Montag, 24.09.2018

Autor: oliverg

Anathem (Neal Stepehenson) – Video Review, deutsch



Mittwoch, 19.09.2018

Autor: Immo Sennewald

Chinas Masterplan und Europas Eliten

Cover zu "Masterplan" von Stephan Scheuer

Wieviel Freiheit bleibt Europa?

„China first!“ Das müsste Xi Jinping, Parteiführer der Chinesischen Kommunisten und Staatsoberhaupt des Reiches der Mitte nicht proklamieren, um die Linie seiner Politik klarzustellen. Wie Mao Zedong ist er Führer auf Lebenszeit, jede Art polititscher Opposition lässt er brutal unterdrücken. Als Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010, vor den Folgen des chinesischen Nationalismus warnte, verschwand er im Kerker, bis ihn seine Krankheit zum Tode begnadigte.

Xi Jinping gewährte der deutschen Kanzlerin den Wunsch, Liu Xia, die Witwe Liu Xiaobos, in die Freiheit des deutschen Asyls aufnehmen zu dürfen, Angela Merkel „gab er damit Gesicht“, die chinesische Gepflogenheit, Verhandlungspartner in aller Augen aufzuwerten. Sie durfte sich bedanken. Mir fielen sofort die „Freikäufe“ ein, mit denen die Bundesrepublik politischen Gefangenen aus der DDR heraushalf. Heute sind nicht Kommunisten dringend auf Geld und wirtschaftliche Zusammenarbeit angewiesen, sondern deutsche Politiker und Konzernchefs haben ohne die KPCh keine Zukunft. Und weshalb das so ist, darüber hat Stephan Scheuer ein hoch informatives Buch geschrieben, es stimmt für die Zukunft Europas und Deutschlands nicht optimistisch.

Schon im Vorwort reißt er auf, wie Maos „Volksrepublik“ in nur 40 Jahren vom Drittweltland zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht heranwuchs und inzwischen mit seiner Innovationskraft sämtliche Industriestaaten vor sich her treibt. In folgenden neun Kapiteln legt er dar, wie sich Xi Jinpings unbegrenzte Machtfülle parallel zum Wohlstand von fast 1,4 Milliarden Menschen steigerte, chinesische Internet-Konzerne wie Baidu, Tencent, Alibaba, Huawei zu den amerikanischen Konkurrenten – Google, Facebook, Amazon, Apple – aufschlossen und die Digitalisierung des Alltags nirgenwo weiter fortgeschritten ist als in China. Andrerseits expandieren chinesische Firmen auf alle Kontinente. Sie schaffen Infrastrukturen in Afrika und Südamerika, dringen mit Finanzdienstleistungen und Firmenkäufen sowohl zu den Verbrauchern wie in Unternehmen vor, diktieren das Tempo bei der Entwicklung von autonomer Mobilität, sind Marktführer bei Drohnen. „Sieben von zehn weltweit verkauften Drohnen stammen von DJI“, schreibt Stephan Scheuer. Er liefert zu den Zahlen spannende Geschichten über Erfolge und Misserfolge großer Konzerne. Fast alle beeindrucken durch ihre Lernfähigkeit zwischen der Dynamik globaler Märkte und den Einschränkungen staatlicher Bürokratie, der Abschottung durch die „Great Chinese Firewall“. Manche Biographien ihrer Chefs taugen zur Legende. Frank Wang (DJI), Jack Ma (Alibaba), Pony Ma (Tencent), Robin Li (Baidu) mögen durchaus westlichen Vorbildern ähneln, sie unterscheiden sich jedenfalls durch ihre vollkommene Loyalität gegenüber der Partei.

Auch die Lebensgeschichte von Justin Lin (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmregisseur) liest sich abenteuerlich: Von Taiwan schwimmt er 1979 kilometerweit ins verfeindete Rotchina, darf nach Jahren der Bewährung in Peking Wirtschaft studieren und auf Vermittlung des Nobelpreisträgers Theodore W. Schultz in Chicago promovieren. Er brachte es zum Chef-Ökonomen der Weltbank. Dass die Finanzkrise von 2008 von China gut verkraftet wurde, weil die Führung nicht sparte, sondern beherzt in Infrastruktur investierte, dürfte ihm zu verdanken sein. Stefan Scheuer nennt ihn den Chefstrategen – nicht nur für Chinas globale Expansionspläne. Der Ausstieg des Staates aus der Wirtschaft ist für ihn kein Ziel, und die Einparteienherrschaft infrage zu stellen, käme ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil: Megafusionen von Staatsfirmen wie bei der Bahn, der Telekommunikation, bei Energiekonzernen, Banken und Autoherstellern dienen der globalen Expansion chinesischer Vormacht.

Alle technologischen Neuerungen nutzen die regierenden Kommunisten zugleich für ihr wichtigstes Ziel, eine „harmonische Gesellschaft“ aus konform handelnden „neuen Menschen“ zu schaffen – davon handelt Kapitel acht „Der Staat: Big Brother trifft Big Data“. Weitgehende Überwachung und soziale Kontrolle, ein darauf basierendes System von Belohnung und Bestrafung für jeden Einzelnen sind in manchen Städten und Regionen bereits realisiert, bis 2020 soll das flächendeckend funktionieren. Nicht nur Behörden, Verkehrsüberwachung, Fahrkarten und Flugtickets liefern Daten fürs Profil eines Bürgers, jede seiner Aktivitäten im Netz – Einkäufe, Online-Spiele, Finanztransaktionen, Chats… – fließen ein. Dank der uneingeschränkten Kooperation von Alibaba und Tencent, dank der hochentwickelten Auswertungs-Algorithmen von Baidu werden Bürger gläsern. Die wenigsten werden sich dagegen wehren, denn schon eine abweichende Meinung kann drakonisch geahndet werden.

Viele dieser Entwicklungen finden sich in journalistischen Berichten, Stephan Scheuer fasst sie klug zusammen, stellt sie in historischen Kontext etwa des Maoismus, bereichert sie um eigene Erfahrungen. Er zeigt, wie die Großmacht beginnt, Europa zu dominieren: Deutsche Autoproduzenten geraten unter Druck, wenn einer ihrer wichtigsten Märkte aufgrund staatlicher Planung auf E-Mobilität umgestellt wird, Fernziel: autonomes Fahren. Hier beginnen die Fragen. Datentechnisch ist ein autonomes Fahrzeug völlig transparent. Wird ein bürokratisches Monster wie die DSGVO chinesische Hersteller hindern, ihre Bauteile für Transfers zu nutzen? Standen bisher schon Smartphones aus China im Verdacht, ungeschützt gegenüber geheimdienstlichen Hackern zu sein, so wird etwa mit der Ausbreitung chinesischer Bezahldienste auch in deutschen Geschäften und Online-Märkten ein Zugriff des chinesischen Staates auf solche digitalen Quellen wahrscheinlicher. Wird aus dieser IT-Vormacht Chinas mit dem Blick etwa auf von künstlicher Intelligenz gesteuerte Kampfdrohnen bald eine miltitärische? Google hat sich in den USA aus einem entsprechenden Projekt zurückgezogen, Baidu wird das gewiss nicht tun.

Eine „Kombination aus Ignoranz und Selbstzweifel“ bescheinigt der Autor im letzten Kapitel dem „einst so stolzen“ Europa. Was die „Eliten“ von Politik und Wirtschaft anlangt, ist vor allem Ersteres auffällig.  Abgesehen von politischen und Finanzkrisen: Schon ein Blick auf die Bahn, die Verkehrsinfrastruktur, den Netzausbau und die Mängel im Bildungssystem löst begründete Zweifel daran aus, mit China auch nur gleichziehen zu können. Deutschland hat mindestens ein Jahrzehnt verloren. Sollte sich Europas Bevölkerung mit der EU so verbunden fühlen wie die Chinesen mit ihrem Land? Mancher Politbürokrat agiert, als würde er gern mittels IT und Medien nach chinesischem Muster die Bevölkerung umerziehen, jeden Widerspruch eliminieren. Affinitäten zu Marx, Lenin und Mao sind wieder en vogue. Der goldene Marx aus China in Trier ist eine Ironie der Geschichte.

Stephan Scheuer „Der Masterplan – Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ 1. Auflage 2018, 208 Seiten ISBN: 978-3-451-39900-8, 22 €

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Mittwoch, 12.09.2018

Autor: oliverg

Nico Semsrott: der Kalender des Scheiterns für 2019 (Unpacking-Video)

Montag, 03.09.2018

Autor: Andreas Schröter

Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Jennifer Eagan: Manhattan Beach«Jennifer Egan, eine 1962 geborene amerikanische Schriftstellerin, entführt uns mit ihrem fulminanten Roman „Manhattan Beach“ in das New York des Zweiten Weltkriegs. Ihre Hauptfigur Anna, eine selbstbewusste junge Frau, möchte unbedingt in den Marinewerften, wo die imposanten Kriegsschiffe gebaut werden, als Taucherin arbeiten.

Das erscheint zunächst unmöglich, hat es doch noch nie zuvor eine Frau gegeben, die den 100 Kilogramm schweren Tauchanzug angezogen hat. Und so treten ihr die größten Vorbehalte und Widerstände entgegen.

Die Autorin verquickt diese Emanzipations-Geschichte um Anna, die mit Mutter und schwerbehinderter Schwester zusammenlebt, mit zwei weiteren Handlungssträngen: Da ist zunächst der zwielichtige, aber gut aussehende Dexter Styles. Er verdient sein Geld zumindest teilweise mit illegalen Geschäften, in denen Nachtclubs, greise, aber mächtige Gangsterbosse in mafiaähnlichen Strukturen eine Rolle spielen. Dexter und Anna lernen sich kennen, und eine gegenseitige Anziehungskraft verbindet sie zumindest kurz.

Dritter Handlungsstrang ist die Geschichte um Annas Vater, der zunächst für Dexter Styles arbeitet und dann in Ungnade fällt. Er muss fliehen, um dem Tod zu entkommen und landet als Dritter Offizier auf einem Kriegsschiff, das von deutschen U-Booten angegriffen wird …

Man merkt diesem 500-Seiten-Schmöker an, dass Jennifer Egan dafür jahrelang recherchiert hat. Die Atmosphäre und die Details in der Marinewerft, beim Tauchen oder auch auf hoher See wirken absolut authentisch.

In seinen besten Passagen hat das Buch Pageturner-Qualitäten – man möchte es nicht weglegen. Andererseits erfordern der Detailreichtum und die Eigenart der Autorin, von einem Handlungsstrang zum anderen und dazu noch quer durch die Zeiten zu springen, ein gewisses Maß an Konzentration beim Lesen.

Jennifer Egan hat 2011 für ihren Roman „Der größere Teil der Welt“ den Pulitzer-Preis gewonnen.
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Jennifer Eagan: Manhattan Beach.
S. Fischer, August 2018.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Freitag, 31.08.2018

Autor: Andreas Schröter

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist«Einen Brief an seinen fiktiven Urenkel lässt der belgische Autor Jeroen Olyslaegers den über 90 Jahre alten Wilfried Wils schreiben. Darin geht es vor allem um Wils‘ Erlebnisse in der Zeit, als Belgien von den Nazis besetzt war. In einer Stadt, die zwar nie benannt, aber mit der wohl Antwerpen gemeint ist, dient Wils Anfang der 1940er-Jahre als Hilfspolizist und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Auf der einen Seite muss er den neuen Machthabern dabei helfen, Juden zu verhaften und abzuführen, andererseits unterstützt er seinen Freund Lode, der im Keller einen der Verfolgten versteckt.

​Der Roman stellt die Frage nach Schuld und Mitverantwortung für die Nazi-Gräuel durch Mitläufer wie unseren Helden. Hätte der damals 20-Jährige sich widersetzen können und sollen? Hätte er seinen Job kündigen müssen, in dem er den Nazis sehr nahe kam, obwohl er der einzige Ernährer der Familie war? Ist man feige, wenn man nicht den Helden markiert?

Der deutsche Titel „Weil der Mensch erbärmlich ist“, der auf dem Cover durchgestrichen ist, gibt eine Deutung vor, die der Text selbst nicht hergibt. Der neutralere Originaltitel „Wil“ wäre passender gewesen.

Empfehlenswert ist das Buch nicht nur wegen seiner ethisch-moralischen Fragestellungen, sondern vor allem wegen seines sprachlichen Stils. Und: Jede Zeile des 1967 geborenen Autors wirkt wahr, ehrlich und nachvollziehbar.

​Neben dem Nazi-Thema erfährt der Leser außerdem, wie es in einer belgischen Familie vor über 70 Jahren zuging – und das dürfte nicht nur für Belgien gelten: Hatte man eine Freundin, war es vollkommen unmöglich, sich mit ihr allein auf deren Zimmer aufzuhalten. Man hatte sonntags zum Mittagessen bei der Familie der Freundin zu erscheinen und musste den Smalltalk mit dem Vater über sich ergehen lassen. Abschnitte über solche Themen geben dem Buch auch humorvolle Stellen.
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Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist.
DuMont Buchverlag, Juli 2018.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Freitag, 24.08.2018

Autor: oliverg

Richard K. Morgan: Altered Carbon (Video review English + Deutsch)

Montag, 20.08.2018

Autor: oliverg

Bernd Stromberg: Chef-deutsch / deutsch-Chef (Langenscheidt)

Montag, 23.07.2018

Autor: Andreas Schröter

Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool

Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool«Adam, ein Junge an der Grenze zur Volljährigkeit, ist Hauptfigur und Ich-Erzähler in Natalie Buchholz‘ Debütroman „Der rote Swimmingpool“. Er kommt nicht darüber hinweg, dass sein Vater die Familie zugunsten einer neuen Freundin und deren Kinder verlassen hat.

Sehr früh – andeutungsweise sogar schon in einem kleinen Vorspann vor dem ersten Kapitel – erfährt der Leser, dass die Situation zwischenzeitlich eskaliert: Adam steckt das Haus in Brand, in dem die Familie früher gewohnt hat und in dem sein Vater nun mit der neuen Familie lebt. Dabei sterben zwei Hundewelpen.

Die 1977 geborene Münchener Autorin verschränkt geschickt zwei Handlungs- und Zeitebenen miteinander. Da ist einerseits die Gegenwart, in der Adam zur Strafe Sozialstunden in der Altenpflege ableisten muss und sich dabei in die Urenkelin einer der Seniorinnen verliebt – und da ist andererseits das Geschehen, das zu der Katastrophe mit dem brennenden Haus führt. Gelegentlich verlangt es beim Lesen ein wenig Konzentration, um immer gleich zu wissen, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Aber das macht nichts.

In „Der rote Swimmingpool“ leidet Adam nicht nur unter dem Verlust seiner Familie, er muss sich ganz nebenbei auch mit den Problemen herumschlagen, mit denen jeder Jugendliche in seinem Alter zu tun hat: erste Liebe, erste Erfahrungen mit Sex, Party- und Alkoholexzesse oder Freunden, die einem manchmal auch gewaltig auf die Nerven gehen können.

Das alles ergibt einen guten Unterhaltungsroman, der gewiss auch als nicht allzu schwergängige Urlaubslektüre taugt.

Es ist erstaunlich, wie gut sich Natalie Buchholz als Frau in die Psyche eines männlichen Jugendlichen hineindenken kann.

Am Ende des Romans gibt‘s noch eine faustdicke Überraschung, die das gesamte Geschehen in ein anderes Licht taucht. Aber die soll hier natürlich noch nicht verraten werden.
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Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool.
Hanser, Mai 2018.
288 Seiten, Taschenbuch, 19,00 Euro.

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Freitag, 20.07.2018

Autor: Immo Sennewald

Regine Igel: Terrorismuslügen

Schon nach kurzem Einlesen erstaunte mich die Recherchearbeit, die Regine Igel für ihr Buch geleistet hat. Ein enormes Puzzle von Zeiten, Orten, Personen tat sich auf, zusätzlich kompliziert durch Lücken und Schwärzungen in den Archivalien aus Stasi-Unterlagen, die man ihr beim BStU herauszugeben bereit war. Die größte Komplikation liegt freilich im Wesen der Sache: „Terrorismus-Lügen“ sind mehr als die gängigen Deckmäntel überm Agieren der Stasi, die einem beim ersten Blick auf den Buchtitel einfallen. Lügen, Fälschungen, Tarnen und Täuschen, kurz: Desinformation sind Methoden des Terrorismus selbst – und der Geheimdienste von Staaten, die dessen Handeln aus dem Untergrund gern und meist skrupellos ihren Interessen dienstbar machen. Insofern müsste die einstige Abteilung XXII des Mielke-Ministeriums nicht „Terrorabwehr“ sondern eigentlich „Terrorlenkung“ heißen.

Markus Wolf, bis 1987 Stellvertreter Mielkes und Chef der „Hauptverwaltung Aufklärung“ gab 1997 „Partnerschaften“ mit der PLO, mit dem berüchtigten „Schakal“ Carlos, mit der RAF zu – unbestimmt und vernebelnd. Fest steht, dass in den Jahren 1989 und 1990 vor allem bei der HVA und der Abteilung XXII sehr gründlich und erfolgreich die „operativ entscheidenden“ Akten vernichtet wurden. So entgingen deren Mitarbeiter möglichen Anklagen wegen der Beteiligung an Morden und Attentaten. Das dort gesammelte Wissen war und ist freilich auch für die westlichen Geheimdienste nützlich, weshalb eine riesige Menge erhaltener Akten im Interesse der „Staatsräson“ bis heute unter Verschluss bleiben, Regine Igel durfte sie nicht nutzen.

Sie erschloss sich Quellen im Ausland – etwa anhand der sehr weitgehenden und genauen Ermittlungen zum Terrorismus in Italien – und durchstöberte Zeitungsarchive, las zahllose einschlägige Bücher, glich mit Dokumentationen und Spielfilmen ab, befragte Zeitzeugen, übersetzte selbst aus dem Italienischen und Englischen. So fand sie heraus, wie unterbelichtet in allen Darstellungen der RAF-Aktionen das Zusammenspiel mit der Stasi erscheint. Die Netzwerke nahöstlicher, italienischer, japanischer und westdeutscher Kommandos waren mit Ostberlin eng verknüpft, fast immer mit Stasileuten infiltriert, einzelne Akteure wurden bezahlt und an geheimen Ausbildungsorten trainiert, tauchten zeitweise in der DDR unter, wurden mit Pässen und Legenden versorgt.

Neben dem frappierenden Gesamtbild, das sich trotz der staatlich verordneten Leerstellen aus dem Puzzle ergibt, erschafft die Autorin ein Panoptikum wichtiger Figuren. Es sind zahlreiche Doppel- und Mehrfachagenten darunter; bis zu Kassenbelegen der Stasi sowie Ein- und Ausreisedaten des Bundesdeutschen INPOL-Systems herunter hat Regine Igel Feinstrukturen untersucht. Wer immer sich mit dem Thema RAF und internationaler Terror befasst, wird ihre Aufschlüsse schätzen. Für mich war die Lektüre zugleich aufregend und mühsam; das Hin und Her zwischen Orten, Figuren, Ereignissen verlangt mehrfaches Lesen, Aufmerksamkeit für zahlreiche Anmerkungen, aber der Gewinn an Einsichten und Hinweisen auf weiterführende Lektüre ist enorm: Obwohl „Terrorismuslügen“ schon 2012 erschien, hat das Buch nichts an Brisanz eingebüßt.

Seine Botschaften könnten – mit den Worten eines ziemlich erfolglosen Innenministers ausgedrückt – „die Bevölkerung verunsichern“. Es zeigen sich Komplementarität und Korrespondenz von Staat und Terror: Die hohe Mobilität von Attentätern und Auftragskillern signalisiert, dass niemand an irgend einem Ort dieser Welt sicher sein kann, so will es der Terrorismus. Er kommuniziert über brutale Gewalt seine Ziele und seine Macht, damit bricht er das Gewaltmonopol des Staates. Er operiert klandestin wie die Geheimdienste, die sich spektakuläre Operationen in der Öffentlichkeit nur selten erlauben können, die aber die Sicherheit des Staates und seiner Bürger schützen sollen. Korrespondenz ergibt sich da, wo Information abzuschöpfen, wo Destabilisierung Dritter beabsichtigt ist, und es entstehen giftige Bündnisse, etwa von Rechts- und Linksextremisten, die auf Antiamerikanismus und Antizionismus gründen. Auch dabei zogen, das deckt Regine Igel auf, Stasi, KGB und andere östliche Geheimdienste jahrzehntelang die Fäden. Ein Blick auf heutige politische Konstellationen der Großmächte lässt erwarten, dass Strategien des „Deep State“ insbesondere mit islamistischem Terror kalkulieren. Deutschland ist für ihn ein logistisches Dorado.

Regine Igel „Terrorismuslügen – Wie die Stasi im Untergrund agierte“, Verlag F.A. Herbig, 2. Auflage Stuttgart 2018, 336 Seiten, 23 €

Freitag, 13.07.2018

Autor: Andreas Schröter

Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau

Richard Russo: v«Der 2017 gestorbene hochdekorierte amerikanische Schriftsteller Denis Johnson hat der literarischen Welt einen Band mit fünf Erzählungen hinterlassen: „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“. In allen Geschichten stehen Menschen im Vordergrund, die gerade eine Krise zu bewältigen haben oder am Ende ihres Lebens stehen – so wie Darcy, ein Schriftsteller, der als alter Mann allein in seinem Elend lebt und die Geister längst verstorbener Familienangehöriger sieht. Oder wie Mark, ein hochangesehener Dichter, der literarische Preise absahnt, aber gleichzeitig von dem Wahn besessen ist, Elvis Presley sei ab dem Jahr 1958 durch seinen tot geglaubten Zwillingsbruder ersetzt worden. Er gibt tausende von Dollar für angebliche Dokumente aus, die diese Verschwörungstheorie stützen.

Denis Johnson war sicherlich ein brillanter Schreiber, der tief in die Seelen seiner Figuren blicken konnte und seinen Büchern auf diese Weise einen enormen Tiefgang verlieh. Und doch wird „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ nicht jedem Leser gefallen. Dafür ist der gesamte Inhalt zu düster, hoffnungs- und trostlos – zum Beispiel, wenn der Insasse einer Entzugsanstalt Briefe an Verwandte, Bekannte oder auch den Papst schreibt, die er aber nie abschickt und in denen sich sein ganzes Elend und seine Verwirrtheit offenbart.

Eine Erzählung später befinden wir uns im Knast und spüren zwischen den Zeilen die Gewaltbereitschaft und Tristesse, die an diesem Ort herrscht. In der titelgebenden ersten Geschichte begeht ein exzentrischer Maler Selbstmord, und auch mit dem Ich-Erzähler ist es nicht zum Besten bestellt.

Es ist schlicht anstrengend, sich als Leser immer wieder neu auf solche deprimierenden Szenarien einzulassen.

Denis Johnson hat für einen Roman „Ein gerader Rauch“ (2007) den National Book Award erhalten. Außerdem stand er zweimal auf der Shortlist des Pulitzer-Preises.
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Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau.
Rowohlt, Mai 2018.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe,24,00 Euro.

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Donnerstag, 05.07.2018

Autor: Christiane Geldmacher

Steven Amsterdam: Einfach gehen

Steven Amsterdams Buch ist das beste Beispiel für „Schreib über das, was du kennst“. Der Autor, geboren 1966 in New York, ist Palliativpfleger in Melbourne und sein Buch handelt von dem Tod auf Verlangen. Der Roman ist vielschichtig, hintergründig, entlarvend, mitunter zynisch, auf jeden Fall ambivalent. Wie könnte es auch anders sein bei dem Thema Selbsttötung? Wie der Protagonist selbst ist man als Leser dauernd am Ende seines Lateins.

Amsterdam spielt in „Einfach gehen“ alle Variationen des „assistierten Suizids“ durch. Du bist todkrank und hast nur noch ein paar Tage. Du bist todkrank und hast nur noch ein paar Wochen. Du bist todkrank und hast nur noch ein Jahr. Du bist gar nicht krank, aber dein Partner ist gestorben und du willst ihm folgen. In deinem Leben hat sich ein Kreis geschlossen, es geht dir wunderbar, du bist glücklich, besser kanns nicht werden, und es macht keinen Sinn für dich, noch eine Runde zu drehen, in der zudem ja jederzeit was schief gehen könnte. Man ist ja froh, wenn man in seinem Eckchen sitzt und seine Ruhe hat.

Dein Tod soll aber bitte schmerzlos sein. Du willst dir weder den Kopf wegschießen noch für die Nachwelt eine Sauerei anrichten. Das Wundermittel für den Übergang ins Paradies („Endlich Frieden“) heißt Nembutal: Man schläft einfach ein.

Bis dahin muss man erstmal die ganzen Formulare ausgefüllt haben, nicht einmal nicht zweimal, nein, wieder und immer wieder. Und lauter Leuten, die man mal mehr, mal weniger gut leiden kann, x-mal versichern, dass man, ja, sterben will. Ja! Der selbstbestimmte Tod als Lebensbejahung und Befreiung! Das Buch handelt von freien Menschen, die in den Freitod gehen.

„Einfach gehen“ ist voll feiner Beobachtungen und Charakterzeichnungen; ob das nun die (gechippte, damit sie nicht verlorengeht) Mutter des Protagonisten ist, seine gierigen Liebhaber oder die Suizidwilligen in der Klinik. Amsterdam schreibt über die Distanzierten gleichermaßen wie die Distanzlosen. Und über die Gesellschaft, die immer mehr den Blick aufs Wesentliche verliert, deren Zumutungen völlig unzumutbar sind.

Eine der besten Szenen spielt in einem Park. Protagonist Evan ist aus dem Krankenhaus geflogen, weil er bei einem assistierten und mit der Kamera dokumentierten Suizid nicht ordnungsgemäß vorgegangen ist. Er hat einen alten Mann, der den Becher mit dem Gift nicht mehr selbst halten konnte, „unterstützt“ und dem Becher Stabilität gegeben. Nach seinem Rauswurf bewirbt er sich bei einer freien Organisation („961 Freunde“), die auf all diese Formulare, diese Interviews und diesen üblichen Schnickschnack verzichtet: Wenn Menschen sterben wollen, fahren sie hin und lassen das Gift da. Ohne unnötigen Schnickschnack verläuft auch das Bewerbungsgesprächmit dem Profiler: Er stellt ein paar Fragen, überprüft nur kurz die Daten und verlangt nur Einsicht in Evans Smartphone, um seine Krankenakte und seinen Finanzstatus zu checken. Alles okay. Evan hat den Job. Es kann losgehen. Und zwar sofort.

Ein tolles Buch.

Steven Amsterdam, Einfach gehen. Aus dem Englischen übersetzt von Marianne Bohn, Unionsverlag Zürich 2018

Mittwoch, 20.06.2018

Autor: Andreas Schröter

Richard Russo: Immergleiche Wege

Richard Russo: v«Pulitzer-Preisträger Richard Russo hat ein Buch mit vier Erzählungen geschrieben, in denen Akademiker im Mittelpunkt stehen, die bereits etwas älter sind. Sie müssen feststellen, dass sie ihr Plus an Lebenserfahrung nicht davor bewahrt, Rückschläge einzustecken. Eine Uni-Dozentin sieht sich mit einem Plagiatsfall konfrontiert, ein Immobilienmakler ist an Krebs erkrankt und ein Drehbuchautor wird von der Filmbranche böse hintergangen.

Die längste Geschichte handelt von einem Englisch-Professor, der sich in Venedig verliert. Diese Geschichte, die womöglich die stärkste im ganzen Buch ist, hat Parallelen zu der berühmten Thomas-Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“. Unser Held hat Schwierigkeiten mit seinem Handy, er verirrt sich und weiß nicht recht, wie er mit den Avancen einer Frau umgehen soll, die zu seiner Reisegruppe gehört. Außerdem schwelt seit Jahren ein Streit mit seinem Bruder, einem vorlauten, redewandten, aber oberflächlichen Mann, der somit das genaue Gegenteil der in sich gekehrten Hauptfigur ist. Dieser Gegensatz taucht auch noch in anderen Geschichten auf.

Insgesamt ein gutes Buch, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie Russos hochgelobter Roman „Ein Mann der Tat“ aus dem Jahr 2017.
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Richard Russo: Immergleiche Wege.
DuMont Buchverlag, Mai 2018.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

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Donnerstag, 31.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält«Tom Hazard ist 439 Jahre alt, sieht aber aus wie 40. Er gehört zu einer Gruppe von Menschen, die nur sehr langsam altern. Die meisten von ihnen sind Mitglied in einer Gesellschaft an, deren Boss die eiserne Regel „Du darfst nicht lieben“ ausgibt – denn eine solche Liebe zu einem Normalsterblichen, den „Eintagsfliegen“, müsste erstens unweigerlich traurig enden und könnte zweitens dazu führen, dass die Tarnung der Langlebigen auffliegt. Alle acht Jahre müssen sie ihre Identität aus Angst vor Entdeckung wechseln.

Unser Held Tom war und ist natürlich dennoch verliebt: Anfang des 17. Jahrhunderts in Rose, der er viele Jahrhunderte nachtrauert, und in der Gegenwart in Camille, die seinem Geheimnis auf die Spur kommt …

„Wie man die Zeit anhält“ ist ein guter Unterhaltungsroman, den man schnell weglesen kann, der aber zwischendrin auch seine Längen hat – wenn Tom allzu lange seiner Rose nachtrauert, ansonsten aber wenig passiert.

Zum Ende hin wird‘s etwas kitschig und der durchaus positive Ersteindruck wird ein wenig getrübt.

Die Gesamtaussagen des Romans, „Carpe Diem!, also: Lebe in der Gegenwart!, Lebe nicht in ständiger Angst! und Liebe!, sind letztlich nicht allzu überraschend.

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Dienstag, 29.05.2018

Autor: Andreas Schröter

David Mitchell: Slade House

David Mitchell: Slade House«Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, den man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke liest, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels Willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen.

Doch bevor es ans Sterben geht, erleben unsere gepeinigten Romanfiguren noch die perfekte Illusion. Nathan, ein Junge, glaubt im Jahre 1979, seine Mutter auf ein Konzert mit Yehudi Menuhin zu begleiten, der sexbesessene Polizist Edmonds sieht 1988 hinter dem Törchen nicht nur das riesige Slade House – wie alle Opfer –, sondern trifft auch die attraktive Mrs. Chetwynd, und der schüchterne Teenager Sally mit Gewichtsproblemen erlebt 1997 erst noch eine rauschende Party, bevor ihm die Seele geraubt wird. Weitere Tage der offenen Tür gibt‘s 2006 und 2015.

Das Ganze ergibt nicht nur eine klug ausgedachte Story, sondern ist dabei stilistisch auf höchstem Niveau geschrieben (was nicht normal ist bei einem Roman dieses Genres). Mitchell schreibt seine Kapitel aus der Sicht der Opfer und gibt ihnen jeweils ganz eigene sprachliche Stimmungen, was für Vielseitigkeit sorgt. Sehr gelungen!
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David Mitchell: Slade House.
Rowohlt, Mai 2018.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

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Sonntag, 27.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Jean Cocteau: Thomas der Schwindler

Jean Cocteau: Thomas der Schwindler«Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat einen Roman von 1923 neu übersetzen lassen: „Thomas der Schwindler“ von Jean Cocteau. Darin gibt sich ein 16-Jähriger als 19-jähriger Sohn eines Generals aus und verschafft sich auf diese Weise im 1. Weltkrieg Ansehen und Zutritt in Kreise, die ihm sonst verschlossen wären.

Gemeinsam mit einer Prinzessin und deren Tochter reist er in einem Wagen-Konvoi an die Front nach Reims, um Verwundeten zu helfen. Die Drei begreifen den Krieg dabei jedoch eher als spannende Theater-Kulisse, die gut dazu taugt, ihnen die Langeweile zu vertreiben, als als grausames Gemetzel.

Der kurze Roman ist in einem stakkatohaften Stil verfasst, der gelegentlich so wirkt, als habe der Autor lediglich eine Handlung skizzieren wollen, um sie später noch detaillierter auszuführen. Dazu angetan, dem Leser die Figuren näher zu bringen, ist dieser Erzählstil nicht.

Sehr erhellend ist ein Nachwort von Iris Radisch, das Jean Cocteau als Dandy beschreibt, der in seinem Leben keinen Tag einer geregelten Arbeit nachgegangen ist, sondern seine Zeit damit verbracht hat, die richtige Kleidung für den abendlichen Ball oder Theaterbesuch zusammenzustellen. Es gibt alte Romane, die dürfen getrost in der Mottenkiste bleiben.
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Jean Cocteau: Thomas der Schwindler (1923).
Manesse Verlag, April 2018.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

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Dienstag, 22.05.2018

Autor: Andreas Schröter

John Boyne: Cyril Avery

John Boyne: Cyril Avery«Der irische Autor John Boyne ist in Deutschland vor allem mit seinem Holocaust-Roman „der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ (2007) bekannt geworden. Nun hat er sich im 730-Seiten-Wälzer „Cyril Avery“ auf die Suche nach seinen irischen Wurzeln begeben. Er beschreibt darin das Leben Cyrils, der schon früh seine homosexuellen Neigungen erkennt, von der Geburt bis ins Alter.

Doppelmoral, religiöser Eifer, Rückständigkeit und Homophobie sind Themen, die sich durch den gesamten Roman ziehen – aber auch Liebe und familiärer Zusammenhalt.

Alles beginnt damit, dass im ländlichen Irland im Jahr 1945 Cyrils Mutter, Catherine, im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde an den Pranger gestellt wird, weil sie sich als 16-Jährige hat schwängern lassen. Der Pfarrer, der selbst zwei uneheliche Kinder gezeugt hat, zerrt sie an den Haaren aus der Kirche und vertreibt sie aus dem Dorf. Cyril wächst bei Adoptiveltern auf.

Man wird sehr schnell warm mit den Charakteren in diesem Buch und kann irgendwann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Das Ganze ist spannend, rührend und großartig geschrieben.
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John Boyne: Cyril Avery.
Piper, Mai 2018.
736 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

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Montag, 21.05.2018

Autor: Andreas Schröter

Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder

Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder«Mögen Sie Märchen? Wenn ja, dann mögen Sie auch „Die Legenden der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs. Dieses Buch nimmt einen bereits im Vorwort für sich ein. Dort heißt es zum Beispiel: „Sollten Sie nicht nachts aufwachen und über dem Bett schweben, weil Sie vergessen haben, sich an der Matratze festzubinden, dann legen Sie dieses Buch bitte sofort wieder dorthin zurück, wo Sie es gefunden haben.“

In den folgenden Geschichten – man ahnt es fast – geht es um allerlei märchenhafte Geschehnisse, die im schnöden Alltag doch eher selten zu beobachten sind: Da gibt es einen Mann – und sein Sohn tut es ihm nach –, der sich langsam aber stetig in eine Insel verwandelt: Ihm wächst Gras aus den Füßen und ihm rieselt Sand aus den Poren. Da gibt es weiter einen Jungen, der die Fluten der Meere beherrschen kann oder eine Prinzessin, die allein deswegen Schwierigkeiten hat, einen Mann zu finden, weil sie mit einer gespaltenen Schlangenzunge geschlagen ist. Fast so, als gehe es bei der Partnersuche nicht um innere Werte.

In der ersten Geschichte verbünden sich die Bewohner eines besonderen Dorfes mit einem Stamm Kannibalen – zu beiderseitigem Nutzen, denn die Dorfbewohner haben die Fähigkeit, dass ihnen die Gliedmaßen nachwachsen, wenn man sie abtrennt, und die Kannibalen zahlen großzügig für die Fleischrationen. Und solche Geschichten haben dann durchaus sogar eine moralische Lehre: Ordne nicht alles dem großen Geld unter!

Der 1979 geborene US-amerikanische Autor Ransom Riggs hat auch einen Herausgeber für seine Geschichten erfunden. Dadurch erweckt er den Anschein, als handele es sich um ganz alte Volksmärchen, die viele Jahrhunderte nur durch mündliche Überlieferungen an die nächste Generation weitergereicht worden sind.

Insgesamt ein großer Spaß für alle, die ein Faible für Phantastisches haben.
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Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder.
Knaur, April 2018.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

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