Freitag, 27.01.2006 | 18:20 Uhr

Autor: Barbara Wenz

Vladimír Körner: Adelheid

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Spätsommer 1945: Viktor Chotovický*, der als Leutnant in der tschechoslowakischen Exilarmee in Ägypten und England stationiert war, kehrt in seine Heimat zurück. Er ist krank, müde und einsam. Alles, was er sich jetzt noch wünscht, ist, unter einem Birnbaum zu sitzen und den ganzen Tag den Hühnern zuzusehen. Aber er soll im äußersten Nordosten von Mährisch-Schlesien das weitläufige Anwesen eines deutschen Nazis verwalten, der im Gefängnis von Olomouc auf seine Hinrichtung wartet. Auf dem Weg dorthin rettet ihn ein junges tschechisches Mädchen vor dem Tod in einem verminten Roggenfeld. Die Deutsche Adelheid, die vom Oberwachtmeister geschickt wurde, um Viktor den Haushalt zu führen, spricht kein Wort tschechisch, Viktor kaum deutsch. Als er erfährt, dass Adelheid die Tochter des Nazis ist – sie in der Villa aufgewachsen ist, in der sie nun arbeiten muss -, wächst der Wunsch, sie vor den Vergeltungsmaßnahmen des Oberwachtmeisters zu schützen. Doch genau das macht ihn in den Augen seiner Landsleute verdächtig. Als er die Frau mit zwei Flaschen Kognac vom Oberwachtmeister „loskaufen“ will, verliert der die Beherrschung. >>Der Oberwachtmeister schrie los: „Wissen Sie, was wir mit Leuten machen, die sich mit Deutschen einlassen?“ […]“Während des Krieges“, Viktor schaute endlich auf, „darin lag der Unterschied, hätte ich das auch nicht entschuldigt, das entschuldigt einfach nichts auf der Welt. Aber jetzt ist doch Schluß, es ist schon genug Blut geflossen.“ „Das gibt es nicht. Es ist noch nicht Schluß, mein Herr“, der Oberwachtmeister zeigte hinter sich auf die Fenster, „die bleiben immer gleich, das geht gar nicht anders. Schauen Sie nur gut hin.“>> Die Hoffnung Viktors auf ein wenig Liebe und Geborgenheit nimmt ein tragisches Ende, als Adelheids in Russland verschollener Bruder auftaucht und die Situation eskaliert. Er verlässt das Dorf. Aber etwas hat sich verändert. >>“Sie können übers Feld gehen“, rief ihm das Mädchen hinterher, „hier sind keine Minen mehr. “ >> Körner erzählt in klarer, doch poetischer Sprache und ruhigem Tonfall. Die melancholische Menschlichkeit, mit der er Viktor ausgestattet hat, erteilt Nationalismen und Krieg eine eindrückliche Absage. Eingebettet in den tschechischen Text finden sich immer wieder deutschsprachige Passagen, etwa Zitate aus den Liedern Walthers von der Vogelweide. „Adelheid“ erschien bereits 1967, wurde 1969 erfolgreich verfilmt und liegt nun zum ersten Mal auch in deutscher Sprache vor. Seine Aktualität ist ungebrochen. Körner wurde 1939 in Mähren geboren und studierte u.a. an der Prager Filmakademie bei Milan Kundera. Er lebt heute in Prag.
*Chotovický sprich Chotowitzki

Vladimír Körner: Adelheid.
Deutsche Erstausgabe. Aus dem Tschechischen.
Mit einem Nachwort von Václav Maidl.
Bibliothek der böhmischen Länder, Bd. 4.
ISBN 3-9808410-8-1
Bestellmöglichkeit bei www.arco-verlag.de

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