Donnerstag, 21.01.2010 | 18:01 Uhr

Autor: JosefBordat

Timothy Renick reitet den stummen Ochsen

Thomas für zwischendurch – eine etwas andere Einführung in das Leben und Werk des Aquinaten

Timothy Renick hat sich einiges vorgenommen. Auf 160 Taschenbuchseiten will er uns Leben, Werk und Wirkung Thomas von Aquins in einer Verbindung aus unterhaltsamen und lehrreichen Illustrationen und Texten nahe bringen. Schon der Titel provoziert – „Thomas von Aquin für zwischendurch“. Jener tiefsinnige Vielschreiber, der schrieb, wenn er nicht aß und schwieg, wenn er nicht schrieb (daher: „stummer Ochse“), jener „Doctor angelicus“, der wie kaum ein zweiter Philosoph das abendländische Denken prägte, soll als Pausenfüller herhalten. Das Erstaunliche ist: Es funktioniert. Das Konzept der kleinen Aquinaten-Happen geht auf. Vor allem deshalb, weil Autor Renick Thomas von Aquin kennt und schätzt. Er weiß, worauf es ankommt. So kann er dessen enormes Werk auf seine Grundannahmen zurückführen, anhand derer er der Leserschaft eine Idee davon gibt, wie Thomas dachte (scholastische Methode), was die Basis seines Denkens war (substanzontologische Metaphysik) und was daraus für wichtige Problemstellungen von Moral, Recht und Politik abgeleitet werden kann – für viele Menschen auch heute noch. Dass der Autor eine humorvolle Person ist und in dem Zeichner Ron Hill einen kongenialen Partner gefunden hat, macht diesen Schnelldurchgang zu einem echten Vergnügen.

Die launige Reise durch die Summa Theologica, die auch die problematischen Implikationen thomistischen Denkens nicht ausspart und die zugleich Verständnis weckt für die katholische Haltung in aktuellen Moraldebatten (Abtreibung, Stammzellforschung), macht an entscheidenden Stellen Halt und verdeutlicht dabei immer wieder: Glaube und Vernunft sind gleichermaßen Kompass und Wegzehrung. Renick stellt klar: Die vernünftige Argumentation zum Maßstab der Selbstvergewisserung zu erheben, ist nicht erst ein Gedanke der Aufklärung, er ist bereits bei Thomas entscheidend. Seine Verhältnisbestimmung von Intellekt und Intuition auf der einen und sinnlicher Erfahrung auf der anderen Seite der menschlichen Vernunft, durch die der Mensch zwischen Engel und Tier, zwischen Geist und Natur gestellt ist, wird in den kommenden Jahrhunderten den Rationalismus-Empirismus-Streit flankieren und erst durch Kant einer Synthese zugeführt werden. Zugleich betont Thomas die Bedeutung eines Glaubens, der über das wissenschaftliche Erkennen der Welt hinausweist. Weil unser Verstand zu schwach ist, um Gott unmittelbar wahrzunehmen, müssen wir uns zwischenzeitlich (also: solange wir noch keine Engel sind) auch auf Dinge einlassen, die sich unserem empirischen Erschließungspotential entziehen, denn – so zitiert Renick Thomas – es wäre schlicht „dumm von uns, über Gott nur das anzunehmen, was ein einzelner Menschen von sich selbst aus erkennen kann“. In einer Zeit, in der das gläubige Festhalten an nicht empirisch signifikanten Aussagen Ablehnung, Unverständnis oder gar Spott hervorruft, ist so etwas Balsam für die Seele. Und es macht deutlich, dass Wissenschaft und Religion sich für einen Christen wechselseitig ergänzen und nicht etwa gegenseitig aufheben.

Mit großer Leichtigkeit führt uns Renick weiter durch die Thomas-Landschaft, in der einige harte und große Brocken liegen: die Differenz von Notwendigkeit und Kontingenz in der Schöpfungstheologie, die zugleich Thomas’ Antwort auf die Theodizeefrage und hinsichtlich der damit zusammenhängenden Problematik der Freiheit des Menschen prädisponiert und die bedeutende Unterscheidung von Essenz und Akzidenz, die äußerst wirkmächtig war und ist. Der Grundsatz, dass die Suche nach Gott dem Wesen des Menschen entspricht und alle Menschen ihrem Wesen nach zum Guten streben und man sie daher in diesem Wesen bestärken muss, wenn man gut handeln möchte, ist maßgebend für Thomas’ Konzepte der Moral, des Rechts und der Politik, auf die Renick nachfolgend eingeht. Er verdeutlich, wie Thomas meint, der Mensch könne aus dem „Ewigen Gesetz“ Gottes das „Natürliche Gesetz“ erkennen (und zwar qua Vernunft), um daraus Schlüsse zu ziehen für Einzelvorschriften auf den unterschiedlichen Ebenen der, wie wir heute sagen würden, Individual-, Sozial- und Institutionen-Ethik. Dass Thomas damit die Tür aufstößt zu einem interkulturellen Moraldiskurs, ist ein wertvolles Nebenprodukt der Vernunftzentriertheit seiner Ethik. Es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Auch Thomas’ Intentionalismus als Lösung des Dilemmas der „moralischen Doppelwirkung“, das Renick am sehr eindrücklichen Beispiel einer Zahnbehandlung erläutert, ist uns aus dem geltenden Strafrecht vertraut und heute allgemein anerkannt.

Das auch von speziellen Schlussfolgerungen des Aquinaten zur Sexualmoral, zum gerechten Krieg, zur Abtreibung, zur Rolle der Frau und zur Klassifikation von Regierungssystemen zu sagen, fällt ungleich schwerer, auch wenn sie sich stringent aus den Prämissen ableiten lassen und in Teilen weit fortschrittlicher sind als frühneuzeitliche Konzepte, die darauf aufbauen, doch oft genug auch dahinter zurückfallen – absolutistisches „Gottesgnadentum“, wie es in Europa bis ins später 18. Jahrhundert hinein als Herrschaftslegitimation dominierte, gibt es bei Thomas jedenfalls nicht. Renick weckt Verständnis für die Positionen, indem er diese Ableitung vornimmt und auf die Fortschrittlichkeit verweist. Es mögen also vor allem die Konsequenzen sein, die uns heute oft vom „angewandten Thomismus“ zurückweichen lassen. Allein die katholische Kirche hält grundsätzlich unbeirrt an der thomistischen Moraltheorie nicht nur hinsichtlich ihrer Annahmen, sondern – zumindest in vielen Fällen – auch bezüglich der Ergebnisse fest. Renick sagt, warum. Wie bereits angedeutet: Ein erster Schritt zu mehr Verständnis im ethischen Diskurs.

Der Text ist keine Einführung im propädeutisch-didaktischen Sinne, er ist eher etwas für Leser mit Vorkenntnissen, die entdecken wollen, wie klar und einfach man Thomas erfassen kann, ohne Wesentliches oder Unbequemes zu vergessen. Man wird den Aquinaten anschließend (noch) besser verstehen. Echten Anfängern sei deshalb zunächst eine fundierte Einführung und die Lektüre ausgewählter Quellen empfohlen. Hinweise dazu und zur darin angewandten scholastischen Methodik findet man in Kapitel 10 (Die „Einwand-Lösung-Dialektik“ wird herrlich dargestellt am Beispiel der Frage nach der „vollkommeneren Form des Frühstückseis“!).

Also: Timothy Renick löst sein Versprechen ein und liefert unterhaltsame Philosophie für zwischendurch. Man wünscht sich so etwas zu Kant & Co.

Bibliographische Angaben:

Timothy M. Renick: Thomas von Aquin für zwischendurch
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008.
175 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3525633858
ISBN-13: 978-3525633854

Josef Bordat

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Ein Kommentar

  1. Immo Sennewald Says:

    … und die kenntnisreiche Rezension liest man auch wieder mit Vergnügen – Danke.

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