Samstag, 24.09.2016

Autor: rwmoos

Michael Krüger: Das Irrenhaus

Geisterzitate

Bücher rechnet man ja, ebenso wie Zeitungen, Film und Fernsehen, Blogs, Podcasts und Geisterbeschwörer zu den Medien. Das hat gute Gründe, denn wie bei einem guten Spiritisten können Bücher nicht nur Phantasieprodukte hervorbringen, sondern auch längst verstorbenen Seelen ein, sich in der Regel allerdings verjüngendes, Sprachrohr bieten. Oft genug präsentieren sie von Beidem etwas.
So nimmt es kaum Wunder, dass in Michael Krügers „Irrenhaus“ alle möglichen Leute auf dem Pfad der tugendhaften Zitation einwandern. Die meisten davon sind zwar ihrerseits wieder Phantasiegebilde, was aber dem Pochen auf ihre Autorität keinerlei Abbruch tut.

Der Ich-Erzähler, ein in seinem Beruf als Archivar ebenso unterforderter wie überlasteter, nicht mehr ganz junger Mann, ererbt aus dubiosen Quellen ein Mietshaus in bester Lage einer deutschen Großstadt. Er zieht selbst dort ein und wird mit den Marotten seiner Mitmieter ebenso konfrontiert wie mit seinen eigenen. Letztere beschränken sich in erster Linie darauf, sich einer Art qualifizierter Langeweile hinzugeben, die Zimmer dabei möglichst leer zu lassen und sich dem nachwehenden Geist seines Vorgängers, eines Schriftstellers mit einiger Reputation, dessen Verbleib nicht mehr feststellbar ist, hinzugeben.
Dabei verwischen sich immer mehr die Grenzen zu dem Vorgänger, so dass sich die eigene Individualität auflöst.
Man kann es als Geburt eines schriftstellerischen Geistes verstehen. Man kann aber auch muten, dass es bei den Wehen bleibt.

Gut geschrieben, teilweise gar brillant formulierend, erinnert das Werk an seinen besten Stellen an die Absurditäten eine Flann O’Brien. Andererseits zersetzt die Lektüre das Hirn ähnlich wie es James Baldwin in „Giovannis Zimmer“, der nervtötendsten seiner Erzählungen und Romane, gelang.
Wirklich befriedigend ist solch eine Lektüre freilich nicht – zu sehr spielt der Ich-Erzähler mit den Andeutungen, Zitaten und philosophischen Floskeln einer halbgaren geisteswissenschaftlichen Bildung herum, sich dabei immer eine Schnupfnasenlänge besser dünkend als das jeweilige literarische Gegenüber.
Die Frauenfiguren bleiben unberührt – das Erzähler-Ich redet sich und uns ein, die mit ihnen verbrachten Nächte lediglich mit Reden und Trinken und im Idealfalle gegenseitigem Verstehen verbracht zu haben. Innigere Gefühle lässt er dann seinen Lieblingskomponisten Sibelius (bzw den von diesem vertonten Dehmel) vortragen.
Auch dazu benutzt er wieder das Stilmittel der Zitation.
Auffallend an seinem sonstigen Stil ist schon auf den zweiten Blick das Fehlen der wörtlichen Rede. Taucht sie dennoch auf, wird auf die ansonsten im heimischen Sprachraum üblichen Gänsefüßchen verzichtet. Das führt zu der gewöhnungsbedürftigen, aber durchaus freundliche Heiterkeit hervorbringenden Abfolge von Frage- respektive Ausrufezeichen in traulicher Nachbarschaft mit folgendem Komma. Das sieht dann so aus!, oder eben auch so?,
Gelegentlich gelingt es dem Autor, beide typografischen Kostbarkeiten auf einer einzigen Seite unterzubringen. Respekt!
Andererseits führt dies zu dem begründeten Verdacht, dass den gesparten Gänsefüßchen im restlichen Werk dann eine besondere Bedeutung zukommt. So erklärt sich denn die oben beobachtete Liebe zur Zitation, die nicht immer, aber oft so weit geht, sogar das „ß“ in alter Rechtschreibung zu belassen.
Denn tatsächlich:
Stellt man die wirklichen und gefakten Zitate – und die anderen in Gänsefüßchen gefassten Begriffe – nur der Reihe nach hintereinander, kann man den interessanterweise nicht nur den Inhalt des Buches, sondern auch die innere Intention auf anderthalb Seiten zusammenfassen. Das sei im Folgenden getan. Denn nur so wird man diesem konfusen, jedoch durchaus lesenswerten, Roman einigermaßen gerecht.

„Was wir tun können, hängt nicht von uns ab, aber von uns hängt es ab, das wir es tun. Die
Freiheit nur erklärt den Misserfolg.
zu Hause
Archimedes
Nachrufe Kultur
Dionysos-Kulte
Wenn Dir ein Philosoph antwortet, weißt du am Ende gar nicht mehr, was du ihn gefragt hast
Und von den Tannen blutet frisches Fleisch
Solch einen Gott, o König, wer er sei
Nimm auf in deiner Stadt; denn er ist groß
Und was er uns gebracht, wie man erzählt,
Das ist der Wein, der allen Kummer löst.
Gibt‘s keinen Wein, so gibt‘s auch keine Liebe,
Kein ander Labsal für die Menschen mehr.
freier Philosoph
Aus banger Brust
So hab ich es noch nie gewußt,
so oft ich deinen Hals umschloß
und blind dein Innerstes genoß,
warum du aus so banger Brust
aufstöhntest, wenn ich überfloß.
Mensch
loszutreten
Ich bin. So herrscht der Baum den Baum an und den Kiesel, den arglosen Kieselstein.
Weißwäsche
zweite Reihe
Wahrheit
Ding
Tannhäuser
Lust verspürte
Tannhäuser
Tannhäuser
Tannhäuser
Tannhäuser
Wie dieser Stab in meiner Hand nie mehr sich schmückt mit frischem Grün, kann aus der Hölle heißem Brand Erlösung nimmer dir erblühn
ein offenes Ohr
früher
damals
heute
bis Mitternacht
bis zwölf
Das Leben der Toten – eine idiotische Vorstellung. Außerdem das Geheimnis der Zivilisation.
Der Glaube an Gott löst die Probleme nicht, aber er macht sie lächerlich.
Elegie auf eine Ameise
It was like sudden time in a world without time,
This world, this place, the street in which I was,
Without time, as that which is not has no time,
Is not, or is of what there was, is full
Of the silence befor the armies, armies without
Either trumpets or drums, the commanders mutt, the arms
On the ground, fixed fast in a profund defeat.
Hymne an einen Tautropfen
seines
Der Garten
Gärtnern
In der Hoffnung, dass Du uns nicht noch einmal enttäuschst, verbleibe ich Deine Mutti
Sogenannten Schriftsteller Georg Faust
Ehemaligen Schriftsteller Georg Faust
Hochstabler Georg Faust
Erloschen ist die letzte Glut im Herde,
der Morgen graut, Zeit wird es, daß ich geh‘ –
ich weiß es nicht, wohin ich wandern werde,
ich will so weit, daß ich dich nimmer seh‘.
Einer, der sich an jeder Ecke selbst verhaftet
Sie heiratete ihn, um ihn immer bei sich zu haben. Er heiratete sie, um sie zu vergessen.
den einfachen Leuten
… dass alle Widersprüche durch das leicht scheinende, aber wenig verbreitete Mittel beseitigt werden können, ein Wissen davon zu haben, was man sagt. Widersprüche bilden sich, indem zwischen der Aussage und der Intention eine Diskrepanz aufbricht. Was man begrifflich hat fassen wollen, zeigt sich, nicht wirklich oder vollständig oder angemessen erfasst zu sein. Der Begriff einer Sache ist dann unzureichend, wenn die Sache nicht so erfasst ist, wie sie sollte und wie es aufgrund ihrer eigenen Natur erforderlich ist. Eine Sache nicht so zu fassen, wie es nötig und gemeint war, heißt aber schlicht, sie anders zu erfassen, als sie ist. Der Widerspruch entsteht hier, weil der Begriff einer Sache, bei ungebrochener Behauptung, sie zu erfassen, sie in der Tat nicht so erfasst, wie sie ist, sondern anders. Der fragliche Begriff ist also der Begriff der Sache und zugleich nicht der Begriff der Sache, und beides wird für ein und dasselbe gehalten. Das bildet den Widerspruch.
mit mir ins Reine
Altlasten
abzuarbeiten
der Dame zu zeigen, wo der Hammer hängt
weggesperrt
conditio sine qua non
das Haus
was Sache ist
alle
Vater
Habe die Ehre
Selbstmörderbrücke
Die Wahrheit ist gekommen, und das Nichtige verschwindet; sicherlich vergeht das Nichtige
an der Leere
Alles Leere, deshalb schön bei dir!
kein schöner Anblick
totale Abhängigkeit
nach Hause
unsterbliche Werke
ganz unter uns gesagt
blöde Kuh
in die Kiste
kuhäugig
laufen
meine Mutter
ich
ich
meine Mutter
meine Mutter
meine Mutter
Spezial-Nudeln
richtige Adresse
Weit zurück in dem leeren Nichts ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muss sehr früh gewesen sein; denn mir ist, als liege eine sehr weite Finsternis des Nichts um das Ding herum. Dann war etwas anderes, das sanft und lindernd durch mein Inneres ging. Das Merkmal ist: Es waren Klänge. Dann schwamm ich in etwas Fächelndem, ich schwamm hin und wieder, es wurde immer weicher und weicher in mir, dann wurde ich wie trunken, dann war nichts mehr.
Diese drei Inseln liegen wie feen- und sagenhaft in dem Schleiermeere der Vergangenheit, wie Urerinnerungen eines Volkes. Die folgenden Spitzen werden immer bestimmter, Klingen von Glocken, ein breiter Schein, eine rote Dämmerung. Ganz klar war etwas, das sich immer wiederholte. Eine Stimme, die zu mir sprach, Augen, die mich anschauten, und Arme, die alles milderten. Ich schrie nach diesen Dingen. Dann war Jammervolles, Unleidliches, dann Süßes, Stillendes. Ich erinnere mich an Strebungen, die nichts erreichten, und das Aufhören von entsetzlichem und Zugrunderichtendem. Ich erinnere mich an Glanz und Farben, die in meinen Augen, an Töne, die in meinen Ohren, und an Holdseligkeiten, die in meinem Wesen waren. Immer mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme, die zu mir sprach, und die Arme, die alles milderten. […] Diese Arme fühlte ich mich einmal tragen. Es waren dunkle Flecke in mir. Die Erinnerung sagte mir später, dass es Wälder gewesen sind, die außerhalb mir waren. Dann war eine Empfindung, wie die erste in meinem Leben, Glanz und Gewühl, dann war nichts mehr.
aufs Haus
zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
morgendlichen Stumpfheit und der abendlichen Verzweiflung
in dem Sie mit der Schriftstellerin nach der Lesung gesehen wurden
Zeigen Sie halt, was Sie können
Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass ein Mensch in der Mitte seines Lebens vor drei Wahlmöglichkeiten steht: überhaupt nicht mehr zu schreiben, sich mit einer vielleicht immer größer werdenden Virtuosität zu wiederholen oder sich durch geistige Anstrengung diesem ‚mittleren Alter‘ anzupassen und eine andere Arbeitsweise zu finden.
Bei Rauch im Zimmer: Rollen Sie sich aus dem Bett, ziehen Sie Schuhe an und kriechen Sie zur Tür (Rauch und Brandgase steigen nach oben). Atmen Sie durch ein nasses Tuch. Füllen Sie die Badewanne. Das Wasser in der Wanne kann zum Löschen erforderlich werden. Legen Sie sich nicht in die Wanne.
Träume sind Sinneswahrnehmungen mit nur zwei Dimensionen. Ideen sind Sinneswahrnehmungen mit nur einer Dimension. Die Linie ist eine Idee.“

In linientreuer Dankbarkeit dem zitierten und zitierendem Autor gegenüber, bemerkt der Rezensent durch dieses eher formale Experiment, dass das inhärente Thema des Romans die darin explizit kaum auftauchende Mutter des Ich-Erzählers ist. Indem dieses Thema aber nicht an- sondern umgangen wird, entsteht, ob gewollt oder nicht, genau jene Konfusion, die den Leser mehr ratlos denn angeregt zurück lässt. Eine angebotene Lösung wäre, die Geschichte als Versuch der Selbstgeburt eines Schriftstellers zu verstehen, mit der er sich von der matriarchalen Bindung lösen will.

Tüchersfeld im September 2016
Reinhard W. Moosdorf

Samstag, 24.09.2016

Autor: rwmoos

Katrin Hauck & Tim Kempers: Unnützes HamburgWissen

Flanieren mit Manieren

Es soll ja durchaus vorkommen, dass man sich in irgend einer daher gelaufenen Stadt wiederfindet und plötzlich, besorgt um die individuelle Volksgesundheit, fragt: Was mach‘ ich eigentlich hier?

Solchen Situationen zumindest in Hamburg vorzubeugen, hat der stadtbekannte Wiener Holzbaum-Verlag den beiden Autoren Katrin Hauck und Tim Kempers im Rahmen seiner Reihe „stadtbekannt“ eine, in ausgebreiteter Form ungefähr 1,15m² große, papierne Plattform gegeben. Dankenswerterweise band er die Seiten in’s Format der guten alten Westentasche.

Leicht daher geplaudert liefert das Autorenduo der oben angeführten unpersönlichen Persönlichkeit in anekdotischer Form das Rüstzeug, sich Hamburg gefügig zu machen.
Dabei gibt das manierliche Büchlein in erster Linie den Input für eine touristische Stippvisite der weitberühmten deutschen Hafenstadt. Doch auch dem hier Zu- oder Aufgezogenen, ja möglicherweise sogar der geborenen oder gar gebürtigen Hanseatin (den feinen Unterschied entnehme man der Publikation selbst), wird die Lektüre desselben ein verständnisinniges Lächeln entlocken können.
Kurzum: Möchte man Hamburg begegnen oder auch nur in Hamburg jemandem begegnen, wird es kein Fehler sein, das „Unnütze HamburgWissen“ sein Eigen genannt und per Lektüre daraus das bis dato vernebelte innere Stadtbild gelichtet zu haben.
Lediglich das Thema Autobahn sollte von den österreichischen Autoren nochmals auf-gewienert werden: Die A 1 war keinesfalls die erste richtige Autobahn – diese Ehre gebührt immer noch der heutigen A 555 zwischen Köln und Bonn.

Dafür findet sich auch Mysteriöses in dem Westentaschenformat: So treibt auf S. 21 eine „Schildvortiebmaschine“ ihr r-loses Unwesen. Und wenn auf S. 70 die „Kolonisation“ nicht abgedeckt war, nimmt es kein Wunder, dass auch die dadurch geprägte Expansionszeit zu Ungunsten des Abendlandes und damit auch Hamburgs gen Himmel stank.

Dagegen aber hilft das Experiment, das auf S. 36 nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen wird: Lütt un Lütt in echter Hafenarbeiter-Manier zu trinken. Der Autor dieser Zeilen ist noch am Probieren.

Na denn: Prost!

Tüchersfeld, den 23. September 2016

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Freitag, 23.09.2016

Autor: Andreas Schröter

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin«Der australische Autor Richard Flanagan, der mit „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ in Deutschland bereits im vorigen Jahr für Furore gesorgt hat, überzeugt auch mit dem Nachfolger: „Die unbekannte Terroristin“.

Darin gerät die vollkommenen unbescholtene Stripperin Gina in Sydney ins Fadenkreuz von Medien, Politik und Polizei, weil sie auf einem kurzen Video gemeinsam mit einem mutmaßlichen Terroristen zu sehen ist. Völlig verängstigt wendet sie sich nicht an die Polizei, sondern versucht unterzutauchen.

Das Thema ist geradezu erschreckend aktuell – fast möchte man diesen Roman zur Pflichtlektüre in unserer heutigen von Terrorangst durchsetzen Gegenwart vorschlagen. Er zeigt auf sehr eindringliche Weise, in welche unheilvolle Spirale sich eine Mischung aus Sensations-Journalismus, übereifriger Polizei, einer angsterstarrten Öffentlichkeit und Politikern, die Furcht vor der nächsten Wahl haben, hineinsteigern kann. Das alles wirkt ungemein realistisch – so als könnte es so nicht nur in Sydney, sondern auch bei uns jeden Tag passieren. Kleiner Wermutstropfen, aber hinnehmbar: Die Handlung ist sehr vorhersehbar.
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Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin.
Piper, September 2016.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Dienstag, 20.09.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe – Band 1 (1907-1918)

– Alles von Tucho bei Amazon.

Gesamtausgabe:

Dienstag, 13.09.2016

Autor: Andreas Schröter

Gustaaf Peek: Göttin und Held

Gustaaf Peek: Göttin und Held«Eine Liebesgeschichte in umgekehrter Reihenfolge erzählt der niederländische Schriftsteller Gustaaf Peek, geboren 1975. Sein Buch „Göttin und Held“ beginnt mit dem Tod Tessas als uralte Frau, um dann Kapitel für Kapitel immer weiter in der Zeit zurückzugehen. Das Ende ist zugleich der Anfang von Tessas und Marius‘ Liebe im Teenageralter. Konsequenterweise sind die Kapitel rückwärts nummeriert. Man könnte das Buch problemlos auch von hinten nach vorne lesen.

Es gibt zwei Probleme an diesem Roman: Durch das Rückwärtserzählen kann die Handlung nicht aufeinander aufbauen. Die einzelnen Kapitel haben kaum etwas miteinander zu tun. Der Roman liest sich eher wie eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Und: Er ist stark fokussiert auf den erotischen Tel der Beziehung zwischen Tessa und Marius. Und das enorm detailreich. Das kann man „pikant“ finden, wie ein niederländischer Rezensent. Man kann das Buch aber auch schlicht pornografisch finden – womit noch kein Werturteil abgegeben sein soll.

Insgesamt kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss.
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Gustaaf Peek: Göttin und Held.
DVA, August 2016.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 13.09.2016

Autor: Immo Sennewald

Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint Termeer und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Montag, 05.09.2016

Autor: Andreas Schröter

Hendrik Groen: Eierlikörtage

Hendrik Groen: Eierlikörtage«Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in jedem Altenheim werden. Der niederländische Senior Hendrik Groen (83) beschreibt in einem auf ein Jahr angelegtes Tagebuch sein Leben in einem Altenheim in Amsterdam-Noord. In den Niederlanden steht dieses Buch seit zwei Jahren auf der Bestsellerliste, nun ist es endlich auch auf Deutsch erschienen.

„Eierlikörtage“, so heißt das Werk, ist alles zugleich: lustig, ernst, traurig, unterhaltsam und vor allem wohl einfach wahr. Und es hat eine Botschaft an alle Senioren: Versucht, dem Leben noch ein wenig Freude abzutrotzen. Nur nörgeln und über die eigenen Gebrechen, das Wetter und das Essen klagen, bringt rein gar nichts.

Hendrik Groen und fünf Gleichgesinnte gründen im Altenheim den Club „Alanito“ – alt, aber nicht tot. Sehr zum Verdruss der übrigen Belegschaft, die sich vor allem im Jammern und Katzbuckeln vor der Heimleiterin gefällt, unternehmen die Clubmitglieder noch etwas. Sie gehen in den Zoo, in nette Restaurants, ins Kino in einen 3D-Film oder zum Golfen. Das alles macht ihnen enorm viel Spaß, auch wenn die körperlichen Gebrechen immer heftiger werden und den Fortbestand der Gemeinschaft bedrohen.

Hendrik Groen, der übrigens nicht wirklich so heißt und auch kein 83-jähriger Senior im Altenheim ist, macht nicht den Fehler, das Altsein zu glorifizieren. Er zeigt es mit all seinen Zumutungen wie Inkontinenz, seltsamen Gerüchen, Gehbehinderungen oder drohender Demenz. Doch trotz allem – und darum geht‘s in diesem Buch – kann man versuchen, dem Leben noch einige schöne Stunden abzuringen. Am besten in Gemeinschaft. Ein sehr schönes Buch.
——————————–

Hendrik Groen: Eierlikörtage.
Piper, August 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Sonntag, 04.09.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt Marc Elsberg: Blackout

Mit etwas Technikgehoper und schwarzem Bildschirm (passt ja beides zum Thema), dank komplett neuer Technik (Open Broadcast Software und Youtube Livestream)
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Samstag, 27.08.2016

Autor: rwmoos

Federico Axat: Die Verwandlung des Schmetterlings

Meta-Morphoses

Nicht jeder macht in der Pubertät eine Entwicklung durch, die den Vergleich mit der Metamorphose des Schmetterlings nicht zu scheuen braucht.
Federico Axat schildert eine solche Entwicklung – und es ist nicht die Entwicklung eines Helden – eher die eines Feiglings. Gerade deshalb lesenswert.
Eigentlich jeder der Nebenfiguren des Romans ist irgendwie ein Typ – respektive die feminine Entsprechung eines Typen. Der Freund hat‘s einfach drauf. Die Angebetete ist fast so was wie eine Heldin. Der Antagonist mag ein Scheusal sein, aber er ist zweifelsohne ein Alpha-Tier. Der Pflegemutter kann man trotz oder auch wegen ihrer Strenge einen grundsoliden Respekt nicht verwehren und selbst die dauerstänkernde Schwester hat einen Charakter, den man gern näher kennen lernen möchte.
Einzig und allein der „Held“ der Geschichte schwächelt ständig.
Eigentlich – so mag man meinen – keine gute Ausgangssituation für einen Verkaufsschlager. Und dennoch gelingt Federico Axat mit „Die Verwandlung des Schmetterlings“ ein nahezu schlüsselfertiger Roman, der das Zeug zu einem Bestseller hat.

Eine Waise, die mit zahlreichen Sozial-Geschwistern in einer Pflegefamilie aufwächst, verliebt sich in ein Mädchen aus einer ihm nie erreichbar scheinenden Gesellschaftsschicht und begegnet dabei quasi zufällig dem Grund, der seine allein erziehende Mutter tötete.

Wie dieser Junge schließlich der daraus entstehenden Zerreißprobe begegnet – das wird fast beiläufig abgehandelt und hätte doch jeden Erwachsenen auf der nach oben offenen Skala des Erwachsenenseins noch ein gutes Stück höher katapultiert.

Vor diesem Hintergrund nimmt man auch ein paar technische Merkwürdigkeiten sowie des Plots als auch der Technik im eigentlichen Sinne hin. Was Letztere anlangt: Wie man eine Baumhausplattform ebenerdig zusammenbaut und sie dann erst per Flaschenzug an einem dicht mit Ästen bewachsenen Baum nach oben zieht, möchte sich nur schwer erschließen. Und dass ausgerechnet ein Ford Pinto im Jahr 1974 verunfallt, ohne in Brand zu geraten, ließt sich für den Auto-Experten wie eine Absolution auf jenes Gefährt und seine Hersteller. War es doch gerade der Pinto, der ob des in ihm experimentell eingebauten ungenügend versteiften Plastiktanks, bei jedem noch so kleinen Unfall gleich als „Pinto-Fackel“ sein Innenleben inklusive und exklusiv auslöschte. Die Hersteller wussten seinerzeit um das Problem, schätzten aber die Kosten für eine Abhilfe geringer ein als die evtl. aufziehenden Prozesskosten. Das juristische Establishment gab ihnen in der Folge Recht. Dass hier im Buch nun statt der Frage nach Produktionsethik in schmetterlingshaftem Schillern eher die dort übliche Frage nach Ehe-Ethik gestellt wird, mag dem amerikanischen Markt entgegenkommen. Gedankliche Lücken füllen dann Aliens oder Alkohol oder beides. Doch auch in den Staaten gab es mutigere und trotzdem erfolgreiche Bücher.

Ansonsten ist dieser sehr gut geschriebene Roman durchaus mehr als sein Geld wert. Lediglich den Schluss möchte man sich straffer gefasst wünschen – da plätschern noch viertelstundenlang diverse Belanglosigkeiten nach, so als ob jemand den Hahn nicht ordentlich zugedreht hätte.

Ein geratenes Buch allemal. Aber auch ein wichtiges Buch?
Nun, das kann ich so leider nicht sagen. Es fehlt jene Katharsis, die einem richtig guten Werk eignet, jene Mitnahme in eine Reinigung, wie sie der Metamorphose immanent ist. Die entsprechenden Passagen werden durch Zeitsprünge inklusive nichtssagender Rückblenden gefüllt.
Schade. Autor und Plot hätten das Zeug zu noch mehr gehabt.

Reinhard W. Moosdorf
Juli 2016

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Dienstag, 23.08.2016

Autor: Ilka Sundermann

Haruki Murakami: 1Q84

In den ersten beiden Bänden der als Trilogie angelegten Geschichte schreibt der japanische Schriftsteller Haruki Murakami in seinem über 1000 Seiten starken Werk über die phantastische Welt von „1Q84“. Die Handlung spielt in der Realität Japans der 80er Jahre und gleichzeitig in der mystischen Welt „1Q84“. Die reale und surreale Welt finden parallel statt. Diese Parallelwelten gekonnt in Szene zu setzen und sie geschickt miteinander zu verweben macht die Erzählkunst Murakamis aus.

Murakami beschreibt in den ersten Kapiteln seines Romans zunächst die Lebenssituation der Protagonisten Aomane und Tengo. Kapitelweise führt er den Leser abwechselnd in Tengos und Aomames Welt ein. Die beiden kannten sich schon als Schüler und haben sich seitdem nicht vergessen. Als Aomame und Tengo zehn Jahre alt waren, hat Aomane in der Schule plötzlich und unerwartet Tengos Hand gehalten und tief in seine Augen gesehen, ein schicksalhafter Moment, der das weitere Leben der beiden bestimmen sollte. Auch wenn sie sich seither nie mehr gesehen haben, hoffen sie, dass sich ihre Lebenslinien irgendwo wieder schneiden werden. In dem Glauben, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird, lassen sich beide auf keine partnerschaftlichen Beziehungen ein, sondern suchen nur kurzfristige sexuelle Abenteuer.

Fitnesstrainerin und Auftragskillerin Aomane steigt mitten im Tokioter Berufsverkehr aus einem Taxi, weil sie einen wichtigen Termin nicht verpassen will. Um von der Stadtautobahn zu kommen, nimmt sie eine Rettungstreppe – und gelangt, ohne es zunächst zu merken, in eine Parallelwelt. Erst auf den zweiten Blick nimmt sie kleine Veränderungen wahr. Die Polizisten tragen andere Uniformen, es gab einen Zwischenfall mit einer Sekte, von dem sie bislang noch nichts gehört hatte. Gerade rechtzeitig schafft sie es zu ihrem Termin. In einem Hotel tötet sie einen Mann, der seine Frau bestialisch gequält hat, ohne dass jemand etwas anderes als eine natürliche Todesursache feststellen wird, mit einem winzigen Nadelstich.

Schriftsteller und Mathematiklehrer Tengo erlebt ähnlich Sonderbares, als er den Auftrag annimmt, das verstörende Romandebüt „Die Puppe aus Luft“ der 17-jährigen Fukaeri zu lektorieren. Darin tauchen nicht nur die geisterhaften Wesen „Little People“ auf, sondern auch eine religiöse Sekte mit erschreckend brutalen Riten. Als das Buch ein Riesenerfolg wird, scheint die Geschichte plötzlich Wirklichkeit zu werden.

Tausend Seiten weiter haben sich Aomame und Tengo immer noch nicht gefunden, aber allerlei Bizarres erlebt. Am Ende des Buches steht Aomame wie zu Beginn auf der lauten Stadtautobahn. Am Ende bleibt offen, ob Aomane Selbstmord begangen hat oder über die Treppe zurück in die reale Welt gegangen ist. Viele Fragen bleiben offen. Welche Rolle spielen die ‚Little People‘ in der phantastischen Welt von ‚1Q84‘? Wie und warum gerieten Tengo und Aomane in diese Welt? Gibt es einen Weg zurück und vor allem werden sie einander finden?

Murakamis romantisch-phantastische Liebesgeschichte spielt in einer unheimlichen Welt, die von Gewalt, Verfolgung, Fanatismus und Isolation geprägt ist. Düster und geheimnisvoll und zugleich berührend. Die Darstellung der einzelnen Figuren macht das Werk lesenswert. Wahrscheinlich ist es der Kontrast zwischen der Darstellung der harten und brutalen äußeren Welt, Aomanes und Tengos fragil-sensiblen inneren Welt und die auch für den Leser spürbar gemachten inneren Verbundenheit der Romanhelden, welcher dem Werk seinen ganz besonderen Charme und seine romantische, aber nicht verklärte Aura verleiht.

Haruki Murakami: 1Q84
btb Verlag, Taschenbuchausgabe 2013
12,99 Euro

 

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Dienstag, 23.08.2016

Autor: oliverg

Christian von Aster: „Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse“ [Gastposting von Patrik Knothe]

Der Kurzroman „Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse“ von Christian von Aster handelt auf den ersten Blick von vier völlig unterschiedlichen Menschen, die sich mehr oder weniger am Rand der Gesellschaft befinden. Sie sind Diebe, Schwarzmarkthändler und verlorene Träumer. Alle wollen sie von Dresden nach Berlin und kommen schließlich als ungleiche Gruppe in einer Fahrgemeinschaft zusammen. Am Treffpunkt angekommen erregen sie die Aufmerksamkeit der Firma Stagnatex Ltd., die die ganze Gegend mit Kameras überwacht und die Gruppe für ihr soziales Experiment nutzen will. Die von der Firma kontrollierten Polizeibeamten lotsen die Fahrgemeinschaft schließlich in eine Demonstration der Bürgerbewegung „Pegida“, die ebenfalls aus dem Experiment hervorgegangen ist. Es geht um die „Stimulation von Wutspiegelneuronen“ und „Humanlenkmechanismen“, Gruppendynamik und das Verschwinden von Vernunft bei heftigen Emotionen. Die Protagonisten müssen sich nun gegen den Sog der Demonstration wehren, bei der Journalisten und Andersdenkende lebendig gefressen werden …

Beim Titel „Zombigida“ könnte man meinen, es handle sich hier um eine witzige, satirische, ironische oder auch zynische Auseinandersetzung mit der „Pegida“-Bewegung. Dem ist aber nicht so. Die oben genannte Handlung soll vielmehr nur das Gerüst für eine todernste Abrechnung mit den Demonstranten bilden.
Dass der Leser dabei weder erfährt, warum die Firma dieses Experiment durchführt, noch aus welchem Grund die deutsche Exekutive sich an solch einem diabolischen Unterfangen beteiligt, scheint keine Rolle zu spielen … Es geht ums Diskreditieren und Bloßstellen. Die Demonstranten werden, wie es der Titel schon verspricht, als seelenlose Zombies dargestellt. Doch das scheint dem Autor noch nicht genug zu sein. An einer Stelle wird ausdrücklich auf die Swarovski-App einer Mitmarschierenden hingewiesen. Sie sind also nicht nur Zombies, sondern auch noch dekadent! Weiter wird Sachsen mit seinen Bewohnern als „Tal der Ahnungslosen“ und „Tal der Arbeitslosen“ beschimpft. Wenn der Autor dann noch von einem „direktdemokratischen Moloch“ schreibt, fragt man sich endgültig, was diese Hasstirade eigentlich soll und warum jener sich die Mühe gegeben hat, Figuren und eine Handlung dazu zu erfinden.
Dies hätte vielleicht noch Sinn gemacht, wenn man die Geschichten der einzelnen Personen, in denen viel Potential steckt, weiter ausgebaut hätte; oder auch die Machenschaften der Firma. Die Handlung nämlich nimmt – auch aufgrund der weitgehend klaren und flüssigen Sprache – nach der Vorstellung der Hauptcharaktere viel Fahrt auf. Es wird spannend und man freut sich auf einen guten Unterhaltungsroman mit Augenzwinkern. Doch der Leser wird enttäuscht. Gerade einmal gute 70 Seiten lang ist die Geschichte, bei der dann auch noch ein Großteil für die Diffamierung der „Pegida“-Bewegung draufgeht.
Zu allem Überfluss versucht der Autor dann gegen Ende, alles zu relativieren. Es sei ja klar, dass einige Punkte der Demonstranten nicht völlig an den Haaren herbeigezogen wären. Doch vergäßen sie die Argumente der Gegenseite. Was im Übrigen auch bei Letzterer zuweilen der Fall sei.
Von der genannten Gegenseite fehlt in „Zombigida“ jedoch jede Spur. Ob dies nun Naivität, Heuchelei, oder gar Bösartigkeit ist, mag dahingestellt sein …

Die Geschichte funktioniert weder als reine Unterhaltung, die sich nicht ernst nimmt – denn dazu hat der Autor das sensible Thema mit viel zu wenig Humor behandelt –, noch als seriöse Literatur, da hierfür sowohl Tiefe als auch Unvoreingenommenheit fehlen.
Kurz: Eine gnadenlos einseitige Verurteilung, die sich dabei zugleich den Orden der Objektivität anheftet. Ein zutiefst fragwürdiges Werk …
Christian von Aster: Zombigida – Abendspaziergang am Rande der Apokalypse
Tropen Verlag, Juli 2016
74 Seiten, E-Book, 0,99 Euro

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Sonntag, 21.08.2016

Autor: Andreas Schröter

Włodzimierz Odojewski: Verdrehte Zeit

Włodzimierz Odojewski: Verdrehte Zeit«Endlich auch auf Deutsch erschienen ist eine kurze, aber interessante Geschichte des polnischen Autors Włodzimierz Odojewski: „Verdrehte Zeit“.

In diesem Kurzroman, der im polnischen Original bereits aus dem Jahre 2002 stammt, wird der Ich-Erzähler in den 60er-Jahren mit einer Episode konfrontiert, die sich 20 Jahre zuvor im besetzen Warschau ereignet hat. Dort war er seinerzeit Mitglied einer Widerstandsgruppe.

Im Treppenhaus seines Wohnhauses übergibt ihm nun eine Frau einen Brief, der genaue Anweisungen für eine geheime Operation gegen die Gestapo enthält. Doch was soll das Ganze? Er hätte diesen Brief damals, nicht 20 Jahre später erhalten müssen. Und wer ist die Frau, die ihn so sehr an das einzige weibliche, aber später von den Deutschen ermordete Mitglied von damals erinnert?

Im Roman Włodzimierz Odojewskis, der 1930 geboren wurde und vor wenigen Wochen starb, vermischen sich die Zeitebenen. Mal ist der Ich-Erzähler in den 60er-, mal in den 40er-Jahren.

Denn obwohl es aus seiner Sicht Unsinn ist, sich jetzt an den Ort der Widerstands-Handlung zu begeben, um die Anweisungen in dem Brief auszuführen, tut der Ich-Erzähler genau das. Mit fatalen Folgen …

Odojewski hat seine Geschichte geschickt konstruiert, und ganz am Ende hält er sogar noch eine ganz dicke Überraschung für den Leser bereit.

„Verdrehte Zeit“ ist ein Roman über Schuld und über die Zeit, die manchmal eben doch nicht alle Wunden heilt.

Aus heutiger Sicht wirkt der Text zwar womöglich stilistisch mit vielen langen Sätzen etwas geschraubt und vielleicht sogar unmodern, ist aber ein ungewöhnliches und deswegen interessantes Miniaturstück Literatur, das durchaus Beachtung verdient.

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte Zeit.
dtv, Juli 2016.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

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Mittwoch, 17.08.2016

Autor: Andreas Schröter

Alfred Hayes: Alles für ein bisschen Ruhm

Alfred Hayes: Alles für ein bisschen Ruhm«Der Verlag Nagel & Kimche hat sich erfreulicherweise einem Klassiker aus dem Jahre 1958 angenommen und ihn – von Matthias Fienbork – neu übersetzen lassen: „Alles für ein bisschen Ruhm“ von Alfred Hayes (geboren 1911, gestorben 1986).

Darin rettet ein Drehbuchautor in Hollywood eine junge Frau vor dem Ertrinken. Sie ist – wie so viele andere Sternchen – nach Los Angeles gekommen, um ein Filmstar zu werden.

Die beiden beginnen eine Beziehung, doch muss der Mann mehr und mehr erkennen, dass die Frau einen etwas schwierigen Charakter hat, um es vorsichtig auszudrücken.

„Alles für ein bisschen Ruhm“ ist lakonisch knapp und cool erzählt, erinnert vom Stil her ein wenig an die Romane Hemingways. Der kurze Text besticht durch psychologische Genauigkeit und Glaubwürdigkeit und wirft ganz nebenbei ein Licht auf das Leben der Filmschaffenden in Hollywood vor 60 Jahren. Empfehlenswert.
—————-

Alfred Hayes: Alles für ein bisschen Ruhm (1958).
Verlag Nagel & Kimche, Juli 2016.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

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Samstag, 13.08.2016

Autor: oliverg

Simon Beckett: „Leichenblässe“ und „Verwesung“



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Montag, 08.08.2016

Autor: rwmoos

Herbert Noack: Albtraum Jakobsweg

Pilgerfahrt mit Asche auf dem Haupt
statt
Schwarz und Schön

Um die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela, die sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer mehr zum Hype entwickelten, hat sich mittlerweile eine Menge Literatur gesammelt. Ein paar Krimis sind auch darunter. Dieses Sparte ist nun mit Herbert Noacks „Albtraum Jakobsweg“ um eine passablen Posten erweitert worden.

Ein reiferes Pilger-Paar macht sich auf, um neue Lebensperspektiven zu erschließen und wird statt dessen – oder zumindest ergänzend – mit Kommerz, Mord und Totschlag konfrontiert. Der Name des Pilgers – Franz – lässt auf eine Wilhelm-Busch-Anspielung hoffen, doch da die Frau nicht Helene heißt, war die Namensfindung wohl eher dem Zufall geschuldet.
Im Hintergrund agieren indes finstere Geheimbünde. Deren Motive freilich können von allen Beteiligten, einschließlich des Lesers, nie so recht erschlossen werden. Eine Rolle spielen zudem die am Jakobsweg aufgereihten Schwarzen Madonnen, deren Verehrung und Ausstrahlung so vielen ein Rätsel ist und bleibt. Auf sie bezieht sich auch der Untertitel „Nigra sum sed formosa“ (Schwarz bin ich, aber schön). Das alles ergibt eine gute Grundkomposition, die einiges verspricht.

Die von den Schwarzen Madonnen ausgehende Faszination klingt dann auch als immer wiederkehrendes Thema an, wobei leider nicht auf die spannende Frage der archetypischen Ursache einer solchen Faszination eingegangen wird. Das wird sich wohl auch nicht ändern, zumindest so lange das vieldeutige hebräische „wa“ einseitig mit dem lateinischen „sed“, also mit „doch“ statt „und“ übersetzt wird, und damit ein Grundempfinden des Schwarzen als des Fremden und damit Abzugrenzenden gelegt bleibt. Zwangsläufig kommt man dann auf Geheimbunds-Thesen, weil man vermittels solcher die Ursachen von Wirkungen besser auslagern kann, als sie im eigenen Hirn mutmaßen zu müssen. Doch damit tauche ich vielleicht schon zu sehr in die Handlungshintergründe selbst ein, die hier besser nicht gespoilert werden sollten.

Gern würde ich das Buch zur Lektüre empfehlen, doch bin ich dabei etwas vorsichtig. Denn eigentlich wollte ich das Werk schon nach dem ersten Viertel zur Seite legen, weil es mir zunächst weder für eine Rezension noch für ein Kommentar geeignet erschien. Doch wie das so ist – hat man erst mal mit dem Autor quasi persönlich Kontakt gehabt, fühlt man sich irgendwie verpflichtet. Und im vorliegenden Fall war das gar nicht mal so schlecht.

Das Buch entwickelt sich nämlich.
Zunächst half es, lediglich das Genre als von mir fehlinterpretiert zu verstehen. Will heißen: Wenn man sich die Erzählung als Kinder-Krimi, mit 14-jährigen Helden vorstellt, kann man es durchaus goutieren. Gefällig geschrieben, ist das Ganze dagegen für einen erwachsenen Leser, der sich auch als solcher behandelt wissen möchte, zunächst zu simpel gestrickt: Die Bösen sind von vorn herein als solche erkennbar. Die Zufälle des Zusammentreffens zu sehr an den Haaren, ach was, schon an der Aura herbeigezogen. Die Charaktere wirken unglaubwürdig, die Dialoge aufgesetzt und die offensichtlichen Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten im Erzählstrang strapazieren die Unbedarftheit des kritischen Leserblicks arg.

Doch mit der Zeit entspinnt sich in dem unkonventionellen Krimi dann doch noch ein mehrschichtig interessanter Handlungskomplex.

So habe ich den zweiten Teil gern und zügig gelesen und ihn sogar spannend gefunden. In diesen Strecken tangiert die Story sogar hie und da die verschwörungstheoretischen Werke eines Dan Brown. Den Unterschied macht allerdings die Entwicklung der Figuren, die hier kaum wahrnehmbar, und wenn doch, dann recht einfältig stattfindet. Mindernd auf das Lesevergnügen wirken zudem die ständigen inhaltlichen Differenzen – so ist einer der augenfälligsten Fehler, dass anfangs drei Puzzle-Teile gesucht werden, um das Haupträtsel zu lösen, dann aber unmerklich und unbegründet vier daraus werden*. Und als sich schließlich das große Finale einläutet, scheint es gar, als ob auf den letzten Metern zwei differierende Endfassungen zusammen geschrieben worden sind. Da entkommen – um nur einen Punkt herauszugreifen – auf S. 252 (Paperback-Ausgabe) genau jene mysteriösen Kapuzenmänner final, die dann in der zweiten Fassung auf S. 255 doch größtenteils geschnappt werden. Man möchte das Buch an solchen Stellen dem Autor wohlwollend in die Hand drücken und um stimmigere Neufassung ersuchen. Das Potential dazu hätten sowohl Story als Autor allemal.

Wohltuend wäre dem arg gebeutelten inneren Ohr, wenn dabei auf Unebenheiten in der Sprachfindung verzichtet werden könnte, mit denen sich das Werk immer mal selbst geißelt: Der Singular der Fresken lautet immer noch Fresko. Nur wenn man das Bild explizit beleidigen möchte, sollte man es pejorativ „Freske“ nennen. Eine Komplet dagegen ist ein Stundengebet und auch wenn sie von Mönchen gesungen wird, darf sie ihre feminine Komponente nicht verlieren. Lediglich dann, wenn sich ein Dativ aufnötigt, sollte man „der Komplet“ schreiben.
Das Präteritum 3. Person Singular von zerbersten lautet zudem auf „zerbarst“ und nicht auf ein eher konjunktives „zerberste“, und wenn man andere Leute fangen will, wird man im Glücksfall „ihrer“ habhaft und nicht „ihnen“.
Gut – solche Schnitzer passieren immer mal. Leider zerstören sie aber regelmäßig jene Blase der Illusion, in die man beim flüssigen Lesen ansonsten einzutauchen gewillt ist.

Tüchersfeld, den 6. August 2016

* Hier hat mich der Autor korrigiert: Die genannten drei Puzzleteile bezögen sich nicht, wie ich es verstanden hatte, auf die Entwicklung der Handlung im vorliegenden Band. Vielmehr wären noch zwei Folgebände in Vorbereitung, die dann jene zwei fehlenden Teile beinhalteten. Das klingt zumindest interessant.

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Sonntag, 07.08.2016

Autor: Andreas Schröter

Edgar Rai: Etwas bleibt immer

Edgar Rai: Etwas bleibt immer«Ein junger Mann mit psychischen Problemen passt auf eine Luxusvilla an der Côte d‘Azur auf. Er leidet unter einer gespalteten Persönlichkeit. Tagsüber ist er der sanftmütige Nicolas, nachts erwacht die aggressive und impulsive Lola in seinem Körper zum Leben. Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Indem er sich durch regelmäßiges Joggen auspowert, hat Nicolas seine Probleme einigermaßen im Griff. Doch dann kündigen sich die Hausbesitzer an. Und sie bringen überaus schwierige Gäste mit. Die Situation eskaliert …

Der Roman des deutschen Schriftstellers und Berliner Buchhändlers Edgar Rai, geboren 1967, ist Drama und Thriller zugleich. Er liest sich locker und leicht, auch wenn es zunächst etwas irritierend wirkt, dass von Nicolas immer in der zweiten Person die Rede ist („Du gehst joggen“). Ein etwas gekünstelt und aufgesetzt wirkender Kunstgriff.

Am Ende gönnt sich Rai noch eine kleine Überraschung, die den Leser schmunzeln lässt.

Insgesamt wohl kein Buch, das in die Literaturgeschichte eingehen dürfte, aber gute Unterhaltung allemal.

Edgar Rai: Etwas bleibt immer.
Berlin Verlag, August 2016.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

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Donnerstag, 04.08.2016

Autor: rwmoos

Ewald Arenz: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott

Abgefahren gen Himmel

Um Bücher über das unendliche Spiel zwischen Gut und Böse zu schreiben, braucht man eine ganze Menge Neugier und Durchhaltevermögen. Schließlich muss man sich in die Feinheiten zumindest einer Religion einarbeiten, um das Ganze einigermaßen plausibel und kundennah daher kommen lassen zu können. Man braucht aber auch – und das halte ich für gar nicht mal so irrelevant – eine ganze Portion Glauben oder Gottvertrauen oder wie auch immer man das nennen will. Denn ohne dieses grundehrliche aber irgendwie auch fromme Hintergrundrauschen funktioniert das Ganze nicht. Dann würde die tiefsinnige Pointe zur schalen Slapstick-Nummer verkommen. Man konnte das schon seinerzeit an der Wirkungsgeschichte von Monty Pythons „Life of Brian“ studieren. Oder an Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Oder an „Dogma“ – jenem köstlichen Treffer eines ansonsten eher glücklos agierenden Regisseurs.
Ewald Arenz hat dieser Literaturgattung nun, geklammert als Totenmesse, ein weiteres Werk hinzugefügt, in dem Nürnberg eine der irdischen Hauptrollen zugeteilt bekam. Neben vielen anderen Franken darf auch ein typologisches Fürther Exemplar mit dem arabisierten Namen Abu al-Wayar (er sollte besser Abu al-Wail heißen) in einer gar nicht mal unwichtigen Nebenrolle mitspielen, wobei wir die ihm zugedachten Eigenschaften hier mal als Weltoffenheit und Findigkeit titulieren möchten. Ein Franke findet ja immer einen Ausweg. Ob aus den Banden der Gesetze, der linguistischen zumal, aus dem Leben oder auch dem Über-Leben. Nur Franken bringen Gott dazu, wenngleich genervt, überhaupt hin und wieder zu erscheinen!
Der Gegenpol zu Abu al-Wayar wäre Pauline, eine Nürnbergerin, die im Laufe der Geschichte zur heimlichen Heiligen der Handynutzer mutiert. Und was die Katze im Titel anlangt – nun dazu muss man seinen Claude Lévi-Strauss hervorholen…

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch ist wunderbar zu lesen. Der Autor sprüht vor Einfällen und gegenseitigen Bezügen, wie es in deutscher Literatur nur selten vorkommt und hat auch seinen jüdisch-christlichen Engels-Pantheon drauf. Die paar Anleihen aus dem islamischen Himmel geraten weniger überzeugend, aber dafür wird der sowohl im Judentum als auch im Islam nicht ganz unbedeutende Azrael regelmäßig und gern in arabischen Lettern eingefügt. Á la: „Diese kleine Verbeugung gilt unseren islamischen Lesern!“

Da im Dunstbereich des Religiösen strenge Logik selten Sinn macht und nur intern, also unter der Voraussetzung der Anerkennung sämtlicher dogmatisch vorgeformter Prämissen, angewandt werden darf, wäre Kritik auch völlig fehl am Platz – so zum Beispiel wenn man monierte, dass, wenn Gott sich als Teil seiner eigenen Schöpfung durch die Erschaffung der Zeit selbst dem Alterungsprozess unterworfen hätte, selbiges dann ja umso mehr für seine Geschöpfe der diversen Ordnungen, also von Luzifer über Uriel bis zu Martin Luther gelten müsse. Oder dass die A6 auch bei diabolischster Fahrweise nicht an Bayreuth vorbei komme.
Derartig fehl geleiteter Krümelkackerei möchten wir hier nicht das Wort reden.

Warum erfreuen wir uns aber nun eigentlich an einem Erzengel, der in Stress-Situationen gerne zu Gin Tonic greift? Nur weil er dem derzeit grassierenden Whisky-Hype zu widerstehen vermag? Wohl eher doch, weil er uns so menschlicher, näher, greifbarer vorkommt. Und so gerät die aus den Fugen geratene Himmels-, Höllen- und Menschenwelt des Ewald Arenz uns so greifbar wie der alltägliche Wahnsinn in einem größeren Unternehmen oder gar einer bürokratischen Institution. Siemensianer wissen, wovon der Autor spricht. Und die Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums sowieso. Bei denen ist Gott ja ohnehin seit Längerem eine Frau, ohne dass dies die Gender-Debatte zu beflügeln vermochte. Der diesbezüglich nachgerade bösartige Seitenhieb des Autors in Form von Dürers weißem Reiter, sei ihm auch aus femininer Sicht gern nachgesehen, schon weil er ihn durch erlogene Schönheit zu kaschieren vermochte. Indes nämlich die Überwältigung der anderen Reiter in oben genannter interner Logik durchaus hinhaut, wäre diese Passage ansonsten ein auch intern logisch eher schwacher Moment im Buch.

Doch ich schweife ab: Warum, so sollte ich statt dessen weiter fragen, brauchen wir, ob alte Griechen oder moderne Schländer, solch menschelndes Pantheon?
Gut, es hält uns erstens einen Spiegel vor. Das hatten wir gerade.
Zweitens entrümpelt es den unsagbaren Kitsch, der seit ein paar Jahrzehnten die Esoterik-Literatur verkleistert. Das tut gut.
Beides zusammen aber übt ebendie Funktion aus, die die ersten Christen in ihren Religions-Gründungs-Überlegungen antrieb: Gott wurde bei ihnen Mensch. Er „entäußerte“ sich. (Ich liebe diese Wortschöpfung von Luther, der selbst leider kein Franke war, aber sowas Ähnliches.) Das feierten die Christen. Das feiern wir. Und so werden solche Bücher für uns zu Weihnachtsgeschenken und ihre Autoren zum wahlweise Heiligen Geist oder Weihnachtsmann.

Die jüdischen Theologen dagegen, die jenen Engels-Pantheon (mit Herrschaften, Gewalten, Seraphim und Cherubim, sowie Engeln und Erzengeln) zwischen -100 und +300 unserer Zeitrechnung entwickelten, arbeiteten in atheistischer Manier eher anders herum: Sie abstrahierten menschliche Denk- und Verhaltensweisen, um sie händelbar zu machen. In Ersterem, also was die Denkweisen anlangt, modernen Informatikern vergleichbar. In Letzterem, also was die Verhaltensweisen anlangt, modernen Psychologen und Verhaltensforschern zumindest streckenweise noch ein paar Nasenlängen voraus.
Damit schufen sie Programme, die denen, die sie zu nutzen vermögen, den Durchblick im Lebensgestrüpp erleichtern sollten, ihnen zumindest einen temporalen Gewinn, einen Vorsprung verschafften. Ihre jüdische Religion sollte dazu so etwas wie den Vorläufer moderner Hardware, also den Rechner, bilden. Dieses Projekt hat nur bedingt geklappt und wurde auch im Christentum, noch eher im Islam nur von wenigen Adepten und oft auch von diesen nur partiell erkannt und modifiziert. So gesehen waren respektive wären Religionen nicht der hirnzerfressende Kitsch, als den ihn heute jeder kennt oder zumindest kennen sollte, sondern Überlebens-Maschinen. Im Grunde völlig glaubensfrei.
Viele Leute benutzen die Ressourcen ihres Rechners nicht als Lebenshilfe, sondern nur für Computerspiele. Das Putzige: Gerade bei den Spielen ahnt man am ehesten etwas von den gewaltigen Kapazitäten dieses Produkts menschlichen Erfindungsgeistes. Allerdings nutzt man diese Kapazitäten dann nicht für die tatsächliche, sondern nur für eine virtuelle Welt, in die man sich … soll ich wirklich sagen „flüchtet“? Wäre es nicht besser, Worte wie „Erholung“ oder „Seelenfrieden“ einzubringen? Vom Paradies, gar vom Schangri-La zu sprechen?
Solange man Kriegsspiele nur auf dem Rechner zockt, mordet man, abgesehen von einigen drohnensteuernden Amis, nicht wirklich. Solange man betet, mordet man, abgesehen von einigen Islamisten, auch nicht. Es gab tatsächlich Leute, die haben biblische Highlights wie Psalm 137 („Wohl dem, der Deine Kinder nimmt und sie gegen einen Felsen schmettert“) deshalb als Friedenspsalm deklariert.
Doch ich schweife schon wieder ab…

Jedenfalls spielt Ewald Arenz mit seinem Buch auf dem Religions-Rechner ein sehr sympathisches Computer-Game. Das macht ihm (und uns) sichtlich Spaß. Und so lernt man seinen Rechner ja zumindest ein wenig kennen.
Und deshalb akzeptieren wir auch die virtuelle Pauline als Heilige aller Nerds. Ihr Attribut? Na, was wohl!

Grenzhammer, den 02. August 2016

Reinhard W. Moosdorf

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