Samstag, 31.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein

Laurent Seksik: »Der Fall Eduard Einstein«Albert Einstein hatte zwei Söhne. Einer von ihnen – Eduard – war schizophren und verbrachte die Hälfte seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt in Zürich. Das Verhältnis von Vater und Sohn war schwierig. Albert hatte zeitweise offenbar sogar Angst, sich seinem Sohn, der zu unkontrollierten Ausbrüchen und Aggressionen gegenüber seinem Vater neigte, zu nähern. Ohnehin floh der Physik-Nobelpreisträger Ende 1932 vor den Nazis in die USA, sodass eine Begegnung mit Eduard schon rein räumlich aufwändig gewesen wäre.

Aus diesem Themenkomplex hat der 1962 geborene französische Schriftsteller Laurent Seksik einen Roman gemacht. Darin begibt er sich mal in den Kopf des Sohnes und mal in den des Vaters. Auch Einsteins erste Frau Mileva Maric, die sich aufopferungsvoll um den kranken Eduard kümmert, ihrem Ex-Ehemann aber zunehmend negativ gegenübersteht, kommt neben einigen anderen Persönlichkeiten aus dem näheren Umfeld Alberts und Eduards zu Wort.

Romane über Menschen, die wirklich gelebt haben, lösen immer ein leichtes Unbehagen aus, das von der nicht zu beantwortenden Frage ausgeht, woher der Autor 80 Jahre nach bestimmten Ereignissen wissen will, was diese oder jene Person in dieser oder jener Situation gedacht hat.

Laurent Seksik scheint sich dieses Problems bewusst zu sein: Er dringt nicht allzu tief in die Gedankenwelt seiner Figuren vor. Das jedoch führt zum nächsten Problem: Der Roman dümpelt ein wenig an der Oberfläche dahin, wirkt stellenweise eher wie ein Sachbuch, das lediglich die Fakten aneinanderreiht. Von einem Buch, das sich auf dem Cover explizit als „Roman“ bezeichnet, erwartet man aber mehr als nur Fakten.

Wie gut die übrigens recherchiert sind, kann nur jemand beurteilen, der sich auskennt. Es gibt jedoch bereits Stimmen – vom Einstein-Archiv in Jerusalem –, die behaupten, das Buch sei alles andere als gut recherchiert. Seksik habe ausschließlich veraltete Quellen herangezogen.

Laurent Seksik schreibt übrigens öfter Fiktionales über reale Personen: 2012 ist in Deutschland sein Roman „Vorgefühl der nahen Nacht“ erschienen, in dem es um die letzten Tage Stefan Zweigs in Brasilien geht.
——————————————-
Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein.
Blessing, Mai 2014.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Montag, 26.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Szczepan Twardoch: Morphin

Szczepan Twardoch: »Morphin«Einen düsteren und faszinierenden Lesesog mit den Zutaten Drogenkonsum, sexuelle Begierde, Gewalt, aber auch so etwas wie Liebe entwickelt der 590-Seiten-Wälzer „Morphin“ des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch.

Der Roman, der im polnischen Original 2012 mit dem renommierten Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet worden ist, spielt im Oktober 1939 in Warschau. Die Stadt ist nach der polnischen Kapitulation eine Stadt im Besatzungszustand. Einer ihrer Bewohner ist der wankelmütige und morphinsüchtige Ulanen-Leutnant Konstanty Willemann. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Prostituierten Salomé und seiner Familie mit Frau Helena und einem kleinen Sohn. Auch für einige andere Frauen interessiert er sich. Außerdem ist Konstanty väterlicherseits Deutscher und spricht die Sprache des Besatzers perfekt. Das macht ihn interessant für eine Widerstandsgruppe, in deren Auftrag er in der Uniform seines Vaters eine Reise in ein vom Krieg bislang unbehelligtes Budapest unternimmt.

Diese Budapest-Episode bietet einen interessanten Kontrast zu den Kapiteln davor und danach, die im düsteren, teils zerstörten und besetzten Warschau spielen. Die negativen Charaktereigenschaften Konstantys scheinen wie weggeblasen. Er verliebt sich in seine Reisebegleiterin Dzidzia und erlebt ein paar Tage voller Glück. Das legt die Deutung nahe, dass Twardoch seinen Helden nicht allein verantwortlich für sein Handeln sieht. Auch die äußeren Umstände sind es, die die Menschen zu dem machen, was sie sind.

Der 1979 geborene Auto bedient sich einer sehr rauen, direkten Sprache und schreckt auch vor Gossenausdrücken nicht zurück. Das passt zur dunklen Gesamtatmosphäre des Buches und zum Thema. Twardoch bedient sich außerdem einer nicht näher beschriebenen allwissender Figur, die eine Art Begleiter, ein Engel oder ein Schatten Konstantys ist und sich immer mal wieder in Ich-Form einschaltet. Das und die Eigenart, dass Twardoch immer wieder unvermittelt Ereignisse aus der Vergangenheit der Figuren in den Erzählfluss einbaut, machen die Lektüre nicht unbedingt zu einem leichtgängigen Lesevergnügen – man sich schon ein wenig konzentrieren. Ein Aufwand, der sich insgesamt aber unbedingt lohnt.
——————————————-
Szczepan Twardoch: Morphin.
Rowohlt Berlin, März 2014.
590 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Sponsoring

Werbung ermöglicht es unseren Autoren, live von Events zu bloggen und unsere Kosten zu decken. Für Ihr Unternehmen und Produkt bieten wir diverse Möglichkeiten sich darzustellen. Effektiv und Preiswert.

Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns!

Freitag, 23.05.2014

Autor: Andreas Schröter

David Gilbert: Was aus uns wird

David Gilbert: »Was aus uns wird«Söhne von berühmten Vätern haben‘s oft schwer, ihren eignen Platz im Leben zu finden und sich zu emanzipieren. Genau das ist eines der Themen in David Gilberts höchst lesenswertem 640-Seiten-Wälzer „Was aus uns wird“.

Das Buch beleuchtet auf glaubhafte und unterhaltsame Weise die männlichen Mitglieder der Familie Dyer. Da ist zunächst der große Schriftsteller A.N. Dyer, der vor Jahrzehnten unter dem Titel „Ampersand“ einen äußerst erfolgreichen Roman geschrieben hat, von dessen Ruhm er immer noch zehrt, obwohl er selbst mittlerweile ein Wrack ist. Aus seinem Schatten können sich die beiden Söhne Richard und Jamie nie richtig befreien. Eine Sonderstellung nimmt der erst 17 Jahre alte dritte Sohn Andy ein, der ein Nachzügler ist und um den sich ein Familiengeheimnis rankt, das im Laufe des Buches aufgeklärt wird.

David Gilbert, ein 1967 geborener Amerikaner, verquickt die Ereignisse aus „Ampersand“ geschickt mit den Ereignissen im Leben der Dyers, und so wirkt „Ampersand“ noch bis in die nächste und übernächste Generation nach – und das am Ende auf höchst dramatische Weise.

„Was aus uns wird“ ist ein dicker, kluger, detailreicher und vielschichtiger Roman voller Wahrheiten, in dem der Leser beispielsweise auch viel über die inneren Kämpfe und Selbstzweifel erfährt, denen viele Schriftsteller ausgesetzt sind.
——————————————–
David Gilbert: Was aus uns wird.
Eichborn, März 2014.
640 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Mittwoch, 21.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Tropper: Der Sound meines Lebens

Jonathan Tropper: »Der Sound meines Lebens«Silver gehört in die in der Literatur viel beschriebene Spezies des sympathischen Losers. Er lebt in einer Art Wohnheim für gestrandete Ex-Ehemänner, schaut hübschen, aber unerreichbaren Frauen nach und sieht ansonsten wenig Gründe weiterzuleben – zumal ihn seine Frau Denise vor Jahren verlassen hat und seine Tochter Casey nichts von ihm wissen will. Da kommt ihm ein Aneurysma gerade recht, das er nur dann überlebt, wenn er sich operieren lässt. Das will er aber nicht. Klar, dass das noch nicht das Ende in Jonathan Troppers Roman „Der Sound meines Lebens“ ist …

Der 1970 geborene amerikanische Autor steht – zum Beispiel in „Mein fast perfektes Leben“ oder „Sieben verdammt lange Tage“ – für rasante, lustige und manchmal auch ein bisschen traurige Bücher. Und genau in diese Kategorie passt auch das neue Werk. Man wechselt beim Lesen zwischen lautem Lachen und Rührung, und genau solche Gefühle sollte doch ein Buch vermittelt.

Allein das allzu rührselige Ende trübt den guten Gesamteindruck. Auch fragt man sich, was der Titel bedeuten soll, denn um Musik geht es nur sehr am Rande. Der englische Originaltitel „One Last Thing Before I Go“ trifft es wesentlich besser.
——————————————–
Jonathan Tropper: Der Sound meines Lebens.
Droemer, April 2014.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Montag, 19.05.2014

Autor: Annette

Care Santos: Die Geister schweigen

santosCare Santos, geboren 1970 Barcelona und vielfach ausgezeichnete Erfolgsautorin, verfügt über diesen gewissen Erzählton, der einen umfängt und einfach davonträgt. In diesem Fall nach Barcelona. Ein geheimnisvoller Brief lockt die Kunsthistorikerin Violeta in ihre Heimatstadt zurück. Im Haus ihrer Familie, einem prachtvollen Palais, das ihr Urgroßvater errichten lies, sind Umbauarbeiten in vollem Gange. Das Palais soll endlich- dem letzten Willen ihres Großvaters Amadeo Lax entsprechend – in sein Museum umgestaltet werden und die Werke des bekannten Künstlers zur Schau stellen. Doch als die alten Mauern eingerissen sind, kommen auch bislang wohlgehüteten Familiengeheimnisse ans Licht.

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Lax über vier Generationen, angefangen bei den Urgroßeltern Violetas, Maria del Roser Golorons und Rodolfo Lax, deren glückliche Ehe und unternehmerisches Talent den Grundstein für den Wohlstand der Familie gelegt hat. Durch das üppige Figurenensemble gelingt ein guter Einblick in die Verhältnisse der verschiedenen Epochen.  In Erinnerung bleibt die Schilderung der unkonventionellen Maria del Roser Golorons. Ende des 19. Jahrhunderts ist sie Mitglied einer Spiritistenvereinigung, die sich jeden Mittwoch im Palais trifft und den Kontakt zu den Geistern der Toten sucht. Von deren Schwiegertochter Teresa weiß Violeta nur, dass sie in den Bürgerkriegswirren plötzlich verschwand und Sohn und Ehemann in Barcelona zurückließ. Doch stimmt die Geschichte, die man sich über sie erzählt? Violeta, die das Werk ihres Großvaters so meisterlich analysiert, wird mit den unbekannten Facetten seiner Persönlichkeit und dem Schicksal ihrer Großmutter konfrontiert.

Care Santos Roman ist eine Mischung aus nostalgischem Familienalbum und Kriminalgeschichte. Sie verbindet die verschiedenen Zeitebenen, indem sie Zeitungsartikel, E-Mails und Ausschnitte aus Kunstkatalogen mit Rückblenden verbindet. Dabei kombiniert sie historisch verbürgte Ereignisse (wie den Brand im Warenhaus Grandes Almacenes El Siglo 1932) und Persönlichkeiten (den bis heute in Barcelona als “Santet de Poblenou” verehrten Francisco Canals Ambros) mit frei erfundenen Figuren. Mein persönliches Aha-Erlebnis: Die Verweise auf die Spiritistenbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Spanien und vielen europäischen Ländern viele Anhänger hatte.

In der Mitte des Romans – als klar wird, wer die Absenderin der mysteriösen E-Mail ist und was sie mit der Familie Lax verbindet – da war ich kurz davor, das Buch dennoch zur Seite zu legen. Denn kaum sind die Geheimnisse entdeckt, werden sie wieder unter den Teppich gekehrt – die Geister schweigen, sie haben dafür noch keine Stimme gefunden.

Mittwoch, 14.05.2014

Autor: Chris Inken Soppa

Backfisch mit Perspektive. “Lene im Schilf”: Salem-Novela von Felicitas Andresen

Da ist eine, die ganz genau weiß, wovon sie redet. Lene ist gebildet, clever, vorwitzig, Salemer Internatsinsassin, und … äh … ein Backfisch, so sagte man damals, denn sie lebt in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie teilt Tisch und Schlafsaal mit Diplomatenkindern und künftigen Königinnen. Sie hadert mit ihren Haaren, ihrem runden Bauch, ihrem Hang zum Genießen. Sie redet so geschwollen daher als habe sie mehr Bücher als Freunde. Sarkastisch ist sie, ungerührt, unberührt und ach so verletzlich!

Das, was man als harte Wirklichkeit bezeichnet, kennt sie noch nicht. Es sind eben die Fünfziger, da gibt es keine Bravo, bloß Bienen und Blumen. Auf dem Gymnasium lernt man töpfern, Latein, die großen Klassiker. Zum Glück hat Lene eine betuchte Freundin. Von der wird sie eingeladen, die Ferien gemeinsam in einem großen Haus am großen See zu verbringen. Dort gibt es eine lebenslustige Tante und einen Dr. Bonkow, von dem keiner genau weiß, ob er Vetter oder Onkel ist. Er übt sich in Geigenklang und Zurückhaltung, beides mit unterschiedlichem Erfolg. Außerdem ist er unvorstellbar alt, sicher schon über dreißig. Am Strand knetet Lene eine Frau aus Ton mit offenem Mund und einem Loch zwischen den Beinen. Schüttet Wasser hindurch und ahnt, dass das Leben einfach und verzwickt sein kann und dass sie mit ihrem Latein ab sofort am Ende ist. Knapp, ganz knapp steht sie vor einer Antwort, dann kommt doch wieder alles anders.

Vom ersten Satz an ist der Leser mit an Bord. Schmunzelt über Lenes ureigene Respektlosigkeit, die nahtlos in großes Gefühl übergehen kann. Gewürzt ist die Erzählung mit eingestreuten Perspektivkörnchen eines rund vierzig Jahre älteren Ichs, das dem schlagfertigen Backfisch augenzwinkernd und ein bisschen wehmütig über die Schulter schaut.

Wie schafft man es nur, so wunderbar frisch zu schreiben? Felicitas Andresen war auch mal in Salem, irgendwann im letzten Jahrtausend. Welche Details aber biographisch sind, verrät uns die listige Autorin nicht. Braucht sie auch nicht. Ihre muntere Salem-Novela bringt dem Lesenden unwillkürlich die eigene Jugend zurück und noch mehr. Egal, ob halbstark, Teenager, Backfisch oder junges Leut von heut, wir waren schließlich alle mal ein bisschen Lene.

 

Erschienen im GamY-Verlag dw, 2012

ISBN 978-3-8442-7168-3

Preis: 12,95 EUR

Montag, 12.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Stefan Spjut: Troll

Stefan Spjut: »Troll«Können Sie sich vorstellen, dass in den einsamen nordschwedischen Wäldern Trolle leben? Nachdem Sie diesen Fantasy-Thriller von Stefan Spjut gelesen haben, fällt Ihr „Nein“ vielleicht nicht mehr ganz so entschieden aus.

Der schwedische Autor arbeitet mit einer Technik, der sich beispielsweise auch Stephen King in vielen seiner Bücher bedient. Er lässt das Übernatürliche in eine ganz normale Alltagswelt hineinplatzen und verschafft ihm so mehr Glaubwürdigkeit.

Als immer wieder Kinder entführt werden, wird die junge Hobby-Kryptozoologin Susso auf das Thema aufmerksam und beginnt mit Nachforschungen. Kryptozoologen befassen sich mit Tieren, deren Existenz nicht zweifelsfrei bewiesen ist.

„Troll“ beginnt spannend, verliert aber im weiteren Verlauf deutlich an Fahrt. Erstens opfert der schwedische Autor zu schnell die Aura des Geheimnisvollen, die sich um die übernatürlichen Wesen rankt, und zweitens verliert er sich zunehmend in Kleinigkeiten, die nicht zum Fortgang der Geschichte beitragen. So sitzen die Hauptfiguren um Susso immer wieder am Tisch, und es wird haarklein beschrieben, was sie genau essen. Das raubt dem Roman viel an Rasanz und Spannung. Andererseits versteht es der Autor, nahezu durchgehend auf 480 Seiten eine düstere, kalte Atmosphäre beizubehalten, die dem Genre guttut.
—————————————
Stefan Spjut: Troll.
Knaus, März 2014.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 09.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods

Gavin Extence: »Das unerhörte Leben des Alex Woods«„Sterbehilfe“ ist das zentrale Thema im Debütroman des 1982 geborenen englischen Autors Gavin Extence mit dem komplizierten Titel „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“. Und wenn man die Vielzahl der zumeist positiven Lesermeinungen auf der Internet-Plattform Amazon sieht, scheint das Buch erstens auf ein ungewöhnlich großes Interesse zu stoßen und zweitens hervorragend anzukommen.

Es geht um die Freundschaft eines Jungen im Teenager-Alter mit einem älteren Mann. Als Letzterer erkrankt, stehen beide vor einer schwierigen Entscheidung. Doch bevor es soweit ist, gründen sie unter anderem einen Kurt-Vonnegut-Lesezirkel und verstehen sich auch sonst ganz hervorragend.

Trotz des besonders zum Ende hin schwierigen Themas kommt dieser Roman mit einer gewissen Leichtigkeit daher. Der Leser lernt skurrile, aber sympathische Figuren wie Alex‘ esoterische Mutter kennen oder seine (mehr oder weniger) Freundin, die in keine Schublade passt. So gesehen ist „Das unerhörte Leben …“ auch ein Plädoyer für Toleranz Menschen gegenüber, die von der Norm abweichen.

Ein bisschen sonderbar mutet lediglich der Aufbau dieses Buches an. So deutet auf den ersten 120 Seiten rein gar nichts auf die im späteren Verlauf so bestimmende Freundschaft zwischen Alex und dem älteren Mann hin. Vielmehr geht es hier darum, dass Alex im Alter von zehn Jahren von einem Meteoriten getroffen wird und in der Folge unter epileptischen Anfällen leidet. Es bleibt unklar, was das eigentlich genau mit dem Rest zu tun hat, außer natürlich, dass auch Alex selbst weit weg von jeder Norm ist. In jedem Fall bleibt „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ein sehr lesenswertes Buch.
———————————————–
Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods.
Limes, März 2014.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 08.05.2014

Autor: Andrea Brücken

Katharina Hartwell: Das fremde Meer

Das Fremde Meer

Wunderbar. Ein Buch, so ein richtiges dickes mit festem Einband, einem Papier-Umschlag und einem eingeklebten Bändchen als Lesezeichen. Dazu noch mit kleinen Geschichten in einer großen Geschichte, da kann man die fast 600 Seiten in Ruhe angehen.

Denkt man jedenfalls und zuerst funktioniert es auch. Die Protagonistin Marie kennen zu lernen, erfordert ein Herantasten. Fragil, sensibel, vorsichtig, ängstlich, sich selbst fremd schleicht sie durch eine ihr unwirklich erscheinende Umwelt. Man muss sich Sorgen um sie machen, versucht, sie zu ergründen. Gehört sie wirklich zu denen, die mit “Schatten im Kopf” geboren wurden oder ist sie nur in negatives Denken verstrickt? Was fehlt ihr? Woher kommt das Brüchige, Zerfaserte ihrer Persönlichkeit?

Die Lesepausen, das Weglegen des Buches halten sie zunächst auf Distanz, diese seltsame Frau, deren Charakter einem dennoch bekannt vorkommt an den Rändern des eigenen Denkens. Als Leser vergleicht man: ist man nicht froh, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, sich in das eigene Leben hinein gesetzt, beheimatet zu haben? Trotzdem, es kratzt an den Rändern der Selbsteinschätzung. Ein bisschen.

Dann erfolgt die Entführung. Die kurzen Geschichten, die Marie uns erzählt, handeln immer von einem Paar, Mann und Frau, die sich in Welten bewegen, denen vor allem das Unwirkliche anhaftet. In der Wechselstadt bewegen sich Häuser nach einem missglückten Experiment allein von Ort zu Ort, lassen Menschen ins Nichts verschwinden. Die Salpetrière ist die Heimat der Hysterischen und Verrückten. Im Winterwald kann die Prinzessin nur deshalb ihre Aufgabe angehen, weil vorher der Ritter Marin aus ihr geworden ist. Alle drei Frauen dieser ersten Geschichten wollen einen Mann retten, und mit diesem sich selbst. Alle drei Frauen befreien sich, verlieren aber im Moment der Befreiung die Hand des Mannes, den sie zu retten versuchen.

Noch bevor man diese Wiederholung erfasst hat, packt einen die Erzählerin Marie am Schopf. Sie stellt uns ihren Geliebten Jan vor, mit dem sie ein stillschweigendes Abkommen getroffen hat: Geheimnisse dürfen geheim bleiben ohne die wachsende Vertrautheit zu behindern. Jan, mit dem sie zusammen zieht, dessen Freunde sie nicht mag, dessen Wesen sich ihr nicht erschließt. Jan, dem sie dennoch vertraut. Vielleicht, weil auch er Ängste und Verborgenes mit sich führt, die er nur selten mitteilt.

In weiteren Geschichten wird Marie zu Milan, zu Mare, zu Martha, zu Klara – nein, zu Muriel. Jan wird zu Yann, zu Yasper, zu Ghostboy, zu Esther – nein, zu Jonathan. Das Brüchige und Zerfaserte aus Marie’s Weltsicht verflicht sich zu einer Geschichte voller Fragmente in Bewegung, Elemente aus vorigen Geschichten tauchen im Fortgang auf, spielen eine bedeutende Rolle oder sind nur Statisten. Werden die Charaktere wieder geboren und verlieren jedesmal ihre Erinnerung? Sind sie nur Träume von Marie und Jan? Man weiß es nicht, immer scheint jedoch ein Teilchen da zu sein, das mit Erinnerung behaftet ist, mit Schicksal. Man schwimmt im Strom der Geschichten, ist gefangen im Sog, will den Fortgang erfahren, der Sache auf den Grund gehen.

Letztlich gibt es eine logische Erklärung, läuft alles auf ein Ende hinaus, das fast ein bisschen zu nüchtern, zu real, zu nachvollziehbar ist. Das Verlassen der traumhaften Welten erfolgt abrupt und wird dennoch sanft durchgeführt. Um die Lesefreude nicht zu beeinträchtigen, wird das Ende aber nicht verraten. Manchmal lohnt es sich, den Klappentext nicht allzu gründlich zu lesen, sich in Geduld zu üben, sich tragen zu lassen, sich verschlingen zu lassen von einer Erzählung.

576 Seiten sind viel für ein Buch, sogar für einen Roman. In diesem Fall allerdings lohnt sich jede einzelne Seite. Die Lust am Lesen lässt nie nach, der dramaturgische Aufbau stimmt, der Roman schreibt Bilder in den Kopf, das Herz klopft. Ein wundervolles Buch, das man nur empfehlen kann.

(Gelesen von: Andrea Brücken)

 

Das Fremde Meer

Katharina Hartwell

ROMAN

Erschienen am 16.07.2013

576 Seiten

Gebunden mit Schutzumschlag (auch als Paperback und eBook erhältlich)

ISBN: 978-3-8270-1137-4

€ 22,99 [D], € 23,70 [A], sFr 32,90

Sonntag, 04.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Stefan Nink: Freitags in der Faulen Kobra

Stefan Nink: »Freitags in der Faulen Kobra«Beste Unterhaltung liefert auch der zweite Roman des Reisejournalisten Stefan Nink – „Freitags in der Faulen Kobra“. Es handelt sich dabei um die direkte Fortsetzung von Ninks Erstling „Donnerstags im Fetten Hecht“ aus dem Jahre 2012. Wieder muss der Lokalredakteur Siebeneisen aus Oer-Erkenschwick um die ganze Welt reisen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Diesmal soll er für einen indischen Maharadscha die Einzelteile einer kleinen Figur finden, die angeblich Glück bringt. Der legendäre James Cook höchstpersönlich soll die Stücke im 18. Jahrhundert irgendwo auf dem Globus versteckt haben.

Und die Fortsetzung steht dem Vorgänger in nichts nach: Wieder kommt der Roman ungemein rasant und witzig daher – so lernt unser Held auf Tonga eine liebestolle Prinzessin in einem Ein-Euro-Shop kennen, trifft Eisbären oder Weiße Haie und wird in Neuseeland von einem Buschbaby bestohlen – um nur ein kleines bisschen von der Handlung zu verraten. Natürlich sind auch Siebeneisens Freunde aus dem ersten Band wieder mit von der Partie: der redselige Wipperfürth, der die Reisen organisiert und dabei immer nach der billigst möglichen Variante Ausschau hält (Mitfahren auf einem Frachtschiff und dabei den Matrosen etwas zur Hand gehen zum Beispiel), der dicke, reiche und geizige Schatten und die metaphysisch begabte Lawn, Siebeneisens Freundin.

Weil es viele Querverweise zum Vorgänger-Roman gibt, empfiehlt es sich für Neueinsteiger, erst den „Fetten Hecht“ zu lesen – um dann sofort mit der „Faulen Kobra“ weiterzumachen. Beide Bücher sind ein Muss für alle Menschen, die zuweilen vom Fernweh geplagt werden. Und bei allem Spaß und aller Leichtigkeit, die diese Bücher verströmen, erfährt man ganz nebenbei sogar noch jede Menge Interessantes aus den verschiedenen Teilen der Welt, die Siebeneisen bereist.

—————————————————
Stefan Nink: Freitags in der Faulen Kobra.
Limes, März 2014.
448 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Mittwoch, 30.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Norbert Leithold: Herrliche Zeiten

Norbert Leithold: »Herrliche Zeiten«In seinem 520-Seiten-Wälzer „Herrliche Zeiten“ begleitet Norbert Leithold die Berliner Familie Kypscholl vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zur Studentenrevolte Ende der 60er-Jahre.

Die Geschwister Otto und Anna dienen sich den Nazis an: Er raubt im Namen der SS Kunstwerke aus den besetzten Gebieten, sie arbeitet in einem Lebensborn-Heim, wo es darum geht, im Sinne des nationalsozialistischen Rassenwahns arisch reine Menschen zu züchten. Auch mit Euthanasie, also der Ermordung von Menschen, die die Nazis als nicht lebenswert erachten, hat sie am Rande zu tun.

Interessant ist, dass das Ende des Krieges für die Geschwister keineswegs ein Ende ihres Tuns oder ihrer Einstellungen bedeutet. Otto reist von Westberlin in die neu entstehende DDR, um die Menschen dort um ihre Antiquitäten zu erleichtern, Anna, die es in die Gegend von Stralsund verschlagen hat, tötet als Hebamme Neugeborene, wenn sie mit einer Behinderung auf die Welt kommen.

„Herrliche Zeiten“ ist vor allem für Leser mit historischem Interesse ein gutes Buch. Norbert Leithold, geboren 1957, Historiker und Verfasser von einigen geschichtlichen Sachbüchern, hat seinen Stoff hervorragend recherchiert. Zehn Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, und diese Gründlichkeit merkt man dem Werk an.

Etwas weniger gut gelingt ihm die Charakterisierung der fast ausnahmslos negativ besetzten Figuren. Da hätte man sich zuweilen etwas mehr psychologische Tiefe gewünscht. Auch muss man sich an einige unnötige stilistische Schrulligkeiten gewöhnen – zum Beispiel dass wörtliche Rede nie als solche kenntlich gemacht wird und dass Szenen und Schauplätze mitunter arg übergangslos ineinanderfließen.

Auf den letzten gut 100 Seiten verlagert sich der Roman hin zu den Kindern von Otto und Anna, Karl und Regina. Im Grund fängt hier eine neue Geschichte an, die seltsam losgelöst vom Vorherigen daherkommt. Hätte der Autor auf sie verzichtet, wäre das Buch kaum schlechter geworden – vielleicht sogar im Gegenteil. Jetzt geht es um Karls Schwierigkeiten mit dem autoritären Vater und das ihm verhasste Leben in einem katholischen Internat, wo er von den Mitschülern drangsaliert wird, und um Regina, der in der DDR Steine in den Weg gelegt werden, weil sie keinen Antrag auf den Eintritt in die Partei gestellt hat.

Ein dickes, gut recherchiertes Buch, das viele Themen der jüngeren deutschen Geschichte anreißt – mit einigen kleineren Schwächen.
—————————————–
Norbert Leithold: Herrliche Zeiten.
DVA, März 2014.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Sonntag, 27.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Henry James: Washington Square

Henry James: »Washington Square«Der Manesse-Verlag hat einen Klassiker aus dem Jahre 1880 neu übersetzen lassen: „Washington Square“ von Henry James. Themen sind menschliche Abgründe wie Lieblosigkeit, Selbstherrlichkeit, Tratschsucht, Rache oder die Gier nach Geld.

Die als reizlos und naiv, aber wohlhabend beschriebene Catherine findet einen Liebhaber, der sie heiraten möchte. Catherines Vater, ein angesehener Arzt, hält den Verehrer für einen üblen Mitgiftjäger und versucht mit allen Mitteln, die Ehe zu verhindern – unter anderem, indem er seine Tochter sogar enterbt.

„Washington Square“ ist ein vielschichtiger Roman von hoher psychologischer Glaubwürdigkeit, der vor allem die hässlichen menschlichen Wesensmerkmale zeigt. Im Grunde wirkt keine der Hauptfiguren sympathisch. Da gibt‘s den hartherzigen Vater, die wenig gewandte, mundfaule und letztlich genauso hartherzige Tochter, den arbeitsscheuen Mitgiftjäger und eine tratschsüchtige ein wenig vertrocknete Tante, die sich als Schicksalsgöttin betätigt.

Sicher, manches hat sich in den vergangenen 130 Jahren geändert. Eine Tochter wäre nicht mehr so hörig gegenüber ihrem Vater, wie es Cathrine besonders zu Beginn des Romans ist. Auch das Verhalten des Arztes selbst in seiner bedingungslosen Selbstherrlichkeit wirkt aus heutiger Sicht etwas antiquiert – aber im Grunde gelten auch heute noch viele der psychologischen Aussagen, die der Roman trifft, weswegen „Washington Square“ auch heute noch ein lesenswertes Stück Literatur bildet, das nicht nur für literaturgeschichtlich orientierte Leser einen Genuss bieten dürfte.

Übersetzerin ist Bettina Blumenberg, die auch ein Nachwort zur literaturgeschichtlichen Einordnung und Interpretation des Romans verfasst hat.
——————————————-
Henry James: Washington Square (1880).
Manesse, April 2014.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Dienstag, 22.04.2014

Autor: JosefBordat

Basiskurs „Christsein“

Walter Kirchschläger zeigt, worauf es im christlichen Glauben ankommt: Kirche in Bewegung, Jesus im Zentrum. Dass er jene Dynamik und diese Orientierung der Christenheit so eng mit Papst Franziskus in Verbindung bringt, ist unhistorisch, aber verkaufsfördernd.

Papst Franziskus, soviel steht bereits nach dem ersten Jahr seines Pontifikats fest, wird die Kirche verändern. Denn er hat bereits die Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit verändert. Viele Autoren entdecken plötzlich Aspekte des Christentums, die sie bei den als konservativ verstandenen Vorgängerpäpsten, insbesondere bei Benedikt, vermisst hatten: Einfachheit im Selbstverständnis, Demut im Auftreten, Herzlichkeit gegenüber den Menschen, Offenheit für die Probleme der Welt. Mit anderen Worten: Schwarze Schuhe, rote Schuhe.

Es lässt sich zwar mit relativ geringem Aufwand zeigen, dass es zwischen Franziskus und seinen Vorgängern keinen theologischen oder ekklesiologischen Bruch gibt, doch nehmen viele Autoren Franziskus’ Pontifikat zum Anlass, wahlweise die Umsetzung des Konzils, Veränderungen in strukturellen Fragen oder gleich die Einlösung echten Christentums in der Kirche einzufordern. Endlich, wie es dann heißt. So als sei die Kirchengeschichte bis zum 13. März 2013 nur eine Art Prolog gewesen. Die unbedarfte Leserschaft bekommt so den Eindruck vermittelt, als könne und müsse Papst Franziskus die Kirche zu Christus zurückführen. Das ist je nach Sichtweise unmöglich bis unnötig, in jedem Fall unhistorisch, denn es wird weder der Rolle Johannes Pauls II. noch der Benedikts XVI. gerecht. Und wenn wir weiter zurückgehen und uns die Geschichte der Heiligen, der Ordensgründer, der Missionare und auch der Päpste ansehen, wirkt es doch arg engstirnig.

So ist denn auch die explizite Bezugnahme des Theologen Walter Kirchschläger auf Papst Franziskus, den er durchweg „Bischof [von Rom]“ nennt, etwas ärgerlich. Wer ein Buch über das Wesen des Christentums schreibt (und dies über weite Strecken auch sehr überzeugend tut), sollte nicht zugleich suggerieren, dieses Wesen – nämlich in der Tat: Christus im Mittelpunkt – sei in irgendeiner Weise „neu“ oder auch nur „neu entdeckt“ worden. Bibel und Gebet, Nachfolge und Nächstenliebe, Gottesoffenbarung und Erlösungshoffnung sind keiner „neuen Dynamik“ geschuldet, wie sie der Verfasser seit dem 13. März 2013 in der Kirche erkannt haben will, sondern schlicht die Basis des zweitausend Jahre alten christlichen Glaubens. Hieraus „Impulse“ zu entwickeln für die gegenwärtige Situation der Gläubigen ist wichtig und richtig, sie allerdings mit einem Franziskus-Exponenten zu versehen, depotenziert sie paradoxerweise. Und das ist schade.

Besonders deshalb, weil Kirchschläger ein durchaus lesenswertes Kompendium christlichen Lebens vorlegt, das auch ohne (oder zumindest nicht ganz so aufdringliche) Bezüge zur Tagesaktualität der Kirche ausgekommen wäre. Der Verfasser gibt wertvolle Hinweise auf die Ausrichtung des Christen, für die es aber ursächlich weder ein Konzil noch einen bestimmten Papst braucht, nur Jesus Christus selbst. Kirchschläger sagt denn auch, Jesus Christus sei „der perspektivische Bezugspunkt, von dem her die Gottesgeschichte mit Welt und Menschen“ im Glauben der Kirche betrachtet werde, Er sei „jener grundlegende Ausgangs- und Bezugspunkt, von dem her ich mein Leben entwickeln und zu begründen versuchen kann“. Nur, dass der Verfasser eben zu glauben scheint, die Kirche sei erst durch das Konzil auf diesen Gedanken gekommen, so, als habe Jesus Christus nicht schon in aller Deutlichkeit von sich selbst als Bezugspunkt gesprochen („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“).

Im Laufe seiner Darlegung argumentiert Kirchschläger jedoch insbesondere mit treffenden Bezügen zum Neuen Testament und insoweit konfessionsübergreifend nachvollziehbar. Er kommt zu sehr einleuchtenden Schlussfolgerungen und gibt konkrete Anstöße für das spirituelle Wachstum. Das alles geschieht kleinschrittig und in einfacher Sprache, was die Lektüre angenehm macht. Walter Kirchschläger legt ein Buch vor, das im autodidaktischen Studium des Gläubigen ebenso hilfreich sein wird wie es als Teil der Textgrundlagen für Glaubenskurse in der Erwachsenenkatechese dienen kann. Und das funktioniert, davon bin ich überzeugt, auch ganz ohne Fixierung auf „Bischof Franziskus“.

Bibliographische Daten:

Walter Kirchschläger: Christus im Mittelpunkt. Impulse für das Christsein.
Wien / Graz / Klagenfurt: Styria premium (2014).
192 Seiten, 19,99 Euro.
ISBN: 978-3-222-13446-3.

Josef Bordat

Montag, 21.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Richard Yates: »Eine strahlende Zukunft«30 Jahre musste der 1984 entstandene Roman „Young hearts crying“ von Richard Yates warten, bevor er ins Deutsche übersetzt wurde. Nun ist dies unter dem Titel „Eine strahlende Zukunft“ endlich geschehen – dem DVA-Verlag und seiner Yates-Reihe sei Dank.

Das letzte Werk des amerikanischen Schriftstellers (1926 – 1992), der zu Lebzeiten wenig Anerkennung fand, heute jedoch als moderner Klassiker gilt, handelt einmal mehr von dem großen Yates-Überthema: dem Scheitern und dem Versuch einer Antwort auf die Frage: Warum gehen so viele Ehen, Beziehungen, Träume und Lebensentwürfe von Menschen zu Bruch, die doch einstmals so hoffnungsvoll in ihr Erwachsenenleben gestartet sind?

In „Eine strahlende Zukunft“ sind es der junge Dichter Michael und die Millionenerbin Lucy, die sich auf den gemeinsamen Weg machen. Doch der ersehnte schriftstellerische Erfolg für Michael bleibt aus – aber weil er es ablehnt, von dem Geld seiner Frau zu leben, hausen die beiden mit ihrer Tochter in ärmlichen Verhältnissen. Unzufriedenheit bei beiden Ehepartner ist die Folge – und letztlich die Trennung. Im weiteren Verlauf beschreibt der Roman das spätere Leben von Lucy und Michael und ihre vielen Beziehungen, die allesamt wieder scheitern. Für ihn geht es dabei noch tiefer nach unten als für sie, muss er doch – auch durch übermäßigen Alkoholgenuss – sogar eine Zeit lang in der Psychiatrie leben und behandelt werden.

„Eine strahlende Zukunft“ ist auch ein Künstlerroman. Lucy versucht sich als Schauspielerin, Schriftstellerin und Malerin, erlebt jedoch in keinem Bereich den wirklichen Durchbruch. Am Ende prosten sich beide zu und sagen „Scheiß auf die Kunst“. Man lebe doch viel freier, wenn man nicht immer versuche, irgendwelchen künstlerischen Zielen nachzujagen. Es scheint fast, als ob hier der Autor selbst spricht, der – wie oben erwähnt – nach diesem Werk keinen weiteren Roman mehr geschrieben hat.

Die vom DVA-Verlag herausgebrachten Yates-Romane sind eine echte literarische Bereicherung, weil sie von großer psychologischer Feinheit und Glaubwürdigkeit durchzogen sind. Und es ist vollkommen unverständlich, warum diese Bücher, die denen zum Beispiel eines John Updike in nichts nachstehen, erst jetzt in Deutschland bekannt werden.

————————————————–
Richard Yates: Eine strahlende Zukunft.
DVA, März 2013.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Sonntag, 13.04.2014

Autor: Annette

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville


deckIn den Mittelpunkt ihres ersten Romans stellt Julia Deck eine Frau Anfang 40. Verwöhnt durch Herkunft und beruflichen Erfolg, muss sie eine Demütigung nach der anderen verkraften.

Vom Ehemann und Vater der gemeinsamen Tochter für eine jüngere Frau verlassen, hat sie sich in eine Wohnung an der Gare de l’Est zurückgezogen, eine Art provisorische Notunterkunft. Sie fürchtet, als Alleinerziehende nun auch im Job in die zweite Reihe gedrängt zu werden. Die regelmäßigen Besuche beim Psychoanalytiker, bei dem sie seit einem Schwächeanfall in Behandlung ist, steigern nur ihre Trauer und Wut.

Viviane Élisabeth Fauville tötet den Arzt. Als Alibi gibt sie ihre Mutter an, nur ist die seit Jahren tot und es dauert nicht lange, bis auch die Polizei dahinter kommt.

Unterdessen läuft Viviane aufgewühlt durch die Straßen von Paris und macht Verdächtige und Zeugen ausfindig, die möglicherweise ein Motiv hatten, den Psychoanalytiker zu töten. So bekommt der Tote eine Geschichte und man erfährt etwas über die soziale Schichtung in den verschiedenen Arrondissements der französischen Hauptstadt.

Vielleicht sollte ich besser sagen: “Sie” laufen aufgewühlt durch die Straßen von Paris. Denn Julia Deck spricht die Leser durchgängig an.  Ich bin aufgefordert, mir vorzustellen, dass ich in die jeweilige Rolle hineinschlüpfe, mich mal in Viviane Élisabeth Fauville, mal die Geliebte des ermordeten Arztes oder sein Frau hineinfühlen. Das Buch ist mit viel Tempo geschrieben und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen.

Der Schluss driftet für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Nebulöse. Aber dessen ungeachtet ist “Viviane Élisabeth Fauville” ein  Buch, das vor allem aufgrund seiner sprachlichen Gestaltung im Gedächtnis bleibt. Erschienen ist es im letzten Jahr in der Übersetzung von Anne Weber im Verlag Klaus Wagenbach und stand auf der Hotlist der unabhängigen Verlage 2013.

Cover: Verlag Klaus Wagenbach

Donnerstag, 10.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Massimo Gramellini: Träum was Schönes

Massimo Gramellini: »Träum was Schönes«Der Inhalt des italienischen Bestsellers „Träum was Schönes“ von Massimo Gramellini, der jetzt auch auf Deutsch erscheint, ist schnell erzählt: Ein Junge verliert im Alter von nur neun Jahren seine Mutter und leidet zeitlebens darunter.

Der Verlust eines Elternteils im Kindesalter dürfte zum Schlimmsten gehören, was ein Mensch erleben kann, und es fällt schwer, über eine so intime Lebensbeichte, wie es dieses Buch darstellt, eine adäquate Rezension zu schreiben. Um das tun zu können, müsste man streng genommen ein entsprechendes psychologisches Vorwissen haben. Andernfalls wirkt der Versuch fast anmaßend.

Und doch bringt der 1960 geborene Autor seinen Text als „Roman“ heraus, begibt sich damit in die Öffentlichkeit und muss daher auch mit einer möglichen Kritik rechnen und leben. Und die geht so: Irgendwann kommt beim Lesen die Frage auf, ob man nicht 20, 30 oder gar 40 Jahre nach einem solchen Kindheitserlebnis zumindest insoweit Abstand dazu haben könnte, dass es nicht mehr das alles bestimmende Lebensthema ist – wie es aber bei Massimo Gramellini der Fall zu sein scheint.

Das kommt besonders in den verschiedenen Frauen-Beziehungen, die Gramellini eingeht, zum Tragen. Da der Roman ausschließlich aus der Sicht Gramellinis geschrieben ist, fehlt hier die Sicht der Frauen, die mit der Situation leben müssen, dass ihr erwachsener Partner immer noch stark mutterfixiert ist.

Auf der Positivseite steht eine unsentimentale, klare Sprache, die dem Text jede Gefahr von Süßlichkeit oder gar Kitsch nimmt, die bei dem Thema sicherlich vorhanden ist.

Das nur 200 Seiten dünne Büchlein, das in Italien lange Zeit auf Platz 1 der Bestenliste stand und derzeit in 40 Sprachen übersetzt wird, dürfte für all jene hochinteressant sein, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, für alle anderen könnte es thematisch ein wenig eindimensional sein. Der Roman tritt thematisch etwas zu lange auf der Stelle – etwas Bewegung kommt erst sehr spät hinein.

Massimo Gramellini: Träum was Schönes.
Piper, März 2014.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.

Dienstag, 08.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Kristian Bang Foss: Der Tod fährt Audi

Kristian Bang Foss: »Der Tod fährt Audi«Diesmal liegt der junge carl‘s books-Verlag, in dem der so erfolgreiche „Hundertjährige“ erschienen ist, daneben. Kristian Bang Foss‘ „Der Tod fährt Audi“ ist weniger gelungen.

Der private Krankenpfleger Asger freundet sich mit seinem einzigen Patienten Waldemar an und bricht mit ihm 100 Seiten später zu einer Tour im VW-Bus von Dänemark nach Marokko auf. Dort will Waldemar, der gleich an mehreren Krankheiten leidet und nur wenige Schritte zu Fuß bewältigen kann, einen Wunderheiler treffen.

Was sich in dieser Kurzbeschreibung so anhört, als könnte daraus ein schönes Roadmovie in Buchform werden, ist in Wirklichkeit leider flach, unwitzig – obwohl der Verlag „trockenen Humor“ ankündigt – und thematisch schon fast unverschämt nah dran an dem Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“. Nur dass Letzterer um Lichtjahre besser ist.

Eines der Probleme an diesem Buch ist das Timing. Der 1977 geborene dänische Autor hält sich viel zu lange mit Nebensächlichkeiten auf, die die Geschichte nicht weiterbringen. So schreibt er über einen missratenen Verwandtenbesuch bei Waldemars Familie oder darüber, wie die beiden in einem sozialen Elendsviertel Kopenhagens die Zeit totschlagen und sich anöden. Das ist nicht nur langweilig für die beiden Hauptfiguren, sondern auch für die Leser. Ständig fragt man sich: Wann starten sie denn nun endlich ihre Reise, von der im Klappentext die Rede ist?

Dann ist da noch „der Audi fahrende Tod“, dem ja immerhin der Titel gewidmet ist. Er taucht als dunkle Wesenheit zwar zwei- oder dreimal im Buch auf, wirkt aber seltsam losgelöst und ohne jede logische Bindung zum Rest der Geschichte – so als sei er nachträglich eingebaut worden, um das Ganze etwas aufzupeppen.

Insgesamt bleiben einem sowohl das Handeln als auch das Innenleben von Asger und Waldemar fremd, weil alles an der Oberfläche dahindümpelt.

————————————————–
Kristian Bang Foss: Der Tod fährt Audi.
carl’s books, März 2014.
224 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

bLogin
Second-Hand Grabbelkiste zugunsten des ligatur e.V. bei facebook.
Literaturwelt. Die Page. | Promote Your Page Too

Mit flattr kann man Bloggern mit einem Klick Geld zukommen lassen. Infos

Kostenlos aktuelle Artikel per E-Mail:

Tagcloud
Empfehlungen
Unsere Projekte
Letzte Kommentare
Kategorien
Links / Blog'n'Roll


Statistik

literaturwelt.de & carpe.com | über blog.literaturwelt | Autoren | Archiv | Impressum | RSS | Werbung