Sonntag, 21.10.2007 | 09:38 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Michael Ondaatje: Divisadero

Michael Ondaatje: »Divisadero«„Der englische Patient“ (1992), für den er den Booker-Preis erhielt, machte Michael Ondaatje berühmt – zumal dieser Roman vier Jahre später mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche in den Hauptrollen überaus erfolgreich verfilmt wurde (neun Oscars).

Seither gilt der heute 64-jährige Wahl-Kanadier als Starautor – was durchaus verwunderlich ist, denn seine Werke sind mitunter schwere Kost. Oft folgt die Handlung keinem linearen Erzählmuster, sondern springt wild durch die Zeiten und Orte oder wechselt das Personal mehrfach komplett aus. Oft bleibt eine eigenartige Distanz zwischen Lesern und Figuren bestehen. Man leidet und freut sich nicht richtig mit, das Schicksal der Figuren ist einem egal – viel egaler jedenfalls, als es bei einem guten Buch der Fall sein sollte. Dem Autor gelingt es nur schwer, seinen Figuren Leben einzuhauchen.

All dies trifft leider auch auf Ondaatjes neues Werk „Divisadero“ zu. Der erste Teil verfolgt die Lebenswege von Cooper, Anna und Claire, die als Kinder und Jugendliche gemeinsam auf einer kalifornischen Farm aufwachsen, bis eine Katastrophe sie trennt (Annas Vater prügelt Cooper halb tot, als er die Liebesaffäre der beiden entdeckt.)

Im zweiten Teil spielen die drei sonderbarerweise gar keine Rolle mehr. Es geht fortan nur noch um das Leben eines fiktiven Schriftstellers, das von Anna erforscht wird.

Sigrid Löffler, ehemalige Mitstreiterin im „Literarischen Quartett“, hat dazu in ihrer Rezension zu diesem Buch u.a. für das Deutschlandradio geschrieben, „zwei divergente Erzählwelten würden sich mittels einer Drehpunktfigur aufeinander beziehen und ineinander spiegeln“. Nun, wenn das tatsächlich Ondaatjes Intention mit diesem merkwürdigen Roman-Konstrukt war, dann ist er damit gescheitert. Kein überzeugendes Buch.

Michael Ondaatje: Divisadero.
Hanser-Verlag, München, August 2007.
276 Seiten, Hardcover.

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6 Kommentare

  1. Heidi Hof Says:

    Danke für diese Rezension! Nach dem Frau Heidenreich dieses Buch heiß gelobt hatte, kam es bei mir auf die Wunschliste. Allerdings las ich vorweg den „englischen Patienten“, der genau dem entsprach wie hier beschrieben. Ich denke, das reicht dann vorerst 😉

  2. Sabine Says:

    Habe das Buch gerade fertig gelesen. Sehe es genauso wie obiger Rezensent: Mir fehlen die Dreh- und Angelpunkte, bei denen sich die verschiedenen Handlungen spiegeln bzw. ergänzen könnten. Das Ganze ist teilweise schon ganz gut geschrieben, immerhin habe ich das Buch zu Ende gelesen, aber die Figuren wachsen einem nicht wirklich ans Herz und man bleibt am Ende etwas ratlos zurück.

  3. iris hakelberg Says:

    Wieso sollte Ondaatje mit seinem Schreiben gescheitert sein, nur weil Sie ihn nicht verstehen? Vielleicht sind Sie mit Ihrem Lesen gescheitert? Lesen Sie doch noch mal ganz aufmerksam Seite 165, das Bild von dem Fluss und dem Weg, die sich vereinigen wie zwei Leben… Der Fluss – die Geschichte von Anna, Claire und Cooper, vorwärts erzählt und der Weg – die Geschichte Luciens, rückwärts erzählt. Die Personen, die beide Geschichten zusammenführen sind Anna und Rafael. „Wir sind dem Fluss gefolgt, und deshalb muss uns jetzt der Weg fremd erscheinen.“ So ging es mir, ich war dem „Fluss „gefolgt, die drei sind mir ans Herz gewachsen, es war fast schmerzhaft für mich sie verlassen zu müssen und nun dem „Weg“ zu folgen. Doch auch diese Personen sind mir dann ans Herz gewachsen… Ich finde Ondaatjes Roman wunderschön, sehr berührend, einzigartig komponiert und seine poetische Sprache lässt unvergessliche Bilder in meinem Kopf entstehen.

  4. Hörbuch- und Podcast-Blog » Hörtipp: Michael Ondaatje - Divisadero Says:

    […] Rezension bei Literaturwelt […]

  5. Christine Says:

    Das Buch lässt mich tief beeindruckt durch
    geahnte Tiefe, Dichte, Spiegelungen…
    zurück, die mir helfen, keine eindeutige Lösung zu erhalten.
    Der gewaltvolle Prolog, der in der Auseinandertreibung einer bizarren Familie gipfelt, wird abrupt beendet.
    Warum adoptiert ein Vater zwei weitere Kinder in wirtschaftlich schwierigen, arbeitsreichen Zeiten, wenn er sich nicht dazu verpflichtet fühlt… Warum reagiert er so äußerst
    brutal, wenn es nicht wirklich Geschwister sind? Anders der – obwohl schwierige – Schriftsteller Lucien in seiner Rolle als doch liebevoller Familienvater… Ich werde sicher weitere Kommentare und Dialoge suchen, um das Gelesenenicht nur in dieser Hinsicht, sonder auch in der Beantwortung von Lebensfragen richtig zu deuten.

  6. lasti Says:

    Hört sich nach einem Buch an, das die typischen Krankheiten des modernen Romans aufweist…

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