Sonntag, 04.04.2010 | 15:50 Uhr

Autor: Immo Sennewald

Vom rituellen Schlachten

Das ARD-Fernsehen feiert sich selbst für eine narrative Attacke auf Scientology. Hier ein Kommentar dazu – als Auszug aus
„Der menschliche Kosmos“)

Sündenbock
Das älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock. Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Sein Aussehen ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit, niemand kann behaupten, je seine Urgestalt erblickt zu haben, noch eindeutige artspezifische Merkmale benennen zu können.
Vom Sündenbock lässt sich nur soviel mit Sicherheit sagen: er ist immer da, wenn er gebraucht wird, und er ist schuld.
Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära der Statistiken und des alles erfassenden quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens auf Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Das Kind, um dem strafenden Blick zu entgehen, lernt nicht nur früh das reflexhafte „Ich war’s nicht“, sondern auch alsbald den weitere Verfolgung abwendenden Satz: „Er (oder sie) war’s“, oder etwas intelligenter: „…hat angefangen“. Und ebenso schnell lernt das Kind, dass abwesende Sündenböcke viel besser sind als anwesende: sie können sich nicht dagegen wehren, wenn es sie beschuldigt.
Aus Reden und Reaktionen der Erwachsenen erfahren Kinder, dass dies eine sehr erfolgreiche Strategie ist, weil überhaupt immer jemand schuld sein muss, wenn etwas schiefläuft. Da im Leben einiges schiefläuft, verbringen Menschen von der Kindheit bis zum Greisenalter viel Zeit mit der Suche nach Schuldigen. Sagen wir lieber genauer: mit der Jagd nach Sündenböcken. Denn tatsächlich sind an schieflaufenden Angelegenheiten allzu häufig mehrere Seiten beteiligt – womöglich man selbst – und da bietet sich das gut verfügbare, schnell als Ziel auszumachende und möglichst gefahrlos zu schlachtende Tier einfach an.
Da es zu erlegen ein allgemein akzeptiertes Ritual ist, wird jeden Tag in den Zeitungen auf Titelseiten und in den Kopfmeldungen der Fernsehanstalten gern ein Sündenbock geschlachtet. Nur dem Zeter-und-Mordio- Ritual und dem Mitleidsritual hängen Menschen und Medien mit vergleichbarer Hingabe an – und wenden entsprechend viel Zeit dafür auf. Denn nicht nur die wirkliche Jagd zu Hause oder am Arbeitsplatz frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen der politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen des Sündenbocks in den Medien, die Präsentationen im Spielfilm und Showbiz, im Fußball und in der Wissenschaft müssen dazu gerechnet werden, weiter die Reden im Wirtshaus, beim Friseur oder im Verein. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit diesem Ritual, und das heißt: Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Niemand wagt ernsthaft, den Sinn und die Zweckmäßigkeit dieses Rituals öffentlich infrage zu stellen.

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