Mittwoch, 28.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Joan Sales: Flüchtiger Glanz

Joan Sales: Flüchtiger Glanz«Der Hanser-Verlag traut sich in diesem Herbst an einen 570-Seiten-Wälzer, der ihm womöglich nicht die ganz hohen Auflagenzahlen bescheren wird, ist sein vordergründiges Thema – der spanische Bürgerkrieg – doch mittlerweile arg weit weg, zumal für deutsche Leser: Joan Sales‘ „Flüchtiger Glanz“.

Und doch gilt gerade dieses Werk, das im katalanischen Original zuerst 1956 erschienen ist, und nun also endlich auf Deutsch vorliegt, vielen Literaturkennern als einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Zum einen verleiht er der in diesem Krieg unterlegenen republikanischen Seite erstmals eine Stimme, zum anderen ist der Krieg über weite Strecken lediglich Hintergrund-Kulisse. Im Vordergrund stehen die Sucht nach Leben, die Suche nach Sinn und die Gefühle der vier Hauptfiguren, die gerade erst dem Jugendalter entwachsen sind. Der grausame Krieg auf der einen Seite, die intensiven und berauschenden Natur- und Liebeserfahrungen dieser jungen Helden auf der anderen Seiten bilden im Buch einen starken Kontrast.

„Flüchtiger Glanz“ gliedert sich in drei große Kapitel. Das erste besteht aus den Briefen, die Lluís seinem Bruder Ramon schreibt. Lluís sitzt an einer sogenannten „toten Front“, an der sich die Soldaten vor allem langweilen und die Zeit mit vielen seltsamen Aktivitäten totschlagen. Außerdem verliebt er sich in eine zwielichtige Schlossherrin.

Auch der zweite Teil besteht aus Briefen. Lluís‘ Frau Trini, die sich in Barcelona nach ihrem Mann sehnt, schreibt ihrem Bekannten Soleràs. Und im dritten Teil erinnert sich der Priesterseminarist Cruells an die Geschehnisse im Krieg.

Mit den Lesegewohnheiten von heute wirkt „Flüchtiger Glanz“ möglicherweise an einigen Stellen etwas gedehnt – besonders im Mittelteil – und man hätte sich die eine oder andere Kürzung gewünscht. Insgesamt jedoch bietet dieser Text auch heute noch interessanten Lesestoff.
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Joan Sales: Flüchtiger Glanz (1956).
Hanser, September 2015.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26 Euro.

Donnerstag, 22.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Irène Némirovsky: Zu zweit

Irène Némirovsky: Zu zweit«Mit „Zu zweit“ aus dem Jahre 1936 schließt der Knaus-Verlag seine Irène- Némirovsky-Reihe ab, die zehn Jahre zuvor mit einem legendären Werk der 1903 geborenen französischen Schriftstellerin begann: „Suite française“, jenem erst 1996 wiederentdeckten Roman. Die aus Russland stammende Jüdin starb 1942 in Auschwitz.

In „Zu zweit“ zeigt sie, wie die Beziehung zweier Menschen, Antoine und Marianne, sich im Laufe eines Lebens verändert. Aus einer ungestümen, spielerischen Liebelei wird eine Ehe, in der sich die Partner zwar immer noch brauchen, die Gefühle füreinander aber seit Jahren erloschen sind. Die Scham über vergangene Seitensprünge, Streitigkeiten und gegenseitige Verletzungen, der Tod der Eltern, die eigene Gesundheit und die Sorge um Kinder und Finanzen drücken beiden Partnern aufs Gemüt und töten jede Leichtigkeit. Auch auf das Liebesleben von Freunden und Verwandten des Paars geht der Roman ein.

Anders als bei anderen Némirovsky-Werken merkt man diesem Roman an, dass er fast 80 Jahre alt ist. Die Figuren gehen innerhalb ihrer Familien – und selbst dann, wenn sie miteinander liiert sind – seltsam steif miteinander um. Man leistet sich auch dann noch eine Gouvernante oder einen Hausdiener, wenn man kurz vor dem Bankrott steht.

„Zu zweit“ ist ein Roman, in dem das (zumeist düstere) Innenleben der Figuren und ihre Gefühle im Mittelpunkt stehen. Der Fortgang der Handlung ist nebensächlich.

Das darf man als Leser zwischenzeitlich auch nervig finden – zumal, wenn man das Gefühl hat, diese und jene Wendung schon ein paar Seiten vorher in ähnlicher Weise gelesen zu haben.

Und doch bleibt unbestritten, dass Irène Némirovsky eine großartige Autorin von ausgeprägter Stilsicherheit war – und in der Lage, selbst kleinste Nuancen des Zwischenmenschlichen zu erkennen und in Worte zu fassen. Letztlich ist es auch historisch interessant zu sehen, wie Vertreter des Großbürgertums im Paris der 20er-Jahre lebten.

Und doch: An die ganz großen Némirovsky-Romane Romane wie „Suite française“ reicht dieses Werk nicht heran.

Irène Némirovsky: Zu zweit.
Knaus, Oktober 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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Freitag, 16.10.2015

Autor: oliverg

Leo Martin: „Ich stopp Dich“ – YouTube

Dienstag, 13.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben«Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Als Leser braucht man sehr viel Kraft und eisernen Willen, um diesen Roman durchzustehen. Der 1956 geborene Autor taucht in die Köpfe einer fast unüberschaubaren Vielzahl von Figuren ein und bedient sich dabei der literarischen Technik „Bewusstseinsstrom“ – das heißt, er schreibt das auf, was die Figuren gerade denken. Und da Gedanken eben oft aus Halbsätzen bestehen oder wild durcheinander von einem Thema aufs nächste springen, ist das Ergebnis ein gewisses Text-Wirrwarr.

Wer das schon rein konzentrationsmäßig durchhält, wird zuweilen mit schönen Momenten belohnt, in denen der Roman so etwas wie einen (Gedanken-)Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.

Doch solche Momente muss man sich hart erarbeiten. Immer wieder tragen einen die vielen Kapriolen dieses Romans aus der (Lese-)Kurve.
Es ist deshalb schon gar nicht ganz einfach zu sagen, worum es in diesem Buch eigentlich genau geht. Zentrale Figur ist Jochen Brockmann, ehemals Linker, jetzt erfolgloser – aber frisch verliebter – Sales Manager kurz vor dem Rausschmiss.

Es geht also um moderne Wirtschaftswelten, linkes Leben zu Zeiten des Vietnam-Krieges, um eine erwachende Liebe, um familiären Halt und um vieles mehr. Handelte es sich um ein Musikstück, würde man vielleicht kritisieren, das Ganze sei ein wenig überinstrumentiert – und zwar in formaler wie thematischer Hinsicht.

Positiv lässt sich sagen: „Das bessere Leben“ ist ein Roman, der sehr nah bei seinen Figuren ist – nämlich direkt in ihrem Kopf. Und das, was sie denken, wirkt durchaus stimmig und psychologisch glaubhaft.
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Ulrich Peltzer: Das bessere Leben.
Fischer, Juli 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, Juli 2015.

Samstag, 10.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Rolf Lappert: Über den Winter

Rolf Lappert: Über den Winter«Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 steht auch Rolf Lapperts „Über den Winter“. Der 1958 geborene Schweizer schreibt darin über den Künstler Lennard Salm, der von einem nicht näher benannten Ort irgendwo im Süden widerwillig zu seiner Familie nach Hamburg zurückkehrt, um an dem Begräbnis seiner Schwester teilzunehmen. Doch dann bleibt er länger als geplant und richtet sich nach und nach in der Situation ein.

Lapperts Erzählstil passt zum ruhigen Cover dieses Buches. Der Autor nimmt sich jede Menge Zeit auch für kleinste Details und schreckt auch vor längeren Beschreibungen von Landschaften oder Wohnungseinrichtungen nicht zurück.

Gerade zu Beginn wirkt das mitunter langatmig, und man muss als Leser etwas kämpfen, um bei der Stange zu bleiben.
Hinderlich für den Lesegenuss ist auch, dass die Hauptfigur, die im Buch meist nur als „Salm“ vorkommt, nur bedingt als Identifikationsfigur taugt. Salm ist meist übel gelaunt, kommt zu spät oder gar nicht zu Verabredungen und ist mundfaul. Man hat zuweilen den Eindruck, dass ihm das, was in seiner Umgebung passiert, weitgehend egal ist.

In der zweiten Hälfte nimmt der Roman zwar deutlich an Fahrt auf, aber insgesamt bleibt der Eindruck einer durchgängigen Humor- und Freudlosigkeit, einer gewissen Dröge und Zähigkeit. Typische Deutsche-Buchpreis-Literatur könnte man etwas überspitzt fast sagen.

Weil der Autor meist nur die Geschehnisse beschreibt, aber zu selten in die Köpfe der Figuren eintaucht, bleiben die für den Leser seltsam distanziert. Der Handlungsablauf wirkt zufällig und ergibt kaum ein geschlossenes Ganzes.
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Rolf Lappert: Über den Winter.
Hanser, August 2015.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.

Mittwoch, 07.10.2015

Autor: Andreas Schröter

Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?

Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?«Einem Roman aus Norwegen liegt ein interessantes Konzept zugrunde. Jemand namens David, der aber im gesamten Roman nur indirekt in Erscheinung tritt, hat sein Gedächtnis verloren.

Um ihm auf die Sprünge zu helfen, sollen ihm nahe stehende Menschen Briefe schreiben, in denen sie ihm aus seinem Leben erzählen. Freund Jon, Stiefvater Arvid und Freundin Silje tun das, sodass sich das Buch in drei Teile gliedert. Die werden aber nicht nur von den Briefen selbst gebildet, sondern auch von Episoden aus der Gegenwart dieser Menschen, was die Idee verwässert. Der Leser erfährt hier hier im Grunde mehr über die drei Briefeschreiber als über den David. Im Wesentlichen geht es dabei um die homosexuelle Beziehung zwischen Jon und David, die Liebe zwischen Silje und David sowie um verschiedene zwischenmenschliche und jugendspezifische Probleme.

Was insgesamt vielversprechend beginnt, verliert mit wachsender Seitenzahl an Reiz – auch weil sich die Kapitel zu sehr ähneln. Beinahe in jeder Szene zerstreiten sich die handelnden Figuren heillos. Das nervt. Auch hätte man gern etwas über David erfahren und wie er auf die Briefe reagiert, so wie es der irreführende Klappentext vermuten lässt. Aber Fehlanzeige.
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Carl Frode Tiller: Kennen Sie diesen Mann?.
btb, August 2015.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Freitag, 02.10.2015

Autor: Immo Sennewald

Zwischen Lebenswillen und Suchtgedächtnis

siemes

Ein bequemer Zeitgenosse war er nicht, der Werbetexter Reinhard Siemes, das merkt man, wenn er sich mit seiner Branche auseinandersetzt. Er kannte die Gipfel beruflichen Erfolgs, stand dem “Art Directors Club” vor, und erlebte Korruption, Intrigen, legte sich mit Auftraggebern an, ertrug finanzielle Durststrecken. Er hat an deutschen Hochschulen unterrichtet, spießt deren Schlendrian auf, veralbert Prominente und Politiker. Wer die 56 Episoden liest, die Siemes aufgeschrieben hat, findet einen satirischen bis sarkastischen Schalk – und einen schweren Trinker.

Auf 45 Jahre seines Lebens schaut der Autor in diesem “autobiographischen Sachbuch” zurück; als er 2011 stirbt, hat er sein Buch abgeschlossen, aber nicht fertiggestellt. Er hätte wohl noch viel zu erzählen gehabt über Zustände in deutschen Kliniken, in denen Alkoholiker wie Aussätzige, nicht wie Patienten behandelt werden, über hilfsbereite und sadistische Pfleger, erfolgreiche und überforderte Therapeuten. Siemes war Alkoholiker, an Leib und Seele erfahren durch zahlreiche Entzüge und ebenso viele Rückfälle. Dass er sie nicht chronologisch erzählt, gibt dem Ganzen zusätzlichen Reiz: In einem Geschehen aus lauter Parabelflügen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Erfolg und Verlust, Aufschwung und Absturz wechseln die Landschaften und Zeiten, während der Erzähler zwischen Höhen und Tiefen navigiert, uns dabei mit Schnurren unterhält oder auf Bilder beschämenden Kontrollverlusts stößt. Das eindringlichste stammt von einer Freundin, die beschreibt, wie sie Siemes 2007 nach schwerer Trinkerphase vorfand und den halbtoten, stinkenden alten Mann in eine Klinik verfrachtete. Siemes schont sich selbst nicht, wenn er solche Episoden einflicht.

Aber er reflektiert fortwährend, was ihn treibt. Immer wieder führt er fiktive Dialoge mit seinem „Todfreund“, prüft das Für und Wider des Gruppenentzugs bei den Anonymen Alkoholikern oder Synanon, fragt nach der Eigenverantwortlichkeit des Trinkers – und findet keine gültigen Antworten. Auch darin erscheint der Grundkonflikt: Ein Begabter, ein auf Freiheit und Selbstbestimmtheit Orientierter erlebt sich im Erfolg – und stößt an Grenzen, die er nicht verschieben kann. Womöglich zweifelt und verzweifelt er dann mehr an sich selbst als an den Grenzen. Er sucht Trost, er sucht Belohnung beim Suchtmittel. Egal ob Spielsucht, Sexsucht, Drogen- oder Arbeitssucht: Es funktioniert ja, und so päppelt jeder Süchtige sein Suchtgedächtnis. Der Konflikt zwischen Schmerz des Entzugs, nötigem Trainingsaufwand für ein Leben ohne Droge und Verlockung in den Rückfall frisst enorme Energien. Oft zu viel, um beruflich nicht zu versagen, zu viel, um die persönlichen Bindungen an Freunde, Lebenspartner, das Leben selbst nicht zu gefährden. Reinhard Siemes hat trotzdem in seinen letzten Jahren ab 2005 immer noch einmal Neues unternommen: Mit seiner Lebensgefährtin Ika Bratuscha hat er ein Antiquitätengeschäft in dem kleinen Kurbad Rogaška Slatina in Slowenien eröffnet, er hat gedichtet, schließlich seine Erinnerungen niedergeschrieben.

Wer soll dieses Buch lesen? Reinhard Siemes beherrscht sein sprachliches Handwerk, er streut sogar einige humorige Gedichte ein, die Texte sind ohne Schnörkel. In manchem war er seiner Zeit voraus: Die Idee einer Werbung für die Henninger-Brauerei, in der ein künstlich geschürter Zwist der Pils- und der Export-Trinker „viralisieren“ sollte, wurde seinerzeit verworfen, 30 Jahre später von einem Süßwarenhersteller benutzt. Vieles wäre einer Jugend zu empfehlen, die beim Komasaufen im Vergleich zu uns Alten durchaus mithalten, aber auf ein breiteres Spektrum an Drogen, auch an Fürsorge zurückgreifen kann. Sie wird es nicht lesen. Zeitgenossen wie ich werden sich amüsieren, an Siemes‘ Selbstbefragungen interessiert teilnehmen, sich fragen, wie ihre eigenen letzten Episoden aussehen sollten. Irgendwann gibt der Todfreund dem Gevatter die Klinke in die Hand. Nicht nur den Pflegern, Therapeuten und Trinkern sei bis dahin das Buch empfohlen.

Reinhard Siemes „Mein Todfreund der Alkohol“

avedition August 2015

Gebundene Ausgabe, 360 Seiten, 24,90 €

Sonntag, 27.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Franzen: Unschuld

Jonathan Franzen: Unschuld«Jonathan Franzen kann schreiben, über was er will – hervorragend ist es immer. Der 1959 geborene Amerikaner arbeitet in einer höheren Liga als 99 Prozent seiner schriftstellernden Zeitgenossen. Es ist unglaublich, wie psychologisch genau, wie plastisch, wie nachvollziehbar und wie fein er seine Figuren zeichnet.

In seinem neuen Werk „Unschuld“, das erfreulicherweise schon fünf Jahre nach „Freiheit“ erscheint (zwischen den „Korrekturen“ und „Freiheit“ hatten neun Jahre gelegen), verfolgt der Autor seine Figuren wieder über mehrere Jahrzehnte. Es geht um Freunde, deren Freundschaft in Hass umschlägt, um Ehen, die geschieden werden, weil die Partner schon von Anfang an nicht zueinander gepasst haben, und um einen Mord, an dem der Mörder noch Jahrzehnte zu knacken hat.

Die untergehende DDR kommt genauso vor wie eine verrückte Milliardärin, die keinen Cent von ihrem Geld will, oder der Konflikt zwischen seriösen Journalisten und Whistleblowern wie Julian Assange – es ist schlicht nicht möglich, die Vielfalt dieses 800-Seiten-Werks hier kurz darzustellen. Einfach lesen!
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Jonathan Franzen: Unschuld.
Rowohlt, September 2015.
832 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,95 Euro.

Dienstag, 22.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland«Ein äußerst beeindruckender Roman kommt vom australischen Autor Richard Flanagan: „Der schmale Pfad durchs Hinterland.“ Hat man ihn gelesen, versteht man sofort, warum das englischsprachige Original 2014 mit dem renommierten britischen Booker-Prize ausgezeichnet worden ist.

Im Mittelpunkt stehen die menschenunwürdigen Zustände australischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg, die für die Japaner eine Eisenbahnlinie von Siam nach Burma bauen mussten – und dabei wie die Fliegen starben. Noch heute wird die Linie auch „Todeseisenbahn“ genannt. Die unmenschliche Behandlung der Gefangenen durch die Japaner wurde später als Kriegsverbrechen eingestuft. Dem Autor gelingt dabei eine große Nähe zu den handelnden Figuren, vor allem zur Hauptfigur Dorrigo Evans, einem Arzt. Man meint fast selbst im Dschungel zu leiden.

Flanagan stellt diesen Ereignissen eine große Liebe gegenüber und schafft damit eine nicht mehr zu überbietenden Kontrast: Das Schönste und das Schlimmste, was ein Mensch erleben kann, sind in diesem Buch vereint. Lediglich ganz am Ende gerät der Autor in Sachen Liebesgeschichte gefährlich nahe an die Grenze zum Kitsch. Dennoch insgesamt ganz große Literatur!
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Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland.
Piper, September 2015.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24 Euro.

Sonntag, 20.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt«Der jüdische Autor Aharon Appelfeld greift in seinem neuen Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ dasselbe Thema auf wie in seinem vorigen Werk „Auf der Lichtung“ (2014): Menschen verstecken sich gegen Ende des Krieges vor den Nazis im Wald.

Appelfeld, mittlerweile 83 Jahre alt, hat selbst etwas Deratiges erlebt: Er versteckte sich im Krieg als Junge zeitweise in den ukrainischen Wäldern, nachdem seine Mutter getötet und er vom Vater getrennt worden war.

In seinem neuen nur 128 Seiten dünnen Büchlein werden zwei Jungs von ihren Müttern in die Wälder geschickt. Im Ghetto, wo sie zuvor untergebracht waren, erschien es ihnen nicht mehr sicher genug. Die Mütter versprechen, abends wiederzukommen, um die Jungs abzuholen. Aber als sie nicht auftauchen, sind die beiden Kinder auf sich allein gestellt.

Der Autor zeigt, wie die beiden Jungs sich nicht nur gegenseitig helfen, obwohl sie sich vorher nicht besonders mochten, wie ihnen das Überleben im Wald mit viel Geschick gelingt und wie sie ihre Hilfe sogar immer wieder auch anderen anbieten.

Insgesamt wirkt das gesamte Buch wenig realistisch. Es ist eher eine idealisierte – fast märchenhafte – Version eines solchen in der Realität für die Beteiligten sicher deutlich schlimmeren Abenteuers. Die Jungs im Buch streiten sich nie, geben andauernd schlaue Lebensweisheiten von sich, wie man sie sonst nur von Erwachsenen hört, und wissen auch in technischer Hinsicht stets, was zu tun ist. So können sie sich aus dem Handgelenk ein „Nest“ in einer Baumkrone bauen. Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Mädchen, das die Jungs unterstützt und dem auch sie am Ende helfen.

Wie schon in „Auf der Lichtung“ neigt Appelfeld dazu, seinem Werk einen allzu dicken Schuss Mystik und Religiosität beizumischen. Der ständige, oft etwas schicksalergebene Hinweis auf Gott wirkt auf Dauer etwas zu dick aufgetragen.
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Aharon Appelfeld: Ein Mädchen nicht von dieser Welt.
Rowohlt, August 2015.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18 Euro.

Dienstag, 15.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Tim Glencross: Barbaren

Tim Glencross: Barbaren«Der britische Autor Tim Glencross nimmt in seinem überzeugenden Debütroman „Barbaren“ die englische Oberschicht am Ende der Blair-Ära aufs Korn. Die Vertreter aus Politik, Kunstwelt und Wirtschaft kommen darin allesamt schlecht weg. Sie lügen und lavieren sich durchs Leben, sie gehen über Leichen, um ihre beruflichen Ziele zu erreichen.

Die einzig sympathische Figur in dem 400-Seiten-Schmöker ist die haltlose Dichterin Buzzy, die verzweifelt versucht, Anschluss an die Welt der Großen zu erhalten, von diesen aber in der Regel nur als Randfigur wahrgenommen wird. Eingeführt wird sie humorvoll auf einer Party, wo sie von heftigem Durst gepeinigt eine Bierflasche leertrinkt, die aber leider ein bedeutendes Kunstwerk von Damien Hirst war. Das trägt ihr das Hausverbot des Gastgebers ein.

Mit dieser Szene macht der Autor bereits die kritische Grundhaltung des gesamten Romans zur Welt des schönen Scheins deutlich, mit der die Mächtigen sich umgeben. Er weitet diese Haltung auf Politik und Finanzwelt aus, wo Menschen Statements zu Dingen abgeben, von denen sie gar keine Ahnung haben. Als deutscher Leser kommt einem dabei der Verdacht, dass viele Aussagen dieses Romans auch über England hinaus ihre Gültigkeit haben.

Man kann dieses Buch allerdings nicht mal eben zwischendurch lesen. Auch wegen des zum Teil komplizierten Satzbaus ist volle Konzentration nötig.
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Tim Glencross: Barbaren.
Berlin-Verlag, August 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22 Euro.

Donnerstag, 10.09.2015

Autor: rwmoos

Mary Kubica: Good Girl. Entführt.

Mutige Mütter & Törichte Töchter

Als Mutter, die, wie man unten sehen wird, hervorragende Erziehungsarbeit geleistet hat, ist es Mary Kubica gelungen, auch die Gefühlswelten der unbefriedigten respektive unbefriedigenden Mutterfigur ihres Romans „The Good Girl“ in einer vollkommenen Widersprüchlichkeit abzubilden.

Doch die ersten Pluspunkte gibt es zweifellos für die originelle Herangehensweise. Die jeweiligen Kapitel in ein „vorher“ und „nachher“ zu gliedern und gleichzeitig so zu untertiteln, wobei eine gefühlte Ewigkeit unklar bleibt, was denn das eigentliche, den Bezugspunkt fixierende, Ereignis sei, ist ein bislang ungesehener Stil. Dasselbe dann noch damit zu mixen, dass die Hauptüberschrift der jeweiligen Kapitel den Namen des jeweils subjektiv erzählenden Protagonisten trägt, wird als weitere Originalität goutiert.
So entsteht ein vielschichtiger Roman, der aus den wechselnden Sichtweisen sowie der nicht unwichtige Amnesie einer der tragenden Figuren seine Spannung bezieht. Besagte Amnesie resultiert aus einer Posttraumatischen Belastungsstörung (posttraumatic stress disorder – PTSD). Warum dieser allseits bekannte Fachbegriff in der deutschen Übersetzung mit „Akute Belastungsreaktion“ wiedergegeben wird, befremdet allerdings ein wenig.

Von der klugen Gesamtanlage beeindruckt, erwartet der Leser nun eine angemessen vielschichtige Charaktermischung. Leider vergebens: In der romanischen Realität bleiben die Figuren blass und vorhersagbar. Der andernorts gelobte psychologische Tiefgang ähnelt eher dem eines aufgeblasenen Schlauchboots. So ist denn auch der erste Satz dieser Rezension zu lesen.
Hätte meine Frau mich nicht mit dem Hinweis auf ein unerwartetes Ende bei der Stange gehalten, hätte ich mir die langatmigen Passagen über die Flachheiten amerikanischer Wohlstandsfamilie, antagonistisch ergänzt mit den ebenso eben angelegten Underdog-Biografien, wirklich nicht angetan. Zwei zeitig eingestreute Hinweise ließen neben dem Originaltitel zudem auch das allerorts als überraschend angepriesene Ende erahnen. Leider lässt sich wiederum mit diesem endlich erreichtem „Ende“ zu viel aus dem vorher Geschriebenen nicht schlüssig erklären, so dass statt des erhellenden Aha-Effekts im Nachgang diverse Ungereimtheiten einer nun nicht mehr erfolgenden Lösung harren. Um nur eine davon zu nennen: Der hier hergestellte Zusammenhang zwischen Erpressung durch belastende Dokumente und Lösegeldforderungen stellt die Logik auf eine allzu harte Probe.

Was bleibt nach einem durchlesenen Nachmittag auf der Haben-Seite?
a) Das gute Wetter am Badesee, an dessen Ufern ich den Großteil des Buches geschafft habe,
b) das Gefühl, sämtliche Gedankenstränge einmal so richtig auf „anspruchslos“ heruntergefahren und damit den Ansprüchen an einen geratenen Urlaubstag Genüge getan zu haben und
c) ein Buch, das man ohne Gewissen weiter verschenken kann.

In der Danksagung erwähnt die Autorin ihre eigenen Kinder, die der „Mommy“ offenbar nicht zugetraut hatten, einen richtigen Roman schreiben zu können. Das veranlasst schließlich zu der bereits eingangs angezeigten Gratulation: Mommy Kubica gebührt zweifelsohne der Ruhm, bei der Erziehung ihrer Kinder diese mit sicheren Instinkten ausgestattet zu haben.

Gesamturteil: Kann man schon mal weglesen.

Reinhard W. Moosdorf

Donnerstag, 10.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie«Nordkorea gilt als das Land auf der Erde, in dem die Menschenrechte am wenigsten gelten. Wer beim Tod des „geliebten Führers“ nicht genügend trauert, kommt in ernsthafte Schwierigkeiten. Für kleine Vergehen werden die Menschen gefoltert oder sogar öffentlich hingerichtet.
All das beschreibt die gebürtige Nordkoreanerin Hyeonseo Lee mit Hilfe des Autors David John anschaulich in ihrem Buch „Schwarze Magnolie“. Es wird klar, wie Kinder bereits im Kindergartenalter auf Regierungskurs getrimmt werden. Kein Fach später in der Schule wird ohne politische Propaganda gelehrt. Und weil sie es nicht anders kennen, wehren die Menschen sich nicht. Es gibt keine Opposition.

Als ebenfalls regierungstreue, aber neugierige Jugendliche wagt Hyeonsee Lee im Alter von 17 Jahren dennoch über einen zugefrorenen Fluss einen Ausflug nach China. Sie geht nicht wieder zurück, sondern gelangt auf abenteuerlichen Wegen gelangt nach Südkorea. Doch sie sehnt sich nach ihrer Mutter und ihrem Bruder und schmiedet Pläne für sie …

Obwohl „Schwarze Magnolie“ eine Autobiografie ist, liest es sich manchmal so spannend wie ein Thriller. Die Autorin macht dabei nicht den Fehler, sich selbst ausschließlich als Heldin darzustellen. Auch sie macht Fehler, die sie offen zugibt.

Am Ende des Buches wird klar, dass nicht für alle Nordkoreaner, denen die Flucht gelingt, das Leben in einer modernen Industrienation das reine Paradies ist. Viele kommen mit der neu gewonnenen Freiheit nicht klar oder haben wegen ihrer mangelnden Bildung Schwierigkeiten sich durchzubeißen. Es gibt sogar Flüchtlinge, die sich nach dem unterdrückten, aber geregelten Leben in der alten Heimat sehnen.

Unbedingt empfehlenswert!
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Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie.
Heyne, Juli 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 03.09.2015

Autor: Andreas Schröter

Ma Jian: Die dunkle Straße

Ma Jian: Die dunkle Straße«Einen äußerst beeindruckenden Roman über das Leben der kleinen Leute im ländlichen China legt der 1976 geborene chinesischstämmige Autor Ma Jian vor.

Weil die Bäuerin Meili zum zweiten Mal schwanger ist, muss sie mit ihrem Mann Kongzi und Tochter Nannan aus ihrem Dorf vor den Behörden fliehen, die die chinesische Ein-Kind-Politik durchsetzen. Die Regierungs-Angestellten tun das mit äußerst brutalen Mitteln. So schrecken sie auch vor Zwangsabtreibungen nicht zurück. Ma Jian, der seit 1999 in England lebt, schont sein Lesepublikum nicht – auch solche Szenen beschreibt er mit aller Deutlichkeit. Das macht seinen Roman intensiv und transparent. Da wird nichts verschleiert oder verharmlost.
Zartbesaiteten Gemütern könnte dieser Roman allerdings an die Nieren gehen.

Die kleine Familie bezieht ein Hausboot auf dem Jangtse und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Extreme Umweltverschmutzung an diesem Fluss und anderswo, Korruption, Behördenwillkür sowie die weitgehende Rechtelosigkeit der ländlichen Bevölkerung sind immer wiederkehrende Themen in diesem episch angelegten Roman, der auch einige dezente Fantasyelemente beinhaltet. Die jedoch gefährden nie den Authentizitätsanspruch dieses Buches.

Die bemitleidenswerte Meili hat nicht nur Stress mit den Behörden, sondern auch mit ihrem eigenen Mann, der auf Teufel komm raus so lange weitere Kinder zeugen will, bis er den ersehnten männlichen Nachkommen hat. Schließlich stammt er in direkter Linie von dem chinesischen Gelehrten Konfuzius ab und will dieses Erbe unbedingt weitergeben.

Weil sie gehört hat, dass man in einem extrem vergifteten Ort namens Himmelsstadt nicht schwanger werden kann, überredet Meili ihren Mann, dorthin zu ziehen. Doch ihr Leben mitten im Elektroschrott, der aus Europa importiert wird, bleibt schwierig. Ein tolles Buch!

Ma Jian: Die dunkle Straße.
Rowohlt, Juli 2015.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Freitag, 21.08.2015

Autor: Andreas Schröter

Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt

Lisa O'Donnell: Die Geheimnisse der Welt«Lisa O‘Donnells Roman „Die Geheimnisse der Welt“ ist komplett aus der Sicht eines Elfjährigen geschrieben, obwohl es kein Kinderbuch ist. Dieser literarische Trick hat Vorteile: Man sieht die Ereignisse durch die unverstellte, gradlinige, frische und manchmal etwas naive Sicht eines Kindes. Und Nachteile: Ähnlich wie Eltern, die den ganzen Tag nur mit Kindern zu tun hatten, sich abends nach einem Gespräch unter Erwachsenen sehnen, wünscht sich der Leser mit wachsender Seitenzahl, doch bitte endlich wieder in den Kopf einer älteren Figur eintauchen zu dürfen.

Inhaltlich geht‘s um eine Vergewaltigung, die zunächst eine Familie und später ein ganzes irisches Dorf an den Rand des Abgrunds bringt. In beiden Fällen sind das Schweigen und die Geheimniskrämerei Hauptgrund allen Übels. Man könnte den Roman also als Plädoyer für die Kommunikation auffassen.

Zweites – oft amüsantes – Thema sind die Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden mit ersten Küssen und Enttäuschungen.
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Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt.
Dumont, Juli 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Dienstag, 18.08.2015

Autor: oliverg

32 Grad, eine Skizze

[ein  backup aus „buecherbrett.org“, das schließt, mehr davon?]

32 grad

6. Juli 2009 Oliver Gassner

ich stehe auf der erhöhten plattform des doppeldeckerzuges, nein ich sitze auf meinem koffer den ich keine lust habe bei dieser hitze nach oben oder nach unten zu schleppen. neben der tü sitze ich und halte mich an der stange fest, denn der zug wackelt immer mal.

genau in einer sicht sitzt eine junge frau, vielleicht 25. ich bemerke sie eigentlich erst, als sie beginnt ihr blondes haar über ihre rechts schulter zu legen und es mit mit ihren händen teilt während sie erst nach draußen blickt.

dachte ich. dabei nutzt sie wohl im dunkelwerden nur die glasscheibe als spiegel.

ihr haut ist blass und feucht. so feucht dass sie aussieht als sei sie aus samt. im zug ist es kühl, draußen immer noch heiß.

unter einem gelben halb durchsichtig wirkenden top aus dünnem stoff trägt sie etwas, das dunkelrot ist. ist das nur ein bh oder mehr? das top ist so durchsichtig doch nicht.

sie ist unzufrieden mit der ersten aufteilung und beginnt von neuem.

mir kommt die Goethe/Schiller anekdote in den sinn: “”Er saß auf ihres Bettes Rand und spielte mit den Flechten // Das tat er mit der linken Hand, was tat er mit der Rechten?”

gerade fällt es mir schwer mir etwas vorzustellen, das erotischer wirken könnte als diese junge frau, die sich das haar flicht.

jetzt bloß nicht so wirken als starre ich sie an, was ich ja tue. sie dreht ihren kopf in meine richtung. gucke ich jetzt auch ordnentlich schnell und unauffällig in die ferne?

haare flechten ist ja an sich eine vorhersagbare sache. teilen, flechten.. der zopf hängt  über ihre rechte schulter. aber sie hat ihn offen gelassen. sie hat entweder nichts dabei ihn zu schließen oder es ist ihr egal oder er muss ohnehin nur so lange halten, bis ihr nicht mehr so warm ist.

ich hatte auch mal lange haare und trug dann irgendwann nur noch pferdeschwanz. vor allem im sommer. vielleicht ist ihr nur heiß. sie blickt ernst, nicht verkrampft, auf eine madonnenhafte art entspannt, wirkt intelligent. rechts von ihr steht ein recht großer rucksack. kein reiserucksack eher ein mittelgroßer wanderrucksack. aber wandern war sie wohl nicht. aber es ist kein designteil.

mein zug hält. ich steige aus. sie auch. ich bin vor ihr. gehe. würde mich nie umdrehen.

Freitag, 07.08.2015

Autor: Odile

Japankrimi: Roppongi Ripper von Andreas Neuenkirchen

In Neuenkirchens neuem Tokyo-Krimi, erschienen beim Conbook Verlag, ermittelt Inspectorin Yuka Sato gegen den Serienkiller Roppongi Ripper. Wie schon im ersten Band, dem Frühlingskrimi „Yoyogi Park“, sind die Morde inszeniert, wenn nicht gar ritualisiert – und dies auf grausamste Art und Weise. Während Sato gemeinsam mit Shun Nakashima versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, ereignen sich weitere Morde unter sehr unschönen Umständen. Milde formuliert. Der Autor hat in diesem zweiten Band noch eins draufgelegt. Das bringt jedoch Yuka Sato nicht aus der Ruhe. Sie arbeitet sich systematisch voran, taucht in die Vergangenheit der Opfer ein und deckt so nach und nach die Identität des Serienmörders auf. Yuka Sato und ihr Kollege Nakashima müssen sich im Laufe ihrer Ermittlungen nicht nur mit grauenhaften Tatorten auseinandersetzen. Nakashima, der in diesem Band vom Assistenten zum Inspektor aufsteigt, wird mit seiner eigenen Vergangenheit und Yuka Sato mit neuen Persönlichkeitsfacetten Nakashimas konfrontiert. Zudem schlägt sie sich mit den harten Jungs der Neonazi-Gruppe White Power Yamato herum. Ohne mit der Wimper zu zucken. War Yuka Sato im letzten Band auch schon so cool? So heldenhaft? Sie scheint zwischen dem ersten und dem zweiten Band eine gewisse Persönlichkeitsveränderung durchgemacht zu haben. Das kann zu Irritationen bei den LeserInnen führen, auch wenn diese Entwicklung durch den Schluss des ersten Bandes schon angelegt war.

Neuenkirchen schafft es, abgesehen von einigen Längen, eine spannende Handlung zu konstruieren und filmreife Szenen zu entwickeln. Wie die Insepktorin die knallharten White Power-Typen vorführt, erstaunt und erfreut, nicht zuletzt wegen der geradezu satirischen Elemente. Yuka Satos atemberaubende Motorradfahrt auf der letzten Jagd nach dem Killer ist eine Klasse für sich. Filmreif ist auch der dramatische Showdown, dessen Dramatik allerdings durch den Hang zur Satire und befremdlich wirkende Denk- und Dialogpassagen der Figuren beeinträchtigt wird. Es wird nicht ganz klar, ob der Autor an dieser Stelle bewusst das klassische Showdown-Szenenmuster milde karikieren wollte oder ob hier etwas anderes intendiert war. Die LeserIn muss sich selbst ein Bild machen.

Es wird Neuenkirchen vermutlich gelingen, die Spannung über alle Bände hinweg zu halten, soviel wird jetzt schon ersichtlich. Das liegt einerseits am auftretenden Personal. Allen voran Yuka Sato und Nakashima, die sich als entwicklungsfähiges Ermittlerduo zeigen. Alte Bekannte wie Matsuyama, Yuka Satos Freundin Sam, der unverbesserliche Ken oder der im ersten Band von Yuka Sato aus dem Verkehr gezogene Yakuza-Chef Shiraishi tauchen wieder auf, Matsuyama eher am Rande, Sam in etwas unglaubwürdiger, Ken in überraschender, Shiraishi in sehr beängstigender Weise. Vor allem diese undurchschaubare Figur ist es, die bedrohliche Spannung suggeriert. Eine andere Art von spannender Erwartung weckt Yuka Satos koreanischer Polizei-Kollege Pak, der Shiraishi in Punkto Undurchsichtigkeit in nichts nachsteht. Der Autor legt kundig seine Fährten, lässt aber zugleich noch offen, wohin sie führen. Vielleicht wäre der Auftritt der Wahrsagerin Madame Midori am Ende gar nicht nötig gewesen. Neuenkirchen neigt mitunter zum Über-Expliziten.

An der Krimistory ist – außer an den vielleicht zu sehr auf die Spitze getriebenen Mord- und Opferzustands-Schilderungen und am effektheischerischen Prolog – nicht viel auszusetzen. Schwächen zeigt der Roman aber in der psychologischen Zeichnung der Figuren sowie in der sprachlichen Gestaltung. Zwar gelingt es Neuenkirchen, die psychologischen Untiefen des Täters auf eine sehr spannende und nicht zuletzt überraschende Weise zu zeichnen. Problematischer steht es um das Verhältnis von Yuka Sato und Nakashima. Was sich Nakashima in diesem Roman leistet – was, sei hier nicht verraten, um künftigen LeserInnen den Lesespaß nicht zu verderben – scheint eher unwahrscheinlich, polizeilich-unprofessionell. Noch unwahrscheinlicher ist Yuka Satos Reaktion darauf. Wie ist es möglich, dass eine Inspektorin, die in ihrem Beruf so unerschrocken agiert, die sich bisweilen knallhart gibt, ihrem Kollegen in Nullkommanichts und ohne weitere Probleme alles nachsieht und barmherzig verzeiht? Wie kann es möglich sein, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kollegen keinen Schaden nimmt? Gerade bei einem Autor, der in seinen Romanen mit journalistischer Akribie ein Abbild der Realität zu liefern scheint, der alles tut, um Wahrscheinlichkeit zu inszenieren, befremdet dies.

Zugleich ist diese Realitätsverpflichtung auch ein Problem in Neuenkirchens Romanen. Nach wie vor irritieren die überpräzisen Schilderungen von lokalen und zeitlichen Gegebenheiten. Man könnte fast sagen: zu prosaisch für literarische Prosa. Trockenene Beschreibungen ergeben noch keine Atmosphäre. Stilistisch ist das Werk nicht immer ein Vergnügen. Wenn wir Wünsche äußern dürften, würden wir uns für den nächsten Band wünschen, dass von der japanischen Kommunikationskultur noch mehr in die sprachliche Gestaltung einfließt und dass der nächste Band nicht mit einer weiteren Steigerung von grauenhaften Mordinszenierungen aufwartet. Andererseits erwarten viele LeserInnen womöglich genau das. Oder lieber doch etwas feiner gezeichnete Atmosphäre?

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist das Werk eine sehr vergnügliche Lektüre. Wir erfahren viel über den Tokyoter Alltag – und diesmal auch über das im Schatten von Tokyo stehende Saitama. Yuka Sato und Nakashima sind vielschichtige Figuren, die noch Einiges an Entwicklungspotential haben. Dem Autor ist ein spannungsreicher Kriminalroman mit Tokyoter Lokalkolorit gelungen, der die LeserInnen in Atem hält und neugierig auf die künftigen Bände macht. Wenn die LeserInnen den ausgelegten Lockmitteln folgen, werden sie zu FährtenleserInnen. Besonders nachdem sie das geheime Bonuskapitel gelesen haben, das Neuenkirchen online zur Verfügung stellt. Während der Wartezeit auf den Herbstroman lässt sich trefflich darüber spekulieren, was der angeblich geläuterte Yakuzaboss Shiraishi im Schilde führt, worin der koreanische Inspector Pak vestrickt ist und womit der weiße Dämon Yuka Sato ängstigen wird. Vermutlich erfahren wir das erst im Tokyo-Winter. Aber erst warten wir mal gespannt auf den Herbst. Der sich schon ankündigt in den sich verfärbenden Blättern der Bäume im Imperial Garden.

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