Samstag, 09.10.2010 | 12:43 Uhr

Autor: Immo Sennewald

Die erstaunliche Frische Ionescos


Bucheinband von der amazon-Seite

Ionesco war über 60, als er seinen ersten Roman vorlegte, er war längst berühmt als Erzähler und Bühnenautor, er war ein Clown, einer von hohen Graden, der sich nicht über andere lustig macht, sondern über sich selbst, ein Philosoph dazu.
Vermutlich ist das ein Grund dafür, weshalb sich „Der Einzelgänger“ heute so aktuell und erheiternd liest. Ionesco stemmt seine anregenden philosophischen und psychologischen Einsichten nicht mit Wortgewalt aufs literarische Proszenium, er legt sie einem unscheinbaren, unheldischen Frühpensionär in den Mund – genauer: er gibt ihm eine Gedankenstimme. Dann lässt er ihn durch die Gassen , die Läden und Restaurants einer Pariser Vorstadt stolpern (es könnte beinahe jede andere Großstadt sein) und am Alltag scheitern, während eben dieser banale Alltag sich in ein Tollhaus von Bürgerkrieg, Revoluzzergeschrei und Anarchie verwandelt. Der Antiheld verbarrikadiert sich in seiner Wohnung, lässt den Weltuntergang, wohlversorgt mit Alkohol, dem Treibstoff seines Sinnens, vorüberziehen, Ende gleich Anfang, die Banalität hält wieder Einzug, der Trinker aber hat immerhin eine Vision gehabt: Er hat einen Zipfel universaler Helligkeit ergriffen.
Ein wundersam traurig-komisches Buch ist das; ich konnte mich dem kleinen großen Sonderling so wenig entziehen wie ich sein Leben teilen möchte. Den Schmerz an der Nahtstelle aus Vereinzelung, Bedürfnis nach sozialer Bindung und Abscheu vor der Banalität kenne ich. Und natürlich war ich überrascht, wie weit Ionescos philosophisches Verständnis vor fast vierzig Jahren ging. Er hatte ein untrügliches Gespür für überzeitlich Verhaltensmuster – und die spezifische Form, die sie mit Beginn der 70er Jahre anzunehmen begannen. Heute lesen wir das und staunen.

Eugène Ionesco „Der Einzelgänger“ aus dem Französischen von Lore Kornell in der dt. Erstausgabe Hanser 1973, 163 Seiten

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