Samstag, 24.09.2016 | 12:34 Uhr

Autor: rwmoos

Til Mette: Cartoons for the Road

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Absurditäten auf Platte

Man kann ja gar nichts falsch machen, wenn man sich einen Til Mette kauft. Der aus seinem wöchentlichen Stern-Beitrag weithin bekannte Zeichner hat seinen Stil dahin entwickelt, Absurditäten so auszudehnen, dass sie wieder witzig werden. Und es dann doch wieder gar nicht sind. Und dann liegt eben darin der Witz …

Nehmen wir mal das Titelbild: Ein gelangweilter Surfer steht mit dem Rest eines einstmals jung gewesenen Gesichtsausdrucks auf seinem Brett, das gerade von einer nahezu idealen Welle gen Strand getragen wird. Jedes Surferherz kennt solche Wellen. Für manchen wäre das DIE Welle des gesamten Surferlebens.
Unser Held aber steht so da, als wäre er subalternes Mitglied einer Warteschlange vor’m Abflugterminal. Auf dem Weg zur ungeliebten Arbeit. Die zugehörige Gedankenblase „Boooring! I should have brought something to read…“
Gegen die nervtötende Langeweile seines Surferdaseins hätte er also gern was zu lesen, der Ärmste.
Da wird der Langeweil-Faktor ritualisierter Action & Fun Mentalität auf’s Sandkorn genommen. Funktioniert aber nur, wenn man im Hintergrund auf der virtuellen Netzhaut seines Hirns das Bild eines gleichartig gelangweilten Bücherwurms hat, der sich nach Action sehnt. Letzteres als „normal“ vorausgesetzt, funktioniert die konträre Absurdität als Witz. Nebenher freilich wird cum grano salis der Werbefaktor in eigener Sache angebracht. Auch diese geschickte Einflechtung ist noch ein Lächeln wert.

Ähnlich die Schlittschuh fahrenden Glatzen-Nazis in rosa Tütü. Karikiert dies das gewöhnlich eher martialisch auftretende Gewese jener Volksgenossen? Oder setzt der Witz bei jenen Untersuchungen an, die gerade jenen männerbündischen Organisationen latente Homosexualität – je nach Sichtweise – attestierte oder unterstellte. Und sympathisiert so mit jenen Rechten, die sich dem bewusst geworden, allen Gleichgearteten ins Gesicht rauchen und sich ihrer Veranlagung stellen. Michael Kühnen lässt in der ihm eigenen Art grüßen. Spätestens da erstickt dann das Lachen. Und gluckst in der eingangs beschriebenen Art, doch wieder irgendwie auf. Im Grunde ist dieser Bruch mit den gestemmten Vorurteilen nämlich ein sehr linker Witz.

So gibt es viele Beispiele. Muss man einfach gesehen und gelesen haben. Während des Autofahrens allerdings sollte man auf die Lektüre doch eher verzichten, will man nicht Gefahr geraten, das Lenkrad zu verreißen. Insofern ist der Titel ein wenig irreführend.

Eher als Nebenlinie scheint bei Til Mette auch der klassisch schwarze Humor zu funktionieren. Dazu als Parade jener Cartoon mit dem Schwarzen, der sich auf dem Weg ins Büro von seiner Frau mit den Worten verabschiedet: „See your later, unless the cops shoot me …“. Unterschrift: „Black Humor in America.“ Wobei mit dieser Unterschrift das Kleine Schwarze des Humors den Sprung über den großen Teich geschafft hätte. Scheinbar. Denn andererseits geht hier die zweite Hälfte jener Diskussion völlig unter, die in den Staaten durchaus geführt wird: Über die Polizisten, die ihr Leben im Kampf gegen jene Verbrecher lassen, denen das Leben der anderen völlig egal ist. Black Consciousness hat ja in der Abnutzung der Jahre vielerorts zu einem Selbstverständnis schwarzer Communities geführt, in dem Waffen, Drogen, Gewalt und Macho-Gehabe als Alternativmodell zur Dekadenz bürgerlicher Gesellschaften verstanden wird. Das Ganze wird in jenen Raps gefeiert, deren Auswüchse auch unsere Kids goutieren.
Indem dies aber mit dem Witz nicht erfasst wird, richtet sich dieser lediglich an die uns eingepflanzten Vorurteile: Die Ami-Cops sind böse oder doof oder beides. Insofern ist der Joke ziemlich platt und funktioniert nicht anders als hierzulande oft Witze über Türken oder gar Ausländer. Im Grunde ist eine solche Bestätigung unserer Vorurteile ein ziemlich rechter Witz.
Der Gedanke des Helden könnte alternativ so weitergehen: „… or my „brothers“ shoot me … or the cops …“ Und die Unterschrift könnte zudem dahin lauten, dass der fein angezogene Herr auf seinem Weg zum Büro bei General Atomics (das ist der Hersteller der Reaper-Drohne) so seinen Gedanken nachhinge …
Kann Humor immer nur EINE Sache aufspießen? Nein, er kann mehr. Til Mette kann mehr – siehe oben.

In Sachen Absurditäten ist er bereits der Meister schlechthin. In Sachen schwarzer Humor kann er noch wachsen.

Tüchersfeld, im September 2016
Reinhard W. Moosdorf

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