Donnerstag, 08.05.2014 | 14:16 Uhr

Autor: Andrea Brücken

Katharina Hartwell: Das fremde Meer

Das Fremde Meer

Wunderbar. Ein Buch, so ein richtiges dickes mit festem Einband, einem Papier-Umschlag und einem eingeklebten Bändchen als Lesezeichen. Dazu noch mit kleinen Geschichten in einer großen Geschichte, da kann man die fast 600 Seiten in Ruhe angehen.

Denkt man jedenfalls und zuerst funktioniert es auch. Die Protagonistin Marie kennen zu lernen, erfordert ein Herantasten. Fragil, sensibel, vorsichtig, ängstlich, sich selbst fremd schleicht sie durch eine ihr unwirklich erscheinende Umwelt. Man muss sich Sorgen um sie machen, versucht, sie zu ergründen. Gehört sie wirklich zu denen, die mit “Schatten im Kopf” geboren wurden oder ist sie nur in negatives Denken verstrickt? Was fehlt ihr? Woher kommt das Brüchige, Zerfaserte ihrer Persönlichkeit?

Die Lesepausen, das Weglegen des Buches halten sie zunächst auf Distanz, diese seltsame Frau, deren Charakter einem dennoch bekannt vorkommt an den Rändern des eigenen Denkens. Als Leser vergleicht man: ist man nicht froh, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, sich in das eigene Leben hinein gesetzt, beheimatet zu haben? Trotzdem, es kratzt an den Rändern der Selbsteinschätzung. Ein bisschen.

Dann erfolgt die Entführung. Die kurzen Geschichten, die Marie uns erzählt, handeln immer von einem Paar, Mann und Frau, die sich in Welten bewegen, denen vor allem das Unwirkliche anhaftet. In der Wechselstadt bewegen sich Häuser nach einem missglückten Experiment allein von Ort zu Ort, lassen Menschen ins Nichts verschwinden. Die Salpetrière ist die Heimat der Hysterischen und Verrückten. Im Winterwald kann die Prinzessin nur deshalb ihre Aufgabe angehen, weil vorher der Ritter Marin aus ihr geworden ist. Alle drei Frauen dieser ersten Geschichten wollen einen Mann retten, und mit diesem sich selbst. Alle drei Frauen befreien sich, verlieren aber im Moment der Befreiung die Hand des Mannes, den sie zu retten versuchen.

Noch bevor man diese Wiederholung erfasst hat, packt einen die Erzählerin Marie am Schopf. Sie stellt uns ihren Geliebten Jan vor, mit dem sie ein stillschweigendes Abkommen getroffen hat: Geheimnisse dürfen geheim bleiben ohne die wachsende Vertrautheit zu behindern. Jan, mit dem sie zusammen zieht, dessen Freunde sie nicht mag, dessen Wesen sich ihr nicht erschließt. Jan, dem sie dennoch vertraut. Vielleicht, weil auch er Ängste und Verborgenes mit sich führt, die er nur selten mitteilt.

In weiteren Geschichten wird Marie zu Milan, zu Mare, zu Martha, zu Klara – nein, zu Muriel. Jan wird zu Yann, zu Yasper, zu Ghostboy, zu Esther – nein, zu Jonathan. Das Brüchige und Zerfaserte aus Marie’s Weltsicht verflicht sich zu einer Geschichte voller Fragmente in Bewegung, Elemente aus vorigen Geschichten tauchen im Fortgang auf, spielen eine bedeutende Rolle oder sind nur Statisten. Werden die Charaktere wieder geboren und verlieren jedesmal ihre Erinnerung? Sind sie nur Träume von Marie und Jan? Man weiß es nicht, immer scheint jedoch ein Teilchen da zu sein, das mit Erinnerung behaftet ist, mit Schicksal. Man schwimmt im Strom der Geschichten, ist gefangen im Sog, will den Fortgang erfahren, der Sache auf den Grund gehen.

Letztlich gibt es eine logische Erklärung, läuft alles auf ein Ende hinaus, das fast ein bisschen zu nüchtern, zu real, zu nachvollziehbar ist. Das Verlassen der traumhaften Welten erfolgt abrupt und wird dennoch sanft durchgeführt. Um die Lesefreude nicht zu beeinträchtigen, wird das Ende aber nicht verraten. Manchmal lohnt es sich, den Klappentext nicht allzu gründlich zu lesen, sich in Geduld zu üben, sich tragen zu lassen, sich verschlingen zu lassen von einer Erzählung.

576 Seiten sind viel für ein Buch, sogar für einen Roman. In diesem Fall allerdings lohnt sich jede einzelne Seite. Die Lust am Lesen lässt nie nach, der dramaturgische Aufbau stimmt, der Roman schreibt Bilder in den Kopf, das Herz klopft. Ein wundervolles Buch, das man nur empfehlen kann.

(Gelesen von: Andrea Brücken)

 

Das Fremde Meer

Katharina Hartwell

ROMAN

Erschienen am 16.07.2013

576 Seiten

Gebunden mit Schutzumschlag (auch als Paperback und eBook erhältlich)

ISBN: 978-3-8270-1137-4

€ 22,99 [D], € 23,70 [A], sFr 32,90

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