Donnerstag, 20.03.2014 | 21:52 Uhr

Autor: JosefBordat

Otto Normalforscher

Peter Finkes Citizen Science zeigt den Wert des Laienwissens

Wissen ist Macht – so meinte bereits Francis Bacon im frühen 17. Jahrhundert mit Blick auf das Kapital Englands im Bereich technischer Innovation. Tatsächlich hatte der Aufstieg seines Landes sehr viel mit wissenschaftlichem Fortschritt zu tun. Bacon schlug vor, diesen systematisch anzustreben und dafür eine eigene Institution zu gründen. So entstand die Royal Society und viele andere Wissenschaftseinrichtungen folgten in Europa. Die Folge: Wissen wurde institutionalisiert. Seitdem sind es die Universitäten und nach Planck, Leibniz oder Helmholtz benannte Forschungsinstitute, die jene klingenden Namen tragen, um allen zu suggerieren: Hier ist das Wissen der Zeit aufgehoben.

Dass damit nicht nur dem systematischen Fortschritt durch die Konzentration der wissenschaftlichen Kräfte gedient ist, sondern zugleich auch das nicht-institutionalisierte Wissen aus privater Forschung an den Rand gedrängt wird, zeigt Peter Finke. Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld, bevor er aus Protest gegen die Bologna-Reform vor der Pensionsgrenze die Alma Mater verließ. In seinem Buch Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien versammelt er Fakten und Argumente für eine Wertschätzung der Beiträge des Normalbürgers zum Wissensbestand. Es ist die weltweit erste Einführung in Grundlagen, Motive und Reichweite des Bürgerwissens.

Wo etablierte und arrivierte Experten eine „Wikipedisierung“ befürchten, erinnert Finke daran, dass Freiheit, Lebensnähe und Dialog auch etwas mit Wissenschaft zu tun haben – jedenfalls mehr als Herrschaft und Macht. Gut ist in diesem Zusammenhang, dass der Wissenschaftstheoretiker in einigen Abschnitten spürbar die Feder führt, um gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen, dass nunmehr alles, was als „Erkenntnis“ behauptet wird, Teil des Wissensbestands werden kann. Die unmissverständlich dargelegte Unterscheidung von „Information“ und „Wissen“ ist hier ebenso bedeutsam wie die Notwendigkeit der Bildung und Weiterbildung – wo auch immer sie stattfinden mag, ob als akademische Regelschulung oder private Aneignung.

In diesem Bewusstsein kann die programmatisch als „Abrüstung“ des „zu stark auf die professionelle Wissenschaft verengten, überhöhten Wissenschaftsbildes“ verstandene Orientierung auf eine ganzheitliche Wissensbildung unter Einschluss des Bürgerwissens gelingen. Dies, so der Verfasser schließlich, sollte auch gelingen, denn eine „zukunftsfähige Gesellschaft“ verlangt – neben einem Politik- und Kulturwandel – auch einen „Wissenschaftswandel“, hin zu einer Wissens- und Wissenschaftskultur, in der es „um Wahrheit“ geht, „nicht um Macht“. Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft Peter Finkes auch im Wissenschaftsbetrieb zur Kenntnis genommen wird und die Citizen Science künftig ernster genommen werden. Nicht als Alternative oder Ersatz, sondern als Ergänzung.

Biographische Daten:

Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. Mit einem Nachwort von Erwin Laszlo.
München: Oekom (2014).
240 Seiten, 19,95 Euro.
ISBN: 978-3865814661.

Josef Bordat

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