Mittwoch, 21.11.2018

Autor: Immo Sennewald

Rezensent sein? – Lieber was empfehlen!

Ja, ich bin voreingenommen, denn ich kenne und schätze Gebhard Borck seit Jahren, wir haben uns über seine Ideen lebhaft ausgetauscht. Ich bin also kein „neutraler“ Kritiker, das Erscheinen dieses Buches hat mich sehr gefreut, ich wünsche ihm viele, viele Leser. Dem Vorhaben von Stefan Heiler, sich mit seinem Unternehmen im Wettbewerb am Markt ganz ohne “Führungskräfte” zu behaupten, dabei unkonventionell mit einem „Katalysator“ namens Borck vorzugehen, gehört meine ganze Sympathie. Es ist ein mutiger Schritt, er hat sich gelohnt, und die ihn wagten, waren so oft am Rande des Scheiterns, dass einen auf über 300 Seiten niemals die Fragen loslassen “Schaffen sie ’s? Und wenn ja – wie?”.

Das liegt auch an der Erzählform. Die Sprache bleibt locker und gut verständlich, selbst wenn durchaus Fachwissen vermittelt wird – etwa an einen Nicht-Betriebswirt wie mich. Graphiken veranschaulichen gedankliche Abläufe und Prozesse im Unternehmen. Einen chronologischen Ablauf in einer Geschichte von Helden, die “per aspera ad astra” dem Sieg entgegen streben, gibt es nicht, stattdessen einen skizzenhaften Aufriss von Begebenheiten, vor allem Konfliktlagen. Sie erscheinen mal anekdotisch, mal als Dialog oder Gesprächsprotokoll, manchmal als lapidarer Bericht. Manche zeitliche Zuordnung mag sich der Leser selbst erschließen, er muss es nicht, um das Wesentliche am Geschehen zu begreifen: Wie bei der Alois Heiler GmbH in Waghäusel eine ganz neue Unternehmensform gelebt – bisweilen erlitten – wurde. Dabei haben alle Beteiligten, nicht nur die Autoren, „Denkwerkzeuge“ entwickelt und erprobt, sie haben eine „Firmen-DNA“ modelliert, von der andere vergleichbare Vorhaben einiges lernen können.

Zwischen dem Unternehmer Stephan Heiler und seinem Berater Gebhard Borck wuchs während dieses Prozesses eine schöpferische Freundschaft, wie sie sich einer wünscht: Beim Lesen wird deutlich, wie stark das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit des anderen ist. So etwas steckt durchaus an. Zugleich legten beide größten Wert auf die Transparenz aller Entscheidungen der jeweils Verantwortlichen – und das waren eben keine Chefs, Abteilungs-, Gruppen- oder sonstigen Leiter, sondern immer öfter die Mitarbeiter selbst, Männer und Frauen, die sich in neuen Rollen beweisen mussten – und durften. Keineswegs alle waren mit einer “Sinnkopplung” dauerhaft an derart eigenverantwortliches Handeln in vernetzten, nicht hierarchischen Teams zu binden. Viele verließen Heiler, darunter sehr kompetente. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, heißt es nicht von Ungefähr; lieb gewordene Muster und Rituale locken mit einem Gefühl von Sicherheit bei weniger Energieaufwand, womöglich besserer Bezahlung: Angepasst an den Mainstream lebt sich’s für viele komfortabler.

Das Buch ist eine durchaus vergnügliche Lektion übers Fragen, über Reibungen, Missverständnisse und Turbulenzen. Dass Klatsch und Tratsch auch bei diesem Beispiel von “New Work” unausrottbar bleiben, überrascht nicht, aber es macht Spaß, den Autoren bei diesem wie anderen „Fällen“ aus ihrem Alltag über die Schulter zu schauen. Wer das – über das Buch hinaus – tun möchte: Weblogs sowohl des Unternehmens Heiler als auch von Gebhard Borck bieten reichlich Informationen. Patentrezepte werden sich dort kaum finden lassen, dafür eine ermutigende Menge von Erfahrungen im Umgang mit Konflikten auf dem Weg in alternative Arbeitswelten.

Gebhard Borck, Stephan Heiler „Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen“, 304 Seiten, Heiler&Borck 2018

Tags: , , , , , , ,

Kommentare deaktiviert für Rezensent sein? – Lieber was empfehlen!

Donnerstag, 15.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten«Allan Karlsson ist wieder da – der Hundertjährige, der 2012 aus dem Fenster stieg und verschwand – und dessen schwedischer Autor Jonas Jonasson damit einen literarischen Welterfolg landete.

Während der sympathisch-lebensbejahende und freundliche Senior im früheren Buch Abenteuer quasi im gesamten 20. Jahrhundert erlebte, konzentriert sich der Folgeband – „Der Hundertjährige, der zurückkam und die Welt rettete“ heißt er – ganz auf die Gegenwart.

Allan, dem sein Dauerurlaub mit Kumpel Julius auf Bali zu langweilig geworden ist, stürzt mit einem Heißluftballon im Meer ab, wird von einem nordkoreanischen Schiff aufgegriffen und direkt zu Kim Jong-un weitergeleitet. Ein paar Seiten später macht er Bekanntschaft mit der schwedischen Außenministerin, um dann gemeinsam mit ihr bei Donald Trump vorbeizuschauen. So weit, so turbulent. Und das alles nur, weil das nordkoreanische Boot angereichertes Uran für den Diktator an Bord hat.

Und turbulent geht‘s weiter. Allan und seine Freunde landen in Kenia, und der mittlerweile 101-Jährige telefoniert mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Manchmal nähert sich dieser Folgeroman arg nah der Grenze zum Klamauk. Insgesamt jedoch gelingt es dem Autor recht gut, die – zum Teil durchaus düstere – Weltpolitik der Gegenwart mit guter Unterhaltung zu vermischen und sie dabei auch noch zu kommentieren. Lesenswert!
——————–

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten.
C. Bertelsmann Verlag, September 2018.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Sponsoring

Werbung ermöglicht es unseren Autoren, live von Events zu bloggen und unsere Kosten zu decken. Für Ihr Unternehmen und Produkt bieten wir diverse Möglichkeiten sich darzustellen. Effektiv und Preiswert.

Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns!

Mittwoch, 14.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen

Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen«Selten passt ein Buchtitel so gut wie diesmal: In Joshua Ferris‘ herrlicher Geschichten-Sammlung „Männer, die sich schlecht benehmen“ geht es – genau – um Männer, die allerlei dummes Zeug machen. Nicht so dumm allerdings, dass man als (männlicher) Leser nicht gelegentlich auch ein gewisses Verständnis für ihre Schrulligkeiten hätte.

Gleich in der ersten Geschichte, „Die Dinnerparty“, nervt ein Mann seine Frau mit allerlei Prophezeiungen, wie schrecklich das bevorstehende Abendessen mit einem befreundeten Paar doch mit Sicherheit werden würde. Natürlich kommt alles ganz anderes: Die Gäste ziehen es vor, erst gar nicht zu kommen und unser Held macht sich auf die Suche nach ihnen.

Wir treffen Männer, die von dem Wahn befallen sind, ihre Frau habe sie verlassen, auf welche, die irgendwelchen unerreichbaren Traumfrauen hinterherhecheln, und auf solche, die auf einer privaten Stadtführung durch Prag ihre ganze Oberflächlichkeit und Arroganz heraushängen lassen.

Besonders gelungen ist eine Geschichte – „Die Brise“ heißt sie – über ein junges Paar, das am ersten Frühlingsabend des Jahres in großen Stress gerät, weil es den schönen Abend möglichst optimal nutzen möchte. Natürlich gehen alle Unternehmungen – egal ob Picknick im Freien oder essen gehen in einem Restaurant mit Traumaussicht – schief und sie stellen fest, dass es vermutlich besser gewesen wäre, den Abend einfach zu Hause auf ihrem Balkon zu verbringen.

Das alles ist knackig, manchmal rotzfrech, lebensnah und humorvoll geschrieben, und man folgt als Leser einfach gerne den Männern – und manchmal sind es auch Frauen – auf ihren Irrungen und Wirrungen.

​Die Geschichten des 1974 geborenen US-amerikanischen Autors sind zutiefst menschlich und zeigen die milden Abgründe im Seelenleben, mit denen sich vermutlich die allermeisten von uns zumindest zeitweise herumschlagen müssen.
—————

Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen.
Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2018.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen

Dienstag, 13.11.2018

Autor: rwmoos

Harald Meller & Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas.

Begrabene Sterne

Am letzten der drei freien Tage fahre ich nach Berlin, um dort die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Gropius-Bau zu besuchen. Dass ich dort zuvor anstehen muss, ist wohl der zeitgleich laufenden Ausstellung der von Kunsthändler Gurlitt gehorteten Gemälde geschuldet. Ich hasse Schlange-Stehen. Wozu bin ich eigentlich auf die Straße gegangen? Damals, 1989?
Leider ist auch die von mir favorisierte Ausstellung völlig überlaufen. Um die recht klein gedruckten Texte zu den Ausstellungsstücken entziffern zu können, muss man zudem einen bestimmten Winkel nahe an den das Licht reflektierenden Glasvitrinen einnehmen. Natürlich verbiegen in ebendiesem Winkel noch fünf bis sechs Mitmenschen ihre Körper und verstellen so die Sicht ganz.
Hinzu kommt die Schwäche so vieler ambitionierter Ausstellungen: Statt eine einzige Geschichte durchgängig zu erzählen, erschlagen sie mit der schieren Fülle von Einzelheiten. Hier hat man zudem den Eindruck, dass sich ein Teil des erzählten Duktus politisch anbiedern möchte. Für jemand, dem Internationalismus selbstverständlich ist, wirken die so platzierten Meta-Botschaften an dieser Stelle nervend. Die anderen sehen sich solche Ausstellungen ohnehin gar nicht erst an.
Im Schnelldurchlauf werden verschiedene Themen durch die Jahrtausende gejagt. Migration natürlich. Genetischer Austausch. Reisen und die zugehörigen Vehikel. Kunst. Et cetera pp.
Irgendwo hängt unlustig die Himmelsscheibe von Nebra herum. Das bronzezeitliche Smiley grinst hier weniger überzeugend als auf seinem Stammplatz in Halle oder in Nebra, wo man eine respektable Kopie präsentiert.
Ihren Zauber büßt sie hier im Gropius-Bau schon wegen eines profanen Umstandes ein: Aus dem Raum daneben dringt veritabler Lärm. Eifrige Jugendliche praktizieren dort „Urzeit-Handwerk“. Mit einer Feile wird ein Sägeblatt geschärft. Nicht ganz bronzezeitliche Technik, aber immerhin. Respektabel auch, dass die junge Frau die Feile wirklich gerade führt. Dem Kerl, der unweit davon mit Stechbeitel und Schlegel einen Stamm bearbeitet, möchte man allerdings ein paar Überlegungen zum Wesen von Holz und dessen Fasern gönnen. Ich aber bin ein Held und verkneife mir jedwede Bemerkung.
Fluchtartig verlasse ich statt dessen den wenig erbaulichen Kontext mit der Absicht, mir im Museumsshop lieber den Ausstellungskatalog zu besorgen, diesen dann in Ruhe zu Hause durchzulesen und so vielleicht doch noch zu der ins Auge gefassten Horizonterweiterung zu gelangen, die die Ausstellung selbst mir versagt.
Nachdem ich ein wenig im Ansichtsexemplar geblättert, bin ich mir aber dann doch nicht sicher, ob ich dafür die geforderten dreißig Euronen berappen möchte und kaufe lieber kurzentschlossen das Werk von Meller und Michel zum vergleichbaren Preis.

Bereut habe ich das nicht.

Im Prozess um die Echtheit jener prähistorischen Scheibe wurde Harald Meller von gegnerischer Seite vorgeworfen, dass er eine „krankhaft histrionische Persönlichkeitsstörung“ sein Eigen nennen dürfe, die sich ihrerseits durch egozentrisches, dramatisch-theatralisches Verhalten auszeichne. Angesichts seines Engagements im kriminalistischen Teil, als es darum ging, die im grauen Kunstmarkt zirkulierende Scheibe seinem Museum zu sichern, mag diese Einschätzung vielleicht nicht einmal völlig fehl gehen – allein man möchte der Wissenschaft doch gratulieren, dass ihr solche Leute dienen, die sich nicht dem Mainstream fügen und es zudem noch verstehen, ihre Ergebnisse – und damit freilich auch ein wenig sich selbst – ansprechend zu präsentieren. Mich jedenfalls beeindruckt der Mut, bestehende Denkweisen aufzugeben und damit neue Sichtweisen zu eröffnen.
Mellers Hauptthese: Die Existenz der Himmelsscheibe von Nebra zeigt, dass zu ihrer Zeit (also 1.800 – 1.600 ante Christum natum) eine Hochkultur im Raum des heutigen Sachsen-Anhalt blühte, die sich vor den gleichzeitigen Reichen Ägyptens und Mesopotamiens nicht zu verstecken brauchte.
Klingt wie ziemlich starker Tobak, doch verstehen es die Autoren, ihre These gut zu begründen. Dazu allerdings ist es auch nötig, den Staats-Begriff neu zu definieren, der bislang allzu sehr auf die Existenz von Schrift und Stadt fixiert war. In dem Reich von Nebra – wie die Autoren diese Kultur taufen – fehlten nämlich sowohl städtische Architektur als auch Schreibkundigkeit. Die Autoren begründen sehr gut, weshalb diese Punkte für das hiesige Staatsgebilde entbehrlich waren.
Ihre Argumentation soll hier nicht ausgebreitet werden. Dazu lese man lieber das Buch selbst oder greife zu einer der üblichen Standard-Rezensionen.
Was mich fasziniert, sind die vielen scheinbaren Abschweifungen und Parallelen, denen die Autoren nachgehen. Auf eine erstaunliche Bandbreite fachfremder Literatur wird sich da bezogen, um ausnahmsweise einmal das zu versuchen, was doch immer wieder gefordert wird: Aus der Geschichte tatsächlich zu lernen und Schlüsse für unser heutiges Leben zu ziehen.
In diesem Zusammenhang werden Pierre Bourdieu, Jared Diamond und Walter Benjamin ebenso bemüht wie Rousseau, Locke, Nietzsche, Levi-Strauss und immer wieder Max Weber – um nur einige Denker zu nennen. Da hat sich das humanistische Studium doch wieder einmal gelohnt. Von solcher Bandbreite des Denkens kann die Bachelor-Master-Generation unverschuldet nur mehr feucht träumen. Denn hier wird auch nicht nur zitiert, um die eigene Belesenheit zu dokumentieren. Hier werden Denksysteme verstanden, verarbeitet und in die eigene Gedankenwelt implementiert. Es tut einfach gut, diese Vernetzung nachzuvollziehen und als Leser begleiten zu dürfen.
Deshalb ist eben nicht nur ein Werk herausgekommen, das den archäologischen Fund einzuordnen sucht, sondern ein durchdachtes gesellschaftskritisches Werk von teilweise marxistischer Radikalität.
Wobei ein grundlegender Aspekt marxistischen Gedankengutes zurechtgestutzt wird: Dem Fortschrittsgedanken Marxens nämlich können Meller & Michel nur wenig abgewinnen.
Immer wieder dagegen wenden sie den Blick in nahezu Brecht’scher Manier weg von denen, die Geschichte in Wort oder Werk „geschrieben“ haben auf die, die sie durchlebten und ausführten. Wer baute das siebensternige Nebra?

Der abendländische Wissenschaftsgedanke lebt im Wesentlichen davon, dass jemand mit einer These vorprescht, dieselbe dann von Fachleuten diskutiert wird und aus dieser Diskussion entweder dermaßen gefestigt hervorgeht, dass sie zum Standardwissen avanciert – oder eben dermaßen falsifiziert wird, dass man sie zumindest in der Folge ausschließen kann. Die Mellersche These vom Staate Nebra hat gute Aussichten zur ersten Kategorie zu gehören. Ihre meines Erachtens größte Schwäche tut sich bei der Beschreibung des Staaten-Zerfalls auf, der mehr oder minder auf die Minoische Eruption zurückgeführt wird. Dieser Punkt und die zugrundeliegenden Überlegungen überzeugen mich nicht.

Nachdem nun das Werk zur Genüge gelobt wurde, seien noch ein paar weitere Stellen erwähnt, die mir als Schwächen erscheinen.

1. Die Eintaktung der Finder-Situation
Von den Autoren werden die beiden Männer, die mit Metalldetektoren die Himmelsscheibe und die anderen deponierten Gegenstände auf dem Mittelberg fanden, durch die Bank als „Raubgräber“ abqualifiziert. Aber ohne diese Menschen wäre die Himmelsscheibe wohl nie gefunden worden. Keine hundert Kilometer, genauer gesagt die Entfernung vom Mittelberg zur Bayerischen Landesgrenze, trennten das Geschehen zudem von einer ganz anderen Rechtslage. So gesehen erscheint die jeweilige Gesetzeslage innerhalb eines einzigen Staates, nämlich Deutschlands, auch ein wenig willkürlich. Leider verlief zudem der Übergang der Himmelsscheibe von den Findern und Vermarktern zu den Fachleuten und dem Museum konfrontativ, so dass sich das Schwarz-Weiß-Denken noch verfestigte. Die Vermarkter hatten dabei mit ihren exorbitanten Gewinnabsichten einen nicht unerheblichen Anteil.
Ein wenig mehr gegenseitiges Verständnis zwischen Staat/Bürokratie auf der einen und privatwirtschaftlichen Interessen auf der anderen Seite schiene mir da wünschenswert.
Als Anfang schlage ich vor, die beiden Finder künftig mit ihrem vollen Namen zu nennen (freilich nach Einholung deren Einverständnisses) und nicht mehr von Raubgräbern sondern von Schatzsuchern oder Hobbyarchäologen zu reden.

2. Die Interpretation der Sternenscheibe.
Mit einer Selbstverständlichkeit, die regelrecht verblüfft, werden die sieben zusammenstehenden Sterne als Siebengestirn (Plejaden) interpretiert. Da will der Augenschein doch nicht so recht mithalten. Wie man auch immer den siebenten Stern verortet – das Muster ähnelt den Plejaden, die am Nachthimmel zu sehen sind, in keiner Weise.
In der Ausstellung in Nebra ist davon die Rede, das die Plejaden vor fast viertausend Jahren anders am Nachthimmel standen, was ja nachvollziehbar wäre. Allein – von diesem Gedanken fehlt im Buch jede Spur und auch anderweitig wird auf die doch so deutliche Abweichung nicht eingegangen.

3. Die Größe des Sichelmondes.
Dieser ist deutlich größer angelegt, als der daneben stehende Vollmond, der ja im Buch dann lavierend mal als Mond, mal als Sonne, also quasi als Monne interpretiert wird. Zwar findet sich im zugehörigen Schlussabschnitt auf S. 119 die Behauptung, dass die von den Autoren übernommene Interpretation Rahlf Hansens auch die „vergrößerte Darstellung des Sichelmondes“ erklären würde. Allein genau das tut sie nicht. Jedenfalls nicht im vorliegenden Buch. Dort wird lediglich auf die Breite der Sichel eingegangen.

4. Die Verantwortung des Magdeburger Bischofs Wichmann für die Plünderung des Bornhöck im 12. Jahrhundert.
Zugegeben: Was Ressourcen etc. anlangt, wäre Wichmann von Seeburg die erste Wahl. Dass er sich im Nachbarsprengel kirchenstiftend betätigte, steht auch außer Frage. Allein die Herrschaft über Raßnitz war, wenn ich meinen Thietmar richtig erinnere, diesem zuteil geworden und gehörte deshalb nicht in die Hoheit der Erzbischofs nach Magdeburg, sondern in die Hoheit des Halberstädter Bischofs, in die der Erzbischof nicht einfach eingreifen durfte. Diese Abweichung sollte erklärt werden oder der übliche Verdächtige scheidet zumindest vorerst als Langfinger aus.

5. Die romanhaft vorgestellte These, dass das Wissen um astronomische Zusammenhänge durch die Verdienste eines Nebrenser Fürstensohnes im Rahmen einer Telemachie aus dem Orient in das Reich von Nebra gelangt sei.
Hier nämlich verlassen die Autoren ihren oben genannten geschichtsphilosophischen Ansatz, Geschichte eben nicht in erster Linie als das Werk einzelner Persönlichkeiten zu verstehen.
Diese fragwürdige These korrespondiert zudem mit dem ebenso fragwürdigen Ansatz, die Herrscher von Nebra als eine Art Schmiede-Könige vorzustellen.
In beiden Fällen wäre ein gedanklicher Ansatz plausibler, der im Buch an anderen Stellen durchaus auch anklingt: Dass nämlich die Fürsten es lediglich verstanden, sich die zeitprägende Waffentechnologie und ihre Träger als Herrschaftsinstrumente in Ausschließlichkeit untertan zu machen und dadurch ihre Herrschaft zu festigen. Ähnlich wie Fürsten im Mittelalter ihre Herrschaft durch das Schießpulver-Monopol legitimierten.
Den reisenden Fürstensohn muss man bei solchen Gedankenspielen nicht einmal ersetzen. Stellt man ihm aber einen Mitarbeiterstab zur Seite, wird es wesentlich wahrscheinlicher, dass sich darunter auch der eine oder andere sternhelle Kopf befunden haben dürfte.

Tüchersfeld, November 2018

Reinhard W. Moosdorf

Tags: ,

Kommentare deaktiviert für Harald Meller & Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas.

Freitag, 09.11.2018

Autor: oliverg

„Getting Things Done for Teens“ (Audioreview, deutsch)

>>>> Audio

Kommentare deaktiviert für „Getting Things Done for Teens“ (Audioreview, deutsch)

Donnerstag, 01.11.2018

Autor: Andreas Schröter

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat«Der 15-jährige Teenager Benedikt Jäger ist Hauptfigur und Ich-Erzähler in Thomas Klupps Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Benedikt ist in seiner Heimatstadt Weiden auf riesigen Plakatwänden zu sehen, auf denen er mit zwei Freunden für eine Anti-Drogen-Kampagne seiner Schule wirbt. Außerdem ist er ein begnadet guter Tennisspieler.

Aber: Er konsumiert selbst Drogen – hauptsächlich jedoch fälscht er seine Klassenarbeiten, die er dann seiner überkandidelten Mutter, die nur Einser akzeptiert, zum Unterschreiben vorlegt. Irgendwann eskaliert die Fälschung einer Physikklausur, und die Ereignisse spitzen sich zu …

Das Buch des 1977 geborenen deutschen Autors Thomas Klupp ist ein typischer Jugendroman. Es geht um erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, um Treffen mit Freunden, um Geldnöte und um die Probleme in Schule und Elternhaus. Großen Spaß macht die schnodderige Jugendsprache, die sich durch das gesamte Buch zieht, authentisch wirkt und dem Buch einen hohen Unterhaltungswert mit garantiertem Spaßfaktor verleiht.

Interessant ist, dass sich nicht nur Benedikt durchs Leben schwindelt, sondern beispielsweise auch sein Vater (mit einem steuerlich absetzbaren heimischen Operationssaal, den es nicht gibt), seine Mutter (mit nicht vorhandenen französischen und italienischen High-Society-Kontakten) und die Leiterin seiner Schule, die mit der (nur bedingt vorhandenen) MINT-Begabung ihrer Schüler punkten will. Und selbst Benedikts Freundin Marietta küsst ihn nur, um vor ihren Freundinnen mit einem tollen Boyfriend anzugeben. Das ist eine gesellschaftskritische Aussage, die über den reinen Unterhaltungscharakter dieses Romans hinausgeht.

Negativ könnte man anmerken, dass einige Passagen über das Fälschen von Klausuren und Zeugnissen etwas zu detailverliebt sind und sich demnach in die Länge ziehen.
————————-

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat.
Berlin Verlag, Septembver 2018.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Samstag, 27.10.2018

Autor: Andreas Schröter

Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel

Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel«Was für ein origineller Roman: Nino und Niko sitzen in ihrer Wohnung im georgischen Tiflis und beschwören aus Langeweile den Geist des griechisch-armenischer Esoteriker und Schriftstellers Georges Gurdjieff, der 1949 gestorben ist. Der Geist erscheint – und will partout nicht wieder gehen.

Irgendwann verfallen die drei auf die Idee, einen Millionär in die Wohnung zu locken und ihm hypnotisch aufzutragen, bis zum Abend jede Menge Geld zu bringen …

Der nur knapp 200 Seiten lange Text des 1973 geborenen georgischen Autors Zaza Burchuladze (Übersetzung: Maia Tabukashvili) ist skurril und aberwitzig. Er beinhaltet sicherlich eine auf die Heimat des Autors bezogene Gesellschaftskritik. Doch um die zu erfassen, müsste man die Mentalität der Bevölkerung dieses Landes besser kennen, als es die meisten deutschen Leser tun dürften. Auch ist Georges Gurdjieff hierzulande weitgehend unbekannt. Der Humor in diesem Buch trifft auch sicher nicht durchgehend den deutschen Humor. Als literarische Horizonterweiterung aber allemal interessant und somit insgesamt empfehlenswert. Einzig was der Titel „Der aufblasbare Engel“ mit dem Inhalt zu tun hat, erschließt sich nicht.
—————————————

Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel.
Blumenbar, September 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Zaza Burchuladze: Der aufblasbare Engel

Samstag, 13.10.2018

Autor: Immo Sennewald

Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.

Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten. Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit dabei beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen sie zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €

Tags: , , , , ,

Kommentare deaktiviert für Brehms Tierleben

Donnerstag, 11.10.2018

Autor: oliverg

Neal Stephenson: The Diamond Age (Videoreview, deutsch)



Die Deutsche Ausgabe gibt es wohl nur noch Second Hand:

Kommentare deaktiviert für Neal Stephenson: The Diamond Age (Videoreview, deutsch)

Samstag, 29.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte«Veblen ist verträumt, legt keinen Wert auf teure Kleidung und lebt in einer bescheidenen Hütte. Außerdem ist sie leicht versponnen, glaubt zum Beispiel, mit Eichhörnchen kommunizieren zu können. Ihr Freund Paul dagegen träumt von einem tollen Haus und lässt sich für seine berufliche Karriere als Arzt auf eine zwielichtige Firma ein, die auch vor Menschenversuchen nicht zurückschreckt.

​Man fragt sich bei Elizabeth McKenzies Roman „Im Kern eine Liebesgeschichte“ unweigerlich, was um Himmels Willen zwei so ungleiche Menschen voneinander wollen und wie sie bloß zusammengekommen sind.

Veblen und Paul planen ihre Hochzeit, doch als schwere Prüfung auf ihrem Weg zum Happy End erweist sich der Kontakt zu den Eltern beziehungsweise Schwiegereltern. Veblens egozentrische Mutter ist extrem schnell beleidigt und steigert sich in ihre eingebildeten Krankheiten hinein: eine Hypochonderin. Und Pauls Bruder Justin hat unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen, weswegen er leicht behindert ist, sich permanent danebenbenimmt und ganz schön nervig werden kann.

Sicher, man kann diesem Buch – wenn man es positiv betrachten will – durchaus eine gewisse „Romantik“, eine sympathische Spleenigkeit oder auch einen Hang zu poetisch-liebevollen Bildern attestieren.

Bei etwas nüchternerer Betrachtung möchte man aber eigentlich beiden Hauptfiguren nur zur möglichst baldigen Flucht aus dieser seltsamen Beziehung raten. Außerdem erscheint Veblens Eichhörnchen-Spleen auf Dauer doch an der Grenze zur Behandlungsbedürftigkeit.

Ein Ereignis gegen Ende des Romans, das hier nicht vorweggenommen werden soll, verändert die Situation. Witzig ist, wie Elizabeth McKenzie die Geschichte anhand von einigen Anhängen weitererzählt. ​Unterm Strich bleibt ein leicht zu lesender Unterhaltungsroman, den man vielleicht auch nicht zu ernst nehmen sollte.
——————–

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte.
DuMont Buchverlag, August 2018.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Mittwoch, 26.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Tom Rachman: Die Gesichter

Tom Rachman: Die Gesichter«Einen spannenden und höchst empfehlenswerten Vater-Sohn-Roman hat der britisch-kanadische Autor Tom Rachman geschrieben. Hauptthema: Wie gelingt es Pinch, sich von seinem Über-Vater Bear Bavinsky zu lösen? Gelingt es ihm überhaupt?

Bear Bavinsky gehört zu den erfolgreichsten Malern seiner Generation, und sein Sohn himmelt ihn über alle Maßen an. Doch der große Künstler hat charakterliche Defizite. Er interessiert sich ausschließlich für sich selbst und verschleißt eine Frau nach der anderen. Am Ende kommt er auf 17 leibliche Kinder.

Tom Rachman erzählt diese Geschichte, die sich über viele Jahrzehnte erstreckt, aus der Sicht des Sohnes, der außer dem Talent fürs Malen keine Eigenschaft seines großen Vaters geerbt zu haben scheint. Er ist schüchtern und tut sich schwer im Umgang mit Frauen. Er findet schließlich eine Stellung als Italienisch-Lehrer, die ganz offenbar weit unter seinen intellektuellen Möglichkeiten liegt.

Erst in seinen späten mittleren Jahren findet er eine Möglichkeit, sein eigentliches Talent, das Malen, doch noch zu nutzen – und Tom Rachmans Buch hat plötzlich sogar Merkmale eines spannenden Thrillers.

Ein weiteres wichtige Thema dieses Romans ist die Kritik am Kunst- und Kulturzirkus – etwas, das der Autor durchaus mit viel Humor rüberbringt.
—————–

Tom Rachman: Die Gesichter.
dtv, August 2018.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Tom Rachman: Die Gesichter

Montag, 24.09.2018

Autor: oliverg

Anathem (Neal Stepehenson) – Video Review, deutsch



Kommentare deaktiviert für Anathem (Neal Stepehenson) – Video Review, deutsch

Mittwoch, 19.09.2018

Autor: Immo Sennewald

Chinas Masterplan und Europas Eliten

Cover zu "Masterplan" von Stephan Scheuer

Wieviel Freiheit bleibt Europa?

„China first!“ Das müsste Xi Jinping, Parteiführer der Chinesischen Kommunisten und Staatsoberhaupt des Reiches der Mitte nicht proklamieren, um die Linie seiner Politik klarzustellen. Wie Mao Zedong ist er Führer auf Lebenszeit, jede Art polititscher Opposition lässt er brutal unterdrücken. Als Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010, vor den Folgen des chinesischen Nationalismus warnte, verschwand er im Kerker, bis ihn seine Krankheit zum Tode begnadigte.

Xi Jinping gewährte der deutschen Kanzlerin den Wunsch, Liu Xia, die Witwe Liu Xiaobos, in die Freiheit des deutschen Asyls aufnehmen zu dürfen, Angela Merkel „gab er damit Gesicht“, die chinesische Gepflogenheit, Verhandlungspartner in aller Augen aufzuwerten. Sie durfte sich bedanken. Mir fielen sofort die „Freikäufe“ ein, mit denen die Bundesrepublik politischen Gefangenen aus der DDR heraushalf. Heute sind nicht Kommunisten dringend auf Geld und wirtschaftliche Zusammenarbeit angewiesen, sondern deutsche Politiker und Konzernchefs haben ohne die KPCh keine Zukunft. Und weshalb das so ist, darüber hat Stephan Scheuer ein hoch informatives Buch geschrieben, es stimmt für die Zukunft Europas und Deutschlands nicht optimistisch.

Schon im Vorwort reißt er auf, wie Maos „Volksrepublik“ in nur 40 Jahren vom Drittweltland zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht heranwuchs und inzwischen mit seiner Innovationskraft sämtliche Industriestaaten vor sich her treibt. In folgenden neun Kapiteln legt er dar, wie sich Xi Jinpings unbegrenzte Machtfülle parallel zum Wohlstand von fast 1,4 Milliarden Menschen steigerte, chinesische Internet-Konzerne wie Baidu, Tencent, Alibaba, Huawei zu den amerikanischen Konkurrenten – Google, Facebook, Amazon, Apple – aufschlossen und die Digitalisierung des Alltags nirgenwo weiter fortgeschritten ist als in China. Andrerseits expandieren chinesische Firmen auf alle Kontinente. Sie schaffen Infrastrukturen in Afrika und Südamerika, dringen mit Finanzdienstleistungen und Firmenkäufen sowohl zu den Verbrauchern wie in Unternehmen vor, diktieren das Tempo bei der Entwicklung von autonomer Mobilität, sind Marktführer bei Drohnen. „Sieben von zehn weltweit verkauften Drohnen stammen von DJI“, schreibt Stephan Scheuer. Er liefert zu den Zahlen spannende Geschichten über Erfolge und Misserfolge großer Konzerne. Fast alle beeindrucken durch ihre Lernfähigkeit zwischen der Dynamik globaler Märkte und den Einschränkungen staatlicher Bürokratie, der Abschottung durch die „Great Chinese Firewall“. Manche Biographien ihrer Chefs taugen zur Legende. Frank Wang (DJI), Jack Ma (Alibaba), Pony Ma (Tencent), Robin Li (Baidu) mögen durchaus westlichen Vorbildern ähneln, sie unterscheiden sich jedenfalls durch ihre vollkommene Loyalität gegenüber der Partei.

Auch die Lebensgeschichte von Justin Lin (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmregisseur) liest sich abenteuerlich: Von Taiwan schwimmt er 1979 kilometerweit ins verfeindete Rotchina, darf nach Jahren der Bewährung in Peking Wirtschaft studieren und auf Vermittlung des Nobelpreisträgers Theodore W. Schultz in Chicago promovieren. Er brachte es zum Chef-Ökonomen der Weltbank. Dass die Finanzkrise von 2008 von China gut verkraftet wurde, weil die Führung nicht sparte, sondern beherzt in Infrastruktur investierte, dürfte ihm zu verdanken sein. Stefan Scheuer nennt ihn den Chefstrategen – nicht nur für Chinas globale Expansionspläne. Der Ausstieg des Staates aus der Wirtschaft ist für ihn kein Ziel, und die Einparteienherrschaft infrage zu stellen, käme ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil: Megafusionen von Staatsfirmen wie bei der Bahn, der Telekommunikation, bei Energiekonzernen, Banken und Autoherstellern dienen der globalen Expansion chinesischer Vormacht.

Alle technologischen Neuerungen nutzen die regierenden Kommunisten zugleich für ihr wichtigstes Ziel, eine „harmonische Gesellschaft“ aus konform handelnden „neuen Menschen“ zu schaffen – davon handelt Kapitel acht „Der Staat: Big Brother trifft Big Data“. Weitgehende Überwachung und soziale Kontrolle, ein darauf basierendes System von Belohnung und Bestrafung für jeden Einzelnen sind in manchen Städten und Regionen bereits realisiert, bis 2020 soll das flächendeckend funktionieren. Nicht nur Behörden, Verkehrsüberwachung, Fahrkarten und Flugtickets liefern Daten fürs Profil eines Bürgers, jede seiner Aktivitäten im Netz – Einkäufe, Online-Spiele, Finanztransaktionen, Chats… – fließen ein. Dank der uneingeschränkten Kooperation von Alibaba und Tencent, dank der hochentwickelten Auswertungs-Algorithmen von Baidu werden Bürger gläsern. Die wenigsten werden sich dagegen wehren, denn schon eine abweichende Meinung kann drakonisch geahndet werden.

Viele dieser Entwicklungen finden sich in journalistischen Berichten, Stephan Scheuer fasst sie klug zusammen, stellt sie in historischen Kontext etwa des Maoismus, bereichert sie um eigene Erfahrungen. Er zeigt, wie die Großmacht beginnt, Europa zu dominieren: Deutsche Autoproduzenten geraten unter Druck, wenn einer ihrer wichtigsten Märkte aufgrund staatlicher Planung auf E-Mobilität umgestellt wird, Fernziel: autonomes Fahren. Hier beginnen die Fragen. Datentechnisch ist ein autonomes Fahrzeug völlig transparent. Wird ein bürokratisches Monster wie die DSGVO chinesische Hersteller hindern, ihre Bauteile für Transfers zu nutzen? Standen bisher schon Smartphones aus China im Verdacht, ungeschützt gegenüber geheimdienstlichen Hackern zu sein, so wird etwa mit der Ausbreitung chinesischer Bezahldienste auch in deutschen Geschäften und Online-Märkten ein Zugriff des chinesischen Staates auf solche digitalen Quellen wahrscheinlicher. Wird aus dieser IT-Vormacht Chinas mit dem Blick etwa auf von künstlicher Intelligenz gesteuerte Kampfdrohnen bald eine miltitärische? Google hat sich in den USA aus einem entsprechenden Projekt zurückgezogen, Baidu wird das gewiss nicht tun.

Eine „Kombination aus Ignoranz und Selbstzweifel“ bescheinigt der Autor im letzten Kapitel dem „einst so stolzen“ Europa. Was die „Eliten“ von Politik und Wirtschaft anlangt, ist vor allem Ersteres auffällig.  Abgesehen von politischen und Finanzkrisen: Schon ein Blick auf die Bahn, die Verkehrsinfrastruktur, den Netzausbau und die Mängel im Bildungssystem löst begründete Zweifel daran aus, mit China auch nur gleichziehen zu können. Deutschland hat mindestens ein Jahrzehnt verloren. Sollte sich Europas Bevölkerung mit der EU so verbunden fühlen wie die Chinesen mit ihrem Land? Mancher Politbürokrat agiert, als würde er gern mittels IT und Medien nach chinesischem Muster die Bevölkerung umerziehen, jeden Widerspruch eliminieren. Affinitäten zu Marx, Lenin und Mao sind wieder en vogue. Der goldene Marx aus China in Trier ist eine Ironie der Geschichte.

Stephan Scheuer „Der Masterplan – Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ 1. Auflage 2018, 208 Seiten ISBN: 978-3-451-39900-8, 22 €

Tags: , , , , , , , , , , ,

Kommentare deaktiviert für Chinas Masterplan und Europas Eliten

Mittwoch, 12.09.2018

Autor: oliverg

Nico Semsrott: der Kalender des Scheiterns für 2019 (Unpacking-Video)

Kommentare deaktiviert für Nico Semsrott: der Kalender des Scheiterns für 2019 (Unpacking-Video)

Montag, 03.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Jennifer Eagan: Manhattan Beach«Jennifer Egan, eine 1962 geborene amerikanische Schriftstellerin, entführt uns mit ihrem fulminanten Roman „Manhattan Beach“ in das New York des Zweiten Weltkriegs. Ihre Hauptfigur Anna, eine selbstbewusste junge Frau, möchte unbedingt in den Marinewerften, wo die imposanten Kriegsschiffe gebaut werden, als Taucherin arbeiten.

Das erscheint zunächst unmöglich, hat es doch noch nie zuvor eine Frau gegeben, die den 100 Kilogramm schweren Tauchanzug angezogen hat. Und so treten ihr die größten Vorbehalte und Widerstände entgegen.

Die Autorin verquickt diese Emanzipations-Geschichte um Anna, die mit Mutter und schwerbehinderter Schwester zusammenlebt, mit zwei weiteren Handlungssträngen: Da ist zunächst der zwielichtige, aber gut aussehende Dexter Styles. Er verdient sein Geld zumindest teilweise mit illegalen Geschäften, in denen Nachtclubs, greise, aber mächtige Gangsterbosse in mafiaähnlichen Strukturen eine Rolle spielen. Dexter und Anna lernen sich kennen, und eine gegenseitige Anziehungskraft verbindet sie zumindest kurz.

Dritter Handlungsstrang ist die Geschichte um Annas Vater, der zunächst für Dexter Styles arbeitet und dann in Ungnade fällt. Er muss fliehen, um dem Tod zu entkommen und landet als Dritter Offizier auf einem Kriegsschiff, das von deutschen U-Booten angegriffen wird …

Man merkt diesem 500-Seiten-Schmöker an, dass Jennifer Egan dafür jahrelang recherchiert hat. Die Atmosphäre und die Details in der Marinewerft, beim Tauchen oder auch auf hoher See wirken absolut authentisch.

In seinen besten Passagen hat das Buch Pageturner-Qualitäten – man möchte es nicht weglegen. Andererseits erfordern der Detailreichtum und die Eigenart der Autorin, von einem Handlungsstrang zum anderen und dazu noch quer durch die Zeiten zu springen, ein gewisses Maß an Konzentration beim Lesen.

Jennifer Egan hat 2011 für ihren Roman „Der größere Teil der Welt“ den Pulitzer-Preis gewonnen.
——————

Jennifer Eagan: Manhattan Beach.
S. Fischer, August 2018.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Freitag, 31.08.2018

Autor: Andreas Schröter

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist«Einen Brief an seinen fiktiven Urenkel lässt der belgische Autor Jeroen Olyslaegers den über 90 Jahre alten Wilfried Wils schreiben. Darin geht es vor allem um Wils‘ Erlebnisse in der Zeit, als Belgien von den Nazis besetzt war. In einer Stadt, die zwar nie benannt, aber mit der wohl Antwerpen gemeint ist, dient Wils Anfang der 1940er-Jahre als Hilfspolizist und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Auf der einen Seite muss er den neuen Machthabern dabei helfen, Juden zu verhaften und abzuführen, andererseits unterstützt er seinen Freund Lode, der im Keller einen der Verfolgten versteckt.

​Der Roman stellt die Frage nach Schuld und Mitverantwortung für die Nazi-Gräuel durch Mitläufer wie unseren Helden. Hätte der damals 20-Jährige sich widersetzen können und sollen? Hätte er seinen Job kündigen müssen, in dem er den Nazis sehr nahe kam, obwohl er der einzige Ernährer der Familie war? Ist man feige, wenn man nicht den Helden markiert?

Der deutsche Titel „Weil der Mensch erbärmlich ist“, der auf dem Cover durchgestrichen ist, gibt eine Deutung vor, die der Text selbst nicht hergibt. Der neutralere Originaltitel „Wil“ wäre passender gewesen.

Empfehlenswert ist das Buch nicht nur wegen seiner ethisch-moralischen Fragestellungen, sondern vor allem wegen seines sprachlichen Stils. Und: Jede Zeile des 1967 geborenen Autors wirkt wahr, ehrlich und nachvollziehbar.

​Neben dem Nazi-Thema erfährt der Leser außerdem, wie es in einer belgischen Familie vor über 70 Jahren zuging – und das dürfte nicht nur für Belgien gelten: Hatte man eine Freundin, war es vollkommen unmöglich, sich mit ihr allein auf deren Zimmer aufzuhalten. Man hatte sonntags zum Mittagessen bei der Familie der Freundin zu erscheinen und musste den Smalltalk mit dem Vater über sich ergehen lassen. Abschnitte über solche Themen geben dem Buch auch humorvolle Stellen.
———————-

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist.
DuMont Buchverlag, Juli 2018.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Kommentare deaktiviert für Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Freitag, 24.08.2018

Autor: oliverg

Richard K. Morgan: Altered Carbon (Video review English + Deutsch)

Kommentare deaktiviert für Richard K. Morgan: Altered Carbon (Video review English + Deutsch)
bLogin
Second-Hand Grabbelkiste zugunsten des ligatur e.V. bei facebook.
Literaturwelt. Die Page. | Promote Your Page Too

Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos

Kostenlos aktuelle Artikel per E-Mail:

Tagcloud
Empfehlungen
Unsere Projekte
Letzte Kommentare
Kategorien
Links / Blog'n'Roll


Statistik

literaturwelt.de & carpe.com | über blog.literaturwelt | Autoren | Archiv | Impressum | RSS | Werbung