Samstag, 21.06.2014

Autor: Annette

Martín Caparrós: Die Ewigen

martín-caparrósMartín Caparrós’ Roman “Die Ewigen”, der 2011 mit dem spanischen Premio Heralde ausgezeichnet wurde, liegt nun in der Übersetzung von Sabine Giersberg auch auf Deutsch vor. Martín Caparrós erzählt darin die Geschichte des Jungen Juan Domingo Remondo, genannt Nito, der in den 70iger Jahren in Buenos Aires aufwächst.

Er lebt bei seiner Mutter und deren Freund Beto. Sein Vater ist verschwunden. Die Gründe erfährt Nito erst, als er fast erwachsen ist. Den Verlust spürt er seine ganze Kindheit über. Das Verschwinden des Vaters, so viel sei vorweg genommen, hat nichts mit der Militärdiktatur zu tun.

Nito ist ein Außenseiter, kleinwüchsig, früh in die Welt der Erwachsenen geraten, ein bisschen zu schlau für seine Klassenkameraden und mit einer zerstörerischen Energie ausgestattet, deren erstes Opfer die Lehrerin Senorita Alicja wird. Neben Sex beschäftigt er sich viel mit existentiellen Fragen. Nito, den die Oberflächlichkeit und Verlogenheit der Erwachsenen abstößt, findet keine Perspektive und lebt als Halbwüchsiger mehr und mehr in den Tag hinein.

Bis er sein Talent entdeckt, Menschen durch Worte in seinen Bann zu ziehen und ihnen den Tod vor Augen zu führen. Sein erstes Opfer wird der Mann, den er für den Tod seines Vaters verantwortlich macht. Der skrupellose Pastor Trafálgar erkennt in Nito daraufhin ein nützliches Werkzeug bei seiner Missionierungsarbeit. Also beginnt Nito fremden Männern von ihrem Tod zu erzählen und sie – in ihrer Todesangst – zurück in die Arme der Kirche zu treiben, bis er selbst eine solche “Ankündigung” erhält und verschwinden muss.

Der Roman des 1957 in Buenos Aires geborenen Caparrós ist provokant. Er lässt sich vor dem Hintergrund der jüngsten argentinischen Vergangenheit als Aufruf gegen das Verdrängen lesen. Seine Beobachtungen sind scharfsinnig und sehr überzeugend. Als Erzähler hält sich Caparrós für meinen Geschmack aber deutlich zu lange beim Kennenlernen der Eltern und der Zeugungsgeschichte Nitos auf. Über die ersten 200 Seiten retteten mich die kurzen eingeschobenen Dialoge zwischen Nito, dem Künstler Carpanta und seiner Freundin Titina, mit denen Caparrós auf das Finale hinarbeitet:

Mit der Erfindung der “Living” – so auch der Titel des spanischen Originals – kippt das Nebeneinander von Leben und Tod ins Groteske. Dem Aktionskünstler und Geschäftsmann Carpanta gelingt schließlich ein Coup, der Nito zum Star macht und in die Nähe einer Präsidentschaftskandidatur rückt.

Cover: BerlinVerlag

Freitag, 20.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Jess Walter: »Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten«Der ehemalige Wirtschaftsjournalist Matt Prior hat ein paar Probleme: Seine Frau geht fremd, er hat einen demenzkranken Vater zu betreuen, kann die Raten für sein Haus nicht mehr zahlen und ist arbeitslos.

Eine seiner Ideen, sich aus der Misere zu befreien, ist eine Homepage zu betreiben, die sich auf poetische Weise mit Wirtschaftsthemen beschäftigt. Der Versuch geht schief, weil sich kein Mensch für ein solches Internetangebot interessiert, wie der Leser sich leicht denken kann. Dann trifft er beim nächtlichen Milchkauf am Kiosk ein paar zwielichtige Gestalten und seine nächste Fehlentscheidung wird geboren: Matt beschließt, unter die Drogendealer zu gehen …

Dem 1965 geborenen amerikanischen Journalisten und Schriftsteller Jess Walter ist ein höchst unterhaltsamer, warmherziger und sympathischer Roman mit überraschenden Wendungen gelungen. Er zeigt viel Herz für diejenigen unter uns, die mit zwei linken Händen nicht nur Schwierigkeiten beim Bau eines Baumhauses für die Kinder haben, sondern auch sonst gerne mal auf der Seite derjenigen stehen, die mit den wachsenden Ansprüchen unserer Gesellschaft nicht mehr klarkommen und dazu neigen, im Leben mal die falsche Entscheidung zu treffen. Natürlich ist das Ganze nebenbei eine vortreffliche Gesellschafts- und Materialismuskritik.

Wenn man‘s positiv sehen will, kann man dieses Buch aber auch als Mutmacher für alle Gescheiterten lesen – im Sinne von: Egal wie schlimm, es gerade ist, steh auf und mach weiter, es wird schon wieder bergauf gehen.

Erstaunlich ist, dass dieser Roman, der im Original bereits 2009 entstanden, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden ist, ganz anders daherkommt als Walters „Schöne Ruinen“, in Deutschland 2013 erschienen. Stand jenes Werk ein wenig am Rande des Kitsches, ist der talentierte Poet rotzfrech und witzig – ein Zeichen für die große Vielseitigkeit des Autors. Die stellt er auch mit einigen Gedichten unter Beweis, die er immer mal wieder – in Anlehnung an die Talente seiner Hauptfigur – in den Text einbaut. Auch das trägt zu Unterhaltung und Abwechslung bei.

Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten.
Blessing, Mai 2014.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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Montag, 16.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Katherine Dunn: Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie

Katherine Dunn: »Binewskis - Verfall einer radioaktiven Familie«„Geek Love“ von Katherine Dunn hatte in den 90er-Jahren in Amerika wahren Kultstatus. Prominente wie Nirvana-Frontman Kurt Cobain oder Regisseur Terry Gilliam zählten den Roman zu ihren Lieblingsbüchern.

Umso verwunderlicher ist es, dass er erst jetzt – 25 Jahre später – unter dem Titel „Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie“ auf Deutsch erschienen ist.

Die Binewskis sind eine Zirkusfamilie mit fünf sehr absonderlichen Kindern. Da ist Aquaboy Arturo, der anstelle von Armen und Beinen Flossen hat, die ewig streitenden siamesischen Zwillinge Elly und Iphi, die bucklige Zwergin Olympia, aus deren Sicht die Geschichte erzählt ist – und schließlich Chick, den die Eltern erst aussetzen wollten, weil er zu normal schien. Doch dann stellt sich heraus, dass auch er eine ganz besondere Eigenschaft hat. Natürlich sind diese Kinder nicht von selbst so geworden, wie sie sind. Die Eltern Al und Lil haben mit allerlei Medikamenten vor und während der Schwangerschaft nachgeholfen, denn schließlich brauchen sie für ihren Zirkus Freaks, die Geld bringen.

Der Roman stellt herkömmliche Anschauungen auf den Kopf. In der Welt der Binewskis gilt Normalität oder gar Schönheit gar nichts, das Absonderliche aber wird verehrt. Diesen Aspekt treibt die Autorin im weiteren Verlauf des Buches ins Groteske, indem sie eine Sekte in Erscheinung treten lässt, deren Mitglieder um jeden Preis so werden wollen wie Fischmann Arturo und sich dafür sogar verstümmeln lassen.

Auf einer zweiten Erzählebene, die 20 oder 30 Jahre nach diesen Ereignissen spielt, spürt Zwergin Olympia einer Frau nach, die andere Frauen verunstaltet, um sie für Männer unattraktiv zu machen. Sie will diese Frauen damit unabhängig von Männern machen und ihre wahren Talente zum Vorschein bringen.

Kritik am Schönheitswahn stecken in diesem sehr außergewöhnlichen Roman ebenso wie an einer allzu leicht beeinflussbaren Gesellschaft. Insgesamt ist „Binewskis“ extrem empfehlenswert.
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Katherine Dunn: Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie.
Berlin-Verlag, Mai 2014.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 13.06.2014

Autor: Andreas Schröter

Evelyn Waugh: Verfall und Untergang

Evelyn Waugh: »Verfall und Untergang«Der Diogenes-Verlag hat ein Meisterwerk des schwarzen englischen Humors aus dem Jahre 1928 neu übersetzen lassen: „Verfall und Untergang“ des (männlichen) britischen Schriftstellers mit dem Frauen-Vornamen: Evelyn Waugh (1903 – 1966).

Paul hat Pech: Für ein angebliches Vergehen, an dem er keine Schuld trägt, wird er vom College verwiesen, bevor er sich als Lehrer in einer schlechten Schule irgendwo auf dem Lande versucht. Dort jedoch sind die Kollegen unfähig und die Schüler kleine Monster. Dann scheint sich Pauls Leben ins Positive zu wenden. Eine steinreiche englische Lady möchte ihn heiraten.

„Verfall und Untergang“ dürfte vor allem Lesern mit Faible für alles Britische gefallen. Besonders die Aristokratie vom Beginn des vorigen Jahrhunderts mit Landhaus, Hauspersonal, distinguierten Manieren, aber der sprichwörtlicher Leiche im Keller bekommt ihr Fett weg.

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Evelyn Waugh: Verfall und Untergang (1928).
Diogenes, April 2014.
299 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,90 Euro.

Samstag, 31.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein

Laurent Seksik: »Der Fall Eduard Einstein«Albert Einstein hatte zwei Söhne. Einer von ihnen – Eduard – war schizophren und verbrachte die Hälfte seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt in Zürich. Das Verhältnis von Vater und Sohn war schwierig. Albert hatte zeitweise offenbar sogar Angst, sich seinem Sohn, der zu unkontrollierten Ausbrüchen und Aggressionen gegenüber seinem Vater neigte, zu nähern. Ohnehin floh der Physik-Nobelpreisträger Ende 1932 vor den Nazis in die USA, sodass eine Begegnung mit Eduard schon rein räumlich aufwändig gewesen wäre.

Aus diesem Themenkomplex hat der 1962 geborene französische Schriftsteller Laurent Seksik einen Roman gemacht. Darin begibt er sich mal in den Kopf des Sohnes und mal in den des Vaters. Auch Einsteins erste Frau Mileva Maric, die sich aufopferungsvoll um den kranken Eduard kümmert, ihrem Ex-Ehemann aber zunehmend negativ gegenübersteht, kommt neben einigen anderen Persönlichkeiten aus dem näheren Umfeld Alberts und Eduards zu Wort.

Romane über Menschen, die wirklich gelebt haben, lösen immer ein leichtes Unbehagen aus, das von der nicht zu beantwortenden Frage ausgeht, woher der Autor 80 Jahre nach bestimmten Ereignissen wissen will, was diese oder jene Person in dieser oder jener Situation gedacht hat.

Laurent Seksik scheint sich dieses Problems bewusst zu sein: Er dringt nicht allzu tief in die Gedankenwelt seiner Figuren vor. Das jedoch führt zum nächsten Problem: Der Roman dümpelt ein wenig an der Oberfläche dahin, wirkt stellenweise eher wie ein Sachbuch, das lediglich die Fakten aneinanderreiht. Von einem Buch, das sich auf dem Cover explizit als „Roman“ bezeichnet, erwartet man aber mehr als nur Fakten.

Wie gut die übrigens recherchiert sind, kann nur jemand beurteilen, der sich auskennt. Es gibt jedoch bereits Stimmen – vom Einstein-Archiv in Jerusalem –, die behaupten, das Buch sei alles andere als gut recherchiert. Seksik habe ausschließlich veraltete Quellen herangezogen.

Laurent Seksik schreibt übrigens öfter Fiktionales über reale Personen: 2012 ist in Deutschland sein Roman „Vorgefühl der nahen Nacht“ erschienen, in dem es um die letzten Tage Stefan Zweigs in Brasilien geht.
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Laurent Seksik: Der Fall Eduard Einstein.
Blessing, Mai 2014.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Montag, 26.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Szczepan Twardoch: Morphin

Szczepan Twardoch: »Morphin«Einen düsteren und faszinierenden Lesesog mit den Zutaten Drogenkonsum, sexuelle Begierde, Gewalt, aber auch so etwas wie Liebe entwickelt der 590-Seiten-Wälzer „Morphin“ des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch.

Der Roman, der im polnischen Original 2012 mit dem renommierten Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet worden ist, spielt im Oktober 1939 in Warschau. Die Stadt ist nach der polnischen Kapitulation eine Stadt im Besatzungszustand. Einer ihrer Bewohner ist der wankelmütige und morphinsüchtige Ulanen-Leutnant Konstanty Willemann. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Prostituierten Salomé und seiner Familie mit Frau Helena und einem kleinen Sohn. Auch für einige andere Frauen interessiert er sich. Außerdem ist Konstanty väterlicherseits Deutscher und spricht die Sprache des Besatzers perfekt. Das macht ihn interessant für eine Widerstandsgruppe, in deren Auftrag er in der Uniform seines Vaters eine Reise in ein vom Krieg bislang unbehelligtes Budapest unternimmt.

Diese Budapest-Episode bietet einen interessanten Kontrast zu den Kapiteln davor und danach, die im düsteren, teils zerstörten und besetzten Warschau spielen. Die negativen Charaktereigenschaften Konstantys scheinen wie weggeblasen. Er verliebt sich in seine Reisebegleiterin Dzidzia und erlebt ein paar Tage voller Glück. Das legt die Deutung nahe, dass Twardoch seinen Helden nicht allein verantwortlich für sein Handeln sieht. Auch die äußeren Umstände sind es, die die Menschen zu dem machen, was sie sind.

Der 1979 geborene Auto bedient sich einer sehr rauen, direkten Sprache und schreckt auch vor Gossenausdrücken nicht zurück. Das passt zur dunklen Gesamtatmosphäre des Buches und zum Thema. Twardoch bedient sich außerdem einer nicht näher beschriebenen allwissender Figur, die eine Art Begleiter, ein Engel oder ein Schatten Konstantys ist und sich immer mal wieder in Ich-Form einschaltet. Das und die Eigenart, dass Twardoch immer wieder unvermittelt Ereignisse aus der Vergangenheit der Figuren in den Erzählfluss einbaut, machen die Lektüre nicht unbedingt zu einem leichtgängigen Lesevergnügen – man sich schon ein wenig konzentrieren. Ein Aufwand, der sich insgesamt aber unbedingt lohnt.
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Szczepan Twardoch: Morphin.
Rowohlt Berlin, März 2014.
590 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 23.05.2014

Autor: Andreas Schröter

David Gilbert: Was aus uns wird

David Gilbert: »Was aus uns wird«Söhne von berühmten Vätern haben‘s oft schwer, ihren eignen Platz im Leben zu finden und sich zu emanzipieren. Genau das ist eines der Themen in David Gilberts höchst lesenswertem 640-Seiten-Wälzer „Was aus uns wird“.

Das Buch beleuchtet auf glaubhafte und unterhaltsame Weise die männlichen Mitglieder der Familie Dyer. Da ist zunächst der große Schriftsteller A.N. Dyer, der vor Jahrzehnten unter dem Titel „Ampersand“ einen äußerst erfolgreichen Roman geschrieben hat, von dessen Ruhm er immer noch zehrt, obwohl er selbst mittlerweile ein Wrack ist. Aus seinem Schatten können sich die beiden Söhne Richard und Jamie nie richtig befreien. Eine Sonderstellung nimmt der erst 17 Jahre alte dritte Sohn Andy ein, der ein Nachzügler ist und um den sich ein Familiengeheimnis rankt, das im Laufe des Buches aufgeklärt wird.

David Gilbert, ein 1967 geborener Amerikaner, verquickt die Ereignisse aus „Ampersand“ geschickt mit den Ereignissen im Leben der Dyers, und so wirkt „Ampersand“ noch bis in die nächste und übernächste Generation nach – und das am Ende auf höchst dramatische Weise.

„Was aus uns wird“ ist ein dicker, kluger, detailreicher und vielschichtiger Roman voller Wahrheiten, in dem der Leser beispielsweise auch viel über die inneren Kämpfe und Selbstzweifel erfährt, denen viele Schriftsteller ausgesetzt sind.
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David Gilbert: Was aus uns wird.
Eichborn, März 2014.
640 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Mittwoch, 21.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Jonathan Tropper: Der Sound meines Lebens

Jonathan Tropper: »Der Sound meines Lebens«Silver gehört in die in der Literatur viel beschriebene Spezies des sympathischen Losers. Er lebt in einer Art Wohnheim für gestrandete Ex-Ehemänner, schaut hübschen, aber unerreichbaren Frauen nach und sieht ansonsten wenig Gründe weiterzuleben – zumal ihn seine Frau Denise vor Jahren verlassen hat und seine Tochter Casey nichts von ihm wissen will. Da kommt ihm ein Aneurysma gerade recht, das er nur dann überlebt, wenn er sich operieren lässt. Das will er aber nicht. Klar, dass das noch nicht das Ende in Jonathan Troppers Roman „Der Sound meines Lebens“ ist …

Der 1970 geborene amerikanische Autor steht – zum Beispiel in „Mein fast perfektes Leben“ oder „Sieben verdammt lange Tage“ – für rasante, lustige und manchmal auch ein bisschen traurige Bücher. Und genau in diese Kategorie passt auch das neue Werk. Man wechselt beim Lesen zwischen lautem Lachen und Rührung, und genau solche Gefühle sollte doch ein Buch vermittelt.

Allein das allzu rührselige Ende trübt den guten Gesamteindruck. Auch fragt man sich, was der Titel bedeuten soll, denn um Musik geht es nur sehr am Rande. Der englische Originaltitel „One Last Thing Before I Go“ trifft es wesentlich besser.
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Jonathan Tropper: Der Sound meines Lebens.
Droemer, April 2014.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Montag, 19.05.2014

Autor: Annette

Care Santos: Die Geister schweigen

santosCare Santos, geboren 1970 Barcelona und vielfach ausgezeichnete Erfolgsautorin, verfügt über diesen gewissen Erzählton, der einen umfängt und einfach davonträgt. In diesem Fall nach Barcelona. Ein geheimnisvoller Brief lockt die Kunsthistorikerin Violeta in ihre Heimatstadt zurück. Im Haus ihrer Familie, einem prachtvollen Palais, das ihr Urgroßvater errichten lies, sind Umbauarbeiten in vollem Gange. Das Palais soll endlich- dem letzten Willen ihres Großvaters Amadeo Lax entsprechend – in sein Museum umgestaltet werden und die Werke des bekannten Künstlers zur Schau stellen. Doch als die alten Mauern eingerissen sind, kommen auch bislang wohlgehüteten Familiengeheimnisse ans Licht.

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Lax über vier Generationen, angefangen bei den Urgroßeltern Violetas, Maria del Roser Golorons und Rodolfo Lax, deren glückliche Ehe und unternehmerisches Talent den Grundstein für den Wohlstand der Familie gelegt hat. Durch das üppige Figurenensemble gelingt ein guter Einblick in die Verhältnisse der verschiedenen Epochen.  In Erinnerung bleibt die Schilderung der unkonventionellen Maria del Roser Golorons. Ende des 19. Jahrhunderts ist sie Mitglied einer Spiritistenvereinigung, die sich jeden Mittwoch im Palais trifft und den Kontakt zu den Geistern der Toten sucht. Von deren Schwiegertochter Teresa weiß Violeta nur, dass sie in den Bürgerkriegswirren plötzlich verschwand und Sohn und Ehemann in Barcelona zurückließ. Doch stimmt die Geschichte, die man sich über sie erzählt? Violeta, die das Werk ihres Großvaters so meisterlich analysiert, wird mit den unbekannten Facetten seiner Persönlichkeit und dem Schicksal ihrer Großmutter konfrontiert.

Care Santos Roman ist eine Mischung aus nostalgischem Familienalbum und Kriminalgeschichte. Sie verbindet die verschiedenen Zeitebenen, indem sie Zeitungsartikel, E-Mails und Ausschnitte aus Kunstkatalogen mit Rückblenden verbindet. Dabei kombiniert sie historisch verbürgte Ereignisse (wie den Brand im Warenhaus Grandes Almacenes El Siglo 1932) und Persönlichkeiten (den bis heute in Barcelona als “Santet de Poblenou” verehrten Francisco Canals Ambros) mit frei erfundenen Figuren. Mein persönliches Aha-Erlebnis: Die Verweise auf die Spiritistenbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Spanien und vielen europäischen Ländern viele Anhänger hatte.

In der Mitte des Romans – als klar wird, wer die Absenderin der mysteriösen E-Mail ist und was sie mit der Familie Lax verbindet – da war ich kurz davor, das Buch dennoch zur Seite zu legen. Denn kaum sind die Geheimnisse entdeckt, werden sie wieder unter den Teppich gekehrt – die Geister schweigen, sie haben dafür noch keine Stimme gefunden.

Mittwoch, 14.05.2014

Autor: Chris Inken Soppa

Backfisch mit Perspektive. “Lene im Schilf”: Salem-Novela von Felicitas Andresen

Da ist eine, die ganz genau weiß, wovon sie redet. Lene ist gebildet, clever, vorwitzig, Salemer Internatsinsassin, und … äh … ein Backfisch, so sagte man damals, denn sie lebt in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie teilt Tisch und Schlafsaal mit Diplomatenkindern und künftigen Königinnen. Sie hadert mit ihren Haaren, ihrem runden Bauch, ihrem Hang zum Genießen. Sie redet so geschwollen daher als habe sie mehr Bücher als Freunde. Sarkastisch ist sie, ungerührt, unberührt und ach so verletzlich!

Das, was man als harte Wirklichkeit bezeichnet, kennt sie noch nicht. Es sind eben die Fünfziger, da gibt es keine Bravo, bloß Bienen und Blumen. Auf dem Gymnasium lernt man töpfern, Latein, die großen Klassiker. Zum Glück hat Lene eine betuchte Freundin. Von der wird sie eingeladen, die Ferien gemeinsam in einem großen Haus am großen See zu verbringen. Dort gibt es eine lebenslustige Tante und einen Dr. Bonkow, von dem keiner genau weiß, ob er Vetter oder Onkel ist. Er übt sich in Geigenklang und Zurückhaltung, beides mit unterschiedlichem Erfolg. Außerdem ist er unvorstellbar alt, sicher schon über dreißig. Am Strand knetet Lene eine Frau aus Ton mit offenem Mund und einem Loch zwischen den Beinen. Schüttet Wasser hindurch und ahnt, dass das Leben einfach und verzwickt sein kann und dass sie mit ihrem Latein ab sofort am Ende ist. Knapp, ganz knapp steht sie vor einer Antwort, dann kommt doch wieder alles anders.

Vom ersten Satz an ist der Leser mit an Bord. Schmunzelt über Lenes ureigene Respektlosigkeit, die nahtlos in großes Gefühl übergehen kann. Gewürzt ist die Erzählung mit eingestreuten Perspektivkörnchen eines rund vierzig Jahre älteren Ichs, das dem schlagfertigen Backfisch augenzwinkernd und ein bisschen wehmütig über die Schulter schaut.

Wie schafft man es nur, so wunderbar frisch zu schreiben? Felicitas Andresen war auch mal in Salem, irgendwann im letzten Jahrtausend. Welche Details aber biographisch sind, verrät uns die listige Autorin nicht. Braucht sie auch nicht. Ihre muntere Salem-Novela bringt dem Lesenden unwillkürlich die eigene Jugend zurück und noch mehr. Egal, ob halbstark, Teenager, Backfisch oder junges Leut von heut, wir waren schließlich alle mal ein bisschen Lene.

 

Erschienen im GamY-Verlag dw, 2012

ISBN 978-3-8442-7168-3

Preis: 12,95 EUR

Montag, 12.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Stefan Spjut: Troll

Stefan Spjut: »Troll«Können Sie sich vorstellen, dass in den einsamen nordschwedischen Wäldern Trolle leben? Nachdem Sie diesen Fantasy-Thriller von Stefan Spjut gelesen haben, fällt Ihr „Nein“ vielleicht nicht mehr ganz so entschieden aus.

Der schwedische Autor arbeitet mit einer Technik, der sich beispielsweise auch Stephen King in vielen seiner Bücher bedient. Er lässt das Übernatürliche in eine ganz normale Alltagswelt hineinplatzen und verschafft ihm so mehr Glaubwürdigkeit.

Als immer wieder Kinder entführt werden, wird die junge Hobby-Kryptozoologin Susso auf das Thema aufmerksam und beginnt mit Nachforschungen. Kryptozoologen befassen sich mit Tieren, deren Existenz nicht zweifelsfrei bewiesen ist.

„Troll“ beginnt spannend, verliert aber im weiteren Verlauf deutlich an Fahrt. Erstens opfert der schwedische Autor zu schnell die Aura des Geheimnisvollen, die sich um die übernatürlichen Wesen rankt, und zweitens verliert er sich zunehmend in Kleinigkeiten, die nicht zum Fortgang der Geschichte beitragen. So sitzen die Hauptfiguren um Susso immer wieder am Tisch, und es wird haarklein beschrieben, was sie genau essen. Das raubt dem Roman viel an Rasanz und Spannung. Andererseits versteht es der Autor, nahezu durchgehend auf 480 Seiten eine düstere, kalte Atmosphäre beizubehalten, die dem Genre guttut.
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Stefan Spjut: Troll.
Knaus, März 2014.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 09.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods

Gavin Extence: »Das unerhörte Leben des Alex Woods«„Sterbehilfe“ ist das zentrale Thema im Debütroman des 1982 geborenen englischen Autors Gavin Extence mit dem komplizierten Titel „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“. Und wenn man die Vielzahl der zumeist positiven Lesermeinungen auf der Internet-Plattform Amazon sieht, scheint das Buch erstens auf ein ungewöhnlich großes Interesse zu stoßen und zweitens hervorragend anzukommen.

Es geht um die Freundschaft eines Jungen im Teenager-Alter mit einem älteren Mann. Als Letzterer erkrankt, stehen beide vor einer schwierigen Entscheidung. Doch bevor es soweit ist, gründen sie unter anderem einen Kurt-Vonnegut-Lesezirkel und verstehen sich auch sonst ganz hervorragend.

Trotz des besonders zum Ende hin schwierigen Themas kommt dieser Roman mit einer gewissen Leichtigkeit daher. Der Leser lernt skurrile, aber sympathische Figuren wie Alex‘ esoterische Mutter kennen oder seine (mehr oder weniger) Freundin, die in keine Schublade passt. So gesehen ist „Das unerhörte Leben …“ auch ein Plädoyer für Toleranz Menschen gegenüber, die von der Norm abweichen.

Ein bisschen sonderbar mutet lediglich der Aufbau dieses Buches an. So deutet auf den ersten 120 Seiten rein gar nichts auf die im späteren Verlauf so bestimmende Freundschaft zwischen Alex und dem älteren Mann hin. Vielmehr geht es hier darum, dass Alex im Alter von zehn Jahren von einem Meteoriten getroffen wird und in der Folge unter epileptischen Anfällen leidet. Es bleibt unklar, was das eigentlich genau mit dem Rest zu tun hat, außer natürlich, dass auch Alex selbst weit weg von jeder Norm ist. In jedem Fall bleibt „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ein sehr lesenswertes Buch.
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Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods.
Limes, März 2014.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 08.05.2014

Autor: Andrea Brücken

Katharina Hartwell: Das fremde Meer

Das Fremde Meer

Wunderbar. Ein Buch, so ein richtiges dickes mit festem Einband, einem Papier-Umschlag und einem eingeklebten Bändchen als Lesezeichen. Dazu noch mit kleinen Geschichten in einer großen Geschichte, da kann man die fast 600 Seiten in Ruhe angehen.

Denkt man jedenfalls und zuerst funktioniert es auch. Die Protagonistin Marie kennen zu lernen, erfordert ein Herantasten. Fragil, sensibel, vorsichtig, ängstlich, sich selbst fremd schleicht sie durch eine ihr unwirklich erscheinende Umwelt. Man muss sich Sorgen um sie machen, versucht, sie zu ergründen. Gehört sie wirklich zu denen, die mit “Schatten im Kopf” geboren wurden oder ist sie nur in negatives Denken verstrickt? Was fehlt ihr? Woher kommt das Brüchige, Zerfaserte ihrer Persönlichkeit?

Die Lesepausen, das Weglegen des Buches halten sie zunächst auf Distanz, diese seltsame Frau, deren Charakter einem dennoch bekannt vorkommt an den Rändern des eigenen Denkens. Als Leser vergleicht man: ist man nicht froh, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, sich in das eigene Leben hinein gesetzt, beheimatet zu haben? Trotzdem, es kratzt an den Rändern der Selbsteinschätzung. Ein bisschen.

Dann erfolgt die Entführung. Die kurzen Geschichten, die Marie uns erzählt, handeln immer von einem Paar, Mann und Frau, die sich in Welten bewegen, denen vor allem das Unwirkliche anhaftet. In der Wechselstadt bewegen sich Häuser nach einem missglückten Experiment allein von Ort zu Ort, lassen Menschen ins Nichts verschwinden. Die Salpetrière ist die Heimat der Hysterischen und Verrückten. Im Winterwald kann die Prinzessin nur deshalb ihre Aufgabe angehen, weil vorher der Ritter Marin aus ihr geworden ist. Alle drei Frauen dieser ersten Geschichten wollen einen Mann retten, und mit diesem sich selbst. Alle drei Frauen befreien sich, verlieren aber im Moment der Befreiung die Hand des Mannes, den sie zu retten versuchen.

Noch bevor man diese Wiederholung erfasst hat, packt einen die Erzählerin Marie am Schopf. Sie stellt uns ihren Geliebten Jan vor, mit dem sie ein stillschweigendes Abkommen getroffen hat: Geheimnisse dürfen geheim bleiben ohne die wachsende Vertrautheit zu behindern. Jan, mit dem sie zusammen zieht, dessen Freunde sie nicht mag, dessen Wesen sich ihr nicht erschließt. Jan, dem sie dennoch vertraut. Vielleicht, weil auch er Ängste und Verborgenes mit sich führt, die er nur selten mitteilt.

In weiteren Geschichten wird Marie zu Milan, zu Mare, zu Martha, zu Klara – nein, zu Muriel. Jan wird zu Yann, zu Yasper, zu Ghostboy, zu Esther – nein, zu Jonathan. Das Brüchige und Zerfaserte aus Marie’s Weltsicht verflicht sich zu einer Geschichte voller Fragmente in Bewegung, Elemente aus vorigen Geschichten tauchen im Fortgang auf, spielen eine bedeutende Rolle oder sind nur Statisten. Werden die Charaktere wieder geboren und verlieren jedesmal ihre Erinnerung? Sind sie nur Träume von Marie und Jan? Man weiß es nicht, immer scheint jedoch ein Teilchen da zu sein, das mit Erinnerung behaftet ist, mit Schicksal. Man schwimmt im Strom der Geschichten, ist gefangen im Sog, will den Fortgang erfahren, der Sache auf den Grund gehen.

Letztlich gibt es eine logische Erklärung, läuft alles auf ein Ende hinaus, das fast ein bisschen zu nüchtern, zu real, zu nachvollziehbar ist. Das Verlassen der traumhaften Welten erfolgt abrupt und wird dennoch sanft durchgeführt. Um die Lesefreude nicht zu beeinträchtigen, wird das Ende aber nicht verraten. Manchmal lohnt es sich, den Klappentext nicht allzu gründlich zu lesen, sich in Geduld zu üben, sich tragen zu lassen, sich verschlingen zu lassen von einer Erzählung.

576 Seiten sind viel für ein Buch, sogar für einen Roman. In diesem Fall allerdings lohnt sich jede einzelne Seite. Die Lust am Lesen lässt nie nach, der dramaturgische Aufbau stimmt, der Roman schreibt Bilder in den Kopf, das Herz klopft. Ein wundervolles Buch, das man nur empfehlen kann.

(Gelesen von: Andrea Brücken)

 

Das Fremde Meer

Katharina Hartwell

ROMAN

Erschienen am 16.07.2013

576 Seiten

Gebunden mit Schutzumschlag (auch als Paperback und eBook erhältlich)

ISBN: 978-3-8270-1137-4

€ 22,99 [D], € 23,70 [A], sFr 32,90

Sonntag, 04.05.2014

Autor: Andreas Schröter

Stefan Nink: Freitags in der Faulen Kobra

Stefan Nink: »Freitags in der Faulen Kobra«Beste Unterhaltung liefert auch der zweite Roman des Reisejournalisten Stefan Nink – „Freitags in der Faulen Kobra“. Es handelt sich dabei um die direkte Fortsetzung von Ninks Erstling „Donnerstags im Fetten Hecht“ aus dem Jahre 2012. Wieder muss der Lokalredakteur Siebeneisen aus Oer-Erkenschwick um die ganze Welt reisen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Diesmal soll er für einen indischen Maharadscha die Einzelteile einer kleinen Figur finden, die angeblich Glück bringt. Der legendäre James Cook höchstpersönlich soll die Stücke im 18. Jahrhundert irgendwo auf dem Globus versteckt haben.

Und die Fortsetzung steht dem Vorgänger in nichts nach: Wieder kommt der Roman ungemein rasant und witzig daher – so lernt unser Held auf Tonga eine liebestolle Prinzessin in einem Ein-Euro-Shop kennen, trifft Eisbären oder Weiße Haie und wird in Neuseeland von einem Buschbaby bestohlen – um nur ein kleines bisschen von der Handlung zu verraten. Natürlich sind auch Siebeneisens Freunde aus dem ersten Band wieder mit von der Partie: der redselige Wipperfürth, der die Reisen organisiert und dabei immer nach der billigst möglichen Variante Ausschau hält (Mitfahren auf einem Frachtschiff und dabei den Matrosen etwas zur Hand gehen zum Beispiel), der dicke, reiche und geizige Schatten und die metaphysisch begabte Lawn, Siebeneisens Freundin.

Weil es viele Querverweise zum Vorgänger-Roman gibt, empfiehlt es sich für Neueinsteiger, erst den „Fetten Hecht“ zu lesen – um dann sofort mit der „Faulen Kobra“ weiterzumachen. Beide Bücher sind ein Muss für alle Menschen, die zuweilen vom Fernweh geplagt werden. Und bei allem Spaß und aller Leichtigkeit, die diese Bücher verströmen, erfährt man ganz nebenbei sogar noch jede Menge Interessantes aus den verschiedenen Teilen der Welt, die Siebeneisen bereist.

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Stefan Nink: Freitags in der Faulen Kobra.
Limes, März 2014.
448 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Mittwoch, 30.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Norbert Leithold: Herrliche Zeiten

Norbert Leithold: »Herrliche Zeiten«In seinem 520-Seiten-Wälzer „Herrliche Zeiten“ begleitet Norbert Leithold die Berliner Familie Kypscholl vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zur Studentenrevolte Ende der 60er-Jahre.

Die Geschwister Otto und Anna dienen sich den Nazis an: Er raubt im Namen der SS Kunstwerke aus den besetzten Gebieten, sie arbeitet in einem Lebensborn-Heim, wo es darum geht, im Sinne des nationalsozialistischen Rassenwahns arisch reine Menschen zu züchten. Auch mit Euthanasie, also der Ermordung von Menschen, die die Nazis als nicht lebenswert erachten, hat sie am Rande zu tun.

Interessant ist, dass das Ende des Krieges für die Geschwister keineswegs ein Ende ihres Tuns oder ihrer Einstellungen bedeutet. Otto reist von Westberlin in die neu entstehende DDR, um die Menschen dort um ihre Antiquitäten zu erleichtern, Anna, die es in die Gegend von Stralsund verschlagen hat, tötet als Hebamme Neugeborene, wenn sie mit einer Behinderung auf die Welt kommen.

„Herrliche Zeiten“ ist vor allem für Leser mit historischem Interesse ein gutes Buch. Norbert Leithold, geboren 1957, Historiker und Verfasser von einigen geschichtlichen Sachbüchern, hat seinen Stoff hervorragend recherchiert. Zehn Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, und diese Gründlichkeit merkt man dem Werk an.

Etwas weniger gut gelingt ihm die Charakterisierung der fast ausnahmslos negativ besetzten Figuren. Da hätte man sich zuweilen etwas mehr psychologische Tiefe gewünscht. Auch muss man sich an einige unnötige stilistische Schrulligkeiten gewöhnen – zum Beispiel dass wörtliche Rede nie als solche kenntlich gemacht wird und dass Szenen und Schauplätze mitunter arg übergangslos ineinanderfließen.

Auf den letzten gut 100 Seiten verlagert sich der Roman hin zu den Kindern von Otto und Anna, Karl und Regina. Im Grund fängt hier eine neue Geschichte an, die seltsam losgelöst vom Vorherigen daherkommt. Hätte der Autor auf sie verzichtet, wäre das Buch kaum schlechter geworden – vielleicht sogar im Gegenteil. Jetzt geht es um Karls Schwierigkeiten mit dem autoritären Vater und das ihm verhasste Leben in einem katholischen Internat, wo er von den Mitschülern drangsaliert wird, und um Regina, der in der DDR Steine in den Weg gelegt werden, weil sie keinen Antrag auf den Eintritt in die Partei gestellt hat.

Ein dickes, gut recherchiertes Buch, das viele Themen der jüngeren deutschen Geschichte anreißt – mit einigen kleineren Schwächen.
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Norbert Leithold: Herrliche Zeiten.
DVA, März 2014.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Sonntag, 27.04.2014

Autor: Andreas Schröter

Henry James: Washington Square

Henry James: »Washington Square«Der Manesse-Verlag hat einen Klassiker aus dem Jahre 1880 neu übersetzen lassen: „Washington Square“ von Henry James. Themen sind menschliche Abgründe wie Lieblosigkeit, Selbstherrlichkeit, Tratschsucht, Rache oder die Gier nach Geld.

Die als reizlos und naiv, aber wohlhabend beschriebene Catherine findet einen Liebhaber, der sie heiraten möchte. Catherines Vater, ein angesehener Arzt, hält den Verehrer für einen üblen Mitgiftjäger und versucht mit allen Mitteln, die Ehe zu verhindern – unter anderem, indem er seine Tochter sogar enterbt.

„Washington Square“ ist ein vielschichtiger Roman von hoher psychologischer Glaubwürdigkeit, der vor allem die hässlichen menschlichen Wesensmerkmale zeigt. Im Grunde wirkt keine der Hauptfiguren sympathisch. Da gibt‘s den hartherzigen Vater, die wenig gewandte, mundfaule und letztlich genauso hartherzige Tochter, den arbeitsscheuen Mitgiftjäger und eine tratschsüchtige ein wenig vertrocknete Tante, die sich als Schicksalsgöttin betätigt.

Sicher, manches hat sich in den vergangenen 130 Jahren geändert. Eine Tochter wäre nicht mehr so hörig gegenüber ihrem Vater, wie es Cathrine besonders zu Beginn des Romans ist. Auch das Verhalten des Arztes selbst in seiner bedingungslosen Selbstherrlichkeit wirkt aus heutiger Sicht etwas antiquiert – aber im Grunde gelten auch heute noch viele der psychologischen Aussagen, die der Roman trifft, weswegen „Washington Square“ auch heute noch ein lesenswertes Stück Literatur bildet, das nicht nur für literaturgeschichtlich orientierte Leser einen Genuss bieten dürfte.

Übersetzerin ist Bettina Blumenberg, die auch ein Nachwort zur literaturgeschichtlichen Einordnung und Interpretation des Romans verfasst hat.
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Henry James: Washington Square (1880).
Manesse, April 2014.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.

Dienstag, 22.04.2014

Autor: JosefBordat

Basiskurs „Christsein“

Walter Kirchschläger zeigt, worauf es im christlichen Glauben ankommt: Kirche in Bewegung, Jesus im Zentrum. Dass er jene Dynamik und diese Orientierung der Christenheit so eng mit Papst Franziskus in Verbindung bringt, ist unhistorisch, aber verkaufsfördernd.

Papst Franziskus, soviel steht bereits nach dem ersten Jahr seines Pontifikats fest, wird die Kirche verändern. Denn er hat bereits die Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit verändert. Viele Autoren entdecken plötzlich Aspekte des Christentums, die sie bei den als konservativ verstandenen Vorgängerpäpsten, insbesondere bei Benedikt, vermisst hatten: Einfachheit im Selbstverständnis, Demut im Auftreten, Herzlichkeit gegenüber den Menschen, Offenheit für die Probleme der Welt. Mit anderen Worten: Schwarze Schuhe, rote Schuhe.

Es lässt sich zwar mit relativ geringem Aufwand zeigen, dass es zwischen Franziskus und seinen Vorgängern keinen theologischen oder ekklesiologischen Bruch gibt, doch nehmen viele Autoren Franziskus’ Pontifikat zum Anlass, wahlweise die Umsetzung des Konzils, Veränderungen in strukturellen Fragen oder gleich die Einlösung echten Christentums in der Kirche einzufordern. Endlich, wie es dann heißt. So als sei die Kirchengeschichte bis zum 13. März 2013 nur eine Art Prolog gewesen. Die unbedarfte Leserschaft bekommt so den Eindruck vermittelt, als könne und müsse Papst Franziskus die Kirche zu Christus zurückführen. Das ist je nach Sichtweise unmöglich bis unnötig, in jedem Fall unhistorisch, denn es wird weder der Rolle Johannes Pauls II. noch der Benedikts XVI. gerecht. Und wenn wir weiter zurückgehen und uns die Geschichte der Heiligen, der Ordensgründer, der Missionare und auch der Päpste ansehen, wirkt es doch arg engstirnig.

So ist denn auch die explizite Bezugnahme des Theologen Walter Kirchschläger auf Papst Franziskus, den er durchweg „Bischof [von Rom]“ nennt, etwas ärgerlich. Wer ein Buch über das Wesen des Christentums schreibt (und dies über weite Strecken auch sehr überzeugend tut), sollte nicht zugleich suggerieren, dieses Wesen – nämlich in der Tat: Christus im Mittelpunkt – sei in irgendeiner Weise „neu“ oder auch nur „neu entdeckt“ worden. Bibel und Gebet, Nachfolge und Nächstenliebe, Gottesoffenbarung und Erlösungshoffnung sind keiner „neuen Dynamik“ geschuldet, wie sie der Verfasser seit dem 13. März 2013 in der Kirche erkannt haben will, sondern schlicht die Basis des zweitausend Jahre alten christlichen Glaubens. Hieraus „Impulse“ zu entwickeln für die gegenwärtige Situation der Gläubigen ist wichtig und richtig, sie allerdings mit einem Franziskus-Exponenten zu versehen, depotenziert sie paradoxerweise. Und das ist schade.

Besonders deshalb, weil Kirchschläger ein durchaus lesenswertes Kompendium christlichen Lebens vorlegt, das auch ohne (oder zumindest nicht ganz so aufdringliche) Bezüge zur Tagesaktualität der Kirche ausgekommen wäre. Der Verfasser gibt wertvolle Hinweise auf die Ausrichtung des Christen, für die es aber ursächlich weder ein Konzil noch einen bestimmten Papst braucht, nur Jesus Christus selbst. Kirchschläger sagt denn auch, Jesus Christus sei „der perspektivische Bezugspunkt, von dem her die Gottesgeschichte mit Welt und Menschen“ im Glauben der Kirche betrachtet werde, Er sei „jener grundlegende Ausgangs- und Bezugspunkt, von dem her ich mein Leben entwickeln und zu begründen versuchen kann“. Nur, dass der Verfasser eben zu glauben scheint, die Kirche sei erst durch das Konzil auf diesen Gedanken gekommen, so, als habe Jesus Christus nicht schon in aller Deutlichkeit von sich selbst als Bezugspunkt gesprochen („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“).

Im Laufe seiner Darlegung argumentiert Kirchschläger jedoch insbesondere mit treffenden Bezügen zum Neuen Testament und insoweit konfessionsübergreifend nachvollziehbar. Er kommt zu sehr einleuchtenden Schlussfolgerungen und gibt konkrete Anstöße für das spirituelle Wachstum. Das alles geschieht kleinschrittig und in einfacher Sprache, was die Lektüre angenehm macht. Walter Kirchschläger legt ein Buch vor, das im autodidaktischen Studium des Gläubigen ebenso hilfreich sein wird wie es als Teil der Textgrundlagen für Glaubenskurse in der Erwachsenenkatechese dienen kann. Und das funktioniert, davon bin ich überzeugt, auch ganz ohne Fixierung auf „Bischof Franziskus“.

Bibliographische Daten:

Walter Kirchschläger: Christus im Mittelpunkt. Impulse für das Christsein.
Wien / Graz / Klagenfurt: Styria premium (2014).
192 Seiten, 19,99 Euro.
ISBN: 978-3-222-13446-3.

Josef Bordat

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