Sonntag, 20.01.2013

Autor: Andreas Schröter

Anne-Gine Goemans: Gleitflug

Anne-Gine Goemans: »Gleitflug«Der 14-jährige Gieles hat gleich mehrere Probleme: Er ist verliebt in Meike, er vermisst seine Mutter, die als Helferin in irgendwelchen Entwicklungsländern unterwegs ist, und er besitzt Gänse, die auch noch fliegen können. Das ist gar nicht gut, denn Gieles wohnt direkt an der Landebahn eines riesigen Flughafens, auf dem sein Vater dafür zuständig ist, Vögel zu vertreiben. Und dann lernt er auch noch Super Waling kennen, einen Mann, der so übermäßig dick ist, dass er sich nur in einem unzuverlässigen Elektrokarren sitzend fortbewegen kann. Doch Gieles ersinnt einen Plan, wie er mit den Gänsen die Aufmerksamkeit seiner Mutter zurückerobern kann.

Der niederländischen Schriftstellerin Anne-Gine Goemans, geboren 1971, ist mit ihrem zweiten Buch ein warmherzig-sympathischer Roman vom erwachsen werden gelungen. Man schließt den jugendlichen Held mit seinen pubertären Sorgen und die übrigen Charaktere mit all ihren Schrullen schnell ins Herz und ist am Ende ein bisschen traurig, sich schon wieder von ihnen trennen zu müssen.

In einer Geschichte in der Geschichte erzählt Goemans von dem Kampf der Menschen im 19. Jahrhundert gegen das Wasser und wie sie das Land mit Hilfe riesiger Dampfpumpwerke unter größten Entbehrungen dem Meer abgetrotzt haben, um es für sich nutzbar zu machen. Auch dieser typisch niederländische Themenkomplex hat seinen Reiz. Ein schönes Buch.
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Anne-Gine Goemans: Gleitflug.
Insel-Verlag, Oktober 2012.
448 Seiten, gebundene Ausgabe, 21,95 Euro.

Freitag, 11.01.2013

Autor: Andreas Schröter

Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering

Ariel Magnus: »Zwei lange Unterhosen der Marke Hering«Der argentinische Autor Ariel Magnus hat ein Porträt über seine Oma geschrieben. Die hat als 1920 geborene deutsche Jüdin den Holocaust in verschiedenen Konzentrationslagern knapp überlebt – wobei sie sich freiwillig den Deportationen nach Theresienstadt und später Auschwitz angeschlossen hatte, um ihre blinde Mutter wiederzufinden.

Doch die Nazizeit bildet in diesem Buch nicht den Schwerpunkt. Vielmehr geht es dem 1975 geborenen Autor darum, ein viel umfassenderes Bild seiner Großmutter wiederzugeben. So erzählt er auch, wie – manchmal unwillig und chaotisch – sie die Informationen aus der so lange zurückliegenden Zeit preisgibt und wie sie sich heute ganz allgemein im Kreise ihrer Familie gibt. Dabei kommt die Oma nicht nur positiv weg. Sie nervt alle Verwandten mit einer permanenten Redeflut, erscheint recht willkürlich in ihrem Urteil über andere Menschen und springt in den Interviews mit ihrem Enkel von einem Thema zum anderen, sodass der Schwierigkeiten hat, sich ein Gesamtbild von ihrem Leben in der Nazizeit zu machen. In Berlin ist sie nur am KaDeWe interessiert, sie liest gerne Klatschblätter und schaut sich im Fernsehen den letzten Mist an.

Diese Schreibtechnik hat ihren Reiz: Indem Ariel Magnus all dies wiedergibt – und nicht nur die Erlebnisse seiner Großmutter aus den Interviews herausfiltert, wie es naheliegend gewesen wäre -, gelingt ihm ein viel umfassenderes Porträt der alten Dame, in dem ihre Schrulligkeiten genauso aufscheinen wie ihre positiven Eigenschaften: Und die überstrahlen vieles: Emma, so heißt die Seniorin, hat sich durch ihre schrecklichen Erfahrungen nicht verbittern lassen und ist – obgleich sie den Holocaust nie vergisst – ständig auf Versöhnung mit den Menschen, auch welchen aus Deutschland, aus.

Magnus’ Schreibtechnik hat ihren Preis: Genauso wie der Autor manchmal genervt ist von der Seniorin, ist es in einigen Passagen auch der Leser – wenn ihre Erzählungen so wirr durcheinandergehen, dass man nicht mehr weiß, wer wer ist und was gerade passiert. Trotz dieser kleinen Abstriche insgesamt ein schönes Buch.
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Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering – Die erstaunliche Geschichte meiner Großmutter.
Kiepenheuer & Witsch, September 2012.
175 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

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Mittwoch, 09.01.2013

Autor: Immo Sennewald

David Signer: Die nackten Inseln

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Der schwache, unstete, verständnis- und verantwortungslose weiße Mann, in undurchsichtige Geschäfte verwickelt, war Graham Greenes (1904 – 1991) literarischer Wiedergänger. Der Antiheld bewegt sich in Umfeldern, die so exotisch wie schäbig sind, quer über den Globus in Gesellschaft von Agenten, Nutten, Dealern, Diplomaten oder Auftragskillern, durch Millionärsvillen, Kneipen, Bars, Bordelle. Seine Abenteuer, viele – darunter “Der dritte Mann”, “Die Stunde der Komödianten”, “Der Honorarkonsul” – verfilmt, jagen Kinobesuchern oder Fernsehzuschauern wohliges Gruseln über die Nackenhaare. Sie sind beste Unterhaltung und mehr, denn sie hinterlassen tiefes Unbehagen über das, was wir gemeinhin “westliche Zivilisation” nennen, ohne jemals ihre Qualitäten zu unterschlagen, schon gar nicht einer der wichtigsten: Aus Antihelden werden bisweilen Helden, wenn sie ihrem Gewissen folgen und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

David Signer folgt mit seinem Roman “Die nackten Inseln” Graham Greenes Vorbild, schreibt dessen spannende Erzählungen in die Gegenwart von Globalisierung und modernen Informationsnetzen fort. Seine Hauptfigur ist ein Schweizer Journalist, einer, der sich zwischen dem Senegal, Nigeria, der Karibik von gefährlichen Aufträgen treiben lässt. Redaktionen in Zürich und München machen Auflage mit seinen Berichten. Er säuft, hurt, lügt, betrügt – anders könnte er den sensationsgierigen Lesern zu Hause nicht den Stoff liefern, nach dem es sie verlangt. Authentisch soll es sein, nahe an allen Schrecknissen der Kriege und des Verbrechens; der bis an die Zähne ver- und gesicherte Bürger muss unterhalten werden.

Dass der Gewissenswurm Signers Antihelden Richard gleich von zwei Seiten attackiert, hält die Geschichte am Laufen – im Zickzack durch Gefahren und Niederlagen: Da ist zum einen die in der Psychiatrie zurückgelassene Lebensgefährtin Johanna, zum anderen das mit einer Afrikanerin irgendwo in Nigeria gezeugte Mädchen Joy – und beide bestimmen immer mehr Richards Denken und Handeln bis an existenzielle Grenzen.

Abgesehen von dem als Showdown inszenierten Schluss auf den Kapverden – den “nackten Inseln” – hat mir Signers Roman durchweg sehr gefallen. Der Autor ist promovierter Ethnologe, kennt sich an den Handlungsorten in Afrika und der Karibik aus (am Schauplatz Haiti beruft er sich ausdrücklich auf Greenes “Stunde der Komödianten”); er zeichnet sie mit klarer Sprache bildkräftig und atmosphärisch, seine Figuren überzeugen, weil er sie nicht verrät, er macht ihre Brüche sichtbar. Viel Spaß hatte ich an einem Feministinnentreffen, bei dem Signer auch Greenes skurrilen Humor erreicht: Wer den Briten mochte, wird den Schweizer Autor mit vergleichbarem Vergnügen lesen.

David Signer: Die nackten Inseln, Roman, Salis Verlag Zürich, 328 Seiten 19,90 €

Sonntag, 23.12.2012

Autor: Andreas Schröter

Arnold Thünker: Verlangen nach Freundschaft

Arnold Thünker: »Verlangen nach Freundschaft«Seltsam blass bleiben die Figuren in Arnold Thünkers Roman “Verlangen nach Freundschaft”. Vielleicht liegt es daran, dass sich der 1959 geborene Autor weitgehend darauf beschränkt zu berichten, was diese Figuren gerade tun, dem Leser jedoch kaum Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle gewährt.

Jakob, ein junger Mann aus Deutschland, verbringt einige Zeit in New York, weil er auf ein günstiges Flugticket nach Europa wartet. Er quartiert sich bei dem tuntig wirkenden falschen Grafen Faunus ein, der im Gegensatz zu Jakob offenbar auch ein homosexuelles Interesse an der Beziehung hat. Relativ unspannend nimmt der Roman seinen Lauf: Man kümmert sich um einen offenbar an Aids erkrankten Freund, verbringt das Weihnachtsfest bei einer schrulligen Alten mit zu viel Nippes in der Wohnung, tut dieses und jenes, und zwischendurch gibt’s noch ein paar Rückblenden auf Episoden aus dem früheren Leben des selbst ernannten Grafen. Währenddessen fragt sich der Leser immer mehr, worauf das eigentlich alles hinaus soll.

Letztlich bleibt “Verlangen nach Freundschaft” ein wenig mitreißendes, höhepunktarmes und leicht maniriert wirkendes Büchlein, das – möglicherweise – für männliche Homosexuelle einer bestimmten Couleur einen gewissen Reiz haben mag – ähnlich übrigens wie die “Stadtgeschichten” Armistead Maupins -, für das Gros der Leserschaft jedoch unbefriedigend bleiben dürfte.
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Arnold Thünker: Verlangen nach Freundschaft.
Kiepenheuer & Witsch, September 2012.
206 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Sonntag, 16.12.2012

Autor: Andreas Schröter

Gerhard Henschel: Abenteuerroman

Gerhard Henschel: »Abenteuerroman«Wer eine nostalgische Zeitreise zum Beginn der 80er-Jahre erleben will, der sollte dieses Buch lesen. Wer auf traditionell erzählte Geschichten mit Spannungsbogen und Höhepunkt steht, der sollte genau das lieber lassen.

Gerhard Henschels neuestes Werk “Abenteuerroman” ist nach “Kindheitsroman”, “Jugendroman” und “Liebesroman” bereits der vierte Schmöker um Martin Schlosser, der im emsländischen Meppen aufwächst. Mittlerweile steht er kurz vor dem Abi, arbeitet für eine Schülerzeitung, trägt Zeitungen aus und hat eine erste feste Freundin, die – ganz Klischee – zu Martins Verdruss Beziehungsgespräche dem Sex vorzieht.

Besonders Leser, die Anfang der 80er Jahre um die 20 waren, dürften an diesem Buch ihre Freude haben. Die Neue Deutsche Welle mit “Ideal” kommt genauso vor wie Demonstrationen am Atomkraftwerk Brockdorf, Franz-Josef Strauß oder das Attentat auf John Lennon. Henschel, geboren 1962, gelingt es sehr gut, den Zeitgeist von damals einzufangen. Schwieriger erweist sich dagegen seine Collage-Technik, die vor ihm schon der bekannte deutsche Schriftsteller Walter Kempowski angewandt hat: Es gibt keinen durchgängigen Erzählstrang. Die Themen werden immer wieder nach nur wenigen Zeilen unterbrochen und durch neue ersetzt. Erst später kehrt der Autor zu vorher Erzähltem zurück. Dadurch entsteht wie bei einem Puzzle nach und nach ein Gesamtbild. Andererseits jedoch macht diese Technik die Lektüre etwas mühsam. Man springt ständig von einem zum anderen Thema. Spannung oder so etwas wie Erzählfluss kommen nicht auf.

Auch walzt Henschel ein bisschen zu sehr Schlossers Meinung zu Bücher aus, die er gerade liest. Denn schließlich haben Überlegungen zu Hofmannsthal, Döblin und Tucholsky wenig mit dem Lebensgefühl 1980 und 81 zu tun. Ebenso sind manche politische Vorgänge von damals sicher für heutige Leser nicht mehr so relevant, dass sie unbedingt in ein solches Buch gehörten. Ein bisschen mehr Selektion und einige Kürzungen hätten dem Roman gut getan.
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Gerhard Henschel: Abenteuerroman.
Hoffmann und Campe, September 2012.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Montag, 10.12.2012

Autor: Andreas Schröter

Geoff Dyer: Sex in Venedig, Tod in Varanasi

Geoff Dyer: »Sex in Venedig, Tod in Varanasi«Das neue Buch des britischen Schriftstellers Geoff Dyer besteht aus zwei voneinander unabhängigen Kurzromanen. Sie greifen die beiden Themen auf, die in der Literaturgeschichte wohl am häufigsten beschrieben wurden: den Sex und den Tod.

“Sex in Venedig” heißt die erste Geschichte. Der abgehalfterte Journalist Jeff, der keine Lust mehr auf seinen Job hat, soll in Venedig über die Biennale berichten. Auf einer der vielen Partys trifft er Laura und verliebt sich heftig in sie. Die beiden haben Sex, pendeln von einer Party zur nächsten und von einem Drogenrausch zum nächsten. Für Kunst interessieren sie sich auch – aber nur am Rande. Die stellenweise hocherotische Erzählung entwickelt eine große Intensität und man begleitet als Leser gerne das verliebte Paar durch das sommerlich heiße Venedig – eine Stadt, die durch ihren morbiden Charme hervorragend zu einer Liebesgeschichte passt. Auch Thomas Mann hat die Stadt an der Adria bekanntlich schon als Kulisse für seine homoerotische Liebesgeschichte “Tod in Venedig” benutzt. Die Ähnlichkeit des Titels dürfte kein Zufall sein. Natürlich ist “Sex in Venedig” auch Kritik an einer Kulturszene, die eher an einem Bellini, dem Cocktail, als an der Kunst interessiert ist.

Das Kontrastprogramm erwartet den Leser in Teil zwei, “Tod in Varanasi”. Ein namenloser Ich-Erzähler berichtet von seinen Erfahrungen in der indischen Pilgerstadt Varanasi. Dort werden öffentlich Leichen am Ufer des Ganges verbrannt. Der Verkehr, der allgegenwärtige Dreck und das aggressive Betteln setzen dem Protagonisten enorm zu, doch er findet auch Momente von unglaublicher innerer Ruhe. Intensiv, wenn auch ganz anders als Teil eins, ist auch diese Geschichte. Beiden Erzählungen kommt ihre Kürze zugute. Dadurch wirken sie kompakter, geballter und spannender. Absolut empfehlenswert.

Geoff Dyer wurde 1958 geboren und mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet.
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Geoff Dyer: Sex in Venedig, Tod in Varanasi.
Dumont, August 2012.
347 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 01.12.2012

Autor: Frank Berno Timm

Christa Wolf, weiter vertraut

Dass Christa Wolf starb, ist ein knappes Jahr her. Zuletzt hatte die große Autorin ein Buch vorgelegt, das noch einmal das typisch Wolf’sche Erzählen gezeigt hatte: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ beschrieb den Umgang mit der Krise, den die Stasi-Kontroverse um ihre Person in den neunziger Jahren ausgelöst hatte. Nun hat ihr Verlag posthum noch eine kleine Erzählung vorgelegt, offensichtlich ein Geschenk für ihren Mann, den Schriftstellerkollegen Gerhard Wolf: „August“ heißt sie.

Vielleicht ist dieser Wolf-Text etwas Besonderes: Deutlicher als sonst ist, was Christa Wolf schreibt, als Fiktion erkennbar. Betrachtet man ihr Werk, lässt sich schnell feststellen: Je zur gefühlten Hälfte folgt sie der “subjektiven Authentizität”, lässt also das Literarische, Gattungsbegriffe gar, Handlung, Plot zurücktreten (ihr letztes großes Buch ist ein gutes Beispiel dafür); zur anderen Hälfte bedient sie sich eines “Stoffes”, setzt also den Lesenden in die Möglichkeit, sich anders mit dem Text in Beziehung zu bringen.

Einmal mehr befasst sich C.W., wie sie selbst zeichnete, mit Erinnerung: Vergangenheit, hatte sie in „Kindheitsmuster“ geschrieben, sei nicht vergangen. Sie geht in die Nachkriegsjahre zurück, erzählt, mit gelassener Virtuosität zwischen Rückblenden und Gegenwart springend, die Geschichte eines alten Mannes, der – wie C.W. selbst auch – als Flüchtlingskind im TBC-Sanatorium landete. Es geht um Begegnungen, die für’s Leben prägen, und die so nicht vergessen werden. Der Verlag druckt die Widmung an Gerhard Wolf im Faksimilie ab: „Ich kann kaum „ich“ sagen, meistens „wir“. Ohne Dich wär ich ein anderer Mensch“. Natürlich lässt sich diese Widmung im Zusammenhang mit der gerade gelesenen Geschichte lesen: August, der im Mittelpunkt der Erzählung steht, wäre ein anderer Mensch gewesen – ohne die Begegnung mit jener Freundin im Sanatorium.

Durchaus anrührend auch die Beobachtung, dass Prägendes bleibt, sich aufblättern und ins Jetzt zurückholen lässt, als wäre es gerade geschehen – eine schöne Bestätigung der eigenen Erfahrung, dass nichts wirklich vergessen ist.

Offen gestanden habe ich mit Christa Wolfs Erzählungen immer meine Schwierigkeiten gehabt – sie fesselten mich bei weitem nicht so, wie es ihre wichtigen, großen Arbeiten taten. Diese Erfahrung revidiere ich nach dieser Lektüre: Die gelassene Meisterschaft, mit der “die Wölfin” auch die kleine Form beherrscht, beeindruckt mich sehr. Herausgekommen ist ein ziemlich leises, mehr als lesenswertes Buch.

Christa Wolf, „August“, Erzählung, Suhrkamp, 14,95 €

Mittwoch, 28.11.2012

Autor: Andreas Schröter

António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit

António Lobo Antunes: »Der Archipel der Schlaflosigkeit«Der 1942 geborene portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes macht es seinen Lesern schwer: Sein neuer Roman “Der Archipel der Schlaflosigkeit” besteht aus einem einzigen langen Gedankenstrom eines Ich-Erzählers, der sich an das Leben auf einem portugiesischen Landgut erinnert. Der Punkt als Satzzeichen existiert genauso wenig wie Dialoge, eine Handlung oder ein irgendwie gearteter Spannungsbogen. Viele Gedanken beginnen und enden im Nirgendwo – um sogleich von einem anderen Thema abgelöst zu werden, das zu einer ganz anderen Zeit spielt. Und so weiter über 320 Seiten. Das macht es schwer, bei der Stange zu bleiben, geschweige denn überhaupt mitzubekommen, um was es eigentlich geht: Offenbar hat die Familie, die auf besagtem Landgut lebte, jahrzehntelang unter einem hartherzigen Großvater gelitten. Hier muss allerdings zugegeben werden, dass diese Information bereits im Klappentext stand. Andernfalls hätte man wohl noch mehr Schwierigkeiten, sie dem Text zu entlocken. Soldaten kommen vor, die das Landgut niederbrennen und das Vieh schlachten. Aber vielleicht war das auch alles ganz anders. Erzählte Fakten verschwinden im Nebel von Antunes’ Sprache.

Das kann man nun experimentell nennen oder avangardistisch oder “ausgetretene sprachliche Pfade verlassend” – man kann es aber auch schlicht als größtenteils unlesbar einstufen. Der Verfasser dieser Rezension neigt zu Letzterem.

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António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit.
Luchterhand, August 2012.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Mittwoch, 21.11.2012

Autor: cisoppa

Tanz um die Ost-West-Vergangenheit – “Der Bienenkönig”. Roman von Katrin Seglitz

Bienen sterben heute überall auf der Welt; zwischen den deutschen Brüdern Richard und Walter starb einst die Geschwisterliebe. Wie fremd sind sie sich geworden, nachdem sie im geteilten Land schier unzertrennlich waren, ein Bruder im Westen, der andere im Osten! So paradox es klingt: die Mauer hielt sie zusammen, wie Magnete richteten sich die beiden auf den großen gemeinsamen Gegner aus, den unfähigen, utopischen, real existierenden Sozialismus. Trotz aller Grenzen war man eine intakte Familie, der Ostbruder steuerte selbstgeimkerten Honig bei, der Westbruder Werkstoffe vom Baumarkt.
Und dann fiel die Mauer, die Utopien schwanden, Träume von der großen weiten Welt konnten auf einmal gelebt werden und wurden damit unbedeutend, wichen der Kleinlichkeit. Man begann aufzurechnen. Wer hat mehr gelitten, wer kriegt Haus und Grund, wer hat recht, wer unrecht, wem gebührt der Dank fürs Zurückstecken, wer ist der bessere Mensch? Selbstmitleid versus Überheblichkeit, was vor der Entzweiung latent vorhanden war, bricht nun offen aus. Jetzt, da sich die Brüder jeden Tag unbehelligt sehen könnten, sprechen sie nicht mehr miteinander. Wie die Bienen sind sie von einem Parasiten befallen, der ihre Hirne lähmt und ihnen die Orientierung nimmt. Grübelnd kreisen sie in irrem Schwänzeltanz um vergangene Ungerechtigkeiten, kommen nicht davon los, vergessen darüber die Zukunft.
Kornelia, die Tochter und Nichte der beiden, erzählt von ihrem Wunsch, die Brüder wieder miteinander zu versöhnen. Ihr eigener Bruder Jens ist da keine Hilfe. Als kalter Esoteriker, der Gelassenheit mit Gleichgültigkeit verwechselt, interessiert er sich nur für sein eigenes Erwachen. Also träumt sich Kornelia Hilfe herbei: die verstorbenen Großeltern, um deren geistiges und materielles Erbe es schließlich geht …

Auf angenehm unpathetische Weise erzählt Katrin Seglitz eine deutsch-deutsche Geschichte, deren Titel wie ein Märchen klingt, wie das Märchen von den blühenden Landschaften. Geschickt durchsetzt Seglitz ihr Buch mit historischen Anhaltspunkten, Traumpassagen, wunderbar einfühlsamen Beschreibungen west-östlicher Befindlichkeiten und Wortspielen, die ganz selten mal ausufern, aber auch die Sprachverliebtheit der Autorin verraten. Das Resultat: ein gelungenes, packendes Romandebüt zu einem großen deutschen Thema.

Katrin Seglitz
Der Bienenkönig
Weissbooks GmbH Frankfurt am Main 2009

Sonntag, 18.11.2012

Autor: Andreas Schröter

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck

Christoph Peters: »Wir in Kahlenbeck«Der 15-jährige Carl Pacher wächst in dem streng geführten katholischen Jungen-Internat Collegium Gregorianum in Kahlenbeck auf, einem fiktiven Städtchen am Niederrhein. Der Präses, aber auch viele der als Lehrer arbeitenden Priester, brandmarken alles, was mit der körperlichen Liebe zu hat, als Teufelswerk und versuchen es auf diese Weise niederzuhalten.

Dass in einem solchen Klima die ohnehin schon schwierige Phase der Pubertät zum Martyrium wird, lässt sich denken. Und so ist Carl hin- und hergerissen von seinen Gelüsten – zum Beispiel gegenüber der attraktiven Küchenhilfe Ulla -, seinem schlechtem Gewissen und den homosexuellen Anwandlungen eines Mitschülers, der sich seinerseits in Carl verliebt hat. Am Ende droht der Junge gar an dem Druck zu zerbrechen, der von allen Seiten auf ihn einwirkt.

Christoph Peters, der 1966 geboren wurde und ebenfalls in einem katholischen Internat aufwuchs, gelingt es in seinem Roman “Wir in Kahlenbeck” sehr anschaulich, die lustfeindliche Atmosphäre in einer solchen Institution heraufzubeschwören. Viele – vielleicht ein wenig zu viele – theologisch-philosophische Diskussionen, die Carl regelmäßig mit einem Mitschüler führt, verschleppen jedoch ein wenig den Erzählfluss und mindern den Lesegenuss.

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Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck.
Luchterhand, August 2012.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Donnerstag, 15.11.2012

Autor: Andreas Schröter

Martin Horváth: Mohr im Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten

Martin Horváth: »Mohr im Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten«Die Jugendabteilung eines Asylbewerberheims in Wien ist Schauplatz des Debütromans von Martin Horváth, eines 1967 geborenen österreichischen Schriftstellers. “Mohr im Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten” heißt das Buch, wobei sich der erste Teil des Titels doppeldeutig einerseits auf eine österreichische Süßspeise bezieht, andererseits auf den Ich-Erzähler, einen 15-jährigen schwarzen Jungen irgendwo aus Westafrika, der sich selbst Ali nennt.

Ali spricht 40 Sprachen und ist auch sonst wesentlich schlauer als seine Mitbewohner in besagtem Asylbewerberheim. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensgeschichten der zum Teil schwer traumatisierten Jugendlichen ans Tageslicht zu befördern. Und so erfährt der Leser von erschütternden Schicksalen wie dem von Yaya, der als Kindersoldat an der Elfenbeinküste dazu gezwungen wurde, ein Mädchen erst zu vergewaltigen, dann zu töten, oder von Nicoletta, die in Serbien in einem Bordell festgehalten wurde und sich prostituieren musste – um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen.

Obwohl der Inhalt dieser Abschnitte erschreckend ist, wird “Mohr im Hemd” nie so bleischwer, wie es sein Thema vermuten lässt. Martin Horváth durchbricht die Schwere des Stoffes immer wieder mit den pubertären Problemen seines Helden – ist er doch alle paar Tage in ein anderes Mädchen aus dem Heim verliebt und will es auf schnellstem Weg ins nächste Bett bugsieren, in einem Fall sogar direkt heiraten.

Horváth begeht nicht den Fehler, die Asylbewerber ausschließlich als Opfer und bemitleidenswerte Kreaturen darzustellen. Diebstahl kommt genauso vor wie Rassendiskriminierung oder Drogenhandel. Zugleich hält er den westlichen Gesellschaften den Spiegel vor und zeigt ihnen, welche Vorurteile sie gegenüber Asylbewerbern haben.

“Mohr im Hemd” würde perfekt unterhalten und zugleich in ergreifender und eindringlicher Manier auf das Schicksal von Asylbewerbern in westlichen Ländern hinweisen, wäre da nicht das surreale Ende – Martin Horváth nennt es “Epilog” -, das nicht recht zum Rest passen will. Schade, denn damit macht der Autor ein bisschen von dem kaputt, was er zuvor aufgebaut hat. Aber nur ein bisschen. Insgesamt immer noch lesenswert.
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Martin Horváth: Mohr im Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten.
DVA, August 2012.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 13.11.2012

Autor: Christiane Geldmacher

Ursachen, nicht nur Zustände. Merle Krögers “Grenzfall”.

Was macht ein interessantes Buch aus? Richtig – die präzise Beobachtungsgabe der Autorin. Wenn sie um mehr als nur eine Ecke denkt. Und um mehr als nur eine Figur. Dann liest man ihr und dem Geschehen gespannt hinterher. Insbesondere, wenn alles – oder zumindest fast alles – tatsächlich passiert ist.

Merle Kröger hat so ein Buch geschrieben. Ihr Roman >>>Grenzfall spielt 1992 und 2012. 1992 überquert eine Gruppe Rumänen illegal die deutsch-polnische Grenze. Ihre Wanderung führt sie durch ein Feld kurz vor der Ernte, das Getreide steht also hoch, und hier sind ebenfalls ein westdeutscher Jäger und ein ostdeutscher Jagdführer (ein absurdes Paar) unterwegs. Die beiden, die sich gegenseitig ostwestbedingt tierisch auf die Nerven gehen, warten seit Tagen darauf, dass ihnen etwas vor die Flinte kommt. Der eine, weil er Kohle dafür geblecht hat, der andere, weil er Kohle dafür kriegt. Endlich ist es soweit: Es bewegt sich was im Feld. Schüsse fallen. Zwei der Rumänen sind tot.

Szenenwechsel. 2012, zwanzig Jahre später. Adriana, die Tochter eines der Opfer, ist nach Deutschland (wieder-) gekommen, um herauszufinden, was mit ihrem Vater wirklich in diesem Feld passiert ist. Der Prozess gegen die beiden Jäger hat sieben Jahre gedauert, am Ende wurden sie freigesprochen. Nur einer unter vielen Skandalen war, dass die Familien in Rumänien weder etwas von dem Tod der beiden Männer erfuhren noch von dem Prozess. Sie hatten keine Ahnung, was aus den Menschen Leuten geworden war.

Dies verhandelt Merle Kröger zentral in ihrem Buch: Die gleichgültige Einstellung der Behörden, der  Bürokratie, und der alltägliche Rassismus. Heute wie damals. Die Frage, ob die beiden Schützen 1992 tatsächlich schuldig waren, interessiert sie weniger. „Grenzfall“ ist kein Ermittlerroman, in dem ein Kommissar als gerechter Sieger aus einem Mordfall hervorgeht. Es geht darum, was für Auswirkungen solche Ereignisse auf die Betroffenen haben, die Familie, die Freunde, auch die Einwohner jener fiktiven Stadt Kollwitz in Mecklenburg-Vorpommern, in der sich das zentrale Asylbewerberheim befindet.

Kröger lässt in dem Buch einen Fall aufleben, den es tatsächlich gegeben hat. Im Sommer 1992 fanden zwei Roma nahe der polnischen Grenze den Tod, als sie von  Jägern erschossen wurden, die wohl dachten, es handle sich um Wildschweine. Zu diesem Fall gibt es auch >>>einen Dokumentarfilm, den Merle Kröger zusammen mit Philipp Scheffner gedreht hat, in dem viele Betroffene – auch aus Rumänien – zu Wort kommen. Die Story wird uns halbfiktiv aus verschiedenen Perspektiven erzählt: aus der Perspektive der Täter, der Opfer, der Familien der Opfer, einer Tochter und nicht zuletzt aus der Perspektive von Matti Junghans, die in einer Berliner Anwaltskanzlei arbeitet. Sie ist vielschichtig, eine interessante Gesellschaftsstudie, genreunabhängig. Und hochaktuell. Auch heute noch werden in Deutschland eintreffenden Roma als Willkommensgruß Pritschen in Turnhallen aufgebaut, nach dem Motto: „Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was.“

Merle Krögers Roman hält viele Überraschungen und Wendungen bereit und viel authentischen Dummsprech. Etwa, wenn auf einem Zettel, der mit einem Stein durchs Fenster geworfen wird: „Wir wollen keine abstoßende Asylantensiedlung werden, sondern ein Stadtteil, wie es unserer Nähe zur Küste entspricht.“

„Grenzfall“ ist ein Roman, der emotional sehr dicht erzählt ist. So dicht, dass der Griff zur Weinflasche irgendwann nicht mehr ausbleibt. Ja, die Rezensentin gesteht, dass sie diesen Roman unter Alkoholeinfluss zu Ende gelesen hat.

Merle Kröger, Grenzfall, Ariadne Kriminalroman 2012, 11 Euro

Montag, 12.11.2012

Autor: Andreas Schröter

Stefan Nink: Donnerstags im Fetten Hecht

Stefan Nink: »Donnerstags im Fetten Hecht«Eine Kneipe in Oer-Erkenschwick wird zum Ausgangspunkt für eine skurril-aberwitzige Weltreise. In “Donnerstags im Fetten Hecht” hat der Reise-Journalist Stefan Nink seine Erfahrungen erstmals zu einem äußerst kurzweiligen und amüsanten Roman verdichtet.

Schatten, Wipperfürth und Siebeneisen treffen sich jeden Donnerstag im Fetten Hecht zum Tippkick-Spielen. Das wöchentliche Einerlei wird jäh unterbrochen, als Schatten erfährt, dass er 50 Millionen Euro erbt – aber nur, wenn er seine sieben Miterben aufstöbert, die in aller Welt verstreut sind. Das Trio schickt Siebeneisen los, um die Gesuchten zu finden. Seine Reise startet im australischen Outback, wo eine Erbin eine Imbissbude betreibt, die zu einem wandernden Boxzirkus gehört. Natürlich bekommt Siebeneisen mächtig was auf die Nase. Aber auch die weiteren Stationen – zum Beispiel in einem Mini-Königreich im Himalaja oder in der Antarktis – verlaufen nicht komplett störungsfrei.

Stefan Nink, der in einem enorm witzigen und intelligenten Stil schreibt, gelingt es in diesem Roman, Ruhrpott-Idylle mit Fernweh zu verknüpfen. Sogar ein Schuss Liebe und eine kleine Prise Übersinnliches kommen vor. Am Ende lässt der Autor Hintertüren für gleich mehrere Fortsetzungen offen. Fangen Sie an zu schreiben, Herr Nink!
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Stefan Nink: Donnerstags im Fetten Hecht.
Limes-Verlag, August 2012.
416 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Mittwoch, 07.11.2012

Autor: Ilka Sundermann

Sandra Garbers: Single in the City. Frl. Garbers rennt durch die Stadt.

Sandra Garbers Kolumnen Single in the City. Frl. Garbers rennt durch die Stadt, die regelmäßig in der Berliner Illustrirten Zeitung erscheinen, wurden 2011 als Buch mit gleichnamigen Titel herausgegeben.

Die Autorin fasst den Alltag und das turbulente Gefühlsleben der Berliner Singles amüsant in Worte und schreibt ebenso humorvoll über verstörende Pärchenabende, so dass der Leser am Ende der Lektüre nicht mehr weiß, ob er lieber Single oder liiert sein will.- Sandra Garbers versteht es, die Tücken beider Lebensformen gekonnt in Szene zu setzen. Ihre messerscharfen Beobachtungen über die Männerwelt, die Singelfrauen und Mütter in Prenzlauer Berg lassen erahnen, dass die Autorin über Menschen schreibt, die sie selber kennt. Diese Vermutung bestätigt sich in dem Kapitel Epilog, das Sandra Garbers Erläuterungen zur Entstehung ihres Werks beinhaltet. Sandra Garbers Fokus liegt allerdings auf ihren Beobachtungen zu den allein lebenden Frauen über 30. Singlefrauen haben es schwer.- Ihr Leben besteht aus einer Ansammlung obskurer Fragen, und im Wesentlichen verbringen sie die Zeit damit, Antworten zu suchen. Warum wollen Männer schlecht behandelt werden? Wie entkommt man militanten Müttern in Prenzlauer Berg? Ist der »Mann auf den zweiten Blick« ein vertretbarer Kompromiss  und womöglich gar die Lösung?

Singles zwischen 30 und 35 Jahren, die in einer Großstadt leben, werden sich mit Sicherheit in den Figuren dieser Geschichten wiedererkennen.- Durchaus lesenswert  – das Pendant zu Carrie Bradshaws Kolumne Sex and the City!

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Sandra Garbers: Single in the City. Frl. Garbers rennt durch die Stadt.
Quadriga Verlag 2011.
158 Seiten, Broschur, 14,99 Euro.

Freitag, 19.10.2012

Autor: Andreas Schröter

Meg Rosoff: Oh. Mein. Gott.

Meg Rosoff: »Oh. Mein. Gott.«Was wäre, wenn Gott kein weiser alter Mann mit weißem Rauschebart wäre, sondern ein launischer 19-Jähriger, der sich permanent missverstanden fühlt und keine Lust hat, sein Zimmer aufzuräumen – und der den Job vor Millionen Jahren nur deshalb bekommen hat, weil sich kein anderer beworben hat?

Mit genau dieser Idee spielt die 1956 geborene amerikanische Autorin Meg Rosoff in ihrem neuen Roman “Oh. Mein. Gott.”. Zu allem Überfluss verliebt sich Gott Bob auch noch in die süße Tierpflegeassistentin Lucy, mit der er bald durchbrennen will. Kein Wunder, dass Gott in dieser Zeit keine Lust mehr hat, sich um solche Banalitäten wie das Wetter zu kümmern, sodass die Erde droht, in einer neuen Sintflut zu versinken.

Aus der göttlichen Verliebtheit entwickelt sich jede Menge Situationskomik, sodass man “Oh. Mein. Gott.” mit einem permanenten Schmunzeln liest – zumal sich Meg Rosoff auch noch einige illustre Nebenfiguren ausgedacht hat wie Bobs Mutter Mona, die aus Versehen Gotts pinguinartiges Haustier Eck am Spieltisch verloren hat.

Die Geschichte ist sicherlich nichts, über das man nach dem Lesen noch tagelang nachdenkt, aber eine entspannende und witzige Feierabendlektüre bietet sie allemal.

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Meg Rosoff: Oh. Mein. Gott..
S. Fischer, August 2012.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,99 Euro.

Freitag, 19.10.2012

Autor: Odile

Kampf der Künste. Best of Poetry Slam in Greifswald

Ohne Zweifel, der “Best of Poetry Slam” von heute (inzwischen gestern) Abend in der Stadthalle Greifswald war unterhaltsam. Ohne Zweifel, der Sieger des Abends, Volker Strübing, besticht durch seinen Witz und seine meisterhafte Verwendung der Sprache. Und das Ganze in atemberaubendem Tempo. Alle vier angetretenen Slammer: Volker Strübing, Micha Ebeling, Fabian Navarro und David Friedrich waren spannend, witzig, wortreich. Und man hätte gerne auch im zweiten Teil alle Vier noch einmal gesehen und gehört. Dies brachte treffend ein Zuschauer zum Ausdruck, der sich nach der Pause einfach das Mikrofon griff – er fand es nicht in Ordnung, dass nur Zwei es bis zur Endrunde brachten.
Merkwürdig schien die gepflegte Arroganz des Moderators Michel Abdollahi, der den Studenten Greisfwalds endlich Kultur brachte. Sollte vermutlich witzig sein, wie so Einiges Andere, das er dem wilden Osten angedichtet hat. Na ja, wenn man aus der Poetry Sam Szene der Weltstadt Hamburg kommt, hat man vielleicht in Greifswald erstmal einen Kulturschock. Aber dennoch…. Über Humor kann man streiten. Was aber eindeutig nicht humorvoll war: der Moderator war nicht neutral, was die Ankündigung der im Übrigen ausschließlich männlichen Wettstreiter betraf. Das hätte man sich anders gewünscht.

Ein paar als Juroren auserkorene Menschen aus dem Publikum – fast ausschießlich StudentInnen – brachten also Strübing und Ebeling in die zweite Runde, die beiden erfahrenen Lesebühnenleser. Nicht unverdient durchaus,Meister sind sie in ihrem Genre, aber man hätte sich auch einen der jüngeren Slammer in der Endrunde vorstellen können.

Volker Strübing (ehemals Berliner Lesenühne Chaussee der Enthusiasten, zusammen mit Ebeling LSD: Liebe statt Drogen) also, der mit den Wörtern in irrwitzigem Tempo jongliert, wie gesagt, sprachlich phantastisch, alle Texte in Geschichten eingebettet, wirklich witzig. Vor allem ein Kaffemaschinentext, eine ziemlich lustige, kreative Maschinenkritik. Schön sind auch seine plötzlichen Perspektivwechsel, voller Überraschungen. Von Micha Ebeling (Berliner Lesebühne LSD: Liebe Statt Drogen), ebenfalls witzig – gefiel uns der Sektentext am Besten; Ebeling zitierte die etwa elf Merkmale einer Sekte, wendete diese auf die Slamily an und erheiterte mit den an die elf Sektenerkennungsmerkmale anschließenden Slamzeilen, die fast schon eine Persiflage auf die typische Slamsprechweise war. Er kann das.

David Friedrich zeigte eine schöne Performance, beeindruckend, wie die jungen Slammer alles aus dem Kopf in flüssige Rede bringen. Auch er witzig. Alle waren so witzig. Und vielleicht ist genau das ein Problem bei solchen Slams, der Zwang zum Witz. Es gibt ganz andere Slammer, den Schweizer Laurin Buser zum Beispiel, der slammt anders. Auf Baseldütsch. Todernscht. Grandios. „Es Bild vom Kriag“, „es Bild vom Tod“. Irrsinnig, wie die Schweizer sagen würden. Man kriegt Gänsehaut. Die Schweizer sind auch im Vorteil mit ihren Dialekten, die klingen. Knackig.

Aber zurück zum Kampf der Künste. Was uns merkwürdigerweise hängen blieb, sind nicht die brillanten Texte von Strübing. Es ist einer von Fabian Navarro …. . das Gedicht, ja und jetzt sagen wir tatsächlich das Gedicht, über die Hoffnung: goldgelb nuancenlos. Das war frisch, hatte eine gewisse Tiefe und war dennoch von großem Witz – aber nicht nonstop, und das war eine angenehme Abwechslung. Eine gute Performance auch, man würde jetzt gern diesen Text nochmal live hören. Goldgelb nuancenlos genau diesen.

Freitag, 12.10.2012

Autor: Andreas Schröter

Richard Ford: Kanada

Richard Ford: »Kanada«Richard-Ford-Fans mussten auf das neue Werk des 1944 geborenen amerikanischen Autors fünf Jahre warten. Nach dem Abschluss seiner Bascombe-Trilogie mit “Die Lage des Landes” 2007 ist in Deutschland erst jetzt ein neuer Ford-Roman erschienen. “Kanada” heißt er.

Der Ich-Erzähler, Dell, erinnert sich als 66-Jähriger an die Zeit, als er 15 war, seine Eltern einen Banküberfall verübten und kurze Zeit später verhaftet wurden. Das verändert das Leben Dells und seiner Schwester Berner logischerweise radikal. Sie reißt aus, er landet bei einem zwielichtigen Hotelbetreiber in Saskatchewan, Kanada, und dessen Gehilfe. Besonders der Hotelbesitzer hat, ähnlich wie Dells Eltern, einiges auf dem Kerbholz, wie der weitere Verlauf des Buches zeigt.

“Kanada” ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil, der genau die Hälfte des gesamten Buchs ausmacht, handelt von der Zeit vor und direkt nach dem Banküberfall im Jahre 1960. Teil zwei, fast ebenso lang, behandelt die Zeit nach Dells Übersiedlung nach Kanada und seine Erlebnisse dort. Im dritten Teil, der im Jahre 2010 spielt, trifft Dell seine Schwester Berner wieder.

Der gesamte Text wirkt ein wenig in die Länge gezogen. So lautet der erste Satz: Zuerst will ich von dem Banküberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben.” Besagter Banküberfall ereignet sich jedoch dann erst auf Seite 111. Der Handlungsfluss wird immer wieder durch philosophische Überlegungen sowie durch Sätze unterbrochen, die man so oder so ähnlich meint, bereits ein paar Seiten zuvor gelesen zu haben. Sie wirken redundant. Das Gefühl, man hätte den Roman um ein gutes Drittel kürzen können, ohne eine wichtige Aussage zu verlieren, setzt sich bis zum Ende fort. Irritierend ist auch Fords Eigenart, immer schon vorher anzukündigen, was demnächst passieren wird. Auch wenn es banal klingt: Das schmälert die Spannung.

Insgesamt reicht “Kanada” nicht an die Bascombe-Trilogie heran. Dennoch ist der Roman weit davon entfernt, missraten zu sein. Dafür bringt jemand wie Richard Ford einfach zu viel an schriftstellerischem Handwerkszeug mit.

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Richard Ford: Kanada.
Berlin Hanser, August 2012.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,90 Euro.

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