Montag, 29.05.2017 | 10:14 Uhr

Autor: Christiane Geldmacher

Tom Robbins: Tibetischer Pfirsichstrudel

Autobiografien sind herausragendes Lese- und Zeitzeugenmaterial, wenn sie gut geschrieben sind. Das ist nicht immer der Fall: Da gibt’s viel Eitelkeit, manche sind dröge oder die Autoren trauen sich nichts. Tom Robbins aber traut sich was. Und er füllt seine Autobiografie mit einem Haufen Kürzeststorys an. Robbins wurde 1936 in Virginia im Süden der USA geboren – ja, so lange ist das schon her! –, zog mit seiner Familie lange umher, belegte an der Hargrove Military Academy als Hauptfach Basketball, heiratete mit 16, bekam einen Sohn, ließ sich scheiden, studierte Journalistik, ging zur Armee, lehrte als Soldat während des Koreakrieges Metereologie, arbeitete bei der Post, studierte Kunst, beteiligte sich an Happenings, heiratete wieder, wurde geschieden und ging auf Reisen.  Heute lebt Robbins als freier Schriftsteller in einem Fischerdorf bei Seattle.  In „Tibetischer Pfirsichstrudel“ feiert er sein und das Leben generell. Großartig übersetzt wurde das Buch von >>>Pocaio. Seine bekanntesten Bücher – er arbeitete zunächst als Korrektor, später als Journalist – sind „Sissy, Schicksalsjahre einer Tramperin“, „Buntspecht“ und „Völker dieser Welt, relaxt“. Zuletzt erschienen ist 2009 „B is for Beer“: „B ist für Bier“.

Anekdotenreich erzählt er von seiner Zeit als Jugendlicher, Student, Soldat, Prä-Beatnik und Hipster. Die Bezüge, die er bringt, sind so vielfältig wie die große Zeitspanne, die diese Autobiografie abdeckt. Da ist von Billie Holiday die Rede, von Ella Fitzgerald, von Louis Armstrong,  von Norman Rockwells Gemälden, von Shelly Duvalls („The Shining) Liebe zu Ameisen, von Al Pacinos Eau de Cologne. Und natürlich von den Beatniks, von Jack Kerouac, von Allen Ginsberg, von seinem Freund Timothy Leary. Sein erzählerisches Können – und sein Erkennen vom Erzählenswertem – zeigt sich vor allem auch in den kleinen Histörchen über kleine Leute amerikanischer Kleinstädte. Hier läuft er zur Höchstform auf. Wie zum Beispiel die jenes Bürgermeisters aus South Bend, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, dass er Herrenanzüge aus seinem Wagen heraus verkauft. Es wird gemunkelt, dass die Anzüge nicht ganz Neuware sind, sondern von korrupten Bestattern stammten, die die Leichen in den Särgen unverzüglich bis auf die Unterhose ausziehen, sobald die Angehörigen den letzten Blick auf ihre loved ones geworfen haben.

Und ja, man erfährt etwas über die Kultur der Gasse. Es soll Schriftsteller geben, die diese nicht nur noch zu schätzen wissen, sondern die ihnen lieb und teuer ist.

„Meine Frau Alexa, der weiseste Mensch, den ich kenne, behauptet, alle meine Triebe, darunter auch die Sprache und die Liebe zu Frauen – und nicht zu vergessen, das Interesse an bewusstseinserweiternden Drogen oder tibetischen und zen-buddhistischen Philosophien mit ihren >verrückten Weisheiten< – , seien Teil eines übergeordneten Strebens: meiner lebenslangen Suche nach den Schnittstellen mit dem Großen Mysterium (das vielleicht, aber vielleicht auch nicht Gott ist) oder zumindest meiner Sehnsucht nach Wundern.“

Sehnsucht nach Wundern – oh ja. Das Buch ist für Leser, die diese Sehnsucht auch verspüren. Sie werden nicht nur ihr Vergnügen an dem Tibetischen Pfirsichstrudel haben, sondern daraus viel ziehen können und sich vielleicht einmal selbst wieder auf eine Reise machen, zu Ungekanntem, Unerhörtem. Ob reell oder spirituell.

Wer mal wieder Lust hat auf das gute, das wilde, das unkonventionelle Amerika, der lese dieses Buch.

Tom Robbins: Tibetischer Pfirsichstrudel

Aus dem Amerikanischen von Pociao

rororo, Hamburg, April 2017

480 Seiten, ISBN:  978-3-499-26955-4

 

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Ein Kommentar

  1. Literaturwelt. Das Blog. » Lorenz Jäger: Der Unvollendete – über Walter Benjamin Says:

    […] man gerade die Autobiografie des Amerikaners >>>Tom Robbins gelesen hat – die sich in jeder Hinsicht freigeschrieben hat – hat eine Biografie […]

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