Donnerstag, 04.08.2016

Autor: rwmoos

Ewald Arenz: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott

Abgefahren gen Himmel

Um Bücher über das unendliche Spiel zwischen Gut und Böse zu schreiben, braucht man eine ganze Menge Neugier und Durchhaltevermögen. Schließlich muss man sich in die Feinheiten zumindest einer Religion einarbeiten, um das Ganze einigermaßen plausibel und kundennah daher kommen lassen zu können. Man braucht aber auch – und das halte ich für gar nicht mal so irrelevant – eine ganze Portion Glauben oder Gottvertrauen oder wie auch immer man das nennen will. Denn ohne dieses grundehrliche aber irgendwie auch fromme Hintergrundrauschen funktioniert das Ganze nicht. Dann würde die tiefsinnige Pointe zur schalen Slapstick-Nummer verkommen. Man konnte das schon seinerzeit an der Wirkungsgeschichte von Monty Pythons „Life of Brian“ studieren. Oder an Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Oder an „Dogma“ – jenem köstlichen Treffer eines ansonsten eher glücklos agierenden Regisseurs.
Ewald Arenz hat dieser Literaturgattung nun, geklammert als Totenmesse, ein weiteres Werk hinzugefügt, in dem Nürnberg eine der irdischen Hauptrollen zugeteilt bekam. Neben vielen anderen Franken darf auch ein typologisches Fürther Exemplar mit dem arabisierten Namen Abu al-Wayar (er sollte besser Abu al-Wail heißen) in einer gar nicht mal unwichtigen Nebenrolle mitspielen, wobei wir die ihm zugedachten Eigenschaften hier mal als Weltoffenheit und Findigkeit titulieren möchten. Ein Franke findet ja immer einen Ausweg. Ob aus den Banden der Gesetze, der linguistischen zumal, aus dem Leben oder auch dem Über-Leben. Nur Franken bringen Gott dazu, wenngleich genervt, überhaupt hin und wieder zu erscheinen!
Der Gegenpol zu Abu al-Wayar wäre Pauline, eine Nürnbergerin, die im Laufe der Geschichte zur heimlichen Heiligen der Handynutzer mutiert. Und was die Katze im Titel anlangt – nun dazu muss man seinen Claude Lévi-Strauss hervorholen…

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch ist wunderbar zu lesen. Der Autor sprüht vor Einfällen und gegenseitigen Bezügen, wie es in deutscher Literatur nur selten vorkommt und hat auch seinen jüdisch-christlichen Engels-Pantheon drauf. Die paar Anleihen aus dem islamischen Himmel geraten weniger überzeugend, aber dafür wird der sowohl im Judentum als auch im Islam nicht ganz unbedeutende Azrael regelmäßig und gern in arabischen Lettern eingefügt. Á la: „Diese kleine Verbeugung gilt unseren islamischen Lesern!“

Da im Dunstbereich des Religiösen strenge Logik selten Sinn macht und nur intern, also unter der Voraussetzung der Anerkennung sämtlicher dogmatisch vorgeformter Prämissen, angewandt werden darf, wäre Kritik auch völlig fehl am Platz – so zum Beispiel wenn man monierte, dass, wenn Gott sich als Teil seiner eigenen Schöpfung durch die Erschaffung der Zeit selbst dem Alterungsprozess unterworfen hätte, selbiges dann ja umso mehr für seine Geschöpfe der diversen Ordnungen, also von Luzifer über Uriel bis zu Martin Luther gelten müsse. Oder dass die A6 auch bei diabolischster Fahrweise nicht an Bayreuth vorbei komme.
Derartig fehl geleiteter Krümelkackerei möchten wir hier nicht das Wort reden.

Warum erfreuen wir uns aber nun eigentlich an einem Erzengel, der in Stress-Situationen gerne zu Gin Tonic greift? Nur weil er dem derzeit grassierenden Whisky-Hype zu widerstehen vermag? Wohl eher doch, weil er uns so menschlicher, näher, greifbarer vorkommt. Und so gerät die aus den Fugen geratene Himmels-, Höllen- und Menschenwelt des Ewald Arenz uns so greifbar wie der alltägliche Wahnsinn in einem größeren Unternehmen oder gar einer bürokratischen Institution. Siemensianer wissen, wovon der Autor spricht. Und die Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums sowieso. Bei denen ist Gott ja ohnehin seit Längerem eine Frau, ohne dass dies die Gender-Debatte zu beflügeln vermochte. Der diesbezüglich nachgerade bösartige Seitenhieb des Autors in Form von Dürers weißem Reiter, sei ihm auch aus femininer Sicht gern nachgesehen, schon weil er ihn durch erlogene Schönheit zu kaschieren vermochte. Indes nämlich die Überwältigung der anderen Reiter in oben genannter interner Logik durchaus hinhaut, wäre diese Passage ansonsten ein auch intern logisch eher schwacher Moment im Buch.

Doch ich schweife ab: Warum, so sollte ich statt dessen weiter fragen, brauchen wir, ob alte Griechen oder moderne Schländer, solch menschelndes Pantheon?
Gut, es hält uns erstens einen Spiegel vor. Das hatten wir gerade.
Zweitens entrümpelt es den unsagbaren Kitsch, der seit ein paar Jahrzehnten die Esoterik-Literatur verkleistert. Das tut gut.
Beides zusammen aber übt ebendie Funktion aus, die die ersten Christen in ihren Religions-Gründungs-Überlegungen antrieb: Gott wurde bei ihnen Mensch. Er „entäußerte“ sich. (Ich liebe diese Wortschöpfung von Luther, der selbst leider kein Franke war, aber sowas Ähnliches.) Das feierten die Christen. Das feiern wir. Und so werden solche Bücher für uns zu Weihnachtsgeschenken und ihre Autoren zum wahlweise Heiligen Geist oder Weihnachtsmann.

Die jüdischen Theologen dagegen, die jenen Engels-Pantheon (mit Herrschaften, Gewalten, Seraphim und Cherubim, sowie Engeln und Erzengeln) zwischen -100 und +300 unserer Zeitrechnung entwickelten, arbeiteten in atheistischer Manier eher anders herum: Sie abstrahierten menschliche Denk- und Verhaltensweisen, um sie händelbar zu machen. In Ersterem, also was die Denkweisen anlangt, modernen Informatikern vergleichbar. In Letzterem, also was die Verhaltensweisen anlangt, modernen Psychologen und Verhaltensforschern zumindest streckenweise noch ein paar Nasenlängen voraus.
Damit schufen sie Programme, die denen, die sie zu nutzen vermögen, den Durchblick im Lebensgestrüpp erleichtern sollten, ihnen zumindest einen temporalen Gewinn, einen Vorsprung verschafften. Ihre jüdische Religion sollte dazu so etwas wie den Vorläufer moderner Hardware, also den Rechner, bilden. Dieses Projekt hat nur bedingt geklappt und wurde auch im Christentum, noch eher im Islam nur von wenigen Adepten und oft auch von diesen nur partiell erkannt und modifiziert. So gesehen waren respektive wären Religionen nicht der hirnzerfressende Kitsch, als den ihn heute jeder kennt oder zumindest kennen sollte, sondern Überlebens-Maschinen. Im Grunde völlig glaubensfrei.
Viele Leute benutzen die Ressourcen ihres Rechners nicht als Lebenshilfe, sondern nur für Computerspiele. Das Putzige: Gerade bei den Spielen ahnt man am ehesten etwas von den gewaltigen Kapazitäten dieses Produkts menschlichen Erfindungsgeistes. Allerdings nutzt man diese Kapazitäten dann nicht für die tatsächliche, sondern nur für eine virtuelle Welt, in die man sich … soll ich wirklich sagen „flüchtet“? Wäre es nicht besser, Worte wie „Erholung“ oder „Seelenfrieden“ einzubringen? Vom Paradies, gar vom Schangri-La zu sprechen?
Solange man Kriegsspiele nur auf dem Rechner zockt, mordet man, abgesehen von einigen drohnensteuernden Amis, nicht wirklich. Solange man betet, mordet man, abgesehen von einigen Islamisten, auch nicht. Es gab tatsächlich Leute, die haben biblische Highlights wie Psalm 137 („Wohl dem, der Deine Kinder nimmt und sie gegen einen Felsen schmettert“) deshalb als Friedenspsalm deklariert.
Doch ich schweife schon wieder ab…

Jedenfalls spielt Ewald Arenz mit seinem Buch auf dem Religions-Rechner ein sehr sympathisches Computer-Game. Das macht ihm (und uns) sichtlich Spaß. Und so lernt man seinen Rechner ja zumindest ein wenig kennen.
Und deshalb akzeptieren wir auch die virtuelle Pauline als Heilige aller Nerds. Ihr Attribut? Na, was wohl!

Grenzhammer, den 02. August 2016

Reinhard W. Moosdorf

Sonntag, 31.07.2016

Autor: Andrea Brücken

Storytelling für Unternehmen

Storytelling für Unternehmen

Storytelling für Unternehmen – Mit Geschichten zum Erfolg in Content Marketing, PR, Social Media, Employer Branding und Leadership

 

Die Autorin Miriam Rupp ist Gründerin und Geschäftsführerin von Mashup Communications, einer Berliner Agentur für PR und Storytelling. Im Verlauf der vergangenen neun Jahre hat die Agentur über 200 Kampagnen mit der Methode des Storytellings begleitet.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert: im ersten Teil geht es darum, was eine Geschichte ist und warum die Heldenreise in jeder Geschichte eine große Rolle spielt. Die klassische Geschichtenstruktur nach Aristoteles wird genauso beleuchtet wie Spannungsbögen, der Aufbau und die Auflösung von Konflikten und die Tatsache, dass Geschichten immer mehrere Helden haben können. Je nach geplantem Einsatz können sowohl Kunden als auch Mitarbeiter und das Unternehmen selbst in der Heldenrolle stehen. Neben einem Vergleich mit dem klassischen Marketing werden sieben Standard-Plots erläutert, denen sich die meisten Geschichten zuordnen lassen. Außerdem geht es um verschiedene Archetypen und den Einsatz des Mentors, der den oder die Helden oft begleitet beziehungsweise unterstützt.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Erzählen von Geschichten, denn jedes Unternehmen muss sich vorab überlegen, wie die geplante Story “an den Mann” gebracht wird. Der zentrale Charakter ist eine Figur mit Wiedererkennungswert und kann sowohl fiktional als auch real sein. Eine Herausforderung sind die drei Aufgaben “Hook, Hold und Payoff”: Aufmerksamkeit bekommen, halten und belohnen. Außerdem im Kapitel: was ist Transmedia und wie setzt man es strategisch ein? Schließlich geht es noch um visuelles Storytelling und Storytelling mit Daten.

An dieser Stelle haben wir schon gut 200 Seiten hinter uns: die Kapitel lassen sich je nach Vorwissen und Interessensschwerpunkt einzeln oder chronologisch durchgehen. Zahlreiche schlichte Illustrationen, Listen, Beispiele und Zwischenfragen ermöglichen einen guten Lesefluss und gestalten die komplexen Inhalte auf sehr übersichtliche Weise.

Teil drei behandelt dann die Anlässe für den Einsatz von Storytelling in Unternehmen wie B2B, Technik, Employer Branding und Leadership Branding. Teil vier beinhaltet Hilfestellungen zum Auffinden von Themen. Ergänzend zu den bisherigen Anregungen geht es um Storylistening – was beschäftigt potentiele Zielgruppen überhaupt und es schließen sich einige Checklisten an.

Wer sich mit moderner Marken- und Unternehmenskommunikation on- und offline beschäftigt findet in diesem Buch eine Menge Wissen und Ideen, um das Storytelling auf die eigene Arbeit zu übertragen. Aber auch für die interne Kommunikation in den Feldern Employer Branding und Leadership sind viele Anregungen und Beispiele enthalten.

(Andrea Brücken)
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Storytelling für Unternehmen – Miriam Rupp

mitp-Verlag, 1. Auflage, 2016

288 Seiten, broschiert

ISBN: 9783958452428

Bestellung über den Verlag:

Storytelling für Unternehmen: Mit Geschichten zum Erfolg in Content Marketing, PR, Social Media, Employer Branding und Leadership

 

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Storytelling für Unternehmen: Mit Geschichten zum Erfolg in Content Marketing, PR, Social Media, Employer Branding und Leadership (mitp Business)

 

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Freitag, 29.07.2016

Autor: Andreas Schröter

Ilja Leonard Pfeijffer: Das schönste Mädchen von Genua

Ilja Leonard Pfeijffer: Das schönste Mädchen von Genua«Eine Liebeserklärung an die italienische Hafenstadt Genua ist der Roman des niederländischen Schriftstellers Ilja Leonard Pfeijffer.

In herrlich poetischen Bildern beschreibt der 1968 geborene Autor, wie der Ich-Erzähler in einem Straßencafé sitzt und die Bedienung anhimmelt, die er als schönstes Mädchen von Genua sieht.

Es macht Spaß, ihn dabei zu beobachten, wie er versucht, die junge Dame auf sich aufmerksam zu machen. Gelingt es ihm, die Schönheit zum Rendezvous zu überreden? Doch unser Protagonist studiert auch das übrige Leben in seiner Wahlheimat – und zeigt dabei viel Herz für örtliche Sitten und Gebräuche, wobei er viel Sympathie für Rosenverkäufer, einen Flüchtling aus dem Senegal oder einen mittellosen, aber stadtbekannten Geschichtenerzähler und Trinker entwickelt. Mit Touristen und Geschäftsleuten dagegen kann er weniger anfangen.

Zunächst gibt‘s in diesem Buch nur wenig Handlung. Der Text besteht vielmehr aus Beobachtungen und den philosophischen Gedanken des Protagonisten dazu.
Das ändert sich zeitweise, als Pfeijffer versucht, ein Theater zu kaufen und die dazu notwendige Sponsorin zu beglücken.

Doch „Das schönste Mädchen von Genua“, so heißt dieses Buch, ist nicht nur eine Mischung aus romantischer Verklärung der südlichen Lebensweise und einiger skurriler Geschehnisse, wie es diese Kurzbeschreibung vermuten ließe – das Buch wird zwischenzeitlich sehr ernst, als es um die Erzählung des Senegalesen geht, unter welch menschenunwürdigen Zuständen er nach Genua gekommen ist.

Insgesamt bietet dieser Roman somit ein facettenreiches und unterhaltsames Bild zum Ist-Zustand des Lebens in südeuropäischen Großstädten, wobei er auch die dunklen Seiten – Flüchtlingselend, Prostitution – nicht ausspart. Dem Ende – den letzten 70 oder 80 Seiten – hätte vielleicht eine Kürzung gut getan.
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Ilja Leonard Pfeijffer: Das schönste Mädchen von Genua.
Aufbau Verlag, Juni 2016.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Montag, 25.07.2016

Autor: oliverg

#literaturwelt Video: „Kalte Asche“ von Simon Beckett (sorry für den sound)

Samstag, 23.07.2016

Autor: Andreas Schröter

P. B. Gronda: Straus Park

P. B. Gronda: Straus Park«Der Roman des flämischen Autors Paul Baeten Gronda, „Straus Park“, fängt etwas schwergängig an. Man hat Schwierigkeiten, sich die Figuren wirklich vorzustellen, sie wirken nicht lebendig. Ein steinreicher Playboy namens Amos Grossman gleitet etwas wahllos, so scheint es, von einer Liebesaffäre zur nächsten. Warum er diese oder jene Frau verehrt und dann wieder nicht, bleibt für den Leser wenig nachvollziehbar.Doch wer diese ersten etwas spröden und distanziert wirkenden Seiten übersteht, der wird mit einem Roman entschädigt, der ganz unerwartet einen starken Sog entfaltet. Da entspinnt sich plötzlich eine fast thrillerartig spannende Handlung, die im besetzten Amsterdam in der Nazizeit ihren Anfang nimmt. Die lebenshungrige Jüdin Charlotte Grossman versteckt sich dort mit ihrem Mann Markus bei Verwandten und Freunden, nachdem sie aus Deutschland geflohen ist. Doch dann entdeckt sie ihre Liebe zu einem Nazi und wird zur Verräterin. Mit tödlichen Folgen.

Und mit Folgen für ihre ganz persönliche Zukunft, denn es gelingt ihr, sich wertvolle Kunstschätze zu sichern, die den Grundstein für ihren späteren Reichtum legen sollen.
Als sich rund 70 Jahre später Charlottes Enkel Amos in New York in die Kunsthistorikerin Julie verliebt, wird auch er auf die uralten Geschichten aus düsteren Zeiten gestoßen, denn die faszinierende Julie ist viel mehr als das, was sie vorgibt zu sein …

P. B. Gronda, geboren 1981, der in Belgien und den Niederlanden bereits ein erfolgreicher Autor ist, gelingt in seinem vierten Roman – dem ersten, der auch auf Deutsch erscheint –, eine geschickt konstruierte Geschichte, die mitreißt und über die man noch lange nachdenkt, nachdem man das Buch geschlossen hat.

Und ganz nebenbei erfährt man einiges über das Thema Kunstraub in der Nazi-Zeit und seine Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.
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P. B. Gronda: Straus Park.
Luchterhand Literaturverlag, Juni 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Sonntag, 17.07.2016

Autor: rwmoos

Literarische Cartoons

Mein Kommentar zum Buch:

RWM

Reinhard W. Moosdorf, Tüchersfeld, Juli 2016

Sonntag, 17.07.2016

Autor: rwmoos

Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder

Statt-Gespräch

– Den neuen Krimi von Bernhard Aichner gelesen?
– Welchen?
– „Interview mit einem Mörder“.
– Habe ich, mein Freund, habe ich.
– Und?
– Was und?
– Hast Du ihn verstanden?
– Habe ich wohl. Sind alles kurze Sätze. Hauptsätze oder Gedankenfetzen. Kaum Nebensätze. Verstehe sogar ich.
– Nein, ich meinte eher so inhaltlich: Das Spiel des Psychopathen, die überraschenden Wendungen?
– Welche überraschenden Wendungen?
– Na, dann eben die nicht überraschenden Wendungen.
– Ach die … Klar, war auch für mich zu verstehen. Könntest Du im Übrigen in Zukunft etwas freundlicher formulieren, dass Du mich für beschränkt hältst?
– Ich arbeite dran.

Die beiden Freunde, der alternde ehemalige Fußballstar und der letzte Totengräber, der noch per Hand schaufelt und nebenberuflich Aichners Krimihelden gibt, stießen miteinander an und süffelten an ihrem Bier. Österreichischer Abkunft. Fade und und ohne jeden Geschmack, wie es österreichische Biere sich nun einmal zu ihrem Markenzeichen erkoren haben

– Das Buch soll demnächst von den Amis verfilmt werden.
– Die nehmen auch alles, die Amis.
– Kuba hatte vorher dankend abgelehnt.

Beide kichern. Sie liebten diese Gespräche, die sie gern als tiefschürfend bezeichnen.

– Wird aber Probleme geben.
– Probleme?
– Na, der einzige Schwarze in dem Buch ist ein kiffender Priester mit einem großen … naja, du weißt schon. Wird zwar positiv dargestellt, aber wenn das nicht blanker Rassismus ist … Da haben die Amis doch derzeit genug mit zu kämpfen.
– Macht nix. Von Österreich lernen heißt derzeit: Siegen lernen.
– Dass der psychopathische Mörder hauptberuflich Deutscher ist, wird in Deutschland auch nicht jedem schmecken.
– Die Deutschen halten das Maul. Die haben uns schon ganz andere Figuren abgenommen.

Wieder kichern beide und geben sich auch fürderhin derartigen Gesprächen hin.

Erst vor Kurzem waren sie von ihren neuen Frauen, einer Journalistin und einer Krankenschwester, wieder verlassen worden. „Ihr werdet nie jemand verstrahlen“, so die Journalistin, „Eure Halbwertzeit ist einfach zu kurz.“ Da war die Krankenschwester mit den im Buch angesammelten Hanfvorräten schon über alle Berge.

Reinhard W. Moosdorf
Tüchersfeld, den 14.07.2016

Donnerstag, 14.07.2016

Autor: Andreas Schröter

Eddie Joyce: Bobby

Eddie Joyce: Bobby«Das Grundthema im Debütromans des US-amerikanischen Autors Eddie Joyce – Trauer – klingt nach einem trübseligen, tieftraurigen Buch.

Doch das ist „Bobby“, so heißt das Werk, gar nicht. Der Roman zeigt vielmehr, wie jeder Familienangehörige mit dem Verlust der Titelfigur fertig wird, der als Feuerwehrmann bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York umkam. Und wie das Leben mit all seinen Ärgernissen, kleinen Freuden, Flirts, Partnerschaftsproblemen und dem ganzen Alltagswahnsinn, dem wir alle permanent ausgesetzt sind, trotz allem einfach weitergeht.

Die einzelnen Kapitel sind dabei aus unterschiedlichen Sichtweisen geschrieben. Mutter Gail und Vater Michael kommen genauso zu Wort wie Bobbys Brüder Peter und Franky, der eine erfolgreicher Anwalt mit Eheproblemen, der anderen Alkoholiker mit allen möglichen Problemen.

Heikel wird‘s, als Bobbys Ex-Frau Tina mit einem neuen Lover aufkreuzt. Hält das brüchige Konstrukt der Selbstbeherrschung? Ein schönes Buch!
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Eddie Joyce: Bobby.
DVA, Juni 2016.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Freitag, 08.07.2016

Autor: Andreas Schröter

John Darnielle: Wolf in White Van

John Darnielle: Wolf in White Van«Ein ungewöhnlicher und intensiver Roman ist dem Sänger der US-amerikanischen Band „The Mountain Goats“ gelungen. John Darnielle heißt der Autor, „Wolf in White Van“ sein Roman.

Geschrieben ist das Buch aus der Sicht eines jungen Mannes, der durch ein zunächst nicht näher beschriebenes Ereignis in der Vergangenheit sein Gesicht verloren hat. Es ist vollkommen entstellt und ruft Entsetzen bei allen hervor, die es erstmals sehen. Deswegen verlässt Sean, so heißt der Mann, kaum seine Wohnung. Von dort aus managt er ein Brief-Fantasyspiel, einem Vorläufer der heutigen Online-Rollenspiele.
Sein einsames, aber einigermaßen geordnetes Leben ändert sich, als zwei Spieler dieses Spiel allzu ernst nehmen und das, was sie dort tun sollen, in die Wirklichkeit übertragen. Mit fatalen Folgen …

Doch „Wolf in White Van“ handelt nicht nur von diesem Fall. Es ist ein Buch, das sich mit fast existenziellen Fragestellungen über den Sinn oder Unsinn, der hinter allem steckt, auseinandersetzt.

Beispiel dafür ist schon der ungewöhnliche Titel. Es soll sich dabei um eine satanische Botschaft handeln, die man hört, wenn man eine Platte des Sängers Larry Norman rückwärts abspielt. Hauptfigur Sean stellt sich im Buch die Fragen: Warum sollte sich der Teufel eine solche Mühe mit seinen Botschaften machen? Warum sagt er nicht direkt, was er will? Und welche Botschaft steckt in „Wolf in White Van“ überhaupt genau? Vielleicht ist das alles ja genauso Unsinn wie vieles andere um uns herum – so ist eine Deutungsmöglichkeit für dieses Buch.

„Wolf in White Van“ ist kein Roman, in den man nach einem anstrengenden Arbeitstag wohlig eintauchen kann, um sich zu entspannen. Man muss sich etwas konzentrieren, aber dafür hallt das Gelesene noch lange nach.
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John Darnielle: Wolf in White Van.
Eichborn Verlag, Mai 2016.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Dienstag, 05.07.2016

Autor: oliverg

„Gegen Vorurteile“ Horaczek/Wiese


Dienstag, 05.07.2016

Autor: Andreas Schröter

Homer Hickam: Albert muss nach Hause

Homer Hickam: Albert muss nach Hause«Einen Unterhaltungsroman im allerbesten Sinne legt der amerikanische Ingenieur und Schriftsteller Homer Hickam, der Jüngere, vor. Er beschreibt die aberwitzige Reise seiner Eltern in den 30er-Jahren mit einem Alligator und einem Hahn von West-Virginia nach Florida.

Weil Homer Hickam, der Ältere, nicht länger mit dem Alligator Albert unter einem Dach leben will, beschließen er und seine widerborstige Frau Elsie, das Tierchen in Florida freizulassen. Ein namenloser Hahn schließt sich dem Unternehmen an.
Doch bis es dazu kommt, haben die Vier jede Menge Abenteuer zu bestehen. Sie fallen in die Hände von Schmugglern, überleben nur knapp einen Tornado, helfen bei einem Filmdreh, treiben hilflos auf dem offenen Meer und treffen auf frühe Gewerkschafter – um nur einiges zu nennen. Doch all ihren vielseitigen Abenteuern ist eines gemeinsam: Immer sind sie humorvoll und so rasant geschrieben, dass man schnell weiter lesen möchte.

Und auch wenn „Albert muss nach Hause“ Unterhaltungsliteratur ist, heißt das keineswegs, dass die Figuren flach gezeichnet wären. Schnell schließt man den ruhigen, liebevollen und hilfsbereiten Homer genauso ins Herz wie seine Frau Elsie, die immer noch von ihrem Ex-Liebhaber Buddie, einem Tänzer, träumt, der ihr einst den geliebten Alligator geschenkt hat, und die nicht weiß, ob Homer wirklich der richtige Ehemann für sie ist.

Und sogar Alligator Albert hat gewisse Charakterzüge: Wenn er sich freut, macht er „Yeah, Yeah, Yeah“ und wenn nicht „No, No No“. Dass dieses Verhalten zumindest nicht hundertprozentig mit dem von real existierenden Alligatoren übereinstimmen dürfte, macht rein gar nichts. Und das gilt selbstverständlich für die gesamte Reise von Homer Hickams Eltern: Wen interessiert es schon, wie wahr das alles ist. Gut erzählt ist es allemal, und allein das zählt bei einem Roman.
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Homer Hickam: Albert muss nach Hause.
HarperCollins, Juni 2016.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.

Donnerstag, 30.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Robin Black: Porträt einer Ehe

Robin Black: Porträt einer Ehe«Was macht ein Seitensprung mit einer Ehe? Kann es gelingen, nach einem solchen Vorfall wieder Vertrauen zueinander aufzubauen? Und was passiert, wenn dieses Vertrauen erneut erschüttert wird? Mit solchen Fragen befasst sich der Debütroman der US-amerikanischen Schriftstellerin Robin Black. „Porträt einer Ehe“ heißt er.

Das Künstlerpaar Augusta „Gus“ und Owen lebt abgeschieden auf einem ländlichen Anwesen. Sie malt, er schreibt. Weil Gus vor Jahren fremdgegangen ist und den Seitensprung gebeichtet hat, liegt jedoch ein Schatten auf der Ehe, den das Paar im Alltag mehr oder weniger erfolgreich zu überspielen versteht.

Die Situation ändert sich, als im Nebenhaus die geschiedene Alison einzieht, die sich ebenfalls als Malerin versucht. Und dann kommt auch noch Tochter deren schöne Tochter Nora zu Besuch …

Robin Blacks Roman, der aus Gus‘ Sicht geschrieben ist, gleitet über weite Strecken ruhig, aber sehr einfühlsam dahin. Robin Black gelingt es, kleinste Gefühlsnuancen und Stimmungen auszuloten und sichtbar zu machen.

Ein – wichtiges – Unterthema dieses Romans, der im englischsprachigen Original auf die Longlist des Flaherty-Dunnan First Novel Prize gekommen ist, ist die Kunst. Inwieweit beeinflusst der Gemütszustand die Kreativität des Künstlers? Gibt es tatsächlich so etwas wie eine Muse?

Der ruhige gefühlsbetonte Erzählfluss dieses Romans ändert sich mit dem überraschenden und sehr drastischen Ende sehr abrupt und unvermittelt. Es will nicht recht zu Stil und Tenor der 300 vorherigen Seiten passen und schmälert den durchaus guten Gesamteindruck ein wenig.

Robin Black lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Philadelphia. Ihre Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht worden, und sie hat Stipendien der Leeway Foundation und der MacDowell Colony erhalten. Heute lehrt sie am Brooklyn College.
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Robin Black: Porträt einer Ehe.
Luchterhand, Mai 2016.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Dienstag, 28.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Joann Sfar: Pietrs Reise

Joann Sfar: Pietrs Reise«An dem französischen Mehrspartenkünstler Joann Sfar scheiden sich die Geister. Die einen finden das, was er macht, genial, die anderen halten es für einen unerträglichen Schwachsinn. Und wie wahrscheinlich immer in solchen Fällen, sind die Grenzen hier fließend.

Sfar, geboren 1971, hat seine größten Erfolge als Comicautor. Seit Kurzem jedoch versucht er sich auch als Romanautor. Sein erstes Buch „Der Ewige“ (2015) kam bei den deutschen Kritikern weniger gut an – nun liegt mit „Pietrs Reise“ Roman Nummer zwei vor. Und ähnlich wie in einem Comic driftet die Handlung schrill und atemlos dahin und schlägt einen Looping nach dem anderen.

Ein Beispiel vom Anfang: Weil Pietr sich nicht von seinem toten Vater trennen kann, nimmt er ihn in einem mit Wasser gefüllten Tank mit, in den er zusätzlich Fische gibt. Was er dabei nicht bedenkt: Es handelt sich um fleischfressende Fische, sodass der Vater bald nur noch aus einem Skelett besteht. Den bekümmert das aber nicht weiter. Er schaut sich das Ganze von einer Wolke im Himmel an, während er mit dem Philosophen Spinoza und Gott palavert. Gott übrigens spielt zuweilen lieber Badminton, als sich das Desaster auf der Erde anzusehen.

Entscheiden Sie selbst, ob Sie das lustig finden wollen. Bei mir wechselten sich lautes Lachen und Kopfschütteln ab. Aber 490 Seiten sind definitiv zu lang für eine solche Art von Literatur. Als Comic hätte es mir vermutlich besser gefallen.
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Joann Sfar: Pietrs Reise.
Eichborn, Mai 2016.
496 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Montag, 27.06.2016

Autor: oliverg

Dale Carnegie:  How to win friends and influence people

Montag, 27.06.2016

Autor: Andreas Schröter

André Kubiczek: Skizze eines Sommers

Saša Stanišic: Fallensteller«Ein luftig-leichter Roman über die Probleme beim Erwachsenwerden ist dem 1969 geborenen Berliner Autor André Kubiczek gelungen. „Skizze eines Sommers“ heißt er – und obwohl er 1985 in der DDR spielt, können sich sicherlich auch Leser mit vielen Situationen identifizieren, die nicht dort aufgewachsen sind.

Es sind Sommerferien, und der gerade 16-jährige René hat sturmfreie Bude, weil sein Vater beruflich für mehrere Wochen Teilnehmer der Friedenskonferenz in Genf ist. Renés Hauptproblem in dieser Zeit ist die Frage, ob er sich bei der Suche nach einer Freundin auf die schöne Bianca, die intellektuelle Rebecca oder ein Mädchen konzentrieren soll, dessen Namen er nicht kennt. Irgendwie haben alle ihren Reiz.

Und dann sind da natürlich auch noch die Freunde Michael, Dirk und Mario, die ihr Recht fordern, die Zigaretten, der Alkohol und die sonntägliche Jugenddisko, in der man gut aussehen muss – und wenn man dafür seine Schuhe schwarz lackieren muss. Und täglich steht erneut die Frage an, ob man die Haare nach links oder nach rechts legen soll.

Sicher, manches in diesem Buch, das in Potsdam spielt, ist typisch DDR – wie die verzweifelte Suche der Freunde nach geeigneter Literatur. Bücher von Baudelaire oder Rimbaud etwa, die die möchtegern-intellektuellen Freunde besonders mögen, waren damals in der DDR schwer zu bekommen.

Bei dem Allermeisten dagegen dürfte die Mehrzahl der Leser denken: Ach ja, genau so war das damals, als ich selbst 16 war.

Auch wenn unter Renés scheinbarer Oberflächlichkeit ein Problem lauert – der Tod seiner Mutter – wird „Skizze eines Sommers“ wohl keinen Preis für besondere Tiefsinnigkeit bekommen. Aber was macht das schon, wenn man dafür ein herrlich entspannendes Büchlein für den Sommer am Strand hat, das sich leicht runterlesen lässt?!
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André Kubiczek: Skizze eines Sommers.
Rowohlt, Mai 2016.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Freitag, 24.06.2016

Autor: oliverg

Matthias Stelzle aus Bersenbrück in Niedersachsen den Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels 2015/16 für sich entschieden

Gratulation und super gelesen:

Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Montag, 20.06.2016

Autor: Andreas Schröter

Saša Stanišic: Fallensteller

Saša Stanišic: Fallensteller«Nach seinen beiden Romanen „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) und „Vor dem Fest“ (2014) legt der deutschsprachige Autor mit Wurzeln in Bosnien und Herzegowina, Saša Stanišic, nun einen Erzählband vor. „Fallensteller“ heißt er. Und „Fallensteller“ heißt auch die beste und längste Geschichte in diesem Buch. Stanišic kehrt darin nach Fürstenfelde zurück, jenem halbfiktiven Ort aus „Vor dem Fest“. Fürstenwerder in Nord-Brandenburg diente als Vorlage. Und wie im Roman beschreibt der 38-Jährige das dörfliche Geschehen in einem humorvollen und zugleich poetischen Stil. Ihm gelingt dabei das Kunststück, die oft provinziell anmutende Sichtweise der Dorfbewohner zwar aufzuzeigen, die Menschen aber niemals bloßzustellen. Immer schreibt er – so scheint es – mit großer Sympathie für die Landbevölkerung. Zum Beispiel wenn sie sich über die befürchtete Ausbreitung von Wölfen echauffieren.

Auch die Geschichten, in denen Mo irgendwelchen Traumfrauen nachjagt und damit sich und den Ich-Erzähler bei Kunst-Ausstellungen oder Aktivisten-Treffen in skurrile Situationen bringt, sind gelungen – auf sympathische Weise nehmen sie solche Events ein bisschen hoch.

Anderes dagegen wirkt etwas verschroben-sperrig und man hat Schwierigkeiten, diesen Geschichten zu folgen.

Insgesamt aber empfehlenswert.
———————-

Saša Stanišic: Fallensteller.
Luchterhand, Mai 2016.
280 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

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