Sonntag, 20.03.2016

Autor: Andreas Schröter

Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie

Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie«Bei den Hawthornes in Kalifornien läuft äußerlich vieles ziemlich rund: Mutter Nora und Vater Gabe haben Erfolg in ihren Jobs, Tochter eins – Angela – hat als Jahrgangsbeste ihrer Schule beste Chancen, in Harvard angenommen zu werden. Tochter zwei – Cecily – ist eine erfolgreiche Tänzerin und zugleich der Sonnenschein der Familie. Nur Tochter drei – Maya – bereitet etwas Kummer, weil sie einfach nicht lesen lernen will.

Doch mit wachsender Seitenzahl merkt der Leser, dass auch vieles von dem sonstigen Glück der Familie nur Fassade ist. Hinter den schönen Kulissen lauern jede Menge Stress und gleich mehrere düstere Geheimnisse.

Der US-amerikanischen Schriftstellerin Meg Mitchell Moore ist mit diesem Roman – „Eine fast perfekte Familie“ heißt er – ein großer Wurf gelungen. Besonders Leser in ihren mittleren Jahren, die sich in der Tretmühle zwischen Job und Kindererziehung befinden, dürften in diesem Buch enorm viel finden, das ihnen bekannt vorkommt – wobei der Roman von Kapitel zu Kapitel stärker wird. Zunächst denkt man noch: Gut wir haben‘s begriffen – eine gestresste Familie, in der alle Mitglieder mittelschwer bis schwer überfordert sind, was soll da noch kommen? – aber dann geht‘s erst richtig los.
Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit den Namen der Familienmitglieder betitelt und aus ihrer Sicht geschrieben. Schon bald hat man sie alle ins Herz geschlossen und fiebert mit ihnen und ihren Problemen.

Am Ende wird das Buch fast ein bisschen philosophisch und stellt die Urfrage nach dem Glück. Was macht einen Menschen glücklich? Ein toller Job mit viel Stress, ein Studium in Harvard oder vielleicht doch etwas ganz anderes? Insgesamt ein höchst lesenswerter Roman.
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Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie.
Bloomsbury Berlin, März 2016.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Mittwoch, 16.03.2016

Autor: oliverg

Bessersprecher Englisch (US) und Italienisch

Hier finden sich alle Bessersprecher-Ausgaben:
Bessersprecher Reihe des Conbook Verlages

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Montag, 14.03.2016

Autor: Andreas Schröter

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern«Dem 1985 geborenen Münchner Autor mit libanesischem Vater, Pierre Jarawan, gelingt in seinem Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ gleiches Mehreres: eine spannende Familiengeschichte zu erzählen etwa oder ein Schlaglicht auf die historische und aktuelle politische Situation im Libanon zu werfen. Außerdem dokumentiert das Buch die Zerrissenheit von Migranten in Deutschland zwischen alter und neuer Heimat. Stellenweise verströmt es sogar einen Hauch von Tausend und einer Nacht.

Als Samir acht Jahre alt ist, verschwindet sein Vater von heute auf morgen spurlos. Fortan setzt der Heranwachsende alles daran, den Vater zu finden oder wenigstens zu verstehen, warum er die Familie im Stich gelassen hat. Als junger Mann beschließt Samir, eine Reise in den Libanon zu unternehmen, wo er den Vater vermutet. Doch in dem Beirut von heute fühlt er sich zunächst fremd. Nur wenig erinnert an die zauberhaften Geschichten von dort, die ihm sein Vater in Deutschland erzählt hat. Das ändert sich, je länger er bleibt…
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Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern.
Berlin-Verlag, März 2016.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22 Euro.

Sonntag, 13.03.2016

Autor: Immo Sennewald

Karolina Leppert: Männermanieren – Standpauke aus dem Rotlicht

MännermanierenDiese Autorin tritt selbstbewusst auf, daran lässt sie weder mit ihrem Foto auf dem Schutzumschlag noch mit den ersten Sätzen ihres schmalen Büchleins zweifeln. Sie darf das, denn schon das Thema sichert ihr gehörige Aufmerksamkeit; so gut wie alle Medien berichten obendrein gerade darüber, wie der Gesetzgeber neue Leitplanken im bezahlten Geschlechtsverkehr installieren will. Erzwungene Prostitution und Menschenhandel will er damit einschränken – eine ziemlich liberale, auf besseren juristischen und sozialen Schutz für die Frauen zielende Regelung aus dem Jahr 2003 hat darin anscheinend nicht nur versagt, sondern kriminelle Dunkelfelder noch erweitert.

Karolina Leppert übt ihren Beruf als Sexarbeiterin mit Lust und Überzeugung aus. Ich nehme ihr das umso leichter ab, als sie nicht nur sehr offen redet, sondern auch unverschnörkelt, gescheit und vor allem mit Witz: Ich habe mich bei einer Lektüre lange nicht mehr so gut amüsiert. Dabei geht es drastisch zu; die „Standpauke“ kommt von Herzen und es ist Lebensklugheit, Gefühl und Empathie darinnen, wenn auch die „Manieren“ einen wünschen lassen, zugehörige Männer dorthin zu treten, wo schon der Klappentext einen tragikomischen Treffer landet.

Die Domina Karolina Leppert kommt rasch zur Hauptsache, und sie handelt sie souverän ab: Die Internetpornographie konditioniert Männer, indem sie ihre Phantasie verstellt. Das Geschlechtliche mit all seinen im tiefsten Lebenskern wurzelnden individuellen Spielarten wird vom physischen Geschehen zwischen Menschen entkoppelt, stattdessen implantieren bewegte Bilder Erwartungen, die im Virtuellen, keineswegs aber in der Realität erfüllbar sind. Vergleichbares lässt sich in den Gewaltspielen und Actionfilmen erfahren – und manche, die dort eintauchen und ihr Ego ins Gigantische übersteigern, schalten mit dem Computer keineswegs die Wünsche nach digital erzeugten Dopaminschüben ab: Gewalt-Macht-Lust kann um so leichter zur Droge werden, wenn sie folgenlos bleibt. Das Phänomen ist auch an den Pöblern (und Pöblerinnen) zu beobachten, die ihre Aggressionen im mehr oder weniger anonymen Social Web unverdrossen austoben.

Wie die Verfasserin in ihrer Rolle als Domina, wie ihre leid- und lustgeprüfte Kollegin Mariella mit solchen von pornographischen Extremen besessenen Kunden in der harten Realität zurechtkommen muss, das erzählt sie geschickt, indem sie die „Standpauke“ aus einem Gespräch mit Mariella heraus entwickelt. Vielleicht ist Mariella nur eine Kunstfigur; Karolina Leppert könnte zweifellos genügend Geschichten aus ihrer Arbeit für das Prostituierten-Netzwerk „Hydra“ in einer solchen verdichten. Man(n) muss sie einfach mögen. Und dass die Männer in Lepperts Standpauke mit fast therapeutischer Nachsicht behandelt werden, ohne feministischen Furor, dafür mit scharf beobachtendem Sarkasmus, Selbstreflexion und großem Humor, hebt diesen Text aus den zahllosen so bedeutungstriefenden wie folgenlosen Einlassungen zum Thema heraus. Dass der Alltag von Menschenhandel, Vergewaltigung und Zwangsprostitution grausam ist, lässt er einen keinen Augenblick vergessen, gerade weil die Autorin in einem verhältnismäßig zivilisierten Bereich zu Hause ist. Aber da die Politik den Dunkelfeldern ziemlich hilflos gegenüber steht, ist die Standpauke für die Kunden – meist Männer – umso mehr angebracht. Für die Kundinnen auch.

Karolina Leppert, Männermanieren. Standpauke aus dem Rotlicht, edition a, 128 Seiten, erschienen am 27. Februar 2016, 16,90 Euro.

Freitag, 11.03.2016

Autor: rwmoos

Andreas Hultberg: Der Tod vergisst nie

Thüringer Niederungen

In einem Erfurter Architekturbüro findet die Angestellte Angelika Schröder am Montag Morgen drei Leichen vor: Ihren Boss, dessen Geliebte und zwei weibliche Angestellte. Um die hier aufkommende arithmetische Frage gleich zu beantworten: Natürlich war eine der Angestellten im Nebenberuf die Geliebte vom Chef.
Übrig bleiben: Ein ewig nicht zu erreichender Kompagnon, ein längst heraus geekelter dritter Teilhaber, eine hasserfüllte Ehefrau, zwei weitere weibliche Angestellte, die sich gegenseitig bezichtigen, ebenfalls auf den wohl betuchten Chef scharf gewesen zu sein und ein stark verärgerter Kunde. Eigentlich genug potentielle Verdächtige, zu denen trotzdem im Laufe der Ermittlungen noch weitere stoßen.
Das Ermittler-Team um die beiden Protagonisten Linda Bredow und Christoph Zeller, die, einander in Hassliebe verbunden, ein – so wird immer wieder betont – hervorragendes Gespann abgeben, macht sich an die Arbeit.
Die wird schwierig. Aber das stand ja zu erwarten.

Zunächst das, worauf es bei einem Krimi ankommt: Man kann das Buch in einem Zug durchlesen. Es fängt gut an und bleibt spannend. Wenngleich der geübte Krimi-Leser beizeiten ahnt, worauf der Hase hinaus läuft, legt die Erzählweise von Andreas Hultberg genug andere Spuren, um die Lösung hinauszuzögern, wobei er, die Ahnung des Lesers ausnutzend, dann geschickt zwischen den beiden klassischen Erzählformen, dem „Whodunit“ und dem „Howcatchem“ changiert.
Dabei nutzt er zwischendurch noch die „inneren Monologe“ der gejagten Person zu einer, sicher ausbaufähig gewesenen, subjektiven Gesellschaftsanfrage.
Allein diese Methodik ist schön.

Ein wenig blass bleiben dagegen die Charakter-Zeichnungen: Stress, Frust und Beziehungsprobleme werden von allen Beteiligten stereotyp mit Alkohol und Nikotin angegangen – das Sujet kennt man und es wirkt ausgelutscht. Dass zudem die diversen Charaktere gleichlautende Redewendungen verwenden („Hundert Punkte für den Kandidaten“ etc.) ähnelt die Rollen einander weiter an. Der gelegentlich anklingende Sprachwitz vergeigt seine Chancen in Kalauern. Randpersonen, die das Zeug hätten, interessant zu werden, wie die Pathologin oder das letzte Ziel des Täters, werden nicht weiter ausgeführt.

Wenn zudem inhaltliche Unstimmigkeiten auftreten, kann man das zwar dem Autor durchgehen lassen, dafür ist umso mehr das Lektoriat zu tadeln. So beginnt der Roman auf Seite fünf am Abend und wird dann ohne Bruch auf Seite sieben in den frühen Nachmittag überführt. Da hat man dann schon auf Seite acht ein Gefühl eines virtuellen Jetlags.

Das die Angestellte, die die Leichen gefunden hat, in den fürderhinnigen Ermittlungen nicht einmal mehr nach ihrer Meinung befragt wird, stimmt den mit-ermittelnden Leser nachdenklich.
Den dicksten Bolzen aber schießt doch der Verfasser der Zusammenfassung auf der Buch-Rückseite ab. Da werden Erfurt und Umgebung kurzerhand nach Sachsen verlegt. Der Rezensent empfiehlt die Anschaffung eines Schulatlases. Und:
Auch wenn es derzeit einigen so scheinen mag: Nicht alles Böse kommt aus Sachsen.

Natürlich erwartet man von einem Krimi nicht unbedingt literarische Klasse. In einem Punkt aber reicht dieser Roman über das Tagesgeschäft hinaus und kreiert eine eigene Pointe:
Die ganze Zeit über plagt man sich während der Lektüre nämlich mit dem unguten Gefühl, dass der männliche Protagonist eigentlich lauter Mist baut, und so gar nicht in das Schema des „genialen Ermittlers“ passt – ein Etikett, das ihm von seiner Umgebung immer wieder angeheftet wird. Er schließt Verdächtige vorschnell aus, ändert ständig seine Theorien, die er dann ebenso voreilig und total wieder verwirft, macht schlichte handwerkliche Fehler und wechselt Anflüge moralischer Integrität mit dem genauen Gegenteil im Tagesrhythmus.
Am Schluss aber merkt man: Das ist genau so gewollt. Er ist eben kein genialer Ermittler, sondern bestenfalls kriminalistischer Durchschnitt. Alles andere war mehr oder minder erfolgreicher Selbstbetrug. Dieser Betrug wird dann am Ende ungerüttelt von der Kollegin übernommen, indem sie seine Schwächen kurzerhand weg-erklärt. Wie hieß es doch so schön bei Marx? Der Schein trübt das Bewusstsein. Oder so ähnlich.

Reinhard W. Moosdorf

Dienstag, 08.03.2016

Autor: Andreas Schröter

Frank Goosen: Förster, mein Förster

Pearl S. Buck: Die Welt voller Wunder«Wenn man es positiv sehen will: Der Bochumer Ruhrpottbarde Frank Goosen bleibt seinem typischen Sound und seinen nostalgischen Themen, die viele Leser mögen, im aktuellen Buch „Förster, mein Förster“ treu.

Negativer: Der Roman bietet nichts Neues. Alles kommt einem wie schon hundertmal gelesen vor: dieses ewige, mittlerweile doch etwas sonderbar anmutende Schwelgen in längst vergangenen Zeiten – hach ja, als es noch die C 90-Kassetten gab …

Die Handlung – ein bunt zusammengewürfelter Haufen Menschen begleitet die ehemalige Saxofonistin Frau Strobel zu einem letzten Konzert an die Ostsee – ist nur eine Art Rahmenhandlung, die nicht sonderlich wichtig ist. Das Buch wirkt vielmehr wie ein nur lose zusammengesetztes Puzzle aus kleinen spontanen Ideen und Anekdoten, die kein geschlossenes Ganzes ergeben. Das mag für eine humorvolle Lesung, vorgetragen mit Goosenschem Können genügen, für einen Roman, gelesen auf dem heimischen Sofa reicht es nicht.
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Frank Goosen: Förster, mein Förster.
Februar 2016, Kiwi.
336 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Samstag, 05.03.2016

Autor: Andrea Brücken

Sketching User Experiences

Sketching User Experiences.jpg

Sketching User Experiences – Das praktische Arbeitsbuch zum Erlernen von Skteching und zahlreicher Skizziermethoden

Die Motivation von Bill Buxton, Designer und Wegweiser für Mensch-Computer Interaktion bei Microsoft Research, lag ursprünglich darin, das einfache Skizzieren als Methode für Designprozesse zu erklären. Denn seiner Ansicht nach waren viele Interaktionsdesigner, mit denen er arbeitete, nicht ausreichend visuell und zeichnerisch geschult. Das Ergebnis ist dieses tolle Handbuch, das im Rahmen vieler Prozesse zur Anwendung kommen kann, die mit dem Entwickeln von Ideen und Produkten zu tun haben.

Das Buch versammelt eine riesige Anzahl an Techniken, die sowohl die Ideenentwicklung, das Skizzieren, das Storytelling und die Prozesse im Rahmen von User Experience unterstützen – und die auch von ungeübten Zeichnern benutzt werden können.

Besonders erfreulich: tatsächlich wird in den spezialisierten Kapiteln darauf eingegangen, wie man visuelle Präsentation im Rahmen von kritischem Feedback nutzen kann. Und darum geht es ja bei der User Experience: kann der Nutzer mit dem finalen Produkt leicht und einfach arbeiten oder nicht? Wie soll man das anders herausfinden, als den Nutzer zu fragen?

Schauen wir uns erstmal die Inhalte an, gegliedert ist das Buch in sechs Kapitel.

1 – Einstimmung

Es geht um grundsätzliche Fragen: Was ist eine User Experience und warum eignen sich Skizzen für die alltägliche Arbeit im Designbereich? Wie sieht ein Designprozess aus? Warum ist ein Skizzenbuch sinnvoll?

Und schon gibt es drei Übungsaufgaben mit Visualisierungen. Natürlich geht es bei den Aufgaben um mobile Geräte beziehungsweise Computer. Aber ich möchte behaupten, dass man a) hierbei grundsätzlich den Designprozess versteht, nach Stuart Pugh auch “Designtrichter” genannt und b) sich selbst die Aufgaben für andere Produkte umformulieren kann

2 – Ideenfindung in der realen Welt

Scribbeln ist die Vorstufe aller Zeichnungen: in kurzer Zeit überall und jederzeit Ideen ganz simpel festhalten und sich nur auf das konzentrieren, was man für wichtig hält. Betont wird in diesem Kapitel, dass man täglich in der realen Welt viele Ideen sammeln kann. Neben Scribbles sind Fotos, Mustersammlungen von Gegenständen, Bilder und Zeitungsausschnitte ein probates Mittel für die Ideenfindung.

Buxton fordert dazu auf, sich eigene Sammelschemata aufzubauen und führt seine kuratierte Sammlung als Beispiel an.

2 – Das Einzelbild

Dem Thema Einzelbild sind volle 70 Seiten in mehreren Abschnitten gewidmet. Neben der zeichnerischen Linienführung geht es um die Schulung des Auges, den Aufbau eines zeichnerischen Bildvokabulars, verbindende und trennende Elemente sowie einfache Strichmännchen. Außerdem wird die kollaborative Arbeit an Skizzen angesprochen.

Danach gehen die Autoren auf Slideware ein, also Programme zum Erstellen von Präsentationen mit Folien. Haftnotizen finden ihren Platz genauso wie eingebettete Fotos und abgepauste Fotos. Abpausen ist aber doch nicht Zeichnen? Nein, aber darum geht es ja auch nicht. Sketch- und Bildbearbeitungssoftware mit Layern ist grundsätzlich fantastisch, um über das Abpausen von Fotos zu lernen, wie man etwas zeichnerisch simpel umsetzt. Und das Vermischen von Fotos mit Skizzen fördert den Kreativitätsprozess enorm.

4 – Zeitschnappschüsse: die visuelle Erzählung

Das kann man nicht besser formulieren: “Interaktionsdesign ist in sofern einzigartig, als dass man sich das Verhalten einer Person vorstellt, während diese über eine gewisse Zeit mit einem System interagiert.”

In diesem Kapitel wird es fachspezifisch. Storyboards können auf verschiedene Weise “gebaut” werden: sequenziell, als Zustandsübergangsdiagramm, verzweigt oder narrativ. Das Kapitel ist reich und anschaulich mit Visualisierungen bestückt, so dass man leicht versteht worin die Unterschiede zwischen den Methoden liegen.

Selbst für nicht so designorientierte Sketchnoter wie mich gab es hier noch einige interessante Learnings. Neben dem Rastern und Synthetisieren von Informationen erzählen Sketchnoter nämlich gerne Geschichten, sofern das möglich ist. Und Geschichten haben immer Protagonisten, die in Interaktion miteinander stehen.

5 – Die User Experience animieren

Ein weiteres Spezialthema ist die Animation von Bildsequenzen. Zunächst geht es um das Animieren einer Szene über Frames und Bewegungspfade innerhalb von Slideware. Etwas komplizierter wird es dann im Abschnitt über das Arbeiten mit verzweigten Animationen. Das alles soll in Powerpoint oder Apple Keynote umsetzbar sein – habe ich noch nie gemacht, ein guter Anreiz zum Ausprobieren.

Keyframes und Tweening kann man in Adobe Flash oder vergleichbarer Software für Multimediaanimationen einsetzen, das Thema wird kurz angerissen und gehört wirklich in den Entwicklerbereich.

Nützlich für “Jederman” ist dann noch ein Unterkapitel zum Erstellen von linearen Videos über das Abfilmen von Papier-Notizen mit einer Videokamera und der Post-Produktion mithilfe einer Schnittsoftware.

6 – Andere einbeziehen

Im letzten Kapitel geht es darum, erstellte Animationen zu nutzen, um den Designprozess in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien zu teilen, zu zeigen und sich ein User-Feedback einzuholen.

Anhand einer Fallstudie wird das “initiale mentale Modell” erklärt – darunter versteht man die durch einen Testnutzer erteilte Beschreibung dessen, was er beim Durchlaufen eines Testdesigns wahrnimmt. Der “Wizard of Oz” ist eine Anfang der 80er-Jahre entwickelte Methode für das experimentelle Design, die Reaktionen aus dem Computer-Backend infolge von (Tastatur-)Eingaben simuliert. “Laut denken” ist vor allem im Coaching- und Beratungskontext eine übliche Methode, um die Gedanken von Klienten bzw. im Designbereich von künftigen Nutzern “sichtbar” und nachvollziehbar zu machen.

Schlussendlich kommt dieses Kapitel auf Skizzenwände zur Präsentation und die Methode des kritischen Feedbacks zu sprechen.

Fazit generell

Besonders gefallen hat mir die visuelle Aufbereitung des Buches. Klare Gliederungen, hervorgehobene Überschriften und numerische Aufzählungen, enorm viele Fotos und Scribbles / Zeichnungen. Die Schrift ist klein, aber durch die Hervorhebungen von relevanten Stichworten, deutliche Absätze, eingefügte Infokästen und Seitenleisten mit übergeordneten Informationen orientiert man sich mit Leichtigkeit im gesamten Buch.

Toll auch die schematische inhaltliche Gliederung: in diesem Kapitel geht es um dies und das, hier sind die Punkte A bis X, Beispiele, Referenzen und Weblinks, das hast du “neu erlernt”. Ein Stichwortverzeichnis rundet die Sache ab, die (weiterführenden) Quellen muss man sich halt aus den einzelnen Kapiteln ziehen.

Da ich kein User Experience-Designer bin, kann ich nicht wirklich beurteilen, wie nützlich das Buch in diesem Kontext ist. (Bisherige Reviews sind da aber voller Lob!)

Fazit aus der Sicht einer Sketchnoterin

In der Sketchnote-Community haben wir so eine Art Running Gag, der sich auf das Zeichnen bezieht: “I cannot draw” ist schon vielfach Gegenstand von Doodles gewesen – spontanen, kleinen, leichtfüßigen Kritzeleien zur Verbesserung der individuellen Visual Literacy. Viele Sketchnoter und Graphic Facilitators haben überhaupt keine zeichnerische Ausbildung, aber sie üben täglich. Weil sie vor allem eines beherrschen müssen: komplexe Informationen schnell, einfach und verständlich visuell darzustellen.

Idealerweise geraten sie über die Zeit in eine Art “professionellen Flow”: sie haben immer ein Notiz- oder Sketchbook und ein paar Stifte dabei, sie trainieren täglich ihr Auge und ihre visuelle Wahrnehmung, sie halten alles Mögliche spontan zeichnerisch fest. Auf diese Art entsteht mit der Zeit zwangsläufig ein Sammelsurium an Ideen und Ideenausarbeitungen. Für uns ist nicht in erster Linie wichtig, dass Zeichnungen “schön” aussehen. Für uns ist wichtig, dass wir in die Köpfe derjenigen kommen, die unsere Sketchnotes “lesen” – das geschieht unter anderem über leicht verständliche Zeichnungen, die im Bildvokabular unserer Leser andocken.

Sketchnotes kommen außerdem weniger bei der Produktentwicklung, sondern eher im Dienstleistungsumfeld zum Tragen. Das “kritische Feedback” ist ein wichtiger Aspekt: bei Vor- und Nachbereitungsgesprächen von Aufträgen lasse ich mir immer beschreiben, welche Bilder die Kunden im Kopf haben, welche Motive sie passend finden bzw. ob das dann Gezeichnete ihre Vorstellungen getroffen, ergänzt oder sie enttäuscht hat.

Der professionelle Flow ist bei mir inzwischen ein Normalzustand – letztlich geht es bei allen Sketchnotes “nur noch” darum, unter meinen vielen Ideen (auch den bisher gesammelten) die eine zu finden, die mich über die detaillierte Ausarbeitung in die Köpfe und Herzen der Adressaten des Themas bringt, das ich visuell umsetzen will.

Insofern sind Sketchnoter auch Designer und Storyteller, der Bezug zur User Experience besteht aber eher darin, ob Menschen die synthetisierte visuelle Darstellung von komplexen Informationen erreicht und ob sie das Dargestellte für sich selbst nachvollziehbar finden.

Ganz persönlich empfinde ich das Buch als sehr bereichernd, der dauerhafte Platz im Bücherregal ist gesichert.

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Sketching User Experiences – Hrsg.: Greenberg, Carpendale, Marquardt, Buxton

mitp-Verlag, 1. Auflage, 2014

272 Seiten, ab 21,99, broschiert

Bestellung über den Verlag: http://www.mitp.de/Business-Marketing/Sketchnotes/Sketching-User-Experiences.html

Amazon Link: http://www.amazon.de/dp/3826694597/?tag=carpecom-21

 

Montag, 15.02.2016

Autor: Andreas Schröter

Pearl S. Buck: Die Welt voller Wunder

Pearl S. Buck: Die Welt voller Wunder«Diesen bisher unveröffentlichten Roman der Literaturnobelpreisträgerin von 1938, Pearl S. Buck, umweht eine Legende. Und wie immer in solchen Fällen weiß man nicht recht, ob sie stimmt oder eher eine verkaufsfördernde PR-Strategie ist. Das Manuskript soll 2012 in einer verlassenen Lagerhalle entdeckt worden sein, bevor es an Bucks Adoptivsohn Edgar Walsh ging, der es überarbeitete und schließlich herausbrachte. Pearl S. Buck muss den Text kurz vor ihrem Krebstod 1973 verfasst haben.

Es geht um den hochbegabten Rann Colfax, der irgendwann beschließt, sein Wissen nicht auf Universitäten zu erwerben, sondern durch Bücher, Reisen und die Menschen, die er dabei trifft.

Aus heutiger Sicht wirkt dieser Roman ein wenig altbacken, altklug und seltsam distanziert. Die Figuren erwachen nicht recht zum Leben. Rann fliegen Geld, Erfolg und die Begegnungen mit interessanten Menschen etwas zu glatt nur so zu. Auf echte Schwierigkeiten trifft er kaum. Das wirkt auf Dauer weder lebensnah, noch interessant. Die Figuren gehen überaus gestelzt miteinander um. Gänzlich missraten erscheint vor allem das Ende.
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Pearl S. Buck: Die Welt voller Wunder.
dtv, November 2015.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Donnerstag, 28.01.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt „schlau statt perfekt“ von Stefan Fourier 

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Dienstag, 19.01.2016

Autor: Andrea Brücken

David Sibbet: Visuelle Meetings

Visuelle-Meetings

David Sibbet ist zumindest allen bekannt, die sich mit Change-Management in großen Systemen beschäftigen. Apple und HP profitierten in den vergangenen Jahrzehnten von seiner Arbeit genauso wie verschiedene Stiftungen und gemeinnützige Organisationen. Mit seiner Beratungsfirma The Grove Consultants arbeitet er seit Anfang der 80er Jahre im Bereich Visual Literacy. Kreativität in der Kommunikation sieht David Sibbet als wirkungsvolles Mittel in einer zunehmend komplexer werdenden Welt.

Das Buch “Visual Meetings” erschien 2010 erstmalig und wurde schon im Folgejahr ins Deutsche übersetzt. Gegliedert ist es in fünf Kapitel, deren Inhalte ich kurz vorstellen will.

  1. Stellen Sie sich vor… Meetings wären wirklich lustig UND produktiv!

Zunächst plaudert Sibbet ein bisschen aus dem Nähkästchen und schildert den Ablauf einer Leadership Expedition, die er 1985 für die neue Apple University entwickelte. Schon hier zeigt sich seine Liebe zum Storytelling, die man bei allen visuell Arbeitenden findet. Im Anschluss erläutert er, wie sich aufgrund dieser Erfahrungen bestimmte Muster herauskristallisierten: daß Menschen, die visuell begleitet werden, Prozesse besser nachvollziehen, andere Fragen stellen, Informationen besser speichern und Muster leichter erkennen. Wichtig scheint ihm außerdem, Meetingziele im Vorfeld zu visualisieren, um Teilnahmewilligkeit, Engagement und Interaktion zu fördern.

Schließlich geht er noch darauf ein, dass wir Menschen von Kind an als erstes die visuelle Sprache benutzen und zeigt viele einfache Übungen auf, um diese bei Erwachsenen meist verschütteteten Kenntnisse zu reaktivieren. Ein kleines 1 x 1 an Formen, Linien und Strichmännchen wird zur Verfügung gestellt wie auch Tipps für das Arbeiten an großformatigen Charts und in Notizbüchern. Ergänzt werden diese Techniken durch Methoden zur Gliederung und durch diverse Beispiele für Einsatzszenarien.

  1. Gruppen beteiligen & Bezug aufbauen – Warum visuelles Zuhören wirkungsvoll (& einfach) ist

Im zweiten Abschnitt geht es zuerst vertiefend um das Aktivieren durch den Beziehungsaufbau zu den Anwesenden und die Rolle des aktiven Zuhörens. Danach folgt ein Kapitel zum visuellen Präsentieren und eins zum Beraten und Verkaufen mittels Visualisierung “auf der selben Tischseite”. Die folgenden beiden Kapitel beschäftigen sich mit dem Einsatz von Haftnotizen, Collage-Techniken und Bildkarten.

  1. Grafiken für visuelles Denken – Ideen-Mapping & Mustererkennung

Im dritten Abschnitt zieht Sibbet alle Register aus seinem Wissen in der Organisationsberatung und dem Change Management. Es geht im Kern darum, wie man Gruppen dazu bringt, aus Prozessen auch tatsächlich gewinnbringende Erkenntnisse zu ziehen. Dafür stellt er zunächst das Group Graphics Keyboard vor, ein von Grove entwickeltes Tool, dass die “Grammatik der visuellen Sprache” darstellt. Poster, Listen, Gruppen, Raster, Diagramme, Zeichnungen und Mandalas erfüllen in diesem Modell bestimmte Rollen. Danach folgen praktische Anwendungsbeispiele.

Weiter geht es dann mit Techniken wie Mindmapping, visueller Planung, Breakoutgruppen, Galeriespaziergängen, Dokumentationen und Berichten mittels Fotografie sowie Webkonferenzen.

  1. Grafiken für die Umsetzung – Visuelle Hilfsmittel für Teams, Projekte & Ergebnisse

Der vierte Abschnitt geht vor allem auf verschiedene Szenarien ein: Wie fördert man Teamleistung? Wie befeuert man die Entscheidungsfindung? Wie prüft man mit visuellen Mitteln Schritte im Rahmen von Projektmanagement? Wie moderiert man Innovationsprozesse? Welche Anwendungsmöglichkeiten gibt es im Bereich von Schulung und Workshop?

  1. Die Fäden zusammenlaufen sehen – Tools für die ernsthaft Interessierten

Die Überschrift ist ein kleines bisschen “frech” – auf jeden Fall erhält man hier noch einmal ein gerütteltes Maß an Gründen und “Ermahnungen”, dass man sich selbst gut aus- und weiterbilden beziehungsweise vorbereiten muss, um mit visuellen Techniken zu arbeiten. Enthalten ist in diesem Abschnitt auch der Hinweis auf die Digitale Welt und ihre Möglichkeiten, die ja bereits offensichtlich dazu beitragen, dass sich die moderne Arbeitswelt rasant verändert – und somit auch die Form und Umsetzung von Meetings. Hinweise auf diverse Netzwerke, Literaturvorschläge und ein Glossar schließen das Buch.

Fazit

Das Querformat von 24,0 x 17.0 cm erlaubt ein Layout, in dem der Text “innen” an der Bindekante sitzt während “außen” am Rand Platz für Scribbles, Zeichnungen und Infokästen ist. Die Texte sind gut gegliedert mit Absätzen und Zwischenüberschriften – einzig stört mich die Wahl einer doch sehr kleinen, hauchdünnen Serifen-Schrift, die ich als nicht so angenehm zu lesen empfand.

Inhaltlich ist das Buch rundum gelungen, obwohl ich persönlich auf einige der Erfahrungsgeschichten und viele theoretische Erläuterungen hätte verzichten können. Eine klarere Trennung von Theorie und Praxis hätte ich bevorzugt.

Für das praktische Arbeiten mit dem Buch empfiehlt es sich, gleich Post-it-Streifen an die Stellen zu setzen, die sich mit konkreten Übungen befassen. Man muss das Buch übrigens nicht chronologisch “lesen” sondern kann sich gut die Themen und Methoden heraussuchen, die man selbst gerade braucht.

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David Sibbet: Visuelle Meettings – Meetings und Teamarbeit durch Zeichnungen, Collagen und Ideen-Mapping produktiver gestalten

mitp-Verlag, 1. Auflage, 2011

288 Seiten, 29,95, broschiert

Visuelle Meetings: Meetings und Teamarbeit durch Zeichnungen, Collagen und Ideen-Mapping produktiver gestalten (mitp Business)

 

Dienstag, 19.01.2016

Autor: Andreas Schröter

Richard Yates: Cold Spring Harbor

Richard Yates: Cold Spring Harbor«Mit seinem letzten Roman „Cold Spring Harbor“ aus dem Jahre 1986 schließt die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) ihre Reihe mit Romanen des 1992 gestorbenen Schriftstellers Richard Yates ab.

Und das große Thema des Amerikaners ist auch hier bestimmend: Ein einstmals verliebtes und optimistisch gestimmtes Paar startet in eine gemeinsame Zukunft – und scheitert.

In diesem Fall sind es Evan und Rachel, denen in den 40er-Jahren die Wechselfälle des Lebens zu schaffen machen – zum Beispiel Rachels trink- und tratschsüchtige Mutter Gloria, die das junge Paar notgedrungen im eigenen etwas feuchten Häuschen aufnehmen muss, weil sonst der Preis dafür nicht zu stemmen wäre. Schon bald kommt es zu eisiger Stimmung beim Abendessen, zu Streit und sogar zu Schlägen. Evan nimmt wieder Kontakt zu seiner Jugendliebe Mary auf …

In weiteren Handlungssträngen geht es um die Probleme von Evans Eltern sowie von Rachels Bruder.

Auch wenn sich Yates-Romane thematisch ähneln, sind sie Zeile für Zeile lesenswert, weil es dem Autor gelingt, seine Figuren psychologisch genau und glaubhaft zu sezieren. Der Deutschen Verlags-Anstalt gebührt daher ein dickes Dankeschön, dass sie die Yates-Romane endlich – 30 Jahre nach Erscheinen der englischsprachigen Originale – auch der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht hat.
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Richard Yates: Cold Spring Harbor.
DVA, November 2015.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 10.01.2016

Autor: Andreas Schröter

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär«In „Sonntags im maskierten Waschbär“ schickt Autor Stefan Nink seinen Helden Siebeneisen bereits auf die dritte Weltreise. Siebeneisen ist ein ehemaligen Lokalredakteur aus Oer-Erkenschwick, der sich mittlerweile zum Fachmann im Auffinden von allem Verschwundenen gemausert hat. „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“ hießen seine vorherigen Abenteuer.

Diesmal geht es um die Mumie des letzten Inka-Herrschers, der der Legende nach gemeinsam mit einem riesigen Schatz bestattet worden ist. Siebeneisen und seine beiden Freunde Schatten und Wipperfürth, die sich allzuoft eher als Hemmschuh erweisen, suchen unter anderem auf den Galapagos-Inseln oder in der Atacama-Wüste.

Stefan Nink gelingt in seinen Roman eine gute Mischung aus spannendem Abenteuer und Humor. Und ganz nebenbei erfährt der Leser das eine oder andere interessante Detail aus dem Teil der Welt, in dem Siebeneisen gerade sucht – zum Beispiel über die seltenen Echsen auf den Galapagos-Inseln.

Stefan Nink schöpft dabei auch aus seinen Erfahrungen als Reise-Journalist.

Stefan Nink: Sonntags im Maskierten Waschbär.
Limes, Oktober 2015.
416 Seiten, broschiert, 14,99 Euro.

Dienstag, 29.12.2015

Autor: oliverg

#literaturwelt „Darm mit Charme“, Giulia Enders

Mini-Interview und Buchauszug:

18 Minuten bei Markus Lanz:

Weitere Guilia Enders Videos auf Youtube.

So, jetzt endlich >> auch als Podcast.

Samstag, 26.12.2015

Autor: oliverg

Lexikon: Fitness- und Ernährungsirrtümer

Mittwoch, 23.12.2015

Autor: rwmoos

November 1918. Eine deutsche Revolution: Karl und Rosa. Audio-CD

Auf auf zum Kampf, zum Kampf

Dass Alfred Döblin auch ein Monumentalwerk über die Deutsche Novemberrevolution verfasst hatte, welches zunächst als nicht einmal verlegbar galt, erschien etwas spät auf meinem Schirm. Ein Verwandter hatte 1978 einen „Spiegel“ mit einer profunden Buchbesprechung des kongenialen Hans Mayer in die Zone geschmuggelt. Hans Mayers Biografie nach dem Krieg ähnelte der Döblins, was ihm ein besonderes Verständnis für dessen Situation und Denkweise eröffnete.
Der Südwestrundfunk (SWR) hat nun zusammen mit dem NDR den Mut besessen, Döblins Revolutions-Werk als Hörspiel umzuarbeiten. Wer, wenn nicht der SWR. Seinem Vorgänger, dem Süddeutschen Rundfunk, gebührt schließlich der Ruhm, seinerzeit den Prozess gegen Hermann Souchon geführt zu haben. Jenem Souchon, der der wirkliche Mörder von Rosa Luxemburg war. In dem 1919er Prozess wurde er nur inoffiziell als Zeuge geladen und kam ungeschoren davon. Erst in den 1970ern kam seine Rolle heraus. Der Süddeutsche Rundfunk machte das öffentlich und wurde von Souchon prompt verklagt. Wegen Verleumdung. Der SWR verlor, weil der damalige Richter meinte, sich auf den Prozess von 1919 beziehen zu müssen. Merkwürdige Rechtsauffassungen waren damals in der alten Bundesrepublik an der Tagesordnung. Aber gut – die Rechtsauffassungen im anderen deutschen Staat waren ja noch merkwürdiger.
Der SWR also. Die ersten beiden Teile sind schon eine Weile auf dem Markt, da kommt an Weihnachten 2015 nun auch der dritte Teil heraus, der, entsprechend der ursprünglichen Version Döblins, „Karl und Rosa“ untertitelt wurde. Erst-Sendetermin: 25. und 26.12.2015.
Wer nun eine Art historischen Roman erwartet, ein Werk, gefällig zu lesen respektive anzuhören, in etwa, wie Arnold Zweig es für gewöhnlich abzuliefern beliebte, der wird enttäuscht. Schon Döblin selig wählte als Charakteristikum seines dreiteiligen Opus‘ nicht etwa das allseits bekannte Substantiv „Roman“, sondern bezeichnete es als „Erzählwerk“. In einem gewaltigen Kraftakt versucht er darin, nicht nur die historischen Ereignisse zu fassen und zu raffen, sondern auch die dahinter liegenden Triebkräfte. Dabei lässt er sich in der ihm eigenen Singularität weder völlig auf eine materialistische Interpretation ein, wie sie über lange Zeit von seinen linken bis linksliberalen Kollegen favorisiert wurde, noch verfällt er einer rein metaphysischen Deutungsebene, wie man sie ihm, insbesondere im Nachhinein, da man von seinem Bekehrungsweg zu katholischen Mystizismus weiß, zu unterstellen geneigt ist. Er „switcht“ quasi zwischen diesen Polen hin und her. Insbesondere zeigt sich das in seiner Figur der Rosa Luxemburg – doch dazu später mehr.
Um es gleich zu sagen: Die Hörspielfassung des SWR geht mutig an die Sache heran, kann aber dem Stoff und seinem Autor nur ansatzweise gerecht werden. Nicht weil sie nicht gut genug wäre, sondern weil das Werk sich schon in seiner Schriftform einem leichten Verständnis entzieht. In einem auch nur einigermaßen überschaubaren Rahmen kann man eine solche literarische Form schlichtweg nicht dramatisieren. Angesichts dieser prinzipiellen Unmöglichkeit aber hat der SWR dann doch Großartiges geleistet. Die Sprecher-Besetzungsliste ist gegenüber den beiden zusammengefassten ersten Teilen noch einmal angewachsen und kann nur als hervorragend bezeichnet werden. Jeder Part ist – auch das nicht selbstverständlich – deutlich zu verstehen. Die entsprechenden historische Personen werden vom Sprecher (Jan Hofer) jeweils mit Namen und Angabe der Lebensspanne eingeführt – Letzteres hilft bei der historischen Eintaktung … und auch dabei, zu verifizieren, wenn sich verschiedene Generationen mit ihrem Background begegnen.

Zum Kampf sind wir geboren

Dr. Becker ist ein Protagonist des „Erzählwerks“. In „Karl und Rosa“ tritt er erst relativ spät in die Struktur ein, doch schafft es der SWR, ihn ohne Rückblende „… was bisher geschah“ einigermaßen problemfrei auch jenen Hörern gegenüber einzuführen, die die bisherigen Teile nicht kennen.
Als Weltkriegsteilnehmer verwundet, ist Dr. Becker von jedweder Kriegsverklärung geheilt und tritt damit in einen gewissen Gegensatz zu den Gymnasialhelden, die er in Griechisch unterrichten muss, und die sich schon wieder jenen Hurra-Patriotismus zu eigen machen, der dann bekanntlich in die nächste Katastrophe führte.
Indes herrschen in Berlin und andernorts bürgerkriegsähnliche Zustände, die einer vorsichtigen Bewertung zu unterziehen, sich Döblin anheischig macht. Denn obwohl jener Dr. Becker ja gerade dem Krieg abhold geworden ist, findet er sich, wenngleich in der Hauptsache aufgrund einer persönlichen vielschichtigen Zuneigung, auf den Barrikaden des Spartakusbundes wieder und dort soviel Sinn als ihm nur irgend möglich erscheint.
Da ist der Dr. Becker seinen kriegsgeilen Schülern doch wieder sehr, sehr nahe gekommen.
Wobei im Hintergrund für alle die ungelöste Frage schwingt, wer denn in revolutionären Zeiten der Souverän sei. Das Volk vielleicht? Und wer kann dann zu Recht reklamieren, das Volk hinter sich zu haben? Die Mehrheits-Sozialisten? Die USPD? Der Spartakusbund? Die Konservativen? Die Militärs? Hinzu kommt, dass deren jeweilige Eliten selbstredend für sich in Anspruch nehmen, die „wahren Interessen“ der indefiniten Mehrheit zu vertreten, selbst, wenn diese Mehrheit ihre wahren Interessen noch gar nicht kennt.

Es steht ein Mann, ein Mann, so fest wie eine Eiche

Dr. Becker, wenngleich von inneren Zweifeln zerrissen, nimmt klare Positionen ein. Interessant, wie Sebastian Rudolph dies in seiner Stimmwandlung zum Ausdruck bringt: Die klare, pointierte Rede, mit der tatsächlich Gesprochenes zum Ausdruck kommt. Und jene mephistophelisch anmutende innere Stimme, die innere Dialoge spinnt. Man muss sogar gelegentlich schwer aufmerken, um die gemeinsame Identität beider Stimmen zu begreifen.
Derart nach außen einen jeweils klaren Standpunkt vertretend, scheint Dr. Beckers Wirken schließlich von Erfolg gekrönt zu werden als schließlich sogar der Schulrat seine im Kriege geschulte Haltung trotz inhaltlicher Bedenken würdigt. Der Schein trügt.

Vielleicht ist er schon Morgen eine Leiche

Fast noch gelungener als im Buch, auch wenn beim Hörspiel Kürzungen unvermeidlich waren, wird hier durch die Vermittlung Dr. Beckers im Griechischunterricht Sophokles‘ „Antigone“ als Schlüsselbild verwendet. Interessant der Unterschied zu Hegel, bei dem die Antigone-Thematik – nicht nur in der „Phänomenologie des Geistes“ – ständig mitschwingt. Baut Hegel die Antigone-Antagonie zwischen grundlegenden Werten und genormten Gesetz aus, so ist dies bei Döblin nur vordergründiges Thema. Er lässt Dr. Becker, der in bester Antigone-Tradition die Bestattung eines Geächteten durchzieht, vielmehr als Grundfrage einer Gesellschaft fixieren, wie diese mit ihren Toten umgeht. Ist dies unter archäologischem Gesichtspunkt ohnehin die Geburtsfrage von Kult und Kultur, so gerät das Verhältnis zum Tod bei Döblin zur Grundfrage einer beständigen Gesellschaft ebenso wie zur Grundfrage des Einzelschicksals.
Werden Tote anonym bei einer Wache abgeladen (Liebknecht) oder in den Landwehrkanal geschmissen (Luxemburg), so zeigt der dahinter stehende Ungeist, wes Kind er ist. Heute gilt die Urheberschaft, zumindest das Einvernehmen von Noske und Ebert am Tod der beiden als geschichtlich gesichert. Die Frage, ob ein Liebknecht im Falle des eigenen Erfolges ebenso mit seinen Gegnern verfahren wäre, wird im Hörspiel nahe gelegt, bleibt aber offen.

Wie es so vielen unsrer Brüder ging

Das gegenseitige Gemetzel – man beschönigte es damals mit den Worten „Blutvergießen“ – klingt uns heute in Deutschland ewig fern. Doch sind genau das die Situationen, wie sie derzeit (Weihnachten 2015) in Syrien, Burundi und an so vielen anderen Orten an der Tagesordnung sind. Die Bilder von damals (Erschossene an Hauswänden in Berlin – drumherum gleichgültig blickende Menschen) gleichen denen, die ich heute in der Zeitung sah (Erschossene an Hauswänden in Bujumbura – drumherum gleichgültig blickende Menschen) auf das Haar. Greift man die Anregung von Döblin auf, so wäre die erste humanitäre Intervention, alle Parteien zu bitten, respektvoll mit den gegnerischen Toten umzugehen. Wenn dieses Hörspiel einen Schritt in diese Richtung zu leisten vermag, darf es für sich in Anspruch nehmen, Kunst im besten Sinne des Wortes zu sein.

Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen

Wie aus anderen Quellen verlautet, hat Döblin den deutschen Revolutionären eine gewisse Inkompetenz vorgeworfen, weil sie mehr auf Reden als auf Handeln setzten. Die Fraglichkeit des „Handelns“ der russischen Bolschewiki, das ja in den Massenerschießungen kumulierte, blieb dabei durchaus im Blick. Im Buch und sogar noch ein wenig drastischer jetzt im Hörspiel, wird diese Auseinandersetzung zwischen Karl Liebknecht, der sich an die Spitze der linksrevolutionären Bewegung setzte, und Rosa Luxemburg, die als theoretisierende Taktiererin beschrieben wird, gelegt. Das entspricht zwar so nicht ganz den historischen Tatsachen, bedient aber ein gängiges Mann-Frau-Klischee. Wolf-Dietrich Sprenger verleiht Liebknecht, der hier auch immer wieder gern mit „Doktor Liebknecht“ betitelt wird, dabei eine professoral angehauchte Stimme, die so gar nicht zu den blutigen Konsequenzen seiner Rhetorik passen will. Doch gerade in diesem Zusammenspiel verdeutlicht sie jene kommunistischen Gelehrten, die ihre Theorien zunächst in Russland, dann bald in vielen Ländern des Ostens durchzusetzen wussten, und die die Blutspur, die sie zogen, erst dann kritisierten, wenn sie selbst zum Zielpunkt hinter Kimme und Korn gerieten. Kamenew, Sinowjew, Trotzki – um nur einige dieser Namen zu nennen.

Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand

Rosa Luxemburg, deren innere Kämpfe angerissen, aber – ein evtl. gewollter historischer Fehler Döblins – als psychisch pathologisch dargestellt werden, war in ihrer Rhetorik und Kompromisslosigkeit potentiell mindestens genau so gefährlich wie Liebknecht. Wenn erst einmal grundlegend menschliche Werte mit der Begründung „notwendiger Opfer“ beiseite geschoben werden, ist nur noch der „innere Schweinehund“ (um einen Ideologen der anderen Extremen zu zitieren) zu überwinden. Und dann ist es keine Frage der Herkunft, der Bildung oder der guten Kinderstube mehr, wie tief man bereit ist, sich in Schuld zu verstricken, die dann als quasi indifferente Schuld eines ganzen Volkes erlebt wird. In Bezug auf den Ersten Weltkrieg erkennt Döblins Dr. Becker diese Zusammenhänge. In Bezug auf die gerade durchzuführende Revolution bleibt die Erkenntnis äußerst vage.
In der DDR hat man Liebknecht und Luxemburg für die politische Propaganda instrumentalisiert. Mit Hinsicht auf die vielseitige und -schichtige Luxemburg darf man sogar sagen: Rücksichtslos ausgeschlachtet. Es hatte einen gewissen Reiz, die staatlich gelenkten Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen dann dazu zu nutzen, ein Zitat von Rosa Luxemburg zur Bekanntheit zu bringen, dass den Herrschenden alles andere als angenehm war: „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“. Ein propagandistischer Coup, der, wie sich einige Eingeweihte erinnern, mit ganz am Anfang der Wende-Bewegung in der Zone stand. Damals zirkelten in den oppositionellen Kreisen ihre Briefe aus dem Gefängnis, die das Bild einer ganz anderen, hoch sensiblen Frau aufzeigten. Diese Wahrnehmung war aber genau so einseitig, denn es gab auch die Scharfmacherin Luxemburg, die jederzeit einer Hilde Benjamin ebenbürtig geworden wäre.
Im Hörspiel verleiht Judith Hofmann Luxemburg ihre Stimme. Auch hier wird ein deutlicher Unterschied zwischen der sensiblen Gefangenen, ihrer psychologisch anfragbaren Nicht-Verarbeitung einer Trennung einerseits und der Rhetorikerin und Parteipolitikerin andererseits herausgearbeitet. Der erste Part gelingt Hofmann phantastisch, der zweite erscheint mir ein wenig zu steril gesprochen. Nachweislich hat die historische Rosa Luxemburg Massen begeistern können. Auch weil sie sich selbst begeistern konnte. Davon merkt man hier zu wenig.

Wir fürchten nicht ja nicht, die Noske-Polizei

Zur Verdeutlichung der historischen Lage konnte Döblins Roman einerseits nur bedingt beitragen, da viele Dokumente und Zeugnisse erst später auftauchten. Andererseits erstaunt die Sicherheit, mit der er das Zweckbündnis zwischen der Generalität (Groening) und der Sozialdemokratie (Ebert mit Noske als „Bluthund“) beschrieb. Dem Gros der Gesellschaft schien die Behauptung eines solchen, eigentlich beiden Parteien wesensfremd erscheinenden, Bündnisses lediglich kommunistische Propaganda zu sein.
Ein heutiges Urteil fällt nicht leicht. Für ein reichliches Jahrzehnt konnten die Links-Mitte-Regierungen der Weimarer mit harschem Durchgreifen gegen die extreme Rechte wie gegen die extreme Linke einen relativ friedlichen Staus Quo sichern. Gereicht hat es nicht. Und wenn ich hier Euphemismen wie „harsches Durchgreifen“ gebrauche, muss ich mich fragen lassen, ob ich nicht selbst dem irrigen Gedanken der „notwendigen Opfer“ erlegen bin. Döblin hat versucht, ihn religiös aufzulösen und hat damit bekanntlich Brecht & Co peinlich berührt. Doch ob die Frage, ob solche Menschen-Opfer wirklich nötig sind, „irreligiös“ (so die diesbezügliche Brechtsche Wortschöpfung) aufgelöst werden kann, sei ebenso dahin gestellt.

Insgesamt geht ein herzlicher Dank an SWR & NDR für diese Produktion. Das Zuhören lohnt allemal. Allerdings sind dabei z.B. im Auto komplizierte Verkehrslagen zu meiden: Dieses Hörspiel erfordert höchste Aufmerksamkeit.
Empfundene Schwächen sind nicht der Umsetzung als Hörspiel geschuldet, sondern liegen in der Natur der Dinge. Döblins sehr eigen gestaltetes Opus sträubt sich gegen eine Dramatisierung. Diese Widerborstigkeit nicht geleugnet, sondern in eine ebenfalls sehr eigene Form gegossen zu haben, ist ein Verdienst der Produzenten und von Regisseurin Iris Drögekamp.

Reinhard W. Moosdorf
Dezember 2015

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Sonntag, 20.12.2015

Autor: Andreas Schröter

Christian Haller: Die verborgenen Ufer

Christian Haller: Die verborgenen Ufer«In seinem autobiografischen Roman „Die verborgenen Ufer“ blickt Christian Haller auf seine eigene Entwicklung vom Kind zum jungen Mann zurück.

Immer wieder wird im Verlauf der Handlung deutlich, wie wenig Haller als jemand, der gerne Gedichte schreibt und nach verschütteten Artefakten aus längst vergangenen Zeiten gräbt, mit den Erfordernissen eines rauen Alltags zurechtkommt. Das fängt in der Schule an, wo er auf einen prügelnden Pädagogen trifft, und setzt sich Jahre später im Schauspielseminar fort – und nicht nur dort.

Haller eckt mit den Eltern an, die (natürlich) von ihm verlangen, einen handfesten Beruf zu ergreifen. Stattdessen landet er als Aushilfe in einer Buchhandlung, die kurz vorm Bankrott steht. So weit, so klischeehaft: So oder so ähnlich kann man das sicher in hunderten Künstlerbiografien finden.

Was bei diesem Buch aus dem Rahmen fällt, ist die verkrampfte Art, mit der der junge Christian Haller mit Frauen umgeht. Obwohl bereits 19 Jahre alt, verzichtet er auf eine gemeinsame Urlaubsreise mit der Freundin, weil der Vater es nicht erlaubt hat. Später will er mit einer anderen Frau nicht schlafen, weil er den gängigen Verhütungsmethoden misstraut. Das alles steht sicherlich auch für die Zeit, über die der heute 72-jährige Schweizer Autor schreibt: die 60er-Jahre. Und doch sind das Aspekte, die einem Leser von heute den Roman entfremden könnten. Der Grat zwischen bewunderungswürdiger – weil sensibel empfindsamer – Künstlerseele und einem einfach nur schrecklich biederen und verklemmten Jüngling ist dünn.

Obwohl: Das kann man natürlich auch positiv sehen. Haller ist in diesem Buch nicht darauf bedacht, sich selbst ausschließlich im rosaroten Licht darzustellen.
—————————-

Christian Haller: Die verborgenen Ufer.
Luchterhand, November 2015.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 06.12.2015

Autor: oliverg

Kaspar, Niks und das Schwimmen im Kalten – ein Interview zu “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein” von Chris Inken Soppa

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Oliver Gassner:
Hallo Chris, 2015 war ja ein Stressjahr für dich, publizistisch: Das „Animalikon“ mit Bildern von deinem Mann Ralf Staiger und kurzen Notaten von Dir zu den dort abgebildeten Tieren, „Kaspar und die verschwundene Riechkugel“, ein reich illustrierter Kinderkrimi zur Zeit des Konstanzer Konzils und jetzt auch noch “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“, ein weiterer Bodensee-Konstanz-Figuren-Roman. Wie schafft man das alles?

Chris Inken Soppa:
Man arbeitet viel am Wochenende. Einmal pro Woche gemeinsam in die Weinstube zum Ideenfinden, und Laufen und Schwimmen im Kalten. Das klärt den Kopf.

Oliver Gassner:
Aber 2016 gehst du es ruhiger an, oder powern Ralf Staiger und du jetzt weiter mit einem zweiten Kaspar-Band, so lange der Konzil-Hype anhält?

Chris Inken Soppa:
Spaß und Ideen hätten wir. Vielleicht gar zu Els, dem gleichaltrigen Mädchen, das Kaspar hilft. Die beiden könnten die Kaufleute nach Aragon begleiten … inklusive Piraten, Raubrittern, Korallen und Safran, Schatztruhen und vielen Abenteuern. Ein Thema, das auch übers Konzil hinausreichen würde. Vielleicht haben die jungen und alten Leser ja Lust auf einen zweiten Teil.

Oliver Gassner:
Wie ist denn bisher das Feedback zum „Kaspar“. Das ist ja schon ein sehr untypisches Kinderbuch, wenn man sich Textmenge und Illustrationsmenge so ansieht. Und ich habe ja auch mitbekommen, wie detailversessen ihr recherchiert habt.

Chris Inken Soppa:
Ich denke, man muss es sehen, in der Hand halten, dann erst nimmt man die schöne Machart und die Illustrationen so richtig wahr. Bei Lesungen reagieren Kinder wie Eltern begeistert, weil sie spannende Sachen im Buch entdecken können. Wer weiß denn schon, was eine Riechkugel überhaupt ist? Oder ein Donnergugi? Oder, dass es in Konstanz eine “Mordergasse” gab? Die Kids sollten aber älter als acht Jahre sein. Neulich im Archäologischen Landesmuseum kam ein Junge zu uns, acht oder neun, der sagte, er sei eine echte Leseratte und wollte das Buch unbedingt kaufen.
Recherchiert haben wir tatsächlich sehr viel und dabei unsere Stadt noch mal ganz neu kennengelernt. Wir waren sogar im Konstanzer Stadtarchiv, um in den Steuerlisten von 1418 zu blättern. Die existieren noch.

Oliver Gassner:
Aber lass uns in den kalten Seerhein steigen. In deinen früheren Romanen „Ring der Narren“ und „Unter Wasser“ gab es ja immer auch Frauenfiguren, die standen aber nicht so im Mittelpunkt wie jetzt die Figur Niks in der „Kalypso“. War das eine bewusste Entscheidung, sich diesmal auf eine Einzelfigur, und dazu eine weibliche zu konzentrieren?

Chris Inken Soppa:
Beim Bad im Seerhein hab ich immer wieder eine ältere Dame gesehen, die wie Niks aussah. Ich sprach sie allerdings nie an … allein ihre Erscheinung inspirierte mich, mir einen Namen, eine Biographie und eine Geschichte für sie auszudenken. Daraus entstand dann „Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein“.

Oliver Gassner:
Ja, im Gegenteil zu deinen sonstigen zentral-Figuren ist mir diesmal auch aufgefallen, dass du nach den „Jüngeren und Gleichaltrigen“ jetzt eher eine „kranke Alte“ in den Mittelpunkt stellst. War es schwierig, diese Figur so anzulegen?

Chris Inken Soppa:
Nun, krank ist sie ja erst mal nicht … sie erfährt erst im Lauf der Geschichte, dass sie einen Herzfehler hat, das ist durchaus metaphorisch zu sehen. Sie ist eine robuste Alleinstehende, die immer für sich selbst sorgen musste. Sie hat einen freundlichen Bezug zur Welt, sich aber meist aus allem rausgehalten.
Die Figur entwickelte sich beim Schreiben. Seite für Seite hab ich mehr erfahren über Niks. Sie ist ein sehr starker, selbständiger Charakter … selbst als ihre Erschafferin fand ich es zuweilen schwer, sie im Zaum zu halten.

Oliver Gassner:
Lass mich kurz die Story rekapitulieren: Niks ist eine allein lebende, kürzlich pensionierte Frau mit Herzfehler, die die Angewohnheit hat, zu jeder Jahreszeit im Seerhein zu baden. Wir erleben sie im Roman im Beziehungsgeflecht zu früheren Kolleginnen, der Frau ihres kürzlich verstorbenen Chefs und Ex-Lovers und zum Sohn einer Ex-Kollegin, den diese halb zwangsweise bei ihr einquartiert. Sie war – wie du – früher beim Regionalfunk, Du allerdings beim TV, sie beim Radio. Hatte dieser gemeinsame Background eine Hilfsfunktion, um dich näher an die Figur zu bringen?

Chris Inken Soppa:
Eigentlich bin ich auch eine Radiofrau. Habe dort bei verschiedenen Sendern als Nachrichtenredakteurin gearbeitet, genau wie Niks. Den Beruf für sie wählte ich, weil ich ihn kenne und er gut zu ihr passt. Man muss sehr schnell und selbständig arbeiten bei den Nachrichten – und man trifft auch viele schräge Vögel dort.

Oliver Gassner:
Ohne jetzt zu sehr ins Literarisch-Kategoristische zu gehen fallen mir ein paar Dinge auf: Der Anklang an Joyce, der ja auch die griechische Sage – besser: das Epos – als Romanstruktur verwendet und die Überlegung, dass das Ganze ja vielleicht eher eine Novelle ist, als ein Roman, weil sich der Text doch eher um das “unerhörte Ereignis” rankt, das man im ganzen Text kommen sieht, das wir hier aber natürlich nicht verraten. Was waren deine, sagen wir: narrativen, Ansätze bei dem Text?

Chris Inken Soppa:
Ja, Kalypso ist eben die Meernymphe, die den Helden bei sich aufnimmt und ihn nicht wieder gehen lassen will. Es gibt auch ein sehr schönes Lied von Suzanne Vega dazu, das hat mich über die Jahre immer begleitet. Und die griechischen Helden- und Göttersagen las ich als Kind schon gern, Joyces „Ulysses“ später, als ich in Dublin lebte. All das floss ein beim Schreiben, ohne, dass ich mir große Gedanken über die Kategorien gemacht hätte.

Oliver Gassner:
Alter und Jugend, Paare und Liebschaften, Familie und Freiheit so könnte man ja das thematische Feld und dessen Pole abstecken. Niks, die sich primär bei den verheirateten Männern bedient und jede Bindung scheut, ihr junger Gast, der sich auf dem Weg in die Freiheit weder bei ihr noch in seiner Clique richtig heimisch fühlt und eine ganze Phalanx von Nebenfiguren, bei denen im Leben nichts so zu laufen scheint, wie es soll. Ist das Leben, wie John Lennon einmal gesagt hat, ohnehin das, was passiert, während wir andere Pläne machen? Und lässt sich bei solchen Lebenserfahrungen im Roman überhaupt noch irgend ein großer Plan skizzieren? Sind deswegen Krimis so beliebt, weil man da wenigstens noch eine Art Auflösung der Konflikte modellieren kann? Das waren so Gedanken, zu denen mich das Buch angeregt hat.

Chris Inken Soppa:
Möglicherweise. Im Krimi siegt ja meist das Gute über das Böse. Oder wenigstens gibt’s eine Auflösung. Aber die Charaktere sind dort oft eher uneigenständig, da sie innerhalb des Plots eine Funktion erfüllen müssen. Bei „Kalypso“ ist das genau umgekehrt. Niks versucht, wie wir alle, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Ob sie dabei erfolgreich ist oder scheitert, das hängt davon ab, wie der Leser es liest. Das find ich interessanter als den großen Plan, den es vermutlich ohnehin nicht gibt. Da hat John Lennon wohl recht.

Oliver Gassner:
Wie ich dich kenne, arbeitest du schon am nächsten Text. Was außer einem “Kaspar reloaded” können wir aus deiner Tastatur demnächst erwarten, gibst du uns eine Sneak Preview?

Chris Inken Soppa:
Derzeit sitze ich an meiner ersten Übersetzungsarbeit vom Englischen ins Deutsche. „Rock Garden“ des irischen Schriftstellers Leo Daly handelt vom Leben auf den Aran-Inseln im Westen Irlands. Wenn alles gut geht, wird es 2017 bei edition karo erscheinen.

Oliver Gassner:
Dann sind wir mal gespannt, danke für das Gespräch :).

Kommentare deaktiviert für Kaspar, Niks und das Schwimmen im Kalten – ein Interview zu “Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein” von Chris Inken Soppa
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