Samstag, 21.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Peter Richter: 89/90

Peter Richter: 89/90«Mit 15 mitten in der Pubertät hat man schon Probleme genug. Aber was macht man, wenn in dieser Situation zu allem Überfluss auch noch die Welt zusammenbricht? Mit dieser Frage beschäftigt sich Peter Richters autobiografischer Roman „89/90“. Er erzählt vom Ende der DDR aus der Sicht des jugendlichen Ich-Erzählers und seiner Freunde in Dresden.

Es macht Spaß, diesen Roman zu lesen, weil er auch sprachlich genauso rotzfrech geschrieben ist, wie 15-Jährige Jungs und Mädchen eben sind – nicht nur in der untergehenden DDR –, sodass man zwischendurch immer wieder laut auflacht oder auch leise vor sich hinkichert.

Richter, geboren 1973 erzählt davon, wie peinlich es ist, die 100 Mark Begrüßungsgeld anzunehmen, die nach Öffnung der Grenzen jeder Ossi auf Westbesuch bekam. Er erzählt auch sehr anschaulich, wie jeder Jugendliche anders mit der neu gewonnenen Freiheit umgeht. Manche versuchen, mit illegalen Projekten das schnelle Geld zu machen, andere verweigern sich der allgemeinen Euphorie, trauern den untergehenden kommunistischen Idealen hinterher und ziehen in die damals noch existierende Sowjetunion.

Offenkundiges Problem für alle Beteiligten ist das Machtvakuum, das zwischen Mauerfall im November 89 und Wiedervereinigung im Oktober 90 existiert, als die Polizei offenbar vieles schleifen lässt und die Augen vor den Problemen verschließt.
Diese Situation führt dazu, dass sich Punks, zu denen der Ich-Erzähler gehört, und Neonazis blutige Straßenschlachten liefern.

Und dazu gibt‘s ja immer noch die ganz normalen Sorgen, die jeder Jugendliche auf der ganzen Welt hat. Wie finde ich meine erste Sex-Partnerin, wie kann ich mein Taschengeld aufbessern, und wie schaffe ich es, möglichst ohne größeren Aufwand durch die Schule zu kommen? Ein Wenderoman aus einer ganz neuen und interessanten Jugend-Sicht.
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Peter Richter: 89/90.
Luchterhand, März 2015.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Mittwoch, 18.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Joann Sfar: Der Ewige

Joann Sfar: Der Ewige«Dass der Franzose Joann Sfar eigentlich Comic-Zeichner ist, merkt man seinem aberwitzigen und schrillen Debütroman „Der Ewige“ an. Die Geschichte ließe sich hervorragend in Bilder umsetzen. Und die wären zum Teil recht drastisch – die Farbe Rot für das viele Blut wäre eindeutig in der Übermacht. Aber wie sollte das bei einem Vampirroman auch anders sein?

Der Ukrainer Jonas stirbt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Doch muss er bald feststellen, dass der Tod nur vorübergehender Natur war. Schon bald erwacht er als Vampir, immer noch verliebt in seine Jelena …

Was folgt, ist eine wilde, nicht ganz ernst gemeinte Achterbahnfahrt mit vielen überraschenden Wendungen. Sie reicht bis in unsere Gegenwart, und es beteiligen sich allerlei Fantasygestalten wie Alraunen, sprechende Bäume oder Werwölfe daran. Und dann ist da noch eine selbstbewusste Psychologin. Langeweile kommt hier garantiert nicht auf. Sehr empfehlenswert.
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Joann Sfar: Der Ewige.
Eichborn, März 2015.
386 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

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Freitag, 13.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Kate Christensen: Das Ehespiel

Kate Christensen: Das Ehespiel«Den Niedergang einer Ehe beschreibt die amerikanische Autorin Kate Christensen in ihrem Roman „Das Ehespiel“.

Harry und Luz sind seit 30 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, als sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung wirft, weil sie ihn verdächtigt fremdzugehen. Obwohl er das nicht tut, hat Luz kein Einsehen, bis sie schließlich sogar die Scheidung verlangt. Harry dagegen setzt alle Hebel in Bewegung, seine Frau zurückzuerobern.

Am Beginn des Romans ist Harry bereits ausgezogen, sodass sich die Schwierigkeiten, die die beiden miteinander haben, erst in Rückblenden ergeben.

Harry leidet. Er kommt mehr schlecht als recht bei einer langjährigen Bekannten unter, findet Unterschlupf bei seiner Tochter oder bei einer Frau, um deren Hunde er sich kümmert. Und weil in seiner Ehe die Frau für das Geldverdienen zuständig war – Harry ist ein Dichter, der mit dem Schreiben nur wenig Geld verdient –, muss er sich nun auch noch mit verschiedenen Aushilfsjobs über Wasser halten.

Nicht leichter wird seine Situation durch seinen Sohn Hector, der in eine Sekte abzugleiten droht.
Man kann dem Buch vorwerfen, ein bisschen zu wenig Handlung für 432 Seiten zu bieten. Es besteht größtenteils aus der Innenschau des leidenden Harry, aus dessen Sicht der Roman geschrieben ist. Obwohl psychologisch glaubhaft und überzeugend, kommt es hier zu einigen Wiederholungen, die vermeidbar gewesen wären. Auch gibt es keinen richtigen Höhepunkt. Der Roman plätschert so dahin.

Dennoch ist „Das Ehespiel“ kein missratenes Buch. All jenen, die sich gerne in die seitenlangen Gedankenwelten eines an einer gescheiterten Beziehung Leidenden hineinversetzen, wird dieses Buch gefallen. Jedermanns Sache ist das aber gewiss nicht.
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Kate Christensen: Das Ehespiel.
Droemer, März 2015.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 10.03.2015

Autor: Immo Sennewald

Johannes Sachslehner: Wien anno 1683

Die Türken vor Wien

Die Türken vor Wien

“Ein europäisches Schicksalsjahr” untertitelt der Autor sein Geschichts- und Geschichtenbuch – und im Panorama des Geschehens, das er auf knapp 400 Seiten chronologisch entwirft, erscheinen die historischen Bedingungen, die handelnden Personen und ihre Motive sehr einprägsam. Sachslehner legt der zeitlichen Ordnung des Buches einen historischen Kalender zu Grunde: Sambach von Lindelbachs “Kleiner Haus=Gesundheit=Feld= und Kirchen=Calender” gibt einen Begleitton zu den Berichten von Zeitzeugen, Originaldokumenten, Erzählungen, regt die Vorstellungskraft des Lesers an. Er erfährt vom Leben der Bauern im Rhythmus des Kirchenjahres und von den Lostagen, die über das Wettergeschehen und die wirtschaftlichen Aussichten folgender Wochen oder Monate entschieden; er kann ermessen, auf welch schmalem Grat diese Existenzen balancierten und welche Leiden es bedeutete, wenn Tatarenhorden, Türkische und Kaiserliche Heere Felder und Wiesen verwüsteten, Vorräte plünderten, das Vieh wegtrieben. Ist es schon schlimm genug, sich Ohnmacht und Wehrlosigkeit gegenüber Marodeuren vorzustellen, so verstummt einer vor den Gräueln, die Frauen und Kindern widerfuhren.

Sachslehner erzählt die Schicksale einzelner Menschen, die Übermenschliches erdulden mussten. Soldaten, Offiziere, Generäle im Kugelhagel, beim Schanzenbau und beim Sturm auf Schanzen, er schildert trostlose, oft vergebliche Fluchten der Bevölkerung, Seuchen, Hunger, Massaker. Da wird ein Offizier monatelang mit schwersten Verletzungen in Ketten über Land getrieben oder gekarrt, immer wieder misshandelt, doch am Leben gehalten, weil sich die Entführer Lösegelder versprachen. Frauen und Kinder werden gefangen, aufs Blut misshandelt, in die Sklaverei geführt. Wer mit angesehen hatte, wie seine Liebsten gefoltert, vergewaltigt, geschlachtet wurden, selbst aber überlebte: Woraus mag er Mut und Vertrauen fürs Überleben gezogen haben?

Was den meisten von uns nicht mehr vertraut ist, dass sich nämlich fast alles soziale Handeln auf religiöse Bindungen gründet, lässt Sachslehners Text erahnen. Bei Schlächtern und Opfern heutiger Kriege findet sich dieses Verhältnis wieder: Religion liefert den Stoff, der Feindbilder schärft, der Rachsucht, Habgier, Mordlust, Sadismus freisetzt. Aber Religion stärkt auch die Gequälten und Unterworfenen, die Hilfsbereiten, die selbstlosen Retter.

Der Autor zeichnet solche Widersprüche ohne Anspielungen auf Aktualität, erhöht damit den Reiz zeitgenössischer Faksimiles und Bilder, die den Text ergänzen. Er richtet den Blick auf die Verantwortung der Herrschenden – und osmanische wie kaiserliche erscheinen dank vieler biographischer Details näher, greifbar, auch und gerade dann, wenn sie versagen. Das ist eine Qualität dieser Darstellung gegenüber anderen Geschichtsbildern. Spontan kam mir in den Sinn, Johannes Sachslehner habe so etwas wie ein Weblog im Jahre 1683 verfasst, eine sehr farbige und authentische Form, sich dem historischen Geschehen zu nähern. Ich habe das mit Vergnügen und großem Interesse gelesen und die Einladung zum Nachdenken über den Krieg als “Vater aller Dinge” (Heraklit) oder als “Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” (Carl von Clausewitz) gern angenommen. Wer gibt heute noch – wie seinerzeit die Osmanen oder Habsburger – offen zu, den Krieg im Namen des Islam oder der katholischen Kirche zu wollen? Aber damals wie heute treibt die Dynamik gegenseitiger Schuldzuweisung, treiben die religiösen, ethnischen, politischen Feindbilder die Wellen von Gewalt Macht Lust empor. Bücher wie dieses helfen zur Einsicht, dass es mehr braucht als Appelle, Gebete und Demonstrationen, wenn künftig verhindert werden soll, dass Anführer von Religionen, Ethnien, Nationen oder anderen Kollektiven den Mob versammeln. Der Mob will jedenfalls und jederzeit vom Terror profitieren.

Das Buch von 408 Seiten ist im Januar 2015 als broschierte Neuauflage im Pichler Verlag erschienen und kostet 18 Euro

Montag, 09.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller

Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller«Das ist ein seltsames Buch. Man weiß nicht so recht, worauf Ralf Bönts „Das kurze Leben des Ray Müller“ hinauswill, was genau der Kern dieses Romans ist.

Ein Mann namens Marko Kindler – der Ich-Erzähler – sitzt im Wartezimmer eines Polizeipsychologen, weil er offenbar seinen zwei Wochen alten Sohn Ray entführt hat. Dass diese Geschichte nicht gut ausgegangen sein könnte, lässt bereits der Titel vermuten. Aber was es genau mit der Entführung auf sich hat und was dabei passiert ist, erfährt der Leser erst auf den allerletzten Seiten des Buches, und es nimmt einen vergleichsweise kleinen Teil ein.

Alles davor ist Rückblick, wobei die Beziehung Kindlers zu der psychisch gestörten New Yorker Künstlerin Nelly einen breiten Raum einnimmt.

Dann geht es seitenlang und immer mal wieder um die eingebildeten oder tatsächlich vorhandenen Krankheiten der Hauptfigur. Teilweise liest sich das eher wie ein medizinisches Fachbuch. Ist es also ein Buch über unfähige Väter, verrückte Beziehungen oder eingebildete Krankheiten?

Der 1963 geborene Autor setzt sprachlich oft auf Metaphern. Nicht alle wirken besonders glücklich. Gleich auf der ersten Seite vergleicht er den Ausruf eines Arztes „Knapp ein Zentimeter“, der sich auf den geöffneten Muttermund einer Schwangeren bezieht, mit demselben Ausruf, den ein Fußballfan tut, wenn „in einem Auswärtsspiel“ der Ball die Torlinie überschritten hat. Merkwürdig.

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Ralf Bönt: Das kurze Leben des Ray Müller.
DVA, März 2015.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Sonntag, 01.03.2015

Autor: Andreas Schröter

Hanif Kureishi: Das letzte Wort

Hanif Kureishi: Das letzte Wort«Hanif Kureishi kennen Kinogänger wegen des Drehbuchs zum lebenslustigen Stephan-Frears-Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985) und Leser wegen seines herrlichen Romans „Der Buddha aus der Vorstadt“ (1990).

Nun liegt ein neues Buch des mittlerweile 60-jährigen Briten mit pakistanischem Vater vor: „Das letzte Wort“: Ein alternder Schriftsteller namens Mamoon engagiert den jüngeren Kollegen Harry, auf dass er die Biographie des Seniors schreibe.
Harry quartiert sich in Mamoons Landsitz ein, und versucht Details aus dem Leben des Älteren in Erfahrung zu bringen – ein Unterfangen, das sich als schwierig erweist, weil Mamoon sonderbarerweise alles andere als bereit ist, mit Harry zu reden …

„Das letzte Wort“ fängt verheißungsvoll an und ist besonders in der ersten Hälfte durchsetzt mit interessanten Lebensweisheiten und Beobachtungen. Doch auf die Dauer scheitert dieser Roman. Es gibt zu viele langatmige Dialoge und zu wenig Handlung. Alles versandet im öden Mittelmaß. Der Roman tritt zu lange auf der Stelle. Irgendwann nervt die bockige Haltung des alten Schriftstellers und das notgeile Gehabe seiner Ehefrau. Überhaupt die Erotik: Über allem liegt ein seltsam schmieriger Film, weil beinahe jeder zweite Satz eine zweideutige sexistische Andeutung enthält. Jeder scheint in diesem Buch auf jede scharf zu sein – und umgekehrt. Jungautor Harry ist in dieser Disziplin der eindeutige Sieger. Völlig wahl- und problemlos landet er mit jeder Frau im Bett, die ihm im Laufe der Handlung begegnet. Gleiches gilt im übrigen für den älteren Schriftsteller, wie Harrys Recherchen nach und nach ergeben.

Das Ganze ist vor allem in der zweiten Hälfte weder spannend, noch sonstwie erhebend, sondern mit einem Wort gesagt: langweilig.
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Hanif Kureishi: Das letzte Wort.
Fischer, Februar 2015.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Donnerstag, 19.02.2015

Autor: Andreas Schröter

Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd

Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd«In seinem neuen Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ gelingt es dem Gewinner des Deutschen Buchpreises von 2005, Arno Geiger, hervorragend, sich in die Psyche eines 22-Jährigen namens Julian hineinzuversetzen.

Das unfertige Wesen dieses jungen Mannes auf der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsensein wird wohl am besten in seinen Gedanken auf Seite 276 zusammengefasst: „Gehe ich nach rechts oder links? Wird eine stabile Persönlichkeit aus mir oder ein Niemand, der nichts auf die Reihe kriegt? Finde ich meinen Platz oder gehe ich unter?“ Solche oder ähnliche Gedanken dürften viele Menschen in seiner Generation haben – was dieses Buch so allgemeingültig und lesenswert macht.

Julian hat Semesterferien, er studiert Tiermedizin, und versucht, sich von einer Trennung zu erholen. Da kommt ihm ein Jobangebot gerade recht. Er soll das Zwergflusspferd eines behinderten Professors pflegen.

Juilan macht die Arbeit mit dem Tier Spaß, und er entwickelt schnell eine Zuneigung zu dem grauen Koloss. In gewisser Weise ist das Tier das genaue Gegenteil von Julian und hat Charaktereigenschaften, die der Junge gerne hätte. Es geht stoisch seinen täglichen Verrichtungen nach, ohne sich permanent von diesem oder jenem aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

Julian verliebt sich in die schwierige Tochter des Professors, Aiko, und erlebt ein paar leidenschaftliche Wochen. Doch schon bald driftet sie wieder weg von ihm.

Überhaupt Julians Mitmenschen: Sie sind oft ähnlich unfertig und wankelmütig wie er selbst, was es für alle Beteiligten nicht leichter macht, mit dem Leben klarzukommen.

Erstaunlich ist, wie gut sich der immerhin schon 1968 geborene Geiger – auch sprachlich – in die Psyche von Vertretern dieser Generation hineinversetzen kann. Ein schönes Buch!
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Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd.
Hanser, Februar 2015.
288 Seiten gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Montag, 16.02.2015

Autor: rwmoos

Christoph Bransche: R. Acabas Durchbrüche

R Acabas Durchbrüche

R. Acabas Durchbrüche

Christoph Bransche
R. Acabas Durchbrüche
Taschenbuch
€ 10,50

Ein bisschen Boot fahren mit Noah

Rezensent: Reinhard W. Moosdorf

Ein starkes Büchlein doch: Nein, richtig gut kann ich das Ergebnis nicht heißen, dass Christoph Bransche da vorgelegt hat. Eine Mischung aus oft nur halbgaren Fotos, lyrischer Prosa und prosaischer Lyrik bis hin zu schüttelreimartigen Aufzählungen von Wortverdrehungen die sich in Anspielungen ergehen auf … ja worauf eigentlich?
Sicher, in weiten Teilen weit besser als das Bachblütengewäsch, das als Spitzenprodukt neuerere deutscher Lyrik in den heutigen Lesebüchern Gymnasiasten Erinnerungen an den letzten Saufkater hochwürgen lässt – wobei man der bildungsunhungrigen Jugend ausnahmsweise mal recht geben möchte.
Aber doch noch lange nicht in der Qualität, von der man erahnt, dass der Autor sie bei ein wenig mehr Stringenz erreichen könnte.
Wenn man Wendungen entdeckt wie jene auf Seite 9, die ich als Überschrift wählte, wenn sich Reime finden wie jener:
„Wer kennt hier schon den Pharao,
geschenkt sei ihm die Barke …“
ja, dann wohl freut sich das Leserherz am gefundenen Fresserchen.
Jenseits davon aber verstrickt sich der Faden der dichtenden Gedanken gern in jenem überbordenden Mischmasch aus Kelten- Germanen- und Judentum, das hinter den daseinsbejahenden Liedern offenbar ein philosophisches Graugewäsch abgibt, welches man zu meiden geneigt ist.
Es macht bekanntlich recht wenig aus, ob der jeweilig beeinflussende Impuls vom verbietenden christlichen Dogma oder von masturbierenden Altreligionen ausgeht. Alle miteinander bilden sie die Klippen lediglich verschiedener Konsistenz, an denen sich das Leben beschmutzt. Gerade aber in jenen Reimen, die dieses Versagen besingen, ist Christoph Bransche am stärksten und authentischsten.
Da klingen das unbeschreiblich kraftvolle Lied vom Stadtbär auf Seite 12 oder die Geschichte vom Schamanentanz vorm Kanzleramt auf Seite 48 direkt ins Herz hinein: Da kommt Freude auf, da ist der Autor mein Held!
Reflektierender vorgetragen das Fazit von Svantovit auf Seite 50 – eine sehr reife Arbeit, wenn auch fast ein wenig zu geradlinig in der Kernaussage. Andererseits kommt mir diese Beschränkung inmitten der sonstigen so sehr be- wenn nicht gar überladenen Gedichte entgegen: Das verstehe ich, da bleibt das rezipierende Interpretieren im überschaubaren Rahmen und fasert nicht schon im ersten Anlauf aus.
Nun sind mir Arbeiten des Autors schon aus der Zeit, als er noch für handgedruckte Wendezeitschriften schrieb, bekannt und einiges, was ich gern würdigen würde, suchte ich vergebens in dieser gedruckten Erstausgabe. Nur einer dieser älteren, ganz starken Texte hat Eingang gefunden: SUS (hebräisch für: Pferd) trägt hier einen etwas gefälligeren Titel und ist auf S. 62 abgedruckt. Allein dieses Gedicht von der Gewalt der Brustmuskeln eines Araberhengstes, lohnt den Kauf von R. Acabas Durchbrüchen.

Schade, dass teutonische Gymnasiasten zeitlebens dieses Gedicht vergeblich in ihren Lesebüchern suchen werden.

Montag, 16.02.2015

Autor: rwmoos

Howard Schwartz: Liliths Höhle. Jüdische Erzählungen aus dem Bereich des Übernatürlichen

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Illustrationen von Uri Shulevitz

Liliths Höhle. Jüdische Erzählungen aus dem Bereich des Übernatürlichen

978-3-87680-400-2
Tüchersfeld 2014
€ 39,80

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Rezensent war an der Herausgabe dieses Buches beteiligt und ist damit objektiv befangen. Subjektiv aber sei ihm die Begeisterung gestattet, die in dieser Buchvorstellung einen kleinen Ausdruck findet. Denn es war seine Rezension der englischen Originalausgabe, die schließlich auch zu einer deutschen Edition führte.

Howard Schwartz hat sich im englischsprachigen Raum als Herausgeber und Autor vieler Judaica einen Namen gemacht. The Captive Soul of the Messiah erhielt 1984 den renommierten American Book Award der Before Columbus Foundation. Viel beachtete Sammlungen jüdischer Erzählungen legte er mit Elijah’s Violin und Miriam’s Tambourin vor. Mit Liliths Höhle hält der Leser nun endlich das erste Mal eine seiner wegweisenden Sammlungen auf Deutsch in den Händen.
Bis auf wenigen Experten ist durch die Ermordung des deutsch- und jiddischsprachigen Bevölkerungsteils im deutschsprachigen Raum der Kontext des Judentums verloren gegangen und sogar das Interesse an seinen verschiedenen Ausprägungen oft eher kosmetischer Natur.
Der Glaube an das Übernatürliche, wie er sich in vielen Geschichten von „Liliths Höhle“ darstellt, und wie er zwischen Frömmigkeit und Aberglaube changiert, hat seine Wurzeln bei Weitem nicht nur aber hauptsächlich in der chassidischen Überlieferung.
Man kann derzeit (Stand Anfang 2015) einmal den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu Baal Schem Tow, dem Begründer der neueren chassidischen Bewegung aufschlagen. Dann vergleiche man diesen mit dem englischsprachigen Artikel. Der reine Umfang zeigt eigentlich schon auf, in welchem Verhältnis sich der Kontext einer deutschsprachigen Übersetzung der vorliegenden Geschichten im Vergleich zum Kontext der englischsprachigen Ausgabe bewegt.
Dabei kann man aus der Begeisterung für amerikanische Spielfilme, Fernsehserien und Computerspiele, die diese Themen aufgreifen, verweben bis verwursten, und jedenfalls mit beiden Händen aus der reichhaltigen jüdischen supernaturalistischen Quelle schöpfen, zumindest in der jungen Generation ein sich neu gruselndes Interesse bemerken. Und auch wenn meine Generation, die noch mit leibhaftigen Büchern aufwuchs, auf jene schnelllebigen Produkte ein wenig scheel herabsieht – sie zeigen, wie lebendig doch die Tradition dort ist.
In diesem Werk – das hoffentlich nur einen Anfang darstellt – werden die alten jüdischen Geschichten wieder lebendig, die eine Vorstellung von Lilith, ihrem Partner Asmodeus und deren beider Heerscharen zweifelhafter Provenienz sowie von ihren menschlichen Gegenspielern vermitteln.
Lange genug hat man im deutschsprachigen Raum lediglich von Tertiär- und Quartiärliteratur zehren müssen, die diese alten Elemente den heutigen Denkweisen anzupassen suchen, ohne ihre alte Kraft zu erreichen. Hier endlich hält man die Geschichten in den Händen, die, aus ein paar Bemerkungen der Thora entstanden, in Talmud, Sohar und anderen Schriften weiterentwickelt wurden, um dann in die jüdische Volksfrömmigkeit, insbesondere der chassidischen Tradition einzumünden.
Ein besonderer Gewinn sind die Illustrationen von Uri Shulevitz, die, geheimnisvoll, leidenschaftlich oder auch gelegentlich burlesk an die Hochzeit des Surrealismus gemahnen. Gleichzeitig überdeutlich und doch voller unerlöster Fragen spiegeln sie gleichsam die Thematik der Texte in der von einer Brise zerfahrenen Oberfläche eines stillen Wassers wider.
Dieses Buch ist ein Muss für Judaisten und Theologen. Es ist aber ebenso ein Gewinn für alle, die sich mit den alten Mysterien und ihren neuen Adaptionen in der so genannten Fantasy-Literatur beschäftigen.
Lediglich als Gute-Nacht-Geschichten zum Einschlafen für den eventuell zart besaiteten Nachwuchs wäre „Liliths Höhle“ eher nicht zu empfehlen.

Montag, 16.02.2015

Autor: rwmoos

Walter Tausendpfund: Die Fränkische Schweiz. Entdeckung einer reichen Kulturlandschaft

Die Fränkische Schweiz

Walter Tausendpfund

Die Fränkische Schweiz: Entdeckung einer reichen Kulturlandschaft
978-3-943637-26-7
Bayreuth 2013
€ 21,95

Rezensent: Reinhard W. Moosdorf

Unter den deutschen Urlaubsparadiesen nimmt die Fränkische Schweiz einen weniger bekannten Platz ein. Manchmal scheint es, dass nur einige Gourmets sich dieses Fleckchen Erde zu Freizeitzwecken reserviert haben. Zwar verbringen die Nürnberger, Erlanger und Fürther dort regelmäßig ihre Wochenenden. Doch die Einwohner dieser fränkischen Städte verbindet die Eigenheit, über ihre Vorlieben nur wenig zu verlautbaren, und so blieb die Fränkische Schweiz bislang im Tourismusbereich für weiter entfernte Gäste eher ein Geheimtipp.
Sogar das im Nordosten der Fränkischen Schweiz gelegene Bayreuth scheint die Vorzüge der unmittelbaren Nachbarschaft kaum zu bemerken: Zu sehr dreht sich dort die Wahrnehmung um die Nabelschau des Wagnerschen Erbes mit ein paar Abstechern zu Jean Paul oder ins Fichtelgebirge.
Sucht man dann in den dortigen Buchläden nach Reiseliteratur zum Thema Fränkische Schweiz, so bleibt das Ergebnis überschaubar. Inhaltlich werden die paar Reiseführer der Sache im Wesentlichen schon gerecht. Viel mehr aber möchte man dazu nicht sagen.

Das hat sich nun geändert.

Mit seinem liebevoll gestalteten Büchlein legt Walter Tausendpfund quasi ein Vermächtnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Region vor.
Nach einer umfassenden Einleitung gliedert er nach Regionen mit ihren typischen Landschaften und Angeboten, wobei er den Begriff „Fränkische Schweiz“ sehr weit fasst und die Randregionen als „Tore“ zu Fränkischen Schweiz mit zu würdigen weiß.
Was aber am meisten beeindruckt, ist sein umfangreiches Wissen zum Detail in Geschichte und Lokalität. Auch wer meint, schon einiges über die Orte und Sehenswürdigkeiten zu wissen, ist immer wieder erstaunt, wie W. Tausendpfunds Büchlein die eigenen Kenntnisse noch anzureichern vermag.
Mit Schmunzeln honoriert man das Auftauchen bestimmter historischer Personen des Lokalkolorits, die ansonsten von den Zeitläuften vergessen zu werden drohten. Bei Tausendpfund erwachen Hösch’n Hans, die Kathi (vom gleichnamigen Brauerei-Gasthof), Pfarrer Grantinger und manch anderes Original zu neuem Leben.
Die wichtigsten Brauereien dieses an Brauereien so reichen Gebietes werden vorgestellt, wenn freilich auch der eine oder andere Bier-Freund ausgerechnet „seine“ Lieblingsbrauerei vermissen wird.
An Aktualität lässt der Band ebenso nicht zu wünschen übrig: Sowohl die Erneuerung des Konzeptes in der Sophienhöhle als auch die Ausbauten im Levi-Strauß-Museum in Buttenheim sind auf aktuellen Stand gebracht – um nur zwei Beispiele anzuführen.
In einer hoffentlich bald zu erwartenden Neuauflage wird man sicher auch die Whisky-Destillerie Fleischmann in Eggolsheim, die mit der „Blauen Maus, 25 years old“ 2014 (also 1 Jahr nach Erscheinen des Buches) an die Weltspitze anschloss, erwähnt finden. Oder den neuen Aussichtsturm bei Pottenstein, der dort gerade (Stand Frühjahr 2015) seiner Eröffnung harrt.
Der einzige Punkt, den man an dem Band bemängeln möchte, ist die Aufmachung als Softcover. Ein so fundiertes Werk hätte durchaus ein wenig selbstbewusster einher kommen können. Doch davon abgesehen ist Tausendpfund’s „Die Fränkische Schweiz“ gewiss jeden Cent wert.

Freitag, 13.02.2015

Autor: rwmoos

Claude Lévi-Strauss: Traurige Tropen

TraurTrop

Traurige Tropen
3-518-27840-1
20. Auflage 2012

Übersetzt von Eva Moldenhauer

Rezensent: Reinhard W. Moosdorf

Die Gnade der Erkenntnis kann einen schon mal überkommen, wenn man eine Katze versteht. Doch dahin ist es ein langer Weg …
Man muss in der Zone gelebt haben, um sie zu begreifen. Auch gute Filme oder Bücher können schwerlich jenes Lebensgefühl ausdrücken, das mich mit vielen anderen Menschen der dortigen Subkultur vereinte. Doch ein hingeworfener Satz hier, eine aufhuschende Erinnerung dort – und schon erkennt man den verflossenen Bruder respektive die verflossene Schwester, welche, wie man einst selbst, in jener schwankenden und vielleicht auch ein wenig schwammigen Subkultur einher schwamm, die die Bereiche zwischen Künstlern, Kirchen und Kommunismusdebatten als Lebensraum für meinesgleichen einzuräumen schien.
Ein solcher Flecken ist die Erinnerung an ein Kiosk in Magdeburg, in dem „Traurige Tropen“ von Claude Lévi-Strauss als Reclambändchen angeboten wurde und zwar zum durchaus nennenswerten Preis von erinnerten 4,50 Ostmark. Der Kiosk hatte trotz bester Geschäftszeiten geschlossen und ich wartete auf die Straßenbahn. Drei- viermal sah ich das Büchlein an der selben Stelle – im Buchhandel war es längst vergriffen oder nur unter dem Ladentisch zu haben, was im Ostjargon ja hieß, das der Buchhändler die wenigen ausgelieferten Exemplare nur an gute Bekannte weiterreichte. Ich will nicht einmal ausschließen, dass jener Kiosk gelegentlich auch geöffnet hatte, aber entweder verhinderten die zügig zu erreichende Bahn oder das klamme Portemonnaie einen Kauf meinerseits; jedenfalls war das Büchlein, als dergleichen Schwierigkeiten später behoben waren, nicht mehr zu Stelle.
Warum ich es haben wollte? Nun, in meinem damaligen Themenkreis, bei dem es eine übergroße Rolle spielte, dass meine Frau als Farbige im weißen Ostdeutschland einen Stand hatte, der zwischen exotisch und diskriminiert pendelte, waren Ethnologie, Soziologie, Philosophie und Theologie Fixpunkte, zwischen denen sich eigenes Denken entwickelte – und bestimmten Hinweisen nach hatte sich Lévi-Strauss mit diesem seinen Buch in genau jenem Feld behaupten können.
Wie dem auch sei – ich konnte es nicht in Erfahrung bringen, weil es mir an der materiellen Grundlage, nämlich eben dem Buch, gebrach.
Zweiunddreißig Jahre und viele Themenkreise später, im Sommer 2011, in einer völlig anderen Gesellschaft, in der nahezu alles käuflich ist, Bücher ohnehin, aber inzwischen wie selbstverständlich auch deren Autoren, habe ich das Büchlein während eines Urlaubs gelesen. Unterwegs zwischen Njimwegen und Avignon, dann weiter über Saintes-Maries-de-la-Mer, Marseille, Monaco zur Ligurischen Küste, versuchte ich als einziger Erwachsener vier genervte und nervige Kinder von den Vorzügen eines unsteten Erlebnisurlaubs zu überzeugen und war abends vom Fahren, Besichtigen, Erkunden, Kochen, Zelt aufbauen, Streitereien schlichten etc. regelmäßig so fertig, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Auf elektronisches Gerät hatte ich bewusst verzichtet und so verbrachte ich die Nächte mit dem Lesen von Büchern, von denen eines die Traurigen Tropen Lévi-Strauss’ war.
Wie sich bald herausstellte, waren meine äußeren Bedingungen zum Verständnis des Büchleins nahezu optimal, weil sie mich in einen Zustand zwischen Zivilisation und Chaos versetzen, die die Spannbreite, die in dem Büchlein angerissen werden, ziemlich konkret ins reale Leben übersetzten. So gerieten mir die Studien des Autors zu einer Art Leitfaden, mit dem ich beschloss, meine Umwelt auszuloten.
Ein Büchlein, das faszinierend und enttäuschend zugleich ist.
Faszinierend, weil Lévi-Strauss ungeachtet aller Konventionen nicht einmal ansatzweise einen roten Faden verfolgt, sondern Reisebericht, soziologisch-ethnologische Untersuchung, philosophische Betrachtung bis hinab zum Gemeinplatz und Autobiografie derart vermischt, dass er im Kreuzfeuer des Erlebten und der erfahrenen Denkweisen geniale Gedankenblitze einstreut, die ihresgleichen suchen, aber auch sofort wieder von dicken Gewitterwolken aus nebulös fabuliertem Geschwabere eingehüllt werden.
Enttäuschend, weil ich von einem so hohen Namen viel exaktere Skizzen des Erforschten erwartet hätte, wobei man einräumen muss, dass solche Feldforschung, die den Namen Wissenschaft denn auch wirklich verdient, durchaus im Werk auftaucht. Diese im Ganzen doch recht umfangreichen Passagen, einschließlich der zugehörigen Interpretationsversuche, sind dann auch das, was zunächst am meisten haften bleibt. Ein Irrtum, wie sich später bei zweiter, gründlicherer Lektüre herausstellte.
So gerät das Werk zu einem interessanten Selbstversuch: Letztlich beschreibt Lévi-Strauss, warum er Ethnologe ist, was Ethnologie (er nennt es regelmäßig lieber Ethnografie) zu leisten vermag und wohin vergleichende Ethnologie führen könnte, nämlich dahin, „eine Harmonie zu finden, die weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft das Goldene Zeitalter sucht“.
Auf diese Suche werde ich ganz am Ende noch einmal zurückkommen.
Da der Autor aber beschlossen hat, seine Studien primär fragenderweise und bestenfalls sekundär analytisch sortierend zu betreiben, hat er den Vorteil viele Erkenntnisse gewinnen zu können, aber gleichzeitig den durch seine Methodik bedingten Nachteil, diese Erkenntnisse nicht in einem System vorstellen zu können.
Es ist mit bewusst, dass diese meine Lesart in krassem Gegensatz zu der gewöhnlichen Rezeption der „Traurigen Tropen“ steht, demnach dies geradezu die Programmschrift einer strukturalistischen Methode sei. Man liest das aus einzelnen interessanten Betrachtungen, nach denen Lévi-Strauss aus der Anordnung der Indianer-Dörfer und ihrer Tätowierungen auf ihr Weltbild schließt. Eigentlich war dies sogar wohl eher der Beitrag seiner damaligen Frau, Dina Dreyfus, die diese Expedition begleitete. Aber man überliest dann im gleichen Zug die Anfragen und Brüche, die der Autor an seine Methode bzw. die Frage des Erkenntnisgewinns gegenüber dem Fremden und dem Entfremdeten überhaupt aufwirft. Insofern möchte ich allen Lesern Mut machen, dieses Werk NICHT unter der vorgefassten Meinung irgendwelcher Ideologien zu goutieren, sondern sich selbst mit ihm auseinanderzusetzen. Sicher wird man da teilweise zu anderen Ergebnissen, anderen Wichtigkeiten als die hier aufgeführten kommen.
Es ist möglich, dass in diesem Werk zwei geniale Köpfe ihr Epos verwoben. Denkbar wäre z.B., dass die eigentlich strukturalistischen Gedanken von Dina Dreyfus stammten. Da aber gerade diese Gedanken (oder sollte ich sagen: Meme?) sich als erfolgreich erwiesen, sammelte Lévi-Strauss den Erfolg für sich ein und schwieg seine damalige Frau später tot, um diesen Erfolg nicht zu gefährden. Diese Rezension aber widmet sich eher den anderen Teilen: Dem erkenntnistheoretischen Skeptizismus, der unzweifelhaft aus Lévi-Strauss’ Feder stammt, weil er mit ihm biografisch verwoben ist, und für den er bislang – leider – zumindest nicht in einem annähernd gleichen Maße geschätzt wird.
Man könnte den Zusammenhang zwischen Fremdheit und Entfremdung als sein großes Thema sehen, wenn nicht genau eine solche Einteilung wieder der Systematik frönte, die Lévi-Strauss ständig mit seinen Fragestellungen aufbricht.
Dem folgend seien hier einige seiner Glanzpunkte vorgestellt, wobei ich abschließend eine Weiterverwendung seiner Einsichten auf derzeit aktuelle Brennpunkte und Fragestellungen vorschlagen möchte, ohne dass dies als Antworten oder systematische Vorgehensweisen missgedeutet werden soll. Dazu werden hier nämlich schon viel zu viele der einzelnen Gedankenschritte Lévi-Strauss’ ausgelassen.
Der Autor versucht, das Dilemma darzustellen, das sich bei der Begegnung zwischen den Kulturen der spanischen Siedler und der indianischen Ureinwohner auftat. Voller Bewunderung entdeckt er, dass bereits im 16. Jahrhundert ethnologisch arbeitende Kommissionen die Natur der 200 Rest-Haitianer untersuchten, um herauszufinden, ob es sich um wenigstens einigermaßen gleichwertige Menschen handelt, die vielleicht in die Lage gebracht werden könnten, sich wie spanische Bauern zu ernähren. Die Befragung der Weißen vor Ort war durchweg negativ und stellte die Einheimischen eher in eine Reihe mit Nutzvieh. Als Beweis ihrer niedrigen Gesinnung wurde u.a. erwähnt, dass sich diese Indianer weigerten, ihre Kameraden zu verstoßen, denen die Spanier zur Strafe für irgendwelche Vergehen die Ohren abgeschnitten hatten!
Andererseits hatten die Indianer auf der Nachbarinsel Puerto Rico eine „Body-Farm“ eingerichtet: Sie fingen und ertränkten Weiße, um herauszufinden, ob deren Körper anschließend verwesten oder nicht.
Während also die Spanier sich eher einer soziologischen Herangehensweise bedienten, bevorzugten die Puerto Ricaner eine naturwissenschaftliche Herangehensweise. Ob das Letzte menschenwürdiger war, wie Lévi-Strauss bemerkt, halte ich für anfragbar. Immerhin aber kam diese Methode zu einem richtigen Ergebnis: Weiße sind keine Götter.
Lévi-Strauss’ an dieser Stelle noch unausgesprochene Fragen lauten: Sind solche Missverständnisse vermeidbar? Gibt es Brücken über dieses meilenweite Unverstehen der anderen Seite?
An anderer Stelle registriert Lévi-Strauss Stilbrüche bei den alten Reisebeschreibungen der Europäer, die uns heute merkwürdig vorkommen: Columbus, Rabelais und andere hatten oft viel Phantasie bei ihren Reisebeschreibungen. Sie beschrieben Seit’ an Seite mit genauen naturwissenschaftlichen Berichten plötzlich in der gleichen Ernsthaftigkeit Sirenen, unaussprechliche Hitze, Baumwolle als Schaf-Frucht-Tragender Baum etc. Durch mangelnde Beobachtung allein wäre dies nach Lévi-Strauss nicht zu erklären. Er postuliert statt dessen: Den europäischen Menschen des 16. Jh gebrach es an einem Gefühl für den Stil des Universums (ähnlich einem Hinterwäldler, der sich über Gemälde äußern soll).
Zur Hochform läuft der Autor auf, wenn er die Geschichte von Guanabara beschreibt. An diesem brasilianischen Küstenort spinnen die Außenstellen der europäischen Religionswirren, angespült an das Gestade des Fremden und somit noch verquickt mit den Interessen der einheimischen Restbevölkerung, andererseits den Bindungen, die in der Heimat solch abstruse Streitereien, wie sie die Reformation hervorbrachte, und die dort irgendwie sinnvoll erscheinen konnten, völlig entfremdet, ihre Fäden dermaßen turbulent ineinander, dass es einem schier schwindelig wird, zumal der heutige Leser doch in der Regel geneigt ist, sich zu der jeweils betrachteten Angelegenheit eine ethische Meinung zu bilden. Genau mit solchen Satz-Strudeln zieht auch Lévi-Strauss seine Leser in die darin beschriebenen Wirren gern mit hinein.
Schließlich bildet er eine Zwischen-Bilanz:
„Im Allgemeinen stellt man sich Reisen als eine Ortsveränderung vor. Das ist zu wenig. Eine Reise vollzieht sich sowohl im Raum wie in der Zeit und in der sozialen Hierarchie. Jeder Eindruck lässt sich nur in Bezug auf diese drei Achsen definieren, und da allein schon der Raum drei Dimensionen hat, so wären mindestens fünf erforderlich, um sich vom Reisen eine adäquate Vorstellung zu machen.“
Als ob damit das Erkennen des Fremden nicht schon kompliziert genug wäre, geht Lévi-Strauss im Anschluss auf die Methode des Denkens an sich ein und kritisiert dabei en passant die cartesische Vorgehensweise. Ausgehend von der Beobachtung, dass moderner Städtebau sich, was das Wohlstandsgefälle innerhalb eines städtischen Gebietes anlangt, offenbar an Ost-West- und Nord-Süd-Richtungen austariert, dies in seltsamer Korrelation mit archaischen und abergläubischen Bräuchen nicht nur unserer eigenen Vorfahren sondern auch der Dorfanlagen von Indianern des Amazonasgebietes steht, kommt Lévi-Strauss zu folgendem Ergebnis:
Uns sollte „… das Werk des Malers, des Dichters oder des Musikers, die Mythen und Symbole des Wilden wo nicht als eine höhere Form der Erkenntnis, so doch als die fundamentalste, die einzig wirklich gemeinsame erscheinen, eine Form, bei der das wissenschaftliche Denken nur die schärfste Spitze bildet: zwar durchdringender, weil am Stein der Tatsachen geschliffen, jedoch zum Preis eines Substanzverlusts; und deren Wirksamkeit von ihrer Fähigkeit abhängt, tief genug einzudringen, damit die gesamte Masse des Werkzeugs der Spitze folgt.“
Dieser Einschätzung auf den Fuß folgt ein für Lévi-Strauss’ Verhältnisse nahezu rosarot optimistischer Ausblick:
„Der Soziologe kann bei der Erarbeitung eines umfassenden und konkreten Humanismus mitwirken. denn die großen Manifestationen des sozialen Lebens teilen mit dem Kunstwerk den Umstand, dass sie auf der Ebene des unbewussten Lebens entstehen, im ersten Fall, weil sie kollektiv sind, und im zweiten, obwohl sie individuell sind; aber der Unterschied bleibt sekundär, er ist sogar nur scheinbar, da die einen durch das Publikum und die andere für das Publikum geschaffen werden und dieses Publikum beiden ihren gemeinsamen Nenner verleiht und die Bedingungen festlegt unter denen sie entstehen.“
Mit solchem Werkzeug gerüstet geht der Autor das nächste Thema der Fremdheit an: Den Tod, bzw. das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten. Warum und wie er darauf kommt, hier zwei auseinanderliegende Pole zu beschreiben: Einerseits die Toten als Verhandlungspartner der Lebenden und andererseits die Toten als Spekulationsobjekt der Lebenden, mag man dem Buch selbst entnehmen. Ebenso, welche Übergänge und Parallel-Stränge er zwischen beiden Richtungen sieht. Man nehme noch zur Kenntnis, dass er noch einen dritten, im westlichen Sinn „moderneren“ Weg sieht: den der Gleichgültigkeit den Toten gegenüber, der mit wiedererwachendem archaischen Grauen bezahlt wird (wobei man unwillkürlich an die Flut moderner Vampir- Mumien-, Untoten- und Zombie-Erzählungen denkt). Erhellend aber das Fazit zu all diesen Betrachtungen:
„… die Vorstellung, die sich eine Gesellschaft von den Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten macht, [reduziert] sich auf das Bemühen […], die realen Beziehungen, die zwischen den Lebenden bestehen, auf der Ebene des religiösen Denkens zu verbergen, zu beschönigen oder zu rechtfertigen.“
Man kann alles bisher Betrachtete als eine Art Vorrede sehen: Die Ausrüstung des Lesers mit dem notwendigsten Werkzeug zum Verständnis der Beobachtungen, die Lévi-Strauss im Folgenden aus seinen Feldstudien in den Wäldern des Amazonas wiedergibt. Vielleicht sind diese Beobachtungen der Kern des Buches. Vielleicht verlieren sie sich aber auch unter der erdrückenden Anklage des eigenen Unvermögens zum Verständnis des Fremden, dass in dieser Vorrede so übermächtig ausgebreitet wird.
Und noch etwas kommt hinzu: In einer Art soziologischer Aufnahme der Heisenbergschen Unschärferelation vergleicht L.-S. seine Arbeit mit einem Drama, bei dem es darum geht, in die Dinge einzutauchen, ohne sie zu verändern, damit diese aber doch zu verändern, weil man eintaucht und schließlich das Wirrwarr zwischen ethischer Entscheidung und gewissenhafter Beobachtung unentschieden zu lassen.
So sieht der Ethnologe die Gesellschaften, die er zu beschreiben gekommen war, bereits in Auflösung begriffen und sich und seinen Besuch als Teil dieser Prozesse. Indianer geben ihre Werte, ihre Tradition angesichts der Werteordnung, mit der die technisch überlegenen Europäer bzw. deren Nachfahren sie überschwemmen als nichtig an und verlassen sie. So „berichtet die ganze Geschichte der Kolonialisierung, sowohl in Südamerika wie anderswo, von solchen radikalen Verzichten auf traditionelle Werte, von der Auflösung einer Lebensweise in dem Augenblick, da der Verlust gewisser Elemente die sofortige Verachtung für alle anderen zur Folge hatte.“
Zunehmend beginnen nun pessimistische Züge, durch die Unmöglichkeit des Erkennens des Fremden bedingt, die Aussagen im Buch zu bestimmen: „Das soziale Leben besteht darin, das zu zerstören, was ihm Würze verleiht.“
Und dann wieder die vielleicht spannendste Frage in dieser heisenbergsche Unschärfe des angefragten Ethno- und Soziologen:
„Wie verhält sich der Ethnograf gegenüber Übeln, gegenüber denen in der betreffenden Gesellschaft zuweilen selbst protestiert wird? Warum zu Hause Missstände bekämpfen, die man in der Fremde toleriert bzw. gar verteidigt?
Ist der Ethnograf kritisch zu Hause, konformistisch bei den Völkern seiner Untersuchung?“
Und überhaupt, was Toleranz anlangt: Toleranz rühmt sich selbst und ist doch intolerant – schon weil sie meint, als einzige tolerant zu sein.
In Folge Rousseaus wird nicht der Naturzustand des Neolithikums verherrlicht (so wird Rousseau oft missverstanden), sondern zwischen ausgeglichener Gruppenharmonie und egozentrischem Fortschrittsglauben eine Harmonie zu finden, die weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft das Goldene Zeitalter sucht – dazu durch Vergleiche ohne eine Wertung, die der eigenen oder einer fremden Gesellschaft die größte Punktzahl zubilligt – das ist nach Lévi-Strauss Aufgabe der Ethnografie.
Es wäre so schön, wenn das Buch hier zu Ende wäre. Doch im Zuge der sich noch anschließenden Religionskritik wirf Lévi-Strauss scheinbar alle seine bis hierher ausgefeilten erkenntnistheoretischen Vorbehalte und Fragestellungen zur Seite und hat gegenüber dem Islam, den er zumindest zu diesem Zeitpunkt lediglich durch eine Reise 1949 nach Ostpakistan kannte, eine derart fest ablehnende Haltung, wie sie zwar Wasser auf den Mühlen moderner Islam-Kritiker sein mag, aber dem vielschichtigen Wesen dieser Religion doch nicht nahe kommen kann.
Auf die modernen „Gotteskrieger“ mögen die Mehrzahl seiner Charakteristika zutreffen. Und wenn man in Claude Lévi-Strauss in erster Linie den Strukturalisten sehen möchte, wird man für eine Korrektur dieser Sichtweise kaum empfänglich sein. Wendet man aber die erkenntniskritischen Theoreme, die aus dem bisherigen Werk hervorgehen auf seine eigenen Aussagen zum Islam an, wird dieser Teil löchrig bis er zusammenfällt.
Wenn heute junge Leute meinen, sie könnten sich den Islam im Youtube-Format reinziehen und dann stechen und hauen was immer ihr Ehrbegriff hergibt, so ist das eher ein Produkt der Kultur-Vermischungen zwischen Osten und Westen, zwischen Islam und Kapitalismus, zwischen Bigotterie aller Religionen und ihrer Schattierungen und Schatten als der islamischen Traditionslinien selbst.
Ein Lévi-Strauss hat (als jüdischer Franzose) das Format gehabt, solches zu erkennen und vorauszusehen. Warum er darauf verzichtete und statt dessen billige Vorgaben für jedweden Islam-Verächter lieferte, mag vielleicht eher den politischen Verhältnissen Anfang der 50er Jahre, als der Nahostkonflikt eskalierte, geschuldet sein als seinen ethnologischen Kapazitäten.
Versöhnlicher klingt da einer seiner letzten Sätze (es ist – daran muss man sich bei dem Autor gewöhnen – wirklich nur ein einziger Satz):
„Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Werte versunken sein wird, dann wird – solange wir bestehen und solange es eine Welt geben wird – jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei heraus führen wird, und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade, nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Niveau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muse, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht – lebt wohl, Wilde! lebt wohl, Reisen! – , in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist, als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, die weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen -, den ein unwillkürliches Verständnis zuweilen gestattet mit einer Katze.“

Dienstag, 10.02.2015

Autor: Andreas Schröter

T.C. Boyle: Hart auf Hart

T.C. Boyle: Hart auf Hart«Viele Kritiker meinen, die heutigen Bücher von T. Coraghessan Boyle haben nicht mehr soviel Pep, Spannung und Esprit wie seine früheren Werke – etwa „Wassermusik“ (1982). Dem Amerikaner sei seine bei den Lesern so beliebte Fabulierlust abhanden gekommen.

Der neueste Roman des 1948 geborenen Kultautors jedoch – „Hart auf Hart” heißt er – scheint diesen Trend zu stoppen. Das Buch ist spannend, psychologisch glaubwürdig und bevölkert mit allerlei skurrilen Figuren.

Boyle nimmt sich diesmal der Ausgestoßenen, dem sozialen Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft an. Da ist zum Beispiel Sara, die sich und ihren Hund mit bockigem Verhalten allen Vertretern des kalifornischen Staates gegenüber immer wieder gänzlich unnötig in ernste Schwierigkeiten bringt. So weigert sie sich bei Verkehrskontrollen hartnäckig, ihre Papiere zu zeigen – mit dem Ergebnis, dass sie mehrfach in Untersuchungshaft muss und ihr Hund ins Tierheim. Natürlich sieht sie die Schuld dafür nicht bei sich, sondern bei der Staatsgewalt, die sie rundheraus ablehnt. Sie habe „keinen Vertrag mit ihr“, sagt sie immer wieder.

Dann lernt sie Adam kennen, der von klein auf eine psychische Störung hat. Er wittert überall Feinde oder gar Aliens und setzt sich gegen sie zur Wehr – am Ende sogar mit Waffengewalt.
Ein wichtige Rolle spielt auch Adams Vater Sten, ein ehemaliger Schuldirektor und Vietnam-Veteran, mit ganz eigenen Problemen.

T.C. Boyle gelingt es hervorragend, sich in diese Außenseiter und ihre absurden Gedankenwelten hineinzuversetzen.

Über dem gesamten Geschehen liegt eine bedrohliche Grundstimmung. Man meint ständig, gleich explodiert das Pulverfass. Das sorgt für Spannung, sodass sich „Hart auf Hart“ immer mehr zum Pageturner mit Thriller-Elementen entwickelt.
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T.C. Boyle: Hart auf Hart.
Hanser, Februar 2015.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.

Freitag, 06.02.2015

Autor: Andreas Schröter

David Monteagudo: Wolfsland

David Monteagudo: Wolfsland«In einem kleinen Dorf in Galicien treibt ein Werwolf sein Unwesen – wer solche Themen mag, der sollte zu David Monteagudos „Wolfsland“ greifen.

Eine Serie von Frauenmorden, die sich immer in der Vollmondnacht ereignen, erschüttert das Dorf Brañaganda. Die Bewohner glauben schnell an einen Werwolf. Nur der Waldhüter Enrique, verheiratet mit der Dorfschullehrerin und verantwortungsbewusster Familienvater, versucht, Vernunft in die Aufklärung der Morde zu bringen. Doch dann fällt der Verdacht ausgerechnet auf ihn selbst. Könnte er etwa der gesuchte Werwolf sein, ohne es selbst zu wissen?

Auch zeigt sich im weiteren Verlauf des Romans, dass Enrique nicht ganz so integer und seriös ist, wie es nach außen scheint.

„Wolfsland“ ist gut geschriebene phantastische Literatur, die rein gar nichts mit dem Trash zu tun hat, der ansonsten oft in diesem Genre anzutreffen ist. Angenehm: David Monteagudo, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Enriques ältestem Sohn erzählt, führt das Element des Unheimlichen nicht mit dem Holzhammer ein, sondern ganz sacht. Auch der Leser weiß zunächst nicht, ob es tatsächlich einen Werwolf in Brañaganda gibt.

Durch den gesamten Roman zieht sich eine eigentümliche, klaustrophobische, düstere und dichte Atmosphäre, die gut zum Thema passt. Man spürt die Armut und Schroffheit der Menschen, die Undurchdringlichkeit der Wälder, die nächtliche Kälte und fühlt sich fast selbst in dem Dorf und gefangen. Die Spannung steigt, je weniger die Dorfbewohner gegen die Bestie ausrichten können.

Der 1962 geborene spanische Autor David Monteagudo wurde Anfang 2012 mit seinem später auch verfilmten Roman „Ende“ in Deutschland bekannt, ein Werk, das ebenfalls Horror-Elemente aufweist und durchgängig eine ganz eigene Atmosphäre bewahrt.
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David Monteagudo: Wolfsland.
Rowohlt, Januar 2015.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Montag, 26.01.2015

Autor: Andreas Schröter

Stephan Thome: Gegenspiel

Stephan Thome: Gegenspiel«Der neue Roman von Stephan Thome – „Gegenspiel“ heißt er – ist ein literarisches Experiment. Der 1972 geborene Autor benutzt dieselben Figuren und teilweise dieselbe Handlung wie in seinem vorigen Werk „Fliehkräfte“ (2012) – nur dass diesmal nicht der Philosophieprofessor Hartmut Hainbach im Mittelpunkt steht, sondern seine Frau Maria Antonia Pereira, eine gebürtige Portugiesin.

Abwechselnd durch die Zeiten springend, zeichnet der Roman das Leben Marias nach, wobei es besonders um ihre Beziehungen zu verschiedenen Männern geht. Da sind erste Lieben in Portugal, dann der exzentrische Theaterregisseur und Hausbesetzer im Berlin der 80er-Jahre, Falk, und natürlich Ehemann Hartmut. Mit allen erlebt sie nicht nur gute Zeiten. Besonders das Leben mit Hartmut in Bergkamen setzt ihr arg zu.

Das Experiment gelingt: Sowohl für die Leser von „Fliehkräfte“, als auch für solche, die den Vorgänger nicht kennen, ist „Gegenspiel“ empfehlenswert.

Mit seinen ersten beiden Romanen schaffte es Thome übrigens auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Eine dritte Nominierung scheint möglich.

Stephan Thome: Gegenspiel.
Suhrkamp, Januar 2015.
464 Seiten, gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Freitag, 16.01.2015

Autor: Andreas Schröter

Ian McEwan: Kindeswohl

Ian McEwan: Kindeswohl«Bei Ian McEwan ist es egal, über was er schreibt, gut ist es – fast – immer. Das Wörtchen „fast“ bezieht sich auf seinen vorigen Roman „Honig“ (2013), von dem einige Kritiker sagen, dass er etwas schwächer ist, als seine übrigen Werke. Sollte das stimmen, so hat der 1948 geborene Brite diese Schwäche spätestens mit seinem neuesten Roman „Kindeswohl“ überwunden.

McEwan schlüpft diesmal in den Kopf einer Familienrichterin am High Court in London. Sie muss nicht nur den Seitensprung und den Auszug ihres Mannes verdauen, sondern steht auch beruflich vor einer schwierigen Entscheidung. Ein 17-Jähriger, der an Leukämie erkrankt ist, braucht zum Überleben dringend eine Blutransfusion. Problem: Er und seine Eltern sind glühende Anhänger der Zeugen Jehovas, und die lehnen Bluttransfusionen grundsätzlich ab. In einer Gerichtsverhandlung stehen sich die Vertreter des behandelnden Krankenhauses und die Anwälte der Eltern gegenüber.

Fiona Maye, so heißt die Richterin, tut für ihre Urteilsfindung etwas Ungewöhnliches: Sie will nicht nur Informationen aus zweiter Hand, sondern unterbricht die Verhandlung, um den ungewöhnlichen Jungen selbst im Krankenhaus zu besuchen. Zwischen beiden entwickelt sich eine eigenartige Beziehung…

Erstaunlich an den Werken Ian McEwans ist immer wieder, wie glaubwürdig und psychologisch genau er die Gedanken der unterschiedlichsten Figuren wiedergeben kann. Man meint, nach der Lektüre sowohl die Richterin als auch den Jungen wie langjährige Bekannte genau zu kennen.

Wohltuend ist die Straffheit dieses Romans. Da steht kein Wörtchen zu viel. Und doch hat der Leser nach knappen 224 Seiten jede Menge, über das es sich nachzudenken lohnt.
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Ian McEwan: Kindeswohl.
Diogenes, Januar 2015.
224 Seiten, gebundene Ausgabe, 21,90 Euro.

Sonntag, 11.01.2015

Autor: Andreas Schröter

Delphine Coulin: Samba für Frankreich

Delphine Coulin: Samba für Frankreich«Mit einem sehr aktuellen Thema befasst sich die französische Autorin Delphine Coulin in ihrem Buch „Samba für Frankreich“: dem Schicksal von Flüchtlingen, die versuchen, sich in Europa durchzuschlagen, dann aber enttäuscht feststellen müssen, dass sie dort nicht mit offenen Armen empfangen werden.

Samba Cissé ist nach mehreren gescheiterten Versuchen und Gefängnisaufenthalten unter schwierigsten Umständen aus dem afrikanischen Mali nach Frankreich gelangt. In Paris findet er bei seinem Onkel Unterschlupf, der in einem Kellerloch haust, aber immerhin einen Job in einem Restaurant hat. Von dort kann er gelegentlich Lebensmittel mitbringen, die ansonsten weggeworfen würden, sodass die beiden vergleichsweise komfortabel leben.

Samba selbst jedoch hat Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Obwohl er Abitur hat, findet er bestenfalls stumpfsinnige Gelegenheitsjobs, die kein Franzose machen will. Außerdem ist er permanent von Abschiebung bedroht. Seine Situation wird nur vorübergehend besser, als er sich Hals über Kopf in die schöne Kongolesin Gracieuse verliebt, die jedoch seinem Freund Jonas versprochen ist. Der lebt jedoch derzeit im Abschiebegefängnis. Als er entlassen wird, kommt es zum Eklat. Und dann verliert sein Onkel auch noch den Job im Restaurant …

Das Buch weckt Verständnis für das harte Leben von Flüchtlingen, ohne sie kitschig als reine Gutmenschen zu überhöhen. Und es erklärt – zum Teil drastisch –, warum dieses Leben für sie immer noch besser ist, als in der Heimat zu bleiben. Der mitunter etwas hölzern wirkende Stil ist verzeihlich.

„Samba für Frankreich“ ist mit Omar Sy (dem Darsteller aus „Ziemlich beste Freunde“) in der Hauptrolle verfilmt worden. Unter dem Titel „Heute bin ich Samba“ kommt der Film im Februar in die Kinos.
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Delphine Coulin: Samba für Frankreich.
Aufbau, Dezember 2014.
268 Seiten, gebundene Ausgabe, 16,95 Euro.

Montag, 05.01.2015

Autor: Andreas Schröter

Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub

Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub«Fans von allem Englischen sollten Evelyn Waugh lesen (1903-1966). In herrlich ätzender Weise hat der Exzentriker in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die britische Gesellschaft seziert – mit ihrem schrecklichen Standesdünkel, den unvermeidlichen Fuchsjagden und ihren schlecht zu heizenden Herrenhäusern in irgendeiner gottverlassenen Gegend.

In „Eine Handvoll Staub“ – im Original 1934 erschienen – besitzt der menschenscheue Tony Last ein solches Haus. Außerdem ist er verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Sein Leben könnte perfekt sein, wenn er nicht das Pech hätte, dass seine Frau eigentlich nur eines will: weit weg sein von ihrem Mann in seinem schrecklich dunklen Haus. Sie will sich amüsieren, und zwar mitten in London – und nimmt sich dazu einen geeigneten Liebhaber.

Nach einer Tragödie bei der Fuchsjagd sucht Tony sein Heil in der Flucht. Ob er allerdings im Dschungel am Amazonas glücklich wird, soll hier noch nicht verraten werden.

Es ist dem Schweizer Diogenes-Verlag zu danken, dass er gerade die Werke Waughs in Neuübersetzung in einer kleinen Reihe herausbringt. Die Lektüre lohnt auch heute noch.
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Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub (1934).
Diogenes, Oktober 2014.
344 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.

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