Freitag, 21.03.2008 | 16:35 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Alessandro Baricco: Diese Geschichte

Alessandro Baricco: »Diese Geschichte«Alessandro Baricco, geboren 1958, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Einige seiner Bücher sind auch auf deutsch erschienen, so sein neuestes Werk mit dem etwas spröden Titel „Diese Geschichte“ (im Original „Questa Storia“, 2005).

Die Hauptfigur heißt Ultimo und hängt zeitlebens einem einzigen großen Traum nach: eine ideale Rennstrecke zu bauen. Das Autothema wird bereits im ersten Kapitel mit einem Rückblick auf das legendäre und später wegen der vielen Todesopfer abgebrochene Rennen Paris-Madrid von 1903 eingeführt und setzt sich mit einem Bauern – Ultimos Vater – fort, der seine 26 Rinder verkauft, um statt dessen eine Autowerkstatt zu eröffnen – und das in einer Zeit, als es noch kaum Autos gab. Dennoch ist „Diese Geschichte“ kein reines Männerbuch. Dafür sorgt eine beinahe märchenhaft-romantische Liebesgeschichte, die sich ebenso tragisch wie dauerhaft über beinahe das ganze Leben der Liebenden erstreckt. Für den Schluss Taschentücher bereitlegen!

Obwohl meine Bewertung dieses in einer geradezu poetischen Sprache verfassten Buches insgesamt positiv ausfällt, gibt es einige unschöne Brüche. Durch Bariccos Technik, jedes Kapitel aus einer anderen Perspektive zu erzählen, wirkt der Roman insgesamt nicht wie ein geschlossenes Ganzes. Gänzlich überflüssig für den Fortgang sowohl des Autorennthemas wie der Liebesgeschichte erscheint ein Kapitel über die Schützengräben im ersten Weltkrieg und die historische Schlacht von Caporetto. Durch eine distanziert-verquere Erzählhaltung (das Kapitel ist aus der Sicht eines Mannes geschrieben, der nach dem Krieg die Ehre seines damals fahnenflüchtigen Sohnes wiederherstellen will) tritt Ultimo in den Hintergrund. Der Leser ist hier viel zu weit von den Figuren entfernt, um tatsächlich mitzuleiden. Wenig gelungen ist auch ein weiteres Kapitel, das aus der Sicht von Ultimos schwachsinnigem Halbbruder geschrieben ist. Eine ständige Wiederholung der Sätze mag gut den Geistezustand dieses Bruders wiedergeben, für den Leser ist das lediglich nervig. Fast möchte man Allessandro Baricco zurufen, doch bittebitte diesen ganzen literarischen Firlefanz wegzulassen. Die Geschichte, die er zu erzählen hat, ist stark genug, auch ohne dies zu überzeugen.

Für manche vorherigen Hänger entschädigen die beiden an Drama und Intensität kaum zu überbietenden Schlusskapitel, in denen Baricco allerdings auf einem schmalen Grat zum Kitsch wandelt.

Insgesamt trotz einiger Schwächen ein gelungenes Werk.

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Alessandro Baricco: Diese Geschichte.
Hanser, Februar 2008.
312 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.

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2 Kommentare

  1. Joachim Says:

    Mein Mitautor fand dieses „seltsam kühle“ Buch, das „leider etwas dem Zeitgeist geschuldet ist“ gar nicht so toll:
    http://www.lesenblog.de/2008/04/03/409/

  2. Andreas Schröter Says:

    Danke für dieses Feedback – das ist eine Rezension, die ich ebenfalls unterschreiben könnte. Zu große Distanz zu den Figuren und klischeehaftes Herumreiten auf den vermeintlichen italienischen Eigenschaften sind sicherlich Dinge, die man diesem Buch vorwerfen kann. Jetzt mit einiger Distanz sehe ich dieses Buch auch negativer, als ich es beim Schreiben meiner Rezension unmittelbar nach Lektüreende tat. Ich denke, Baricco ist zu offenkundig bemüht, „Literatur“ zu produzieren, statt dem Leser einfach eine interessante Geschichte zu erzählen. Das mag in gewissen elitären Intellektuellenzirkeln (die dann leider auch für die Vergabe von literarischen Preisen zuständig sind) beeindrucken, beim gemeinen Leser funktioniert es meist gottseidank nicht.

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