Dienstag, 12.05.2009 | 23:37 Uhr

Autor: molosovsky

Thomas Plischke: »Die Zwerge von Amboss«, oder: Oh Schreck, Band eins von sieben!

{Die erste Version dieser Rezension erschien in meinem Blog »Molochronik«. Durch einen Austausch mit einem der beiden Entwickler von »Die Zwerge von Amboss« im »Bibliotheka Phantastika«-Forum wurde ich auf einige ärgerliche Schwächen meines Verrisses aufmerksam, und so habe ich diese erweiterte und überarbeitete Fassung um einige klärende persönliche Anmerkungen ergänzt.}

Der Roman »Die Zwerge von Amboss« wird viel gelobt. Viele finden ihn deshalb doll, weil (angeblich) über die üblichen rassischen Fantasy-Klischees ›konsequent‹ hinaus weitergedacht wurde. Mein Wohlwollen erntet das Entwicklerteam von »Die Zerrissenen Reiche« – Thomas Plischke und Ole Johan Christiansen – für ihre Ambition, Fantasy gegen den Strich bürsten und erkennbar (aktuelle) politische Probleme bespiegeln zu wollen. Da ich vor Jahren selbst ein paar Fantasy-Pulpstories in der Amateurliga geschrieben habe, glaube ich zu wissen, wie schwer es ist, Fantasymaterial zu entwickeln das die ausgelatschten Pfade der Fantasy-Hardcoretraditionalisten hinter sich lassen will, beziehungsweise (allgemein nicht nur Fantasy betreffend) wie knifflig und anstrengend es ist, überhaupt zu wissen, was und worüber man schreiben will, welcher Art von Charakteren man Leben einhauchen möchte, welche Fragen, Probleme, Spannungen man auswählt, um aus ihnen die Spannkraft für einen Roman zu entwickeln. Auch wenn ich selber derzeit kein Ansinnen hege, einen Fantasystoff zu stricken, habe ich Respekt für alle Autoren, die den Fleiß und die Entschlusskraft inne haben, ihren Fantasyweltenbau durchzuziehen und ein Manuskript zu vollenden. Trotzdem lese ich dann die Früchte solcher Anstrengungen mit so etwas wie einen Blick durch die Konkurrenzbrille, da ich eben einige Jahre reichlich allein und in Gruppenarbeit an Fantasyweltenbauten gebosselt habe. An einer solchen Lesehaltung kann ich nichts Verwerfliches oder Zwanghaftes ausmachen. So wie die guten Lektüren meinen aufrechten Neid entfachen, wenn ich mir denke: »Das hätte ich gerne geschrieben«, lassen mich umgekehrt die misslungenen Bücher innerlich aufmerken: »So hätte ich das nicht gemacht«.

Im Lauf der Jahrzehnte habe ich mir angewöhnt Serien in Prosaform zu meiden (TV- und Comicserien verköstige ich jedoch immer noch gerne). Insofern haben die Autoren und der Piper-Verlag wohl (marketingmäßig) etwas richtig gemacht, und auch die verschiedenen wohlwollenden Rezensionen das ihre dazu beigetragen, dass ich mich bei einem Spontankauf auf dem Weg zur Arbeit für den ersten Band der auf sieben Bände angelegten Reihe »Die Zerrissenen Reiche« entschied. Ab und zu gebe ich mich eben doch gerne jenen ›guilty pleasures‹-Lektüren hin, in der Hoffnung, etwas Fottes, leicht zu Konsumierendes für Zwischendurch genießen zu können.

In »Die Zwerge von Amboss« steht die typische Bergbau- und Schmiederasse im Mittelpunkt der Handlung und an der Spitze des Wettstreits der Völker, weil der Zwergenbund über entscheidende Vorsprünge bei Rohstoffzugang und wissenschaftlichen Innovationen verfügt. Die meisten Zwerge haben sich der (atheistischen) Vernunft verschrieben und allem Aberglauben (z.B. die Geister der Ahnen betreffend) abgeschworen. Allerdings ist das ›Brudervolk‹ der Zwerge, die Halblinge, für alle entscheidenden minsterialsekretarischen Aufgaben (einschließlich der inneren Sicherheit) zuständig. Begründet wird diese reichlich machtvolle Sonderstellung der Halblinge in diesem ersten Band nicht, und entsprechend schwachsinnig erscheint mir dieses Konzept, aber hey: das ist ›Fantasy‹, das lustige Genre, in dem man alles mögliche nach Rassen sortiert. Also: Zwerge machen den Staat, Halblinge den Strippenzieherstaat im Staate.

Viele Zwerge sind zwar mächtig, wohlhabend, leben in prächtigen Häusern und feiern aufwändige Jahresriten in den großen Städten (was in meiner Lesart ‘ne matte Satire z.B. auf die DDR und andere sozialistische Systeme abgibt), aber das Volk wird immer unzufriedener. Zu den Hauptthesen des Romanes gehört, dass unter anderem die wissenschaftlichen und produktionstechnischen Fortschritte in den Manufakturen zwar für mehr Wohlstand und Ertragssteigerung sorgen, aber auch dazu führten, dass weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, weshalb viele Zwerge ohne Job und Einkommen, zumindest ohne wirkliche gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten dastehen. Menschenflüchtlinge vom südlichen Kontinent der Zerrissenen Reiche – wo seit langem religiös motivierte Konflikte wüten – übernehmen die Rolle der unwillkommenen Einwanderer, Asylanten und Emigranten. —— Leider aber setzt der Text des Romanes diese Ideen (für mich) vor allem mittels einer Anhäufung simpler Stammtischparolen, affiger Poserattitüden und (vor allem) schlechter Schreibe um.

In der Tat bin ich am heftigsten dadurch verstört, wie schlecht der Roman geschrieben ist. Oder haben sich gewisse Manierismen in Teilen der Rollenspiel- und Fantasygefilde mittlerweile derart eingeschliffen, dass sie gar als Tugenden guten Erzählens gelten?

Dem für mein Empfinden rand- und bandlosen Metaphern-SalatMatsch widme ich mich noch ausführlicher, hier aber ein erstes Beispiel aus dem Prolog des Romanes, wenn wir den Zwergenherrscher Gorid Seher bei seiner Morgentoilette begleiten: Zahnschmerzen werden da beschrieben als ›dumpfer, pochender Schmerz, als habe sich eine Made in seine {Gorid Sehers} Wange eingenistet und fräße sich dort nun langsam dick und satt‹. Diese Prolog-Zahnschmerzen gemahnen zudem den Zwergenherrscher daran ›was er sich und seinen Volk bald an Opfern abverlangen würde‹.

Kann sein, dass der gar so schlechte Eindruck, den dieser Roman bei mir macht, dadurch bedingt wird, dass ich zugleich einen großen Meister der gut geschriebenen (trashigen) Genre-Phantastik genieße: nämlich Kim Newman und sein »Die Vampire« (= Sammelband mit den drei Romanen »Anno Dracula«, »Der Rote Baron« und »Dracula Cha-Cha-Cha«). — Außerdem habe ich dieser Tage wieder mal ausführlicher in Michael Moorcocks ›Studie über epische Fantasy‹»Wizardry & Wild Romance« – geschmökert, und darin kommentiert Moorcock kritisch, wie die derivativen, glättenden und schematisierenden Praktiken der Franchise- und Rollenspiel-Kulturindustrie mit dem Ideenmaterial der ›Fantasy-Gründungsväter‹ (z.B. J. R. R. Tolkien, Robert E. Howard, Fritz Leiber, Poul Anderson) umgehen.

Wie gesagt folgt später noch entnervend viel zu meinem Missfallen des sprachlich-stilistischen ›Sounds‹ von »Die Zwerge von Amboss«. Jetzt erstmal Weiteres zum Inhalt.

Erste Hauptfigur ist der schon etwas ältere Ermittlerzwerg (›Sucher‹ genannt) Garep Schmied, der in der Stadt Amboss (Zentrum der Waffenindustrie) den Mord an einem Komponisten (und anderen mutmaßlichen Opfern menschlicher Untergrundterroristen) aufklären soll. Garep ist für mich ein wandelndes Abziehbild: ein grimmiger Ermittler, verbittert, weil seine Lebenspartnerin vor vielen Jahren starb und Garep mit der allseits aus anderen Fantasystoffen vertrauten Zwergendunkelsicht dem Erkalten ihrer Leiche zusehen musste (was ihn nebenbei bereits – schwuppdiwuppdi – zum großen Meister dieser Zweitsicht gemacht hat). Garep betäubt seinen Welt-/Herzschmerz mit Drogen (Blauflechten), gilt aber trotzdem (wiederum ziemlich unbegründet) als einer der besten Sucher überhaupt (trotzdem hat er erstaunlicherweise noch nie etwas von Menschen und Zwergen betriebenen Schmugglerringen gehört, welche die strengen zwergischen Ausfuhrverbote für Zwergenwaffen unterlaufen). Wenigstens läßt ihn sympathisch erscheinen, dass Garep anders als sein übereifriger Assistent Bugeg nicht viel auf das Hetzgerede der Massenmedien (›Rufer‹ genannt) über die ach so die lästigen, faulen und parasitären Menschenflüchtlinge gibt. — Immerhin ein guter Ansatz der ersten Garep-Kapitel ist, dass hier Fantasy in Form eines städtischen Krimi geboten wird. Schade nur, dass weder die Stadt Amboss noch die Krimiathmo wirklich gut rüberkommt. Der Großteil der ersten Krimikapitel besteht aus ungelenken, überfrachteten Dialogen zwischen dem skeptisch-kaputten Garep, und seinem überambitionierten Assistenten Bugeg. (Die Hoffnung auf gute Lektüre verflog mir spätestens beim Auftritt einer alten Zwergin, die als Tatort-Zeugin aussagt. Die Alte klagt und jammet darüber, dass ihre undankbare Tochter, welche mit Hurerei Geld beischafft, sich zu schlapp fühle um sich um ihr kleines Balg zu kümmern, und also die Alte aufs Dach zum Windelnaufhängen steigen muss.) —— Garep gibt im Roman den an seinen eigenen Entscheidungen zweifelnden, tragischen Helden ab, komplett mit Junkie-Einlagen und gelegentlichen wehmütigen Momenten, wenn er seine selbstgewählte Einsamkeit in Frage stellt und sich nach Liebe sehnt.

Zweite Hauptfigur ist ein Mensch namens Siris, der in Gebirgsausläufern auf dem südlich des Zwergenbundes gelegenden Kontinents der Zerrissenen Menschen-Reiche ein Leben als Monsterjäger führt. Hier werden die nach ›klassischer‹ Fantasy-RPG-Äktschn dürstenden Lesererwartungen bedient. Was eignet sich da besser, als ein einsam umherziehender, eine (in diesem Fall statt eines magischen Schwertes) zwergische Bratzschusswaffe tragender (Leone-Western-cooler) Ledermanteltyp? Die ersten Kapitel mit Siris, wenn er auf der Jagd auf ein Greifen-Pärchen ist, sind aber für meinen Geschmack auffällig undurchdacht. Da schreibt dieser Siris zum Beispiel ein Jagdtagebuch, in welchem er (angeblich) nützliche Infos für spätere Aufträge bewahren will (über verschiedenes Monster-Großwild, dessen Verhalten und wie man es am besten erlegt). Aber was bekommen wir als Auszüge zu lesen? Oberflächliche Vermutungen und sehr skizzenhafte Notizen zu den Monstern, aber massig persönliche Befindlichkeiten, schwurbelig formulierte Erinnerungen zu Siris Kindheit, viel vages Emo-Zeug. Später, auf Seite 226 wird mal erwähnt, dass Siris seit gut 10 Jahren dieses Tagebuch führt. Selbst wenn das Buch A-4 bis A-3 groß und 500 Seiten dick wäre, könnte der Siris seine wortreichen Einträge gar nicht sooo klein schreiben, dass bei seiner Logorhoe EIN Tagebuch reichen würde. — Dann, beim Kampf Mann gegen Greif gerät einiges vollends aus den Fugen. Da finden sich in einer Bergsiedlung einer von Unbekannten hingemetzelten einfachen Frömmlergemeinschaft ›eiserne Pflanzenstangen‹ (Rohstoffknappheit an Eisen kennen die wenigsten Klischeefantasywelten und so scheint selbst eine kleine Siedlung über derart viel Eisen zu verfügen, dass man sogar Pflanzenstangen daraus macht) und ordentliche Vorgartenbeete. Das von Siris mit zwei Schüssen verwundete und flugunfähig gemachte Monster attackiert zuerst seinen Bedränger, nur um dann plötzlich und reichlich grundlos wieder von ihm abzulassen.

Siris hielt den Stil des Spatens umklammert und hoffte auf ein Wunder. {…} Nach bangen Minuten, die Siris wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, entschärfte sich die Lage für ihn. Der Greif schickte ein letztes drohendes Fauchen in seine Richtung, um sich dann mit vorsichtigen Schritten rückwärts in Bewegung zu setzten. {…} Offenbar war man vor den Nachstellungen eines Greifen, der Beute geschlagen hatte, verhältnismäßig sicher, sofern man nur einen gewissen Abstand zu dem Räuber einhielt und ihn nicht reizte.

Zweimal mit einer Zwergenwumme auf einen Greifen ballern und ihm eins mit ‘nem Spaten übern Schnabel dreschen gilt hier wohl nicht als reizen. —— Im weiteren Verlauf des Romanes dient Siris dann vor allem als starker Muskel, wenn es gilt, Hindernisse zu überwinden indem jemanden aufs Maul gehauen werden muss, oder wenn hungrige Unterwegsmonster zu beseitigen sind. Zudem ist er der allem Aberglauben und Glaubensschmu abgeneigteste Charakter, ganz kampfgestählter Pragmatiker, und darf (ein paar Mal durchaus gelungen!) zur Erheiterung in ungeschicktem Zwergisch radebrechen.

Die dritte wichtige Hauptfigur der ersten Hälfte ist der junge Zwerg Himek, ein sogenannter ›Leiböffner‹ (ab und zu auch Heiler genannt, also ein in chirugischen Praktiken versierter Arzt), der zum Helfer des alten Zwergenwissenschaftlers Kolbner gefördert wird. In einer geheimen Forschungseinrichtung assistiert Himek Kolbner bei dessen Experimenten zur Schaffung von superheldenmäßig aufgemotzen Halblingen (so ähnlich wie die militärischen Superkriegerlabore von William Stryker in den »X-Men«-Comics und Filmen). Als Charakter fungiert Himek als Gegenpol zum vorurteilsverblendeten Bugeg. Himek hält die Ideale der zwergischen Aufklärungsvernunft hoch, und will seinem ärtzlichen Berufsethos treu bleiben (sprich: seinen Patienten helfen, nicht sie als Versuchskaninchen missbrauchen), gerät dadurch immer mehr in Konflikt mit seinem vorgesetzten Mentor Kolbner. — Kurz: Himek ist die positivste Identifikationsfigur, verkörpert normale (›menschliche‹) Durchschnittlichkeit vor allem dann, wenn er ab der zweiten Hälfte als Gefährte mit Siris unterwegs ist und als Kontrast zu diesem ängstlich ist und Skrupel hat.

Ich kann mir vorstellen, dass aus »Die Zwerge von Amboss« ein durchaus lesenswertes Vergnügen hätten werden können, wenn es irgend jemanden gelungen wäre, die Autoren und den Verlag davon zu überzeugen, das Manuskript stilistisch zu polieren und vor allem zu straffen. Dann läge mir statt 500 verlaberten Seiten voller ungeschickter Sprachwindungen und unplausibler Handlungswendungen nun ca. 320 Seiten mit knackig-süffiger Fantasy vor.

Im Forum von »Bibliotheka Phantastika« kam es beim Wortwechsel zwischen »Zerrissene Reiche«-Mitentwickler Ole Johan Christiansen und mir zu für mich überraschenden Einblicken, was die Intention und die Vermarktung des Buches angeht. — Ole wandte gegen meine Kritik an der Metaphernmatsche ein, ich hätte ›den literarischen Stil‹ nicht erkannt, an den sich der Roman anlehnt, und er ist so freundlich, auf meine Frage nach der Natur dieses Stils zu antworten (von mir der Lesbarkeit wegen leicht formatier hier wiedergegeben):

»Die Zwerge von Amboss«, ebenso wie die ganze Reihe, ist sprachlich deutlich an die englische Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihren überbordenden Metaphern (insbesondere im Bereich der Tierwelt) und Sprache angelegt (denn in einem Fantasy-Äquivalent zur selbigen Zeit spielt die Reihe ja), wobei dies dann durch die derben Einschläge in Verbindung mit den tatsächlichen damaligen Lebensumständen gesetzt wird. Es ist also nicht so klinisch rein wie ein Dickens, vielmehr ist es eher (wie bei »Southpark« gesehen): »Dort lernt er alles, was ein Gentleman können muss: Tanzen, Säbelfechten und Fotzenlecken.«

Ich hab das dann zusammengedampft auf ›»Die Zwerge von Amboss« als »South Park«-derbe Fantasy-Parodie, geschmückt mit den antiquieten Sprach- und Metapherngirlanden des 19. Jhds?!?!‹

Das rückt den Roman freilich in ein ganz anderes Licht. Da nutzt auch Oles Erinnerung an die Weisheit ›Trust the tale, not the teller‹ nix. Aufmachung, Ankündigungen und Besprechungen weisen die »Die Zerrissenen Reiche« aus als episches Fantasy-Abenteuer mit Krimi- und Politverschwörungselementen. —— Derart irrgeleitet, führte ich die (mich am stärksten mit Missfallen erfüllende) erzählerisch unökonomische Metaphernschwemme zurück auf (a) entweder Ungeschicklichkeit (DAS soll flotte Fantasyabenteuerschreibe sein?), oder (b) Unbekümmertheit der Autoren (DAS können die doch nicht ernst meinen), oder (c) den Zuschnitt auf Lesererwartungen einer Fantasy-Zielgruppe, für welche die von mir bemäkelte Formeln und Klischees keineswegs Indizien für ›schlechten Geschmack‹ sind, sondern lesevergnügliche Qualitätsmerkmale. —— Da in den positiven Rezis nirgendwo unterstrichen wird, dass »Die Zwerge von Amboss« als derb-satirisches Werk zu nehmen sind, sondern der Tenor dieser wohlwollenden Rezis eben meint, es würden Klischees fruchtbar ins Originelle und Spannende gewendet, zudem sogar angereichert mit kritischer politisch-gesellschaftlicher Relevanz, muss ich einer Kombination von Vermutung b und c den Vorzug geben.

Immerhin kann ich das Titelbild von Henrik Bolle loben. Richtig guter »Warhammer«-artiger Genre-Zwerg.

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Thomas Plischke (und Ole Johan Christiansen): »Die Zerrissenen Reiche 1: Die Zwerge von Amboss«; 35 Kapitel in zwei Abschnitten, eine Karte; 492 Seiten; Piper Taschenbuch; ISBN: 978-3-492-26663-5.

REZILINKLISTE (mit kritischen Fragen):

Wie kann es sein, dass es dieses Buch geschafft hat, von einem großen Verlag wie Piper verlegt zu werden? —— Warum melden sich so viele zufriedene Leser bei amazon, in Foren und Lesezirkeln zu Wort? —— Und wie kann es sein, dass sich auf den Websites der FantasyGenre-Kreise so viel Lob und Nachsicht zu diesem Buch lesen läßt?

Kurz: Anders als gepriesen wird, ist »Die Zwerge von Amboss« mitnichten der bemerkenswerte originelle Riesenschritt an Innovation auf dem heimischen Fantasybuchmarkt. Um die Qualitäten in absteigender Reihenfolge zu nennen: das Titelbild von Henrik Bolle; die Karte; der Schriftsatz, die Bindung und die Papierqualität; tja, und der Rest ist dann ein unbekömmlicher Sprachbrei mit dem eine haarsträubend hemdsärmelig zusammengezimmerte Handlung gewuppt wird.

Doch welches Fazit ziehen die Fantasy-Kreise?

  • Auf der »Phantastik Couch« gibt Carsten Kuhr dem Roman 80% und findet das Setting ›glaubwürdig und detailreich‹, und lobt die liebvoll angepassten Redewendungen. —— Kann damit wirklich auch der ganze bübisch-alberne Sextalk gemeint sein, wenn Zapfen Furchen beackern?
  • Arielen meint für »Roter Dorn«, dass der Roman was für Leser mit Anspruch ist, die Abwechslung vom seichten Fantasyzeug suchen. —— Wie seicht kann es denn noch werden? Manche Leute kennen Sachen …
  • Mistkäferl von »Bibliotheka Phantastika« spricht dem Roman 4 von 5 Sternen zu, weil Fantasy- und Rollenspielklischees liebevoll bearbeitet wurden.
  • Oliver Kotowski von »Fantasyguide« fiel mir bisher als einer der gutbegründenden Rezischreibern im Fantasybereich auf. Doch auch er findet nur ›geringfügige Makel‹, wie den zu gleichförmigen Plotfluß.
  • Jochen Adam jubelt sich für »Zauberspiegel« fast einen Haxen aus, auch wenn er in der zweiten Hälfte des Romanes mit dem Handlungstrang um die Halbingin Ulaha weniger anfangen konnte. —— Dieser Handlungsstrang ist auch arg. Ulaha ist ein sehr begabtes Medium und wird von Zwergen für Experimente missbraucht. Wenn sich Ulaha in ihren inneren Ewigen Hain zurückzieht, wirds es richtig schlimm. Dann hagelt es massig platte Esoweisheiten.
  • Auf »Fictionfantasy« gibt es zwei Rezis: Joanna Lenc findet das Buch ›erfrischend anders‹ und spannend; Erik Schreiber findet, das Buch läßt sich ›richtig gut lesen‹ und ist ›fesselnd & lebhaft geschrieben‹.

Man beachte, dass niemand das Buch als derbe Satire nimmt, sondern dieser Eröffnungsband der Reihe »Die Zerrissenen Reiche« wird durchwegs gelobt als feines episches Fantasy-Politkrimi-Abenteuer. Selbst wenn ich den Roman als Satire über (groß- und klein)bürgerliche Bequemlichkeitsdenke des 19. Jahrhunderts (deren Klischees in der Tat bis heute herumspuken) oder als Parodie auf Gerne-Routinen lese, bleibt mein Urteil ein zähneknirschendes. Für einen parodistischen Roman ist der Stil sowohl zu zäh als auch zu gespreitzt und die Figuren und Szenen nicht kurios genug. Von einem lustigen und satirischen Stoff erwarte ich durchgeknallte, überraschende Volten. Persiflierende Anspielunngen auf z.B. »Muppet-Show« und »Star Wars« können den Mangel an originellen Ideen nicht wett machen. Stattdessen gibts Gewohntes aus dem Genre-Fundus. Die Abenteuer- und Krimielemente können sich bei der Schreibe nicht wirkungsvoll entfalten. Da hilft auch der durchaus geschickte Kapitelaufbau mit seinen Cliffhangern und wechselnden Handlungsträgen nichts.

ANHANG:
Hier eine Auswahl der von mir beim Lesen markierten schwachen Phrasen, fragwürdigen Metaphern und hohlen Formeln, mit denen der Roman gespickt ist und die ich nicht anders lesen kann, denn als Merkmale eines gedankenlosen Schreibens.

Da wird ›ein wenig bedauert‹, oder ›ein bisschen Befangenheit ausgelöst‹, oder etwas ist ›bisschen unangenehm‹, oder Figuren ›glauben etwas zu spüren‹, oder Dinge ›scheinen‹ so und so zu sein.

Die Haut einer Patientin ist so ›blass wie die Blüte einer Gipfelrose‹, und (mein Favorit) gleich als Eröffnung von Kapitel 11 heißt es über eine Schiffsfahrt:

Wie eine wuchernde Schlingpflanze, die ihre unzähligen Ranken an jedem noch so feinen Riss in einer Mauer emporwachsen ließ, drang der üble Geruch von Erbrochenem, Schweiß und Kot durch jede Ritze an Bord der Schwingenritt.

Da sind Haare ›raspelkurz geschoren‹, und wenn ein mächtiger fetter Waffenschmuggler redet, heißt es ›blubberte der Koloss amüsiert‹.

Bei einem Anschlag auf ein Teehaus finden sich folgende exemplarische Metaphernsalatzeilen (Seite 203):

Mit dem Geräusch, mit dem eine überspannte Lautensaite reißt, platzte die Scheibe hinter der Ruferin nach innen. Aberhunderte gläserner Klingen wirbelten durch die Luft und schnitten durch Stoff, Fleisch und Knochen.

Nicht Glassplitter oder Glasscherben, nein Glasklingen. Und wenn eine Scheibe beim Zerplatzen klingt wie eine reißende Lautensaite, dann weiß auch der letzte Skeptikerdepp wie ich, dass hier wohl Magie angewandt wurde (zumindest ist Magie immer eine gute Ausrede/Begründung selbst für die benacktesten stilistischen Effektideen).

Fromme Verse die eine Gläubige aufschreibt, werden als ›Hervorbringungen ihres Geistes‹ bezeichnet.

Unheimliches Schädelbrummen bei einem Experiment wird als ›Summen wie von Abertausenden zorniger Bienen‹ beschrieben. Kurz darauf heißt es beim Platzen von Blutgefäßen der Augen eines menschlichen Versuchkaninchens:

Wie Dutzende winziger roter Schlangen krochen feinste blutige Fädchen unbeirrbar über die Augäpfel des Menschen.

Da pocht mal ein Herz ›dumpf wie eine Kesselpauke‹, kurz darauf (auf S. 259) heißt es …

{… ihr} Herzschlag donnerte irrsinnig laut, ihr {Ulahas} Blut rauschte wie ein reißender Wildbach durch die Adern, und mit jedem Atemzug schien sie einen gewaltigen Felsen auf ihrer Brust ein winziges Stückchen weiter vor sich herunterzuschieben.

Rauchschwaden wabern in einem scheinbar ewigen Tanz umeinander.

Bei einer Flussfahrt durch eine Schlucht kommt es Siris ›beinahe so vor, als glitte er von unsichtbaren Händen getragen über eine breite Prachtstraße …‹.

Da erwacht eine Halblingin aus einem traumsatten Schlaf und ihr …

{…} Mund war trocken, und ihre Lippen und ihre Zunge formten die Worte so ungelenk und schwerfällig, wie ein ungeschicktes Kind mit dicken Fingern einen Klumpen Ton in eine Vase zu verwandeln versuchte.

Da wird über den Zwerg Bugeg, der zum sonderbevollmächtigten Ermittler (= Jäger) ernannt wurde gesagt (S. 344):

Er war wie ein Grubenhund, den man jahrelang unter der Erde gehalten hat und der plötzlich die Witterung der unendlich weiten Welt über ihn aufnimmt.

Abgesehen, dass mit derart gewundenen Zeug dauernd Zeilen geschunden werden: müsste es nicht ›Welt über sich‹ statt ›Welt über ihm‹ heissen?

Viele Kutschen sind ein Tross. Und ich dachte, ein Tross ist dieser Haufen Zivilisten, die einem Heer folgen.

Die Freundin des übereifrigen, von Vorurteilen verblendeten Anakin Bugeg wünscht sich, ›sie hätte Bugeg noch etwas mehr Wärme auf seinem weiteren Weg mitgeben können‹. —— Subtile Charakterarbeit, fürwahr.

Ein Flammenwerfer klingt wie ein ›jäh einsetztes Fauchen wie von einer gewaltigen Felsenkatze‹; kurz drauf wird das versprühte Brandmittel als ›lodernder Rotz‹ beschrieben. Lodernder Rotz ist durchaus gut. Mehr solche knappen und knackigen Metaphern, und ich wäre nicht so unleidlich wegen des Buches.

Ein Zwerg trägt einen Gedankenschütz-Helm (S. 362) und mit dem …

{…} sah er so ungeschlachtet aus wie eine von einem Kind geknetete Tonfigur, das für sein Spielzeug eine viel zu große, bleierne Kugel als Kopf auserkoren hatte.

Zwerg Garep und Menschenfrau Arisascha (die frömmelnd tuende Schwester von Monsterjäger Siris) auf der Flucht mit der Eisenbahn (S. 373):

Die Geschwindigkeit des Zugs, der unter ihren Füßen summte und klackte, als befände sie sich im Inneren eines riesigen, stählernen Tausendfüßlers, war wahrlich beeindruckend.

Dann kommt es zu Verfolgungsäktschn im Speisewagen:

Die anderen Reisenden wichen vor ihnen zurück, als wären Arisascha und Garep zwei mit aufgeplatzten Pestbeulen überzogene Bettler.

Wie es sein muss, wird aufs Dach des Zuges geflüchtet, dabei ein Tunnel durchquert und Arisascha macht sich flach, …

{…} aus Angst, ihrem Kopf könnte es an der Tunneldecke ergehen wie einem Stück Käse an der Reibe.

Ein Halbling mit mentalen Superkräften will dann Arisaschas Körper übernehmen, was sich so anfühlt:

Es war ihr, als hätten sich ihr zwei riesige Hände um den Kopf gelegt, die unerbittlich zudrückten, als wollten sie ihr das Hirn aus dem Schädel pressen.

Ein Verhandlungsgespräch zweier Helden mit lokalen Gängstern (= Freibündler genannt) ist ein Höhepunkt an RPG-Klischeeschwachsinn. Wenn der geflohene und nun gegen seine alten Herren vorgehende Widerständler Himek mit dem menschliche Monsterjäger Siris zusammen ist, (S. 389) …

{…} kam er sich ein wenig vor, als hätte man ihn in einer winzigen Kammer mit einem wilden Bergparder eingeschlossen.

Siris wird nun das ganze Kapitel durch mit entsprechenden Metaphern beschrieben: ›Der Bergparder spitzte jäh die Ohren und peitschte aufgertegt mit dem Schwanz.‹›So wie es aussah, hatten die beiden Freibündler die Geduld des Bergparders über Gebühr strapaziert, und nun zeigte die Bestie ihre Krallen‹

Himek ›kneift seinen Hintern zusammen‹ als er sich mit Siris an den Tisch des Freibündlerchefs Bibet Darmwäscher setzt. Als sich die Verhandlung etwas entspannt, zeigt sich auch Himeks ›Schließmuskel eigenartig ruhig‹. — Wirklich innovative Prosa vom Feinsten. Das ist so in etwa das Niveau, weshalb ich keinen Fernseher mehr habe. Alleine schon beim Zappen derartiges kurz zu streifen ist mir zu peinvoll.

Die Stimme des Freibündlerchefs klingt, ›als würden irgendwo in den Tiefen seines Bauches zwei Felsbrocken andeinandergerieben.‹ — »Herr der Ringe«-Making of geguckt, wa? Oder wie haben die Soundeffektjungs von WETA das Balrog-Gebrüll hergestellt?

Weiter mit den Großkatzenmetaphern. Wenn ein gefährlicher Monsterjäger und ein skrupelloser Gängsterchef ein Willenskraftfingerhakeln veranstalten, dann kann man was erleben:

Himek hatte das Gefühl, zu ihm und dem Bergparder hätte sich mit Bibet Darmwäscher nun noch ein weiteres gefährliches Geschöpf in die viel zu kleine Kammer gesellt – und falls die beiden Bestien aneinandergerieten, würde er von ihren Bissen und Klauenhieben bestimmt zerfetzt.

Kurz darauf: ›Hätte der Bär aus dem Bergparder etwa eine zahme Hauskatze gemacht?‹

Die Verhandlung mit Darmwäscher beendet Siris dann auf Hauruck-Weise mit etwas Sprengpulver, welches er anzuzünden droht. Zwerg Himek fällt fast in Ohnmacht vor Angst und Aufregung (S. 399):

Wie Blasen, die vom Grund eines Sees nach oben stiegen {es gibt auch Blasen in Seen die nach unten sinken?!}, tauchten vor Himeks geistigem Auge die Lichtbilder von Unfällen mit Sprengopfern auf, {…} Verbrannte Haut, die aussah, als könne man sie so leicht abziehen, wie das Fleisch von einem gebratenen Wachtelknochen. {…} Gedärm, das sich wie makabre Girlanden um die geborstenen Stützbalken eines halbeingestürzten Stollens wickelte {Girlanden die sich selbst um etwas wickeln?!}.

Und freilich flößt soviel Tollkühnheit dem Gängsterchef Respekt ein, was eine schöne Kostprobe der liebevollen Redewendungskunst von Plischkes Weltenbau liefert:

»Beim fetten Arsch meiner Mutter!«, prustete Bidet. »Die Steine in deinem Sack müssen so groß sein, wie meine Fäuste, und wenn du dich so auf mein Gesicht setzt, muss ich daran ersticken.«

Weiter mit Uluha, der Halblingin mit den geistigen Superkräften, bei einem weiterem Experiment in einem geheimen Forschungslabor der Verschwörerzwerge (S. 403):

Ihr Geist breitete sich in der Menschenfrau aus wie ein Kind, das in einem Mantel hineinwuchs, den es von einem seiner älteren Geschwister übernommen hatte.

Halt nur in Zeitraffer versteht sich. Uluha macht es sich im Körper der Menschenfrau bequem.

So wie ein plötzlicher Windstoß die Asche aus einem Kamin bläst, vertrieb das Summen die Mattigkeit aus dem Schädel von Ulahas Hülle.

Und geht dann zum Würgeangriff gegen einen Assistenzzwerg über:

Der Zwerg, dem fingerdicke Adern auf der Stirn anschwollen wie Egel, die sich unter seiner Haut die Bäuche vollschlugen {…} als das Auge dem Druck nicht länger standhielt und zerplatzte wie ein fauler Apfel unter dem Huf eines Ponys.

Später wird Ulaha aus Sicherheitsgründen mit einer Hannibal Lecter-Sackkarre transportiert. Das Wort Sackkarre aber ist zu speziell, zu komplex. Das muss umständlich geschildert, den Lesern die von der ganz seichten Fantasy kommen erst nahegebracht werden und so beschreibt Plischke das ›merkwürdige Gefährt‹ als ›Karren, mit dem in Lagerhäusern schwere Säcke oder Fässer transportiert werden.‹ —— Die Stäbe einer zwergischen Funkenbogenmaschine, die etwas mit Elekträzität (heller Energie) zu tun hat, werden aus Ulahas Sicht beschrieben (S. 418):

{…} Stäbe, die mehr Wülste aufwiesen als das Gedärm, das ihr Vater an Schlachttagen aus den Bäuchen der toten Kaninchen gezogen hatte.

Kurz darauf wird – wie schon die Tonknetmetapher – eine andere Klischeemetapher wiederverwertet:

Die Maschinerie gab nun ein ohrenbetäubendes Summen und Surren von sich, als schwirrte zwischen ihren Streben und Stützen ein gigantischer Hornissenschwarm umher.

Kostprobe eines luschtigen Anspielungs-Gägs gefällig? Zwergenzigeuner heißen ›Rollende Steine‹ (S. 436).

Bugeg verliehrt die Nerven, als er kapiert, dass er in seiner Funktion als Sonderermittler von den Zwergenverschwörern benutzt wurde. Also: ›Er lachte irr‹ und aufgebracht ›röhrte er‹.

Im Handlungsstrang mit Himek und Siris kommt ein Zwerg aus einem Kanalabstieg (S. 454):

Aus der Öffnung wuchs gleich einer unheimlichen Pflanze, wie man sie nur in den verstörensten Träumen sieht, eine unförmige Knolle.

Kurz darauf geht, unterwegs in der Kanalisation, der Metapherngaul mit Siris durch:

Wenn er sich allein auf das Urteil seiner Nase hätte verlassen müssen, wäre Siris zu dem Schluß gekommen, dass er im Bauch eines riesigen ausgeweideten Schweines stand, dessen Koch sich dazu entschlossen hatte, den Kadaver einige Tage in der prallen Sonne liegen zu lassen, ehe er ihn mit schimmeligen Pfirsichen, vergammelten Fisch und faulen Eiern gestopft hatte, um ihn anschließend sorgsam zuzunähen.

Und als Mensch in der Finsternis, der, anders als die beiden ihn begleitenden Zwerge, keine Dunkelsicht hat welkte sein Stolz dahin ›wie eine Rose unter der glühenden Sonne der Großen Salzbrache‹. —— Als er dann mit dem Kopf an eine Wand knallt zaubert der ›Schmerz ihm wirbelnde Räder aus Feuer vor die Augen.‹

In den Kanälen lauern freilich Ungeheuer und nach Geballer im Dunkeln wird die Erleichterung von Zwerg Himek so geschildert (S. 463):

Himek hab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Schluchzen und einem Lachen lag, wie ein Kind, das sich darüber amüsierte, auf besonders spektakuläre Weise von einer Mauer gefallen zu sein und diesen Sturz nicht mit dem Leben, sondern nur mit ein paar aufgeschürften Knien bezahlt zu haben.

Insektoide Empfindungsbeschreibungen gibts auch: ›Von seinem Ellenbogen aus tanzten ihm giftspritzende Ameisen unter der Haut den Arm hinunter‹, oder ›Tausend Ameisen kribbelten durch ihr Bein und in ihren Unterleib hinein.‹

Eine Schußwunde wird dramatisch umschrieben: ›Zwischen den Blüten auf seinem Hemd erblühte eine große Rose.‹

Das Opfer eines tödlichen Lähmungsgiftes wird so beschrieben: ›{…} kippte um wie eine bizarre Statue, die der Phantasie eines grausamen und wahnsinnigen Künstlers entsprungen war.‹

Zum Schluß noch eine kleine Liste mit frommen Sprüchen, die es stets schafften mich zu nerven, egal ob sie von Menschen, Zwergen oder Halblinginnen stammen. Da knüppeln dann Plattheiten wie folgende auf den Leser ein:

  • ›Es gab kein Leben ohne Blut, ohne Blut kein Leben und ohne Leben keinen Tod.‹
  • ›Das Rätsel des Glaubens liegt im Leugnen des Wissens.‹
  • ›Der Traum ist die Stimme der Welt, die wir nur hören können, wenn unser Geist schweigt.‹
  • ›Auch wer eine Fackel trägt, ist manchmal blind.‹
  • ›Der stärkste Ast bricht, wenn zu viele schwarze Vögel ihr Nest auf ihm bauen.‹ —— (Und wenn es nun weiße, oder braune Vögel sind?)
  • ›Der Glanz der Herren offenbart sich in den Hervorbringungen der fleißigen Hände Arbeit ihrer Knechte und Mägde.‹
  • ›Doch leider zeigt sich das Wirken der Herren häufig anders, als ihre Mägde und Knechte es begreifen.‹
  • ›In welchen Dingen gibt es schon endgültige Gewissheit?‹ {…} ›Doch nur im Tod und in der Liebe.‹
  • ›Es sind die kleinen Dinge, die am Ende das Große schaffen, während das Große oft in kleine Dinge zerschlagen wird.‹
  • Kostprobe von Bugegs Vorurteilsgeblah? Bitteschön:

    »Da hat mein Großvater wohl recht gehabt. Trau nichts mit einem Schlitz zwischen den Beinen, hat er immer gesagt. Die verschweigen nämlich mehr Geheimnisse, als ein Pony Haare im Schweif hat.«

  • Wie ›weise‹ sind doch da Arisaschas Worte über Geheimnisse und Notlügen:

    »Selbst wenn sich zwei Wesen in tiefer Zuneigung zugetan sind, gibt es manchmal unverrückbare Dinge, die zwischen ihnen stehen. Bisweilen ist es besser, über diese Dinge zu schweigen, anstatt sie zu zerreden. Deshalb habe ich auch darüber geschwiegen, weshalb ich meine Heimat wirklich verlassen habe. Ich hatte Angst davor, du würdest es nicht verstehen, Garep, und ich hatte Angst, dass dieses Unverständnis zum fruchtbaren Acker der Abscheu wird, wie es so häufig vorkommt.«

Diese Materialschlacht mag nervig sein, aber ich habe den Verdacht, sie ist nötig und vielleicht auch hilfreich, denn ich wage zu meinen, dass es zwischen Anspruch des Buches, seiner Platzierung im Fantasymarktsegment durch den Verlag und der Aufnahme durch das wohlwollende Lesepublikum zu einigen Missverständnissen und Ungeschicklichkeiten gekommen ist. Mag sein, dass ich das Buch als derbe und gespreitzte Satire freundlicher aufgenommen hätte. Aber ich habe es wohl nicht mit einer groß anderen Erwartung gelesen, als seine freundlich gesinnten Leser: ich dachte, große Fantasyepik geboten zu bekommen, bei der die allzu vertrauten Routinen des Genres entstaubt und revitalisiert werden. Aber selbst als spaßige Mischung aus Abenteuer und Ulk funktioniert »Die Zwerge von Amboss« für mich nicht. —— Die Verwirrung nach dem erhellenden Austausch mit Ole Johan Christiansen im »Bibliotheka Phantastika«-Forum aber läßt mich zweifeln, ob meine (über?)kritische Lesart dem Roman gerecht wird. Wahrscheinlich wird sie das nicht. Bei Gelegenheit werde ich also entgegen meiner ersten Reaktion nach Beendigen des ersten Bandes der Reihe über »Die Zerrissenen Reiche« auch dem zweiten Band »Die Ordensritter von Goldberg« eine Chance geben. Immerhin werde ich dann besser wissen, worauf ich mich einlasse, und vielleicht dann mit mehr belohnt werden, als einem masochistisch-galligen Korinthenkackerleseerlebnis.

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2 Kommentare

  1. emp1 Says:

    „Die Zwerge von Amboss“ wurde bei „vorablesen“ vorgestellt (http://www.vorablesen.de/node/2277).
    Das bedeutet erstens, dass hundert Gratisexemplare unters Volk gebracht wurden, und dass zweitens das Weiterverbreiten der Rezensionen im Internet ausdrücklich gewünscht wird. Deswegen gibt es so viele Kommentare in Foren, bei amazon etc. Das ist bei allen vorablesen-Büchern so.

  2. molosovsky Says:

    Danke für den Hinweis auf diese seltsame Website.
    War mir zwar bekannt, aber die Rezensionen dort erschienen mir zu gruselig. Dort gibt es auch einige negative Reaktionen, die aber eher in die Richtung gehen: »Nix für echte Zwergen-Fans die Heitz mögen«, oder »Wollte zuviel: Krimi und Gesellschaftskritik und Fantasy … soll sich mal entscheiden … weniger wäre mehr gewesen«. —— Und auch bei »Vorablesen« habe ich keine Hinweise dazu entdeckt, dass ein Leser den Roman als derbe Satire versteht.

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