Dienstag, 23.06.2009 | 08:31 Uhr

Autor: molosovsky

China Miéville: »The City & The City«, oder: Mördersuche hüben, drüben und dazwischen

China Miéville (*1972) pflegt die löbliche Programmatik, sich, wenn möglich, für jedem Roman ein anderes Genre vorzuknöpfen und daraus schubladensprengende Phantastik zu machen. So ist »The City & The City« erstmal ein klassischer Detektiv-Krimi, wenn Commissar Tydor Borlu den Mord an einer unbekannten jungen Frau aufzuklären hat.

Die Sprache ist knapp, eben typisch ›Hard-Boiled‹-Krimi, auch wenn Miéville (wie immer) einige Wortschöpfungen präsentiert und vertraute Begriffe so verwendet, dass sie neuartig schillern. Trotz der knappen Sprache ist der Roman ungeheuer dicht gewebt, sprich: bietet viele Details und Ideentupfer, statt Gelaber und unnötiger Rekapitulationen. Zudem sind mir einige äußerst gelungene Dialoge aufgefallen, dank derer Miéville sich und seinen Lesern ermüdend weitschweifige Figurenschilderungen erspart.

Bewundernswert finde ich das große Phantastikkonzept von »The City & The City«. Da gibt es zwei Städte, die irgendwo in Osteuropa an einer Flussmündung liegen: das altmodischere, weniger wohlhabende aber politisch pluralere Besžel, die Heimat von Kommissar Borlu, und das einheitsparteiisch regierte jedoch durch Auslandsinvestitionen florierende Ul Qoma. Die Städte liegen auf seltsam-›magische‹ Art in- und nebeneinander. Keiner weiß, ob dieser Zustand vor vielen Jahrhunderten durch die Trennung einer Stadt, oder das Zusammenwachsen zweier Städte hervorgerufen wurde.

Die Grenze zwischen Besžel und Ul Qoma verläuft sehr unterschiedlich. Da gibt es Bereiche, die eindeutig, ›total‹, nur einer der beiden Städte angehören, dann ›alter‹-Orte, deren Zugehörigkeit wechseln kann und schließlich schraffierte ›crosshatched‹-Zonen. Die Einwohner der beiden Städte achten penibel darauf, nur die zur eigenen Stadt gehörenden Dinge und Personen wahrzunehmen, und die andere Stadt zu ignorieren (›to unsee, unsmell something‹).

Mit Worten wie ›grosstopically‹ und ›topolganger‹ hilft sich Miéville, die Komplexität von Besžel und Ul Qomo zu beschreiben. — ›Topolganger‹ bezeichnet das Gegenstück eines Ortes in der anderen Stadt. Eine Straße die nicht total in einer Stadt liegt, hat dann zwei Namen. So ist Ioy Street der Ul Qoma-›topolganger‹ von RosidStrász in Besžel,. Für die Bewohner von Besžel sind die Leute aus Ul Qomo zwar ›grosstopically‹ anwesend, aber es ist Besžel-Bewohnern nicht erlaubt die ›anderen‹ in Ul Qoma direkt und bewusst wahrzunehmen, denn schon allein das wäre eine Grenzverletzung.

(Wie so oft, wenn ich einen neuen Roman von Miéville auf Englisch lese, frage ich mich, wie sich wohl solche sprachlichen Eigenarten auf Deutsch meistern lassen. — Ach ja: mein geliebtes ›ersatz‹ kommt vor, hurrah!)

Von Klein an werden die Bewohner beider Städte darauf getrimmt, die eigenen kulturelle Merkmale zu verinnerlichen, und diejenigen der anderen Stadt zu ignorieren. Die entsprechenden Kulturabgrenzungsregeln beziehen sich auf solche Dinge wie Schrift und Sprache, körperliche ethnische Merkmale, und erstrecken sich bis hin zu Gesten und Farben.

Das macht natürlich alles mögliche Alltägliche, beispielsweise Straßenverkehr und Feuerwehreinsätze, ziemlich kompliziert, und erst recht Politik und Geschäfte und eben Verbrechen.

Die Einhaltung der Trennung überwacht eine unheimliche Macht namens ›Breach‹. Breach ist nicht nur die Bezeichnung für die Straftat der Grenzverletzung selbst, sondern auch die Überwachungsinstanz, ihre Mitarbeiter, ja der zwischen/über dem Zweistadtgefüge liegende Ort des ›Bruches‹, des ›Risses‹ wird so genannt. Und vor Breach haben alle Bewohner von Besžel/Ul Qoma große Angst, denn die Breach-Angehörigen verfügen über imense Macht und ihnen entgeht nichts was in den beiden Städte geschieht. Das mindeste, was im Roman einer Person die einen Breach begeht widerfährt, ist, dass sie in einen tiefen Schlaf versetzt wird, der andauert, bis der Delinquent ausser Landes verfrachtet wurde. Doch das ist noch milde, denn für gewöhnlich verschwinden Breach-Missetäter spurlos und für immer.

Wie es sich für einen Miéville-Roman gehört, spielen politische Gruppierungen eine Rolle und es gibt viele gelungene Schilderungen von Besonderheiten unterschiedlicher Milieus.

Der erste Teil des Romans ist in Besžel angesiedelt, und unter anderem begleiten wir Tydor Borlu zur Sitzung eines Komitees, bei der entscheiden werden soll, ob man wegen des Mordes an der Unbekannten Breach beschwören soll; wir lernen Besžel-Faschos von den True Citizens und linksgesinnte Vereinigungs-Aktivisten kennen; wir erleben, welche Umstände ausländische Besucher verursachen und bestaunen den größten innerzwiestädtischen Grenzübergang Copula Hall. — Ul Qoma steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, und ein wichtiger Schauplatz ist hier eine archäologische Grabungsstädte, auf der ein internationales Forscherteam arbeitet. Dramaturgischen Steigerungsschwung erlangt die Handlung durch Borlus Besucherstatus, und durch seine Zusammenarbeit als Berater für den Ul Qoma-Ermittler Quissim Dhatt. — Der Roman beginnt recht sachte und krimi-gewöhnlich, steuert jedoch mit einem wundervollen Spannungsbogen auf einen chaotisch-fulminanten Höhepunkt zu.

Richtig gut finde ich Phantastik nicht etwa dann, wenn sie mir Wohlfühlträumerei ermöglicht, sondern wenn sie meinen Assozationsmotor auf Touren bringt. Der Weltenbau und die Geschichte von »The City & The City« ermunterten mich zu aufregenden Gedankenspaziergängen über Phänomene zur Definition, Beachtung und Missachtung von Grenzen.

Die oben bereits verlinkte Autorin Cheryl Morgan bringt das in ihrem Blogeintrag zum Roman besser auf den Punkt als ich (Molo-Übersetzung):

Über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von phantastischen Aspekten, {… und ob es sich bei dem Roman nun eigentlich überhaupt um Science Fiction oder um Fantasy handelt …} werden sich die Leute in Debatten verstricken. Das ist wunderbar ironisch, denn das Buch spricht die ganze Zeit über unsere Obsession was Kategorisierungen betrifft. {…} Obwohl sich das Buch offensichtlich mit Multikulturalismus auseinandersetzt, lässt sich sein Hauptanliegen auch auf solche Themen wie Geschlecht, ja sogar Fandom anwenden. {…} Nun ja, vielleicht schafft es China ja, mehr Leute zum Denken zu bringen. {…} Es ist gefährlich von Kategorisierungen besessen zu sein.

People will get themselves all mixed up over the presence or absence of fantastical elements {… whether it is actually a science fiction or fantasy book at all}. And that will be magnificently ironic because the book is all about our obsession with categorization. {…} While the book is obviously about multiculturalism, the same argument can be extended to issues such as gender, and even to fandom. {…} Ah well, maybe China will manage to get a few more people to think. {…} And obsession with categories is a dangerous thing.

Diese Besprechung erschien zuerst in der »Molochronik«, wo es auch eine kleine exklusive Link-Liste gibt.

•••••••••••
China Miéville: »The City & The City« (2009), 312 Seiten, (vier Teile in 29 Kapiteln, 88 Abschnitte); Macmillan (UK-Ausgabe), ISBN: 978-1-405-00017-8.

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