Dienstag, 13.08.2019

Autor: Andreas Schröter

Joe Mungo Reed: Wir wollen nach oben

Joe Mungo Reed: Wir wollen nach oben«Allen, die Radrennen mögen, sei dieses Buch bedingt empfohlen, allen anderen nicht.

Solomon, der Ich-Erzähler, ist Radrenn-Profi. In seinem Team hat er jedoch nicht die Aufgabe zu gewinnen, er ist – wie viele andere auch – dazu da, seinem Kapitän Fabrice während der Tour de France zu helfen. Er muss für ihn Wasser holen und ihm Windschatten geben.

Aber weil die Leistungen der gesamten Mannschaft nicht stimmen, verfällt Teamchef Rafael auf die Idee, es mit Doping zu versuchen.

Obwohl dieser Roman nicht unbedingt dick ist, tritt er doch lange auf der Stelle – oder in die Pedale, um beim Thema zu bleiben. Die Radrennfahrer fahren ihre Tour, was gelegentlich stupide ist, und haben abseits davon ebenfalls ein eher langweiliges Leben in verschiedenen Hotels. Diese Langeweile überträgt sich zum Teil auf die Lektüre selbst. Es geht kaum voran in diesem Buch, und es fehlt lange an Spannung.

Die Charaktere, zu denen auch Solomons Ehefrau Liz gehört, bleiben allesamt etwas blass, oberflächlich und konturlos. Man vermisst ein stärkeres Auflehnen gegen Rafaels Doping-Pläne oder allgemein eine stärkere Auseinandersetzung damit. So etwas wie Dramatik kommt erst spät auf. Zu spät.
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Joe Mungo Reed: Wir wollen nach oben.
dtv, März 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22.00 Euro.

Montag, 12.08.2019

Autor: Andreas Schröter

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success«Gary Shteyngart, ein russisch-stämmiger Jude, der in den USA lebt, legt mit „Willkommen in Lake Success“ einen großen amerikanischen Gesellschaftsroman vor. Darin seziert er das amerikanische Befinden im Jahre 2016 – einer Zeit, in der ein gewisser Donald Trump sich anschickt, der nächste US-Präsident zu werden.

Die Welt des schwerreichen New Yorker Hedgefonds-Managers Barry bricht auseinander. Sein Fonds basiert auf Lügen und die Kapitalgeber ziehen ihr Geld zurück. Außerdem liebt ihn seine Frau Seema nicht mehr. Dass das Paar einen autistischen Sohn hat, der kein Wort spricht und jede Berührung ablehnt, macht die Lage nicht besser.

Barry zieht die Reißleine, wirft Kreditkarten und Handy weg und setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus, um seine Jugendliebe Layla in El Paso zu treffen.

Obwohl es recht viele Figuren sind, die diesen (dicken) Roman bevölkern, gelingt es dem 1972 Autor sehr gut, sie alle mit Leben zu füllen und zu unverwechselbaren Individuen zu machen. Man sitzt als Leser gerne mit Barry im Bus und lernt den einäugigen Mexikaner kennen, der an Barrys Schulter schläft oder die hinreißend schöne Brooklyn, die es zu einem One-Night-Stand mit unserem Protagonisten kommen lässt – um nur einige wenige zu nennen.

„Willkommen in Lake Success“ macht vor allem wegen seiner Vielseitigkeit Spaß. Wir bewegen uns genauso in Appartements, die mehrere Millionen Dollar teuer sind, wie in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, in der der Drogenhandel blüht und die als eine der gefährlichsten Orte weltweit gilt.

Natürlich ist dieser Roman Gesellschaftskritik par excellence. Er kritisiert die Welt der Reichen, deren Reichtum nicht selten auf illegalen Machenschaften basiert, wie die Welt der Hinterwäldler, die aus purer Unkenntnis in Leuten wie Trump ihren Heilsbringer sehen. Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch.
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Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success.
Penguin Verlag, April 2019.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

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Sonntag, 04.08.2019

Autor: Andreas Schröter

Johanna Adorján: Männer: Einige von vielen

Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe«Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján hatte bis Ende 2018 eine wöchentliche Kolumne mit dem schlichten Titel „Männer“ in der Süddeutschen Zeitung. Darin porträtierte sie alle möglichen Vertreter des männlichen Geschlechts: Prominente, ehemalige Liebhaber, Laute, Leise, Dumme, Witzige, Sympathische und sehr Unsympathische. Nun ist das Ganze als Buch erschienen.

Lothar Matthäus kommt zum Beispiel vor – als „absurdester Mann“, der der Autorin und einer Freundin einfiel – mit seiner, so die Autorin“ kaum zu übertreffenden „Kritik des Konjunktivs“: „Wäre, wäre Fahrradkette.“

Oder der Regisseur Volker Schöndorff. Der habe mal eine Veranstaltung mit einer Autorin über ihr neues Buch moderiert, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt zu haben, um was es darin überhaupt ging.

Natürlich gibt‘s die unvermeidlichen Dauertelefonierer im Zug oder die nervigen Besserwisser, die einem bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit die Welt erklären müssen – aber auch Männer wie der Physiotherapeut Harald, dem es gelinge, dass man sich nach einer Sitzung mit ihm auf jeden Fall besser fühle als zuvor.

Das alles ist nicht nur witzig, sondern dazu oft auch noch gesellschaftskritisch und geistreich. Bei vielen Beobachtungen möchte man der Autorin aus eigener Erfahrung beipflichten. Zum Beispiel, wenn es um Jürgen geht, der wichtigtuerisch von „Flieger“ statt von „Flugzeug“, von „Office“ statt von „Büro“ und von „Meeting“ statt von „Treffen“ spricht.

Der Schauspieler Matthias Brandt hat recht, wenn er sagt: „Dass man über etwas so Uninteressantes wie Männer so unterhaltsam und klug und mit genau der richtigen Dosis Bösartigkeit schreiben kann, das bewundere ich wirklich sehr. Und dann ist es auch noch saulustig.“

Die letzte Kolumne – in der Süddeutschen wie im Buch – handelt von der Autorin selbst. Sie fragt sich: „Wie wäre ich geworden, wenn ich ein Mann wäre?“ Empfehlenswert!
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Johanna Adorján: Männer: Einige von vielen.
dtv, März 2019.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Dienstag, 09.07.2019

Autor: oliverg

Unpacking: Sufi Comics (Video dt/engl.)

 

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Montag, 08.07.2019

Autor: oliverg

Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke Bd 3 (1921-1924)

Montag, 17.06.2019

Autor: Immo Sennewald

Wolfgang Sofsky: Macht und Stellvertretung

Wolfgang Sofsky hat 2019 einen Essay veröffentlicht. “Macht und Stellvertretung” ist – wie Elias Canettis “Masse und Macht” – eine Phänomenologie politischer Verhaltensweisen und Organisationsformen, obendrein ein wahres Pandämonium sozialer Rollen und zugehöriger Interaktionen. Canettis wie Sofskys Texte vereinen Tiefe, Klarheit und sprachliche Originalität.

Nicht von ungefähr wählt Sofsky in einigen Passagen das Theater als Vergleich: Dort wurden von Anbeginn Fragen der Macht und der Moral öffentlich verhandelt. Fast alle Charaktermasken – der Tribun, der Demagoge, der Statthalter, der Tyrann, der Anhänger, der Parteisoldat, der Schildknappe und viele andere – begegnen uns seit der Antike. Unveränderte Mythen und Handlungsmuster machen die Dramen von Aischylos über Shakespeare, Molière, Tschechow… bis in die Gegenwart aktuell. Zugleich ist Theater – wie alle Medien – Instrument informeller Macht: Das Geschehen hinter der Bühne bleibt fürs Publikum im Dunkeln. „Vertretungsmacht ist nicht zuletzt Theatrokratie“ schreibt Sofsky im Kapitel „Publikum“. Alle seine Gedanken – etwa zu Organisationsformen der Hierarchie oder zur Partizipation – führen immer auf beobachtbare, ganz gegenwärtige und konkrete Erscheinungen und Personen, ich bin ihnen mit größtem Vergnügen gefolgt.

Unvermeidlich geriet ich an eine schwer fassbare, notwendige Qualität informeller Macht, eine notwendige Voraussetzung für Stellvertretung (egal ob durch Delegierte, Anwälte, Vorstände): Das Vertrauen. Es gründet nur zum Teil auf sachlichen Erwägungen. Intuition und Antizipation bestimmen die Entscheidung des Einzelnen, wem er es schenken, wem verweigern will. Dabei ist er sehr stark von „Herdenimpulsen„, von seiner Gruppenzugehörigkeit und  Stellung beeinflusst.

Wenn Stellvertretung hinfällig wird, weil sie an Konflikten der Realität scheitert, und das Vertrauen der Vertretenen verliert, kommt die Zeit der Revolutionen, der Ablösung einer Elite von der informellen Macht. Das Spiel beginnt von Neuem. „Das Drehbuch der Oligarchie und politischen Entfremdung beginnt keineswegs erst, nachdem Ruhe eingekehrt ist. Es war niemals aufgehoben, auch nicht während des Sturzes des alten Regimes. Und es bleibt solange in Kraft, wie die letzte Revolution noch aussteht, die Aufhebung jeder Stellvertretung.“

Wolfgang Sofskys Schlußsatz im Essay lässt keine Zweifel: Der Autor macht sich nicht zum Stellvertreter seines Lesers, sondern verweist ihn auf sich selbst zurück. Das hat mir besonders gefallen. Auch „Der menschliche Kosmos“ gründet auf diesem Verständnis von Freiheit.

Wolfgang Sofsky: Macht und Stellvertretung, Taschenbuch 132 Seiten, Verlag: Independently published 2019, ISBN-10: 1093388749 ISBN-13: 978-1093388749, 9,80 €

Mittwoch, 24.04.2019

Autor: Immo Sennewald

Ian Kershaw: Achterbahn

Dieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2

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Sonntag, 14.04.2019

Autor: Andreas Schröter

Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe

Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe«Der norwegische Autor Geir Gulliksen erzählt in seinem Roman „Geschichten einer Ehe“ vom langsamen Ende einer Beziehung. Jon und Timmy, die zwei gemeinsame Söhne haben, wollen eine moderne Ehe führen, die anders ist als andere. Sie soll frei von Eifersucht sein, jeder soll sich frei entfalten können. Dazu gehören auch Abenteuer mit anderen Geschlechtspartnern und der gegenseitige Austausch darüber.

Und tatsächlich lernt Timmy beim Joggen einen anderen Mann kennen. Aus Zuneigung wird Liebe, und die Treffen der beiden werden immer häufiger und ausgedehnter. Es kommt, wie es kommen muss: Jon kommt damit immer schlechter zurecht, und schließlich erfolgt die Trennung.

Dass das am Ende passiert, ist bereits am Anfang des Romans klar, sodass hier nichts vorweggenommen wird. Der ganze Text ist eine Art Rückblick und der Versuch zu verstehen, warum diese Ehe in die Brüche gegangen ist.

Problem ist, dass keine der beiden Hauptfiguren wirklich sympathisch ist. Die seltsam haltlose Timmy tut nichts, um ihre Ehe zu retten, sie lässt sich allzu bereitwillig auf den neuen Mann ein, und Jon wirkt insgesamt eher schwach. Man kann sich kaum vorstellen, dass er für eine Frau interessant sein könnte. Die zumindest anfängliche große Liebe des Ehepaars spürt man als Leser nicht. Jons ewiges Beharren darauf – dieser Aspekt wird tatsächlich mehrfach im Buch wiederholt –, dass Timmy tun und lassen dürfe, was sie will, wirkt auf Dauer etwas nervig und redundant. Man möchte diesen Mann schütteln ob seiner skurrilen, pseudo-modernen Ansichten. Fast kann man Timmy so gesehen verstehen, dass sie das Weite sucht.

Allzu lange Beschreibungen von Nebensächlichkeiten – zum Beispiel was Timmy anzieht – stören den Lesefluss etwas. Die oft sehr detaillierte Darstellung von Sex wirkt keinesfalls erotisch, sondern eher, als handele sich um eine Gebrauchsanweisung.
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Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe.
Luchterhand Literaturverlag, März 2019.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

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Montag, 08.04.2019

Autor: rwmoos

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche.

Schwarze Wut und Braune Scheiße

Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Mitmenschen können so nervend sein. Hier in Deutschland genau wie anderswo. Allein die Diskussion um das Wort „Neger“! Eigentlich ganz einfach: Wenn sich Menschen, die damit beschrieben werden, von dem Wort herabgewürdigt sehen, verzichte ich doch schon aus Gründen der Höflichkeit darauf. Es sei denn, ich beabsichtige diese Herabwürdigung.
Statt dessen: Das ewig gleiche Gejammer, man würde dem Sprecher seine Sprache verbieten. Verboten wird gar nix. Nur darauf hingewiesen, dass dem Wort eine pejorative Bedeutung eignet.

Oder die immer wieder gleichen Diskussionen um jenes Gebäck. Keine Ahnung, wieso man es „Negerkuss“ genannt hat. „Schokokuss“ ist auch nicht gerade eine Beschreibung. Dann eher schon „Superdickmann“. Denn es macht ja wirklich super dick, Mann!
Wenn einem Kindeswohl am Herzen liegt, sollte man es, statt es zu essen, lieber wegwerfen. Genau das geschieht in unserer Wohlstandsgesellschaft zur Belustigung der Kinder bei den Schulfeiern. Der Vorgang heißt dort „Negerkussweitwurf“. Oder, noch drastischer: „Mohrenkopfweitwurf“. Warum das sein muss? Nun, hier bei uns sage man das eben so. Und da ich nicht per Inzucht in dieser Kleinstadt gezeugt wurde, habe ich, als ein erst seit 15 Jahren Ansässiger, offenbar schlichtweg kein Stimmrecht.
Nun hat die Schule einen neuen Direktor, dem der Blödsinn offenbar auch aufgefallen ist. Endlich.
Wie führt nun die alte Lehrkraft den Wettbewerb ein? „Nachher findet ein Schokokussweitwurf statt.“ Um nach einer kleinen verschämten Pause, in der das Unwohlsein über die offenbar aufoktroyierte Sprache in ihr wühlt, mit einnehmender Geste in ebenso einnehmender Halbmundart fortzufahren: „Frieher hammar halt Negerkuss gesoacht“. Der Satz soll wie eine Befreiung wirken und tatsächlich erntet sie das beabsichtigte Underdog-Gelächter des weißen Prekariats.
Nein. Da verstehe ich Frau Eddo-Lodge: Irgendwann verliert man die Lust auf die ewig gleichen Diskussionen mit der intellektuellen Bestandslage. Und irgendwann ist auch das letzte meiner Kinder aus der Gegend weggezogen, um in urbaner Umgebung weniger Dauerverletzungen ausgesetzt zu sein.

Oder: Warum müssen wohlmeinende Frauen die elementarsten Persönlichkeits- und Abstandsregeln verletzen und wildfremden Kindern wie Erwachsenen „einfach mal über diese schwarzen Haare streicheln“? Eine archaische Form des Be-Greifens? Ich streichel doch auch nicht mit der Begründung über ihre Brust, dass ich nur so die ganze Schönheit wohlmeinend begreifen könne? Feminismus wird langsam kapiert. Rassismus noch lange nicht. Auch in diesem Punkt gehe ich mit Frau Eddo-Lodge d‘accord.

Ihr Buch weist eine ganze Reihe weiterer Qualitäten auf:
– Streiflichtartig hat sie eine Geschichte der schwarzen Briten angerissen, und damit den Betreffenden ermöglicht, ihr Selbstwertgefühl nicht nur über die Geschichte amerikanischer Bürgerrechtsbewegung zu definieren. So etwas fehlt hier in Old Germany. Natürlich auch, weil schwarze Immigration hier bedeutend geringer ausfiel.
– Eines ihrer Hauptanliegen ist die Darstellung strukturellen Rassismus: In der englischen Gesellschaft haben Weiße schon deshalb einen statistisch quantifizierbaren Vorteil, weil sie Weiße sind. Das belegt sie sehr gut. Sie fordert nun von den Weißen, sich bei allen diesbezüglichen Diskussionen und Entscheidungen dieses Privilegs zumindest bewusst zu werden und es perspektivisch abzuschaffen.
– In eigener Sache thematisiert sie die Problematik gemischtrassischer Kinder zwischen den Welten ihrer schwarzen und weißen Familienhälfte. Und die Thematik schwarzer adoptierter Kinder in rein weißer Umgebung. Meines Erachtens kommt dieser wichtige Punkt sehr kurz geschnitten rüber. Es wäre ein durchaus lohnenswerter Ansatz, diese Fragen breiter anzugehen, denn hier wird das private politisch und das politische privat.
– Neben den Kategorien „Schwarz“ und „Frau“, spricht sie auch die Kategorie „Klasse“ an. Für das Zusammenspiel der verschiedenen Kategorien findet sie in Aufnahme eines Bildes von Angela Davis im Muster von künstlich angelegten Städten mit ihren parallel angelegten Straßen und deren Kreuzungen eine gelungene Parabel.
Wobei sie aber auch mit der BBC übereinstimmt, dass statt der traditionellen Dreiteilung (Ober-, Mittel-, Unterschicht) heute lediglich eine Fünfteilung sinnvoller sei. Andererseits entwertet sie diese Kategorien gleich wieder, indem sie entgegen den von ihr selbst vorgebrachten Zahlen, suggeriert, dass Schwarze vor allem die Unterklasse prägen würden. Tatsächlich gilt das wohl eher für die zweitunterste Klasse: Schlimmer geht immer.

Hier wäre auch der erste Punkt, bei dem ich ihr vehement widersprechen würde: Die aktuellen Verteilungskämpfe der gesellschaftlichen Ressourcen sind nur scheinbar zwischen Frau und Mann, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arbeiter, Unternehmer und Beamten.
Statt auf eine wirkliche Umverteilung von Oben nach Unten zu drängen, zerfleischen wir uns wegen der Brotkrumen. Der fleißige Handwerker, die überforderte allein erziehende Verkäuferin, der eher gemächliche Berufshartzer und der aus seinem Leben geschleuderte Flüchtling gönnen einander die Brotkrumen nicht, die von den wirklich Reichen übrig gelassen werden.
Ein weiterer Blick über den Tellerrand britischer (respektive europäischer) Verhältnisse sollte Eddo-Lodge ebenfalls zur Erkenntnis reichen: Die Diskrepanz zwischen den Untersten und den Obersten ist in einigen afrikanischen Staaten so viel gewaltiger als hierzulande. Und dort sind die Herrscher keine alten weißen Männer sondern alte schwarze Männer. Und oft genug agieren dahinter ihre alten oder jungen schwarzen Frauen.

Größere Ungerechtigkeiten in der Chancenverteilung und in der Verteilung des Reichtums und der Macht sind schlimm, weil sie den Charakter des Menschen korrumpieren. Nicht nur den des Betroffenen, sondern auch den des scheinbaren Siegers beim Verteilungskampf: Er bekommt ein falsches Bild von sich. Er meint, sein Erfolg sei allein sein eigener Verdienst und sieht auf die weniger Erfolgreichen herab. Damit verletzt er nicht nur andere, sondern verliert an eigener menschlicher Qualität. Vor Jahrzehnten haben das mal ein paar so genannte Befreiungstheologen thematisiert. Hat aber auch nichts genützt: Entweder sind sie getötet worden, oder sie wurden ausgeknockt. Oder sie haben sich ins System etabliert und waren dann ganz schnell selbst korrumpiert – wie Jean Bertrand Aristide. Die Chance, das zu verstehen, vertut Reni Eddo-Lodge ohne Grund und kommt so ganz nebenher zu einem sehr fragwürdigen Verständnis von Yin und Yang (S. 125)

Frau Eddo-Lodge fordert immer wieder von Weißen, sich ihrer einfach schon durch Hautfarbe festgesetzten Privilegien bewusst zu werden, und von Schwarzen, diese zu erobern. Das hat Herr Aristide z.B. ja damals durchaus getan. Der Erfolg: Es ging fortan anderen gut und anderen schlecht. Und sowohl auf der Gewinner- als auch auf der Verliererseite standen in Haiti vorher und nachher wenig Weiße und viele Schwarze. Noch weniger lassen sich System und Forderung der Autorin auf die Verhältnisse z.B. in Mosambik anwenden.

Sie ist demzufolge da am Besten, wo durch ihre Texte wenigstens hindurchschimmert, dass die Verhältnisse als solche anfragbar seien. Schade, dass sie da nicht tiefer bohrt.

Der Feminismus hat dazu geführt, das Frauen Staatsoberhäupter, Konzernchefs und vielleicht auch irgendwann Papst sein können. Hat das irgendetwas an der Struktur geändert? Ist die Welt dadurch humaner, friedlicher oder auch nur kinderfreundlicher geworden?
Der letzte deutsche Kanzler, unter dem keine deutschen Soldaten in Kriege verwickelt waren, war ein Mann: Helmut Kohl. Als sein Nachfolger, Gerhard Schröder im Irak nicht mit Krieg spielen wollte, setzte sich dessen spätere Nachfolgerin, Angela Merkel, sehr für eine Teilnahme ein. Die letzten beiden großen Kriegseinsätze der Briten teilen sich Margret Thatcher mit dem Falklandkrieg und Tony Blair mit dem Irakkrieg schwesterlich.
Die Vertreibung der Rohingya geschah unter der Ägide der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.
Teilhabe an den Privilegien durch Frauen hat die Welt nicht wirklich besser gemacht. Genau so wenig wird sie besser durch die Teilhabe von Schwarzen.
Wenn man also gegen strukturellen Rassismus vorgeht, ist das richtig und gut. Das durchaus lohnenswerte Ziel ist Chancengleichheit, die sich auch statistisch darstellen lässt. Eine bessere Welt aber wird dadurch nicht entstehen. Die Macht wird nur durch andere, nicht durch Bessere, ausgeübt werden.

Sprache ist nicht nur zur Verständigung wichtig. Sie wirkt auch als Schwert: Wir können mit ihr andere verletzen und töten. Sie ist aber auch ein Schild – und zwar im doppelten Sinne: Wir können uns hinter ihr verstecken und gleichzeitig mit ihr Botschaften transportieren.

Wie nennt man Nicht-Weiße, wenn man sie nicht indirekt definieren möchte? Ich habe mich hier und anderswo für „Schwarze“ entschieden, weil das am ehesten dem entspricht, wie sich meine diesbezüglichen Verwandten und Bekannten bezeichnen, auch wenn ihre Haut hell scheint und die Haare auch Jung-Siegfried eignen könnten.
„Farbige“ wird nicht von allen als angenehme Bezeichnung empfunden. „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist umständlich und gestelzt und trifft auch auf die Kowalskis und Schimanskis zu, ja auch auf gewisse Österreicher, die wir eingedeutscht haben. Und die waren und sind meistens alle ziemlich weiß.
Die deutsche Übersetzung von Frau Eddo-Lodges Buch schwankt da gewaltig, wobei noch ein paar englische Spezialausdrücke wie „BME“ und das unsägliche „People of Colour“ hinzukommen.
Vielleicht verstecke ich ja auch die Schwierigkeit von Bezeichnung und Zuordnung hinter dem einfachen „Schwarz“. Wenn jemand ein besseres Angebot hat – nur zu!

Ähnliches gilt für den Begriff des Rassismus überhaupt. Ich mag ihn nicht, weil er die Begrifflichkeit des wissenschaftlichen Irrtums aufgreift, dass es bei den Menschen verschiedene Rassen gäbe. Es ist die Wortwahl der alten Spalter, die die Menschen in Rassen einteilten, um einen Teil davon unterdrücken zu können. Auch hier ist eigentlich ein neuer Begriff gefragt, der nicht die Terminologie dieses Irrtums zementiert.

Viele andere Kommentatoren finden das Buch von Frau Eddo-Lodge gelungen und preisen es in hohen und höchsten Tönen. Dem kann ich mich nicht anschließen. Es ist formal ziemlich zusammengestoppelt. Eine klare Begrifflichkeit zieht sich – wenigstens in der deutschen Ausgabe – ebensowenig durch wie eine nachvollziehbare Struktur. Daran mag die Herkunft eine gewisse Mitschuld tragen: Wenn man den Diskurs in den jeweiligen Blogs, Chats, Talkshows, Twitter- und Facebookbeiträgen als geisteswissenschaftliche Arbeit versteht, ist man von einem Geschwurbel nicht mehr allzufern, dass, je nach Gesprächspartner, Positionen verwischt und Missverständnisse zu Themen uminterpretiert.
Trotzdem hat dieses Buch in Großbritannien innerhalb gewisser Zirkel eine wichtige Debatte entfacht und wird deshalb auch nicht zu Unrecht gerühmt. Es war einfach der richtige Input zum richtigen Zeitpunkt und da darf auch mal auf den Luxus stringenter Gedankenführung verzichtet werden.

Schaut man mal in die andere Filterblase hinüber, so wird dem Buch „umgekehrter Rassismus“ (was immer das nun wieder sein mag – gemeint ist wohl eine beabsichtigte Benachteiligung von Weißen) vorgeworfen. Um diesen Vorwürfen im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen, versucht sich Frau Eddo-Lodge in dem, was sie von den Weißen verlangt: Dem Bewusstmachen der eigenen Privilegien. Dabei vergisst sie in ihrer eurozentrischen Sicht vielleicht ein paar der Wichtigsten: Sie ist nämlich in erster Linie genau das: Europäerin. Sie lebt in Frieden. Sie hat ausreichend Nahrung, Kleidung und Energie. Und damit ist sie gegenüber einem Großteil der Weltbevölkerung – genau wie ich – dermaßen privilegiert, dass wir unser Glück kaum fassen dürften. Natürlich können wir einerseits nach mehr Teilhabe an den Ressourcen derer streben, denen es wesentlich besser geht. Das wäre in jeder Hinsicht in Ordnung.
Wir könnten aber auch anders herangehen und überlegen, wie wir Ressourcen an die abtreten, denen es wesentlich schlechter geht.

Eines noch: Ob man das Buch mag oder nicht – es enthält auf jeden Fall eine Perle:
Das ist das Interview mit Nick Griffin von der British Natonal Party.
Eddo-Lodge bezeichnet das Interview als surreal. Dem möchte ich widersprechen.
Es ist, im Gegenteil, sowas von real!

Gar nicht mal unintelligent nimmt Herr Griffin dort den Standpunkt der bedrohten Minderheit ein. Als seien seine weißen Briten ein seltene Art, die vom Aussterben bedroht ist und geschützt gehört. Der Witz: Hat man sich auf den Begriff und Standpunkt des Rassismus eingelassen – und das tut ja Frau Eddo-Lodge auch – so hat Herr Griffin nicht einmal Unrecht. Jeder Bergsalamander wird geschützt, warum nicht auch die selten werdende weiße „Rasse“ des Homo sapiens britannicae? Natürlich ist das kein origineller Standpunkt, man hört ihn ja in Europa allerorten. Aber ein Gespräch zwischen zwei Protagonisten verschiedener Lager findet so selten statt – da mag man beide wegen ihrer Bereitschaft gar nicht genug loben.
Und dann, nachdem über ein paar Seiten Argumente ausgetauscht wurden, die sich an den Regeln logischer Gesprächsführung orientierten, schwappt plötzlich auf die sehr offene Frage Eddo-Lodges, wo sie sich denn als Schwarze rein britischer Identität seiner Meinung nach verorten sollte, die fast lehrbuchhafte Antwort des alten weißen Mannes daher:
Das junge schwarze Ding möge sich doch ein Land suchen, das irgendetwas mit ihrem Erbe zu tun habe (das britische Erbe wird ihr damit abgesprochen) und dort Kinder werfen (offenbar statt sich am intellektuellen Diskurs zu beteiligen). Originell lediglich die Begründung:
„Denn Großbritannien steckt, um es unhöflich zu sagen, tief in der Scheiße.“

Da gibt die Ursache ihren Folgen nur zu Recht.

Tüchersfeld, den 07.04.2019
Reinhard W. Moosdorf

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Montag, 08.04.2019

Autor: Immo Sennewald

Klaus Schroeder, Monika Deutz-Schroeder: Der Kampf ist nicht zu Ende

Massenmörder, Auftragskiller, Folterer, Schreibtischtäter: Sie sind Lieblingsfiguren der Geschichtsschreibung, in Filmen und Literatur – sei es als Monster, unheimliche Doppelexistenz oder gottgleich verehrtes Leitidol. Und wenn eine Lichtgestalt auftritt, bedarf sie solcher Gegenspieler zum Sieg, zur Machtübernahme – das heißt dann „Happy End“.

Die Realität kennt weder makellose Lichtgestalten noch Happy End. Das Ende der Gewalt ist der Beginn einer nächsten – Gewalt ist eine Konstituante menschlichen Handelns. Der Unterschied zwischen Leitidol und Schreibtischtäter, Lichtgestalt und Massenmörder liegt nur in der Wahrnehmung des Geschehens durch verschiedene Betrachter und in der Deutung, die aus ihr folgt. Gleichwohl ist es möglich, aus Deutungsmustern einer politischen Richtung auf deren Rechtsverständnis und Demokratietauglichkeit zu schließen: Wie beschreibt sie Konflikte, Motive und Ziele der Beteiligten? Gesteht sie eigenes Fehlverhalten ein? Korrigiert sie sich? Übt sie gar tätige Reue? Hält sie Spielräume fürs Verhandeln mit Gegnern offen? Oder versucht sie jedenfalls die Deutungshoheit zu gewinnen, indem sie Feindbilder schafft und verschärft; spricht sie Konkurrenten – egal ob Individuen oder Gruppen – die Menschlichkeit ab und sich selbst das Recht zu, Gewalt anzuwenden, womöglich schrankenlos?

Die langjährigen Forschungen von Monika Deutz-Schröder und Klaus Schröder fußen auf solchen Fragestellungen, und ihr Blick auf die Geschichte linker Gewalt ist nüchtern und sachkundig. Das Buch, in dem sie wissenschaftliche Ergebnisse zusammenfassen, geht tiefer und ist trotzdem spannender als jede filmische Doku. Es enthält sich weitgehend der Deutung, es beschreibt seinen Gegenstand akribisch und lässt dem Leser Raum zur Prüfung zahlloser Quellen und eigener Erfahrungen. Deshalb eignete es sich trefflich als Lehrbuch für den Geschichtsunterricht – und ist zugleich spannende Lektüre für einschlägig Interessierte. Ob es sich in der zunehmend polarisierten und pausenlos mit Strömen „geframter“ – also auf eine erwünschte Wahrnehmung hin gefärbter, häufig manipulativer – Informationen zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Themen wird behaupten können?

Einer, der das DDR-Regime von Geburt an erlebt hat, der in Schulen, Hochschulen und Alltag indoktriniert und desinformiert wurde, der zugleich lernte, sich dagegen zu wehren, gleichwohl sozialistische Gedanken nicht ablehnte, sondern lange für reformierte staatliche Verhältnisse eintrat, einer, den seit dem 14. Lebensjahr eine im Hintergrund mitwandernde Stasi-Akte verfolgte – so einer nimmt fast jede politische Publikation von im Westen sozialisierten Wissenschaftlern nicht ohne Skepsis zur Hand. In diesem Fall wusste ich seit langem um die fachlichen Qualitäten der Autoren, umso mehr schätze ich dieses historisch grundierte, kluge und verständige Buch über die unterschätzte Gefahr des Linksextremismus für die Gegenwart.

Für die Verbindungen zwischen linken Gruppen verschiedenster Ausprägung, RAF und Stasi etwa gibt es verlässliche Beweise, und dass sich seit den 60er Jahren internationale Netzwerke von Extremisten bildeten, war erst kürzlich wieder in einem Fernsehbericht zu verfolgen. Gern unterstützen Despoten jeglicher Sorte linksextreme (auch als NGO getarnte) Organisationen, um demokratische Staaten zu destabilisieren – das wäre beunruhigend genug. Schlimmer, wenn sich hierzulande herrschende oder als Opposition etablierte Parteien samt medialer Anhängerschaft solcher Gruppierungen bedienen, um unerwünschte Konkurrenz oder auch nur einzelne kritische Stimmen einzuschüchtern, womöglich zu ersticken.

Bürgerliche Parteien der Weimarer Republik ließen Hitlers NSDAP gewähren, gaben sogar medialen Begleitschutz für den Kampf gegen die Linke. Das war politischer Selbstmord. Die Ermächtigung der Nazis bedeutete auch ihr Ende. Ähnlich erging es nach 1945 jenen Teilen der SPD, der Liberalen und Nationaldemokraten, die sich unter dem Schlagwort “Antifaschismus” aufs Bündnis mit Ulbrichts Kommunisten einließen. Sie waren fortan wenig mehr als Handlanger.

Dieses Buch beweist, dass heutige Schläger, Brandstifter und Maulhelden von “Antifa” & Co. eben keine Helden sind. Wer Linksextreme ideologisch pampert, wer ihre Straftaten verklärt oder verharmlost, zeigt mindestens historische Unkenntnis, jedenfalls aber sein unreflektiertes Verhältnis zu totalitärer Macht. Wähler sollten das wissen. “Der Kampf ist nicht zu Ende” macht sie mit guten Argumenten vertraut: Damit sie künftig ihre Stimme nicht ein für alle Male abgeben.

Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder

Der Kampf ist nicht zu Ende

Geschichte und Aktualität linker Gewalt
1. Auflage, 2019
320 Seiten, Verlag Herder
ISBN 978-3-451-38298-7
€ 26,00

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Mittwoch, 03.04.2019

Autor: Andreas Schröter

Joey Goebel: Irgendwann wird es gut

Joey Goebel: Irgendwann wird es gut«„Irgendwann wird es gut“ heißt die neue, sehr lesenswerte Geschichten-Sammlung des 1980 geborenen US-amerikanischen Autors Joey Goebel. Doch viele Figuren in diesem Buch, die alle in der fiktiven Kleinstadt Moberby leben, sind weit davon entfernt, ein Happy End zu erleben – wie Anthony in der allerersten Geschichte. Er ist verliebt in die Nachrichtensprecherin Olivia und hat jeden Abend Punkt 18 Uhr ein Rendezvous mit ihr, das er zelebriert: wenn sie auf der Mattscheibe erscheint und er auf dem heimischen Sofa sitzt.

Oder Paul, dessen Mutter derart dominant und besitzergreifend ist, dass sie dem Sohn das einzige Date mit einer Frau versaut, das er seit vielen Jahren hat.

Joey Goebel widmet sich in diesen Geschichten den Losern, den Underdogs der Gesellschaft: neben den hoffnungslos Verliebten und Muttersöhnen unter anderem einem zwölfjährigen Mädchen, das unter Gleichgesinnten keinen Anschluss findet, oder einem Messie, der seit Jahren seine Wohnung nicht verlassen hat.

Immer sind diese Geschichten intensiv, stilistisch hervorragend geschrieben und psychologisch glaubhaft. Und manchmal werden sie sogar doch noch dem Titel gerecht.
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Joey Goebel: Irgendwann wird es gut.
Diogenes, Februar 2019.
320 Seiten, gebundene Ausgabe, 22 Euro.

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Samstag, 30.03.2019

Autor: Andreas Schröter

Anita Shreve: Wenn die Nacht in Flammen steht

Anita Shreve: Wenn die Nacht in Flammen steht«Den vielleicht etwas kitschigen Titel „Wenn die Nacht in Flammen steht“ trägt ein Buch aus Amerika, das gar nicht kitschig ist, sondern spannend und einfühlsam. Autorin Anita Shreve (1946 – 2018) schreibt über die junge Frau Grace, die 1947 in Hunts Beach/Maine mit Ehemann Gene und zwei kleinen Kindern in einem Häuschen am Meer lebt.

Gene ist zwar nicht besonders liebevoll, aber die kleine Familie kommt insgesamt über die Runden. Das ändert sich, als fast das gesamte Städtchen von einem gewaltigen Feuer zerstört wird. Grace und die beiden Kinder überleben nur knapp, Gene bleibt vermisst.

Grace braucht lange, um sich eine Art neuen Alltag im Haus ihrer zuvor gestorbenen Schwiegermutter aufzubauen. Sie lernt den feinfühligen Pianisten Aidan kennen, der sich ebenfalls in das Haus geflüchtet hat, und verliebt sich in ihn. Doch ist der vermisste Gene wirklich tot?

Anita Shreve gelingt es in ihrem letzten Roman hervorragend, den Leser für die junge Grace einzunehmen. Zeitweise ist das Buch so packend, dass man sich kaum traut weiterzublättern. Das gilt nicht nur für die Passagen, in denen die kleine Familie dem Feuer zu entkommen versucht, sondern besonders für den zweiten Teil, in dem sich für Grace eine dramatische Situation ergibt.

Ganz nebenbei lernt man, wie es um die Rolle der Frau in einer Zeit bestellt war, die noch gar nicht lange zurückliegt. Sie hatte für ihren Mann zu sorgen und sich im Großen und Ganzen seinen Wünschen unterzuordnen – auch dann, wenn sie mental viel stärker war als er. Ein Auto fahren zu können, geschweige denn eines zu besitzen und einem Job nachzugehen, waren die großen Ausnahmen. So gesehen ist dieser Text auch ein guter zeitgeschichtlicher Roman, in dem sich die starke Heldin am Ende gegen die Konventionen stemmt, wozu in ihrer Zeit viel Mut nötig war.

Das große Feuer in Hunts Beach hat es 1947 übrigens wirklich gegeben.
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Anita Shreve: Wenn die Nacht in Flammen steht.
Pendo, Januar 2019.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

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Freitag, 29.03.2019

Autor: Andreas Schröter

Kent Haruf: Abendrot

Kent Haruf: Abendrot«Im Schweizer Diogenes-Verlag ist dankenswerterweise ein Buch erschienen, das im amerikanischen Original „Eventide“ bereits seit 2004 existiert: „Abendrot“ von Kent Haruf.

Wir reisen in den fiktiven Ort Holt, Colorado, einem Kaff in den Great Plains, und lernen die Menschen kennen, die dort leben: den unglaublich gütigen, großmütigen und sanften Rancher Raymond, der einen schweren Schicksalsschlag verkraften muss und dann doch wieder Freude am Leben empfindet, einen elfjährigen Jungen, der sich rührend um seinen alten Großvater kümmert, oder Betty und Luther, zwei Menschen am Existenzminimum, die nicht in der Lage sind, ihre beiden Kinder vor dem Schläger Hoyt, ihrem Onkel, zu schützen.

Es ist ein bisschen so, wie es in einem Zitat von Bernhard Schlink auf der Buchrückseite heißt: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Tatsächlich gelingt es Kent Haruf (1943-2014), seine Figuren sehr plastisch werden zu lassen und sie auf diese Weise seinen Lesern sehr nahe zu bringen.

Bis auf wenige Ausnahmen passieren auf den über 400 Seiten in diesem Roman gar nicht die ganz großen Katastrophen. Zumeist ist es einfach das ganz normale Leben, das uns bei diesem Text in seinen Bann schlägt.

Haruf erreicht all das mit einem lakonischen, fast ein wenig unterkühlt wirkenden, zurückgenommenen Schreibstil. Die Gefühle, die seine Figuren durchleben, scheinen eher zwischen den Zeilen durch – das dafür aber umso heller.

Wichtiges Thema in diesem Roman ist die Einsamkeit. Viele Figuren sind zumindest zeitweise allein, und sie sind unsicher im Umgang mit anderen Menschen, wenn sie denn doch mal Kontakt zu ihnen haben.

Ein großer, manchmal auch ein bisschen trauriger Roman, bei dem sich durchaus eine gewisse Enttäuschung einstellt, wenn man die letzte Seite zu Ende gelesen hat.
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Kent Haruf: Abendrot.
Diogenes, Januar 2019.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

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Montag, 18.02.2019

Autor: Christiane Geldmacher

Thomas Bernhard: Hab & Gut

12. Februar 2019. Der Todestag von Thomas Bernhard ist schon dreißig Jahre her und man weiß es noch wie heute. Man empfand es damals als einen in der Literatur nicht wieder gut zu machenden Verlust.
Thomas Bernhard als literarische Stimme war nie zu ersetzen. Er ist der beste Beweis dafür, dass starke Autorenstimmen einzigartig sind.

„Hab&Gut“ ist ein Bildband, den der Wiener Brandstätter Verlag herausgebracht hat, um diesen Todestag zu würdigen. Es gibt einige Texte und viele Fotos. Thomas Bernhard besaß drei Häuser in Österreich. Ihn, den großen Städtehasser – der Hass war authentisch, auch wenn er ihn übertrieb – zog es hinaus aufs Land. Seine Häuser befanden sich in Obernathal (das ist der berühmte Vierkanthof), in Krucka und in Ottnang. Eins individueller als das andere, alle die Einsamkeit suchend. Wenn er in einem Haus zu sehr belagert wurde, floh er ins nächste und oft ganz in den Wald.

In seinen Häusern, die er alle perfekt herrichtete, ging er entspannt und selbstvergessen seiner Lieblingsbeschäftigung nach – Altes instandhalten und modernisieren, ohne es zu zerstören.

Die Fotografien von Hertha Hurnau zeigen einen Autor, der zu leben versteht. Er hat viel Platz, viel Grund, viele Zimmer, viele Ausblicke, viele Rückzugsorte. Alle Zimmer in allen Häusern sind eingerichtet, haben Betten, Sessel, Küchen, Bäder. Alle Schränke, alle Kommoden sind voll. Überall stehen Fernseher, Radios und Stereoanlagen. Thomas Bernhard hätte zu jeder Zeit in seinen Häusern 50 Leute beherbergen können.
Wenn er das gewollt hätte.

Die Öffentlichkeit war ihm jedoch zumeist eine Qual. Und das sagte er nicht einfach nur so dahin; er war einer jener Autoren, der wirklich nachweislich vor ihr die Flucht ergriff.

Der Herausgeber des Buches ist André Heller; es gibt Essays von Ronald Pohl, Christian Schachinger und Dietmar Steiner. Die Fotografien sind von Hertha Hurnau.

Thomas Bernhard, Hab&Gut, Herausgeber André Heller, 176 Seiten, 80 Abbildungen, Brandstätter Verlag, Wien 2019

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Freitag, 08.02.2019

Autor: Andreas Schröter

T. C. Boyle: Das Licht

T. C. Boyle: Das Licht«Für sein neuestes Werk „Das Licht“ bedient sich der US-amerikanische Kultautor T.C. Boyle einer Methode, die er bereits bei früheren Büchern angewandt hat: Er schreibt einen Roman rund um Geschehnisse, die sich wirklich ereignet haben.

In diesem Fall geht es um die Hippie-Kommune um Professor Timothy Leary, der zu Beginn der 60er-Jahre mit der bewusstseinserweiternden Droge LSD experimentiert hat. Die beiden fiktiven Figuren Fitz und seine Frau Joanie, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist, geraten in den Inneren Zirkel rund um Leary. Sie nehmen die Droge, haben gute und schlechte Trips – teils mit rauschhaftem Sex und Kaskaden von bunten Farben, teils mit schlimmen Angstzuständen und Albträumen – und werden immer mehr zum Teil der Gruppe. Sie ziehen mit ihr nach Mexiko und schließlich nach Millbrook im US-Bundesstaat New York. Dort bekommen sie unter anderem Besuch von den legendären Merry Pranksters in ihrem bunten Schulbus „Further“ des Autors Ken Kesey („Einer flog übers Kuckucksnest“) – ein Besuch, den es ebenfalls tatsächlich gegeben hat.

Man könnte Boyles‘ Methode als „New Journalism“ bezeichnen, einer Reportageform, die ebenfalls in den 60er-Jahren entstand und für die Tom Wolfe und Hunter S. Thompson herausragende Vertreter waren. Das Hinzufügen von fiktiven Elementen macht das Nacherzählen von realen Geschehnissen spannender, griffiger und nachvollziehbarer. Mit bewussten Fälschungen, wie sie der Spiegel-Reporter Claas Relotius fabriziert hat, hat das nichts zu tun – zumal Boyle sein Werk klar als „Roman“ ausweist.

Der 1948 geborene Autor macht keinesfalls den Fehler, diese Hippie- und Drogenzeit im Nachhinein zu verherrlichen. In seinem Buch wird auch klar, in welcher fast sektenähnlichen Abhängigkeit sich die Mitglieder zum charismatischen Leary befanden und welche seelischen und zwischenmenschlichen Zerwürfnissen Umgangsformen wie die „Freie Liebe“ nach sich ziehen konnten.

Ein (weiterer) gelungener Boyle-Roman.

T. C. Boyle: Das Licht.
Hanser, Januar 2019.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Montag, 31.12.2018

Autor: Andreas Schröter

Andrew Michael Hurley: Teufels Tag

Andrew Michael Hurley: Teufels Tag«Atmosphärisch äußerst dicht präsentiert sich der Roman „Teufels Tag“ des britischen Autors Andrew Michael Hurley. Der Engländer entführt uns in die fast schon archaisch anmutende Welt einer Handvoll Bauern-Familien, die irgendwo in einer gottverlassenen Gegend am Rande einer Moorlandschaft ihr karges Dasein fristen.

Weil sein Großvater gestorben ist, besucht der Lehrer John zur Beerdigung mit seiner Frau Kat diese Gegend, in der nach wie vor der Rest der Familie lebt. Immer mehr reift in ihm der Wunsch heran, sein künftiges Leben dort zu verbringen, um die Traditionen seiner Ahnen fortzuführen.

Die Bewohner in den „Endlands“ – so heißt die Gegend passenderweise im Buch – können kaum lesen oder schreiben, sie leben in baufälligen Häusern und müssen tagein-tagaus schwere körperliche Arbeit verrichten, um sich so gerade eben über Wasser zu halten.

Und sie haben ihre Bräuche, die sie über Jahrhunderte hinweg an die nächste Generation weitergeben. Einer von ihnen ist der „Teufels Tag“ im Herbst, der zum Ziel hat, den Teufel, der in dieser Gegend haust, für ein weiteres Jahr einzuschläfern. Natürlich würde man all das als Humbug abtun, wenn es nicht gewisse Vorfälle gäbe, die die ganze Sache in einem anderen Licht erscheinen lassen …

Positiv an diesem Buch ist, dass das Böse – besagter „Teufel“ – immer im Hintergrund bleibt und man als Leser nicht weiß, ob die Dorfbewohner ihn sich nur einbilden, oder ob er wirklich existiert. Das schafft eine viel höhere Eindringlichkeit und Düsternis, als würde er offen auftreten.

Negativ ist, dass der Roman lange auf der Stelle tritt, was für eine gewisse Zähigkeit sorgt. Auch sind die handelnden Figuren nicht wirklich sympathisch. Man kann sich als Leser nicht mit ihnen identifizieren. Ich-Erzähler John zum Beispiel fragt seine Frau gar nicht erst, ob sie denn auch in den Endlands leben möchte.
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Andrew Michael Hurley: Teufels Tag.
Ullstein, Oktober 2018.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

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Samstag, 22.12.2018

Autor: Andreas Schröter

Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien

Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien«Der 1957 geborene französische Autor Hervé Le Tellier widmet sich in seinem neuen Buch „All die glücklichen Familien“ seiner Verwandtschaft. Auf dem Cover steht zwar „Roman“, aber eigentlich handelt es sich um eine Autobiographie, die sich kritisch vor allem mit seiner Mutter Marceline, seinem Stiefvater Guy und seinem leiblichen Vater Serge auseinandersetzt. Schon ein Buchzitat auf der Rückseite des Covers weist auf diese Stoßrichtung hin: „Mir war schon immer klar, dass meine Mutter verrückt ist.“

Besagte Mutter wird dabei als durchgeknallt, bösartig und lieblos beschrieben, der Stiefvater als geizig und blass, der Vater als Fremdgeher. Viele andere Figuren wie eine Halbschwester, die Großeltern, Onkel und Tanten kommen vor (und kriegen ebenfalls ihr Fett weg), so dass man als Leser ein wenig aufpassen muss, um den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum am Anfang erweist sich als hilfreich.

Die hohe Kunst des Autors liegt darin, den Text trotz des schweren Themas locker, leicht, voller Gefühl und Humor zu halten. Er gleitet niemals in Hass- oder Wuttiraden ab – etwas, das bei dem Thema wohl naheliegend gewesen wäre. Emotional besonders berührend ist ein Kapitel, in dem es um den Selbstmord einer Geliebten geht. Lesenswert!
——————–

Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien.
dtv, Oktober 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

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