Freitag, 10.07.2015 | 22:06 Uhr

Autor: rwmoos

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Die Vermessung der Welt

Da es mir relativ gut gelingt, mich durch TV-Verweigerung und Abstinenz von der Boulevard-Presse dem zu entziehen, was so für gewöhnlich als Mainstream durch die Dörfer gejagt wird, ist es mir auch entgangen, dass Daniel Kehlmann als Erfolgsautor gilt. So hatte ich meine erste Berührung mit diesem Namen, als ich eine moderne Ausgabe von Darwins Reisetagebuch, die „Fahrt der Beagle“, las, und im Vorwort des für mich unbekannten Autors über völligen Schwachsinn stolperte. Alexander v. Humboldt habe sich negativ zu der Abstammungstheorie des Menschen vom Affen geäußert, war dort Schwarz auf Weiß zu lesen. Zeitlich passte das ja nun hinten und vorn nicht. Und solches findet sich dann in der Einleitung zu einem ernsten wissenschaftshistorischem Buch! Die „Fahrt der Beagle“ lag dann ein paar Tage im kleinsten Zimmer unserer Wohnung herum – da wo ich gelegentlich gern ein wenig schmökere – und geriet so auch in die Hand meines damals dreiviertelwüchsigen Sohnes. Der äußerte sich so ziemlich das erste Mal achtungsvoll über meinen Lesestoff mit der eigenartigen Begründung, dass das Vorwort sogar von Daniel Kehlmann geschrieben sei. Ja, ob ich den denn gar nicht kenne. Von ihm stamme eines der wenigen wissenschaftlichen Bücher, das er selbst gern und zügig durchgelesen habe: „Die Vermessung der Welt“.
Nun, einige Jahre später, habe ich das nun seinerseits herumliegende Buch von Herrn Kehlmann durchgelesen. Hier das Fazit:

Heutzutage gibt es ja für alles Mögliche eine Lächerlichkeits-Version, oder wie es meine Kids nennen „Verarsche“. Und der meiste so strapazierte Stoff hat es ja auch verdient. Ob darunter auch die Wissenschaftler-Biografie gehört, mag dahingestellt sein. Jedenfalls ist die Form, die Daniel Kehlmann da gewählt hat, nicht unintelligent. Zugegeben, dass es sich um eine Verarsche handelt, bemerkt man, wenn man unvoreingenommen ließt, nicht gleich. Und wenn man dann über diverse Paradoxa stolpert, möchte man zunächst ärgerlich werden und das Ganze zur Seite legen. Erst wenn man dann den Duktus des Autors als solchen erkennt, wird es wieder schön.
Und wenn dann schließlich einer der beiden Protagonisten über Romane herzieht, die „sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“ … ja spätestens dann sollte auch der letzte Leser die Intention erkannt haben.
Seltsam, dass sich trotzdem namhafte Kritiker, die sich für oder gegen das Buch aussprechen, dasselbe für ernste biografische Literatur halten. Und es mag noch nachdenklicher stimmen, wenn man vermutet, dass der riesige Erfolg des Buches vielleicht gerade auf diesem Missverständnis beruht, es würde komplizierte Gedanken begnadeter Intellektueller in biografischer Form aufbereiten, so dass einem diese Gelehrten menschlich recht nahe kämen.

Man muss also nicht zu berichtigen suchen, was an Unsinn in diesem Werk zusammengefasst ist. Die beiden Protagonisten J.C.F. Gauß und A. v. Humboldt haben außer dem Namen und die eine oder andere wissenschaftliche oder biografische Notiz nichts und schon gar nichts Charakterliches mit den tatsächlichen Vorbildern gemein.

Wer sich aber dazu durchringen kann, das Buch als Reminiszenz an das Altern, die Vergänglichkeit, die historische und persönliche Bedingtheit oder als Kampf zwischen Freiheit und Mechanismus im Chardin’schen Sinn zu goutieren, dem wird zwar keine philosophische Sternstunde, aber doch eine gelegentlich heitere Begleitung des eigenen inneren Diskurses geschenkt.

Und wenn dann am Schluss einer der Zwerge des Handlungsstrangs, der bis dato lediglich als idiotisches Gesicht für den Hintergrund diente, zum Handlungsträger wird, indes die eigentlichen Protagonisten in selbst verantworteter oder doch zumindest selbst geduldeter Unbeweglichkeit verenden, dann surft da auf der Verarsche-Welle ein literarischer Gedanken-Sportler, von dem man noch einiges erwarten kann.

Dem bleibt dann nur noch die schmunzelnde Erkenntnis hinzuzufügen, dass das eingangs erwähnte Humboldt-Zitat im Vorwort der „Fahrt der Beagle“ natürlich kein Zitat des echten A.v.H. ist, wohl aber eine echtes Zitat des literarischen Figur aus der „Vermessung der Erde“. Das dort unzensiert unterzubringen, hat schon Klasse!

Die Vermessung der Welt

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