Dienstag, 20.07.2010 | 12:04 Uhr

Autor: rmatern

Den Zug verpasst

Die neue Ausgabe der Zeitschrift ‘Das Argument’ ist mit dem Thema ‘Stärken von Frauen’ erschienen. Weil es in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit relativ still um geschlechter- und rollenspezifische Fragen geworden ist, bin ich neugierig geworden, ob eventuell über neue Ansätze und Tendenzen gesprochen wird, die interessant, vielleicht sogar spannend sind. Nicht alle Beiträge widmen sich dem ausgewiesenen Thema. Aktuelle politische Diskussionen über Kindesmissbrauch und die europäische Schuldenkrise finden ebenfalls ihren Niederschlag.

Es ist schwierig geworden, über Frauen und Männer, über ihre Rollen und ihr Rollenverständnis zu sprechen, ohne jüngere geschichtliche Entwicklungen einzubeziehen. Die Verhaltensweisen und Auffassungen änderten sich mit den Generationen, nachhaltiger mit der Ausweitung und Dominanz der Dienstleistungsbranche: Rollen wurden aufgebrochen, neue Rollen wurden in der durch Marketing geprägten Popkultur gesucht, Rollen wurden generell als Laufstall abgelehnt, Verhalten wird den persönlichen Überzeugungen und jeweiligen Erfordernissen angepasst. Zu vermuten ist, dass die Frage nach den ‘Stärken von Frauen’ von verschiedenen Generationen anders gestellt und aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen auch anders beantwortet wird.

Ein Blick auf die geschichtlichen, die jüngeren Generationen betreffenden Veränderungen, wird in der marxistisch orientierten Zeitschrift nicht geboten. Frigga Haug sucht eine gleichsam abgeschiedene Antwort mit Bezug auf Rosa Luxemburg, Bert Brecht und der Ethnografie, primär um ‘Stärken’ zu finden, die für eine Utopie nützlich wären. Andere Autorinnen und Autoren bereiten Fälle auf, die entwicklungsgeschichtlich spezifisch sind, als solche aber kaum behandelt werden. Wichtiger scheint hingegen die Machtfrage zu sein. Susi Zornig rollt den prominenten Fall der protestantischen Bischöfin Käßmann auf, um der Frau vorzuwerfen, dass eine persönliche Integrität in politischen Zusammenhängen durchaus nicht üblich, vor allem aber unzweckmäßig, deshalb verfehlt sei.

Dort wo man auf die Generationenfrage geradezu gestoßen wird, im Fall einer ‘jungen’ Frau, Anfang 30, die beim Internationalen Gewerkschaftsbund für die Umweltpolitik zuständig geworden ist, reduziert sich die Neugierde auf biografische Details und den ‘historischen Moment’, die revolutionäre Perspektive: “Sie bringt Wissen und Leidenschaft für die Umweltfrage in die Gewerkschaft in einem historischen Moment, da die Umweltbedrohung eine Revolutionierung gewerkschaftlicher Arbeit erfordert” (Nora Räthzel: 357/358). Der auffällige hohe Anteil von Frauen in Gewerkschaften, die Umweltpolitik in verantwortlicher Position betreiben, wird zwar mit Erstaunen festgehalten, auch als hoffnungsvoll bewertet, dass sich jedoch grundlegende Veränderungen auch unter Frauen ereignet haben, wird nicht weiter berücksichtigt. Die Autorinnen suchen weiterhin nach Rollenorientierungen, ohne in Erfahrung zu bringen, für wen sich die Frage heute so noch stellt.

Reinhard Matern

Das Argument 287
Zeitschrift für Philosophie
und Sozialwissenschaften
Stärken von Frauen
Heft 3/2010
ISSN 0004-1157
11,- Euro

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