Freitag, 12.10.2012 | 19:51 Uhr

Autor: Andreas Schröter

Richard Ford: Kanada

Richard Ford: »Kanada«Richard-Ford-Fans mussten auf das neue Werk des 1944 geborenen amerikanischen Autors fünf Jahre warten. Nach dem Abschluss seiner Bascombe-Trilogie mit „Die Lage des Landes“ 2007 ist in Deutschland erst jetzt ein neuer Ford-Roman erschienen. „Kanada“ heißt er.

Der Ich-Erzähler, Dell, erinnert sich als 66-Jähriger an die Zeit, als er 15 war, seine Eltern einen Banküberfall verübten und kurze Zeit später verhaftet wurden. Das verändert das Leben Dells und seiner Schwester Berner logischerweise radikal. Sie reißt aus, er landet bei einem zwielichtigen Hotelbetreiber in Saskatchewan, Kanada, und dessen Gehilfe. Besonders der Hotelbesitzer hat, ähnlich wie Dells Eltern, einiges auf dem Kerbholz, wie der weitere Verlauf des Buches zeigt.

„Kanada“ ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil, der genau die Hälfte des gesamten Buchs ausmacht, handelt von der Zeit vor und direkt nach dem Banküberfall im Jahre 1960. Teil zwei, fast ebenso lang, behandelt die Zeit nach Dells Übersiedlung nach Kanada und seine Erlebnisse dort. Im dritten Teil, der im Jahre 2010 spielt, trifft Dell seine Schwester Berner wieder.

Der gesamte Text wirkt ein wenig in die Länge gezogen. So lautet der erste Satz: Zuerst will ich von dem Banküberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben.“ Besagter Banküberfall ereignet sich jedoch dann erst auf Seite 111. Der Handlungsfluss wird immer wieder durch philosophische Überlegungen sowie durch Sätze unterbrochen, die man so oder so ähnlich meint, bereits ein paar Seiten zuvor gelesen zu haben. Sie wirken redundant. Das Gefühl, man hätte den Roman um ein gutes Drittel kürzen können, ohne eine wichtige Aussage zu verlieren, setzt sich bis zum Ende fort. Irritierend ist auch Fords Eigenart, immer schon vorher anzukündigen, was demnächst passieren wird. Auch wenn es banal klingt: Das schmälert die Spannung.

Insgesamt reicht „Kanada“ nicht an die Bascombe-Trilogie heran. Dennoch ist der Roman weit davon entfernt, missraten zu sein. Dafür bringt jemand wie Richard Ford einfach zu viel an schriftstellerischem Handwerkszeug mit.

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Richard Ford: Kanada.
Berlin Hanser, August 2012.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,90 Euro.

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Ein Kommentar

  1. Burkhard Schirdewahn Says:

    Ich habe „Kanada“ anders gelesen. Ford nimmt sich die Zeit, die er braucht, um das komplexe Innenleben seines Protagonisten zu entwickeln – Lesezeit & erzählte Zeit harmonieren hier perfekt.

    Und was den ersten Satz & andere bemängelte „Vorankündigungen“ angeht: diese mit den Zeitebenen spielenden erzählerischen Tricks lassen immer wieder die Reflektiertheit dieses Erzählers deutlich werden. Das ist der Spannung nur abträglich, wenn man „Kanada“ als „Spannungs“-Roman mißversteht: dann ist die Enttäuschung unausweichlich & auch verständlich.-

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