Montag, 08.08.2016 | 04:10 Uhr

Autor: rwmoos

Herbert Noack: Albtraum Jakobsweg

Pilgerfahrt mit Asche auf dem Haupt
statt
Schwarz und Schön

Um die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela, die sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer mehr zum Hype entwickelten, hat sich mittlerweile eine Menge Literatur gesammelt. Ein paar Krimis sind auch darunter. Dieses Sparte ist nun mit Herbert Noacks „Albtraum Jakobsweg“ um eine passablen Posten erweitert worden.

Ein reiferes Pilger-Paar macht sich auf, um neue Lebensperspektiven zu erschließen und wird statt dessen – oder zumindest ergänzend – mit Kommerz, Mord und Totschlag konfrontiert. Der Name des Pilgers – Franz – lässt auf eine Wilhelm-Busch-Anspielung hoffen, doch da die Frau nicht Helene heißt, war die Namensfindung wohl eher dem Zufall geschuldet.
Im Hintergrund agieren indes finstere Geheimbünde. Deren Motive freilich können von allen Beteiligten, einschließlich des Lesers, nie so recht erschlossen werden. Eine Rolle spielen zudem die am Jakobsweg aufgereihten Schwarzen Madonnen, deren Verehrung und Ausstrahlung so vielen ein Rätsel ist und bleibt. Auf sie bezieht sich auch der Untertitel „Nigra sum sed formosa“ (Schwarz bin ich, aber schön). Das alles ergibt eine gute Grundkomposition, die einiges verspricht.

Die von den Schwarzen Madonnen ausgehende Faszination klingt dann auch als immer wiederkehrendes Thema an, wobei leider nicht auf die spannende Frage der archetypischen Ursache einer solchen Faszination eingegangen wird. Das wird sich wohl auch nicht ändern, zumindest so lange das vieldeutige hebräische „wa“ einseitig mit dem lateinischen „sed“, also mit „doch“ statt „und“ übersetzt wird, und damit ein Grundempfinden des Schwarzen als des Fremden und damit Abzugrenzenden gelegt bleibt. Zwangsläufig kommt man dann auf Geheimbunds-Thesen, weil man vermittels solcher die Ursachen von Wirkungen besser auslagern kann, als sie im eigenen Hirn mutmaßen zu müssen. Doch damit tauche ich vielleicht schon zu sehr in die Handlungshintergründe selbst ein, die hier besser nicht gespoilert werden sollten.

Gern würde ich das Buch zur Lektüre empfehlen, doch bin ich dabei etwas vorsichtig. Denn eigentlich wollte ich das Werk schon nach dem ersten Viertel zur Seite legen, weil es mir zunächst weder für eine Rezension noch für ein Kommentar geeignet erschien. Doch wie das so ist – hat man erst mal mit dem Autor quasi persönlich Kontakt gehabt, fühlt man sich irgendwie verpflichtet. Und im vorliegenden Fall war das gar nicht mal so schlecht.

Das Buch entwickelt sich nämlich.
Zunächst half es, lediglich das Genre als von mir fehlinterpretiert zu verstehen. Will heißen: Wenn man sich die Erzählung als Kinder-Krimi, mit 14-jährigen Helden vorstellt, kann man es durchaus goutieren. Gefällig geschrieben, ist das Ganze dagegen für einen erwachsenen Leser, der sich auch als solcher behandelt wissen möchte, zunächst zu simpel gestrickt: Die Bösen sind von vorn herein als solche erkennbar. Die Zufälle des Zusammentreffens zu sehr an den Haaren, ach was, schon an der Aura herbeigezogen. Die Charaktere wirken unglaubwürdig, die Dialoge aufgesetzt und die offensichtlichen Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten im Erzählstrang strapazieren die Unbedarftheit des kritischen Leserblicks arg.

Doch mit der Zeit entspinnt sich in dem unkonventionellen Krimi dann doch noch ein mehrschichtig interessanter Handlungskomplex.

So habe ich den zweiten Teil gern und zügig gelesen und ihn sogar spannend gefunden. In diesen Strecken tangiert die Story sogar hie und da die verschwörungstheoretischen Werke eines Dan Brown. Den Unterschied macht allerdings die Entwicklung der Figuren, die hier kaum wahrnehmbar, und wenn doch, dann recht einfältig stattfindet. Mindernd auf das Lesevergnügen wirken zudem die ständigen inhaltlichen Differenzen – so ist einer der augenfälligsten Fehler, dass anfangs drei Puzzle-Teile gesucht werden, um das Haupträtsel zu lösen, dann aber unmerklich und unbegründet vier daraus werden*. Und als sich schließlich das große Finale einläutet, scheint es gar, als ob auf den letzten Metern zwei differierende Endfassungen zusammen geschrieben worden sind. Da entkommen – um nur einen Punkt herauszugreifen – auf S. 252 (Paperback-Ausgabe) genau jene mysteriösen Kapuzenmänner final, die dann in der zweiten Fassung auf S. 255 doch größtenteils geschnappt werden. Man möchte das Buch an solchen Stellen dem Autor wohlwollend in die Hand drücken und um stimmigere Neufassung ersuchen. Das Potential dazu hätten sowohl Story als Autor allemal.

Wohltuend wäre dem arg gebeutelten inneren Ohr, wenn dabei auf Unebenheiten in der Sprachfindung verzichtet werden könnte, mit denen sich das Werk immer mal selbst geißelt: Der Singular der Fresken lautet immer noch Fresko. Nur wenn man das Bild explizit beleidigen möchte, sollte man es pejorativ „Freske“ nennen. Eine Komplet dagegen ist ein Stundengebet und auch wenn sie von Mönchen gesungen wird, darf sie ihre feminine Komponente nicht verlieren. Lediglich dann, wenn sich ein Dativ aufnötigt, sollte man „der Komplet“ schreiben.
Das Präteritum 3. Person Singular von zerbersten lautet zudem auf „zerbarst“ und nicht auf ein eher konjunktives „zerberste“, und wenn man andere Leute fangen will, wird man im Glücksfall „ihrer“ habhaft und nicht „ihnen“.
Gut – solche Schnitzer passieren immer mal. Leider zerstören sie aber regelmäßig jene Blase der Illusion, in die man beim flüssigen Lesen ansonsten einzutauchen gewillt ist.

Tüchersfeld, den 6. August 2016

* Hier hat mich der Autor korrigiert: Die genannten drei Puzzleteile bezögen sich nicht, wie ich es verstanden hatte, auf die Entwicklung der Handlung im vorliegenden Band. Vielmehr wären noch zwei Folgebände in Vorbereitung, die dann jene zwei fehlenden Teile beinhalteten. Das klingt zumindest interessant.

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