Sonntag, 06.12.2015

Autor: oliverg

Kaspar, Niks und das Schwimmen im Kalten – ein Interview zu “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein” von Chris Inken Soppa

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Oliver Gassner:
Hallo Chris, 2015 war ja ein Stressjahr für dich, publizistisch: Das „Animalikon“ mit Bildern von deinem Mann Ralf Staiger und kurzen Notaten von Dir zu den dort abgebildeten Tieren, „Kaspar und die verschwundene Riechkugel“, ein reich illustrierter Kinderkrimi zur Zeit des Konstanzer Konzils und jetzt auch noch “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“, ein weiterer Bodensee-Konstanz-Figuren-Roman. Wie schafft man das alles?

Chris Inken Soppa:
Man arbeitet viel am Wochenende. Einmal pro Woche gemeinsam in die Weinstube zum Ideenfinden, und Laufen und Schwimmen im Kalten. Das klärt den Kopf.

Oliver Gassner:
Aber 2016 gehst du es ruhiger an, oder powern Ralf Staiger und du jetzt weiter mit einem zweiten Kaspar-Band, so lange der Konzil-Hype anhält?

Chris Inken Soppa:
Spaß und Ideen hätten wir. Vielleicht gar zu Els, dem gleichaltrigen Mädchen, das Kaspar hilft. Die beiden könnten die Kaufleute nach Aragon begleiten … inklusive Piraten, Raubrittern, Korallen und Safran, Schatztruhen und vielen Abenteuern. Ein Thema, das auch übers Konzil hinausreichen würde. Vielleicht haben die jungen und alten Leser ja Lust auf einen zweiten Teil.

Oliver Gassner:
Wie ist denn bisher das Feedback zum „Kaspar“. Das ist ja schon ein sehr untypisches Kinderbuch, wenn man sich Textmenge und Illustrationsmenge so ansieht. Und ich habe ja auch mitbekommen, wie detailversessen ihr recherchiert habt.

Chris Inken Soppa:
Ich denke, man muss es sehen, in der Hand halten, dann erst nimmt man die schöne Machart und die Illustrationen so richtig wahr. Bei Lesungen reagieren Kinder wie Eltern begeistert, weil sie spannende Sachen im Buch entdecken können. Wer weiß denn schon, was eine Riechkugel überhaupt ist? Oder ein Donnergugi? Oder, dass es in Konstanz eine “Mordergasse” gab? Die Kids sollten aber älter als acht Jahre sein. Neulich im Archäologischen Landesmuseum kam ein Junge zu uns, acht oder neun, der sagte, er sei eine echte Leseratte und wollte das Buch unbedingt kaufen.
Recherchiert haben wir tatsächlich sehr viel und dabei unsere Stadt noch mal ganz neu kennengelernt. Wir waren sogar im Konstanzer Stadtarchiv, um in den Steuerlisten von 1418 zu blättern. Die existieren noch.

Oliver Gassner:
Aber lass uns in den kalten Seerhein steigen. In deinen früheren Romanen „Ring der Narren“ und „Unter Wasser“ gab es ja immer auch Frauenfiguren, die standen aber nicht so im Mittelpunkt wie jetzt die Figur Niks in der „Kalypso“. War das eine bewusste Entscheidung, sich diesmal auf eine Einzelfigur, und dazu eine weibliche zu konzentrieren?

Chris Inken Soppa:
Beim Bad im Seerhein hab ich immer wieder eine ältere Dame gesehen, die wie Niks aussah. Ich sprach sie allerdings nie an … allein ihre Erscheinung inspirierte mich, mir einen Namen, eine Biographie und eine Geschichte für sie auszudenken. Daraus entstand dann „Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“.

Oliver Gassner:
Ja, im Gegenteil zu deinen sonstigen zentral-Figuren ist mir diesmal auch aufgefallen, dass du nach den „Jüngeren und Gleichaltrigen“ jetzt eher eine „kranke Alte“ in den Mittelpunkt stellst. War es schwierig, diese Figur so anzulegen?

Chris Inken Soppa:
Nun, krank ist sie ja erst mal nicht … sie erfährt erst im Lauf der Geschichte, dass sie einen Herzfehler hat, das ist durchaus metaphorisch zu sehen. Sie ist eine robuste Alleinstehende, die immer für sich selbst sorgen musste. Sie hat einen freundlichen Bezug zur Welt, sich aber meist aus allem rausgehalten.
Die Figur entwickelte sich beim Schreiben. Seite für Seite hab ich mehr erfahren über Niks. Sie ist ein sehr starker, selbständiger Charakter … selbst als ihre Erschafferin fand ich es zuweilen schwer, sie im Zaum zu halten.

Oliver Gassner:
Lass mich kurz die Story rekapitulieren: Niks ist eine allein lebende, kürzlich pensionierte Frau mit Herzfehler, die die Angewohnheit hat, zu jeder Jahreszeit im Seerhein zu baden. Wir erleben sie im Roman im Beziehungsgeflecht zu früheren Kolleginnen, der Frau ihres kürzlich verstorbenen Chefs und Ex-Lovers und zum Sohn einer Ex-Kollegin, den diese halb zwangsweise bei ihr einquartiert. Sie war – wie du – früher beim Regionalfunk, Du allerdings beim TV, sie beim Radio. Hatte dieser gemeinsame Background eine Hilfsfunktion, um dich näher an die Figur zu bringen?

Chris Inken Soppa:
Eigentlich bin ich auch eine Radiofrau. Habe dort bei verschiedenen Sendern als Nachrichtenredakteurin gearbeitet, genau wie Niks. Den Beruf für sie wählte ich, weil ich ihn kenne und er gut zu ihr passt. Man muss sehr schnell und selbständig arbeiten bei den Nachrichten – und man trifft auch viele schräge Vögel dort.

Oliver Gassner:
Ohne jetzt zu sehr ins Literarisch-Kategoristische zu gehen fallen mir ein paar Dinge auf: Der Anklang an Joyce, der ja auch die griechische Sage – besser: das Epos – als Romanstruktur verwendet und die Überlegung, dass das Ganze ja vielleicht eher eine Novelle ist, als ein Roman, weil sich der Text doch eher um das “unerhörte Ereignis” rankt, das man im ganzen Text kommen sieht, das wir hier aber natürlich nicht verraten. Was waren deine, sagen wir: narrativen, Ansätze bei dem Text?

Chris Inken Soppa:
Ja, Kalypso ist eben die Meernymphe, die den Helden bei sich aufnimmt und ihn nicht wieder gehen lassen will. Es gibt auch ein sehr schönes Lied von Suzanne Vega dazu, das hat mich über die Jahre immer begleitet. Und die griechischen Helden- und Göttersagen las ich als Kind schon gern, Joyces „Ulysses“ später, als ich in Dublin lebte. All das floss ein beim Schreiben, ohne, dass ich mir große Gedanken über die Kategorien gemacht hätte.

Oliver Gassner:
Alter und Jugend, Paare und Liebschaften, Familie und Freiheit so könnte man ja das thematische Feld und dessen Pole abstecken. Niks, die sich primär bei den verheirateten Männern bedient und jede Bindung scheut, ihr junger Gast, der sich auf dem Weg in die Freiheit weder bei ihr noch in seiner Clique richtig heimisch fühlt und eine ganze Phalanx von Nebenfiguren, bei denen im Leben nichts so zu laufen scheint, wie es soll. Ist das Leben, wie John Lennon einmal gesagt hat, ohnehin das, was passiert, während wir andere Pläne machen? Und lässt sich bei solchen Lebenserfahrungen im Roman überhaupt noch irgend ein großer Plan skizzieren? Sind deswegen Krimis so beliebt, weil man da wenigstens noch eine Art Auflösung der Konflikte modellieren kann? Das waren so Gedanken, zu denen mich das Buch angeregt hat.

Chris Inken Soppa:
Möglicherweise. Im Krimi siegt ja meist das Gute über das Böse. Oder wenigstens gibt’s eine Auflösung. Aber die Charaktere sind dort oft eher uneigenständig, da sie innerhalb des Plots eine Funktion erfüllen müssen. Bei „Kalypso“ ist das genau umgekehrt. Niks versucht, wie wir alle, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Ob sie dabei erfolgreich ist oder scheitert, das hängt davon ab, wie der Leser es liest. Das find ich interessanter als den großen Plan, den es vermutlich ohnehin nicht gibt. Da hat John Lennon wohl recht.

Oliver Gassner:
Wie ich dich kenne, arbeitest du schon am nächsten Text. Was außer einem “Kaspar reloaded” können wir aus deiner Tastatur demnächst erwarten, gibst du uns eine Sneak Preview?

Chris Inken Soppa:
Derzeit sitze ich an meiner ersten Übersetzungsarbeit vom Englischen ins Deutsche. „Rock Garden“ des irischen Schriftstellers Leo Daly handelt vom Leben auf den Aran-Inseln im Westen Irlands. Wenn alles gut geht, wird es 2017 bei edition karo erscheinen.

Oliver Gassner:
Dann sind wir mal gespannt, danke für das Gespräch :).

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Freitag, 04.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre

Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre«Ali Eskandarian, ein aus dem Iran stammenden Musiker, kam 2013 im Alter von nur 35 Jahren bei einem Amoklauf eines Musikerkollegen im New Yorker Stadtteil Brooklyn ums Leben.

Kurz vorher hatte er den autobiographischen Roman „Die goldenen Jahre“ verfasst, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Es geht darin um das wilde Leben des Autors als Musiker wenige Jahre vor seinem Tod.

Er lebt in einem Loft, in dem viele Menschen aus- und eingehen – manchmal findet er sie sogar in seinem Bett –, nimmt Drogen und ist ständig auf der Suche nach Frauen, mit denen er mal nur die Nacht, mal das ganze Leben verbringen will. Kurz gesagt: Das Buch besteht aus den berühmten Zutaten Sex & Drugs & Rock ‘n‘ Roll.

Doch „Die goldenen Jahre“ ist mehr als das. Dieser äußerst intensive, hochemotionale und an keiner Stelle langweilige Roman thematisiert auch die Zerrissenheit eines iranischen Migranten in den USA, und er zeigt, wie einsam sich ein Mensch selbst dann fühlen kann, wenn er permanent von anderen umgeben ist. Und er ist ein großer Liebesroman, nur dass es nicht immer dieselbe Frau ist, die Eskandarian zutiefst verehrt.

Manchmal erinnert dieses Buch, das zuweilen auch als „Punk-Beat-Roman“ in Anlehnung an Autoren wie Jack Kerouac oder William S. Burroughs bezeichnet wird, fast an die besten Passagen in Werken wie „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller, verzichtet aber auf die manchmal schwer verständlichen philosophischen Ausschweifungen Millers, was das Werk Eskandarians im Vergleich deutlich rasanter macht.

Und es ist stilistisch richtig gut geschrieben (und von Robin Detje übersetzt): Die Sprache ist gleichsam poetisch, wie wild und brutal. Ein Buch voller Leben.
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Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre.
Berlin-Verlag, November 2015.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

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Mittwoch, 02.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Lars Berge: Der Büro-Ninja

Lars Berge: Der Büro-Ninja«In Lars Berges „Der Büro-Ninja“ beschließt Jens, seinem langweiligen Büroalltag in einer Firma für Fahrradhelme ein Ende zu setzen. Doch er kündigt nicht, sondern versteckt sich wochenlang in einer nie genutzten Abstellkammer der Firma, wo er über eine obskure Telefonleitung die Gespräche seine Kollegen belauscht.

Das klingt so, als hätte dieser aus Schweden stammende Roman Potenzial, ein paar kluge Breitseiten gegen den Berufsalltag in den Büros dieser Welt abzufeuern. Hat er aber leider nicht und verschenkt damit genau das, was ihn lesenswert gemacht hätte.

Stattdessen driftet „Der Büro-Ninja“ schnell in billigen Klamauk ab, in dem ein als Batman verkleideter Spinner genauso eine Rolle spielt wie die durch die Bank sehr überzeichneten Kollegen.

Das wäre alles nicht weiter schlimm, wenn nicht der Verlag das Buchals „kluge Satire“ bewerben würde, die die „moderne Arbeitswelt“ entlarvt. Dieses Buch ist weit von diesem Anspruch entfernt.
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Lars Berge: Der Büro-Ninja.
carl’s books, Oktober 2015.
256 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

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Dienstag, 24.11.2015

Autor: Immo Sennewald

Wirtschaft und Demokratie – drei Bücher

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?

In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.

zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch – oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.

Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.

Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.

Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.

Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber – wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.

Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.

Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse – dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel – und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.

Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:

presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über „Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.

Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert – seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln – mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation – sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.

Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.

Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.

Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €

Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 €

Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten, 59 €

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Dienstag, 17.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher

Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher«Erstmals auf Deutsch erschienen ist endlich ein Literaturklassiker aus dem Jahre 1961: „Der Pfandleiher“ von Edward Lewis Wallant.

Sol Nazermann ist nur noch körperlich anwesend. Im Innern hat der Jude den Verlust seiner Familie im Konzentrationslager nie verkraftet. Er reagiert darauf, indem er sämtliche Gefühle abgeschaltet und nur noch auf den Tod wartet.

Sol arbeitet in New York als Pfandleiher, ein Geschäft, das jedoch nur als Geldwäschebetrieb eines Gangsters dient. Aufheitern können ihn weder sein lebenslustiger Assistent Jesus, noch eine hartnäckige Verehrerin, noch die Familie seiner Schwester, in der er lebt. Erst ganz am Ende kommt es zu einer dramatischen Veränderung.

„Der Pfandleiher“ ist ein spannendes und ergreifendes Buch über menschliche Gefühle, die gerade durch ihre Abwesenheit in den Fokus des Lesers geraten. Große Literatur! 1965 wurde der Stoff mit Rod Steiger in der Titelrolle von Sidney Lumet verfilmt.
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Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher.
Berlin-Verlag, Oktober 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

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Donnerstag, 12.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Willy Vlautin: Die Freien

Willy Vlautin: Die Freien«Ein Buch aus Amerika zieht den Leser auf der ersten Seite in seinen Bann und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los: Willy Vlautins „Die Freien“.

Der 1967 geborene Sänger (der Folkrockband Richmond Fontaine), Songschreiber und Autor hat ein Herz für die einfachen Menschen, die eher am unteren Ende der amerikanischen Gesellschaftsskala stehen. Sie müssen kämpfen, um über die Runden zu kommen. Da ist zum Beispiel der sanftmütige Freddie, der gleich mehrere Jobs erledigt, um die Arztrechnungen seiner Tochter bezahlen können, und sich dabei körperlich total verausgabt – oder die Krankenschwester Pauline, die um das Leben einer Drogensüchtigen kämpft und ihren verrückten Vater pflegen muss – und Leroy, ein im Irakkrieg verwundeter Soldat, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch mehr tot als lebendig nur noch in Fieberträumen dahinvegetiert.

Diese drei Figuren, die man als Leser schnell ins Herz schließt und in deren Leben man tief eintaucht, haben im Roman nur wenig Berührungspunkte, Vlautin erzählt ihre so unterschiedlichen Geschichten unabhängig voneinander. Das macht das Buch abwechslungsreich und vielseitig. Besonders Freddie und Pauline beeindrucken durch ihre mentale Stärke, mit der sie gegen alle Widerstände ihren Weg gehen.

„Die Freien“ ist nicht nur emotional berührend, sondern auch stilistisch brillant geschrieben. Der Roman besticht durch realistische Dialoge. Unbedingt empfehlenswert.
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Willy Vlautin: Die Freien.
Berlin-Verlag, Oktober 2015.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22 Euro.

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Samstag, 07.11.2015

Autor: Andreas Schröter

Richard Ford: Frank

Richard Ford: Frank«Wie schön: Frank Bascombe ist wieder da! – jener leicht zynische Alltagsheld, der nun schon im vierten Roman des Amerikaners Richard Ford die Hauptfigur gibt.

Schlicht „Frank“ heißt das neue nur 224 Seiten dünne und wieder von Frank Heibert übersetzte Büchlein, in dem Bascombe einige Menschen wiedertrifft, die in seiner Vergangenheit eine Rolle gespielt haben: einen Mann, dem er einst sein Strandhaus verkaufte, das nun aber vom Hurrikan Sandy zerstört worden ist, seine Ex-Frau Ann, die an Parkinson leidend in einem Seniorenheim lebt, und einen alten Freund, der ihm auf dem Sterbebett ein unschönes Geheimnis anvertraut. Und dann gibt‘s noch eine unerwartete Besucherin, die Bascombe eine Horrorgeschichte erzählt …

Doch im Grunde ist es fast egal, wen Frank trifft oder was er erlebt. Das bleibt nur Kulisse für das, was ihm zu diesem und jenem durch den Kopf geht – zum Beispiel über die Verzichtbarkeit von Freundschaften oder über seine Fluchtreflexe im Seniorenheim. Das alles ist gleichermaßen unterhaltsam wie von tiefen Wahrheiten durchzogen – und man hätte rein gar nichts dagegen, wenn es in diesem Sound noch 1000 Seiten weitergehen würde.

Frank Bascombe ist mittlerweile 68 Jahre alt, hat eine Krebs-Erkrankung hinter sich und wird von diversen Zipperlein geplagt. Insgesamt ist „Frank“ ein recht morbider Roman mit vielen Bezügen zum Tod. Die allgegenwärtigen zerstörerischen Folgen des Hurrikans und der eiskalte Winter, in dem das Geschehen spielt, passen genauso in diesen Zusammenhang wie die bekannte von Sandy zerstörte Achterbahn in Seaside Heights in New Jersey auf dem Cover. Man könnte sie hier geradezu als „Achterbahn des Lebens“ deuten.

„Frank“ ist letztlich ein höchst empfehlenswertes Stück Literatur.
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Richard Ford: Frank.
Hanser, September 2015.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

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Samstag, 31.10.2015

Autor: oliverg

#literaturwelt Fettnäpfchenführer Paris und Berlin


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Freitag, 30.10.2015

Autor: Immo Sennewald

Vladimir Sorokin “Telluria”

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft –  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich – in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin „Telluria“ bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €

Mittwoch, 28.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Joan Sales: Flüchtiger Glanz

Joan Sales: Flüchtiger Glanz«Der Hanser-Verlag traut sich in diesem Herbst an einen 570-Seiten-Wälzer, der ihm womöglich nicht die ganz hohen Auflagenzahlen bescheren wird, ist sein vordergründiges Thema – der spanische Bürgerkrieg – doch mittlerweile arg weit weg, zumal für deutsche Leser: Joan Sales‘ „Flüchtiger Glanz“.

Und doch gilt gerade dieses Werk, das im katalanischen Original zuerst 1956 erschienen ist, und nun also endlich auf Deutsch vorliegt, vielen Literaturkennern als einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Zum einen verleiht er der in diesem Krieg unterlegenen republikanischen Seite erstmals eine Stimme, zum anderen ist der Krieg über weite Strecken lediglich Hintergrund-Kulisse. Im Vordergrund stehen die Sucht nach Leben, die Suche nach Sinn und die Gefühle der vier Hauptfiguren, die gerade erst dem Jugendalter entwachsen sind. Der grausame Krieg auf der einen Seite, die intensiven und berauschenden Natur- und Liebeserfahrungen dieser jungen Helden auf der anderen Seiten bilden im Buch einen starken Kontrast.

„Flüchtiger Glanz“ gliedert sich in drei große Kapitel. Das erste besteht aus den Briefen, die Lluís seinem Bruder Ramon schreibt. Lluís sitzt an einer sogenannten „toten Front“, an der sich die Soldaten vor allem langweilen und die Zeit mit vielen seltsamen Aktivitäten totschlagen. Außerdem verliebt er sich in eine zwielichtige Schlossherrin.

Auch der zweite Teil besteht aus Briefen. Lluís‘ Frau Trini, die sich in Barcelona nach ihrem Mann sehnt, schreibt ihrem Bekannten Soleràs. Und im dritten Teil erinnert sich der Priesterseminarist Cruells an die Geschehnisse im Krieg.

Mit den Lesegewohnheiten von heute wirkt „Flüchtiger Glanz“ möglicherweise an einigen Stellen etwas gedehnt – besonders im Mittelteil – und man hätte sich die eine oder andere Kürzung gewünscht. Insgesamt jedoch bietet dieser Text auch heute noch interessanten Lesestoff.
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Joan Sales: Flüchtiger Glanz (1956).
Hanser, September 2015.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26 Euro.

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Donnerstag, 22.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Irène Némirovsky: Zu zweit

Irène Némirovsky: Zu zweit«Mit „Zu zweit“ aus dem Jahre 1936 schließt der Knaus-Verlag seine Irène- Némirovsky-Reihe ab, die zehn Jahre zuvor mit einem legendären Werk der 1903 geborenen französischen Schriftstellerin begann: „Suite française“, jenem erst 1996 wiederentdeckten Roman. Die aus Russland stammende Jüdin starb 1942 in Auschwitz.

In „Zu zweit“ zeigt sie, wie die Beziehung zweier Menschen, Antoine und Marianne, sich im Laufe eines Lebens verändert. Aus einer ungestümen, spielerischen Liebelei wird eine Ehe, in der sich die Partner zwar immer noch brauchen, die Gefühle füreinander aber seit Jahren erloschen sind. Die Scham über vergangene Seitensprünge, Streitigkeiten und gegenseitige Verletzungen, der Tod der Eltern, die eigene Gesundheit und die Sorge um Kinder und Finanzen drücken beiden Partnern aufs Gemüt und töten jede Leichtigkeit. Auch auf das Liebesleben von Freunden und Verwandten des Paars geht der Roman ein.

Anders als bei anderen Némirovsky-Werken merkt man diesem Roman an, dass er fast 80 Jahre alt ist. Die Figuren gehen innerhalb ihrer Familien – und selbst dann, wenn sie miteinander liiert sind – seltsam steif miteinander um. Man leistet sich auch dann noch eine Gouvernante oder einen Hausdiener, wenn man kurz vor dem Bankrott steht.

„Zu zweit“ ist ein Roman, in dem das (zumeist düstere) Innenleben der Figuren und ihre Gefühle im Mittelpunkt stehen. Der Fortgang der Handlung ist nebensächlich.

Das darf man als Leser zwischenzeitlich auch nervig finden – zumal, wenn man das Gefühl hat, diese und jene Wendung schon ein paar Seiten vorher in ähnlicher Weise gelesen zu haben.

Und doch bleibt unbestritten, dass Irène Némirovsky eine großartige Autorin von ausgeprägter Stilsicherheit war – und in der Lage, selbst kleinste Nuancen des Zwischenmenschlichen zu erkennen und in Worte zu fassen. Letztlich ist es auch historisch interessant zu sehen, wie Vertreter des Großbürgertums im Paris der 20er-Jahre lebten.

Und doch: An die ganz großen Némirovsky-Romane Romane wie „Suite française“ reicht dieses Werk nicht heran.

Irène Némirovsky: Zu zweit.
Knaus, Oktober 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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Freitag, 16.10.2015

Autor: oliverg

Leo Martin: „Ich stopp Dich“ – YouTube

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Dienstag, 13.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben«Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Als Leser braucht man sehr viel Kraft und eisernen Willen, um diesen Roman durchzustehen. Der 1956 geborene Autor taucht in die Köpfe einer fast unüberschaubaren Vielzahl von Figuren ein und bedient sich dabei der literarischen Technik „Bewusstseinsstrom“ – das heißt, er schreibt das auf, was die Figuren gerade denken. Und da Gedanken eben oft aus Halbsätzen bestehen oder wild durcheinander von einem Thema aufs nächste springen, ist das Ergebnis ein gewisses Text-Wirrwarr.

Wer das schon rein konzentrationsmäßig durchhält, wird zuweilen mit schönen Momenten belohnt, in denen der Roman so etwas wie einen (Gedanken-)Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.

Doch solche Momente muss man sich hart erarbeiten. Immer wieder tragen einen die vielen Kapriolen dieses Romans aus der (Lese-)Kurve.
Es ist deshalb schon gar nicht ganz einfach zu sagen, worum es in diesem Buch eigentlich genau geht. Zentrale Figur ist Jochen Brockmann, ehemals Linker, jetzt erfolgloser – aber frisch verliebter – Sales Manager kurz vor dem Rausschmiss.

Es geht also um moderne Wirtschaftswelten, linkes Leben zu Zeiten des Vietnam-Krieges, um eine erwachende Liebe, um familiären Halt und um vieles mehr. Handelte es sich um ein Musikstück, würde man vielleicht kritisieren, das Ganze sei ein wenig überinstrumentiert – und zwar in formaler wie thematischer Hinsicht.

Positiv lässt sich sagen: „Das bessere Leben“ ist ein Roman, der sehr nah bei seinen Figuren ist – nämlich direkt in ihrem Kopf. Und das, was sie denken, wirkt durchaus stimmig und psychologisch glaubhaft.
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Ulrich Peltzer: Das bessere Leben.
Fischer, Juli 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, Juli 2015.

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Samstag, 10.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Rolf Lappert: Über den Winter

Rolf Lappert: Über den Winter«Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 steht auch Rolf Lapperts „Über den Winter“. Der 1958 geborene Schweizer schreibt darin über den Künstler Lennard Salm, der von einem nicht näher benannten Ort irgendwo im Süden widerwillig zu seiner Familie nach Hamburg zurückkehrt, um an dem Begräbnis seiner Schwester teilzunehmen. Doch dann bleibt er länger als geplant und richtet sich nach und nach in der Situation ein.

Lapperts Erzählstil passt zum ruhigen Cover dieses Buches. Der Autor nimmt sich jede Menge Zeit auch für kleinste Details und schreckt auch vor längeren Beschreibungen von Landschaften oder Wohnungseinrichtungen nicht zurück.

Gerade zu Beginn wirkt das mitunter langatmig, und man muss als Leser etwas kämpfen, um bei der Stange zu bleiben.
Hinderlich für den Lesegenuss ist auch, dass die Hauptfigur, die im Buch meist nur als „Salm“ vorkommt, nur bedingt als Identifikationsfigur taugt. Salm ist meist übel gelaunt, kommt zu spät oder gar nicht zu Verabredungen und ist mundfaul. Man hat zuweilen den Eindruck, dass ihm das, was in seiner Umgebung passiert, weitgehend egal ist.

In der zweiten Hälfte nimmt der Roman zwar deutlich an Fahrt auf, aber insgesamt bleibt der Eindruck einer durchgängigen Humor- und Freudlosigkeit, einer gewissen Dröge und Zähigkeit. Typische Deutsche-Buchpreis-Literatur könnte man etwas überspitzt fast sagen.

Weil der Autor meist nur die Geschehnisse beschreibt, aber zu selten in die Köpfe der Figuren eintaucht, bleiben die für den Leser seltsam distanziert. Der Handlungsablauf wirkt zufällig und ergibt kaum ein geschlossenes Ganzes.
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Rolf Lappert: Über den Winter.
Hanser, August 2015.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.

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Mittwoch, 07.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?

Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?«Einem Roman aus Norwegen liegt ein interessantes Konzept zugrunde. Jemand namens David, der aber im gesamten Roman nur indirekt in Erscheinung tritt, hat sein Gedächtnis verloren.

Um ihm auf die Sprünge zu helfen, sollen ihm nahe stehende Menschen Briefe schreiben, in denen sie ihm aus seinem Leben erzählen. Freund Jon, Stiefvater Arvid und Freundin Silje tun das, sodass sich das Buch in drei Teile gliedert. Die werden aber nicht nur von den Briefen selbst gebildet, sondern auch von Episoden aus der Gegenwart dieser Menschen, was die Idee verwässert. Der Leser erfährt hier hier im Grunde mehr über die drei Briefeschreiber als über den David. Im Wesentlichen geht es dabei um die homosexuelle Beziehung zwischen Jon und David, die Liebe zwischen Silje und David sowie um verschiedene zwischenmenschliche und jugendspezifische Probleme.

Was insgesamt vielversprechend beginnt, verliert mit wachsender Seitenzahl an Reiz – auch weil sich die Kapitel zu sehr ähneln. Beinahe in jeder Szene zerstreiten sich die handelnden Figuren heillos. Das nervt. Auch hätte man gern etwas über David erfahren und wie er auf die Briefe reagiert, so wie es der irreführende Klappentext vermuten lässt. Aber Fehlanzeige.
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Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?.
btb, August 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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Freitag, 02.10.2015

Autor: Immo Sennewald

Zwischen Lebenswillen und Suchtgedächtnis

siemes

Ein bequemer Zeitgenosse war er nicht, der Werbetexter Reinhard Siemes, das merkt man, wenn er sich mit seiner Branche auseinandersetzt. Er kannte die Gipfel beruflichen Erfolgs, stand dem “Art Directors Club” vor, und erlebte Korruption, Intrigen, legte sich mit Auftraggebern an, ertrug finanzielle Durststrecken. Er hat an deutschen Hochschulen unterrichtet, spießt deren Schlendrian auf, veralbert Prominente und Politiker. Wer die 56 Episoden liest, die Siemes aufgeschrieben hat, findet einen satirischen bis sarkastischen Schalk – und einen schweren Trinker.

Auf 45 Jahre seines Lebens schaut der Autor in diesem “autobiographischen Sachbuch” zurück; als er 2011 stirbt, hat er sein Buch abgeschlossen, aber nicht fertiggestellt. Er hätte wohl noch viel zu erzählen gehabt über Zustände in deutschen Kliniken, in denen Alkoholiker wie Aussätzige, nicht wie Patienten behandelt werden, über hilfsbereite und sadistische Pfleger, erfolgreiche und überforderte Therapeuten. Siemes war Alkoholiker, an Leib und Seele erfahren durch zahlreiche Entzüge und ebenso viele Rückfälle. Dass er sie nicht chronologisch erzählt, gibt dem Ganzen zusätzlichen Reiz: In einem Geschehen aus lauter Parabelflügen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Erfolg und Verlust, Aufschwung und Absturz wechseln die Landschaften und Zeiten, während der Erzähler zwischen Höhen und Tiefen navigiert, uns dabei mit Schnurren unterhält oder auf Bilder beschämenden Kontrollverlusts stößt. Das eindringlichste stammt von einer Freundin, die beschreibt, wie sie Siemes 2007 nach schwerer Trinkerphase vorfand und den halbtoten, stinkenden alten Mann in eine Klinik verfrachtete. Siemes schont sich selbst nicht, wenn er solche Episoden einflicht.

Aber er reflektiert fortwährend, was ihn treibt. Immer wieder führt er fiktive Dialoge mit seinem „Todfreund“, prüft das Für und Wider des Gruppenentzugs bei den Anonymen Alkoholikern oder Synanon, fragt nach der Eigenverantwortlichkeit des Trinkers – und findet keine gültigen Antworten. Auch darin erscheint der Grundkonflikt: Ein Begabter, ein auf Freiheit und Selbstbestimmtheit Orientierter erlebt sich im Erfolg – und stößt an Grenzen, die er nicht verschieben kann. Womöglich zweifelt und verzweifelt er dann mehr an sich selbst als an den Grenzen. Er sucht Trost, er sucht Belohnung beim Suchtmittel. Egal ob Spielsucht, Sexsucht, Drogen- oder Arbeitssucht: Es funktioniert ja, und so päppelt jeder Süchtige sein Suchtgedächtnis. Der Konflikt zwischen Schmerz des Entzugs, nötigem Trainingsaufwand für ein Leben ohne Droge und Verlockung in den Rückfall frisst enorme Energien. Oft zu viel, um beruflich nicht zu versagen, zu viel, um die persönlichen Bindungen an Freunde, Lebenspartner, das Leben selbst nicht zu gefährden. Reinhard Siemes hat trotzdem in seinen letzten Jahren ab 2005 immer noch einmal Neues unternommen: Mit seiner Lebensgefährtin Ika Bratuscha hat er ein Antiquitätengeschäft in dem kleinen Kurbad Rogaška Slatina in Slowenien eröffnet, er hat gedichtet, schließlich seine Erinnerungen niedergeschrieben.

Wer soll dieses Buch lesen? Reinhard Siemes beherrscht sein sprachliches Handwerk, er streut sogar einige humorige Gedichte ein, die Texte sind ohne Schnörkel. In manchem war er seiner Zeit voraus: Die Idee einer Werbung für die Henninger-Brauerei, in der ein künstlich geschürter Zwist der Pils- und der Export-Trinker „viralisieren“ sollte, wurde seinerzeit verworfen, 30 Jahre später von einem Süßwarenhersteller benutzt. Vieles wäre einer Jugend zu empfehlen, die beim Komasaufen im Vergleich zu uns Alten durchaus mithalten, aber auf ein breiteres Spektrum an Drogen, auch an Fürsorge zurückgreifen kann. Sie wird es nicht lesen. Zeitgenossen wie ich werden sich amüsieren, an Siemes‘ Selbstbefragungen interessiert teilnehmen, sich fragen, wie ihre eigenen letzten Episoden aussehen sollten. Irgendwann gibt der Todfreund dem Gevatter die Klinke in die Hand. Nicht nur den Pflegern, Therapeuten und Trinkern sei bis dahin das Buch empfohlen.

Reinhard Siemes „Mein Todfreund der Alkohol“

avedition August 2015

Gebundene Ausgabe, 360 Seiten, 24,90 €

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Sonntag, 27.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Franzen: Unschuld

Jonathan Franzen: Unschuld«Jonathan Franzen kann schreiben, über was er will – hervorragend ist es immer. Der 1959 geborene Amerikaner arbeitet in einer höheren Liga als 99 Prozent seiner schriftstellernden Zeitgenossen. Es ist unglaublich, wie psychologisch genau, wie plastisch, wie nachvollziehbar und wie fein er seine Figuren zeichnet.

In seinem neuen Werk „Unschuld“, das erfreulicherweise schon fünf Jahre nach „Freiheit“ erscheint (zwischen den „Korrekturen“ und „Freiheit“ hatten neun Jahre gelegen), verfolgt der Autor seine Figuren wieder über mehrere Jahrzehnte. Es geht um Freunde, deren Freundschaft in Hass umschlägt, um Ehen, die geschieden werden, weil die Partner schon von Anfang an nicht zueinander gepasst haben, und um einen Mord, an dem der Mörder noch Jahrzehnte zu knacken hat.

Die untergehende DDR kommt genauso vor wie eine verrückte Milliardärin, die keinen Cent von ihrem Geld will, oder der Konflikt zwischen seriösen Journalisten und Whistleblowern wie Julian Assange – es ist schlicht nicht möglich, die Vielfalt dieses 800-Seiten-Werks hier kurz darzustellen. Einfach lesen!
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Jonathan Franzen: Unschuld.
Rowohlt, September 2015.
832 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,95 Euro.

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