Donnerstag, 13.12.2007 | 16:16 Uhr

Autor: Oliver Gassner

Statement der Literaturveranstalter Berlins

Normal gibt’s hier selten Pressemitteilungen.

Ausnahmen bestätigen diese Regel.


Statement der Literaturveranstalter Berlins

In einem Brief vom November 2007 informierten die traditionsreichen Berliner Stadtmagazine zitty und tip darüber, den Veranstaltern/Bühnenpartnern in Berlin „weiterhin den Service anzubieten, kostenlos Veranstaltungshinweise zu veröffentlichen.“ Allerdings werde die an die CineMarketing GmbH abgegebene „Digitalisierung und Aufbereitung“ der Daten „leider nicht mehr völlig kostenlos möglich sein“. Es folgen ein paar Sätze der Beruhigung, es seien „so niedrige Beiträge ausgehandelt, dass niemand benachteiligt wird“ etc. Allerdings können die Beiträge bis zu 400 € im Jahr betragen. Der Brief liegt im Wortlaut diesem Statement bei.

Die Literaturveranstalter Berlins konstatieren:

1.) Beide Stadtmagazine kennen die Situation vieler Kultureinrichtungen der Stadt gut, wie ihren redaktionellen Beiträgen zu entnehmen ist. Für die Literaturveranstalter ebenso wie für eine Vielzahl anderer Veranstalter, die in der Regel mit schmalem Etat ein anspruchsvolles und umfangreiches Programm präsentieren, sind 400 € viel Geld, keineswegs ein „niedriger Beitrag“. Die Berliner Kulturszene lebt auch und gerade von der Vielzahl und Vielgestalt kleiner Kulturveranstalter, die diese Gebühr nicht zahlen können. Dazu kommt, dass die Zahlung keine Garantie für den tatsächlichen Abdruck der Veranstaltungshinweise beinhaltet.

2.) Die doch eigentlich um die Leserschaft konkurrierenden Stadtmagazine schließen sich zusammen, um unter Ausnutzung ihrer so erhaltenen Monopolstellung die Veranstalter in Zugzwang zu bringen. Veranstalter, die die geforderten Beiträge nicht zahlen wollen oder können, wären weder in der Zitty noch in Tip, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, [030] sowie den dazugehörigen Onlinekalendern präsent.

3.) Die Veranstalter sollen für einen Service zahlen, der den Stadtmagazinen ihre Existenzberechtigung gibt und eigentlich zum journalistischen Selbstverständnis der betroffenen Zeitungen und Zeitschriften gehört. Die Serviceleistung soll also sowohl von den Veranstaltern finanziert als auch nochmals vom Käufer bezahlt werden. Das ist schlicht und einfach dreist.

4.) Die Veranstalter würden mit einer Zahlung einer weiteren Hierarchisierung der Kultureinrichtungen nach Kriterien der Finanzkräftigkeit zustimmen.

5.) Die Veranstalter würden mit einer Zahlung indirekt dem Abbau von Redaktionsstellen in zumindest einem der Stadtmagazine zustimmen.

Aus allen diesen Gründen verwehren sich die Literaturveranstalter Berlins entschieden gegen eine solche Praxis, die sich sowohl gegen das journalistische Selbstverständnis als auch gegen die Vielfalt des Kulturlebens richtet.

Mittlerweile sind die Stadtmagazine von ihrer Position etwas abgerückt und haben angeboten, dass man Veranstaltungen kostenlos selbst eintragen kann. Dieser Vorschlag berührt aber die Kernpunkte unserer Kritik nicht. Auch so wird eine Monopolstellung genutzt, um die Kernkompetenzen der Stadtmagazine zum Outsourcing freizugeben. Zwar bezahlen die Veranstalter dann nicht CineMarketing, doch sie würden den Redaktionen ihre eigene Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung stellen und damit z.B. einen Stellenabbau weiterhin begünstigen.

Berlin, 13.12.2007

Unterzeichnet von

Akademie der Künste

Bastardslam (Poetry Slam)

Berliner Künstlerprogramm des DAAD

berlinerWald

Brauseboys-Lesebühne

Der Frühschoppen – Lesebühne im Jazzclub Der Schlot

Kulturprojekte Berlin

LesArt

Der Literarische Salon

Literarisches Colloquium Berlin

Literaturforum im Brecht-Haus

Literaturhaus Berlin

Literaturwerkstatt Berlin

Matthes & Seitz

Querverlag

Schwarze Risse Buchläden

Spokenwordberlin

Surfpoeten

Tanzwirtschaft Kaffee Burger

Transmediale

Ullstein Verlage

Verlag Assoziation A

Verlag Bertz & Fischer

Verlag Elfenbein

Verlag Klaus Wagenbach

Verlag Lukas

Verlag Rotbuch

Verlag Trescher

Volksbühne-Berlin

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2 Kommentare

  1. dirk Says:

    Irgendwie … finde ich einen Protest gegen eine Sache, die vom Tisch ist, einzig weil durch die Selbsteingabe der Termine in ein Online-Formular (statt sie auf einen Zettel zu schreiben und den abzugeben) vielleicht bei einer Privatfirma ein Eintipp-Arbeitsplatz wegfällt, etwas überzogen. Um nicht zu sagen: albernst.

    Dass hier eine Art Monopol vorliegt, sehe ich auch, aber wieso dagegen protestieren, statt ein Konkurrenzblatt aufzumachen? Wenn so viele zusammen sind, ginge das gut. „Berlintermin“ oder so was. – Bei diesem Schreiben frage ich mich nämlich, an wen es sich richtet. An Tipp & Zitty? Dass sie in sich gehen und sich bessern? An den Senat, damit er ein staatliche Alternative aufzieht? An die Bürger, damit sie alle Beschwerdebriefe schreiben? Steht nicht drin und ich wundere mich.

    Ok, es steht „Statement“ drüber. Man wollte also nur mal öffentlich vor sich hin grummeln.

  2. Oliver Gassner Says:

    Yep. bei den 2.0ern bei denen ich so rumhänger fragt amn sich sowieso, wieso das kostbares papier verdruckt wird. webservice, gutes Mobilportal, etc. n Berliner Kunde von mir ist da dran 😉 (schon vorher)

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