Samstag, 24.02.2007 | 21:24 Uhr

Autor: Jochen Heller

Tolle alte Dame

Angelika Schrobsdorff ist cool. Ich habe bisher noch nichts von ihr gelesen, geschweige denn mich sonst irgendwie mit ihr beschäftigt. Trotzdem hat sie mich beeindruckt.

Mir wurde heute eine Berliner Zeitung ohne Werbegespräch geschenkt. Einfach geschenkt. Weil ich der Abo-Verkäuferin, die ihren Kugelschreiber verloren hatte, einen aus unserem Laden gegeben habe.

Darin fand ich ein Interview mit Frau Schrobsdorff, durch das mir die Autorin sehr sympathisch wurde.

Sie scheint eine sehr traurige alte Dame ohne Heimat zu sein, deren Träume in Scherben liegen und die sich nun zum Sterben zurück nach Berlin begeben hat. Dorthin, wo sie ihre Kindheit verbracht hat, dorthin, wo sie vor den Nazis fliehen musste, in die Stadt, die ihr Zuhause war, das die Nazis ihr genommen haben. Sie sagt:

Wohin hätte ich gehen können? Das Berlin meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Ich glaubte, glaube es noch immer, keine andere Wahl zu haben. Es stirbt sich bequemer in Berlin und leichter in der eigenen Sprache, wenn man schreibt. Dass ich keine Lust mehr auf das Leben habe, daran ist diese Stadt nicht schuld. Es würde mir überall genauso gehen, außer vielleicht weit weg von allem, in der von Menschen unberührten Natur.

Sie spricht ganz offen, ehrlich und nüchtern darüber. Vollkommen ohne Schnörkel oder Verzierungen. Auf die Frage, warum sie als „reemigrierte“ Literatin so „wenig Medienpräsenz“ zeige, antwortete sie:

Ich habe zur heutigen Welt nichts erbauliches zu sagen. Wer will schon eine negative, verschlossene alte Frau sehen? Ich bin auch keine „rückemigrierte“ Literatin, die als jüdisches Opfer in Erscheinung treten muss, um gehört, beziehungsweise gelesen zu werden. Ich will meine Ruhe, finde sie aber nicht, weil Journalisten wie Sie auch irgendwie leben müssen.

Besonders schön fand ich ihre Antwort auf die Frage, wen sie „ein für alle Mal zum Teufel“ wünschen würde:

Zum Teufel würde ich alle Dummen und selbstgerechten schicken, die auch noch stolz darauf sind. Aber es sind zu viele. Wahrscheinlich sind es alles nette Leute, und ich bin selbstgerecht und dumm.

Es war schön, das alles so unverblümt, absolut ehrlich und nachvollziehbar zu lesen. Es war traurig, aber es hat mich sehr neugierig darauf gemacht, wie sich wohl ein Roman von ihr liest. Ich werde das demnächst mal in Angriff nehmen.

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4 Kommentare

  1. Markus Kraus Says:

    Hallo!

    Ich habe soeben deinen Blog gelesen und kann nur bestätigen, dass Frau Schrobsdorff genial ist. Sie hat mein Interesse vor ca. 1,5 Jahren geweckt, als sie bei Sandra Maischberger war und ihr Buch „Du bist nicht so wie andere Mütter“ vorgestellt hat. Nachdem ich dieses gelesen habe, war ich nur noch fasziniert von ihr und habe bis dato fast alle ihrer Bücher gelesen.

    Ich liebe ihren Stil, sie ist eine Lady, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und immer gelebt hat, wie sie es wollte. Das hat mir sehr imponiert.

    Besonders kann ich neben dem oben erwähnten Buch noch „Der Geliebte“, „Von der Erinnerung geweckt“ sowie „Der schöne Mann und andere Erzählungen“ empfehlen.

    Für Fragen bezüglich ihrer Bücher stehe ich gerne zur Verfügung!

    Liebe Grüße aus Wien,
    Markus

  2. Ju Says:

    Hallo,

    weißt du zufälig etwas über diesen Film mit Katja riemann? also die Verfilmung von „Du bist nicht so wie andre Mütter“?
    ju

  3. linda Says:

    Hallo!
    Kann mich alledem nur anschliessen… Wusste bis gestern, als ich die Wiederholung der Sendung „Menschen bei Meischberger“ vom 8.1. auf 3Sat sah, nichts von Fr. Schrobsdorff.. Und heute suche ich bereits seit Stunden im Internet nach Infos über sie. Werde sicher Bücher kaufen! Eine unglaublich spannende, authentische und mich tief berührende Frau …
    Liebe Grüsse aus Graz
    Linda

  4. Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband e.V. Says:

    Allen interessierten Lesern

    Der Deutsche Staatsbuergerinnenverband e.V.
    wählte Angelika Schrobsdorff zur Frau des Jahres 2007.
    Der Festakt zur Ehrung der Frau des Jahres findet am 15.03. im Berliner Abgeordnetenhaus statt.
    Wollen Sie darüber mehr erfahren?
    Schicken Sie ein E-mail!

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