Sonntag, 29.10.2006 | 11:18 Uhr

Autor: Dostoevskij

So viele Bücher, so wenig Zeit

So viele Bücher, so wenig Zeit!: Was werden wir noch lesen, was sollten wir lieber aussortieren? Melancholische Gedanken beim Durchforsten der eigenen Bibliothek.“ Ein Artikel von Michael Naumann in der Zeit 44/2006. Im Literaturschockforum existiert ein Thread dazu. Eine Anekdote aus Naumanns Text: „‚Wer soll das alles lesen?‘, fragte Helmut Kohl bei seinen regelmäßigen Besuchen der Frankfurter Buchmesse, und als er eines Tages diese Frage am Stand des Rowohlt-Verlags wiederholte, sagte ich ihm: ‚Herr Bundeskanzler, wenn Sie eine Bäckerei betreten und sehen Hunderte Brötchen, fragen Sie doch auch nicht, ›Wer soll das alles essen?‹‘ ‚Das‘, antwortete er recht freundlich, ‚das ist für mich kein Problem.‘ Da hätte ich ihn fast umarmt, aber das ging nicht mehr.“

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3 Kommentare

  1. Christoph Mann Says:

    Kann ich mir gut vorstellen, dass es unmöglich war, helmut kohl zu umarmen…Wer soll das alles lesen? Gute Frage, man ist ja als Feierabend-Leser durchgehend damit beschäftigt, irgendetwas „Klassisches“ zu lesen, ärgert sich dabei, etwas zeitgenössisches nicht zu lesen, liest dann etwas zeitgenössisches und, naja, die to-read-listen sind wohl meterlang, man ärgert sich über einen fehlgriff (welch vergeudete zeit), plant in die zukunft, entdeckt einen neuen autor, und dann plötzlich noch einen…jaja…hat nicht einmal ein medienforscher unsere heutige medienwelt dadurch charakterisiert, dass man nicht mehr nach medien suchen, sondern sich vor unnützen medien bewahren muss? Dass also der gewinnt, der fähig ist, den wald zu übersehen und die bäume wahrzunehmen?

  2. molosovsky (Alexander Müller) Says:

    Mal anders das pferd zäumen: ich hab aus langeweile mit 13 das lesen entdeckt, und das war gut so. Ich war hyperaktiv und wäre sicherlich ein ganz schlimmer finger geworden, wenn ich meine teenagerjahre mit abends weggehen, bier trinken und moped-frisieren rummgebracht hätte. So saß ich meinem zimmer und las. Nun, ca. 20 jahre später wurschtel ich mich weiter durch den erwerbs (bzw. im moment: erwerbslosen-)alltag und lese immer noch jede minute meiner freien zeit und ich hab, so alles gut geht, noch 30 bis 50 jahre lesezeit vor mir. Stresst mich der umstand, daß ich nicht ALLES, was mir gefallen könnte, lesen kann? Nein. Manchmal gräme ich mich, daß ich zu wenig mittel hab, um an bestimmte bücher rannzukommen. Aber dieser stich tritt selten auf. Ich muß nicht an allen aktuellen diskursen teilnehmen, und entsprechend neuerscheinungen nachhetzten (egal ob deutsch- oder englischsprachig — obwohl ich mich auf zweiterem gebiet schon eher mal gräme, wenn ich bis auf verramschung von titeln warten muß). Und die klassiker? Die sind schon ein schwerzvolleres gebiet. Wie gerne würde als besitzer z.B. die dramen und gediche von Wolf von Niebelschütz lesen, oder das komplette »Tutti Frutti« von Fürst Pückler, oder den ganzen »Phantasus« von Tieck. Alles weit jenseits meines geldbeutelhorizonts (vom «Codex Seraphinianus« will ich gar nicht anfangen — oops, schon erwähnt). Das ist natürlich alles ärgerlich für mich bibliomanen. Aber ich bin ja ein querbeetleser und schnell ablenkbar. Andererseits bin ich mir nicht zu fein, makulierte bücher der stadtbücherei zu kaufen (50 cent) und hab im letzten jahr mehr titel nach hause geschleppt, als ich derzeit lesen kann 8ich hamstere also für noch schlechtere zeiten). Auch wurscht: ich les ja ger queer und durcheinander: mal ne halbe stunde John Locke aufm klo, dann Cicero beim nudelmachen und abends was musenvolles wie Susanna Clarkes »Jonathan Strange & Mr. Norrell« (mängelexemplar, das 6 €uronen kostete).

    Frage mich, ob steinzeitmenschen beim blick auf eine herde wildschweine sich auch dache: »So viel fleisch! Wer soll das alles essen!« — Will sagen: mit diesem »Was lesen, was behalten, was auslassen und weggeben?«-problemchen befinden wir uns ja weit im reich der luxus-wehwehchen. Ich kann nur empfeheln, es mit dem sammeln von büchern nicht zu überteiben. Horten ist in meinen augen ein eher krankhaftes verhalten. Deshalb hab ich vor jahren beschlossen, daß ich pi mal daumen nicht mehr als 3000 bücher anhäufe. Erste reihe mit den bewährten sachen, zweite reihe mit den ausgelesenen sachen die ich nicht greifbar brauch, wegschenkstapel mit sachen die aussortiert wurden und wenn dieser stapel zu weit ins zimmer wuchert, werden die dinger zu Oxfam oder zur stadtbücherei getragen.

    Ansonsten ist die frage nach dem eigenen bibliotheksbestand ja immer eine individuelle frage des ›fachgebietes‹. In meinem falle ist das eben phantastik, und da fäll ja viel drunter, von genre-sachen bis hin zu dingen, in denen gesellschaftliche, ideologische großphantasmen verhandelt werden (also von z.B. Platon und Marx bis Carl Schmidt und Frans de Wals). Als phantastik-edelfachdepp bin ich also qua spezialfilter gefestigt und muß wenig fingernägelknabbern, denn ich weiß, was ich mag und was relevant für mich ist. Bleibt mir halt, anderen zu wünschen, sich nicht durch peergroup-geschnatter und hype-PR-kanonen draussbringen zu lassen aus der für die lesemuse nötigen gelassenheit.

  3. andreaffm Says:

    Ach was! der Naumann war das also, den ich damals belauscht hab:

    http://gig.antville.org/stories/544394/

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