Dienstag, 13.11.2012 | 16:23 Uhr

Autor: Christiane Geldmacher

Ursachen, nicht nur Zustände. Merle Krögers „Grenzfall“.

Was macht ein interessantes Buch aus? Richtig – die präzise Beobachtungsgabe der Autorin. Wenn sie um mehr als nur eine Ecke denkt. Und um mehr als nur eine Figur. Dann liest man ihr und dem Geschehen gespannt hinterher. Insbesondere, wenn alles – oder zumindest fast alles – tatsächlich passiert ist.

Merle Kröger hat so ein Buch geschrieben. Ihr Roman >>>Grenzfall spielt 1992 und 2012. 1992 überquert eine Gruppe Rumänen illegal die deutsch-polnische Grenze. Ihre Wanderung führt sie durch ein Feld kurz vor der Ernte, das Getreide steht also hoch, und hier sind ebenfalls ein westdeutscher Jäger und ein ostdeutscher Jagdführer (ein absurdes Paar) unterwegs. Die beiden, die sich gegenseitig ostwestbedingt tierisch auf die Nerven gehen, warten seit Tagen darauf, dass ihnen etwas vor die Flinte kommt. Der eine, weil er Kohle dafür geblecht hat, der andere, weil er Kohle dafür kriegt. Endlich ist es soweit: Es bewegt sich was im Feld. Schüsse fallen. Zwei der Rumänen sind tot.

Szenenwechsel. 2012, zwanzig Jahre später. Adriana, die Tochter eines der Opfer, ist nach Deutschland (wieder-) gekommen, um herauszufinden, was mit ihrem Vater wirklich in diesem Feld passiert ist. Der Prozess gegen die beiden Jäger hat sieben Jahre gedauert, am Ende wurden sie freigesprochen. Nur einer unter vielen Skandalen war, dass die Familien in Rumänien weder etwas von dem Tod der beiden Männer erfuhren noch von dem Prozess. Sie hatten keine Ahnung, was aus den Menschen Leuten geworden war.

Dies verhandelt Merle Kröger zentral in ihrem Buch: Die gleichgültige Einstellung der Behörden, der  Bürokratie, und der alltägliche Rassismus. Heute wie damals. Die Frage, ob die beiden Schützen 1992 tatsächlich schuldig waren, interessiert sie weniger. „Grenzfall“ ist kein Ermittlerroman, in dem ein Kommissar als gerechter Sieger aus einem Mordfall hervorgeht. Es geht darum, was für Auswirkungen solche Ereignisse auf die Betroffenen haben, die Familie, die Freunde, auch die Einwohner jener fiktiven Stadt Kollwitz in Mecklenburg-Vorpommern, in der sich das zentrale Asylbewerberheim befindet.

Kröger lässt in dem Buch einen Fall aufleben, den es tatsächlich gegeben hat. Im Sommer 1992 fanden zwei Roma nahe der polnischen Grenze den Tod, als sie von  Jägern erschossen wurden, die wohl dachten, es handle sich um Wildschweine. Zu diesem Fall gibt es auch >>>einen Dokumentarfilm, den Merle Kröger zusammen mit Philipp Scheffner gedreht hat, in dem viele Betroffene – auch aus Rumänien – zu Wort kommen. Die Story wird uns halbfiktiv aus verschiedenen Perspektiven erzählt: aus der Perspektive der Täter, der Opfer, der Familien der Opfer, einer Tochter und nicht zuletzt aus der Perspektive von Matti Junghans, die in einer Berliner Anwaltskanzlei arbeitet. Sie ist vielschichtig, eine interessante Gesellschaftsstudie, genreunabhängig. Und hochaktuell. Auch heute noch werden in Deutschland eintreffenden Roma als Willkommensgruß Pritschen in Turnhallen aufgebaut, nach dem Motto: „Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was.“

Merle Krögers Roman hält viele Überraschungen und Wendungen bereit und viel authentischen Dummsprech. Etwa, wenn auf einem Zettel, der mit einem Stein durchs Fenster geworfen wird: „Wir wollen keine abstoßende Asylantensiedlung werden, sondern ein Stadtteil, wie es unserer Nähe zur Küste entspricht.“

„Grenzfall“ ist ein Roman, der emotional sehr dicht erzählt ist. So dicht, dass der Griff zur Weinflasche irgendwann nicht mehr ausbleibt. Ja, die Rezensentin gesteht, dass sie diesen Roman unter Alkoholeinfluss zu Ende gelesen hat.

Merle Kröger, Grenzfall, Ariadne Kriminalroman 2012, 11 Euro

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