Mittwoch, 19.09.2007 | 10:40 Uhr

Autor: Serendipity

Iris Bahr: Moomlatz

moomlatz1.jpgSelten so gelacht!
Früher zogen die frisch gebackenen Wehrdienstabgänger mit Fußballshirts durch die Münchner Innenstadt. Im Ritual dem Land ihren Dienst geleistet zu haben, – damals noch ohne Einsatz in Afghanistan – jagten die Bundeswehrabgänger, zumeist etwas angetrunken, nach den Unterschriften und Küssen junger Mädchen um schließlich im Hofbräuhaus zu versacken. Ihre Hemden wurden mit jeder Unterschrift und zugehörigem Kuss zu den ersten Trophäen ihrer Männlichkeit.

Als Iris Bahr aus dem israelischen Wehrdienst entlassen wurde, war sie nicht an Küssen interessiert. Sie wollte (endlich, da nun schon zwanzigjährig!), ihre Unschuld verlieren. So packte sie ihren Rucksack, kaufte ein Ticket nach Asien und ließ ihre bangende Mutter in Tel Aviv zurück.
Und schon in der Einleitung diese Reisememoires wird klar, mit Iris Bahr ist (nicht) zu spaßen: »Die folgenden Aufzeichnungen schildern meine Suche nach Sex in Asien«. Quer durch Thailand, Vietnam, Nepal und Indien zieht Iris Bahr auf der Suche nach einem Freier, kämpft gegen Darminfektionen, strandet (fast) in einer opiumverrauchten Waldhütte, überwindet post-pubertäre Naivität, – alles im Namen der Unschuld. Dabei unterscheidet sich Moomlatz von anderen Reisebeschreibungen nicht nur durch die ungewöhnliche Mission.

Iris Bahr besticht vor allem durch jenen selbstironischen Humor, den New Yorker Jüdinnen wohl am besten beherrschen (Bahr ist in New York geboren, hat dort ihre Kindheit verbracht, ist nach der Trennung ihrer Eltern mit der Mutter nach Israel gezogen, nach ihrer Asienodyssee aber wieder nach USA zurückgekehrt). Hier wird über Israelis, Deutsche, Amerikaner, Thais, Inder, Engländer und vor allem Backpacker hergezogen, Klischees auf den Kopf gestellt und in keinem Fall ein Blatt vor dem Mund genommen. Es ist die unkomplizierte, humorvolle und mitunter von einer tüchtigen Brise Umgangswörtern gewürzte Sprache, die Bahrs Erinnerungen so eindrücklich machen und – Andrea O’Brien sei Dank – durch die Übersetzung nicht gelitten haben. Vielleicht kein Wunder für eine Frau, die ihren Lebensunterhalt trotz Studiums der Neuropsychologie und Theologie (magna cum laude!) heute als Bühnenkomikerin verdient.

Als Reisebeschreibung oder gar Reiseanleitung ist dieses Buch nicht zu empfehlen. Moomlatz heißt übrigens »empfohlen« auf hebräisch und wirkt ähnlich wie »Recommended by Lonely Planet« oder »Man spricht Deutsch« auf Rucksacktouristen. Seit Iris Bahr zwanzig Jahre alt war, sind jedoch ein paar Jahre vergangen. Als ich 1996 Vietnam bereiste hatte sich zum Beispiel der von Bahr angeheuerte Fahrer mit Transporter bereits in zahlreiche private Busunternehmer verwandelt, die die Strecke Hanoi-Saigon täglich anfuhren. Bahrs Aufzeichnungen beinhalten keine Naturbeschreibungen, kaum geschichtlichen Hintergrund und geben sich nicht mit Sehenswürdigkeiten ab. Ihr eigener, jugendlicher Werdegang steht im Mittelpunkt der Reise.
Jedem Rucksacktouristen (auch denen, die immer gerne gewollt hätten, und nie in den Flieger gestiegen sind) sei dieses Buch jedoch von ganzen Herzen empfohlen. Es ist unglaublich unterhaltsam und erfrischend ehrlich. Eltern, die ihre Kinder gerade auf jenen anekdotengepflasterten Pfaden zwischen Phat Pong Road und Himalaya wissen, sollten allerdings gewarnt sein, … es gibt Dinge, die ändern sich nie!
Bleibt nur zu sagen: Moomlatz Moomlatz!

Lesungen von Iris Bahr finden im Oktober in einigen deutschen Großstädten statt. Auch während der Buchmesse am 13.Oktober 07 um 20.15 Uhr bei Globetrotter in der Hanauer Landstraße, Frankfurt a M.

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Iris Bahr: Moomlatz oder wie ich versuchte, in Asien meine Unschuld zu verlieren
Übersetzt von Andrea O‘Brien
Frederking & Thaler; 250 Seiten; Sept 2007

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