Samstag, 08.03.2014

Autor: Annette

Guillermo Saccomanno: Der Angestellte

RZ_HC_Saccomanno_Der Angestellte.inddKeine der Figuren in Guillermo Saccomannos Roman hat einen Namen. Da ist der “Angestellte”, der seine Tage von früh bis spät an seinem Schreibtisch in einem Großraumbüro verbringt. Der Angestellte geht nicht gern nach Haus. Dort warten seine Frau und die “Brut”, deren Lebensunterhalt er mit seinem leidigen Job sichert.

Da ist der “Kollege”, der von einem Aussteigerleben mit seiner Freundin träumt und heimlich Tagebuch führt, der “Chef” und die “Sekretärin”. Auch der Ort der Handlung hat keinen Namen. Es ist eine unwirtliche Stadt in Lateinamerika, so viel erfährt man. Sie wird bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet von patroullierenden Militärhubschraubern. Und wo die Kontrolle des Polizeiapparates aussetzt, terrorisieren Banden und streunende Hunde die Bewohner.

Kein Ort für die Liebe. Dennoch entwickelt der Angestellte Gefühle für die Sekretärin, die gleichzeitig die Geliebte des Chefs ist. Er beginnt von einem gemeinsamen Leben zu träumen.

“Er ertappt sich dabei, dass er dem Kollegen seine Familientragödie erzählt, ertappt sich, dass er ihm von seiner Beziehung zu der Sekretärin erzählt, ertappt sich, dass er ihm von seinem Traum erzählt, mit ihr zu fliehen, ertappt sich, dass er ihm erzählt, er halte es auch nicht länger aus. Auch ihm kommen jetzt die Tränen. und während er erzählt, beginnt er zu spüren, dass er sich als Erzähler nicht kennt, dass nicht er es ist, der spricht, sondern ein anderer. Der andere.”

Auf “den anderen” ist der Angestellte aber nicht vorbereitet. Er hat gelernt, still zu halten, sich unsichtbar und vor allem unverletzlich zu machen.

Der Angestellte wird den Kollegen, seinen einzigen Vertrauten, denunzieren und damit dessen Leben und das seiner Freundin auslöschen. In den Augen der Sekretärin, die seine Gefühle ohnehin nicht erwidert, sinkt er dadurch noch mehr. Doch der Angestellte hat sich längst verrannt. Er kann nicht aufhören, von einer gemeinsamen Flucht zu träumen, scheint sogar dazu bereit, Frau und Kinder zu töten. Letztlich stürzt er sich mit seinen Phantasien selbst in den Abgrund. Von dem geplanten Scheckbetrug erzählt der Angestellte nichtsahnend in Anwesenheit des Chefs.

Am Ende streunt der Angestellte arbeitslos durch die Straßen. Dem Liebesabenteuer, von dem er sich endlich einen Sinn im Leben erhofft hat, nicht gewachsen.

Guillermo Saccomanno hat eine Anti-Liebesgeschichte geschrieben. Saccomanno zeichnet eine totalitäre Welt, in der sich jede noch seine kleine Gefühlsregung ins Häßliche verkehrt. Er spitzt zu, skizziert und bringt die Handlung auf den Punkt.

Guillermo Saccomannos “Der Angestellte” wurde in Argentinien mit dem Premio Nacional de Literatura ausgezeichnet. Es ist das erste Buch des 1948 geborenen argentinischen Autors, das auf Deutsch erhältlich ist. Erschienen im März 2014 in der Übersetzung von Svenja Becker im Verlag Kiepenheuer&Witsch.

Cover: Kiepenheuer&Witsch

Freitag, 07.03.2014

Autor: Andreas Schröter

J. Courtney Sullivan: Die Verlobungen

J. Courtney Sullivan: »Die Verlobungen«Viel besser, als es das etwas kitschige Cover erwarten lässt, ist der Gesellschaftsroman „Die Verlobungen“ von Julie Courtney Sullivan.

Die 1982 geborene amerikanische Autorin, die Anfang 2013 mit ihrem Erstling „Sommer in Maine“ auch in Deutschland bekannt geworden ist, beweist, dass sie mit gleicher Glaubwürdigkeit über fünf vollkommen unterschiedliche Milieus schreiben kann. Eine akribische Recherche macht‘s möglich.

Der Leser begleitet Delphine auf ihrem Rachefeldzug gegen ihren Ex-Geliebten, lernt James und sein hartes Leben als Rettungssanitäter genauso kennen wie Evelyn, die sich über ihren scheidungswilligen Sohn ärgert, oder Kate, die prinzipielle Vorbehalte gegen die Ehe hat. Und dann ist da noch die Erfinderin des Werbeslogans „A Diamond is forever“, Francis Gerety – eine Frau, die wirklich gelebt hat.

Ein Diamant bildet auch die Klammer zwischen den so unterschiedlichen Geschichten, die sich zwischen den 1940er-Jahren bis in die Gegenwart ereignen: Der Stein wandert durch die Jahrzehnte, hat dabei viele Besitzer und bleibt doch immer derselbe. Ein schönes Buch.
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J. Courtney Sullivan: Die Verlobungen.
Deuticke, Februar 2014.
592 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,90 Euro.

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Montag, 24.02.2014

Autor: Andreas Schröter

Paolo Giordano: Der menschliche Körper

Paolo Giordano: »Der menschliche Körper«Der italienische Schriftsteller Paolo Giordano, geboren 1982, ist 2008 mit seinem Erstling „Die Einsamkeit der Primzahlen“ bekannt geworden. Unter dem etwas irreführenden Titel „Der menschliche Körper“ lässt er nun ein Werk folgen, in dem er eine Gruppe Soldaten in Afghanistan auf eine heikle Mission schickt.

Und schon nach wenigen Seiten ist der Leser ganz nah bei diesen Soldaten, spürt ihre Langeweile, ihre Sehnsucht nach den Freundinnen zu Hause und ihre Angst, als sie einmal aus der Ferne beschossen werden. Man findet den egoistischen Stabsgefreiten Cederna unsympathisch, leidet mit dem Muttersöhnchen Ietri, und hofft, dass die einzige Soldatin Zampieri bald besser schießen lernt – um nur einige zu nennen.

Dann folgt der vermaledeite Einsatz, und diejenigen, die von ihm zurückkehren, sind nicht mehr dieselben wie vorher. Und das ist sicherlich das Hauptanliegen des Buches: zu zeigen, was der Krieg aus den Menschen macht.

Paolo Giordano ist ein verstörender, lebenskluger und psychologisch überaus glaubwürdiger Roman gelungen, der auch den Unterhaltungsanteil nicht zu kurz kommen lässt.

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Paolo Giordano: Der menschliche Körper.
Rowohlt, Januar 2014.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Mittwoch, 19.02.2014

Autor: Andreas Schröter

Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung

Aharon Appelfeld: »Auf der Lichtung«Von einer jüdischen Partisanen-Gruppe, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den karpatischen Wäldern verschanzt hat, handelt der neue Roman von Aharon Appelfeld. „Auf der Lichtung“ heißt er.

Dem 1932 geborenen israelischen Schriftsteller geht es dabei nicht darum, Spannung zu erzeugen, was bei dem Thema naheliegend und möglich gewesen wäre.

Vielmehr zeigt Appelfeld, der für dieses Buch auf selbst Erlebtes zurückgreifen kann, wie es der Gruppe durch einen charismatischen Anführer und durch starken inneren Zusammenhalt gelingt, den dunklen Zeiten zu trotzen und nicht in Verzweiflung zu verfallen. Einen starken Anteil daran haben auch Gebete und generell die Hinwendung zur Religion – sogar für solche Gruppenmitglieder, die damit zunächst wenig anfangen können.

Appelfeld verschweigt nicht, dass die Partisanen selbst die umliegenden Bauernhöfe überfallen müssen, um ständig über genügend Lebensmittel für die gesamte Gruppe zu verfügen. Oft berauben sie dabei sogar Frauen und Kinder. Dieser Aspekt ist wichtig und erhöht deutlich die Gesamtqualität des Buches, das ansonsten gelegentlich etwas auf der Kippe steht, einen Tick zu mystisch zu geraten: Immer gibt es irgendeinen weisen Spruch, der alle Probleme erklärt. So etwas kann auch nerven – die Partisanen und die Leser dieses Buches.

Die Lage für die Gruppe, die sich schließlich auf der Spitze eines Bergs eingerichtet hat, verschlechtert sich, als sie damit beginnt, die mit Juden vollgestopften Todeszüge in den Osten zum Entgleisen zu bringen. Fortan ist ihr Lager voll mit entkräfteten, ausgehungerten und kranken Menschen und es wird immer schwerer, genügend Nahrungsmittel für alle aufzutreiben.
„Auf der Lichtung“ ist ein Roman, der aus historischer Sicht bemerkenswert und wichtig ist, als Spannungsroman taugt er dagegen weniger.
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Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung.
Rowohlt, Januar 2014.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Dienstag, 18.02.2014

Autor: Annette

Carolina De Robertis: Perla

perla
Die junge Psychologiestudentin Perla steht kurz vor ihrem Examen, als ihr Leben komplett aus den Fugen gerät. Für ein paar Tage allein in ihrem Elternhaus in einem Vorort von Buenos Aires, findet sie einen nackten, völlig durchnässten Mann auf dem Wohnzimmerteppich. Augenscheinlich ruiniert er den teuren Perserteppich, doch er bringt vor allem Perlas heile Welt als behütetes Einzelkind einer wohl situierten Familie ins Wanken.

Perla ahnt es längst, ohne sich dieser Wahrheit aus eigener Kraft stellen zu können: Sie ist das Kind von Verschwundenen. Ihre Eltern wurden vom argentinischen Militär während der Diktatur verschleppt. Ihr Verbleib ist nie aufgeklärt worden. Die plötzliche Anwesenheit des Fremden, der sich ausschließlich von Wasser ernährt, das er in Erinnerungsschüben wieder absondert, ruft in Perla Bilder und Gesprächsfetzen wach. Da ist ihr (offizieller) Vater, ein ranghoher Marineoffizier, der an den Folterungen und Ermordung Unzähliger beteiligt war und für den seine Liebe zu Perla den einzigen Lebensinhalt darstellt. ” Wir saßen schweigen da. ‘Ach, Perlita’, sagte er schließlich.’Und dann bist du da. Es war es alles wert, weil ich dich habe.’” Und die Frau, die sie Mamá nennt, die ihre Träume auf ein selbstbestimmtes Leben vor Jahrzehnten begraben hat und nur noch eine Fassade aufrecht erhält. Perla fühlt sich zu diesen beiden Menschen gleichermaßen hingezogen und abgestoßen. Ein Kraftakt, in dem sie sich selbst fast verliert.

“Vielleicht hatte ja niemand je in den Stürmen zwischen Männern wie Papá und Männern wie Rominas Onkeln gestanden und es irgendwie alles in sich aufgenommen, die ganze Breite der Geschichte, jeden Zentimeter Licht und Schatten. Vielleicht hatte ja niemand je einen Menschen auf jeder Seite der Kluft geliebt.”

Doch der fremde Mann im Wohnzimmer erinnert Perla mit solcher Kraft an ihre Herkunft, dass sie dem nicht mehr entrinnen kann. Anfangs weiß er selbst nicht, woher er kommt, doch dann findet er zurück: “Einst ist er wie Regen ins Meer gefallen und gestorben. Im Tod ist er mit den anderen verschmolzen. Und die Erinnerungen steigen unablässig empor, deshalb ist er hierher zurückgekommen – um die Erinnerungen emporschäumen und hervorquellen und sich ergießen zu lassen, aus dem Dunkel in klingendes Licht.”

Der Mann ist Perlas Vater. Er wurde wie tausende Verschwundener aus Militärflugzeugen über dem Meer abgeworfen, um die Verbrechen zu vertuschen. Für Perla ist er noch einmal zurückgekehrt und öffnet ihr seine Welt. Am Ende des Romans findet sie die Kraft, sich auf die Suche nach ihren Großmüttern zu machen, den mutigen Abuelas, die die Erinnerung an ihre verschwundenen Kinder und Enkel über Jahrzehnte am Leben erhalten haben.

“Perla” von Carolina De Robertis überzeugt durch seine bildhafte Sprache. Es ist ein eindringliches Buch, das mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Mitunter haben Romane, die politische Themen behandeln, etwas Hölzernes. Das mag an den Fakten liegen, und an der enormen Last, die auf dem Autor ruht, das Thema authentisch und doch literarisch zu verarbeiten. Carolina De Robertis findet mit der Metapher des Wassers, das Traurigkeit verkörpert und Erinnerungen speichert, Leben spenden oder Tod bringen kann, eine starke Kraft, die den ganzen Roman trägt.

Die 1975 geborene Carolina De Robertis hat diesen Roman auf Englisch geschrieben. “Perla” ist 2013 in der Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann im KRÜGER Verlag auf Deutsch erschienen. De Robertis, deren Familie aus Uruguay stammt, ist in Europa und Kalifornien aufgewachsen, wo sie auch heute lebt.

Cover: fischerverlage.de

Mittwoch, 12.02.2014

Autor: Annette

Mario Espinosa: Marcos und der Zauber des Augenblicks

espinosaDer neue- leider nur – 190 starke Roman von Albert Espinosa spielt in einer Nacht. Mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert, möchte Marcos etwas in seinem Leben ändern und überlegt, das Schlafen aus seinem Leben zu verbannen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.

Albert Espinosas Figur Marcos stößt in diesem Buch an ihre Grenzen. Durch seine Gabe, die zwölf wichtigsten Erinnerungen eines Menschen in Bruchteile von Sekunden lesen zu können, war er seinem Gegenüber immer ein bisschen überlegen und hat die Madrider Polizei bei der Lösung kniffliger Fälle unterstützt.

Doch bei dem fremden Jungen, den die Polizei nun in Gewahrsam hält und um dessen Identität sich viele Gerüchte ranken, muss Marcos auf seine anderen Qualitäten vertrauen. Da ist ein großes Maß an Einfühlungsvermögen und Lebensklugheit. Sie helfen ihm, sich in dieser schwierigen Situation zurechtzufinden, in der er entscheiden muss, auf welcher Seite er steht- auf der eines hysterischen Sicherheitsapparates oder der Seite des Vertrauens.

Das Zwiegespräch mit seiner Mutter ist eine weitere Ebene des Buches. Die Erinnerung an sie lenkt Marcos Entscheidungen. “Meine Mutter hat mir beigebracht, niemandem zu vertrauen, der nicht ‘Tut mir leid.’ oder ‘Entschuldigung’ sagen kann. Sie war der Ansicht, das sei etwas, worauf man im Leben ohne Scheu oder Angst immer wieder zurückgreifen können müsste.”

Wie seine Mutter ist Marcos Künstler. Sie Choreographin, er Maler. Wobei Marcos sich als solchen vielleicht erst im Laufe dieses Buches begreift. Seit Jahren arbeitet er an einer Trilogie über das Leben. Nun will er sie fertigstellen, bevor der Leichnam sein Mutter aus Boston überstellt wird. Also wird Marcos in dieser Nacht nicht nur das Rätsel um den unbekannten Jungen lösen, sondern auch sein Triptychon Kindheit – Tod – Sex vollenden.

Dabei inspiriert ihn die Begegnung mit einer schönen Unbekannten. Welcher Art die Beziehung zu ihr ist, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. “Was hätten wir alles sein können, wären wir nicht du und ich.”, lässt Espinosa Marcos am Ende zu dem Mädchen sagen.

“Marcos und der Zauber des Augenblicks”, 2013 in der Übersetzung von Angelika Ammar im List-Verlag erschienen, besticht durch seine geistreichen Pointen und seine plaudernde, lebenskluge Art. Man wünscht sich, dass jedes Buch von Espinosa sofort ins Deutsche übersetzt wird.

Mittwoch, 12.02.2014

Autor: oliverg

Slammer Gabriel Vetter erklärt die “Direkte Demokratie” der Schweiz

Sonntag, 02.02.2014

Autor: Andreas Schröter

Zadie Smith: London NW

Zadie Smith: »London NW«Zadie Smith hat einen Roman über ihre Heimat geschrieben: den multikulturellen Nordwesten Londons, in dem die weniger Begüterten, die sozial Schwächeren wohnen.

Doch ein solches Milieu gibt‘s nicht nur in London, sondern in jeder größeren Stadt, und deshalb ist das Buch nicht nur für Leser interessant, die sich für die englische Hauptstadt interessieren.

Die 1975 geborene Autorin zieht ihre Geschichte an vier Hauptfiguren auf, die exemplarisch für die Menschen in solchen Vororten stehen können: Da ist die haltlose Leah, die sich ihrem dominanten Freund Michel unterordnet, der mittellose Junkie Nathan oder Felix, der einfach das Pech hat, an jugendliche Straßenräuber zu geraten. Allein Natalie scheint sich als erfolgreiche Anwältin aus dem sozialen Sumpf ihrer Kindheit befreit zu haben. Doch auch bei ihr gibt es eine dunkle Seite, wie sich im weiteren Fortgang des Textes zeigt.

„London NW“ bietet Licht und Schatten. Manchmal ist man den Figuren ganz nah, kann ihr Handeln gut nachvollziehen und fühlt sich unmittelbar in eine typische großstädtische Vorort-Atmosphäre versetzt. Doch dann gibt es auch die Passagen, in denen sich einem der Text auf merkwürdige Weise verweigert, seltsam sperrig wirkt. Dann fällt es schwer, die vielen (Neben-)Figuren und ihre oft verwirrenden Beziehungen untereinander aufzudröseln, beziehungsweise im Kopf immer parat zu haben. Auch werden solche Leser enttäuscht sein, die klassisch erzählte Geschichten mit Einleitung, Höhepunkt und Schluss mögen. Es geht bei diesem Roman eher um viele kleinere locker miteinander verwobene Episoden ohne Anfang und Ende, die nicht zu einem geschlossenen Ganzen führen.

Aber vielleicht ist es eben genau das, was jenes bestimmte Milieu, das Zadie Smith zeigen wollte, am ehesten veranschaulicht.
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Zadie Smith: London NW.
Kiepenheuer & Witsch, Januar 2014.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 31.01.2014

Autor: Frank Berno Timm

Ein neuer Mosaikstein im Frisch-Gesamtwerk: das Berliner Journal

frisch cover journal

Suhrkamp hat jetzt Teile des “Berliner Journals” veröffentlicht. Screenshot: fbt

Ist noch etwas über Max Frisch zu sagen? Oder von ihm zu lesen? Ja: Gefühlte zwei Jahrzehnte nach seinem Tod hat Suhrkamp Teile seines “Berliner Journals” herausgebracht. Verzichtet wurde auf Abschnitte, die persönlichkeitsrechtlich knifflig waren. Wer sich mit dem Werk des Schweizer Romanciers und Theaterautors auseinandergesetzt hat weiß, dass er immer wieder Tagebuch führte: Schon sein Tagebuch 1946 -49 ist ein Meisterstück, weil es auf sehr lebendige Weise die “kleine” Form zeigt und – das muss erstmal einer nachmachen – Skizzen und Szenen enthält, die sich im späteren Werk des Autoren wiederfanden.

Und jetzt? Frisch’ Aufzeichnungen führen uns zurück in die Anfangszeit deutsch-deutscher Entspannungspolitik. Anfang der siebziger Jahre kauft er mit seiner damaligen Frau Marianne in Berlin-Friedenau eine Wohnung, die er 1973 übernimmt. Richtig: Günter Grass und Uwe Johnson lebten damals auch dort, Freunde also, auf jeden Fall Kollegen.

Im Lesen wird nachvollziehbar, wie Frisch das geteilte Berlin für sich in Besitz nimmt, Kontakte knüpft, Freundschaften pflegt. Berührend ist, wie selbstkritisch der “Großschriftsteller” mit sich selbst ins Gericht geht: Ihn erschrecken die hohen Auflagen seiner frühen Werke, er registriert ein ums andere Mal, das er keinen Plan für seine Arbeit hat, beklagt die scheinbare Flachheit dessen, was er schreibt oder geschrieben hat. Und nimmt wahr, dass er älter wird – ein Thema, mit dem er sich sehr schonungslos auseinandergesetzt hat.

Freundschaft bedeutete offensichtlich für Frisch durchaus etwas anderes als platte Kumpelhaftigkeit. Die öffentliche Präsenz von Günter Grass sieht er sehr kritisch. Er registriert aufmerksam die sehr eigene Art von Uwe Johnson, Freundschaft zu pflegen: Jener blieb standhaft beim “Sie”. Seine Porträts von Jureck Becker, Wolf Biermann (“eine geschichtliche Figur heute und hier”), Günter Kunert, Hans-Magnus Enzensberger (er sei ein angenehmer Mensch, der sich selber nichts nachtrage), von Gerhard und Christa Wolf lesen sich samt und sonders spannend. Sehr penibel beschreibt Frisch seine Gespräche mit dem damaligen Ostberliner Verlag Volk und Welt; berichtet von einer Lesung, die er selbst anregte. Was bei Frisch über die DDR zu lesen ist, entbehrt jeder Verurteilung – Begriffe wie “Unrechtsstaat” sind ihm offenkundig fremd – er will vor allem verstehen.

“Ich weiß jetzt, dass ich nicht schreibe, weil ich anderen irgendetwas zu sagen habe. Meistens weckt mich der Fluglärm um sieben Uhr, spätestens um acht Uhr stehe ich zur Verfügung, gewaschen, gekleidet, ausgestattet mit der ersten Pfeife. Ich schreibe, um zu arbeiten. Ich arbeite, um zuhause zu sein.” (S. 40)

Das ist nur eine der literarischen bzw. beruflichen Motivationen, von denen Frisch schreibt. Ihm ist sehr wohl bewußt, dass er in der Schweiz eine öffentliche Person ist – seine Rede über die Heimat, die er dort hält und deren Reaktionen er von Berlin aus verfolgt, bleibt offensichtlich nicht ohne Reaktionen.  Und Frisch nimmt sehr wohl war, dass sich seine Schreibhaltung in dem Moment, als er anfängt, die Blätter des Journals zu sammeln, ändert.

Kehren wir noch einen Moment zu dem Ort zurück, in dem diese Zeilen entstanden sind. Auffällig ist die Sachlichkeit, mit der Frisch die Merkwürdigkeiten der deutschen Teilung vermerkt. Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße und die vorherigen Abschiede hat der Autor dieser Rezension in ganz anderer, schmerzhafter Erinnerung. Frischs Haltung mag damit zusammenhängen, dass seine Ostberliner Bekannten und Kollegen ihn offensichtlich ohne Schwierigkeiten im Westen besuchen durften. Spurlos ist es doch nicht an ihm vorüber gegangen: In einer Passage “überträgt” er die Teilung auf sein Zürich, beschreibt penibel die Veränderungen und Absurditäten – ein tolles Stück, das übrigens in der Genauigkeit (und Richtigkeit) an Johnson erinnert.

Zuletzt: Das sehr kluge Nachwort und der gründliche Bericht der Herausgabe (u.a. wird erklärt, dass Frisch diese für die ersten 20 Jahre nach seinem Tod untersagt hatte) ergänzen diesen spannenden, wichtigen Band. Und die Texte stellen eine Verbindung zu zwei anderen wichtigen Werken her: die Erzählung “der Mensch erscheint im Holozän”und die schöne, immer noch sehr lesenswerte “Montauk”-Geschichte. Beide sind in unmittelbarer zeitlicher Nähe entstanden, Frühfassungen der Holozän-Geschichte sogar in Berlin.
Für jeden, der sich – als Schreibender oder Lesender – mit Literatur befasst, ist dieses Buch eine Bereicherung. Gewiss, es ist “nur” ein Tagebuch, ein Journal: aber ein Anfang, an den sich viele Fäden knüpfen, ist es allemal.

Max Frisch, Aus dem Berliner Journal, Suhrkamp

Sonntag, 26.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Charles Bukowski: Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man

Charles Bukowski: »Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man«Zwischen den 60er und 80er Jahren hat der berühmt-berüchtigte amerikanische Kultautor Charles Bukowski oft wöchentlich für verschiedene Zeitschriften seine „Notes of a Dirty Old Man“ geschrieben. Kein Wunder also, dass es auch 20 Jahre nach seinem Tod noch immer Texte von ihm gibt, die noch nie ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht worden sind.

Einen Teil dieser Lücke schließt nun eine neue Geschichtensammlung, die unter dem Titel „Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man“ bei Fischer Klassik erschienen ist.

Und man fragt sich unweigerlich: Warum erst jetzt? Bukowskis Geschichten, in denen es wie immer meist ums Trinken, um die Frauen und um Pferderennen geht, stehen denen, die bereits seit längerem auf dem Markt sind, in nichts nach. Und sie wirken viel frischer als die, die der Verlag Ende 2012 unter dem Titel „Das weingetränkte Notizbuch“ herausgebracht hat.
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Charles Bukowski: Noch mehr Aufzeichnungen eines Dirty Old Man.
Fischer Klassik, Dezember 2013.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Freitag, 24.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Graeme Simsion: Das Rosie-Projekt

Graeme Simsion: »Das Rosie-Projekt«Ein Mensch mit Asperger-Syndrom hat Schwierigkeiten, Gefühle zu empfinden. Alles Zwischenmenschliche ist ihm ein Gräuel. Wenn so jemand – wie in Graeme Simsions Roman „Das Rosie-Projekt“ – versucht, etwas so Emotionales zu tun wie auf Brautschau zu gehen, dann ist die Situationskomik vorbestimmt. Und so geschieht’s im höchst unterhaltsamen, lesenswerten und witzigen Buch des australischen Autors.

Don Tillman ist Genforscher, leidet unwissentlich am Asperger-Syndrom und sucht die Frau fürs Leben. Letzteres tut er mit einem gut ausgeklügelten 17-seitigen Fragebogen. Doch dann trifft er Rosie, die bei fast allen Fragen durchfällt. Sie ist unpünktlich und raucht, was laut Fragebogen absolute Ausschlusskriterien für eine mögliche Partnerin sind. Außerdem sucht sie ihren leiblichen Vater. Und dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker, was die beiden zwingt, einige Zeit miteinander zu verbringen.

Man ahnt, was kommt: Dem Fragebogen zum Trotz findet Don Interesse an Rosie und umgekehrt. Kriegen die beiden sich am Ende?

Man kann fast sicher sein, dass dieses Buch auch in Deutschland ein großer Erfolg wird – in anderen Ländern ist es das schon. Auch als herzergreifender Film, bei dem man abwechselnd schallend lacht und vor Rührung das Taschentuch zückt, lässt sich der Stoff gut vorstellen. Sony Pictures hat die Rechte schon gekauft.

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Krüger, Dezember 2013.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Donnerstag, 23.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Richard C. Morais: Buddha in Brooklyn

Richard C. Morais: »Buddha in Brooklyn«Ost trifft West – von diesem vielbeschriebenen Gegensatz lebt auch Richard C. Morais‘ Roman „Buddha in Brooklyn“. Oda, der in einem abgeschiedenen buddhistischen Orden in Japan aufgewachsen ist, wird nach New York versetzt, um dort einen Tempel aufzubauen und eine kleine buddhistische Gemeinde zu betreuen.

Es lässt sich denken, dass das nicht ohne Komplikationen und Kulturschocks auf beiden Seiten abgeht – zumal Oda alles andere als gerne seine neue Stelle antritt. Diese Konstellation erinnert ein bisschen an den französischen Erfolgsfilm „Willkommen bei den Sch’tis“: Mann wird versetzt, und zunächst sträubt sich alles in ihm gegen sein neues Umfeld, doch am Ende will er gar nicht wieder weg. Dazu trägt in diesem Fall auch die junge Jennifer bei …

Das Thema bietet sicherlich die Gefahr des Klamauks, doch dem 1960 geborenen Autor, der mit seinem Buch „Madame Mallory und der kleine indischen Küchenchef“ bekannt wurde, gelingt ein gut austarierter Balanceakt zwischen Ernsthaftigkeit und Humor. Er macht den Roman zu einem leichtgängigen, angenehmen Lesestoff. Einzig dem Anfang, der sehr breit Odas Werdegang im japanischen Kloster erzählt, hätte eine Kürzung gut getan: Oda kommt erst auf Seite 103 in Amerika an.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass beide Seiten – Ost und West – voneinander lernen können. Und obwohl das nicht wirklich überraschend ist, bleibt „Buddha in Brooklyn“ ein gutes Buch.
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Richard C. Morais: Buddha in Brooklyn.
Pendo, November 2013.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 19.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Alice Munro: Liebes Leben

Alice Munro: »Liebes Leben«Im Oktober 2013 hat die kanadische Autorin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten, nun liegt ihr neuester Erzählband unter dem Titel „Liebes Leben“ auch auf Deutsch vor. Das Buch vereint 14 feinfühlige und psychologisch gut beobachtete Erzählungen, von denen die letzten vier autobiografischer Natur sind.

Obwohl der Titel anderes vermuten lässt, geht es in diesen Geschichten nicht nur um die Liebe – aber auch. Und oft sind es nur Nuancen, die über Freud oder Leid im komplizierten Geflecht der menschlichen Beziehungen entscheiden. In der Auftaktgeschichte „Japan erreichen“ flieht eine gut behütete Ehefrau mitsamt Kind wie eine Madame Bovary vor ihrem langweiligen Ehemann, um sich im Zug auf schnellen Sex einzulassen und einen unerreichbaren Fremden zu finden, der sie auf einer Party einmal fast geküsst hätte. Aber eben nur fast. In „Dolly“ eskaliert das Auftauchen einer Jugendfreundin des Mannes bei einem älteren Ehepaar zum Eifersuchtsdrama, und in „Kies“ ertrinkt ein Kind, was der Schwester lebenslange Schuldgefühle beschert – um nur drei Beispiele zu nennen. Immer wirken Munros Geschichten so, als schreibe da jemand, der das Leben in all seinen Facetten und Zwischentönen kennt.

Über die letzten vier Geschichten, die Episoden aus der Kindheit der 1931 geborenen Autorin erzählen, schreibt Alice Munro selbst: „Ich glaube, sie sind die ersten und letzten – und die persönlichsten – Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe.“ Das klingt nach einer Art Abschied vom Schreiben und von ihren Lesern, den Munro in der Tat angekündigt hat. Bleibt zu hoffen, dass sie sich eines Besseren besinnt.
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Alice Munro: Liebes Leben.
S. Fischer, Dezember 2013.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,99 Euro.

Mittwoch, 15.01.2014

Autor: Annette

Rafael Chirbes: Am Ufer

Rafael Chirbes: Am Ufer

Spanien in der Wirtschaftskrise. Estaban, Mitinhaber einer kleinen Familienschreinerei in Südspanien, steht mit 70 Jahren vor einem einzigen Scherbenhaufen. Er hat den gesamten Besitz seines Vaters und sein Erspartes einem Bauunternehmer anvertraut, der pleite gegangen und abgetaucht ist.

Der erhoffte Gewinn sollte ein finaler Befreiungsschlag werden, raus aus der Enge der Werkstatt und dem Abhängigkeitsverhältnis zum Vater. Stattdessen wirft ihn der Verlust mit voller Härte zurück. Esteban muss seine Angestellten und die kolumbianische Pflegerin seines Vaters entlassen, er darf die Werkstatt nicht mehr betreten und wegen diverser Urkundenfälschungen droht ihm eine Gefängnisstrafe.

Das ist die Ausgangssituation, in der Rafael Chirbes ihn Resümee ziehen lässt. Es fällt bitter aus. Akribisch kehrt Estaban zu den Stationen seines Lebens zurück, die sein Scheitern vorgezeichnet oder begünstigt haben: die unglückliche Liebe zu Leonor, die seinem besten Freund den Vorzug gab, die erdrückende Präsenz seiner Eltern und die Prägung durch seinen Vater, ein Sozialist, der eigentlich Bildhauer werden wollte und sich nach dem Bürgerkrieg in die Verhältnisse gefügt hat.

“Durch meinen Kopf ziehen Erinnerungen, die mir gehören, weil ich sie selbst gesammelt habe, andere habe ich geerbt, aber sie sind nicht weniger lebendig”, resümiert Estaban.

Träume und Lügen. Jede Figur in Chirbes neuem Roman wird damit konfrontiert. Da ist die Kolumbianerin Liliana, die als Drogenkurier nach Europa kam und von einem besseren Leben geträumt hat, nun einen arbeitslosen Mann und ihre Kinder mit Gelegenheitsjobs durchbringen muss. Oder Estebans Jugendfreund Francisco, dessen glatter Start ins Leben mit den Verbrechen seines Vaters als Mitglied der Falange gepflastert ist.

Einzige Zuflucht bleibt die Landschaft. Sie ist kein unberührtes Stück Natur, aber eine geduldige Begleiterin, eine Zufluchtsstätte, nicht zuletzt für Esteban.

Rafael Chirbes’ Spanienbild ist keine Momentaufnahme. Ausgehend von der gegenwärtigen Krise sucht er nach den Wurzeln. Aus der Perspektive ganz unterschiedlicher Figuren entsteht ein atmosphärisch dichter, schonungsloser und trotzdem mitfühlender Roman. Nicht zum ersten Mal widmet sich der 1949 in in Tabernes de Valldigna bei Valencia geborene Schriftsteller der Wirtschaftskrise. Sie ist bereits in seinem 2008 auf Deutsch erschienenen Roman “Krematorium” Thema.

“Am Ufer” ist ein Buch, dass die Menschen in der Krise in den Mittelpunkt stellt. Wer sich für die spanische Gesellschaft interessiert, Gefallen an psychologisch ausgefeilten Charakteranalysen und nicht vor klaren, mitunter derben Worten zurückschreckt, der sollte den neuen Roman von Rafael Chirbes unbedingt lesen.

 

Sonntag, 12.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Marco Missiroli: Das Lächeln des Elefanten

Padgett Powell: »Schrottplatz der gebrochenen Herzen«Drama, Drama, Drama – was der 1981 geborene italienische Autor Marco Missiroli an menschlichen Tragödien in seinen Roman „Das Lächeln des Elefanten“ packt, reicht für eine 20-teilige Soap-Opera-Serie. Da gibt es einen Vater mit einem schwerstbehinderten Sohn, eine Mutter mit einem geistig behinderten Sohn, sterbende Kinder und gleich mehrere Selbstmorde, um nur einiges zu nennen – und das alles auf nur 250 Seiten.

Hauptfigur ist ein katholischer Pfarrer, der sich von Gott abwendet und von Rimini nach Mailand zieht, um dort als Portier zu arbeiten. Er hat in einem Brief erfahren, dass er einen Sohn hat und will diesem fortan beistehen. Doch dann traut er sich lange nicht, dem Sohn zu sagen, wer er ist.

Marco Missiroli ist hier weit übers Ziel hinausgeschossen. Trotz einiger poetischer Momente wirkt die Anhäufung von Schicksalsschlägen am Ende nur noch lächerlich und ist mit einem Wort gesagt „Kitsch“.
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Marco Missiroli: Das Lächeln des Elefanten.
List, November 2013.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18 Euro.

Samstag, 04.01.2014

Autor: Andreas Schröter

Padgett Powell: Schrottplatz der gebrochenen Herzen

Padgett Powell: »Schrottplatz der gebrochenen Herzen«Harry Rowohlt persönlich hat eine Geschichtensammlung des amerikanischen Autors Padgett Powell übersetzt, die im Original bereits 1996 erschienen ist. „Schrottplatz der gebrochenen Herzen“ heißt das Werk.

Die ersten drei Geschichten sind unglaublich stark: enorm witzig, von einer Sprachgewalt, die schier atemlos macht, und getragen von einer Haltung, die viel Sympathie für die Loser der Gesellschaft in Amerikas Südstaaten zeigt, beziehungsweise für diejenigen, die die ausgetretenen Pfade verlassen möchten: eine gut situierte Frau, die Sex mit einem Jüngling sucht, einen Psychopathen, der Angst davor hat, mit seinem Wohnwagen im Erdboden zu versinken, und einige mehr.

Leider beschränkt sich dieser positive Eindruck nur auf das erste Drittel dieser Sammlung. Ab Seite 105 wird’s immer kruder, absurder und unverständlicher, sodass man gelegentlich geneigt ist, die Lektüre aufzugeben.

Padgett Powell, geboren 1952, ist in Deutschland Anfang 2012 durch seinen „Roman in Fragen“, ebenfalls übersetzt von Harry Rowohlt, bekannt geworden.
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Padgett Powell: Schrottplatz der gebrochenen Herzen.
Berlin-Verlag, November 2013.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 01.01.2014

Autor: Annette

Jorge Edwards: Faustino

faustinoAuch Jorge Edwards Faustino ist seine Welt zu eng. Wie sein großes literarisches Vorbild biedern auch ihn seine Lebensumstände an, langweilen ihn sein Weggefährten und die Doktrinen, die ihm aufgezwungen werden. Der Chilene Faustino Joaquin Piedrabuena Ramírez lebt in Ostberlin, wohin er nach der Machtübernahme Pinochets fliehen konnte. Ein sicherer Ort, aber sterbenslangweilig. Nicht dass Faustino das Abenteuer sucht – längst hat er sich in sein Schicksal gefügt – es läuft ihm über den Weg, bei einem Ausflug nach Westberlin und in Gestalt von Apolinario Canales.

Canales gibt sich als alter Bekannter aus, lockt ihn mit Geschenken und teuren Einladungen und überredet Faustino schließlich zu einer Reise, die sie beide zurück nach Chile führt. Faustino, aus Erfahrung eher ängstlich und misstrauisch, begreift schnell, dass er ein Rädchen in einem Uhrwerk sein soll, auch wenn ihm der Plan seines Begleiters bis zuletzt verborgen bleibt. Aber noch mehr als Erkenntnis wünscht er sich mit einem Mal sein altes Leben im grauen Osten Berlins zurück. Doch bevor er dorthin zurückkehren kann, muss er den Teufel erst einmal abschütteln, als solchen sieht er Canales schließlich.

Mit Hilfe seiner Tochter Asunta gelingt ihm die Ausreise aus Chile. Sie unterstützt ihren verloren geglaubten Vater nach Kräften und der Zufall will es, dass sie in ihm bald einen verkannten Helden sieht. Denn auf den Diktator wird ein Attentat verübt und wofür, wenn nicht aus diesem Grund, sollte Faustino den langen und gefährlichen Weg nach Chile auf sich genommen haben?

In der DDR fällt die Begrüßung des Heimgekehrten dagegen sehr erwartbar und brutal aus. Faustino wird in eine Nervenklinik eingewiesen, da ihm zunächst niemand seine Geschichte glaubt. Doch glücklicherweise gelangt die Version vom gescheiterten Attentäter bis nach Ostberlin, und Faustino auf freien Fuß. Da ist er von vielen falschen Überzeugungen geheilt, was seine Freunde und sein bisheriges Lebens betrifft, und wartet sehnlichst auf den nächsten Anruf von Canales, damit die Reise von Neuem beginnt. Oder hat er das alles nur geträumt?

Jorge Edwards “Faustino”, erschienen 2008 im Verlag Klaus Wagenbach in der Übersetzung von Sabine Giersberg, muss man einfach mögen. Er ist der klassische Held wieder Willen, dem die Erwartungen der anderen nicht gerecht werden. Dem die Dinge passieren, der sich aber durchaus seinen Stolz bewahrt.

Edwards, der heute in Santiago de Chile und in Madrid lebt, zeichnet die Schauplätze der Handlung mit wenigen Details und macht sie doch unglaublich plastisch. Geboren 1931 in Santiago de Chile, hat er sein Land viele Jahre als Diplomat auf verschiedenen Kontinenten vertreten. Politischer Scharfsinn und Ortskenntnis sind in dieses kleine, gut 180 Seiten umfassende Buch denn auch eingeflossen und machen es trotz der durchaus grotesken Handlung zu einer tiefgründigen Lektüre.

So bezeichnet Faustino seine Wohnung in Berlin-Treptow als “Loch”, sich seiner Undankbarkeit durchaus bewusst und innerlich zerrissen. Denn obwohl sein Exil ihn vor der politischen Verfolgung in Chile bewahrt und ihm ein privilegiertes Leben sichert, vergammelt er seine Tage wie ein Teenager die Sommerferien und muss gleichzeitig fürchten von seinen alten Freunden bespitzelt zu werden.

Jorge Edwards ist ein kluger und unterhaltsamer Erzähler, bei dem man sich nach der Lektüre gleich fragt, was man als nächstes von ihm lesen kann. Zum Glück sind da mindestens zwei weitere auf Deutsch erschienene Bücher, die einem wärmstens empfohlen werden: “Der Ursprung der Welt” und “Persona non grata”. Letzteres erzählt von seiner Zeit als Diplomat in Kuba.

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