Freitag, 06.04.2012 | 16:16 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Tom McCarthy: K

Tom McCarthy: »K«Tom McCarthys Roman mit dem simplen Titel „K“ hat ein grundlegendes Problem: Der Autor gönnt dem Leser so gut wie keine Innenansichten seiner Figuren, er spart ihre Gedankengänge vollkommen aus, beschränkt sich ausschließlich auf die nüchterne Beschreibung dessen, was sie gerade tun. Selbst als die Schwester der Hauptfigur Serge Karrefax stirbt, finden sich im Text keinerlei Emotionen. Ergebnis ist ein ausgesprochen zäher, spröder und schwergängiger Text, in den man kaum hineinfindet und den nur die Hartgesottensten durchstehen dürften.

Es geht um das Leben jenes Serge Karrefax, das am Ende des 19. Jahrhunderts auf einem englischen Landgut beginnt. Serge begleitet seine Schwester, die langsam in den Wahnsinn abdriftet, bei ihren chemischen Experimenten, wohnt einem klassischen Theaterstück der Gehörlosenschule seines Vaters bei und versucht sich nachts als Hobbyfunker. All diese Details werden mit äußerster Genauigkeit und Langatmigkeit beschrieben – nur erschließt sich nicht, was sie eigentlich miteinander zu tun haben, geschweige denn worauf das Buch überhaupt hinaus will. Wegen des kompletten Fehlens von emotionalen, selbstreflektorischen oder zwischenmenschlichen Bezügen – also all dessen, was man als „human interest“ bezeichnen würde – nimmt der Leser die Ereignisse wie durch einen Nebel auf. Man versteht zwar die einzelnen Worte, fragt sich aber permanent, was sie eigentlich bedeuten sollen, beziehungsweise in welchem Zusammenhang sie stehen.

Der Engländer Tom McCarthy, der 1969 geboren wurde, ist laut Verlags-Info Generalsekretär der International Necronautical Society, einem „semifiktiven Avantgarde-Netzwerk“, was immer das auch sein mag. Womöglich hat er mit „K“ ebenfalls versucht, einen avangardistischen Roman zu schreiben, also quasi ein literarisches Experiment zu betreiben. Leser, die keine Versuchskaninchen sein möchten, beziehungsweise das Lesen nicht als (schwere) Arbeit ansehen, sollten die Finger von diesem Buch lassen.
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Tom McCarthy: K.
DVA, Februar 2012.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

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