternis des Themas auch abwechslungsreich und voller Leben. So erwartet die Krankenschwester des Toten nichts sehnlicher als einen Anruf ihres neuen Liebhabers, mit dem sie die vorherige Nacht durchgemacht hat. Während die zum Teil etwas selbstverliebten Ärzte die Organe Simons entnehmen, unterhalten sie sich über Fußball. Diese kleinen Beispiele zeigen, dass auch solche Extrem-Situationen, wie die im Buch beschriebene es nicht vermögen, das ganz normale Alltagsgeschehen anzuhalten. Die Welt dreht sich weiter. Die Autorin hat diesen Aspekt gut eingefangen.
Andere Beteiligte wie die Eltern denken natürlich weniger an Fußball. Aber auch hier gelingt es Maylis de Kerangal hervorragend, ihre Trauer und Verzweifelung darzustellen.
Im Philosophie-Unterricht an Schulen ließe sich „Die Lebenden reparieren“ gut als Diskussionsgrundlage vorstellen, wenn es um das Für und Wider von Organspenden geht.
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Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren.
Suhrkamp, Mai 2015.
255 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.
Sonntag, 14.06.2015
Autor: Andreas Schröter
Der in Berlin lebende Autor Paul Bokowski schreibt seine Geschichten in erster Linie, um sie auf den Lesebühnen „Brauseboys“ oder „Fuchs & Söhne“ vor Publikum vorzutragen – entsprechend kurz und pointiert sind sie.
In Buchform auf dem heimischen Sofa konsumiert, verlieren sie denn doch möglicherweise ein wenig von ihrem Reiz. Es fehlt das Live-Erlebnis der Lesung. Außerdem fällt es schwer, sich alle drei oder vier Seiten auf ein neues Thema einzulassen.
Paul Bokowski, geboren 1982, widmet sich in seinen Miniaturen ganz dem mit Berliner Lokalkolorit gefärbten Alltagswahnsinn. Da gibt es Rita und Herta, deren Unterarme auf dem Fenstersims festgewachsen scheinen und die sich quer über den Hinterhof ihre Lebensweisheiten zubrüllen. Da gibt es skurrile Anrufe bei der Polizei, Beobachtungen im Baumarkt oder Peinlichkeiten mit den Eltern. Auch die (homosexuelle) Liebe kommt nicht zu kurz.
Ein gutes und über weite Strecken auch lustiges Büchlein für zwischendurch. Nicht mehr und nicht weniger.
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Paul Bokowski: Alleine ist man weniger zusammen.
Manhattan, Mai 2015.
160 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.
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