Freitag, 23.02.2007 | 23:24 Uhr

Autor: Jochen Heller

Schwarze Bücher

Es ist immer schön, wenn man etwas über Novitäten erfährt. Es ist auch immer schön, wenn junge Autorinnen und Autoren rezensiert werden und im Gespräch sind. Das ist sehr gut für sie.

Für gute Bücher ist es aber auch schön im Gespräch zu bleiben, egal wie alt sie sind. Das ist gut für die Verlage und für die Buchhandelslandschaft im Ganzen, denn jedes Buch landet in der Backlist. Und es ist gesünder, wenn sie, die Backlist, den Großteil des Umsatzes ausmacht und nicht die Neuerscheinungen. Gesünder, weil sich langfristiger planen lässt, man nicht panisch nach noch neuerem, noch spektalulärerem, noch nie dagewesenem, oder ständig neue Trends suchen muss und Gefahr läuft, die Übersicht zu verlieren.

Gesünder auch deswegen, weil es angenehm für den Kunden, den Leser, sein kann, den Überblick nicht zu verlieren in der Novitätenflut. Genauso für den Buchhändler, der ja dem Leser den Überblick erleichtern will, indem er ihm eine Vorauswahl aus dem unermesslich breiten und tiefen Buchangebot bietet.

Und schließlich auch gesünder für den Autor, dessen Halbwertszeit sich in einer lebendigen Backlist drastisch erhöht und ihn nicht nach nur einem Jahr schon in die Gefahr bringt, nur noch beim Stöbern im Modernen Antiquariat gefunden zu werden.

Ich möchte daher die nächste Zeit Bücher aus der Backlist vorstellen. Dabei möchte ich mich nicht als übermäßig literaturbeflissener Bildungsbürger aufspielen. Es werden einfach nur die Bücher vorgestellt, die mir irgendwie in die Hände gefallen sind und mich angesprochen haben.

Und da mir aufgefallen ist, dass ich momentan eine schwarze Phase, eigentlich eine farbige, habe, beginne ich mit der Reihe: Schwarze Bücher.

Das erste in dieser Reihe ist eigentlich kein schwarzes, sondern ein weißes Buch. Es war glaube ich ein wichtiges Buch in den Sechzigern, das in den Südstaaten der USA spielt. Meine Mutter hat es uns zum Abendessen vorgelesen, meine Schwester hat es damit beim Lesewettbewerb in der sechsten Klasse bis in die Landesausscheidung geschafft und – mir fiel es jetzt wieder in die Hände: Harper Lees Wer die Nachtigall stört (OT: To Kill a Mockingbird).

Es ist das einzige Buch der Autorin, ein Pulitzerpreisgewinner, Vorlage eines oscarprämierten Films – ein amerikanischer Klassiker. Es passt deswegen in die Reihe, da es das Thema Rassismus, wahrgenommen durch die Augen eines weißen Mädchens, behandelt.

Und ich mag dieses Buch. Es eignet sich gut zum Vorlesen. Man taucht ein in die Welt der Südstaaten in den dreißiger Jahren, eine Welt, die mir erstaunlicher Weise ausgesprochen präsent ist. In so vielen Filmen und Büchern wird diese Zeit aufgenommen und verarbeitet, dass sie tatsächlich für mich ein Thema darstellt, obwohl sie primär mit mir gar nichs zu tun hat. Aber ich halte mich da im Geiste immer wieder auf. Wahrscheinlich weil es da so subtropisch warm ist. Wahrscheinlich, weil dort der Blues geboren wurde. – Ich weiß es nicht.

Eine Vergewaltigung geschieht in dem verschlafenen (fiktiven) Nest Maycomb, Alabama. Ein Schwarzer wird der Tat beschuldigt. Ein weißer Pflichtverteidiger ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Der weiße Rest der Gemeinde sieht in ihm einen Nigger, der schon wegen seiner Hautfarbe schuldig sein muss.

Scout Fink, die Tochter des Anwalts, erlebt nun, wie sich in ihrer Stadt der Rassismus breit macht. Aber das ist nicht der Tenor des Buches. Kein gesellschaftskritischer Aufschrei. Nein, es ist die hübsche Erzählung eines klugen, jungen Mädchens, das im Spiel mit ihrem älteren Bruder und einem Freund in die Geschehnisse hineingezogen wird. Das mit Kinderaugen versucht, die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Eine Welt, die für die Kinder voller Magie und goldig schauriger Hirngespinste steckt.

Eine flüssig und liebenswert erzählte Kindheitsgeschichte, für meinen Geschmack. Eine, die sich unbedingt lohnt, gelesen zu werden und es auf keinen Fall verdient hat, ganz hinten im Regal einzustauben und vergessen zu werden.

Harper Lee, Wer die Nachtigall stört

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