Donnerstag, 28.04.2016 | 11:54 Uhr

Autor: rwmoos

Michael Koryta: Die mir den Tod wünschen

Leben oder Überleben

Wer einen Thriller lesen möchte, ist bei Michael Korytas „Die mir den Tod wünschen“ goldrichtig. Der Aufbau, die Spannungsbögen, die Charaktere – allesamt recht gut ausgearbeitet. Die eine Schwester passt als solche nicht ganz zum Plot, aber das sei geschenkt.

Kurzum, es ist einer dieser amerikanischen Romane, die man einfach so wegliest. Zur Not innerhalb einer einzigen Nacht. Und wenn jemand wie Stephen King das Werk lobt, wer wäre ich, daran herumzumäkeln?

Meine Frage nach einem Buch aber lautet auch: Was bleibt von dem Gelesenen?

Hat es mir als Unterhaltung Zeit verkürzen helfen, die sonst in Langeweile umzuschlagen drohte oder mich erfolgreich von sonst zu erledigender Arbeit abgehalten? Dann bekommt es die Entertainment-Eins.
Hat es bei mir etwas ausgelöst, eine Denkkaskade, eine Idee oder auch nur ein Verstehen? Dann schneidet es in dieser Rubrik gut ab.
Und dann gibt es noch eine dritte Klasse von Büchern, die sind so schlecht, dass sie mir Anregungen liefern, wie man es nicht machen sollte. Die bekommen dann gute Noten in der Klasse „Schlechtes Beispiel“.
„Die mir den Tod wünschen“ gehört eindeutig zu den Klassenbesten in der ersten Sparte. Eine Entertainment-ZweiPlus.

Großartige Natur umgibt einen kleinen Suvival-Trainer, dessen Lebensphilosophie ungefähr so komplex aufgebaut ist, wie man es von einem ehemaligen Soldaten erwartet. Auch die Überlebenstechniken, die im Buch durchschimmern, würden sofort zusammenbrechen, wenn man die Adepten ihrer Spielzeuge wie schwedischen Feuerstahls und Chlor-Tabletten beraubte. Wer sich an Rüdiger Nehberg schulte, mag angesichts des dort Beschriebenen zu Recht lächeln. Doch geht es den im Buch vorgestellten Programmen lediglich darum, auffällig gewordene Jugendliche auf grundlegendere Formen des Seins zurückzuführen und da ist ein Boot-Camp im American Style wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht.

Unter den Jungs ist einer, der als wichtiger Zeuge in einem Schutzprogramm untertaucht und in dieser Konstellation bewegt sich dann auch der Thriller: Wer schützt den Jungen, wer gefährdet ihn. Wen gefährdet der Junge und so weiter.
Die Bösewichte sind wieder mal philosophierende Psychopathen wie man sie seit der Biblizisten-Wende in der amerikanischen Krimi-Szene gern verwendet. Hintergrund ist natürlich die Absicht, die Gefahren eines atheistischen Denkansatzes aufzuzeigen: Kaltblütiges Morden ohne staatlichen Auftrag würde ohne Gottesgedanken zum Standard. Da sei die Army vor!
Man kennt solche Gestalten spätestens seit Frank Millers „Sin City“. In Lasse Spang Olsens Film „The Good Cop“ tauchen sie auf und erst kürzlich begegneten sie mir wieder in Neil Gaimans „Niemalsland“. Selten sind es Amerikaner, aber bei Korytas ausnahmsweise auch keine Deutschen oder Dänen.

Wenn dann eine der Heldinnen des Buchs angesichts eines Waldbrandes endlich aufrechten Sitzens zu sterben versteht, ist am Ende alles gut.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, April 2016

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