Montag, 02.03.2009 | 22:14 Uhr

Autor: Andreas Schneider

Rezension: Stephan Alfare – Meilengewinner (Luftschacht Verlag Wien)

Stephan Alfare - Meilengewinner(Von Alexandra Röllke) Stephan Alfare wurde 1966 in Bregenz/Vorarlberg geboren und in den Jahren von 1987 bis 1990 reiste er nach Ex-Jugoslawien, Griechenland, Italien, Frankreich und in die Türkei. Von 1990 bis 1996 verdingte er sich als Sargträger in Wien, wo er heute noch als freier Schriftsteller lebt. Sein Roman „Meilengewinner“ aus dem Jahr 2008 ist ein ungewöhnlicher Reisebericht mit authentischen Zügen, denn wie Alfare selbst reist der Erzähler durch besagte Länder und arbeitet kurzfristig als Totengräber in Wien.

Reisen und Erzählen bilden auch die Grundlage von Alfares Roman, der mit allerlei seltsamen Figuren angereichert ist. „Diese…dieser Aufmarsch hässlicher, degenerierter, verkrüppelter…Figuren raubt einem…jeden Lebenswillen! …Vollgefressener Abfall! Der Mensch muss weg, denn er ist nichts… nichts anderes als ein… als der Krebs der Erde, glaub ich.“ So lautet das Urteil einer der Figuren im Roman, des Schriftstellers Beat Züngli, der nur einer der vielen merkwürdigen Gestalten in Alfares Erzählung ist. Ähnlich wie durch Züngli beschrieben wirken die meisten Figuren, die im Meilengewinner auftauchen. Schönheit ist relativ und Alfare entwickelt eine ganz eigene Ästhetik des „Hässlichen“. In seinem Reisebericht tauchen viele skurrile, mit schonungsloser Ehrlichkeit und doch liebevoll gezeichnete Figuren auf. Allen ist gemein, dass sie dem Alltag ihrer Heimat entflohen sind, um gänzlich in Freiheit und ohne Verpflichtungen zu leben. Dabei wird kräftig allen Lastern gefrönt, allem voran dem Alkohol, dessen auslöschende Wirkung den Alltag eines Tagelöhners erträglicher machen und die Widrigkeiten des Landstreicherlebens vergessen lassen soll. „Probleme waren dazu da, um sie beiseite zu schieben wie so manches“, stellt der Erzähler an einer Stelle fest.

Alfare erspart dem Leser kein menschliches Detail und dabei ist ihm nichts Menschliches fremd. Ob es sich um die Beschreibung der täglichen Alkoholexzesse, der Schilderung der mangelnden Körperhygiene oder der bildhaften Darstellung des durch übermäßigen Zigarettenkonsum und widriger Wetterumstände ausgelösten, katharrischen Hustens handelt, Alfare gelingt es, den Leser mit seiner schonungslosen und schnörkellosen Sprache direkt in das Geschehen einzubinden um ihn auf seine Reise durch Griechenland, Ex-Jugoslawien, Italien, Frankreich und die Türkei zu begleiten. Dabei entwirft er jeweils stimmige Bilder der Länder mit seinen Landschaften und Leuten, die er ihre jeweiligen kulturellen Eigenwilligkeiten zur Schau stellen lässt. Als Leser hat man das Vergnügen, einer einzigartigen literarischen Diaschau beizuwohnen, die nichts ausspart außer gängigen touristischen Sehenswürdigkeiten und Reisevergnügungen. Alfares Roman kreist um die Grundbedürfnisse des menschlichen Lebens- um die Essensaufnahme und den Rausch, das Arbeiten und den Schlaf, und schließlich um Sex, für den Erzähler die einzige Möglichkeit, menschliche Nähe zu erleben. Menschliche Beziehungen sind im Roman von Misstrauen geprägt, nicht selten belügen und bestehlen sich die Figuren gegenseitig getreu der Devise „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Reduziert zu purer und ursprünglicher Menschlichkeit erschien mir das Buch zu Anfang zu grobschlächtig, zu schonungslos und abstoßend. Dennoch wollte ich das Buch nicht aus der Hand legen, und somit stellte ich mir die Frage, was eigentlich schön ist in diesem Buch. Die Menschen konnten es nicht sein und schon gar nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch der übermäßige Alkohol-und Zigarettenkonsum war nicht sonderlich amüsant, sondern zuweilen eher Übelkeit erregend. Schließlich fiel mir auf, wie feinsinnig Alfare Nahrungsmittel und Nahrungsaufnahme beschreibt, im Kontrast zu der authentischen Derbheit seines sprachlichen Ausdrucks, welcher den Grundton des 317 Seiten langen Romans ausmacht. Das macht dann sogar richtig Appetit auf griechischen Fetakäse, Oliven, frisches Brot, getunkt in köstliche Soßen, französischen Brie und sonnengereiftes Obst, alles natürlich serviert mit Wein, Bier oder Schnaps.

Nach dem Lesen des Buches ist mir dieser Kontrast in Erinnerung geblieben-die Hässlichkeit der im Roman dargestellten Menschen wollte ich hingegen schnell verdrängen, denn: „Umso genauer du die Menschen beobachtest (…) desto öfter wirst du enttäuscht sein. So ist das nun mal. Du brauchst nur dich selber beobachten.“

Erstveröffentlichung in Das Wortreich am 26.02.09

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2 Kommentare

  1. Wien Reisen - Kultur und Erholung » Stephan Alfare - Meilengewinner Says:

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  2. Alina Franz Says:

    Rennradreise Passau- Wien ist der beste Weg, um Ihre wöchentliche Urlaub zu verbringen. In Wien, das Hotel Tirol ist wircklich nett.

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