Samstag, 09.01.2010 | 16:03 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Gerard Donovan: Winter in Maine

Gerard Donovan »Winter in Maine«Irgendwo im nördlichen Maine wohnt ein Mann ganz allein in seiner Hütte. Nur sein Hund begleitet ihn. Dann wird der Hund erschossen, und der Mann macht sich auf einen fürchterlichen Rachefeldzug, in dessen Verlauf er mehrere Menschen kaltblütig und hinterücks erschießt.

Auf diesen kurzen Nenner lässt sich die Handlung in Gerard Donovans Roman „Winter in Maine“ bringen. Die Originalausgabe „Julius Winsome“ wurde 2008 von der englischen Tageszeitung „The Guardian“ zum „Buch des Jahres“ erkoren. Auch sonst gab’s jede Menge Lob. Die bekannte Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich beispielweise sagte: „Wir (…) erschrecken über uns selbst und tauchen auf aus einer Geschichte voller Blut und Kälte, die uns so fasziniert hat wie schon lange nichts mehr, das wir gelesen haben. Wo ist die Grenze zwischen unendlichem Kummer und rächender Gewalt? Das ist die Frage, mit der uns dieses irritierende, ruhig und großartig erzählte Buch zurücklässt.“

Gut geschrieben ist „Winter in Maine“ auf jeden Fall. Donovon benutzt eine lakonisch knappe und klare Sprache, die die Kälte im winterlichen äußersten Norden der USA und das Gefühl der Einsamkeit hervorragend rüberbringt. Kein Wort ist zuviel, Langeweile kann gar nicht erst aufkommen. Inhaltlich unternimmt Autor Donovan hier den schriftstellerischen Versuch, den Leser für einen wahnsinnigen Massenmörder einzunehmen – ein Experiment, das bei jedem unterschiedlich erfolgreich sein dürfte. Nicht jeder dürfte sich somit „über sich selbst erschrecken“, wie Elke Heidenreich meint. Es könnte auch Leser geben, die mit fortschreitender Lesedauer förmlich jemanden herbeisehnen, der unseren Einsiedler aus seiner Hütte zerrt und dahin befördert, wo er hingehört: in die Klappsmühle.

In den USA hat „Winter in Maine“ eine Debatte über Waffenbesitz ausgelöst. Zu Recht. Denn wenn die Grundthese in diesem Buch stimmt – seelisch getroffener Hundebesitzer kann leicht zum Amokläufer werden -, dann sollte man in der Tat schnellstmöglich alle Gewehre einsammeln.

Insgesamt ein Buch, das den Leser mit zwiespältigen Gefühlen und Gedanken zurücklässt, was sicher nicht die schlechteste Empfehlung für ein Buch ist. „Buch des Jahres“ scheint jedoch etwas hoch gegriffen zu sein.

Gerard Donovan: Winter in Maine.
Luchterhand, September 2009.
208 Seiten, Hardcover, 17,95 Euro.

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2 Kommentare

  1. Immo Sennewald Says:

    GEWALT MACHT LUST: Waffenbesitz ist nicht nur in USA ein Problem. Lese- und Hörempfehlung „Kalaschnikow – Karriere und Fluch einer Wunderwaffe“ auf SWR 2:
    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=5439904/1r6dol7/index.html.
    100 Millionen dieser hoch effizienten, unkaputtbaren, buchstäblich kinderleicht zu benutzenden Kriegswaffen sind weltweit unterwegs – oft genug in den Händen von schießwütigen Kriminellen. „Einsammeln“ ist die schwierigste Aufgabe.

  2. KK 329: Gerard Donovan – Winter in Maine | Krimikiste – Der Krimi-Podcast mit Lese- und Hörtipps Says:

    […] Co. auf den Seiten der Krimilady, Literature, Wtd, Krimi-Couch, Nomadenseele, Buchhandlung Paff, Literaturwelt, Mad-Goth, ZEIT online und auch im Bücher(p)lausch, den Stefan mitgestaltet. ++ Auf den Seiten […]

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